Category: Film

24. Internationales Filmfest Oldenburg: Die ersten Filme und Retrospektive

Von , 16. August 2017 16:49

Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus! Es ist ja kein Geheimnis, dass ich ein großer Freund des Internationalen Filmfests in Oldenburg bin, wohin es mich jedes Jahr aufs Neue zieht. Zwar würde ich gerne auch mal die Festivals Norderney/Emden, Braunschweig, Osnabrück oder sehr gerne auch mal wieder Lübeck besuchen, aber als berufstätiger Familienvater muss man sich da leider (noch immer) einschränken, und aufgrund meiner vielen anderen zeitraubenden Aktivitäten ist dann eben derzeit nur ein Filmfest im Jahr drin. Umso größer meine Freude, dass das Oldenburger Filmfest – welches immer einen familiären Charakter hat, bei dem ich mich wohl fühle – jedes Jahr wieder ein sehr vielversprechendes und überraschendes Programm aus dem Hut zaubert. Da braucht es dann auch keinen Superstar wie Nicolas Cage, um mich glücklich zu machen.

Edward R. Pressman

Wie immer war ich gespannt, wem die diesjährige Retrospektive gewidmet sein wird. In der Vergangenheit hat gerade die Retro bei mir zu wunderbaren Entdeckungen geführt (George Armitage! Philippe Mora!!). Dieses Jahr wird erstmals ein Filmproduzent mit einer Retrospektive geehrt. Der Name Edward R. Pressman sagte mir jetzt erstmals nicht, aber ein Blick auf die von ihm produzierten Filme lässt die Augen größer werden und das Herz schneller schlagen: „Badlands“ (1973), „Phantom of the Paradise“ (1974), Wall Street (1987), „Bad Lieutenant“ (1992), „The Crow“ (1994), „American Psycho“ (2000), „Thank you for Smoking“ (2006). Laut der Pressemitteilung blickt „der gebürtige New Yorker auf eine inzwischen 50jährige Karriere zurück, in der er seit 1967 über 80 Kinofilme produzierte und zahlreiche Ehrungen erhielt. Als einer der ganz wenigen Produzenten in den USA, der seine Projekte mit Leidenschaft und Herz begleitet, hat Pressman Filme ermöglicht, die im kommerziellen System Hollywoods ohne ihn kaum entstanden wären. Künstlerisch ebenso ambitionierte wie eigensinnige Filmemacher wie Terence Malick, James Toback Abel Ferrara oder auch Brian de Palma konnten erste Filme umsetzen, die dann künstlerisch nachhaltig das amerikanische Kino berührt haben und ohne Pressman kaum denkbar wären. Ed Pressman wird während des gesamten Festivals in Oldenburg zu Gast sein und 8 seiner Filme im Rahmen der ihm gewidmeten Retrospektive vorstellen“.

Auch die ersten Programmhighlights wurden bekanntgegeben. Und die klingen alle sehr vielversprechend. Insbesondere die beiden Filme des mir bisher unbekannten Simon Rumley habe ich schon mal auf meine persönliche „Guck-ich“-Liste gesetzt. Aber auch „Junk Head“, „Touched“ und „A Violent Man“ haben bereits mein Interesse geweckt.

A Violent Man, USA 2017, von Matthew Berkowitz

Als der noch unbekannte MMA-Fighter Ty Matthews als Sparringspartner den bis dato unbesiegten Champion zu Boden bringt, bringt ein heimlich gefilmtes Video sein Leben auf einen Schlag durcheinander. Das Video geht viral und es dauert nicht lange, bis Ty zum heimlichen Star der Branche wird und ihm ein Meisterschaftskampf winkt. Als die Reporterin, die seine Geschichte
groß rausbringen will, tot in ihrer Wohnung aufgefunden wird, gerät er unter Verdacht. Ihm bleibt nichts über als zu kämpfen – um die Liebe seines Lebens, seine Unschuld, seine Freiheit. Regisseur
Matthew Berkowitz hat eine mutige und ungewöhnliche Besetzung vor die Kamera geholt. Ex-Football-Spieler Thomas Q. Jones (bekannt aus „Straight Outta Compton“), UFC Hall of Fame-Legende Chuck Liddell sind ebenso wie Denise Richards neben Charakterdarstellern wie Bruce Davison und Isaac de Bankolé zu sehen. WELTPREMIERE

Bernard & Huey, USA 2017, von Dan Mirvish

Zwei alte Freunde, wieder vereint. Die Comicfiguren vom Pulitzerpreisträger Jules Feiffer erwachen in der Komödie vom preisgekrönten Regisseur und Slamdance Mitbegründer Dan Mirvish zum Leben. Oscargewinner Jim Rash verkörpert Bernhard, der als erfolgreicher New Yorker Junggeselle den Frauen die Köpfe verdreht bis sein alter Freund Huey, Saturday Night Live Komiker David Koechner, wieder in sein Leben tritt. Die beiden Männer fallen zurück in alte Muster, Frauen aus dem Leben des jeweils anderen aufzureißen. Eine Komödie über zwei Männer, die sich selbst finden, während sie sich gegenseitig um den Verstand bringen. WELTPREMIERE

Crowhurst, UK 2017, von Simon Rumley

Inspiriert von einer wahren Geschichte erzählt Regisseur Simon Rumley die Geschichte von Donald Crowhurt, einem 35-Jährigen vierfachen Vater, der in See sticht um eine der letzten großen Abenteuer des 20. Jahrhunderts anzutreten – das Sunday Times Golden Race um die Welt. Der Geldpreis verspricht die Lösung aller Probleme des einfaches Elekronikers, und so schlägt der unerfahrene Segler alle Bedenken in den Wind und setzt die Segel. Eine wahre Geschichte, die Simon Rumley mit dem ihm eigenen Sinn für die dunkle und bizarren Abgründe im menschlichen Wesen umsetzt. Eine Reise in absolute Einsamkeit die sich immer weiter vom Kurs der Ratio entfernt. Simon Rumleys Kultstatus der Genre- und Underground Fans wird hier mit einer neuen Facette seiner Erzählkunst bereichert. WELTPREMIERE

Fashionista, USA 2017, von Simon Rumley

Das Leben der Secondhandladen-Besitzerin April zerbricht, als sie herausfindet, dass ihr Ehemann eine Affäre mit ihrer Mitarbeiter hat. Um Vergeltung zu üben, beginnt April ihrerseits daraufhin ein Verhältnis mit einem reichen Playboy, einem narzisstischen Kontroll-Freak mit extremen sexuellen Vorlieben. Sie flieht sich in ihre fast fetischartige Sucht nach „Fashion“ – und das nicht nur auf Kosten ihres Verstandes. Simon Rumley trägt ein grassierendes Phänomen unserer Zeit in das Genrekino und erzählt die Geschichte eines Fashion-Victims als tragische Fetisch Lovestory. Seine Hauptdarstellerin Amanda Fuller ist spätestens seit Rumleys hochgelobtem „Red White & Blue“ ein Darling der Indie-Underground Szene und liefert hier als April eine beängstigend gute Performance ab. DEUTSCHLANDPREMIERE

Junk Head, Japan 2017, von Takahide Hori

“Eine Reise von tausend Meilen beginnt mit einem einzigen Schritt” – Im Fall des japanischen Künstler Takahide Hori begann diese Reise mit einer ersten Einstellung, einem ersten Bild. Nach unzähligen weiteren Einzelbildern, Momenten und selbstgebauten Settings, nach insgesamt 7 Jahren Arbeit, entführt Hori seine Zuschauer mit einem einzigartigen Stop-Motion-Epos in eine
weit entfernte Zukunft und eine zutiefst berührende, menschliche Geschichte. 1200 Jahre nach der Rebellion der Klone schicken die Menschen einen Expeditionstrupp tief hinunter zum Unterreich ihrer Nemesis, um wichtige Informationen zur Rettung der menschlichen Spezies zu sammeln. Der Begriff „Unabhängigkeit“ erfährt mit diesem Film eine neue Definition. Regie, Buch, Schnitt,
Kamera, Bauten und sogar einige der Stimmer der Figuren gehen auf das Konto des obsessiven Filmemachers. EUROPAPREMIERE

Quest, USA 2017, von Santiago Rizzo

Auf der Grundlage seines eigenen Lebens erzählt Santiago Rizzo die inspirierende Geschichte eines verlorenen Teenagers, die von seinem Mentor und Lehrer geschrieben wurde, der sein Leben rettete – Tim Moellering. Im Jahr 1995 geriet der 13-jährige Mills auf die Straße, als er der häuslichen
Gewalt seines Stiefvaters zu entkommen versucht. Er wird von der Polizei aufgegriffen, landet in Jugendstrafe und findet Freunde unter einer Sprayer Gang. Graffiti wird sein Ruf nach Freiheit und Hilfe. Während das System versagt, stellt ein Mann an seine Seite und weigert sich, den Jungen aufzugeben. Dash Mihok spielt diese Rolle des Tim Moellering mit Zurückhaltung und Eindringlichkeit und Hollywood Legende Lou Diamond Phillips glänzt als brutaler, seelisch vernarbter Stiefvater. Santiago Rizzi umschifft alle Gefahren zu großer Nähe zur Story und berührt nachhaltig mit diesem bemerkenswerten Debüt. WELTPREMIERE

Touched, Kanada 2017, von Karl R. Hearne

Nach seinen preisgekrönten Kurzfilmen, die bei so prestigeträchtigen Festivals wie Toronto und SXSW in Austin uraufgeführt wurden, legt Karl R. Hearne mit „Touched“ nun sein Spielfilmdebut vor. Teils Mystery Story, teils Geistergeschichte, verwebt Hearne so elegant wie gekonnt Genres zwischen Drama und Horror in dieser psychologisch ausgefeilten und emotional tiefgehenden Geschichte um zwei einsame Wesen, die ohne Liebe aufgewachsen sind. Hearne zeigt die zerbrechliche Kraft der menschlichen Güte und erzählt dennoch eine Geschichte, die sich dem Genre des Thrillers bedrohlich annähert. Ein außergewöhnliches Debüt. WELTPREMIERE

Blu-ray-Rezension: „Die Weibchen“

Von , 27. Juli 2017 08:58

Nach einer unglücklichen Affäre mit ihrem Chef ist die junge Eve (Uschi Glas) einem Nervenzusammenbruch nahe und reist zu einer sechswöchigen Kur nach Bad Marein. Dort begibt sie sich in das Sanatorium von Dr. Barbara (Gisela Fischer). Seltsamerweise scheint es in Bad Marein außer dem unheimlichen Gärtner des Sanatoriums und einem halb verrückten Kommissar nur Frauen zu geben. Eines Tages hat eine dreiköpfige Männergruppe im Ort eine Reifenpanne. Die drei Männer nutzen die Gunst der Stunde, um mit den Damen im Sanatorium zu flirten. Doch bereits in der ersten Nacht entdeckt Eve einen der Männer mit einem Messer im Rücken in einem Schrank liegend und bricht zusammen. Am nächsten Tag ist von der Leiche nichts mehr zu entdecken. Auch der schmierigen Tommy (Giorgio Ardisson) und sein Kumpel Leo (Klaus Dahlen) machen sich keine Sorgen um ihren Freund. Der wäre wohl nach Hause zu Frau und Kindern. Eve macht sich – unterstützt von dem ebenfalls in Bad Marein gestrandeten, gutaussehenden Johnny (Alain Noury) daran, das Geheimnis des Sanatoriums und des Städtchens aufzudecken…

Zbyněk Brynych als „Geheimtipp“ oder „Vergessenen“ zu bezeichnen, ist in den jetzigen Zeiten nicht mehr ganz richtig. Dank der unermüdlichen Arbeit von Cinephilen wie Rainer Knepperges oder dem Regisseur Dominik Graf, ist Zbyněk Brynych mittlerweile (endlich!) ins kollektive Filmgedächtnis der Kino-Republik vorgedrungen. Dort nimmt er nun den Platz ein, der ihm gebührt. Den eines Meisters seiner Zunft. Eines Mannes, der in den frühen 70ern in Deutschland Kino wie kein anderer machte, der TV-Krimiserien wie „Der Kommissar“, „Derrick“ oder „Der Alte“ auf heute unfassbare Höhen trieb. Der sich über den Umweg der Krimiserie austoben konnte und zeigte, dass auch „Routineprodukte“ Raum für große Kunst bieten – wenn man es nur will und die Freiheit genießt, seine Vision umzusetzen. Etwas, das vor 30-40 Jahren noch möglich war und heute fast unglaublich erscheint. Gerade jetzt, wo ich diese Zeilen schreibe, widmet das Zeughauskino und das Tschechische Zentrum in Berlin Zbyněk Brynych eine umfangreiche Retrospektive. Ich selbst kam 1999 erstmals mit dem Tschechen in Kontakt, als ich in der leider viel, viel zu kurzlebigen Fanzine „Absurd 3000“ über seinen großartigen Film „Engel, die ihre Flügel verbrennen“ lesen konnte. Leider ist dieser Film, den ich persönlich sogar noch knapp dem hier zu besprechenden „Die Weibchen“ überlegen finde, bisher nur auf VHS erschienen. Eine digitale Heimkinoumsetzung (am Besten auf Bluray) steht hier ebenso aus, wie bei dem ersten Film seiner deutschen Kino-Trilogie :“O Happy Day“.

Es treibt einem die Tränen in die Augen, wenn man daran denkt, wie stiefmütterlich dieser großartige Filmzauberer hierzulande noch immer behandelt wird. Von seinen tschechischen Filmen haben es gerade mal zwei auf preisgünstige DVD-Veröffentlichungen geschafft. Dann gibt es nur noch seinen TV-Dreiteiler „Die Nacht von Lissabon“ und seine TV-Krimi-Episoden (neben den oben erwähnten noch gut die Hälfte aller „Polizeiinspektion 1“-Folgen). Umso mehr Anlass zur Freude und großem Applaus liefert die hier vorgestellte, liebevolle Veröffentlichung von „Die Weibchen“ durch das wundervolle Label „Bildstörung“. Dieses hat den Film in perfekter Qualität und mit vielen aufschlussreichen Extras, sowie einer bisher unbekannten Langfassung, einer breiten Öffentlichkeit zugänglich macht, die weder die VHS besitzen, noch die Möglichkeit hatten, den Film irgendwo auf in einer 35mm-Vorführung zu sehen. Und im TV findet deutscher Film aus den vergangenen Jahrzehnten ja eh so gut wie nicht mehr statt.

In „Die Weibchen“ feuert Zbyněk Brynych mithilfe seines kongenialen Kameramannes Charly Steinberger (der u.a. auch den ganz wundervollen „Deep End“ von Jerzy Skolimowksi fotografierte) aus vollen Rohren. Schon die grandiose Fischaugenfahrt ganz am Anfang des Filmes zeigt, wohin die Reise führt. In ein merkwürdiges, surreales Land des Wahnsinns. Immer wieder schauen Personen direkt in die Kamera und irritieren dadurch den Zuschauer. Seien es von der Kamera scheinbar zufällig eingefangene Passantinnen, die durch das Städtchen Bad Marein flanieren oder harmlos auf Bänken sitzende Gruppen von Frauen jeden Alters, die wie Geheimpolizisten wirken. Immer wieder verleiht ein ungewöhnlicher, fremder Winkel der Kamera ganz normalen Gesten, wie dem Reichen der Hand, eine unheimlich-bedrohliche Qualität. Brynych entreißt Steinbergers Kamera jeglichen Fesseln. Da gibt es lange Plansequenzen mit der Handkamera, es wird wie irre im Kreis gewirbelt und durch kleine Tricks die Grenze von Realität und Traum verschoben. Nie kann man sich sich bei Brynych sicher sein, ob der Boden auf dem sich seine Figuren bewegen, nicht schwankt und gleich das ganze Szenario mit einem Haps verschluckt. Dazu knallt Peter Thomas unglaublich fetzige Musik aus den Lautsprechern und vernebelt einem noch zusätzlich die Sinne. Wobei es nicht fair wäre, Thomas‘ Beitrag ganz auf die direkt vom Ohr über das Hirn in die Beine schießende Mucke zu reduzieren. Denn wer genau hinhört, der bemerkt auch die leisen-bedrohlichen Zwischentöne.

Zbyněk Brynych füllt seinen Film mit unzähligen, wunderbar absurden Details. Sei es das markante, schreiend gelbe Buch „S.C.U.M – Manifest der Gesellschaft zur Vernichtung der Männer“ von Valerie Solanas (nebenbei die Frau, die 1968 auf Andy Warhol schoss), welches überall auftaucht. Oder die Gottesbeterinnen-Analogie. Die hohlen Männergestalten, die vor lauter Potenz-Geprotze es gar nicht merkwürdig finden, dass ihre Kumpels plötzlich ohne jede Nachricht verschwinden. Der verrückte Kommissar, dessen offensichtlich nicht wirklich gesunder Geisteszustand niemanden wundert und den Brynych mit einem schmucken Pastorenkragen ausstaffiert hat. Nein, hier sind wir nicht mehr in dieser Welt, sondern in einer bizarren Parodie des muffigen Deutschlands, eine hysterischen Welt des Überfeminismus und der holzköpfigen Männer. Bei Brynych sind es keine Menschen, die durch diesen fremdartigen Ort stolpern, sondern hohle Figuren, die ganz ihrer Funktion untergeordnet sind. Und deren Unfähigkeit (Eve) oder Unwille (Johnny) aus dieser reinen Funktion auszubrechen, letztendlich dazu führt, dass sie von der Geschichte verschlungen werden. Psychisch (wie Eve), oder physisch (wie die Männer). Man kann darüber streiten, ob „Die Weibchen“ nun ein radikal feministischer Film ist, in dem alle Männer als Trottel dargestellt und deren Vernichtung auf Gottesanbeterinnen Art als einziger Weg dargestellt wird, die perfekte Gesellschaft zu erschaffen. In dem die Frauen weitaus intelligenter und raffinierter sind als die triebgesteuerten, arroganten, sich ständig selbst überschätzenden Kerle. Typen, die das andere Geschlecht weder für voll nehmen, noch ihm einen eigenen Willen zugestehen, Oder ist er „Die Weibchen“ das genaue Gegenteil? Ein Film, der durch seinen auf die Spitze getriebenen Feminismus eben jenen einen albernen (oder schlimmer noch bedrohlichen) Anstrich gibt? Der andeutet, dass zu viel Freiheit die Frauen in blutrünstige Bestien verwandelt? Brynychs Film lässt durchaus beide Deutungen zu.

Mit „Die Weibchen“ setzt Bildstörung seine Reihe hervorragender Veröffentlichungen nahtlos fort. Das Bild ist mal wieder makellos und besitzt eine angenehme Kinoanmutung. Ist klar, scharf – aber nicht zu Tode gefiltert. So sollen Veröffentlichungen von über 40 Jahre alten Filmen aussehen. Dass das Bild so gut geworden ist, kann man durchaus als kleines (oder gerne auch größeres) Wunder bezeichnen. Da kein Negativ mehr vorlag, mussten 35mm-Vorführkopien abgetastet werden. Diese hatten aber über die Jahre ziemlich gelitten, wie ein Vorher-Nachher-Ausschnitt im bonusbereich zeigt. Laufstreifen, Filmrisse, Kratzer und Farbstiche mussten mühevoll entfernt werden. Das Resultat kann sich mehr als sehen lassen und dürfte – solange kein verschollenes Negativ mehr auftaucht – die bestemögliche Fassung bleiben. Auch am Ton gibt es nichts zu mäkeln. Dieser liegt nur im Original (also Deutsch) ohne Untertitel vor. Auch die Extras wissen zu überzeugen. Hier gibt es Interviews mit Charly Steinberger (13 Minuten), der sich allerdings nicht ganz wohl vor der Kamera zu fühlen scheint, sowie Hauptdarstellerin Uschi Glas (15 Minuten), die hier überraschend sympathisch rüber kommt und recht stolz auf den Film ist. Überhaupt redet sie gerne über ihre alten Filme – und hiermit ist nicht nur „Zur Sache, Schätzchen“ gemeint. Also besonders interessant entpuppt sich auch ein Feature, in dem Domik Graf, Olaf Möller und Rainer Knepperges 40 Minuten lang den „wundersam fröhlichen tschechischen Herrn“ Zbyněk Brynych vorstellen. Ein ganz besodnerer Bonus ist eine bisher unbekannte Langfassung des Filmes, die fast 15 Minuten länger läuft. Ferner gibt es ausser den obligatorischen Bildergalerien, dem Kinotrailer und dem italiensichen Vorspann noch einen Audiokommentar mit Gerd Naumann, Bodo Traber, Christopher Klaese und Matthias Künnecke, sowie ein 32-seitiges Booklet mit einem Text von Frank Noack und einem Interview mit Zbynek Brynych. Jetzt kann man nur noch darauf hoffen, dass sich Bildstörung auch irgendwann der beiden anderen Brynych-Film „O Happy Day“ und „Engel, die ihre Flügel verbrennen“ annimmt. Das wäre dann wie Weihnachten und Ostern an einem Tag.

Schauburg: „Sie nannten ihn Spencer“ mit Regisseur Karl-Martin Pold

Von , 19. Juli 2017 15:31

Am nächsten Mittwoch, dem 26. Juli, feiert um 21:00 Uhr die Mischung aus Roadmovie und Dokumentarfilm „Sie nannten ihn Spencerin der Schauburg Vorpremiere. Mit dabei ist Regisseur Karl-Martin Pold.

„Sie nannten ihn Spencer“ handelt von zwei riesigen Bud-Spencer-Fans, die sich ihren Lebenstraum erfüllen wollen: Einmal ihr Idol persönlich kennenlernen. Dazu unternehmen die Beiden eine Reise quer durch Europa, bei der sie zahlreiche Weggefährten von Carlo Pedersoli, wie Spencer mit bürgerlichem Namen heißt, treffen, darunter dessen kongenialen Leinwandpartner Terrence Hill oder Hills deutschen Synchronsprecher Thomas Danneberg.

Der knapp über zweistündige Film erscheint fast genau ein Jahr nach dem Bud Spencers Tod, was sich erst einmal nach einem schnellen cash in anhört. Tatsächlich aber arbeitete Regisseur Karl-Martin Pold insgesamt acht Jahre intensiv an seinem Film, der letztendlich nur durch ein sehr erfolgreiches Crowdfunding und die Unterstützung zahlreicher Bud-Spencer-Fans realisiert werden konnte.

Ich möchte hier nicht verschweigen, dass ich über den Film bisher sehr gemischte Kritiken gelesen habe, die von absoluter Begeisterung bis zu sehr enttäuschten Verrissen reichen. Am nächsten Mittwoch kann sich aber ja jeder Interessierte in der Schauburg selbst ein Bild von dem Film machen und den anwesenden Regisseur mit Fragen bombardieren.

Nachruf: George A. Romero (1940-2017)

Von , 18. Juli 2017 20:47

Einem Feuersturm gleich rauschte am Sonntagabend die Nachricht durch meine sozialen Netzwerke, dass George A. Romero gestorben ist. Dass diese traurige Nachricht in Windeseile meine Timeline auf Facebook füllte, zeigte mir einerseits, dass ich dort mit den richtigen Leuten verbunden bin, und andererseits, wie viel George A. Romero so vielen Menschen bedeutet hat.

In den Feuilletons war gestern immer wieder die Rede vom „Vater des modernen Horrorfilms“. Das mag stimmen, engt aber die Wahrnehmung etwas zu stark ein. Ja, natürlich ist Romero in erster Linie für seine Zombiefilme bekannt. Für „Night of the Living Dead“, der in der Tat der Anfang einer neuen Geschichtsschreibung im Horrorfilm war. Für den vielgeliebten „Dawn of the Dead“, der erst recht seinen Kultstatus untermauerte – auch wenn viele Leute hierzulande nur die von Mit-Produzent Dario Argento angefertigte, sehr viel rasanteren Schnittfassung kennen – und nicht die längere, langsamere – aber auch böserer und mit hintersinnigem, schwarzen Humor angereicherte US-Schnittfassung (von dem später entstandenen Director’s Cut mal ganz zu schweigen). „Day of the Dead“ war schließlich lange Zeit der etwas unbeliebtere Nachzügler (ein Kompromiss-Produkt, da Romero seine ursprünglich sehr viel größere Vision finanziell nicht realisieren konnte), dessen Qualitäten erst mit den Jahren entdeckt wurden.

Dabei fallen seine Versuche aus dem Ghetto des „Zombie-Opas“ auszubrechen leider allzu häufig unter den Tisch. Wie sein vielleicht reifster Film „Martin“, der den Vampirmythos dekonstruiert und offen lässt, ob sein durch die heruntergekommene Stahlstadt Pittsburgh wandernder Protagonist nun wirklich ein Vampir ist oder nicht. „The Crazies“ und die Horror-Comic-Verfilmung „Creepshow“, die er mit seinem guten Freund Stephen King realisierte, sind noch sehr beliebt, aber wer kennt „Season of the Witch“ – den er trotz des eines okkulten Themas selber nicht als Horrorfilm bezeichnete – und seine romantische Komödie „There Is Always Vanilla“ (die er zugegebenermaßen selber nicht mochte)? Tatsächlich hat sich Romero vor allem mit seinen Zombiefilmen ein Denkmal gesetzt – und ein Gefängnis gebaut. Denn in den späteren Jahren und nach dem immensen Flop seines Filmes „Bruiser“ dauerte es ein halbes Jahrzehnt bis er wieder einen Film finanziert bekam. Und dies auch nur, da nach dem extrem erfolgreichen Remake seines eigenen „Dawn of the Dead“ durch Zack Snyder (an dem er nicht beteiligt war) Zombiefilme wieder schwer en vogue waren.

So konnte Romero noch einmal mit „Land of..“, „Diary of…“ und „Survival of the Dead“ eine Folgetrilogie realisieren, die nicht überall auf Applaus stieß. Gerade „Diary“, der zudem das preisgünstige, aber auch 2007 schon inflationären Found-Footage-Genre zugeordnet werden kann, musste viel Kritik einstecken. Auch „Survival“ wurde nicht von jedem positiv aufgenommen. Ein häufiger Vorwurf war, dass sich Romero wiederholen und seine sozialkritische Botschaft zu dick auftragen würde. Dabei war es gerade dieser doppelte Boden, der ihn von anderen Filmemachern, die sich im Horrorgenre versuchten, abhob.

In Romeros Filmen gab es immer diese zweite Ebene, die der Gesellschaft mit viel schwarzem Humor einen Spiegel vorhielt. In Romeros Filmen scheitert der Mensch nie an den Untoten oder den übernatürlichen Feinden – sondern immer an sich selbst. Dem Egoismus, der grenzenlosen Gedankenlosigkeit, den Vorurteilen und der Unfähigkeit auch unter Druck zusammenzuarbeiten. So war beispielsweise die Stephen-King-Verfilmung „Stark – The Dark Half“ ein perfekter Romero-Film. Am Ende muss der Held gegen seine eigene, dunkle Seiten kämpfen. Kein übernatürlicher Killer der irgendwo aus dem Nichts gekommen ist, sondern ein Teil seiner selbst. Gerade dieser Subtext sprach vielen seiner Fans aus der Seele.

Romeros Horrorfilme waren immer etwas mehr. Eine kritische Auseinandersetzung mit dem Menschen und der Gesellschaft, die er erschaffen hat. Und dies ganz ohne erhobenen Zeigefinger. Romeros letztes vollendetes Projekt war wieder eine Zombie-Geschichte: Die Comic-Reihe „Empire of the Dead“. Obwohl diese aufgrund der schieren Masse der Themen, die hier verarbeitet wurden, gescheitert ist, blieb sich Romero doch auch hier immer treu.

George A. Romero starb am  16. Juli 2017 in Toronto mit nur 77 Jahren nach einem  kurzen, aber intensiven Kampf an Lungenkrebs. Er ist friedlich eingeschlafen, zur Musik seines Lieblingsfilmes: „Der Sieger“ von John Ford. Er wird fehlen.

DVD-Rezension: „Die rote Schlinge“

Von , 13. Juli 2017 06:36

Lieutenant Duke Halliday (Robert Mitchum) wurden von dem Betrüger Jim Fiske (Patric Knowles) 300.000 US-Dollar geraubt, die als Lohn für die Soldaten gedacht waren. Da Halliday von seinem Vorgesetzten Captain Blake (William Bendix) beschuldigt wird, sich das Geld selber unter den Nagel gerissen zu haben, reist Halliday nach Mexiko, um dort Fiske zu stellen und seinen Namen wieder reinzuwaschen. Dabei wird er von Blake verfolgt, der Halliday weiterhin für den Täter hält. In Vera Cruz begegnet er Joan Graham (Janet Greer), die auch noch ein Hühnchen mit Fiske zu rupfen hat…

Warum „The Big Steal“ in Deutschland den an Edgar Wallace gemahnenden Titel „Die rote Schlinge“ aufgedrückt bekam, will sich mir nicht partout erschließen. Eine Schlinge kommt hier jedenfalls nicht vor und eine rote erst recht nicht. Auch symbolisch wusste ich nicht, worauf eine „Rote Schlinge“ anspielen soll. Vielleicht fand der deutsche Titeltexter den Klang einfach toll. Der rasante Film ist auch kein Mystery-Krimi, sondern eine verwegene Mischung aus Action, Screwball-Elementen und Film Noir. Im Grunde erzählt „Die rote Schlinge“ in knackigen 71 Minuten von einer Verfolgungsjagd, die für gut die Hälfte der Laufzeit über in Autos ausgetragen wird. Regisseur Don Siegel nahm hier erst zum vierten Mal auf dem Regiestuhl Platz, aber sein Talent für straffe, punktgenaue Inszenierungen ist hier schon gut zu erkennen. Interessant ist auch sein gutes Gespür für Timing, was die Screwball-Elemente angeht. Die schnippischen und immer messerscharfen Bon Mots, die Janet Greer dem in von sich selbst seht überzeugten Robert Mitchum um die Ohren pfeffert, sitzen wie Boxhiebe, welche Mitchum immer wieder seine Deckung verlieren lassen. Das erinnert dann angenehm an solche Gespanne wie Hepburn/Tracy oder Gable/Colbert.

Mitchum und Greer harmonieren perfekt miteinander. Während Mitchum mit einer traumwandlerischen Coolness durch den Film flaniert, spielt Greer eine selbstsichere Frau, die jederzeit Herr über die Lage ist und weiß, dass sie auf keinen Mann angewiesen ist. Dass ihr Charakter dann am Ende doch romantisch veranlagt ist und sich nichts sehnlicher als ein (spieß)bürgerliches Leben mit ihrem Duke Halliday wünscht, ist ein kleiner, wieder dem Zeitgeist geschuldeter Verrat an der Rolle. Allerdings kann man mit etwas guten Willen das Schlussbild, bei dem eine mexikanische Familie mit unzähligen Kindern an dem frisch verliebten Paar vorbei prozessiert, auch als kleiner Triumph für Joan Graham verstanden werden. Da hat sie sich ihren Duke eingefangen und zwingt den Macho in eine Familienrolle, die dieser in seinem ursprünglichen Lebensentwurf sicherlich nicht für sich vorgesehen hat. Nur zwei Jahre zuvor stand das Dream-Team Greer/Mitchum schon einmal in dem brillanten „Über-Noir“ „Goldenes Gift“ als Paar vor der Kamera. Vergleicht man Greers Darstellung als Femme Fatale damals mit ihrer schlagfertigen „Kumpel“-Rolle in „Die rote Schlinge“, mag man kaum glauben, dass man hier dieselbe Schauspielerin vor sich hat. Und noch mehr wundert es einen, dass Greers trocken-komödiantisches Talent nicht in noch mehr Filmen genutzt wurde. Aber 1949 war die hohe Zeit der Screwball-Comedy ja leider auch schon wieder vorbei.

Bemerkenswerterweise konnte Don Siegel seinen Film tatsächlich vor Ort in Mexiko drehen, was der „Roten Schlinge“ eine sonnige Authentizität verleiht, die den finsteren, oftmals im Studio entstandenen Noir-Kollegen oftmals abgeht. Auch wenn die Szenen mit den Hauptdarstellern am Steuer mithilfe von Rückprojektion im Studio zustande kamen, so konnte Siegel für die wilde Jagd doch echte Wagen mit Hochgeschwindigkeit durch die staubige mexikanische Landschaft rasen lassen, was zu vielen „echten“ und damit aufregenden Szenen führt. Ferner behandelt Siegel die Mexikaner hier mit Respekt und denunziert sie nicht als lustige Dritte-Welt-Menschen. Die einzige Person, die in dem ganzen Durcheinander den Überblick behält und allen anderen Figuren immer einen Schritt voraus ist, ist der mexikanische Inspektor General Ortega, der sich sichtlich über die Gringos amüsiert, die ohne Sprachkenntnisse und mit einer gewissen Beherrscher-Mentalität in sein Land kommen, sich dort aufführen, wie die Axt im Wald und sich letztendlich doch nur immer wieder selber aufs Kreuz legen. Dieser ebenso charmante, wie clevere Ortega erinnert ein wenig an Peter Lorres Rolle in dem ein jahr zuvor entstandenen „Casbah – Verbotene Gassen“. Gespielt wird er von einem guten, alten Bekannten: Ramón Novarro, der einst als Ben-Hur in Fred Niblos spektakulären Erstverfilmung von Lewis Wallaces Roman die Herzen reihenweise brach und in den 20er Jahren ein bedeutender Stummfilm-Star und fantastisch aussehender (Leinwand-)Frauenheld war. Leider verlief seine Karriere nach dem Ende der Stummfilmzeit nicht besonders gut. Wozu nicht nur sein starker mexikanischer Akzent beitrug, sondern auch, dass sein Typ nicht mehr besonders gefragt war. Mit seiner Alkoholsucht ruinierte er sich seinen Ruf und sein gutes Aussehen. 1968 endete sein Leben tragisch, als er von jungen Brüderpaar, die sich unter dem Vorwand Novarro sexuelle Dienste anbieten zu wollen, brutal erschlagen wurde.

Don Siegel verbindet in seinem vierten Spielfilm auf rasante Weise Action mit Screwball-Comedy und Film Noir. Unterstützt wird er dabei von seinen hervorragenden Darstellern, die sichtlich Freude an ihren Rollen haben. Bei knackigen 71 Minuten kommt in der episodenhaften Geschichte keine Langweile auf.

„Die rote Schlinge“ ist die Jubiläumsnummer 25 der Film Noir-Reihe aus dem Hause Koch Media. Warum dieser und nicht der populärere „Die Narbenhand“ dafür gewählt wurde, erschließt sich mir nicht, aber wahrscheinlich wurde darüber auch gar nicht nachgedacht. Leider fällt die Qualität der DVD gegenüber anderen Scheiben leicht ab. Das Bild ist in Ordnung, mehr aber auch nicht. Passend zum Jubiläum ist der Extras-Segment diesmal weitaus üppiger als sonst. So gibt es neben einem Audiokommentar von Filmhistoriker B. Jewell noch eine kolorierte Fassung des Filmes als Bonus. Abgesehen von der allgemeinen Fragwürdigkeit der Kolorierung schwarz-weißer Filme, ist die Bildqualität dann aber auch im ganz unteren Bereich des gerade noch annehmbaren angesiedelt. Allerdings ist diese Fassung merkwürdigerweise fast drei Minuten länger als die Schwarz-Weiß-Version. Empfehlenswert ist jedoch das zwar nur viereinhalb-minütige, nichtsdestotrotz aber sehr interessante „Making of“. Da Koch Media nur nackte Check-DVDs für Rezensionen verschickt, kann ich leider wieder nichts zum Booklet von Frank Arnold schreiben.

Blu-ray Rezension: “Captain Kronos – Vampirjäger“

Von , 5. Juli 2017 06:41

Als es in einem Dorf zu seltsamen Todesfällen kommt, ruft der Landarzt Dr. Marcus (John Carson) seinen alten Armeekameraden Captain Kronos (Horst Janson) zu Hilfe. Dieser reist mit seinem Freund, den kauzige Professor Hieronymus Grost (John Cater) und der jungen Carla (Caroline Munro) an. Kronos und Grost sind Vampirexperten und erkennen schon bald, dass hier ein unheimlicher Blutsauger sein Unwesen treibt. Die Spur führt zum Anwesen der Familie des verstorbenen Lord Durward…

Wenn ich an Horst Janson denke, denke ich zuerst einmal an die Sesamstraße. Dort hatte ich zu Kinderzeiten meine erste Begegnung mit dem sympathischen, schlaksigen Blonden. Später lernte ich dann, dass er durch eine TV-Serie namens „Der Bastian“ bekannt geworden war, die ich dann auch irgendwann im Fernsehen sah. Lang, lang ist es her. Dass „der Horst“ auch einmal für die Hammer Studios als „Captain Kronos – Vampirjäger“ unterwegs war, hätte ich mir damals nicht einmal träumen lassen. Umso größer waren meine Augen, als vor 13 Jahren der Film erstmals bei Anolis auf einer mittlerweile vergriffenen DVD erschien. Und man muss sagen, der gute Horst Janson macht seine Sache gar nicht schlecht. Schade, dass „Captain Kronos“ an der Kinokasse schneller als ein Stein sank und auch eine angedachte „Captain Kronos“-Serie nie zustande kam. In dieser sollte Kronos scheinbar – nomen est omen – durch die Zeit reisen und in verschiedenen Epochen Vampire bekämpfen. Eine sehr reizvolle Prämisse. Stattdessen landet der talentierte Horst dann bei Samson, Tiffy und Herrn von Bödefeld. Die Filmgeschichte kann manchmal sehr ungerecht sein.

Dass der Film an der Kinokasse so schlecht abschnitt, lag an der mangelnden Vermarktung durch Hammer, die ihn erst zwei Jahre im Regal liegen ließen, um ihn dann schließlich als untere Hälfte eines Double-Features mit „Frankensteins Höllenmonster“ zu „versenden“. Über die Gründe spekulieren die Macher in den sehr guten Extras der neuen Anolis Bluray. Scheinbar gab es da persönliche Animositäten und Eifersüchteleien von Seiten Michael Carreras‘, der damals der Chef von Hammer war. „Captain Kronos“ fällt auch stilistisch aus der Hammer-Horror-Reihe heraus und ist deutlich als das Kind seines Regisseurs und Drehbuchautoren Brian Clemens zu erkennen. Brian Clemens ist der großartige Kopf hinter den wunderbaren und noch heute sehr beliebten Serien „Mit Schirm, Charme und Melone“ und „Die Profis“. Ähnlich wie in diesen beiden Kultserien (hier ist dieses Unwort endlich mal angebracht), gibt es auch in „Captain Kronos“ eine Pre-Title-Sequenz, die den ersten, geheimnisvollen Mord zeigt, der die eigentliche Handlung ins Rollen bringt und den Titelhelden auf den Plan ruft. Auch sonst besitzt „Captain Kronos“ leichte Krimi-Elemente, wenn der Held und sein Sidekick herausfinden müssen, wer und was hinter den unheimlichen Morden steckt. Dabei lernen wir dann, dass es ganz unterschiedliche Typen von Vampiren gibt.

Dieser Dreh gibt Clemens die Freiheit, sich von vielen Vampirmythen zu verabschieden, und seine ganz eigene Vampirwelt zu kreieren. In dieser treiben die Vampire sehr wohl bei Tageslicht ihr Unwesen und saugen den Opfern nicht das Blut, sondern die Jugend und Lebenskraft aus. Auch die Vernichtung eines Vampirs ist nicht ganz so einfach, da muss man sich erst langsam an die richtige Methode herantasten muss. Was zu einer unglaublich makaber-komischen Szene führt, die irgendwo die berühmte Mordszene in Hitchcocks „Der zerrissene Vorhang“ mit skurrilen Monty-Pythons-Humor verheiratet. Überhaupt ist Clemens Herangehensweise eher leichtfüßig und wie seine bekannteste Serie von einem sympathisch-schrulligen schwarzen Humor durchzogen, aber ganz ohne dass der Film in Klamauk kippen würde. Wäre es nicht schon so ausgelutscht, könnte man hier von „typisch britischen Humor“ sprechen.

Horst Jansons Kronos ist eine interessante Figur. Ein geheimnisvoller Ex-Soldat, der durch die Lande zieht, um Vampire zu jagen. Immer wieder gibt es Hinweise auf seine Geschichte. Vor allem erfährt man, dass er im Krieg schwer verwundet und von Doktor Marcus wieder zusammengeflickt wurde – was zu einer schönen Bemerkung seitens Dr. Marcus‘ führt: „I know you have guts. I saw them“. Seine Familie wurde von Vampiren getötet, er selber von seiner verwandelten Schwester gebissen. Ansonsten bleibt der wortkarge Kronos aber mysteriös. Was sind das für seltsame „chinesische Kräuter“, die er da in seiner Pfeife raucht? Was sollen diese merkwürdigen Gesten mit einem Tuch über dem Gesicht, die er da durchführt? Und vor allem, was ist in der heißen Liebesnacht mit Carla passiert, die ihn am Morgen mit aufgeplatzten Lippen und dem Satz „Du warst heute Nacht etwas grob“ begrüßt? Kronos wird in den Kritiken häufig mit den Helden der Italo-Western verglichen. Ein Vergleich, der nicht ganz von der Hand zu weisen ist, wenngleich Kronos von seiner Art her auch ein wenig an Sherlock Holmes erinnert. Nicht von seinen detektivischen Fähigkeiten her (dafür hat er seinen Prof. Grost), sondern mehr von der schrulligen, undurchschaubaren Art her. Britisch halt.

Bis in die Nebenrollen ist der Film perfekt besetzt. Die wunderschöne Caroline Munro ist wie immer eine Augenweide, und obwohl sie in ihrer Rolle auf die Geliebte Kronos‘ reduziert wird, scheint doch immer wieder ihre Stärke und Unabhängigkeit durch. Sie ist bei Kronos, weil sie sich dazu entschieden hat und sie schläft mit ihm, weil sie es will. Zu keiner Zeit aber hat man das Gefühl, sie mache sich von ihm abhängig oder hänge wie ein verliebter Backfisch an seinen Rockschößen. Ebenfalls erstaunlich ist die Rolle des buckeligen Prof. Grost, der für den lustigen „Watson“ prädestiniert wäre. Doch die Figur des Grost bricht aus dieser Stereotype aus. Sein umfangreiches Wissen wird präsentiert und in einigen Szenen blitzt auf, dass hinter der fröhlich-lustigen Oberfläche so manche tragische Untiefe versteckt ist. Ein großartige Rolle für John Cater. Neben dem zuverlässigen John Carson (der wie auch Cater einige Gastrollen in „Mit Schirm, Charme und Melone“ hatte) als Dr. Marcus, hat Brian Clemes noch einen Kollegen aus ganz alten „Schirm, Charme und Melone“-Zeit untergebracht. Ian Hendry war ursprünglich die Hauptfigur der Serie. Derjenige, der mit John Steed zusammenarbeitet und dessen tragisches Schicksal der Serie ihren Originaltitel „The Avengers“ gab. Hendry hat nur eine kleine, für die eigentliche Handlung vollkommen unwichtige Rolle. Er spielt den Kopf dreier Strolche, die Kronos in einer Taverne ins Jenseits befördern sollen. Doch Hendry hinterlässt hier einen bleibenden Eindruck. Und noch ein „Schirm, Charme und Melone“-Urgestein ist dabei. Komponist Laurie Johnson, der das unsterbliche „Avengers-Theme“ komponierte, darf auch zu „Captain Kronos“ die Musik beisteuern, die hier eher im klassischen Orchestergewand, aber nicht weniger eingängig daherkommt.

Nachdem der Film einst Teil ihrer tollen, lange vergriffenen „Hammer“-DVD-Reihe war, hat Anolis ihn neu auf Blu-ray veröffentlicht und noch mit zahlreichen Extras veredelt. Im Gegensatz zur 2003er Veröffentlichung,die lediglich mit einer „Hammer World of Horror“-Episode aufwarten konnte, wurden bei der Blu-ray ordentlich geklotzt. So wurden gleich vier (v-i-e-r!) Audiokommentare mit dazu gepackt. Von einer australischen Scheibe wurde ein Audikommentar mit Shane Briant, John Carson, Caroline Murno, Brian Clemens und Marcus Hearn übernommen. Den zweiten bestreiten Brian Clemens, Ian Wilson und Marcus Hearn. Zudem wurden zwei neue Audiokommentare produziert. Uwe Sommerlad moderiert ein Gespräch mit Hauptdarsteller Horst Janson und der zweite neue Audiokommentar wird von Dr. Rolf Giesen und Volker Kronz bestritten. Ein besonders Juwel ist auch ein 73-minütiges Gespräch, das Uwe Sommerlad bereits 2003 mit Horst Janson über dessen Karriere und natürlich „Kronos“geführt hat. Ganz besonders hat mir aber das 27-minütigen Treffen von Clemens, Janson, William Hobbs, John Cater, Lois Daine und Caroline Munro, bei einer Sondervorführung des Filmes im März 2008 in Frankreich. Hier unterhalten sich alle bestens gelaunt über den Film und genießen die gemeinsame Zeit. Besonders schön ist es, noch einmal Brian Clemens zu sehen, der leider 2015 verstarb. Laut OFDb befindet sich noch ein 30-minütiger, englischsprachiger (Video-) Kommentar mit Dr. Rolf Giesen und Volker Kronz mit auf der Scheibe. Diesen habe ich aber wohl übersehen. Abgerundet wird das alles von dem kompletten Comic zum Film (als animiertes Feature von 18 Minuten), verschiedenen Kinotrailern, Werberatschlägen, Presseheften, Filmprogrammen und Bildergalerien. Und natürlich auch sehr wichtig: Die Bild- und Tonqualität ist auf gewohnt hohem Standard. Das Bild ist scharf und hat gute Schwarztöne. Dabei ist das Bild auch immer „kinogetreu“ und nicht leblos gefiltert. Sowohl der deutsche, wie der englische Ton sind klar und sehr gut verständlich. Die deutsche Tonspur wurde für die 2003er Veröffentlichung (der Film lief hierzulande zuvor nie im Kino, Fernsehen oder Video) angefertigt. Hier darf Horst Janson sich auch endlich selber sprechen, denn für die englische Tonspur wurde er damals (von einer unpassenden und viel zu alt klingenden Stimme) nachsynchronisiert.

„35 Millimeter“-Magazin: Ausgabe 21 erhältlich

Von , 1. Juli 2017 15:55

Eigenlob stinkt, aber in diesem Falle muss ich ganz ehrlich sagen, dass ich verdammt stolz bin auf das „35 Millimeter Retro-Filmmagazin“ für das ich jetzt schon seit zwei Jahren regelmäßig schreibe, und welches ich seit letztem Jahr auch als stellvertretender Chefredakteur mitverantworte. Die letzten beiden Ausgaben waren meiner Meinung nach das bisher Beste, was wir bisher veröffentlicht haben. Mein großes Kompliment an meine tollen Mitstreiter! Dazu ist die neue Ausgabe auf richtig dick geworden. So macht diese Aufgabe wirklich sehr viel Freude. Für das aktuelle Heft habe ich so einiges zu der „Czarna Seria“ geschrieben, einer Reihe von Dokumentarfilmen, die Mitte der 50er in Polen entstanden sind. Und eine Besprechung der „Dorothea Angermann“-DVD stammt auch von mir.

Titelstory: DER DOKUMENTARFILM

Titelstory – Der Mensch und die Masse

Titelstory – Walt Disney – True-Life-Adventures – das Unterhaltungskino entdeckt die Dokumentation

Titelstory – Arne Sucksdorff – Eine gespaltene Welt

Titelstory – Die „Czarna Seria“ – Polens schwarze Wirklichkeit

Titelstory – Mondo Cane – Alternative Fakten im Dokumentarfilm

Titelstory – Direct Cinema – Erklär mir die Welt

Titelstory – John Grierson – Vater des Dokumentarfilms

Titelstory – LUIS BUÑUEL – Las Hurdes – Land ohne Brot

DAS WERK EINES MEISTERS IST ZU ENTDECKEN – Josef von Sternberg – Teil 1: Das Spiel von Licht und Schatten

NACHTS IM NEBEL AN DER THEMSE – Die frühen deutschen Wallace-Filme

AUS DEM NACHMITTAG EINES FAUNS – Naturalismus und Symbolismus in Manuel Luís Vieiras O FAUNO DAS MONTANHAS

LON CHANEYS FINSTERE GEHEIMNISSE – DIE INNER SANCTUM-MYSTERIES – Teil 2

UNIVERSAL HORROR – Marketingkonstrukt oder Subgenre? – Teil 1

MR. WONG, DETECTIVE – Hollywoods vergessener Detektiv

INDIA CINEMA – Bimal Roy (Regisseur) – Ein schweigsamer Meister Indiens

DIE TOTEN AUGEN DES DR. DRACULA – Mario Bava Collectors Edition Nr. 3

DER FREMDE BLICK – Michelangelo Antonioni und seine Filme – Teil 4: Die Freundinnen und Der Schrei

KAFKA GEHT INS KINO – Eine Zeitreise in Die Anfangszeit der bewegten Bilder

KOLUMNE: DER VERGESSENE FILM – Der Magier (1926)

Heft #21 kann man HIER für € 4,00 zzgl. Versand beziehen.

DVD-Rezension: „Humanoid – Der letzte Kampf der Menschheit“

Von , 28. Juni 2017 06:41

Im Jahre 2307 wird die Erde von Eis und Schnee bedeckt. Die Reste der Menschheit haben sich in unterirdischen Siedlungen geflüchtet. Für die oberirdisch zu erledigende Arbeiten (und die Bordelle unter dem Eis) wurden sogenannt Humanoids (kurz „Noids“ genannt) geschaffen. Eines Tages kommt es zur Rebellion der Noids, die brutal niedergeschlagen wird. Doch einem der Rebellen, ASH-393 (Branden Coles), gelingt die Flucht. Fünf Jahre später wird Soldat Bishop (Paul Sidhu) von seinem Vorgesetzten General Trajan (Brad Potts) reaktiviert, um eine kleine Truppe an der Erdoberfläche zu begleiten und AHS-393 endlich einzufangen. Bishops Frau war während der Rebellion umgekommen und Trajan berichtet Bishop nun, ASH-393 habe seinerzeit Bishops ungeborenes Kind aus dem Mutterleib gerissen. Die Hoffnung, sein Kind lebendig zu finden, treibt Bishop nun an. Doch AHS-393 in der sogenannten „Todeszone“ dingfest zu machen, stellt sich als fast unmöglich heraus…

Gehen einem die Hauptdarsteller eines Films bereits nach wenigen Minuten tierisch auf die Nerven, dann weiß man, dass ein langer, harter Weg bis zum Ende vor einem liegt. Im besten Fall, kann man abschalten, manchmal muss man aber auch bis zum Schluss durchhalten – zum Beispiel, wenn man den Film besprechen will. Nun gibt es Filme, die sich durchaus lohnen gesehen zu werden, auch wenn einem die handelnden Personen durch die Bank unsympathisch bleiben. „Humanoid – Der letzte Kampf der Menschheit“ gehört aber leider nicht in diese Kategorie. Völlig ironiefrei wird hier mit viel geflüstertem Pathos ein billiges Klischee an das andere gereiht. Was hier alles an vollkommen überzogenen Standardsituationen aus den letzten 30 Jahren Actionkino aus der Mottenkiste geholt wird, das würde sich noch nicht einmal ein minderbegabter Parodist trauen. Klar, dem Mut, einfach mal wirklich jedes Klischee zu erfüllen und dieses dann noch ohne Anflug von Humor ins Lächerliche zu erhöhen, gebührt irgendwo auch Respekt. Leider ist das Resultat so schrecklich blöd und fade, dass man sein Haupt vor lauter Fremdschämen nur noch in beiden Händen wiegen möchte.

Schon der Auftakt lässt Schlimmes erahnen. Eine Gruppe rauer Gesellen wird losgeschickt, um den Anführer rebellierender Klone, die sich in der zugefrorenen „Todeszone“ zurückgezogen haben, zu fangen und zu töten. Diese Gruppe ist dann auch typengerecht mit einem großmäuligen Farbigen, einer blonden Nazi-Braut und einem coolen Asiaten besetzt. Ja, ein unscheinbarer Hipster gehört auch dazu, ist aber (natürlich) der Bruder des Hauptdarstellers. Diese tolle Truppe hat dann auch etwas zu oft „Aliens – Die Rückkehr“ gesehen und übertrifft den Nervfaktor der „Space Marines“ noch bei weitem. Kein Dialog, währenddessen die harten Jungs und das extra-taffe Mädel mit Hitler-Schwäche nicht lauthals lachend den Kopf in den Nacken werfen, sich High-Fives zuwerfen und sich gegenseitig mit blöden Anmach-Sprüchen voll labern. Ja, denen wünscht man dann in der Tat einen noch schnelleren Tod als dem Teenie-Kanonenfutter in einem unterdurchschnittlichen Slasher-Film.

Hauptfigur „Bishop“ (ist das jetzt eine „Aliens“ oder eine X-Men-Referenz? Eine eigenständige Idee der Macher schließe ich hier aus, und die dekorative Narbe auf Bishops Gesicht lässt letzteres vermuten) wird mit einer wilden Perücke und angeklebten Rauschebart als Säufer (bzw. Drogenabhängiger) eingeführt, der nach dem Tod seiner Frau den Halt unter den Füssen verloren hat. Klar, keine zwei Minuten später ist der Bart dann gestutzt und der Gute wieder clean, aber so ein Held braucht halt ein Trauma. Hauptdarsteller Paul Sidhu ist auch für die Story verantwortlich, auf der das Drehbuch beruht. Und es ist ja auch nett, dass das Babyface mit den Kayalstrichen unter den Augen sich die Rolle eines schweigsamen, harten Actionhelden auf den nicht gerade massigen Leib geschrieben hat. Man hätte sich nur gewünscht, er hätte etwas mehr Fantasie gehabt und nicht so einen tristen Quatsch fabriziert, dessen größte Überraschung darin besteht, dass nun aber auch wirklich jede – JEDE! – Standardsituation vorkommt, die man sich denken kann. Keine Originalität, keine Überraschung – nirgendwo. Da fällt dann Sidhus Mangel an schauspielerischen Talent und die komplette Abwesenheit von irgendwelcher Charisma umso deutlicher ins Gewicht. Das größte Wunder dieses Films ist es dann auch, dass irgendjemanden scheinbar das Drehbuch so gut gefiel, dass er dafür etwas Geld locker gemacht hat, statt Sidhu & Co. damit vom Hof zu jagen. Vielleicht lag es ja an Regisseur Joey Curtis dessen Erstling „Streets of Legend“ immerhin mal auf dem Sundance einen Preis gewann. Dies war zwar „nur“ der Cinematography Award für Kameramann Derek Cianfrance (der später selber als Regisseur tätig wurde und mit „Blue Valentine“ – bei dem Joey Curtis am Drehbuch mitschrieb! – und „The Place Beyond the Pines“ für Furore sorgte), aber scheinbar reichte das irgendeinem Produzenten aus, der nicht gesehen hat, dass „Streets of Legend“ in der IMDb eine Wertung von gerade einmal 2,8/10 hat. Eine Zahl, die ich auch auf seinen „Humanoid“ übertragen würde.

Bei „Humanoid“ hat Curtis keinen Derek Cianfrance zur Hand. Die Kamera wird hier von Ian Coad geführt, der damit keine Wunder vollbringt. Während der Actionszenen wird sie halt viel geschüttelt, ansonsten bewegt man sich auf durchschnittlichem TV-Niveau. Leider kann auch nie kaschiert werden, dass die Sets sehr billig aussehen und zu gefühlt 80% aus dem Computer stammen. Eine wirkliche Fusion von realen und Computerbildern findet auch nie statt. Ständig sieht es so aus, als wenn man irgendwo im Hinterhof gefilmt und da einfach ein paar Computereffekte drübergelegt hätte. Das beißt sich dann natürlich mit der (zugegeben nicht so schlechten) Power-Musik und Paul Sidhus mit rauer Stimme hin geflüsterten Monologen, die von Einsamkeit, dem Schmerz in seinem Leben und die Feindlichkeit der Welt handeln. Dabei wäre die Geschichte um die Humanoids – mutierte Klons, die menschenähnlicher wurden, als es ihren Erschaffern lieb war – durchaus Potenzial für einen guten Unterhaltungsfilm. Auch wenn man sie seit „Blade Runner“ nun schon tausendfach gesehen hat. Doch dann kommt auch schon wieder der Holzhammer raus und völlig subtil darf Nazi-Bitch Kix aus „Mein Kampf“ zitieren und was von überlegenden Rassen faseln. Ja, ja.. verstanden. Die Botschaft kam an. Die Humanoids sind dann auch der einzige positive Aspekt des Films. Die Szene, in der ein zotteliger Humanoid wie ein Berserker um sich schnappt, ist eines der rar gesäten Highlights des Filmes. Auch Branden Coles in der Rolle des gesuchten ASH-393 macht seine Sache besser als der Rest der Darsteller. Schade, dass hier nicht der Fokus lag. Am Ende bleibt dann doch nur die Erkenntnis: Die weiblichen Lust-Modelle der Humanoids haben große Brüste in denen sie Milch herstellen, welche hervorragend zu Keksen schmeckt. Mehr bleibt jetzt auch nicht zu sagen. Prost!

Hier wird völlig ironiefrei ein vollkommen ausgelutschtes Klischee an das Andere geklebt. Der fade Hauptdarsteller stolpert zusammen mit einigen hochgradig unsympathischen Stereotypen talentfrei durch die öde und vorhersehbare Story. Einzig die titelgebenden Humanoids zeigen etwas Potential.

Die Ascot Elite DVD bietet den Film im guten Durchschnitt. Das Bild ist okay, neigt manchmal allerdings dazu, ein wenig Schäfte vermissen zu lassen und insgesamt „milchig“ zu wirken. Dies könnte aber auch ein gewollter digitaler Effekt sein, um Eiseskälte zu simulieren. Der Ton ist sehr Basslastig. Die O-Tonspur weißt in manchen Dialogszenen leichte Tonschwankungen auf, die aber hörbar bei den Aufnahmen entstanden sein müssen. Die deutsche Synchro ist nicht besonders toll, aber auch nicht wirklich schlecht. Als Extras gibt es zwei entfallen Szenen, die ich mir aber nicht mehr angeschaut habe – und natürlich Trailer.

Am Mittwoch: WEIRD XPERIENCE mit Action-Double-Feature beim Schlachthof Open-Air-Kino

Von , 23. Juni 2017 12:47

Schlag auf Schlag geht es für die Reihe Weird Xperience, die ich zusammen mit Stefan kuratiere und moderiere. Am nächsten Sonntag, den 25. Juni ab 20:00 Uhr  ACHTUNG: Wegen Regen auf Mittwoch, den 28. Juni nochmals verschoben auf Sonntag, den 2.Juli um 15:00 Uhr! heißt es beim Open-Air-Kino am Schlachthof ACTION!

Zuerst zeigen wir „Frankensteins Todesrennen“ von 1975 aus der Roger-Corman-Schmiede. In den faschistoiden USA der damaligen Zukunft wird die Masse mit einem gewaltverherrlichenden TV-Programm ruhig gehalten. Höhepunkt ist das „Death Race 2000“ (so auch der Originaltitel). An den Lenkern: David Carradine (bekannt aus der TV-Serie „Kung Fu“ und natürlich „Kill Bill“) und ein junger Sylvester Stallone vor seinem Durchbruch mit „Rocky“. Sly darf hier den bösen Wicht Machine Gun Joe Viterbo spielen, der förmlich über Leichen fährt, denn für das Töten von Passanten gibt es bei diesem Todesrennen schließlich Bonuspunkte, die von Geschlecht und Alter der Opfer abhängig sind. Der gefeierte Fahrer Frankenstein (Carradine) gilt als Mann der Regierung und ahnt nicht, dass seine Copilotin Annie Mitglied einer Widerstandsbewegung ist, die ihm nach dem Leben trachtet. Frankenstein ist jedoch keine Marionette des Systems und verfolgt eigene Pläne.

Trashfilm-Pionier und Kultfigur Paul Bartels (immerhin Jurymitglied der Berlinale im Jahr 1979) führte bei diese actionreichen Polit-Satire Regie. Produziert wurde sie von der Legende Roger Corman, der sich damit an den Erfolg von „Rollerball“ heften wollte. 2008 folgte ein erstes Remake mit Jason Statham in der Carradine-Rolle, welches noch zwei Direct-to-video-Sequels bekam. Eine offizielle Fortsetzung produzierte Roger Corman letztes Jahr unter dem Titel „Death Race 2050“ dann selber. Der Film kam Anfang des Jahres in den USA veröffentlicht. Seine Spuren hinterließ „Frankensteins Todesrennen“ seit Anfang der 80er Jahre auch in zahlreichen Computerspielen, dies ich von dem blutigen Treiben auf der Piste inspirieren ließen.

Danach geht es gleich weiter mit einem Klassiker des Poliziottesco – jener italienischen Spielart des Polizeifilms in der es immer ordentlich kracht und rumst.

Kaum ist „der Chinese“ (Tomas Milian) aus dem Gefängnis geflohen, lässt er umgehend den Mann exekutieren, der ihn einst hinter Gitter brachte: Den Ex-Kommissar Tanzi (Maurizio Merli). Doch Tanzi überlebt den Mordanschlag. Offiziell für Tod erklärt, macht sich Tanzi auf eigene Faust daran, dem „Chinesen“ das Handwerk zu legen. Währenddessen hat dieser mit dem mächtigen Gangsterboss Di Maggio (John Saxon) einen Pakt geschlossen. Doch die Zusammenarbeiten zwischen den beiden läuft nicht reibungslos, und Tanzi gelingt es immer wieder, neuen Sand ins Getriebe zu streuen. Bald schon steuert Rom auf einen blutigen Bandenkrieg zu…

Nach dem Erfolg von „Die Viper“ drehte Umberto Lenzi 1977 diese Quasi-Fortsetzung namens „Die Gewalt bin ich“. Maurizio Merli darf dabei wieder in die Rolle des Kommissar Tanzi schlüpfen, der hier allerdings den Dienst quittiert hat und nunmehr als Privatmann die Unterwelt aufmischt. Und so pflügt der wilde Ex-Cop durch die Reihen der Gangster. Immer mit akkuratem Seitenscheitel und korrekt gestutzten Schnauzer. Das üppige Brusthaar aus dem zu weit aufgeknöpften Hemd wallen lassend und einen bedenklichen Faible für Goldkettchen zu Schau stellend.

Ebenfalls aus „Die Viper“ wurde Tomas Milian übernommen, der hier wie dort den Part des Bösewichts übernimmt. Sein „Chinese“ ist durchtrieben, skrupellos und mit einer großen Bauernschläue gesegnet. Neben Merli und Milian, ist Genre-Vertan John Saxon zu sehen. Saxon konnte schon 1977 auf eine lange und ereignisreiche Karriere zurückblicken. So war er nicht nur im „ersten“ Giallo mit von der Partie, sondern spielte auch den Hauptcharakter in „Der Mann mit der Todeskralle“. In den 70er Jahren tauchte er vermehrt in italienischen Polizeifilmen auf. 1980 war er bei Antonio Margheritis „Asphalt-Kannibalen“ dabei und ab 1984 in dem Horrorklassiker „A Nightmare on Elm Street“ nebst zwei der Sequels. In „Die Gewalt bin ich“ spielt er einen eleganten Gangsterboss, der auch schon mal selbst Hand anlegt, wenn er einen Verräter mit Golfschläge aus kurzer Distanz foltert. In einigen Szenen meint man, dass er sich einen Spaß daraus macht, Marlon Brandos „Paten“ zu parodieren.

„Die Gewalt bin ich“ ist gute alte Action-Unterhaltung aus dem sonnigen Italien mit tollen Hauptdarstellern und perfekter Musikuntermalung durch Franco Micalizzi. Da hoffen wir doch mal auf gutes Wetter, damit das südländische Flair auch so richtig rüberkommt. Der Wetterbericht droht zwar mit bewölktem Himmel, aber es soll nicht regnen. Das wäre doch schon mal was.

DVD-Rezension: „Die Narbenhand“

Von , 22. Juni 2017 18:06

Der einzelgängerische Philip Raven (Alan Ladd) ist ein Auftragskiller, der allein mit einer kleinen Katze in einem schäbigen, kleinen Apartment in San Franscisco lebt. Nach dem Mord an einem Erpresserpärchen wird er von seinem Auftraggeber Willard Gates (Laird Cregar), Rechte Hand eines Industriellen und nebenbei Betreiber eines Nachtclubs, mit „schmutzigen“ Geldscheinen bezahlt, die bald schon die Polizei auf Ravens Spur bringen. Die Untersuchung leitet Detective Michael Crane (Robert Preston). Wie es der Zufall so will, wird dessen Verlobte, die singende Magierin Ellen Graham (Veronica Lake) von einem Senator aus Washington angeheuert, um undercover in Gates Nachtclub in Los Angeles anzuheuern und herauszufinden, wer geheime Informationen an die Japaner weitergibt. Auch Raven macht sich auf nach Los Angeles, um Gates zu stellen, und bald schon kreuzen sich ihre Wege…

Die Narbenhand“ ist in zweierlei Hinsicht ein bemerkenswertes Debüt. Zum einen ist erstmals Alan Ladd in einer größeren Rolle zu sehen, der durch diesen Film zu einem der großen Hollywood-Stars der 40er und 50er Jahre aufstieg – zum anderen dürfte „Die Narbenhand“ einer der ersten Filme sein, die die Figur des Profi-Killers in den Mittelpunkt stellen. Der „Gun For Hire“, was auch der Originaltitel dieses Klassikers ist. Laut Wikipedia war „Die Narbenhand“ auch das Vorbild für Melvilles „Der eiskalte Engel“. Ladd erweist sich als Idealbesetzung für den Killer Raven. Man traut ihm eben so zu, jemanden kaltblütig über den Haufen zu knallen, wie einer armen, kleinen Katze Milch zu geben. Auch in seinem Gesicht, welches noch nicht „schön“ in Szenen gesetzt wird, wie in seinen späteren Filmen, spiegelt sich die Zerrissenheit zwischen innerer Abgestorbenheit und der Sehnsucht nach etwas menschlicher Wärme. Ladd ist gleichzeitig heiß und kalt – und damit tatsächlich der Prototyp des „Eiskalten Engels“.

Der nominelle Held des Filmes ist allerdings Robert Preston, der in den Titeln auch groß an zweiter Stelle nach Veronica Lake aufgeführt wird. Alan Ladd muss sich – trotz einiger kleiner Nebenrollen, die er zuvor gespielt hatte – mit einem kleinen „introducing“ am Ende begnügen. Der etwas ungelenk und langweilig wirkende Preston hat auch weitaus weniger Szenen als Ladd. Tatsächlich spielt er eigentlich nur eine größere Nebenrolle. Das ist auch gut so, denn Prestons Det. Lt. Michael Crane wirkt einfach fade. Ein guter Polizist mit konservativer Weltsicht, der freudestrahlend seiner Verlobten ein Leben in der Küche, wo sie auf den tollen Göttergatten wartet, als reinstes Paradies in Aussicht stellt. Eine Rolle, in der man sich die großartige Veronica Lake nicht unbedingt vorstellen kann. Zumal sie hier einen draufgängerischen und unabhängigen Typ spielt. Die Szene in denen sie Preston anhimmelt und davon spricht, dass sie sich nichts schöneres vorstellen kann als ihm abends die Pantoffeln zu bringen, wirken dementsprechend deplatziert und peinlich. An der Seite des sehr viel interessanteren und gefährlichen Ladd fühlt sich die Lake dann auch sichtlich wohler, und ihre unbestreitbar knisternde Chemie führt dazu, dass beide noch in sechs weiteren Filmen ein Paar geben sollten. Insbesondere in „Der gläserne Schlüssel“ funkt es so sehr zwischen den beiden, dass die Leinwand förmlich elektrisiert wird.

„Die Narbenhand“ strotzt nur so vor wundervollen Szenen, die sich einem tief ins Gedächtnis brennen. Wenn Raven am Anfang brutal ein Zimmermädchen schlägt, weil diese eine kleine Katze aus seinem Zimmer jagen wollte. Oder wenn er am Ende in höchster Not eine miauende Katze erstickt, damit diese ihn nicht verraten kann und sein Gesicht widerspiegelt, dass er damit gerade einen Teil von sich selbst getötet hat. Unvergessen auch Veronica Lakes ebenso erschrockenes, abgestoßenes, aber auch mitleidiges Gesicht, wenn sie realisiert, was Raven da gerade getan hat. Besonders intensiv ist der Augenblick in dem Raven kurz überlegt, ob er ein gehbehindertes kleines Mädchen, welches ihn als Zeugin belastet könnte, umbringen soll oder nicht – und wie er sich dann zögernd für Letzteres entscheidet. Hier ist die Summe der Teile mehr als das Ganze, denn zusammengehalten wird dies alles von einem Drehbuch, welches durch ein erhöhtes Maß unwahrscheinlicher Zufälle, konservativen Zeitgeist, langen Musiknummern und patriotischen Aufrufen zusammengehalten wird. Dass Veronica Lakes Charakter gleichzeitig Sängerin, hochtalentierte Show-Magierin, Freundin des ermittelnden Polizisten und Undercover-Agentin sein soll, ist schon sehr hartes Brot. Dass sich dann im Zug ausgerechnet Ladd neben sie setzt, ist ebenfalls im höchsten Grade vom Drehbuch erzwungen. Man mag kaum glauben, dass diese hochgradig konstruierte Geschichte so auch in dem zugrundeliegende Roman des legendären Autoren Graham Greene vorkommt. Doch angesichts der hervorragenden Einzelszenen, nimmt man das mal so dahin.

Während „die Guten“ hier also eine ebenso untergeordnete wie langweilige Rolle spielen, zeichnet sich „Die Narbenhand“ durch seine wundervollen Bösewichte aus. Allen voran der dicke Laird Cregar als Willard Gates, der zwar ohne zu zögern Morde in Auftrag gibt, aber immer wieder betont, wie sehr ihm Gewalt zusetzt und der sich geschickt aus der schmutzigen Seite des Geschäfts heraushält. Und natürlich Marc Lawrence als sein Chauffeur und rechte Hand, Tommy. Ein finsteres Spiegelbild Ravens, der sein tödliches Geschäft nicht eiskalt und effektiv aufführt, sondern heiß und voller Freude. Ein Sadist wie er im Buche steht, der im Mordgeschäft seine Erfüllung gefunden hat. Tommy blitzen die Augen, sobald er daran denkt, jemanden vom Leben in den Tod zu bringen. In einer Szene erzählt er Willard Gates voller Begeisterung und sehr detailliert, was er mit einem potentiellen Opfer vor hat, während sich dieser in Anbetracht der bunt ausformulierten Grausamkeiten in größter Pein windet. Lawrence sollte in seiner langen Karriere noch viele Gangster und Bösewichte spielen und als solcher zweimal gegen James Bond antreten, in „Diamantenfieber“ und „Der Mann mit dem golden Colt“. In den 90er spielte er auch zweimal kleine Rolle unter der Regie von Robert Rodriguez. In „From Dusk Till Dawn“ und „Four Rooms“.

„Die Narbenhand“ ist zurecht ein Klassiker des Film Noir. Der Film glänzt in vielen Momenten, die sich lange ins Gedächtnis brennen und die definierend für das Genre des „Killer-Films“ sind. Als Ganzes ist er dann allerdings doch mit seinen zu lang geratenen Musiknummern und dem zu sehr auf unglaubliche Zufälle bauenden Drehbuch zu zerfasert, um zu den ganz Großen seiner Gattung zählen zu können. Trotzdem sei allen Filmfreunden dieses erste Zusammentreffen der Noir-Ikonen Alan Ladd und Veronica Lake sehr ans Herz gelegt.

Die 24. Ausgabe der Film Noir-Reihe des Hauses Koch Media fällt wieder durch ein gutes, wenn auch diesmal nicht ganz optimales Bild auf. Bei näherem Hinsehen, könnte es an einigen Stellen etwas schärfer sein, was aber den Sehgenuss in keinster Weise schmälert. Der Originalton ist klar und deutlich. Die deutsche Tonspur dementsprechend auch okay, klingt allerdings etwas künstlich, da alle Geräusche ebenfalls neu vertont wurden. Die Synchronisation ist sehr solide und wartet mit bekannten Sprechern auf. Als Extras gibt es den original Kinotrailer und eine Bildergalerie mit Werbematerial.

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