Der zweite Tag bestätigte für mich darin, dass sich das Programm des Filmfests dieses Jahr wieder auf extrem hohem Niveau befand. Denn der Tag begann in der Schauburg gleich mit dem fantastischen „Anorgasmia“ vom isländischen Filmemacher Jon Einarsson Gustafsson, der in der Q&A sehr viel Interessantes zu erzählen hatte, wodurch ich leider die eigentlich fest eingeplant Case Study zu „2551.03 – The End“ im Institute Francais verpasst habe. Schade.
ANORGASMIA (all the things we do to survive)
Der Fotograf Sam ist Engländer – beziehungsunfähig, aber stets auf der Suche nach dem nächsten unverbindlichen, emotionslosen Sex. Die Touristin Naomi ist Französin – unsicher in ihrer Beziehung und voller Sorge, die falsche Entscheidung für ihre Zukunft zu treffen. Die beiden begegnen sich in Reykjavík, und ihre erste Begegnung ist nicht unbedingt von gegenseitiger Zuneigung geprägt. Trotzdem verbringen sie den Abend miteinander, nähern sich an, und beinahe kommt es zu einem One-Night-Stand, doch Naomi flüchtet im letzten Moment.
Eigentlich sollten sie sich danach nicht wiedersehen, doch ein Vulkanausbruch verhindert ihre Abreise in die jeweiligen Heimatländer. Sam macht sich auf, um als Erster Bilder vom Vulkan zu machen, und Naomi schließt sich ihm an. Das passt Sam zwar überhaupt nicht, doch widerwillig lässt er sich darauf ein, und so begeben sie sich gemeinsam auf die Reise.
Von hier aus könnte der Film viele wohlbekannte Wege einschlagen: Er könnte zur Romantic Comedy, zum Buddy-Movie oder zu einem kitschigen Liebesfilm werden. Doch Regisseur Rúnar Rúnarsson ignoriert all diese Routen und begleitet einfach dieses ungleiche Paar, das in seiner Verlorenheit doch auch Gemeinsamkeiten aufweist. Sam ist dabei nicht unbedingt sympathisch. Im Gegenteil: Er ist schroff, verschlossen, abweisend und trägt eine schwere Last mit sich. Auch Naomi hat ihre Probleme, ist aber auf eine Weise von Sam fasziniert und versucht, hinter seine Fassade zu blicken. Was die beiden auf ihrer Reise erleben, ist nicht sonderlich spektakulär. Es gibt keine Action, kein großes Geheimnis, und die Menschen, denen sie begegnen, sind allesamt liebenswürdig.
Weshalb ist dieser Film also ein kleines Meisterwerk? Das liegt zum einen an der isländischen Landschaft, die der gelernte Landschaftsfotograf Rúnarsson beeindruckend in Szene setzt. Noch viel mehr aber liegt es an dem Paar Sam und Naomi und ihren beiden Darstellern, Edward Hayter und vor allem der wundervollen Mathilde Warnier. Beide spielen so natürlich und unaufgeregt, dass man als Zuschauer unmittelbar mit den Figuren mitfühlt. Die Chemie zwischen ihnen springt geradezu körperlich spürbar auf das Publikum über. So überrascht es kaum, wenn der Regisseur im Publikumsgespräch verriet, dass die beiden während des Drehs ein Paar wurden und ihr erstes Kind erwarten.
Und dies ist auch absolut nachvollziehbar. Ich muss zugeben, dass auch ich mich während des Films in Mathilde Warnier (beziehungsweise ihre Figur Naomi) verliebt habe. Ihre quirlige, ein wenig verrückte und entschlossene Art, durch die aber auch eine gewisse Verletzlichkeit durchscheint, hat mich tief berührt. Umso trauriger war ich, als der Abspann lief und ich mich von ihr verabschieden musste. Getröstet wurde ich jedoch durch ein perfektes Filmende, bei dem Rúnarsson allen möglichen Fallstricken geschickt aus dem Weg geht und der Versuchung widersteht, es dem Publikum recht machen zu wollen. Der Film blieb mir so noch lange im Kopf und im Herzen. Laut Rúnarsson beruht der Film auf einem persönlichen Erlebnis – und das merkt man ihm in jeder Sekunde an.



Danach ging es mit meinem Kompagnon Holger ins Cinema, wo der koreanische Thriller „Sisterhood“ von Yoon Eun-kyoung, die ebenfalls anwesend war, lief. Yoon Eun-kyoung war bereits das zweite Mal auf dem Filmfest Bremen. Vor zwei Jahren war sie mit dem surreal-paranoiden „The Tenants“ dabei. Und jener Film, den ich später nach dem Festival schauen konnte, hatte mich damals sehr begeistern. Umso gespannter war ich auf ihren neuen Film.
Nach ihrer Scheidung zieht die erfolgreiche Schriftstellerin Yul-hee mit ihrer Tochter in ein neues Haus. Für ihre Teenager-Tochter So-hee ist dieser Umzug nicht einfach. Sie pflegt ein gutes Verhältnis zu ihrem Vater und muss sich in der neuen Umgebung erst einen Freundeskreis aufbauen. Durch einen Zufall trifft sie auf die etwas ältere Mi-jee, die sich als glühende Verehrerin von Yul-hees letztem Buch „Sisterhood“ herausstellt. Geschmeichelt von der Bewunderung, stellt Yul-hee Mi-jee als Haushaltshilfe ein. Doch schon bald geschehen seltsame Dinge: Yul-hee und ihre Tochter entfernen sich immer mehr voneinander, und in Yul-hee wächst der Verdacht, dass Mi-jee etwas im Schilde führen könnte.
So weit, so bekannt. Tatsächlich birgt der Film für Zuschauer*innen, die bereits den einen oder anderen Film dieses Genres gesehen haben, nur wenige Überraschungen. Dies mag auch die eher unterdurchschnittliche Bewertung auf IMDb erklären. Was den Film jedoch über den üblichen Thriller-Durchschnitt hebt, sind seine Figuren. Blickt man nämlich hinter die Fassade der durchaus spannend inszenierten Thriller-Handlung, entdeckt man tiefer liegende psychologische Mechanismen.
Da ist zum einen das Verhältnis zwischen der erfolgsorientierten, vielleicht sogar krankhaft ehrgeizigen Mutter und ihrer Tochter, die sich nach einem harmonischen Zuhause sehnt. So-hee weiß nicht so recht, wo sie im Leben steht, und sucht in dieser schweren Zeit nach Führung. Sie sehnt sich einerseits nach Emanzipation von ihrer übermächtigen Mutter, andererseits aber auch nach deren Liebe und Zuwendung. Gleichzeitig quält sich Yul-hee mit dem Gedanken, ihrer Tochter nicht die Mutter sein zu können, die sie sein sollte – und es vielleicht auch gar nicht sein zu wollen, was ihr Gewissensbisse bereitet. In diesem fragilen Gefüge wird Mi-jee zum Katalysator, der die angespannte Beziehung zur Eskalation bringt. Regisseurin Yoon Eun-kyoung inszeniert die letzten 15 Minuten voller atemloser Spannung und hält dabei doch noch die eine oder andere kleine Überraschung bereit.
Auch wenn „Sisterhood“ stellenweise etwas vorhersehbar ist und nicht an die surreal-unheimliche Qualität von „The Tenants“ heranreichen kann, ist Yoon Eun-kyoung ein sehr gutes Psychodrama gelungen, das zum Ende hin noch einmal erheblich an Spannung gewinnt.

Leider mussten wir die sicherlich interessante Q&A schwänzen, da um 20:00 Singer-Songwriter Ethan Gold aus dem großartigen Film „Brother Verses Brother“ – der ebenfalls auf dem Filmfest Bremen lief – im Eisen auftreten sollte. Das war auch wunderbar, fing allerdings erst mit großer Verspätung an. Das führte dazu, das wir leider nicht das ganze Konzert mitbekamen, und eher aufbrechen musste. Denn im etwas weiter weg gelegenen City46 wartete bereits der nächste Film auf uns. Auch hier wieder: Schade.


Dort lief der grandiose „Dreaming of Lions“. Der portugiesische Film von Paolo Marinou-Blanco ist knapp vor „Anorgasmia“ mein Liebling auf dem Filmfest geworden. Paolo Marinou-Blanco war auch persönlich anwesend, erzählte interessant und wortgewandt über seinen Film und stand auch nach dem Film noch für ein Pläuschen zur Verfügung.
Gilda ist eine Brasilianerin, die in Portugal lebt. Sie hat Krebs im Endstadium und weiß, dass sie nicht mehr lange zu leben hat. Bevor ihr Zustand sich jedoch zu sehr verschlechtert und ihr Leben nur noch künstlich verlängert wird, will sie selbstbestimmt entscheiden, wann sie von dieser Welt scheidet. Sie hat die Qualen ihrer Mutter miterlebt, als diese ebenfalls an Krebs starb – eine Erfahrung, die sie sich ersparen möchte. Es ist ihr Leben, also soll es auch ihr Tod sein.
Leider gestaltet sich dieses Vorhaben komplizierter als gedacht. Ihre bisherigen Versuche gingen spektakulär schief, und die darauffolgenden Krankenhausaufenthalte und Therapien empfindet sie nur noch als lästig. Daher sucht sie professionelle Hilfe in einem Institut, das Selbsthilfegruppen für Menschen mit missglückten Suizidversuchen anbietet. Hier lernt sie den jungen Amadeu kennen, der ebenfalls an einer tödlichen Krankheit leidet und dessen Versuche, aus dem Leben zu scheiden, bislang ebenso erfolglos waren. Schon bald entwickelt sich zwischen der älteren, kratzbürstigen Gilda und dem sensiblen jungen Amadeu eine zarte Liebesgeschichte. Gemeinsam erkennen sie, dass das Institut ein einziger Schwindel ist, und beschließen, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Ihr Plan: auf eine spanische Insel zu reisen, wo eine Ärztin sanfte und diskrete Sterbehilfe anbieten soll.
Das klingt alles sehr schwermütig und traurig, doch Paolo Marinou-Blanco inszeniert seinen Film als unglaublich komische Ode an das Leben – zu dem eben auch der Tod gehört. Getragen wird der Film von der herausragenden Denise Fraga, die ihrer Figur eine bemerkenswerte Energie, triefenden Sarkasmus und tiefschwarzen Humor verleiht. Es ist unmöglich, für ihre Gilda keine Sympathie zu empfinden, auch wenn (oder gerade weil) sie mit pointiertem Zynismus um sich wirft. Ihr zur Seite steht João Nunes Monteiro als Amadeu, der handlungsbedingt zurückhaltender agiert, aber gerade deshalb der perfekte Partner für Denise Fraga ist. Die Liebesgeschichte, die sich zwischen ihnen entspinnt, wirkt zu keiner Sekunde aufgesetzt und entwickelt sich vollkommen natürlich. Man kann Amadeu gut verstehen, dass er sich in Gilda verliebt, die nicht nur älter ist, sondern auch charakterlich sein genaues Gegenteil darstellt. Gilda ist eine tolle, kluge und vor allem lebensbejahende Frau.
Dennoch lässt sie sich durch die Liebe von und zu Amadeu nicht von ihrem festen Wunsch abbringen, ihrem Leben ein Ende zu setzen, bevor der Krebs die Überhand gewinnt. Dazu ist ihre Persönlichkeit zu stark. Aber sie will die ihr verbleibende Zeit in vollen Zügen auskosten. Marinou-Blanco streut zudem einen Hauch von magischem Realismus in seinen Film ein: Amadeu, der als Leichenpräparator arbeitet, kann mit den Toten sprechen (oder bildet er es sich nur ein?), und Gilda durchbricht zu Beginn die vierte Wand. Auch diese Elemente fügen sich harmonisch in das Gesamtwerk ein. Ist der Film anfangs teilweise brüllend komisch, so wird er mit fortschreitender Laufzeit ruhiger, verliert aber nie seinen liebenswerten Humanismus und nimmt seine Figuren stets ernst. Marinou-Blanco hat viel über das selbstbestimmte Leben zu erzählen und nutzt den Humor seines Films, um diese Botschaft unaufdringlich in das Bewusstsein des Publikums zu schmuggeln. Ähnlich wie in dem Film „Anorgasmia“ findet er auch hier ein perfektes Ende, das jeder Versuchung der Anbiederung widersteht. Großartig gemacht, Señor Marinou-Blanco



Damit endete dieser an Highlights reicher zweite Tag auf dem 11. Filmfest Bremen.
THE WINTER OF THE CROW
2551.03 – THE END
Das Filmfest Bremen ist nun schon wieder zwei Monate her. Aufgrund anderweitiger Verpflichtungen bin ich aber bislang nicht dazu gekommen, diese wundervolle Veranstaltung – die mich in diesem Jahr wieder sehr begeistern konnte – noch einmal Revue passieren zu lassen. Wie immer begann das Filmfest Bremen mit seiner Eröffnungsgala am Mittwoch im Theater am Goetheplatz.








Währen der neapolitanische Schmuggler Luca (Fabio Testi) und seine Mitstreiter am traditionellen Tabakschmuggel festhalten, drängt eine neue, skrupellose Gruppierung aus Marseille auf den Markt und will den deutlich profitableren Drogenhandel etablieren. Der Konflikt zwischen alter Ordnung und neuer Profitlogik führt zu Verrat, Gewalt und persönlichen Tragödien. Luca sieht sich zunehmend isoliert und muss entscheiden, ob er seine Prinzipien bewahrt oder sich den veränderten Machtverhältnissen beugt.





Im Sommer war ich mit meiner Familie drei Nächte in Potsdam. Für uns alle war es der erste Besuch dort, und wir kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus. Eine Stadt wie ein Museum. Irgendwann schaut man gar nicht mehr auf die prachtvollen Fassaden, Villen und Paläste, sondern versucht, irgendwo ein ganz normales Haus zu finden – was erstaunlich schwer ist. Alle touristischen Hotspots haben wir nicht geschafft, beschlossen aber schon, den Besuch im nächsten Jahr zu wiederholen. Eine wunderschöne Stadt.





















Pünktlich zum Fest ist die neunte Ausgabe des von mir als Chefredakteur betreuten Magazins „70 Millimeter“ erschienen. Dieses beschäftigt sich mit der Filmgeschichte von 1966 bis 1979.
Die geschickte Diebin Mary Read wird verhaftet, als sie gerade als Edelmann verkleidet versucht, eine reiche Dame zu bestehlen. Sie wird in eine Zelle mit dem Sträfling Peter Goodwin geworfen, der ihre Maskerade schnell durchschaut. Die beiden verlieben sich, doch dann wird Goodwin von seinen Freunden aus dem Gefängnis geholt. Er ist nämlich ein Lord, der durch einen unglücklichen Zufall dort landete. Mary bekommt davon nichts mit, kann aber mit einem spektakulären Ausbruch entkommen. Als sie inkognito versucht, Peter zu entlasten, erfährt sie, dass er nicht nur ein reicher Lord ist, sondern sie auch vor seinen Freundinnen verspottet. Wutentbrannt heuert sie auf dem Schiff des Piratenkapitäns Poof an. Als dieser verstirbt, übernimmt sie seinen Platz und auch seinen Namen. Auch Peter verschlägt es zur See, denn durch die Flucht zur Marine versucht er, einer Hochzeit mit einer unattraktiven Dame zu entgehen. Seine erste Mission dort ist es, den Piratenkapitän Poof unschädlich zu machen…
Und nun der letzte Tag in Oldenburg, den ich dann wieder allein bestritt.



Dies war ein sehr starker Abschluss eines generell exzellenten Jahrgangs in Oldenburg. Vielleicht sogar einer der besten, an dem ich in den letzten 16 Jahren teilhaben durfte. Danke dafür an alle Beteiligten. Allen voran Festivalleiter Torsten Neumann, der wieder ein ganz besonderes und atmosphärisches Festival auf die Beine gestellt hat. Ich ziehe meinen Hut. Dies tue ich auch vor der gesamten Organisation, die diesmal wirklich wie am Schnürchen funktionierte, den vielen netten und entspannten Mitarbeitern sowie den zahlreichen Filmemacherinnen und -machern, die allesamt höchst informative und sympathische Q&As abhielten. Danke für die gute Zeit mit meinen Mitstreitern, für die großartigen Begegnungen und Gespräche. Es war einfach schön, und ich freue mich schon auf die Ausgabe 33!
Der dritte Tag auf dem 32. Internationalen Filmfest Oldenburg zeichnete sich nicht nur durch großartige Filme aus, sondern auch durch ein sehr angenehmes Miteinander jenseits der Vorführungen.






So endete ein wirklich toller Tag in Oldenburg, und über die Autobahn ging es mit spannenden Gesprächen zurück nach Bremen.