DVD-Rezension: “The Iceman“

Iceman

In den 60er Jahren: Gerade als sich der schweigsame Richard Kuklinski (Michael Shannon) in die nette Deborah (Winona Ryder) verliebt und sie heiraten möchte, gerät er mit dem Mafiaboss Roy Demeo (Ray Liotta) aneinander. Dieser ist beeindruckt von Kuklinski Kaltblütigkeit und heuert ihn als seinen persönlichen Killer an. Während Kuklinki Zuhause mit Deborah und seinen beiden Töchter den liebenden Ehemann und Vater gibt, löst er für Demeo auf blutige Weise Probleme. Als Kuklinski eines Tages eine junge Zeugin mit dem Leben davon kommen lässt, kommt es zum Streit mit Demeo, der ihn daraufhin erst einmal kalt stellt. Um seiner Familie weiterhin das gewohnte Leben bieten zu können, muss Kuklinki neue Einnahmequellen finden. Er tut sich mit dem Auftragskiller Mr. Freezy (Chris Evans) zusammen und arbeitet nun auch für andere Mafia-Gangster, was bald zu massiven Problemen mit Demeo führt…

vlcsnap-00173vlcsnap-00169

„The Iceman“ beruht auf der wahren Geschichte des Mafia-Killers Richard Kuklinski, der nach eigenen Angaben zwischen 1958 und 1986 über 200 Menschen getötet hat. Was diesen Charakter so interessant macht, ist die Tatsache, dass er es die ganze Zeit über schaffte, seine mörderische Tätigkeit gegenüber seiner Familie geheim zu halten. Ein extremer, schizophrener Charakter. Wie geschaffen für den Ausnahme-Schauspieler Michael Shannon, der in sich in letzter Zeit als ein Meister in der Darstellung psychisch gestörter Figuren entwickelt hat, wie etwa in Werner Herzogs „My Son, My Son, What Have Ye Done“, Sam Mendes „Zeiten des Aufruhrs“ oder Jeff Nicholas „Take Shelter“. Und allein für Shannons vorzügliche Darstellung, lohnt es sich bereits, den Film anzusehen.

vlcsnap-00174vlcsnap-00177

Michael Shannon erweist sich mal wieder als extrem wandlungsfähig. Er wirkt sowohl als kaltblütiger Killer, als auch als treusorgender Ehemann, überzeugend. Szenen, in denen er in ein einem Schlachthaus seine Opfer entsorgt, stehen solchen gegenüber, in denen er daran verzweifelt, dass er durch seine Arbeit seine Familie in Gefahr bringt. Trotz dieser extremen Gegensätze bringt Shannon das Kunststück fertig, die Figur Kuklinski jederzeit glaubwürdig und aus einem Guss zu spielen. Ein Lob muss hier auch dem Maskenbildner ausgesprochen werden, der Shannon glaubwürdig altern und durch die Jahrzehnte wandern lässt.

vlcsnap-00183vlcsnap-00181

In Deutschland erscheint der Film nur direkt auf DVD und Blu-ray. Was verwundert, geben sich hier doch viele bekannte Namen die Klinke in die Hand. Dabei ergibt sich eine reizvolle Mischung aus ehemaligen Stars (Winona Ryder, Ray Liotta, Robert Davi, David Schwimmer, Stephen Dorff) und aufstrebender Jung-Stars (James Franco, Chris Evans). Allerdings muss man öfters genauer hinschauen, um die Schauspieler zu erkennen. David Schwimmer zum Beispiel, erinnert mit seiner Pferdeschwanz-Schnauzbart-Kombination und seinem in hässliche Trainingsanzüge gequetschten, seltsam aufgeschwemmten Körper ganz und gar nicht an den sympathischen Ross aus „Friends“. Und Chris Evans, der so saubere amerikanische Helden wie die Human Torch in „Fantastic Four“ und vor allem „Captain America“ in den Marvel-Verfilmungen gespielt hat, erweist sich hier als Meister der Verwandlung, der den tödlichen Mr. Freezy authentisch und unheimlich rüber bringt. Alle liefern sehenswerte schauspielerische Leistungen ab, verblassen jedoch trotzdem gegen Shannon, der den Film von der ersten Minute an zu seiner Geschichte macht und die Blicke des Publikums wie ein Magnet anzieht.

vlcsnap-00207vlcsnap-00205

Die Regie ist recht konventionell ausgefallen. Es fehlt das gewisse, eigenständige Markenzeichen. Jedoch muss man es Regisseur Ariel Vromen hoch anrechnen, dass er Kuklinskis Geschichte nicht mit spekulativen Schocksequenzen anreichert und ihn so auf das Niveau eines ordinären Exploitationfilms bringt. Vromen zeigt so viel, wie er muss und nicht mehr. Wenn Kuklinski und Mr. Freezy ihre Leichen im Kühlhaus lagern oder fachgerecht zerteilen, weiß man genau, was sie da tun, ohne dass die Kamera voll drauf hält. Hätte Vromen sich ganz auf die blutigen Einzelheiten der „Iceman“-Morde verlegt, wäre am Ende wohl nur ein x-beliebiger Serienkiller-Film dabei herausgekommen. Hier bezieht der Film seine Spannung gerade daraus, dass der erbarmungslose Killer Kuklinski in seinem anderen Leben ein ganz gewöhnlicher Mensch ist. Ein liebender Vater und beliebter Freund, der bei einem selber um die Ecke leben könnte. Der einen morgens freundlich grüßt und dann zur Arbeit fährt, um Leute umzubringen. Wie lange kann ein Mann das durchhalten, ohne, dass sich seine beiden Leben vermischen? Wann vernichtet das eine Leben das andere?

vlcsnap-00189vlcsnap-00190

Was den Hintergrund von Kuklinskis zwiespältiger Persönlichkeit angeht, so belässt es Ariel Vromen bei Andeutungen. Einmal besucht Kuklinski seinen wegen Vergewaltigung und Mord an einer Minderjährigen im Gefängnis sitzenden Bruder, was Anlass zu einem kurzen Rückblick auf die, von häuslicher Gewalt geprägte, Kindheit Kuklinskis bietet. Eine starke Szene in der Shannon und Stephen Dorff die Funken sprühen lassen. Wahrscheinlich ist hier der Grund für Kuklinskis starken Beschützerinstinkt gegenüber seiner Familie zu finden, ausformuliert wird dies aber nicht. Und in der beeindrucktesten Szene des Films, gewährt Kuklinski seinem von James Franco gespielten Opfer noch etwas Aufschub, als dieser spontan zu Beten beginnt. Er gäbe ihm noch etwas Zeit, damit Gott seine Bitten erhöht und ihn daran hindert, zu erschießen, lässt Kuklinski sein Opfer wissen. Dann sieht er Franco mit einer Mischung aus Abscheu und Belustigung, dabei zu, wie er um sein Leben betet. Diese großartig gespielte Szene drückt viel über das Selbstverständnis Kuklinskis aus. Da draußen gibt es kein Gott, der Dir hilft. Du bist ganz auf Dich alleine angewiesen. WEr dies nicht erkennt ist ein Narr.

vlcsnap-00185vlcsnap-00187

„The Iceman“ zeigt recht akkurat den Lebensweg des Mafia-Killers Richard Kuklinski, der neben seinem blutigen Handwerk auch ein liebender Ehemann und Vater war. Der mit vielen bekannten Namen besetzte Film ist vor allem eine erneute Sternstunde für Michael Shannons außergewöhnliche Schauspielkunst. Statt auf derbe Szenen und Action zu setzten, zieht Regisseur Ariel Vromen die Spannung ganz aus dem Konflikt Kuklinskis, durch sein Doppelleben seine geliebte Familie in Gefahr zu bringen.

vlcsnap-00199vlcsnap-00196

Das Bild der Splendid-DVD ist nicht ganz so gut, wie normalerweise von diesem Label gewohnt. Das Schwarz ist eher ein tiefes Grau und die Schärfe nicht immer optimal. Trotzdem ist es aber immer noch vergleichsweise sehr gut. Als Extras sind dreiminütige, unkommentierte Impressionen von den Dreharbeiten und ein acht Minuten langes “Behind the Scenes” mit an Bord. Letzteres enthält kurze Interviews mit den Darstellern, die vor allem Shannon loben.

Veröffentlicht unter DVD, Film, Filmtagebuch | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , | 2 Kommentare

Originalfassungen in Bremen: 03.10.13 – 09.10.13

Nach dem „Bloggen der Anderen“ sind auch die „Originalfassungen in Bremen“ zurück. Dabei lohnt sich das eigentlich gar nicht so richtig, denn so wenige O-Töne hatte ich, glaube ich, noch nie zu berichten. Immerhin ist mit „Gravity“ der neue Film von Alfonso Cuarón dabei, dessen „Children of Men“ ich sehr schätze.

Gravity (3D)– Cinemaxx, Do./Sa./Mo./Di. immer um 19:50 – Alfonso Cuarón SF-Film handelt von einer Weltraum-Mission, die fürchterlich schief geht und George Clooney und Sandra Bullock allein im All treiben lässt. Die Reviews, die ich bisher gelesen habe, sind durch die Bank weg begeistert. Anscheinend endlich wieder ein Film, der 3D wirklich zu nutzen weiß und unvergessliche Bilder schafft. Ich bin SEHR gespannt.

[youtube width=“630″ height=“299″]http://www.youtube.com/watch?v=OiTiKOy59o4[/youtube]

Liberace – Zu viel des Guten ist wundervoll – Cinemaxx, Sa. 17:30 und So. 20:15 & Schauburg, So. 21:45 und Mi. 19:30 – Steven Soderberghs (nach seinen Aussagen) letzter Film wurde ursprünglich für das amerikanische Fernsehen gedreht, weil die Studios kein Geld für eine Liberace-Biographie ausgeben wollten. Michael Douglas und Matt Damon sollen wohl ziemlich brillieren.

[youtube width=“630″ height=“344″]http://www.youtube.com/watch?v=fp3wAyRf15c[/youtube]

Metallica – Through the Never (3D) – CineStar Kristall-Palast, Do.-Mi. immer 20:45, Do./Fr./Sa./Di. auch um 23:20 – Mischung aus Dokumentation, Konzertfilm und Spielszenen mit… na wem wohl?

Sneak Preview – Cinemaxx, Mo., den 07.10. um 20:00

Sneak Preview – Schauburg, Mo., den 07.10. um 21:45

 

Das war’s in dieser Woche. Traurig, aber wahr.

Veröffentlicht unter Film, Veranstaltungen | Verschlagwortet mit , , , , , | 2 Kommentare

Nachruf: Giuliano Gemma (1938-2013)

vlcsnap-00021Heute im Laufe des Morgens verbreitete sich im Internet wie ein Lauffeuer die Nachricht vom Tode Giuliano Gemmas. Wohl jeder, der die Nachricht lass, war geschockt darüber. Versprühte Gemma doch zeitlebens eine solch intensive Energie und Lebensfreude, dass man das Gefühl hatte, dieser Mann würde ewig leben. Da erscheint es fast passend, dass ihn ein tragischer Autounfall mit 75 Jahren aus dem Leben riss und nicht das Alter. Als Greis hätte man sich den noch immer vor Kraft strotzenden Mann gar nicht vorstellen können.

gemma3Giuliano Gemma wurde am 2. September 1938 in Rom geboren. Schon früh war er als Sportler aktiv und gelangte dann auch zunächst als Stuntman ins Filmgeschäft. Was man insbesondere seinen Western ansah, denn hier übernahm er die zum Teil beeindruckenden Stunts kurzerhand selber. Es folgten dann zunächst Statisten – und später dann auch Nebenrollen in Historienfilmen. Duccio Tessari, der auch später entscheidenen Einfluss auf Gemmas Karriere haben sollte, gab ihm die seine erste große Rolle in „Kadmos, Tyrann von Theben„. Auch danach sollte der gut gebaute Gemma, neben einem Kurzauftritt in Viscontis „Der Leopard„, in einigen „Sandalenfilmen“ auftreten. Nachdem er in zwei „Angelique„-Filmen als Nicolas zu sehen war, hob seine Filmkarriere im Jahre 1965 so richtig ab. Duccio Tessari besetzte ihn als Ringo in dem Italo-Western-Klassiker „Eine Pistole für Ringo„, der prompt ein Welterfolg wurde. Hier versteckte sich Gemma noch hinter dem „amerikanischen“ Pseudonym Montgomery Wood. Doch schon bald sollte er dieses „Täuschungsmanöver“ nicht mehr nötig haben.

vlcsnap-00002Der Italo-Western wurde Giuliano Gemmas Heimat. Es folgt die Quasi-Fortsetzung seines ersten Erfolges „Ringo kommt zurück“ und er für Tonino Valeriis in „Der Tod ritt dienstags“ neben Lee van Cleef und in „Blutiges Blei„. „Adios Gringo„, „Arizona Colt“ oder „Der lange Tag der Rache“ sind weitere beliebte Western in denen er die Hauptrolle spielte. Mit seiner jugendlichen Lausbuben-Ausstrahlung war er auch prädestiniert für die Anfang der 70er immer populärer werdenden Spaß-Western und war Partner von Mario Adorf in „Amigos – Die (B)Engel lassen grüßen“ und von George Eastman in „Ben und Charlie„. 1973 gab er gar den Terence-Hill-Ersatz neben Bud Spencer in der Gauner-Komödien „Auch die Engel essen Bohnen“ und dessen Fortsetzung „Charleston – Auch die Engel mögen’s heiß“ von Enzo Barboni. Gemma begleitete den Italo-Western bis zu dessem Ende. so spielte er in zwei der letzten großen Italo-Western die Hauptrolle: In Lucio Fulcis „Silbersattel“ und dem wunderbar-melancholischen „Der Mann aus Virginia“ von Michele Lupo, der auch gleichzeitig eine der bestens schauspielerischen Leistungen Gemmas zeigte.

gemma1Neben seinen vielen Western, war Gemma aber auch in anderen Genres Zuhause. Er spielte Erik, den Wikinger und Robin Hood. War Bruder von Klaus Kinski und Sohn von Rita Hayworth in „Der Bastard“ (wieder von Tessari). Er war bei „Als die Frauen noch Schwänze hatten„, ebenso wie in Mafiafilmen wie „Der eiserne Präfekt“ oder Polit-Thrillern wie „Ein Mann auf den Knien“ von Damiano Damiani dabei. Auch Kriegsfilme wie Umberto Lenzis „Die große Offensive“ waren ihm nicht fremd. Vielen dürfte er auch aus Dario Argentos Giallo-Klassiker „Tenebre“ ein Begriff sein. Mitte der 80er wurde es ruhiger um Giuliano Gemma und ab den 90ern war er vor allem in TV-Produktionen zu sehen. Seine letzte Rolle war dann allerdings wieder großes Kino. Er spielte den Hotel Manager in Woody Allens „To Rome with Love„.

Ansonsten widmete sich Gemma mit ganzem Herzen der Bildhauerei und brachte es hierbei zu einigem Ansehen. Oder er wurde für diverses DVD-Bonusmaterial interviewt. Hier beeindruckte er nicht nur durch Charisma und Esprit, sondern auch mit seinem auch im fortgeschrittenen Alter noch immer blendenden Aussehen.

Gestern stieß sein Wagen bei Cerveteri, einem Küstenort nordwestlich von Rom, frontal mit einem anderen Wagen zusammen. Giuliano Gemmas starb auf dem Weg ins Krankenhaus. Er hinterlässt eine Frau und zwei Kinder, sowie Millionen Fans.

vlcsnap-00058

Meine Reviews zu Giuliano Gemma Filmen:

Eine Pistole für Ringo
Ringo kommt zurück
Amigos
Der Mann aus Virginia

 

Weitere Nachrufe:

L’Amore in cittá
Der Kinogänger
Spiegel Online

Veröffentlicht unter Allgemein | Verschlagwortet mit , | Ein Kommentar

Das Bloggen der Anderen (30-09-13)

bartonfink_type2– Ursprünglich hatte ich „UMMAH – Unter Freunden“ als Multi-Kulti-Komödie abgespeichert, bei der nur der von mir sehr geschätzte Frederick Lau ein ansehen lohnen würde. Weit gefehlt, wie Jamal Tuschick auf Hard Sensations schreibt. Der ohne Förderung von Cüneyt Kaya in Szene gesetzte Film wird hier wärmstens empfohlen.  Silvia Szymanski widmet sich einem der ungewöhnlichsten Phänomen im deutschen Amateurfilm, dem mittlerweile 86-jährigen Aachener Animationsfilmer Bruno Sukrow, der seine Spielfilme im Second Life herstellt. Silvia schreibt: „Gerade aber die Verfremdungen verstärken den Eindruck einer eigenen Welt, mit einer anderen ästhetischen Grammatik und unorthodoxen Naturgesetzen, deren sanfte Abgedrehtheit bezaubert und hypnotisiert.“ Spannend. Alex Klotz wiederum bringt in seiner „Frankenstein’s Army“ Besprechung das, was ich in meiner mit vielen Worten beschrieb, mit ein paar Sätzen auf den Punkt.

– Auch Schlombie schreibt auf Schlombies Filmbesprechungen über „Frankenstein’s Army“. Den findet er zwar auch mittelmäßig, aber lange nicht so ärgerlich, wie Alex und ich.

– Auf unserem letztjährigen Phantastival war Hitoshi Matsumotos „Symbol“ ein heimlicher Hit. Darum bin ich schon sehr gespannt auf Matsumotos Nachfolgefilm „Saya-zamurai“. Robin Schröder von Mise en Cinéma hat ihn gesehen und ist sehr angetan.

– Dank der einer Box mit seinen überragenden Western von Koch Media, erlebte Sergio Sollima vor einigen Jahren eine wahre Wiederentdeckung. Dass Sollima nicht nur großartige Western, sondern auch tolle Gangsterfilme gemacht hat, beweist Udo Rotenberg auf L’Amore in cittá, wo er den Film „Brutale Stadt“ mit Charles Bronson vorstellt.

– Auf seinem anderen Blog Grün ist die Heide, nimmt er sich dann „Fährmann Maria“ mit der unvergessenen und tragischen Sybille Schmitz vor. Der steht auch schon lange auf meiner „Will-sehen“-Liste.

– Noch mehr deutsche Filme. Sano Cestnik bricht in seiner Reihe „100 Deutsche Lieblingsfilme“ auf Eskalierende Träume eine Lanze für Franz Marischkas „Laß jucken, Kumpel 5“. Das macht Spaß zu Lesen.

– Bleiben wir beim Thema. Ich werde nun NICHT wieder sehnsüchtig vom Hofbauer-Kongress in Nürnberg schreiben. Jener geschlossenen Veranstaltung, der ich auch gerne einmal beiwohnen würde. Dafür verlinke ich hier Oliver Nödings detaillierte Besprechungen der dort gezeigten Filme auf Remember it for later.

– Einer meiner Lieblingsregisseure macht eine Doku über einen meiner Lieblings-Komponisten: Peter Greenways „Four American Composers: Philip Glass“. Des weiteren: Erst kürzlich bin ich auf das SEHR wilde Kino des Alberto Cavallone aufmerksam gemacht worden. Erst durch „Salvatore Baccaro“ im Deliria-Italiano-Forum, dann durch einen Splatting-Image-Artikel des geschätzten Herrn Keßler. Auf Stubenhockerei kann man jetzt einiges über sein „Blue Movie“ lesen, was einen entweder sehr neugierig auf den Film macht… oder das Gegenteil.

– Gar nicht neugierig wird man auf den jetzt schon „legendären“ „Sharknado“, den Ronny Dombrowski für cinetastic erleiden musste. Don’t believe the hype.

– Der Außenseiter beginnt auf Final Frontier Film mit einer Reise durch letzte Jahrhundert und beginnt folgerichtig im Jahre 1901 bei Edwin S. Porter.

– gabelingeber hat auf Hauptsache Stummfilm die Warner Archive Collection für sich entdeckt, bei der DVDs „on demand“ auf DVD-R vertrieben werden. Die DVDs der Collection sind alle R0, d.h. auf allen Playern weltweit spielbar. Seine erste Entdeckung ist Mervyn LeRoys Anti-Nazi-Film „Escape“ von 1940.

– Nicht nur für Fans der Disney-Version, sondern auch für die des großartigen Cocteau-Films interessant: Die Quellen der Disneyfilme: „Die Schöne und das Biest“ auf Sir Donnerbolds Bagatellen.

– Seitdem ich neulich „Das Grab des Dr. Caligari“ bei dem tollen „Monster machen mobil“-Wochenende in Hamburg sah, ist mein Interesse an mexikanischen Horrorfilmen der 50er und 60er wieder stark angewachsen. Da trifft es sich gut, dass man auf Whoknowspresents von david eine ganze Menge über den Film „El Vampiro“ von 1958 erfährt. Der liegt bei mir noch ungesehen daheim. Aber das mit dem „ungesehen“ wird sich jetzt hoffentlich bald erledigt haben.

– Ungeduldig erwarte ich die deutsche Heimkino-Premiere von Rob Zombies neustem Film „Lords of Salem“. Michael Fleigs Kritik auf critic.de macht das Warten nicht einfacher. Vielleicht greife ich nun vorab doch zu mittlerweile sehr günstig zu habenden UK-Variante.

– Sascha regt sich auf PewPewPew über Star-Wars-Fans auf, die den Machern der neuen Trilogie per Video gute Ratschläge erteilen wollen.

– Gute Idee: Alex geift unter dem Stichwort „Nachhaltigkeit“ noch einmal einige Themen auf, die er kürzlich auf seinem Blog real virtuality behandelt hat und schaut nach, was in der Zwischenzeit passiert ist.

– Und zu guter Letzt: Rainer Knepperges. „Karten, Pläne (Väter, Söhne)“. Anschauen, durchlesen, genießen. Auf new filmkritik.

Veröffentlicht unter Allgemein, Internet | Verschlagwortet mit , , | Ein Kommentar

DVD-Rezension: “Frankenstein’s Army“

ChineseZumMitnehmen_DVDIm 2. Weltkrieg. Der sowjetische Kameramann Dimitri hat von oberster Stelle den Auftrag bekommen, eine kleine Einheit der Roten Armee zu begleiten und ihre Erlebnisse auf Film festzuhalten. Bald schon fängt die Truppe einen Notruf auf und macht sich auf den Weg, ihren Kameraden beizustehen. Doch der Notruf entpuppt sich als Falle und bald schon stehen die Männer den bizarren Kreaturen des wahnsinnigen Viktor Frankenstein gegenüber…

vlcsnap-00209vlcsnap-00217

Als wir am Anfang unserer Planung für das Bremer „Phantastival 2013“ standen, wollten wir unbedingt den niederländischen Horrorstreifen „Frankenstein’s Army“ im Programm haben. Bis dahin hatten wie nur vage etwas von dem Film gehört, aber was da zu uns durchgedrungen war klang sehr vielversprechend. Regisseur Richard Raaphorst hatte 2008 bereits den Promo-Trailer zu einem Film namens „Worst Case Scenario“ ins Netz gestellt und damit für etwas Aufsehen gesorgt, ging es doch um Nazi-Zombies. Allerdings kam die Finanzierung nicht zustande und nun kehrte Raaphorst (vermutlich auch unter dem Eindruck des zwischenzeitlich Furore machenden „Iron Sky“) fünf Jahre später wieder zu dem Thema zurück. Hier baut nun Frankensteins Enkel im Auftrag der Nazis Supermonster. Dann mussten wir erst allerdings zunächst feststellen, dass auch das Fantasy Filmfest „Frankenstein’s Army“ zeigen würde, und schließlich lasen wir, dass der Film lange vor dem im Dezember stattfindenden „Phantastival“ bereits auf DVD veröffentlicht sein würde. Damals haben wir uns darüber etwas geärgert.

vlcsnap-00221vlcsnap-00220

Heute, nachdem ich „Frankenstein’s Army“ gesehen habe, ist dieser Ärger verflogen und ich kann im Gegenteil aufatmen, dass wir Raaphorsts Film nicht zeigen werden. Der Hype im Vorfeld und die markigen Sprüche auf dem Cover, können nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Film leider ziemlich in die Grütze gefahren wurde. Dies beginnt bereits mit der unseligen Entscheidung der Macher, das Ganze in die „Found-Footage“-Ecke zu schieben, was überhaupt nicht funktioniert. Laut Drehbuch handelt es sich beim Filmmaterial um „Originalaufnahmen“ eines sowjetischen Kriegsberichterstatters. Um das Material „alt“ aussehen zu lassen, wurden dem Film erst einmal Farbe und Schärfe entzogen und das Ganze mit einem leicht blau-grünlichen Anstrich versehen. Leider sieht das nicht im Geringsten authentisch aus. Auch die angeblich benutzte Kamera müsste ein wahres Wunderding gewesen sein, wird sie doch wie eine moderne Videokamera eingesetzt und sorgt mit viel Gewackel für gereizte Nerven.

vlcsnap-00225vlcsnap-00237

Auch die Darsteller sehen zu keiner Sekunde so aus, als wären sie sowjetische Soldaten. Eher wie ein Haufen Nerds, die sich am Wochenende die selbst genähten Uniformen überziehen, und damit über die Heide stapfen. Hinzukommen mit vorgetäuschtem russischem Akzent auf Englisch vorgetragenen Dialoge, die an Plattheit nur noch von dem gnadenlosen Overacting einiger Charakter überboten wird. So schaut man dann auch eher gelangweilt zu, wie dieser traurige Haufen eine Farm überfällt, sich betrinkt und gegenseitig anpöbelt. Ab und an werden merkwürdige Entdeckungen gemacht, die aber auch nicht besonders spektakulär sind, zieht man die wahren Gräuel in Betracht, die Nazi-Deutschland damals über die Welt brachte.

vlcsnap-00238vlcsnap-00244

Irgendwann erreicht der Trupp dann eine mysteriöse Kirche, in der sie eine angekettete, groteske Gestalt finden. Hier nun kann „Frankenstein’s Army“ seine einzige Stärke voll ausspielen. Das Design der bizarren Monster ist nicht nur ausgezeichnet gelungen, sondern auch ausgesprochen einfallsreich. Auch hat gegen Ende die „Found-Footage“-Ästhetik durchaus einen kleinen Mehrwert, denn man fühlt sich leibhaftig in einen PC-Ego-Shooter geworfen, und wenn plötzlich hinter jeder Tür und in jedem Gang die groteske Monster auftauchen, entsteht kurzzeitig tatsächlich so etwas wie Spannung. Vielleicht aber nur deshalb, weil man sich spontan an besonders schwierige Passagen aus „Doom“ erinnert fühlt. Leider hält dies nicht lange an und am Ende wird alles wieder einer schwachen Schluss-Pointe geopfert.

vlcsnap-00245vlcsnap-00243

„Frankenstein’s Army“ macht trotz der reizvollen Prämisse alles falsch. Die Idee, den Film als „Found-Footage“-Vehikel in Szene zu setzten, erweist sich schon nach wenigen Minuten als völlig missglückter Einfall, der gegen den Film arbeitet. Besonders in der drögen ersten Hälfte, erinnert der Film an ähnlich gelagerte Werke aus dem Amateur und semiprofessionellen Bereich. Das Monsterdesign ist allerdings sehr originell und hervorragend umgesetzt. Aber dies kann den Film leider nicht mehr retten.

vlcsnap-00250vlcsnap-00252

Wie immer bei „Found-Footage“-Geschichten, kann man zur Bildqualität dieser DVD nicht viel sagen, da diese extra „schlecht“ gemacht wurde, um Authentizität zu suggerieren. Als Extras ist ein 30-Minütiges „Making Of“ enthalten, welches recht interessant ist und zeigt, wie angestrebter Anspruch und finale Wirklichkeit auseinander klaffen. Man erhält auch noch einmal gute Einblicke in die schönen Monster-Designs, die im Film nur kurz oder verwackelt zu sehen sind.

Veröffentlicht unter DVD, Film, Filmtagebuch | Verschlagwortet mit , , , , , , | Schreib einen Kommentar

Zur Abwechslung etwas Avantgarde: „Gilz“

Vor einigen Tagen erreichte mich eine Nachricht von Joris J, dem Kopf hinter dem Noise-Projekt Genus Inkasso. Er machte mich auf den Avantgarde -Kurzfilm „Gilz“ aufmerksam, den er zusammen mit Gavin Gamboa kreiert hat. Gavin Gamboa ist ein Labelbetreiber, Pianist, Video-Artist und Filmemacher, der sich zurzeit er sich zudem stark im Video-Autoren-Kollektiv Teaching Machine engagiert, wo man noch mehr ähnliche Videos findet.

Ich mochte den 19:30-Minuten langen Film, der bei mir einen beinah hypnotischen Sog entwickelte.

Daher möchte ich ihn hier gerne einmal vorstellen, habe aber gleichzeitig Joris J gebeten, noch etwas zu dem Projekt zu sagen. Hier seine Antwort:

Der Gedanke bzw. rote Faden, der hinter dem Video steckt ist, dass die auf dem Wert beruhende Produktionsweise sich selbst (z)ersetzt. Die Bilder und Sequenzen wurden von Gavin Gamboa erstellt. Er ist hauptsächlich dafür verantwortlich, dass das Video in seiner jetzigen Art und Weise steht. Am Anfang ging es nur darum einfach Projektionen zu der Musik von Genus Inkasso (mein Projekt) und Lobster Zorn zu finden. Schnell merkten wir aber alle, dass das Potential für einen Film vorhanden ist. Assoziative Bilderreigen sind nichts neues, aber diese Überakkumulation von Ideen und diese Verdichtung auf unter 20 Minuten ist mit aller Bescheidenheit wohl selten. 🙂 Thematisch wird angerissen: die zunehmende urbane Stereotypie, Somnambulie, die Liebe zum Medium Film im Allgemeinen.

[youtube width=“630″ height=“344″]http://www.youtube.com/watch?v=fUekOF1Nmks[/youtube]

Veröffentlicht unter Allgemein | Verschlagwortet mit , , , , | Schreib einen Kommentar

Bericht vom 20. Internationalen Filmfest Oldenburg – Teil 2

Der zweite Tag begann mit einer kleinen Enttäuschung. Die hatte aber nichts mit dem Filmfest zu tun, sondern damit, dass ich beim tollen DVD-Laden B-Movie mal wieder vor verschlossenen Türen stand. Die Öffnungszeiten sind irgendwie Filmfest inkompatibel. Schade, aber ein Grund mehr, Oldenburg demnächst mal wieder einen Besuch abzustatten.

Los ging es dann mit einer Wiederholung des Eröffnungsfilmes, der ja im Vorfeld von den Veranstaltern über den grünen Klee gelobt wurde. Klappern gehört ja bekanntlich zum Handwerk, aber bei Vergleichen mit den großen Meistern wie Hitchcock hätte ich schon stutzig werden sollen. Erwartungsgemäß wurde es hier sehr voll und die Exerzierhalle war bis auf den letzten Platz ausverkauft. Von den Gästen, die ihren Film noch bei der Eröffnung vorgestellt hatten, war keiner mehr da. Das war schade, aber die sehr gute Einführung machte diesen Umstand schnell vergessen. Gehalten wurde diese nur scheinbar von einem Mitarbeiter des Filmfests, der sich auch nicht vorstellte, mir aber sehr bekannt vorkam. Beim genauen Hinhören, konnte man aber feststellen, dass es sich hier um den Filmemacher RP Kahl („Bedways“) handelte. Da er die verstorbene Hauptdarstellerin des Filmes Maria Kwiatkowsky gut kannte, war die Einführung natürlich dementsprechend emotional.

Vorab gab es noch die letzte vollständige Arbeit bei der Maria Kwiatkowsky mitgewirkt hatte. Einen Kurzfilm mit dem Titel „Preis“, in dem sie eine Obdachlose spielt. Und dies so lebensecht, dass man fast denken könnte, man schaue eine Dokumentation. Toll gespielt, inhaltlich etwas viel Zeigefinger, aber lebensnah und mit einer deutlichen Aussage.

Die Erfindung der Liebe – Leider war der Film dann doch auf dem von mir im Vorfeld befürchteten TV-Niveau. Aber immerhin bot er einer ganzen Reihe arrivierter Schauspieler, wie der ätherischen Sunnyi Melles, der wie immer überzeugenden Irm Hermann und einem sichtbar gut aufgelegtem Mario Adorf viel Platz. Und es gab durchaus auch Entdeckungen, wie Bastian Trost und insbesondere Marie Rosa Tietjen, die ihre eigentlich blasse und undankbare Rolle mit soviel Leben und kleinen, ehrlichen Gesten füllte, dass man hier von einer heimlichen Hauptdarstellerin sprechen kann. Vor allem funktioniert der Film aber als Erinnerung an die plötzlich während der Dreharbeiten, viel zu jung verstorbene Maria Kwiatkowsky und daran, was ist dem Kino (und Theater, da war sie ja auch Zuhause) mit ihrem überraschenden Tod verloren gegangen ist. Welche Energie.

Als sie während der Dreharbeiten zu „Die Erfindung der Liebe“ verstarb, blieb der Film zunächst unfertig in der Schublade liegen. Doch Regisseurin Lola Randl holte die bereits gefilmten Fragmente in einer Art Trauerbewältigungsprozess wieder hervorgeholt und baute einen Film-im-Film darum herum. Dieser handelt nun davon, dass bei den Dreharbeiten zu einem Film die Hauptdarstellerin verstirbt. Doch oftmals werden die Fragmente zu bemüht in die neue Handlung gequetscht, was dann zu inhaltlichen Fehlern führt und die Szenen mit Maria Kwiatkowsky zu Fremdkörpern in werden lässt. Trotz der oben angesprochen darstellerischen Leistungen wirkt das manchmal etwas schlampig zusammengefügt, und die Idee plötzlich den Drehbuchautoren zur allmächtigen Figur zu etablieren, die sich nach belieben in und aus den Film schreibt, ist auch recht holprig ausgeführt. Man hätte aus diesem Film sicherlich weitaus mehr machen können. Wenn man sehen möchte, wie es besser geht, sollte man sich lieber Andrzej Wajdas kleines Meisterwerk „Alles zu verkaufen“ zum gleichen Thema anschauen.

Autumn Blood – Eine Familie (Vater, Mutter, Tochter, Sohn) wohnt abgelegen auf einer Alm in Tirol. Erst wird der Vater erschossen, Jahre später stirbt die Mutter und die Tochter wird von den jungen Männern des Dorfes mehrfach vergewaltigt. Als eine Sozialarbeiterin im Dorf erscheint, um nach den Kindern zu schauen, beschließen die Vergewaltiger ihre Spuren auf radikale Art und Weise auszulöschen. Ein österreichischer Film, der in Tirol spielt, aber auf Englisch mit internationalen Schauspielern gedreht wurde. Dass die Tiroler Dorfbewohner nun plötzlich alle Englisch sprechen, stört zunächst dann doch etwas. Da im Film aber maximal 20 Sätze fallen, lenkt es aber auch nicht allzu sehr ab. Die Entscheidung den Film fast ausschließlich über Bilder zu erzählen, ist durchaus mutig für einen Debütfilm. Allerdings muss man anmerken, dass die Geschichte jetzt nicht so kompliziert ist, dass es hier viele Worte braucht.

Im Programmheft einerseits als „Mischung aus Sergio Leone und Michael Haneke“ (!!!), andererseits als Sozialdrama angekündigt, ist er natürlich nichts von alledem. Eher ein gut gefilmter Rape&Revenge-Streifen, mit nur ganz wenige Revenge, dafür einer spannenden Flucht vor den bösen Buben. Da diese durch eine überwältigen schöne Landschaft führt und die Schauspieler eine überzeugende Leistung zeigen, verzeiht man gerne einige handwerkliche Fehler (so ist z.B. die Mutter ist viel zu jung besetzt und die Tochter eigentlich schon viel zu alt, wenn man dem Prolog als Grundlage nimmt). Insbesondere Gustaf Skarsgård überzeugt als fiesen Charakter, aber auch die junge Sophie Lowe und Maximilian Harnisch als ihr kleiner Bruder, machen ihre Sache mehr als ordentlich. Außerdem gibt es ein Wiedersehen mit Peter Stormare in Räuber-Hotzenplotz-Verkleidung.

In der nachfolgenden Q&A wurde Regie-Debütant Markus Blunder nach einer etwas unnötig erscheinenden Nacktszene mit seiner schönen, jungen Hauptdarstellerin gefragt. Seine niedliche Antwort war, dass es symbolisieren sollte, dass das Mädchen und die Natur eine Einheit sind. Nun ja, das kann man mal so sagen. Man kann aber auch behaupten, dass hier ein willkommenes Exploitation-Motiv mit in den Film genommen wurde. Denn so anspruchsvoll, wie der Film sich gerne geben würde, ist er natürlich nicht. Aber als spannendes Genre-Kino funktioniert er tadellos.

Regisseur Markus Blunder und Schauspieler Gustaf Skarsgård

Regisseur Markus Blunder und Schauspieler Gustaf Skarsgård

Markus Blunder

Markus Blunder

Gustaf Skarsgård

Nach dem Film musste man ran halten, um es pünktlich ins Staatstheater zu schaffen, wo in diesem Jahr erstmals eine Spielstätte eingerichtet worden war. Das Ergebnis erinnert etwas an die Exerzierhalle, nur sehr viel kleiner. Dass der Saal eigentlich für kleine Theaterarbeiten vorgesehen ist, kann nicht unbedingt verheimlicht werden. Auch scheint die Leinwand etwas zu klein für die Größe des Raumes. Immerhin ist es dort aber stimmungsvoller und bequemer als in der Alten Fleiwa.

The Act of Killing – Eine 2,5-stündige Doku, die einen nicht ungeschoren davon kommen lässt. Es geht darin um Angehörige eines Todesschwadron, das Mitte der 60er in Indonesien tausende „Kommunisten“ (um „Kommunist“ zu gelten, reichte es schon chinesischer Staatsangehöriger zu sein, oder dass jemanden die Nase nicht gepasst hat) auf bestialische Art und Weise gefoltert und getötet hat. Der Film handelt vor allem von einem Projekt, in welchem Veteranen der Todeskommandos ihre damaligen Taten heute noch einmal für einen Film nachspielen. Und zwar so, wie die Veteranen es möchten. Dabei entstehen fast schon surreale Szenen, wenn sich die Männer als Cowboys, Film Noir Gangster oder als Dämonen inszenieren. Dabei wird allerdings nicht klar, wer dieses Projekt initiiert hat. War es der Regisseur des Films Joshua Oppenheimer oder – wie es der Film suggeriert – die Veteranen selber, die ihre Taten glorifiziert sehen möchten. Dies tut für die Aussage des Films aber auch nichts zur Sache.

Wer an das Gute in der Welt glaubt, geht vielleicht davon aus, dass die alten Männer heute unter ihren Taten leiden oder im Laufe ihres Lebens in irgendeiner Form ihre gerechte Strafe erhalten haben. Doch weit gefehlt. Die Männer leben heute in Saus und Braus, werden als Helden gefeiert und protzen mit ihren Untaten. Einer sagt z.B. dass das, was Kriegsverbrechen sind, immer von den Gewinnern definiert wird. Er sei ein Gewinner und könne deshalb für sich definieren, dass er keine Verbrechen begangen hätte. Und so sieht man ihn glücklich und zufrieden mit seiner Familie durch eine luxuriöses Einkaufscenter schlendern. Überraschenderweise – oder sollte man eher sagen erschreckenderweise? – sind die alten Leute gar nicht so unsympathisch. Und das ist es, was einen erst zu richtig Angst macht. Sie erzählen von ihren grausamen Hinrichtungen so, wie andere in Erinnerungen von tollen Partynächten schwelgen. Tatsächlich scheinen sie ihre unmenschlichen Verbrechen auch als so etwas ganz ähnliches zu begreifen. Sie haben Spaß und Lachen gemeinsam, wenn sie sich erzählen, wie sie jemanden gefoltert und massakriert haben. Dem Zuschauer aber bleibt bei ihren Schilderungen mehr als einmal ein dicker Kloß im Hals stecken. Einmal setzten sich die Männer auf einen Tisch und scherzen und singen gemeinsam. Das hätten sie früher auch so gemacht und dabei das Tischbein einem Delinquenten auf den Kehlkopf gestellt.

Einmal wird ein Massaker an einem Dorf nachgespielt und einer der Rädelsführer prahlt damit, wie toll es war, damals die Frauen zu vergewaltigen und welch ein Glück man doch hatte, wenn eine 14jährige darunter gewesen ist. Es sind Szenen wie diese, die einem den Magen umdrehen. Nun kann man dem Film sicherlich vorwerfen, dass einige Szenen gestellt aussehen (insbesondere die letzte Szene, in der einer der Männer ein zweites Mal an den Ort seiner Morde zurückkehrt und sich bei der Erinnerung an seine Taten vor der Kamera übergibt) und er natürlich seine Geschichte nicht in einen größeren geschichtlichen Kontext stellt. Über die Hintergründe der damaligen Situation erfährt man nur wenig, ebenso darüber, ob die Schilderungen der Männer zur Gänze der Wahrheit entsprechen.

Doch darum geht es auch nicht. Es geht um die absolute Banalität des Bösen. Diese Männer sind eben keine Monster. Es steht ihnen nicht ins Gesicht geschrieben, dass sie eiskalt die grausamsten Tötungen vorgenommen haben. Im Gegenteil. Und im heutigen Indonesien gehören sie sogar zu den geachteten Gesellschaftsmitgliedern und werden für ihre Taten gelobt. Das zeigt auch, wie es vielleicht in Deutschland ausgesehen hätte, wenn Nazi-Deutschland den Krieg gewonnen hätte. Wer eine Bestie ist und wer ein Held, dass ist immer ein Sache derjenigen Definitionssache derjenigen, die am Ende noch da sind, um die Geschichte schreiben. Daher sollte, nein muss man, die Geschichte der Sieger immer auch hinterfragen. Aber der Film hat noch so viele andere interessante und erschütternde Aspekte, die ich jetzt hier gar nicht alle aufführen will. Ich möchte nur jeden einladen, sich diesen Film ebenfalls anzusehen, denn es ist ein wichtiger Film. Purer Horror, der wirklich Angst macht vor der Bestie Mensch, und der mir noch lange im Kopf herum spuken wird. Kein Wunder also, dass Werner Herzog und Errol Morris, nachdem sie ihn gesehen hatten, ihre guten Namen als Executive Producers zur Verfügung stellten, um ihm eine größere Öffentlichkeit zu verschaffen.

„The Act of Killing“ wurde u.a. von arte und ZDF co-finanziert, daher wird der dort wohl irgendwann einmal ausgestrahlt werden. Es gibt allerdings auch eine auf knapp zwei Stunden gekürzte Fassung – und wie ich die Öffentlich-Rechtlichen kenne, werden die dann wohl diese zeigen. Was schade ist, denn von den 156 Minuten fand ich jede einzelne wichtig.

Meine Begleitung und ich sind ziemlich benommen aus dem Film gewankt und haben noch lange drüber gesprochen. Auch dem Rest des Publikums ging es danach nicht wirklich gut. Für mich ein würdiger Abschluss unter zwei Tage Internationales Filmfest in Oldenburg. Ich freue mich schon jetzt auf die 21. Auflage und hoffe, dass die Stadt Oldenburg endlich mal erkennt, welch großartiges Pfund sie mit dem Filmfest hat, und dann 2014 wieder etwas mehr Geld zur Verfügung steht. Aber so oder so ist es wieder einen großen Beifall wert, was die Verantwortlichen auch dieses Jahr, trotz der widrigen Umstände, auf die Beine gestellt haben.

Veröffentlicht unter Allgemein, Film, Filmtagebuch, Veranstaltungen | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , | Ein Kommentar

Bericht vom 20. Internationalen Filmfest Oldenburg – Teil 1

Wider Erwarten habe ich es auch dieses Jahr geschafft, dem Internationalen Filmfest in Oldenburg zumindest an zwei Tagen einen Besuch abzustatten. Zwar ohne Übernachtung im Hotel Sprenz (was mir ein liebgewordenes Ritual geworden war), aber dank meines freundlichen Fahrers, war ich immerhin auch nicht auf den letzten Zug nach Bremen angewiesen. Wobei sich da scheinbar etwas getan hat, denn die Nordwestbahn fährt im Gegensatz zur Deutschen Bahn noch nach 22:35 und man hat um 0:06 noch die Chance nach Hause zu kommen.

Nach den lautstarken Querelen im letzten Jahr, bei denen das Filmfest auf der Kippe stand und auch eine Verlegung nach Bremen kolportiert wurde, war es diesmal im Vorfeld sehr, sehr ruhig. Kein Streit, keine Protestaktionen, nichts. Was einerseits sehr gut ist, denn Streit ist immer schlecht und lässt am Ende nur Verlierer zurück. Andererseits merkte man dieses Jahr auch sehr deutlich, das das Filmfest starke finanzielle Einschnitte hinnehmen musste. So fiel einerseits auf, dass es nicht so viele Filme wie in den Vorjahren gab und diese dann häufig auch an zwei Terminen liefen. Was mir sehr entgegen kommt, denn so konnte ich – im Gegensatz zu den Vorjahren – fast mein gesamtes Wunschprogramm durchziehen. Auch wenn ich den Gewinnerfilm „Our Heroes Died Tonight“ zwar von Anfang an auf dem Zettel hatte, aber es aus zeitlichen Gründen nicht geschafft habe, mir eine der beiden Vorstellungen anzusehen. Somit hat die Serie dann auch gehalten. Noch nie habe ich in Oldenburg einen der Filme gesehen, die am Ende einen Preis mit nach Hause genommen haben.

Des Weiteren musste in diesem Jahr auf die drei Kinosäle verzichtet werden, die bisher das Cinemaxx zur Verfügung stellte. Was schon einen großen Einschnitt darstellt, da somit nur zwei „echte“ Kinos (das Casablanca und das winzige Cine K) zur Verfügung standen. Ausgeglichen wurde dies, indem die Exerzierhalle (die letztes Jahr nicht bespielt wurde) wieder als Abspielstätte hinzukam und im Staatstheater eine Raum zum Kino umfunktioniert wurde. Allerdings muss man sagen, dass es sowohl Exerzierhalle, als auch Staatstheater vom Komfort und vor allem der Anzahl der zur Verfügung stehenden Plätze, nicht mit dem Cinemaxx-Sälen aufnehmen können. Die Anzahl der Vorstellungen in der JVA wurde deutlich erhöht und es stand auch wieder die fürchterliche EWE Forum Alte Fleiwa zur Verfügung. Letztere habe ich bewusst gemieden, denn obwohl ein Shuttle-Service angeboten wurde, war mir die Sache zu unsicher, von der weit entfernten Alte Fleiwa pünktlich zum nächsten Film wieder in die Innenstadt zurückzukommen. Zudem finde ich Atmosphäre in der Alte Fleiwa auch nicht besonders verlockend.

Los ging es für mich am Freitag um 16:30 im sehr kleinen Cine K. In die Vorstellung von „The Boy Eating the Bird’s Food“ hatten sich gerade mal 8 Leute verirrt. Dies sollte allerdings eine Ausnahme bleiben. Die anderen Filme war entweder sehr gut besucht oder gar bis auf den letzten Platz ausverkauft.

The Boy Eating the Bird’s Food – Dieser griechische Film von Ektoras Lygizos handelt um einen jungen Mann, der erst ohne Arbeit und bald auch in seiner Wohnung ohne Wasser ist. Zu Essen hat er schon lange nichts mehr, weshalb er seinem Vogel das Futter wegnimmt. Ohne jegliche Vorwarnung wird direkt man sofort in das Leben des Jungen geworfen. Dialoge gibt es kaum, Hintergründe kann man nur erahnen. Dadurch bleibt vieles im Dunkeln, was für die Empathie mit dem Jungen doch wichtig gewesen wäre.

Tatsächlich könnte man ohne vorherige Konsultation des Programmheftes, zunächst glauben, er würde nur unter einer extremen Nahrungsobsession leiden. Warum er ständig auf der Suche nach Essen ist und sich sein ganzes Denken darum dreht, wird aufgrund der Bilder nämlich nicht klar. Zumal der weil der (sehr gute) Hauptdarsteller Yannis Papadopoulos im Grunde zu gut und nicht fertig genug aussieht, als dass man ihm den Hungernden abnehmen würde. Christian Bale in „The Machinist“ oder Michael Fassbender in „Hunger“ sind da schon ein anderes Kaliber. Auch dass er den Film über fast immer am Essen ist, macht es schwer mit ihm mitzufühlen. Nun ist Hunger auf der Leinwand schwer über Bilder zu vermitteln, und man muss leider sage, dass Lygizos daran auch scheitert. Provozierende Szenen, wie die in der der Protagonist vor der Kamera masturbiert und dann sein Ejakulat verspeist, wirken nicht schockierend, sondern zu gewollt und auf Skandal gebürstet. Der Handlung hilft sie nicht weiter.

Vor allem aber ärgert die Passivität des Protagonisten. Nie hat man das Gefühl, dass er an seiner Situation wirklich etwas ändern will und sein Leben in die Hand nimmt. Er wirkt weinerlich und seine Gründe, warum er z.B. keine Hilfe von seiner Familie annimmt oder seinen Job schmeißt, bleiben unklar oder zumindest nicht nachvollziehbar, da er doch knapp vor dem Hungertod stehen soll. Daher lässt einen der Film leider kalt. Denn trotz der intensiven Kameraführung, die immer ganz dicht am Protagonisten klebt, bleibt man doch als Zuschauer die ganze Zeit über distanziert.

Dark Around the Stars – Eigentlich aber ich die Nase voll von US-Indie-Roadmovies, die doch immer derselben Formel folgen. Die Fahrt durch das Land wird zum Symbol des Erwachsenenwerdens oder die Hauptfigur wird sich bewusst, was in seinem Leben wichtig ist/fehlt. Am Ende der von viel Indie-Rock-Pop untermalten Fahrt, steigt dann ein besserer Mensch aus dem Wagen, als eingestiegen ist.

Auch Derrick Bortes „Dark Around the Stars“ verfährt nach dieser Formel. Ein junger Mann, dessen Frau und ungeborenes Kind umgekommen sind, beschließt sich an seinem Geburtstag von einer Brücke in den Grand Canyon zu stürzen und sich auf dem Weg dorthin ständig volllaufen zu lassen. Natürlich trifft er auf dem Weg dann viele Leute, die ihm seinen Entscheidung schwer machen und das Ende ist dann auch vorhersehbar.

Trotzdem hat mir der Film merkwürdigerweise gefallen, obwohl er doch sehr durchsichtig und dünn ist. Vielleicht lag es an dem sympathischen Hauptdarsteller Mark Kassen, der allerdings auch dann noch, wenn er einen fürchterlichen Kater haben soll, wie ein Modell im Alternative-Look aussieht. Vielleicht an dem alten Hund, der eine kurze Rolle in dem Film hat. Möglicherweise waren es die tollen Landschaftsaufnahmen und generell das spontane Bedürfnis nach einem Film, der einem mit der simplen Botschaft, dass man die Schönheit der Sterne ohne die Finsternis Drumherum war nicht wahrnehmen könnte, einen aufmunternden Klaps auf den Rücken gibt.

Regisseur Derrick Borte mit der besten Ansagerin des Filmfests Oldenburg

Regisseur Derrick Borte mit der besten Ansagerin des Filmfests Oldenburg

Derrick Borte mit Produzent Scott Floyd Lochmus

Derrick Borte mit Produzent Scott Floyd Lochmus

Kiss of the Damned – Was kommt dabei heraus, wenn eine junge Frau (naja, mittlerweile ist sie 48) mit berühmten Papa (John Cassavetes) zu viel Eurohorror geguckt hat und jetzt das erste Mal selber einen Film drehen darf? Ein Film, der aus lauter Versatzstücken anderer Filme besteht. Mal ist es ihr gut gelungen, diese in ihre Geschichte um Vampire und ihre familiären Schwierigkeiten einzubauen, mal weniger. Man sieht deutlich, welche Filme Xan Cassavetes im Hinterkopf hatte, als sie ihr Debüt inszenierte. Da werden Jess Francos „Entfesselte Begierde“ zitiert, immer wieder Harry Kümels „Blut an den Lippen“, aber auch Tony Scotts „The Hunger“. Dadurch entstehen einige sehr schöne Szenen, die allerdings immer eine Gradwanderung zwischen Hommage und übertriebenen Gepose sind. Leider wird das Ganzen auch noch mit einem penetranten Sound-Design überkleistert, das sehr schnell auf die Nerven fällt.

Die erste Hälfte erinnert in seinem Bemühen, aus bekannten Bildern und Motiven eine besondere Stimmung zu erzeugen, etwas an den belgischen „Amer“ Allerdings ist „Amer“ dies sehr viel besser gelungen. Das alles ist zwar schön gefilmt und zeigt auch schöne Frauen.. aber irgendwie fehlt das gewisse Etwas. Es ist sozusagen Eurohorror ganz durch die US-amerikanische Brille gesehen. Wozu leider auch gehört, dass der Film eine klinische Erotik aufweist, die ganz im Gegensatz zu den Inspirationen steht. Zwar wird hier mit Sex in Ketten gespielt, lesbische Spielchen inszeniert und hier und da blitzt eine Brust auf – doch das wirkt alles eher gewollt und wie für verklemmte Hausfrauen, statt mit wirklich dampfender Erotik, inszeniert.

Die zweite Hälfte, die sich stärker auf die Handlung konzentriert und auf einmal Intrigen innerhalb der Vampir-Gesellschaft einführt, ist dann auch stärker ausgefallen, auch wenn das Thema „Gute Vampire, die mit alternativen Ernährungsmethoden leben gegen böse Vampire, die den altmodischen Weg der Blutentnahme bevorzugen“ auch schon ziemlich durchgekaut und gut abgehangen ist. Auch darstellerisch fällt der Film in zwei Hälften. Die erste konzentriert sich auf die schöne, aber etwas gekünstelt agierende Joséphine de La Baume und den gutaussehenden, aber blassen Milo Ventimiglia, während die weit Hälfte mit der charismatischen und leicht an Barbara Steele erinnernden Roxane Mesquida (die bereits in dem Schweizer Horrorfilm „Sennentuntschi“ die Titelrolle spielte) und der tollen Anna Mouglalis, die weitaus stärkeren Darsteller in den Vordergrund schiebt. Zwischendurch gibt es noch ein willkommenes, aber viel zu kurzes Wiedersehen mit Michael Rapaport.

Xan Cassavetes

Xan Cassavetes

Xan Cassavetes

Xan Cassavetes

Damit ging der erste Tag zu Ende. Den Spätfilm um 23:45 (das wäre dann „Our Heroes Died Tonight“ gewesen), sparte ich mir, da auch mein Fahrer nach Hause musste. Wie immer war es wieder schön in Oldenburg zu sein. Ein Wort noch zu der mir unbekannten Ansagerin vor „Dark Around the Stars“. Bravo! Sie hat witzig und sehr lebendig in den Film eingeführt und auch beim anschliessenden Q&A den Regisseur gleich für sich eingenommen. So muss das sein.

Veröffentlicht unter Allgemein, Film, Filmtagebuch, Veranstaltungen | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , , , , | 2 Kommentare

Blu-ray Rezension: „Singapore Sling“

Marquis_Schuber_Druck:Layout 1

Ein Detektiv (Panos Thanassoulis) sucht nach der verschwundenen Laura. Seine Suche führt ihn in einer regnerischen Gewitternacht, schwer verletzt und erschöpft, in ein abseits gelegenes Anwesen. Dort leben zwei geheimnisvolle Frauen (Michele Valley und Meredyth Herold) leben, die sich gegenseitig als Mutter und Tochter bezeichnen. Gerade haben die Beiden ihren Chauffeur umgebracht und überhaupt besteht ihr Leben darin, sich sexuellen Rollenspielen hinzugeben und dann und wann einen Besucher umzubringen. Auch der Detektiv droht Opfer der Beiden zu werden. Doch bevor sie sich seiner endgültig entledigen, soll er ihnen noch als Spielzeug für ihre bizarren Obsessionen dienen

Wichtige Anmerkung: Da es mir leider (noch?) nicht möglich ist Screenshots von Blu-ray-Filmen zu machen, stammen die hier verwendeten Bilder NICHT von der bei „Bildstörung “ erschienenen Blu-ray, sondern von der amerikanischen DVD von Synapse.

vlcsnap-00126vlcsnap-00127

Der 2007 leider viel zu früh verstorbene, griechische Regisseur Nikos Nikolaidis ist hierzulande einer der großen Unbekannten des internationalen Kinos. Obwohl seine zwischen 1975 und 2005 entstandenen acht Spielfilme in seinem Heimatland immer wieder mit Preisen überschüttet wurden, gab es doch bis heute keine Heimkino-Auswertungen in Deutschland. Und auch international sind keine DVDs mit englischen Untertiteln zu finden. Die einzige Ausnahme bildet sein bekanntester Film „Singapore Sling“, der in Kennerkreisen Kult-Status genießt. Und dies völlig zurecht, verbindet er doch die Optik eleganten Arthaus-Kinos mit den obskuren Fetischen des Mitternachtskinos. Dank des großartigen Labels „Bildstörung“ ist dieses dunkle und auf bizarre Art und Weise schwarz-humorige Meisterwerk nun auch in Deutschland erhältlich.

vlcsnap-00128vlcsnap-00132

Wie die meisten Filme Nikolaidis‘, entstand auch dieses Werk wieder in seinem eigenen Haus, einem geräumigen Anwesen in dem er vor den Dreharbeiten auch mit den Darstellern seiner Filme lebte. Sieht man „Singapore Sling“, kann man verstehen warum ihm dies wichtig war. Sie mussten ein großes Vertrauen zu ihrem Regisseur finden, denn dieser verlangte ihnen während des Drehs eine ganze Menge ab. So muss sich Hauptdarsteller Panos Thanassoulis ankotzen und anpissen lassen, während Meredyth Herold explizit mit einer Kiwi masturbiert. Allerdings erwartet einen kein trashiger Underground-Film. Damit hat „Singapore Sling“ rein gar nichts zu tun. Obwohl Nikolaidos kein großes Budget zur Verfügung stand, schaffte er es, eine elegante, sehr stylische Optik entstehen zu lassen, die nach großem, klassischem Hollywood-Kino aussieht. Vergleicht man z.B. „Singapore Sling“ mit Curt McDowells „Thundercrack!“, an den er teilweise erinnert, dann fällt auf, wie viel Sorgfalt Nikos Nikolaidis in seine Inszenierung legt. Kuchars Film ist eine wilde Melange aus expressionistischem Horrorfilm der 20er und 30er, Sex, Körperflüssigkeiten und Wahnsinn. Letztere drei genannten Komponenten kommen auch in „Singapore Sling“ in großer Vielzahl vor, doch ist die Wirkung bei Nikolaidis ungleich verstörender, da diese Elemente hier durch die schönen Bilder umso fremdartiger und surrealistischer erscheinen.

vlcsnap-00135vlcsnap-00136

Nikos Nikolaidis orientiert sich am amerikanischen Film Noir, dessen Stimmung und expressionistische Schattenspiele er perfekt wieder auferstehen lässt. Der andere Film, der dabei über allem schwebt, ist Otto Premingers „Laura“ von 1944. In diesem Film geht es um einen Polizisten, der den Mord an eben jener Laura aufklären soll. Während seiner Ermittlungen verliebt er sich in die Tote, die er nur von einem großen Portrait kennt, welches in ihrer Wohnung hängt (dieses Portrait taucht auch in „Singapore Sling“ wieder auf). Relativ schnell kommt aber heraus, dass Laura lebt und eine andere Frau an ihrer Stelle ermordet wurde. Auf dem ersten Blick scheint „Laura“ so etwas wie die Vorgeschichte zu „Singapore Sling“ darzustellen, allerdings nutzt Nikolaidis „Laura“ weniger als Blaupause für seinen Film, sondern der Film selber scheint von „Laura“ zu träumen. Immer wieder werden Bruchstücke des einen in den anderen Film geworfen. Personen rezitieren aus dem Zusammenhang gerissene Dialoge aus „Laura“, stellen Fragen, sie sich auf Premingers Film und nicht auf die eigentliche Handlung beziehen. Der gleichnamige, vom Film inspirierte Song wird nicht nur immer wieder gespielt und hallt als traurig-unheimliches Echo durch die Räume des Anwesens, sondern wird von den Charakteren in ihre Dialoge eingeflochten. So fragt das Mädchen, wann Laura den Zug genommen hat – womit sie sich auf eben dieses Lied, nicht auf den Film bezieht. „Laura“ ist die Schicht, die unter „Singapore Sling“ liegt und an manchen Stellen dringt sie wieder an die Oberfläche durch.

vlcsnap-00145vlcsnap-00156

Merkwürdigerweise wirkt „Singapore Sling“ geradezu prophetischer Kommentar auf die heutige Situation Griechenlands. Der formale Held wird von einem Griechen gespielt, der auch ausschließlich Griechisch spricht, und sich seinen beiden Peinigern nicht verständlich machen kann. Zudem jagt er einem idealisierten Traum einer besseren Zeit – eben seiner Laura – nach. Die beiden Frauen sind dekadente, reiche Ausländer, die den Griechen zu ihrem Spielzeug machen. Die ihn erniedrigen und bereits seine Entsorgung planen, die sich nur deshalb hinauszögert, weil sie ihn vorher noch ausgiebig für ihre perversen Zwecke nutzen wollen. Nun sprechen die Beiden hier Englisch, aber möglicherweise würde Nikolaidis sie heutzutage Deutsch sprechen lassen. Denn so wie der Mann, den sie Singapore Sling nennen, von den dekadenten Reichen ausgenutzt und erniedrigt wird, so fühlen sich sicherlich viele Griechen in Anbetracht der Eurokrise und der Rolle der reichen EU-Geber-Länder. Und dass sich Singapore Sling, am Ende sein eigenes Grab schaufelt, kann man ebenfalls als recht hellseherisch begreifen.

vlcsnap-00154vlcsnap-00158

Lässt man diese höchst spekulative Interpretation außen vor, geht es in „Singapore Sling“ vor allem um Sex, und man darf die vertauschten Rollen (hier sind die Frauen sexsüchtig bis über den Wahnsinn hinaus und kennen keine Skrupel, ihr Opfer wie ein Ding zu behandeln, während der Mann romantischen Vorstellungen von der Liebe über den Tod hinaus nachhängt) auch als direkten Kommentar darauf lesen, wie sich in der Regel die Männer den Frauen gegenüber verhalten. Eben wie skrupellose Tiere. Das Viehische wird auch in den ekligen Dinner-Szenen betont, wo die beiden Frauen ihre Freude daran haben, ihr Essen immer wieder auszukotzen. Diese spielerische Freude, mit der sie männliche Verhaltensweisen ins Extreme überzeichnen, lässt einen auch an Marie und Marie aus (dem ebenfalls bei „Bildstörung“ erschienen) „Tausendschönchen“ denken, wo ebenfalls zwei Frauen bzw. Mädchen, aus der Rolle fallen und ihre zugewiesenen Rollenklischees nicht mehr erfüllen. Besonders wenn die beiden Frauen Laurel & Hardy zitieren (z.B. doch den berühmten „Soft Shoe Dance“ aus „Zwei ritten nach Texas“ und dem Öhrchen-Kniechen-Spiel aus „Die Teufelsbrüder“) oder die eine einen tödlichen Herzinfarkt vortäuscht, um dann unter lautem Gelächter wieder zum Leben erweckt zu werden, sind diese Parallelen offensichtlich.

vlcsnap-00149vlcsnap-00150

Endlich ist Dank „Bildstörung“ dieses bizarre Meisterwerk des hierzulande sträflicherweise weitgehend unbekannten griechischen Regisseurs Nikos Nikolaidis in Deutschland erschienen. „Singapore Sling“s provokante Mischung aus eleganter Film-Noir-Optik, Gedärm, Körperflüssigkeiten, nacktem Wahnsinn und bösem Humor sichert ihm Kultfilm-Status. Aber auch darüber hinaus hat der Film viel Hintersinniges, nicht nur zum Rollenspiel zwischen Männlein und Weiblein, zu sagen.

vlcsnap-00162vlcsnap-00163

Im obigen Text wurde das Label „Bildstörung“ schon so oft gelobt, dass es beinahe unangenehm ist, hier weiterhin die Arbeit in höchsten Tönen zu preisen, die das Label in ihre vorbildliche Veröffentlichung gesteckt hat. Das Bilder der Blu-ray ist gestochen scharf und bringt die wunderschöne Fotografie des Filmes noch mehr zum Strahlen. Im Gegensatz zur US-DVD sind auch die Untertitel ausblendbar. Da der Film allerdings auf Englisch, Französisch und Griechisch gedreht wurde, sind diese für nicht Multi-Linguisten unverzichtbar. Da für den Film das Sprachgewirr ungemein wichtig ist, ist es nur selbstverständlich, dass keine deutsche Synchronfassung angefertigt wurde. Auch in Sachen Extras stellt die „Singapore Sling“-Veröffentlichung eine Referenz dar. Auf einer zweiten DVD (der Film ist auf Blu-ray, die Extras auf der DVD) wird sich eingehend mit Nikos Nikolaidis beschäftigen. Zentral ist hier die 77-minütige Dokumentation „Directing Hell – A film about Nikos Nikolaidis“, die scheinbar bei den Dreharbeiten zu seinem letzten Film entstand. Hier zeichnen Schauspieler und Weggefährten ein differenziertes Bild des im Grunde sympathischen und einfühlsamen Regisseurs, der bei den Dreharbeiten aber scheinbar zum Despoten mutierte. Ferner findet sich ein 22-minütiges Interview mit Nikolaidis unter den Extras. Da Nikolaidis seine Brötchen auch mit Werbefilmen verdiente, finden sich einige dieser Spots ebenfalls auf der DVD. Unbedingt erwähnenswert ist auch wieder das, diesmal von Gerd Reda verfasste, 12-seitige Booklet, welches bei „Bildstörung“ nie ein bunter Werbe-Flyer, sondern immer ein profundes Essays ist.

Veröffentlicht unter DVD, Film, Filmtagebuch | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , | Ein Kommentar

Reise-Tipp: “Deliria Italiano” – 4. öffentliches Forentreffen in Magdeburg

deliria4cWer im letzten Jahr beim 3. öffentlichen Forentreffen von Deliria-Italiano.de in unserer schönen Heimstadt Bremen dabei war, wird sich sicherlich an den bunten und liebenswerten Haufen erinnern, der damals das Kommunalkino City 46 stürmte. Gezeigt wurden als 35mm Kopien „The Riffs – Die Gewalt sind wir“ und „The Riffs 2 – Flucht aus der Bronx„. Und so mancher fragte damals: „Wenn ihr schon Teil 1 und 2 zeigt, warum nicht auch Teil 3“? Nun, einerseits gehört dieser eigentlich nicht zur Reihe, da er nur in Deutschland den „Riffs“-Titel aufgedrückt bekam, anderseits wurde dieses *hust* „Meisterwerk“ noch aufgespart.

Und nun ist es soweit: Beim 4. öffentlichen Forentreffen – welches diesmal in Magdeburg stattfindet – werden am 5. Oktober „The Riffs 3 – Die Ratten von Manhattan“ im Rahmen eines Bruno-Mattei-Double-Features gezeigt. Passend zum ersten Film des Tages, dem schamlosen „Zombie“-Rip-Off mit deliria4bKannibalenfilm-Einlagen „Die Hölle der lebenden Toten„, können sich die ganz Beinharten am Abend zuvor noch das Original dazu anschauen: „Zombie“ von George R. Romero im europäischen Argento-Cut. Natürlich alles auf 35mm Filmkopien.

Wer schon einmal bei einem der Forentreffen von (dem übrigens sehr empfehlenswerten) Internet-Forum „Deliria Italiano“ dabei war, weiß dass das alles sehr nette Leute sind, die jeden Gast herzlich willkommen heißen. Wer also noch überlegt, was er am 4./5. Oktober machen möchte, der sollte sich auf den Weg nach Magdeburg machen. Ab Bremen fährt auch ein Intercity direkt nach Magdeburg und man ist in noch nicht einmal drei Stunden am Ziel.

 

 

The Beast in the East – Zombies, Ratten, Viren…

Im Osten geht bekanntlich die Sonne auf – und bei George A. Romeros DAWN OF THE DEAD unter. Direkt aus der Hölle erwachen die untoten delirierenden Filmfreaks zum Leben, wenn wir den Klassiker (Argento-Cut) zusammen mit einer bunt gemischten Trailershow am Freitag um 20:00 Uhr wiederaufführen!

Letztes Jahr hatten wir euch mit THE RIFFS I + II in die Bronx mitgenommen. Trash, heiße Feuerstühle, wilde Gangs und skrupellose Immobilienhaie. Dieses Mal entführen euch Samstag um 15:00 Uhr die RIFFS ohne ihren berüchtigten Frontmann nach Manhattan.

Ein Film gleichzeitig mit und ohne Trash: Wir zeigen euch wahrhaft rattenscharfen Endzeithorror, wenn die letzten Überlebenden Manhattans sich im Kampf gegen die Invasion der Nagetiere behaupten müssen. Vergesst Helm und Lederkluft nicht. Die Regie führte niemand Geringerer als Bruno Mattei – oder sollten wir besser sagen: Vincent Dawn? Wir schließen nicht nur den Kreis zum ausnahmsweise US-amerikanischen Eröffnungsfilm, sondern servieren euch ein reinrassiges VINCENT-DAWN-DOUBLE-FEATURE!

VIRUS alias DIE HÖLLE DER LEBENDEN TOTEN flimmert ab 17:00 Uhr ebenfalls in der deutschen Kinofassung über die Leinwand. Ein Film für alle DAWN-Liebhaber (ganz gleich, welcher nun genau gemeint ist), Hobby-Sondereinsatzkommandanten und fleischfressenden Pflanzen.

Aufnehmen wird uns diesmal der wunderschöne Moritzhof in Magdeburg mit seinem gemütlichen Kino!

Zwei Tage volles Programm – also erscheint zahlreich, pünktlich und am besten selber oder doch gleich persönlich.

Das Forentreffen ist natürlich öffentlich und ein Jeder ist gern gesehener Gast.

Die deliria-italiano-Crew freut sich auf euch. 😉

Preise: EUR 6,– / Freitag bzw. EUR 10,– / Samstag (2 Filme)
Einlass nur für Personen ab 18 Jahren

Weitere Informationen:
http://www.deliria-italiano.de/

http://deliria-italiano.phpbb8.de/post98264.html#p98264

Veröffentlicht unter Allgemein, Film, Veranstaltungen | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , | Schreib einen Kommentar