Bericht vom 20. Internationalen Filmfest Oldenburg – Teil 1

Wider Erwarten habe ich es auch dieses Jahr geschafft, dem Internationalen Filmfest in Oldenburg zumindest an zwei Tagen einen Besuch abzustatten. Zwar ohne Übernachtung im Hotel Sprenz (was mir ein liebgewordenes Ritual geworden war), aber dank meines freundlichen Fahrers, war ich immerhin auch nicht auf den letzten Zug nach Bremen angewiesen. Wobei sich da scheinbar etwas getan hat, denn die Nordwestbahn fährt im Gegensatz zur Deutschen Bahn noch nach 22:35 und man hat um 0:06 noch die Chance nach Hause zu kommen.

Nach den lautstarken Querelen im letzten Jahr, bei denen das Filmfest auf der Kippe stand und auch eine Verlegung nach Bremen kolportiert wurde, war es diesmal im Vorfeld sehr, sehr ruhig. Kein Streit, keine Protestaktionen, nichts. Was einerseits sehr gut ist, denn Streit ist immer schlecht und lässt am Ende nur Verlierer zurück. Andererseits merkte man dieses Jahr auch sehr deutlich, das das Filmfest starke finanzielle Einschnitte hinnehmen musste. So fiel einerseits auf, dass es nicht so viele Filme wie in den Vorjahren gab und diese dann häufig auch an zwei Terminen liefen. Was mir sehr entgegen kommt, denn so konnte ich – im Gegensatz zu den Vorjahren – fast mein gesamtes Wunschprogramm durchziehen. Auch wenn ich den Gewinnerfilm „Our Heroes Died Tonight“ zwar von Anfang an auf dem Zettel hatte, aber es aus zeitlichen Gründen nicht geschafft habe, mir eine der beiden Vorstellungen anzusehen. Somit hat die Serie dann auch gehalten. Noch nie habe ich in Oldenburg einen der Filme gesehen, die am Ende einen Preis mit nach Hause genommen haben.

Des Weiteren musste in diesem Jahr auf die drei Kinosäle verzichtet werden, die bisher das Cinemaxx zur Verfügung stellte. Was schon einen großen Einschnitt darstellt, da somit nur zwei „echte“ Kinos (das Casablanca und das winzige Cine K) zur Verfügung standen. Ausgeglichen wurde dies, indem die Exerzierhalle (die letztes Jahr nicht bespielt wurde) wieder als Abspielstätte hinzukam und im Staatstheater eine Raum zum Kino umfunktioniert wurde. Allerdings muss man sagen, dass es sowohl Exerzierhalle, als auch Staatstheater vom Komfort und vor allem der Anzahl der zur Verfügung stehenden Plätze, nicht mit dem Cinemaxx-Sälen aufnehmen können. Die Anzahl der Vorstellungen in der JVA wurde deutlich erhöht und es stand auch wieder die fürchterliche EWE Forum Alte Fleiwa zur Verfügung. Letztere habe ich bewusst gemieden, denn obwohl ein Shuttle-Service angeboten wurde, war mir die Sache zu unsicher, von der weit entfernten Alte Fleiwa pünktlich zum nächsten Film wieder in die Innenstadt zurückzukommen. Zudem finde ich Atmosphäre in der Alte Fleiwa auch nicht besonders verlockend.

Los ging es für mich am Freitag um 16:30 im sehr kleinen Cine K. In die Vorstellung von „The Boy Eating the Bird’s Food“ hatten sich gerade mal 8 Leute verirrt. Dies sollte allerdings eine Ausnahme bleiben. Die anderen Filme war entweder sehr gut besucht oder gar bis auf den letzten Platz ausverkauft.

The Boy Eating the Bird’s Food – Dieser griechische Film von Ektoras Lygizos handelt um einen jungen Mann, der erst ohne Arbeit und bald auch in seiner Wohnung ohne Wasser ist. Zu Essen hat er schon lange nichts mehr, weshalb er seinem Vogel das Futter wegnimmt. Ohne jegliche Vorwarnung wird direkt man sofort in das Leben des Jungen geworfen. Dialoge gibt es kaum, Hintergründe kann man nur erahnen. Dadurch bleibt vieles im Dunkeln, was für die Empathie mit dem Jungen doch wichtig gewesen wäre.

Tatsächlich könnte man ohne vorherige Konsultation des Programmheftes, zunächst glauben, er würde nur unter einer extremen Nahrungsobsession leiden. Warum er ständig auf der Suche nach Essen ist und sich sein ganzes Denken darum dreht, wird aufgrund der Bilder nämlich nicht klar. Zumal der weil der (sehr gute) Hauptdarsteller Yannis Papadopoulos im Grunde zu gut und nicht fertig genug aussieht, als dass man ihm den Hungernden abnehmen würde. Christian Bale in „The Machinist“ oder Michael Fassbender in „Hunger“ sind da schon ein anderes Kaliber. Auch dass er den Film über fast immer am Essen ist, macht es schwer mit ihm mitzufühlen. Nun ist Hunger auf der Leinwand schwer über Bilder zu vermitteln, und man muss leider sage, dass Lygizos daran auch scheitert. Provozierende Szenen, wie die in der der Protagonist vor der Kamera masturbiert und dann sein Ejakulat verspeist, wirken nicht schockierend, sondern zu gewollt und auf Skandal gebürstet. Der Handlung hilft sie nicht weiter.

Vor allem aber ärgert die Passivität des Protagonisten. Nie hat man das Gefühl, dass er an seiner Situation wirklich etwas ändern will und sein Leben in die Hand nimmt. Er wirkt weinerlich und seine Gründe, warum er z.B. keine Hilfe von seiner Familie annimmt oder seinen Job schmeißt, bleiben unklar oder zumindest nicht nachvollziehbar, da er doch knapp vor dem Hungertod stehen soll. Daher lässt einen der Film leider kalt. Denn trotz der intensiven Kameraführung, die immer ganz dicht am Protagonisten klebt, bleibt man doch als Zuschauer die ganze Zeit über distanziert.

Dark Around the Stars – Eigentlich aber ich die Nase voll von US-Indie-Roadmovies, die doch immer derselben Formel folgen. Die Fahrt durch das Land wird zum Symbol des Erwachsenenwerdens oder die Hauptfigur wird sich bewusst, was in seinem Leben wichtig ist/fehlt. Am Ende der von viel Indie-Rock-Pop untermalten Fahrt, steigt dann ein besserer Mensch aus dem Wagen, als eingestiegen ist.

Auch Derrick Bortes „Dark Around the Stars“ verfährt nach dieser Formel. Ein junger Mann, dessen Frau und ungeborenes Kind umgekommen sind, beschließt sich an seinem Geburtstag von einer Brücke in den Grand Canyon zu stürzen und sich auf dem Weg dorthin ständig volllaufen zu lassen. Natürlich trifft er auf dem Weg dann viele Leute, die ihm seinen Entscheidung schwer machen und das Ende ist dann auch vorhersehbar.

Trotzdem hat mir der Film merkwürdigerweise gefallen, obwohl er doch sehr durchsichtig und dünn ist. Vielleicht lag es an dem sympathischen Hauptdarsteller Mark Kassen, der allerdings auch dann noch, wenn er einen fürchterlichen Kater haben soll, wie ein Modell im Alternative-Look aussieht. Vielleicht an dem alten Hund, der eine kurze Rolle in dem Film hat. Möglicherweise waren es die tollen Landschaftsaufnahmen und generell das spontane Bedürfnis nach einem Film, der einem mit der simplen Botschaft, dass man die Schönheit der Sterne ohne die Finsternis Drumherum war nicht wahrnehmen könnte, einen aufmunternden Klaps auf den Rücken gibt.

Regisseur Derrick Borte mit der besten Ansagerin des Filmfests Oldenburg

Regisseur Derrick Borte mit der besten Ansagerin des Filmfests Oldenburg

Derrick Borte mit Produzent Scott Floyd Lochmus

Derrick Borte mit Produzent Scott Floyd Lochmus

Kiss of the Damned – Was kommt dabei heraus, wenn eine junge Frau (naja, mittlerweile ist sie 48) mit berühmten Papa (John Cassavetes) zu viel Eurohorror geguckt hat und jetzt das erste Mal selber einen Film drehen darf? Ein Film, der aus lauter Versatzstücken anderer Filme besteht. Mal ist es ihr gut gelungen, diese in ihre Geschichte um Vampire und ihre familiären Schwierigkeiten einzubauen, mal weniger. Man sieht deutlich, welche Filme Xan Cassavetes im Hinterkopf hatte, als sie ihr Debüt inszenierte. Da werden Jess Francos „Entfesselte Begierde“ zitiert, immer wieder Harry Kümels „Blut an den Lippen“, aber auch Tony Scotts „The Hunger“. Dadurch entstehen einige sehr schöne Szenen, die allerdings immer eine Gradwanderung zwischen Hommage und übertriebenen Gepose sind. Leider wird das Ganzen auch noch mit einem penetranten Sound-Design überkleistert, das sehr schnell auf die Nerven fällt.

Die erste Hälfte erinnert in seinem Bemühen, aus bekannten Bildern und Motiven eine besondere Stimmung zu erzeugen, etwas an den belgischen „Amer“ Allerdings ist „Amer“ dies sehr viel besser gelungen. Das alles ist zwar schön gefilmt und zeigt auch schöne Frauen.. aber irgendwie fehlt das gewisse Etwas. Es ist sozusagen Eurohorror ganz durch die US-amerikanische Brille gesehen. Wozu leider auch gehört, dass der Film eine klinische Erotik aufweist, die ganz im Gegensatz zu den Inspirationen steht. Zwar wird hier mit Sex in Ketten gespielt, lesbische Spielchen inszeniert und hier und da blitzt eine Brust auf – doch das wirkt alles eher gewollt und wie für verklemmte Hausfrauen, statt mit wirklich dampfender Erotik, inszeniert.

Die zweite Hälfte, die sich stärker auf die Handlung konzentriert und auf einmal Intrigen innerhalb der Vampir-Gesellschaft einführt, ist dann auch stärker ausgefallen, auch wenn das Thema „Gute Vampire, die mit alternativen Ernährungsmethoden leben gegen böse Vampire, die den altmodischen Weg der Blutentnahme bevorzugen“ auch schon ziemlich durchgekaut und gut abgehangen ist. Auch darstellerisch fällt der Film in zwei Hälften. Die erste konzentriert sich auf die schöne, aber etwas gekünstelt agierende Joséphine de La Baume und den gutaussehenden, aber blassen Milo Ventimiglia, während die weit Hälfte mit der charismatischen und leicht an Barbara Steele erinnernden Roxane Mesquida (die bereits in dem Schweizer Horrorfilm „Sennentuntschi“ die Titelrolle spielte) und der tollen Anna Mouglalis, die weitaus stärkeren Darsteller in den Vordergrund schiebt. Zwischendurch gibt es noch ein willkommenes, aber viel zu kurzes Wiedersehen mit Michael Rapaport.

Xan Cassavetes

Xan Cassavetes

Xan Cassavetes

Xan Cassavetes

Damit ging der erste Tag zu Ende. Den Spätfilm um 23:45 (das wäre dann „Our Heroes Died Tonight“ gewesen), sparte ich mir, da auch mein Fahrer nach Hause musste. Wie immer war es wieder schön in Oldenburg zu sein. Ein Wort noch zu der mir unbekannten Ansagerin vor „Dark Around the Stars“. Bravo! Sie hat witzig und sehr lebendig in den Film eingeführt und auch beim anschliessenden Q&A den Regisseur gleich für sich eingenommen. So muss das sein.

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2 Antworten zu Bericht vom 20. Internationalen Filmfest Oldenburg – Teil 1

  1. O weh! Für den „österreichischen Horrorfilm „Sennentuntschi““ wirst Du in der Schweiz Einreiseverbot erhalten … ;-Þ

  2. Marco Koch sagt:

    Oh, da hast Du recht. Ich hatte den bisher immer als Österreicher abgespeichert. Dann mache ich da lieber gleich mal eine Eidgenossin draus.

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