Das Bloggen der Anderen (23-04-18)

Von , 23. April 2018 17:21

– 1936 inszenierte Robert Siodmak in Frankreich den Film „Mister Flow“. Siodmaks französische Filme sind hierzulande wenig bekannt, und die meisten sind auch schlecht zugänglich. Umso erfreulicher, dass sich Manfred Polak von Whoknows presents sich „Mister Flow“ angenommen hat und ihn eingehend analysiert.

– Olgar Baruk portraitiert anlässlich einer Werkschau im Berliner Arsenal auf critic.de kurz die österreichische Dokumentarfilmerin Ruth Beckermann.

– Anna Wollner führt auf kino-zeit.de ein Interview mit Schauspielerin und Filmemacherin Greta Gerwig.

– Beim Kinogänger gibt es eine erste Vorschau auf den Kinosommer 2018.

– Rainer Kienböck schreibt auf Jugend ohne Film über den Künstler und Dokumentarfilme Ben Russel, dessen Werk „Good Luck“ auch bereits auf ARTE lief.

– Christian Witte war bei seinem Freund Siegfried Bendix zu einem Filmabend eingeladen und beschreibt auf Witte’s Wöchentliche Tipps das Resultat.

– Werner Sudendorf hat auf new filmkritik einen interessanten Text zu Eduard von Borsodys „Geliebte Corinna“ von 1956 verfasst.

– Dass deutsche Regisseure eine Remake des eigenen Werks drehen kommt eher selten vor (aktuelles Beispiel: Wolfgang Petersen mit „Vier gegen die Bank“). Alfred Vorher hat 1975 seinen 1958 gedrehten „Verbrechen nach Schulschluss“ auf den neusten Stand gebracht. Und das recht exploitativ, wie totalschaden von Splattertrash meint.

– Ein Film, der nach der ersten Sichtung immer mehr wächst. Als ich ihn als „Das Manhatten Massaker“ sah, war ich noch wenig begeistert, mittlerweile liebe ich „Im Jahr des Drachen“. Auch Sebastian von Nischenkino ist ein großer Fan dieses Filmes.

– Christian Genzel zeichnet auch Wilsons Dachboden nach, wie Sandra Bullock sich mit „Verrückt nach Steve“ ihre Goldene Himbeere verdiente.

– Flo Lieb nimmt auf symparanekronemoi den wunderbaren Ted Kotcheff-Klassiker „First Blood“ (hier allgemein als „Rambo“ und für seinen Hauptdarsteller bekannt) auseinander, kommt aber am Ende zu einem sehr positiven Ergebnis.

Blu-Ray-Rezension: „Good Time“

Von , 17. April 2018 22:08

Ein gerade auf Bewährung entlassener Ex-Sträfling Connie Niklas (Robert Pattinson) will sich um seinen geistig behinderten Bruder Nick kümmern. Allerdings verwickelt diesen prompt in einen Bankraub, woraufhin Nick geschnappt wird. Connie versucht daraufhin ihn irgendwie aus dem Knast zu bekommen, was aber nicht klappt. Als Connie dann erfährt, dass Nick mittlerweile in ein Krankenhaus eingeliefert wurde, will er ihn daraus entführen. Und von da an geht so ziemlich alles schief…

Good Time“ wird gerne mal mit Nicolas Winding Refns „Drive“ verglichen. Was natürlich ein ziemlicher Unsinn ist und vollkommen auf die falsche Fährte führt. Wobei es durchaus auf den zweiten Blick Gemeinsamkeiten gibt, aber nicht jene, welche die Marketing-Leute herbei schreiben wollen. Ja, in beiden Filmen gibt es eine Farbdramatugie, die in kräftigen Neon-Farben schwelgt und auch der Synthie-Soundtrack klingt hübsch Retro. Doch die eigentliche Schnittstelle ist es, dass beide Filme Neo-Noirs sind, welche sich nicht um die großen, spektakulären Coups kümmern, sondern Geschichten aus der Unterschicht des Verbrechens, von den kleinen Kriminellen und nicht den großen Bossen erzählen. Und von den Gefühlen, die man nicht zulassen sollte und die unweigerlich zu falschen Entscheidungen und in finaler Konsequenz zum Untergang führen. Wobei dem von Robert Pattinson eindrucksvoll gegen den Strich gespielten Connie, die Intelligenz und coole Skrupellosigkeit der von Ryan Gosling gespielten Figur vollkommen abgeht.

Connie Niklas agiert rein aus dem Bauch hinaus. Er macht sich keine große Gedanken über die Folgen seines Handelns, und ob er damit Andere ins Verderben stürzt. Er ist beseelt von dem Glauben, das Richtige zu tun, plant nicht großartig voraus und versucht Probleme im Moment zu lösen, ohne an die Auswirkungen zu denken. Was zu einer Serie katastrophaler Fehlentscheidungen führt. In einem Film der Coen Brothers, die ein ähnliche Feld bestellen, würde dies höchstwahrscheinlich zu einer sehr schwarzen Komödie mit ätzendem Humor führen. Die Safdie-Brüder betonen im Interview zwar, dass auch sie ihren Film als schwarze Komödie sehen, gehen in der Praxis aber weitaus ernsthafter zu Sache. Zwar steckt ihr Drehbuch ebenfalls voller aberwitzig-skurriler Einfälle, doch zum Lachen oder zumindest Schmunzeln ist einem nicht zumute. Was allerdings fehlt ist eine gewisse Tragik, die einen Sympathien für die Hauptfigur hegen lassen. Connie ist in erster Linie eine gewaltiger und gewalttätiger Egoist, dem die Konsequenzen seines Handelns für andere ziemlich egal ist. Allein sein Bruder Nick bedeutet ihm etwas. Allerdings besitzt er keinerlei Empathie für dessen Situation und eine feste Überzeugung, was für Nick das Beste ist. Dass er Nick damit auf direktem Wege in den Knast bringt, wo dieser kaum eine Überlebenschance hat, sieht er auch nicht im Geringsten als sein Fehler. Sondern als unglücklichen Zustand, den es zu korrigieren gilt.

„Good Time“ lebt vor allem von seinen hervorragenden Schauspielern, Robert Patinson ist sehr überzeugend als Connie, und man könnte sich am Ende keine bessere Besetzung für die Rolle vorstellen. Ebenfalls hervorzuheben ist die großartige Jennifer Jason Leigh, die eine wundervolle Vorstellung als Connies völlig verpeilte Geliebte abliefert. Doch in den Schatten werden alle von Co-Regisseur Benny Safdie gestellt, der Connies zurückgeblieben Bruder Nick spielt. Dies tut er so natürlich und bewegend, dass man den Eindruck bekommen kann, hier wäre tatsächlich ein Schauspieler mit mentalem Handiacap gecastet worden. Zumindest in der Originalfassung. In der deutschen Fassung klingt seine verwaschen-vernuschelte Sprache weit weniger realistisch. Man erschreckt sich förmlich, wenn im Bonus-Bereich der BluRay Benny Safdie sich als aufgeweckter, gutaussehender und fröhlicher Interview-Partner entpuppt. Nick ist dann auch die Seele des Films. Der Motor für Connies unüberlegte und impulsiven Aktionen. Und eine Figur von tiefer Traurigkeit und Tragik. Wunderbar fangen die Safdie-Brüder dies in einer zu herzen gehenden und zutiefst ambivalenten Schlussszene ein, die einem auch durch die kongeniale Musikbegleitung durch Oneohtrix Point Never (alias Daniel Lopatin) mit Iggy Pop noch lange im Gedächtnis bleibt, wenn man den Rest des Filmes schon nur noch schemenhaft erinnert.

Das Bild der Ascot Elite-BluRay ist durchgehend gut. Satte Farben dort wo sie von den Regisseuren intendiert wurden und eine durchgehend angenehme Schärfe. Beim Ton fällt wieder eine unangenehme Mischung aus Effekten und Dialogen auf. Letztere sind deutlich leiser leiser als die Effekte, was dazu führt, dass man den Anlage lauter einstellt und die Effekten einen dann senkrecht auf dem Sofa stehen lassen. Wobei man fairerweise sagen muss, dass dies in der deutschen Tonspur nicht ganz so drastisch ausfällt. Dafür ist die deutsche Synchro dem o-Ton deutlich unterlegen. Insbesondere was Benny Safdies Nick angeht. Überhaupt verliert der Film in der deutschen Bearbeitung einiges von seinem schonungslosen Realismus. Als Extras sind zwei kurze Interviews enthalten. Einmal mit Hauptdarsteller Robert Pattinson (5 Minuten) und dann mit den beiden Regisseuren (6 Minuten). Insbesondere das zweite ist trotz der Kürze sehr informativ ausgefallen.

Das Bloggen der Anderen (16-04-18)

Von , 16. April 2018 19:32

– Unglaublich, aber wahr. In den deutschsprachigen Blogs (zumindest denen, denen ich regelmäßig folge) fand sich in der vergangenen Woche nur ein einziger Nachruf auf den großen Miloš Forman. Weshalb dieser Beitrag des Kinogängers auch in dieser Woche den Reigen eröffnet.

– Rüdiger Suchsland hat sich anlässlich eines zweitägigen Kongresses in Frankfurt getan, der im Rahmen des »Lichter«-Filmfest stattfand und um die „Zukunft des deutschen Films“ auf out-takes einige Gedanken zur Gegenwart des deutschen Films gemacht.

– Auf jenem Kongress war auch Joachim Kurz von kino-zeit.de und hat ebenda einen längeren Bericht dazu verfasst. Alex Matzkeit fragt sich, ob es nicht so einige Filme gibt, die wir nicht gesehen haben, aber glauben zu kennen – die aber in Wirklichkeit ganz anders sind. Anna Wollner hat ein Interview mit der Regisseurin Emily Atef über deren Romy-Schneider-Biopic „3 Tage in Quibéron“.

– Dazu passt, dass Bianca von Duoscope eine lautstarke Lobeshymne auf den Film „3 Tage in Quibéron“ angestimmt hat.

– Nicht Romy Schneider, sondern einer anderen Grand Dame gilt der Liebesbrief, den Patrick Holzapfel auf Jugend ohne Film auf das elektronische Papier gebracht hat: Delphine Seyrig.

– Unter dem Titel „Scarface, R. und ich – Borderline, Sucht und mein Patriarchat“ hat Gastautor Nicolai bei der Filmlöwin einen erschütternden, sehr persönlichen Text geschrieben.

– Schauspieler, die nach ihrem Ableben noch immer jung und schön in Filmen mitspielen? Die Digitalisierung macht es möglich. Darüber hat Filmlichtung einmal nachgedacht.

– Michael Kienzl hat auf critic.de anlässlich der Helmut-Käutner-Retrospektive im Berliner Zeughauskino über drei seiner unbekannteren Filme geschrieben.

Was läuft in Cannes und was nicht? Schwanenmeister von Negativ Space weiß Bescheid.

– Und gute Filmtipps gesucht? Da kann man gerne mal einen Blick auf Witte’s wöchentliche Tipps riskieren.

– Totalschaden hat sich auf Splattertrash Dario Argentos „Tenebrae“ vorgenommen.

– André Malberg hat sich auf Eskalierende Träume in einem schön bebilderten Text über den weniger bekannten Italo-Western „Pistoleros“ ausgelassen.

– Schweine vor Gericht? Sascha auf Die seltsamen Filme des Herrn Nolte über „Pesthauch des Bösen“.

– Gastautor Dr. Wily führt seine Marvel-Reihe auf Wilsons Dachboden mit „Captain America – First Avenger“ weiter.

Blu-ray-Rezension: „Entertainment/The Comedy“

Von , 11. April 2018 17:38

Ein namenloser Stand-Up-Comedian (Gregg Turkington ) befindet sich auf einer kleinen Tournee durch den Südwesten der USA. Er spielt in Gefängnissen, auf Privatparties und kleinen Clubs. Seine unlustig-geschmacklosen Auftritte enden regelmäßig in der Beschimpfungen des Publikums, was ihm auch schon mal handfesten Ärger einbringt. Jenseits der Bühne treibt er antriebslos durch den Tag, trifft Menschen mit denen er aber zu keiner Kommunikation fähig ist und spricht abends seiner Tochter Maria auf den Anrufbeantworter. Sie hofft er am Ende der Tour treffen zu können.

Wenn es einen irreführenden Titel gibt, dann ist es „Entertainment“ für Rick Alversons vierten Film. Ähnlich wie in Paul Wellers großartigen The-Jam-Song „That’s Entertainment“ ist „Unterhaltung“ hier nur zutiefst sarkastisch zu begreifen. Oder aber als Deckmantel für eine tief darunter liegende Traurigkeit und bodenlose Verzweiflung. „Entertainment“ folgt einer innerlich durch und durch toten Figur, die im Abspann des Filmes nur „The Comedian“ genannt wird. Gespielt wird der Comedian von Gregg Turkington, der im wahren Leben die Bühnenfigur „Neill Hamburger“ erfunden hat, welche mit dem Comedian des Films identisch ist. Wie uns das gelungene und aufschlussreiche Booklet dieser aktuellen „Bildstörung“-Veröffentlichung lehrt, gehört „Neil Hamburger“ zu der Bewegung des Anti-Humors. Einer in den USA spätestens seit Andy Kaufman recht populären Humor-Gattung, die darauf abzielt, dem Publikum absichtlich die Pointe vorzuenthalten und gerade den schlechten Auftritt und misslungene Witze zelebriert.

Im Film bekommen die schrecklichen Auftritte des Comedians aber noch eine andere Bedeutung. Nur durch sie tritt er mit der Außenwelt in engeren Kontakt, lässt (wenn auch negative) Gefühle zu. Nutzt seine Rolle, um seinen Hass, seinen Ekel und seine Verzweiflung in die Welt heraus zu schreien. Kurzzeitig etwas zu spüren, was sich irgendwie wie Lebendigkeit anfühlt. Seine Witze sind nicht nur vollkommen unkomisch, sondern beleidigend, unglaublich geschmacklos und aggressiv. Aber man sieht seine Augen aufblitzen, die Adern anschwellen und in der Tat so etwas wie Leben in diesem zerstörten Mann, dessen Seele zu nahezu keiner Regung mehr fähig ist. Jemand, der sich vollkommen aufgegeben hat und wie eine Zombie durch eine ebenso abweisende, wie kalte Welt streift. An seinen Auftrittsorten irgendwo in der schroffen und kargen Mojave-Wüste, einem Spiegelbild seiner Seele, schließt er sich Touristengruppen an, die bizarre Flugzeugfriedhöfe oder Geisterstädte besichtigen. Dabei ist er aber nie Teil der Gruppe, sondern selbst hier jemand, der sich nur am Rand und darüber hinweg bewegt. Als er von zwei YouTubern um ein Interview mitten in der Wüste gebeten wird, sagt er erst zu, rennt dann aber davon, bevor die Jungs ihr Equipment aufgebaut haben. Selbst eine Zufallsbekanntschaft in einem Hotel endet nicht mit trauter Zweisamkeit, sondern gemeinsamen Starren aus dem Fenster.

Alverson stellt seinen Protagonisten dabei in wundervoll komponierte Bilder, welche teilweise an das Werk von Roy Anderson erinnern. Noch so ein großer Melancholiker und gnadenloser Beobachter menschlicher Einsamkeit. Erst ein schockierendes Erlebnis, welches auch den Zuschauer aus der Bahn wirf, schafft es einen Riss in seinem versteinerten Inneren zu erzeugen, welcher dann plötzlich aufbricht und in einem verzweifelten Ausbruch endet. Ob dieser aber zu einer Katharsis oder der deprimierende Einsicht führt, dass das eigene Leben leer und sinnlos ist, verrät Averson nicht.

Rick Alverson ist mit „Entertainment“ ein ebenso beeindruckender, wie todtrauriger und deprimierender Film gelungen. Dass Averson zu den interessantesten Stimmen des US-amerikanischen Indie-Films gehört, scheint sich herum gesprochen zu haben. Für „Entertainment“ konnte er große Namen gewinnen, die vollkommen in ihren Rollen aufgehen. Der wie immer großartige John C. Reilly spielt den jovialen Cousin, der zwar eine riesige Orangenplantage sein eigenen nennt, aber keinerlei echte Empathie für sein Gegenüber aufbringen kann. Tye Sheridan, der gerade in Steven Spielbergs Big-Budget-Extravaganza „Ready Player One“ die Hauptrolle spielt, gibt hier einen derben Clown, der im Vorprogramm des Comedian auftritt, ebenso geschmacklos agiert, aber damit mit sich vollkommen im Reinen ist. Und Michael Crae, der Scott Pilgrim, der gegen die Welt gekämpft hat, spielt einen unsicheren Stricher.

Wunderbarerweise hat Bildstörung nicht nur „Entertainment“, sondern auch dessen direkten Vorgänger „The Comedy“ mit auf seine Veröffentlichung gepackt. War war der Titel „Entertainment“ schon eine gnadenlose Übertreibung, so führt einen auch „The Comedy“ auf die falsche Fährte. Es sei denn, man assoziiert den Titel mit Dantes göttlicher Komödie und den Besuch der Höllenkreise. „The Comedy“ handelt von Swanson (Tim Heidecker) und seinen Freunden. Reiche und gelangweilte Hipster, die außer kindischen Spielen, aus dem Ruder laufenden Parties und sich selbst nicht viel im Kopf haben.

Ist der Comedian aus „Entertainment“ innerlich tot, so ist Swanson vollkommen leer. Diese Leere versucht er zu füllen, indem er entweder auf Konfrontation mit anderen geht und ihnen böse, ganz und gar unkomische Streiche spielt – oder in Rolle eines anderen schlüpft. Eines Menschen, der in der sozialen Leiter weiter unter ihm steht. So gibt er sich spontan als Gärtner aus und beteiligt sich kurz an schweißtreibender Gartenarbeit, überredet einen Taxifahrer ihm seinen Wagen gegen eine große Geldsumme zu überlassen, um selber Taxifahrer zu spielen oder heuert als Tellerwäscher in einem Diner an. Zwischendurch beleidigt er andere oder zieht in grotesken Dialogen mit einem schmierigen Immobilen-Menschen („Entertainment“s Gregg Turkington) über Minderheiten und Obdachlose her. Seine Freunde sind auch nicht besser. Keiner von ihnen scheint ein Leben zu haben. Wenn sie sich treffen, ist das Ziel Exzess. Oder sie picken sich den Schwächsten in ihrer Gruppe heraus, um ihn zu erniedrigen. Oder alles beides.

Warum sollte man sich also für 93 Minuten diese Arschlöcher ansehen? Weshalb an einem Typen interessiert sein, der sich unverhohlen mit faschistischen Sozialdarwinismus begeistert und sich quasi per Stand, also dem Geld seines Vaters, für etwas besseres hält. Der sich daraus das Recht ableitet, sich alles herausnehmen zu dürfen? Weil Averson unter der abstoßenden Oberfläche, hinter der Fassade dieses Typen, dessen weit aufgeknöpfte Hemd sich über die Wampe spannt, der immer in viel zu kurzen Shorts herum läuft, etwas spürbar macht.

Für Swanson kann man eigentlich nur Verachtung und Wut übrig haben. Aber Averson macht in diesem Swanson auch immer wieder diese große, todtraurige Leere fühlbar und wirft sie auf den Zuschauer zurück. Und der fühlt ein Teil davon vielleicht auch in sich selbst. Nur so kann man auch Szenen wie jene ertragen, in der Swanson ungerührt mit einer undefinierbaren Mischung aus Desinteresse und Faszination eine junge Frau beglotzt, die während einer gerade beginnenden Liebesnacht einen heftigen epileptischen Anfall erleidet (wobei Averson offen lässt, ob Swanson diesen nicht vielleicht bewusst herbeigeführt hat), ohne Swanson ins Gesicht spucken zu wollen. „The Comedy“ ist ein Film, den man nicht mögen will, nicht mögen kann. Der einen aber noch lange beschäftigt mit der Frage: Steckt vielleicht ein Teil von Swansons auch in mir?

Unter den vielen kleinen Filmlabels, die immer wieder hochspannende Filme der Öffentlichkeit zugänglich machen und viel Liebe und Mühe in ihre Veröffentlichungen stecken, ragt Bildstörung schon immer hervor. Der Ruf, das deutsche Criterion oder zumindest das Pendant der britischen Mastrs of Cinema-Reihe zu sein, wird Bildstörung gar nicht gerecht, da die Filmauswahl sogar noch mutiger erscheint, als bei den internationalen Kollegen. So wurden in der Vergangenheit so vollkommen unterschiedliche Filme – Czech New Wave, Aleksey Germans „Es ist schwer ein Gott zu sein“, Zbynek Brynychs fast vergessener „Die Weibchen“, aber auch kontroverses wie die großen Jodorowsky-Filme, Walerian-Borowczyk-Werke oder Agustí Villarongas „Im Glaskäfig“ herausgebracht. Was diese Filme eint? Dass sie durch die Bank hochklassige und hochspannende Filme sind, die zeigen, wozu mutiges, kompromissloses und innovatives Kino fähig war und heute noch ist. Obwohl der Hauptoutput in den 60er und 70er Jahren liegt, bringt Bildstörung aber auch immer wieder brandaktuelle Filme, wie kürzlich auch Nikias Chryssos‘ wunderbaren „Der Bunker“, die sich nahtlos in die Reihe einfügen. Und dies immer in höchster Qualität. Das Bild der „Entertainment“-BluRay ist messerscharf und von großer Schönheit. Auch aus „The Comdey“ wurde das Optimum herausgeholt. Der Ton liegt bei beiden Filmen lediglich in Englisch vor, dafür können.jeweils deutsche Untertitel zugeschaltet werden. An Extras gibt es bei „Entertainment“ 16 Minuten mit Deleted Scenes (optional mit deutschen Untertiteln) und den Trailer. „The Comedy“ kann demgegenüber mit einem Audiokommentar mit Regisseur Rick Alverson und Hauptdarsteller/Co-Autoren Tim Heidecker aufwarten. Daneben gibt es ebenfalls Deleted Scenes (20 Minuten) und den Trailer. Sehr schön ist auch das 16-seitige Booklet mit interessanten und informativen Texten von Caveh Zahedi und Thorsten Hanisch geworden.

Das Bloggen der Anderen (09-04-18)

Von , 9. April 2018 17:32

– Es ist schon eine Weile her, aber trotzdem immer noch hochspannend: Das Filmkollektiv Frankfurt veranstaltete zwischen dem 18. Und 20. August 2017 die Reihe „Tropische Sinnlichkeit – Hommage an Armando Bo und Isabel Sarli“. Silvia Szymanski war damals dabei und macht ihren Lesern auf Hard Sensations nun den Mund wässrig, sich intensiv mit dem Schaffen von Herrn Bo und seiner Muse zu beschäftigen. Bei mir steht es jedenfalls ganz oben auf dem Zettel.

Kann Kino eine therapeutische Wirkung haben? Und wenn ja, wie? Joachim Kurz hat sich dieser Frage auf kino-zeit.de angenommen. Erst kürzlich fiel mir bei der Sichtung eines 80er-Jahre-Actioners auf, wieviel Wert auf und wieviel Kreativität in den Vorspann des Filmes gesteckt wurde. Das kennt man heute leider gar nicht mehr. Findet auch Rajko Burchardt.

– Wichtige Info für alle Blogger und ein persönlicher Albtraum. Christian Gertz gibt auf mehrfilm.de die Geschichte einer Abmahnung wieder. Gruselig! Und eine Warnung für alle.

– In gewohnter Länge und mit einem unglaublichen Detailreichtum hat sich david auf Whoknows presents mit der sowjetischen Sex-Komödie „„Bett und Sofa“ von 1927 beschäftigt. Eine wie immer hochinteressante Lektüre.

Filmlichtung verteidigt leidenschaftlich einen Film, der vor 10 Jahren (wirklich erst 10? Kommt mir in der Erinnerung viel länger vor) fürchterlich floppte und von allen Seiten verrissen wurde: „Speed Racer“ von den Wachowski-Geschwistern. Warum er den Film so sehr liebt, erklärt er ausführlich.

– Okay, eigentlich verlinke ich nur deutschsprachige Texte (sonst würde das einfach zu viel), aber wenn jemand wie André Malberg auf der tollen Seite von Eskalierende Träume so viel und fundiert über Jess Francos „Drácula contra Frankenstein“ schreibt, darf das ausnahmsweise auch mal auf Englisch sein.

– Dass der so reißerisch betitelte „Hexen bis aufs Blut gequält“ durchaus ein oder mehrere Blicke wert ist, führt Mauritia Mayer auf Schattenlichter aus.

– Ein kurzes Schlaglicht wirft Lukas Foerster von Dirty Laundry auf „La viaccia“ von Mauro Bolognini.

– Der beste St-Pauli-Film, der nicht von Rolf Olsen stammt: Wolfgang Staudtes großartiger „Fluchtweg St. Pauli“. Warum? Nachzulesen bei Splattertrash.

– Amateuer-Splatter-Zeit auf Schlombies Filmbesprechungen. Christian hat den berüchtigten „Weasels Rip My Flesh“ vom Amteuer-Splatter-Pionier Nathan Schiff ausgegraben und dessen Kurzfilm „The Day the Dog Went Insane“ noch gleich dazu.

– Michael Schleeh von Schneeland beschäftigt sich derzeit näher mit dem modernen Indische Kino und empfiehlt, mal einen Blick auf den Hindi-crime-Film „Shaitan“ von Bejoy Nambiar zu werfen.

– Oliver Nöding schreibt auf Remember It For Later über Bob Fosses wunderbaren „Lenny“.

„Blutiger Zahltag“ ist noch einmal bei filmArt erschienen

Von , 7. April 2018 11:05

In filmArts Giallo-Edition ist ein als neuster Titel „Blutiger Zahltag“ erschienen. Allerdings nicht als Teil der Reihe, sondern ohne Nummerierung als Stand-Alone. Wo man die Nummer 8 erwartet hätte, prangt lediglich das Produktionsjahr 1977. Aus gutem Grunde, denn hierbei handelt es sich um eine Neuverpackung der alten Koch-Media-DVD. Diese war bisher nur in der „Koch-Media-Giallo-Collection Teil 2“ zusammen mit „The Child – Eine Stadt wird zum Albtraum“ und „In the Fold of the Flesh“ enthalten. Schon damals gab es Kritik, da „Blutiger Zahltag“ bereits in Deutschland erhältlich war. Allerdings nur in gekürzter Form, lediglich mit deutschem Ton und im falschen Bildformat. Ebenso zeigten sich jetzt wieder einige potentielle Käufer enttäuscht, dass der aktuelle Giallo von filmArt keine neue Veröffentlichung, sondern ein alter Bekannter sei. Zudem wieder nur auf DVD und nicht als Bluray-Update. Vor diesem Hintergrund ist es verständlich und klug, dass filmArt den Titel außerhalb der Reihe laufen lässt und sich vor allem an diejenigen wendet, die aus welchem Grund auch immer, nicht zur „Koch-Media-Giallo-Collection Teil 2“ greifen wollten oder noch wollen. Da sich inhaltlich an der Veröffentlichung nichts geändert hat (einziger Unterschied ist ein wirklich voluminöses, 24-seitiges „tenebrarum“-Booklet von Martin Beine), verweise ich hier auf meine Review der Koch-Media-DVD.

Blu-ray-Rezension: „Die Rache des Paten“

Von , 4. April 2018 06:35

Es gibt Dinge, die gehen selbst der ehrenwerten Gesellschaft zu weit. Wie das schmuggeln von Drogen in toten Kinderkörpern. Die großen Mafiabosse beschließen daher ein Exempel zu statuieren. Auf ihr Geheiß wird der Killer Tony Aniante (Henry Silva) entsandt, um Don Ricuzzo Cantimo (Fausto Tozzi), der hinter diesen ehrlosen Aktionen steckt, und seinen Clan zu vernichten. Zunächst macht sich Tony daran, Don Ricuzzo und dessen Rivalen Don Turi (Mario Landi) gegeneinander auszuspielen. Als das dieser Plan aber durchkreuzt wird, schleicht er sich bei Don Ricuzzo und dessen nymphomaner Ehefrau (Barbara Bouchet) ein…

Anmerkung: Alle Screenshots stammen von der italienischen Langfassung auf der ebenfalls enthaltenen DVD, nicht der Blu-ray.

Die Rache des Paten“ ist einer jener unfassbaren Filme aus Italien, die man sehen muss, um zu glauben, dass es sie wirklich gibt. Ich erinnere mich noch gut an meine erste Begegnung mit Andrea Bianchis „Mafia-Western“. Damals noch in grausamen Vollbild, welches dem Film noch einmal eine Extra-Portion schmuddeliger und billiger erscheinen ließ. Mit großen Augen und offenem Mund sah ich gebannt zu, was für ein Feuerwerk Herr Bianchi hier abfackelte. Heute wäre dies nur noch in Form augenzwinkernder Parodien möglich. Damals war es blutiger Ernst, wenn Henry Silva auf die Dampfwalze steigt oder die Gürtelschnalle schwingt. Überhaupt Silva. Gibt es eine idealere Besetzung für den Antihelden Tony Aniante? Silva hat immer dieses unterschwellig bedrohliche, ja fast schon unheimliche an sich. Seine kleinen, schwarzen Augen, die sich förmlich durch die Leinwand brennen. Das versteinerte Gesicht, auf dem geschrieben scheint: „Leg dich nicht mit mir an“. Silva lächelt in diesem Film nicht einmal. Würde er es tun, fiele man vor Schrecken sicherlich vom Stuhl.


Das Verwirrende an „Die Rache des Paten“ ist, dass wir Silvas Tony Aniante als klassischen Antihelden ala Eastwoods Fremden ohne Namen annehmen sollen. Wie eben jener bewegt er sich schlau und überlegen zwischen zwei Verbrecher-Clans und spielt diese gegeneinander aus. Eastwood ist zwar ein cooler und skrupelloser Typ, hat aber unter der meterdicken Stahlschale ein gutes Herz, wenn es um die Armen und Wehrlosen geht. Bei Tony Aniante ist es scheinbar ähnlich. Schließlich will er spontan einem jungen Pärchen zur Flucht und in ein besseres Leben verhelfen. Aber gleichzeitig ist Tony auch ein psychopathischer Sadist, der seine Opfer nicht nur erschießt, sondern auch verstümmelt und der ohne echtes Motiv eine Frau so brutal verprügelt, dass man sie danach kaum wiedererkennt. Der in der bekanntesten Szene des Filmes, den Verführungsversuch des Mafiaboss-Lieblings damit beantwortet, dass er sie förmlich in eine blutige Schweinehälfte hinein fickt. Seine Worte dabei „Wir machen es so, wie ich will“ und ihr erschrockenes Gesicht bei der Penetration geben auch Auskunft über seine speziellen Vorlieben. Was die „Helden“ von Bianchis Filmen häufiger mal auszeichnet (siehe auch die „Schlusspointe“ des Schmier-Giallo „Die Nacht der blanken Messer“). Von Bianchis spätere Ausflüge in das horizontale Filmgewerbe mal ganz abgesehen.

Bianchi geht mit seinen Figuren nicht gerade zimperlich um. Generell gibt es kaum einen Sympathieträger. Vielleicht das junge Romeo-und Julia-Paar. Doch ganz ungebrochen ist es auch nicht. So lässt die junge Dame ohne mit der Wimper zu zucken ihren Schutzbefohlenen, den verkrüppelten Sohn ihres Chefs, zurück, um sich mit einem der Schläger der Gegenseite zu vergnügen. Da wundert es nicht, dass Bianchi ihnen auch jede Hoffnung versagt. Der von Fausto Tozzi mit viel Energie und Charisma gespielte Ricuzzo Cantimo hört sich gerne detailliert die Sexabenteuer seiner Ehefrau (einer Ex-Prostituierten) an, um in Fahrt zu kommen. Die Tochter von Don Turi ist halbwahnsinnig. Alle anderen sind willfährige Helfershelfer, die für ihren Job mit Blei entlohnt werden. Allein Don Turi Scannapieco ist so etwas wie eine Vaterfigur, auch wenn er natürlich gleichzeitig auch ein skrupelloser Drogendealer ist. Gespielt wird der Patriarch übrigens von Mario Landi. Jener Mann, der mit seinen Filmen „Giallo a Vencia“ und „Patrick lebt!“ den guten Bianchi an Schmierig- und Verkommenheit noch um ein vielfaches übertraf. Was man angesichts von „Die Rache des Paten“ kaum glauben kann.

Aufgrund der Drehbücher, die nach dem Motto „Alles oder nichts“ verfahren und dabei eine Unglaublichkeit an die nächste Reihen, dem oftmals kaum existierenden Budget und der früher leider suboptimalen Präsentation seiner Werke im Heimkinobereich, eilt Andrea Bianchi kein besonders guter Ruf voraus. Sieht man nun aber beispielsweise „Die Rache des Paten“ in voller wunderbarer Breitwand, muss man ihm allerdings zugute halten, dass er ein guter und versierter Handwerker war, der seine Filme durchaus kompetent in Szene setzte. Das „Problem“ besteht nur darin, dass er nicht wirklich das Geld zur Verfügung hat, großes Kino zu zelebrieren. Was man an der lächerlichen Puppe, die das tote Kind in „Die Rache des Paten“ darstellen soll (wobei ich in diesem Falle durchaus dankbar, bin dass dieser Effekt nicht im geringsten realistisch aussieht) oder die Matsch-Watteköpfe der Zombies in „Die Rückkehr der Zombies“ sieht. Bianchi kaschiert dies aber mit einer unglaublichen Schöpfkelle an „Zu viel“. Seien es die oben bereits angesprochenen Szenen mit Silva, einer wunderschönen, aufregenden Barbara Bouchet, die sich erst lasziv den Körper mit Milch einreibt und dann später beim Essen Fellatio mit einer Banane vollführt. Oder der verkrüppelte Sohn des einen Mafios, welcher in etwa so alt aussieht wie seine Mutter (in „Die Rückkehr der Zombies“ nutzt Bianchi einen erwachsenen Kleinwüchsigen, um ein kleines Kind darzustellen). So entsteht kein Gourmet-Menü, aber eine deftige Currywurst mit viel, viel Ketchup.

„Die Rache des Paten“ ist mit seiner unfassbaren Mischung aus schmierigem Sex und blutiger Gewalt einer der großen Höhepunkte des sonnendurchfluteten Bahnhofskinos italienischer Machart. Wer der „Rache des Paten“ das erste Mal begegnet kann mit großen Augen und heruntergefallener Kinnlade eigentlich nur Fan dieser wahnsinnigen und wilden Filmen werden – oder die Scheibe in den Müll werfen und schleunigst duschen.

„Die Rache des Paten“ ist nach „Milano Kaliber 9“ und „Der Berserker“ der nächste Knaller in der Polizieschi-Reihe des Hauses filmArt, nachdem diese davor einen kleinen Durchhänger hatte. Es bleibt zu hoffen, dass sich die Giallo-Reihe ebenso entwickeln wird. Die Bildqualität ist recht gut und das Bild der Langfassung hat eine schöne körnige Schärfe, die sehr nach Kino aussieht. Neben dieser um einige kurze Dialoge erweiterten und insgesamt ungefähr eine Minute längere Version, ist auch die etwas kürzere Internationale Exportfassung mit an Bord, die außerhalb von Italien als Basis für alle anderen Veröffentlichungen diente. Auch diese sieh gut aus, hier wurden allerdings etwas mehr Filter eingesetzt, um ein glatteres Aussehen hinzubekommen. Als Tonspuren sind der deutsche Synchronton, der englische und natürlich der italienische mit dabei. Die Stellen der Langfassung für die kein deutscher Ton vorliegt, werden auf italienisch mit deutschen Untertiteln abgespielt. Freude macht das 8-seitiges Booklet zum Film von Christian Kessler. Als weitere Extras sind noch der lange, und qualitativ sehr gut aussehende italienische und ein sehr kurzer amerikanischer Teaser-Trailer dabei. Als Easter-Egg gibt es noch die amerikanische Titelsequenz. Und wer das Motiv auf dem Cover nicht mag, kann dieses umdrehen und erhält ein alternatives Artwork.

Filmbuch-Rezension: Reiner Boller „Wilder Westen made in Germany“

Von , 29. März 2018 18:45

An Reiner Bollers wundervollem Buch „Wilder Westen made in Germany“ habe ich nur eins auszusetzen: Es ist schuld daran, dass ich in letzter Zeit viel zu wenig Schlaf bekam, weil ich abends immer viel zu lange drin gestöbert habe. Das dicke, 523 Seiten starke Schmökerwerk platzt nur so vor Anekdoten, Produktionsinformationen, Interviews und sonstigen spannenden Fakten. Was Reiner Boller hier an Recherchearbeit geleistet hat, ist einfach unglaublich. Man findet in seinem Buch Produktionsmemos, Briefe, zeitgenössische Berichte/Interviews/Filmkritiken und vieles mehr. Und Boller hat auch immer wieder selber die Protagonisten seines Buches aufgesucht und mit ihnen über jene deutschen Westernfilme gesprochen, in denen sie selber mitgewirkt haben. Die Fülle der Informationen erschlägt einen manchmal fast. Und manche Geschichten, z.B. wie „Winnetou I“ entstanden ist, lesen sich beinahe schon wie kleine Thriller.

Die Karl-May-Filme der 60er Jahre stehen dann natürlich auch im Mittelpunkt des Buches und einige Titel werden teilweise mit über 40 Seiten bedacht. Doch Boller konzentriert sich nicht nur auf diese heute noch sehr populären Filme, sondern nimmt den Titel seines Buches sehr genau. So erfährt man im ersten Kapitel einiges über deutsche Stummfilme mit Wild-West-Thematik, später wird auf Trenkers „Der Kaiser von Kalifornien“ ebenso eingegangen, wie auf die Hans-Albers-Filme „Sergeant Barry“ und „Wasser fürCanitoga“. Und immer weiß Boller viele Interessante Geschichten von den Dreharbeiten, den beteiligten Personen oder den Umständen der Produktion zu berichten.

Während der „Karl-May-Welle“ versuchten sich auch andere Produzenten an den Erfolg des Western-Genres zu hängen und heuerten Leute wie Rolf Olsen oder Jürgen Roland an, um diese Filme teilweise in denselben Kulissen wie die Karl-May-Filme zu drehen. Jugoslawien wurde für die deutschen Western-Produktionen auch jenseits von „Winnetou“ & Co. das, was Almeria für die Italiener war. Apropos Italiener. Boller widmet sich auch ausführlich all jenen Italo-Western, bei denen deutsche Produzenten ihre Hand bzw. ihr Geld im Spiel hatten. Eine Tradition, die mit „Für eine Handvoll Dollar“ erfolgreich begann.

Neben den „reinen“ Western wagt Boller auch einen Blick nach links und rechts des Kriegspfades. So gehören für ihn die Mexiko-Abenteuer nach Karl May, mit denen der große Konkurrent des „Winnetou“-Produzenten Wendland, Artur Brauner, versuchte eine dicke Scheibe vom Karl-May-Kuchens abzuschneiden. Aber auch die Alaska-Abenteuer nach Jack London oder Südamerika-Filme wie Werner Herzogs grandioser „Aguirre – der Zorn Gottes“ oder „Cobra Verde“.

Natürlich wird das in den 70er Jahren sehr produktive Westernkino der DEFA mit Gojko Mitić nicht vergessen, sowie die zahlreichen TV-Produktionen bis hin zu „Winnetou – Der Mythos lebt“, jener RTL-Dreiteiler, der Weihnachten 2017 über den Bildschirm flackerte. Und auch „Doc Snyder“ taucht auf, wenn auch sehr zum Verdruss von Reiner Boller, der diesem Film – im Gegensatz zum „Schuh des Manitu“ – so gar nichts abgewinnen kann.

Die 110 hier versammelten Film werden in der Regel in folgenden Abschnitten vorgestellt: Story, Entstehung und Dreharbeiten, Western-Fazit, Zitate aus zeitgenössischen Kritiken. Manchmal etwas mehr, wie bei den ersten Karl-May-Filmen, manchmal etwas weniger, wie bei den meisten italienisch-deutschen Co-Produktionen. Darüber hinaus gibt es unter der Überschrift „Namen im deutschen Western“ noch 48 Porträts, die von natürlich Lex Barker und Pierre Brice, aber auch Horts Wendland, Harald Reinl oder Martin Böttcher hin zu Leuten wie Brad Harris und Marisa Mell oder beliebten Nebendarstellern wie Walter Barnes reichen.

„Western made in Germany“ ist in tolles, unglaublich detailliert recherchiertes und dabei sehr unterhaltsames, ja teilweise sogar ausgesprochen spannendes Buch über ein Thema von dem man dachte, es sei schon sehr viel drüber erzählt worden. Bollers Buch beweist allerdings, dass dies nicht stimmt. Ein Standardwerk, welches sich jeder Filminteressierte (ob nun Westernfan oder nicht) ins Filmbuchregal stellen sollte. Nur sollte man eben darauf achten, nicht abends noch mit dem Schmökern anzufangen, wenn man morgens früh raus muss.

Reiner BollerWilder Westen made in Germany, Mühlbeyer Filmbuchverlag, 523 Seiten, € 29,90

DVD-Rezension: „Shaolin – Warteliste des Todes“

Von , 27. März 2018 20:51

Chang Sheng (John Liu) lebt friedlich als erfolgreicher Geschäftsmann und Besitzer einer Kung Fu Schule. Doch der böse Fang Keng (Philipp Ko) greift mit seinen Leuten die Schule an und zerstört Chang Shengs Geschäft. Cheng Sheng stellt sich dem Feind, der das Duell nicht überlebt. Dummerweise hat Fang Keng einen genauso bösen Bruder (nochmal Philipp Ko), der nun auf Rache sinnt. Eines Tages taucht ein junger Kämpfer Shu Keng (Stephen Tung Wai) auf, der von Chang Sheng dessen wundersamen „magischen Stoss-Tritt“ erlernen will. Zwar weigert sich Chang Sheng, Shu Keng zu unterrichten, doch dieser nistet sich schon bald bei Chang Sheng und dessen Gefolgsleuten ein. Gehört dies etwa zu einem perfiden Plan, um Rache für den Tod von Fang Keng zu nehmen?

Shaolin – Warteliste des Todes“ ist einer jener schön bekloppten Titel, die den unzähligen Kung-Fu-Kloppern von den deutschen Verleihern für die Auswertung in den Bahnhofskinos verpasst wurden. International firmiert er unter „Wu Tang Magic Kick“, was nicht nur knackiger klingt, sondern auch besser zum Film passt. Denn die Beinarbeit des Hauptdarstellers John Liu ist wahrlich magisch und alleine schon einen Blick wert. Der Taiwaner Liu erlernte schon klein auf die Kunst des chinesischen Kung Fu, gewann Meisterschaften und entwickelte später seinen ganz eigenen Stil mit Namen „Zen Kwan Do“, einer Mischung aus traditionellen Kung Fu und Taekwondo. Seine Kampfkünste brachten ihn Anfang der 70er Jahre zum taiwanischen Film, wo er ab 1976 zum Star aufgebaut wurde. Zwischen 1977 und 1979 war er in elf Filmen zu sehen. 1981 gründete sein eigenes Filmstudio , welches allerdings nach einigen Flops schon 1982 Pleite ging. Lui ging dann nach Paris, um dort sein Zen Kwan Do zu propagieren und verabschiedete sich bis auf wenige kleine Ausnahmen vom Filmgeschäft.

Als Demonstration seiner unglaublichen „magischen Stoßtritte“ eignet sich „Warteliste des Todes“ vorzüglich. Die zahlreichen Kampfszenen, die nur ab und zu durch Handlung unterbrochen werden, sind sehr energiegeladen und rau in Szene gesetzt. Die Kamera ist immer nah am Geschehen, was dem ganzen noch einmal eine ganz eigene, brutal-realistische Qualität gibt, gerät aber trotzdem nicht ins Wackeln und ermöglicht dem Zuschauer einen guten Überblick über das geschehen. Etwas, was die Kameramann heute scheinbar schon verlernt haben oder was in den meisten aktuellen Actionfilmen im angeblich dynamisierenden Schnitt zerstört wird. Hier kann man 90 Minuten dabei zusehen, wie sich die Gegner kunstvoll verprügeln und wie unglaublich flexible vor allem John Liu war. Um den Film zu genießen, muss man allerdings auch einen Faible für Zooms haben. Gegen das Zoom-Feuerwerk, welches hier abgebrannt wird, wirkt ein Jess Franco regelrecht lethargisch.

Wie viele Taiwanische Produktionen kann man „Warteliste des Todes“ ansehen, dass nicht besonders viel Budget zur Verfügung stand. Die Darsteller sind in der Mehrzahl unbekannt und wirken mit ihren wilden Perücken und Bärten wie von der Straße geholt. Neben Liu kennt man Philipp .. aus Hongkong, der hier eine Doppelrolle spielt und mit seinen gewaltigen Augenbrauen und dem schlechten Haarteil derartig billig aussieht, dass es eher wie eine Parodie wirkt. Aber darauf kommt es ja auch nicht an, denn die Kämpfe zwischen ihm und Liu befinden sich auf hohem Niveau. Was man vom Drehbuch nicht behaupten kann, welches eine recht einfallslose, überraschungsfreie Standard-Geschichte erzählt, die aber mit einem hohen Maß an Enthusiasmus und Action gut kaschiert wird.

Wie immer, wenn Kung-Fu-Filme preisgünstig in Taiwan gedreht wurden, stehen auch hier keine großartigen Studiokulissen zur Verfügung, was dem Film aber durchaus zum Vorteil gereicht. Denn so zieht man sich in die wilde Natur des Landes und den tatsächlich vorhanden, beeindruckenden Bauten zurück. Die Eleganz, Schönheit, aber auch Künstlichkeit einer Shaw Brothers Produktion geht einem Film wie „Warteliste des Todes“ völlig ab. Aber gerade hier liegt ja auch ein besonnenerer Reiz. Langweilig ist „Warteliste des Todes“ auch zu keiner Sekunde. Ständig ist etwas los, allein in den ersten acht Minuten kommt es schon zu drei großen Kämpfen. Dazu werden nett verrückte Szenen eingestreut, wie z.B. jene in der John Lius Figur in einem Goldenen Käfig in den Wahnsinn getrieben wird. Und wem trotzdem langweilig ist, der kann ja fröhlich mit raten, aus welchem Western gerade wieder die Musik geklaut wurde.

Zwar folgt die Geschichte von „Shaolin – Warteliste des Todes“ der Standard-Formel für billige Hongkong-Klopper, doch John Lius unglaubliche Fuss-Akrobatik, pausenlose Action mit wilden Kämpfen und die ein oder andere verrückte Idee hieven den Film locker über den Durchschnitt.

Leider ist die neue filmArt-Veröffentlichung kein Ruhmesblatt. Als Grundlage diente dasselbe (schlechte) Ausgangsmaterial wie bei den vorhergehenden Veröffentlichungen durch andere Labels, nämlich ein Digibeta-Tape. Dieses ist laut filmArt die derzeit weltweit einzige Quelle. Immerhin hat filmArt aber den Film erstmals anamorph in Scope auf DVD gebracht und die alte Fassung in 2,35:1 (Letterbox) als (einziges) Extras beigegeben. Das Bild ist aber wirklich unterdurchschnittlich. Nicht besonders scharf, an eine VHS erinnernd und in der linken Bildhälfte taucht ab und zu etwas auf, was wie eine schmale, transparente Säule aussieht und das Bild dahinter verzerrt. Der deutsche Ton ist etwas dünn und leicht dumpf, aber sehr viel besser als die ebenfalls enthaltende sehr dumpfe englische Tonspur. Die Synchro ist solide. Extras gibt es wie gesagt bis auf die nicht-anamorphe Letterbox-Fassung keine. Nicht mal ein Booklet.

Das Bloggen der Anderen (26-03-18)

Von , 26. März 2018 17:48

– Christian Genzel von Wilsons Dachboden war auf dem Filmfestival „Sweet Movies 2“, welches diesmal in Nürnberg stattfand. Gezeigt wurden sechs (wie Christian Keßler es in seinem wunderbaren buch „Die läufige Leinwand“ nannte) „Flutschfilme“ und Christian hielt eine Einführung für „Flesh Gordon“ (dem einzigen soften Vertreter des Festivals). Das kam alles gut an und Christian hat das Festival auch sehr genossen (was mich ganz besonders freut, hatte ich doch einst die Ehre den Kontakt herzustellen). Hier sein kompletter Bericht.

– Viktor Sommerfeld erinnert sich auf Jugend ohne Film an die Berlinale zurück und versucht aus seinen Erinnerungen Topographien des Kinos zu erschaffen.

– Lukas Foerster verliert auf Dirty Laundry einige kluge Worte über das Kinoformat DCP.

– Rochus Wolff macht sich auf kino-zeit.de Gedanken über „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ und in wie weit der Film den antirassistischen Kern der Vorlage vernachlässigt. Beatrice Behn schreibt darüber, wie die neuen Hexenfiguren den Zuschauern „ wunderbar widerständige Frauen bescheren“.

– Eine dieser „Hexenfiguren“ ist die „Eishexe“ Tonya Harding, deren Leben nun mit der wundervollen Margot Robbie als „I, Tonya“ verfilmt wurde. Marco ist von dem Film begeistert, so dass es nach einiger Zeit auch mal wieder einen neuen Artikel auf Douscope gibt.

– „2 States“ von Abhishek Varman war laut Michael Schleeh auf Schneeland eine Sensation in seinem Heimatland Indien. Dort schreibt er auch, warum der Film am Ende doch enttäuscht.

– Da hatte ich letzte Woche schon geschrieben, Oliver Nöding hätte seine Robert-Aldrich-Retro auf Remember It For Later beendet – und habe ganz „All the Marbles“ vergessen. Diesen bespricht er in dieser Woche und in der Kommentarspalte meldet sich auch eine gewichtige Stimme zu Wort.

Filmlichtung hat „Rivalen unter roter Sonne“ als „Super-Crossover“ entdeckt. Der Film sei zwar nicht „der Überflieger“, den man aufgrund der Leute vor und hinter der Kamera erwarten könne. Aber gelungen sei er trotzdem.

– Mit Oliver Reed und den Hammer Studios hat sich Mauritia Mayer auf Schattenlichter beschäftigt, als sie „Haus des Grauens“ geschaut hat.

– André Malberg hat auf Eskalierende Träume einen schönen Text über den frühen Harald-Reinl-Film „Johannisnacht“ und dessen Farbgebung verfasst.

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