DVD-Rezension: „Porn to Be Free“

Von , 29. September 2016 22:37

porntobefree„Porn to Be Free“ zeichnet die unglaubliche Entwicklung des Pornos – von den ersten Fotoshootings und Veröffentlichungen in Underground-Magazinen bis zum Einzug in die Kinos. Europas Freie Liebe und grafischer Sex sind Werkzeuge des Protestes im Kampf gegen Zensur und die bigotte Moral der 70er und 80er Jahre. Neben Interviews mit Zeitzeugen wie dem Porno-Star „Cicciolina“, die später Mitglied im Italienischen Parlament wurde, zeigen Film-Ausschnitte und Aufnahmen von den Dreharbeiten den Moment als Porno revolutionär wurde. (Inhaltsangabe des Verleihs)

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Die Geschichte des pornographischen Films der 70er Jahre verspricht das Cover dieser DVD. Das Bild dazu ist nicht unbedingt passend und erinnert eher als eine moderne Softsex-Weichzeichner-Produktion. Schon hier merkt man deutlich, dass das Label Donau Film, das den Dokumentarfilm „Porn to Be Free“ in Deutschland vertreibt, nicht so recht weiß, was es damit anfangen und welche Zielgruppe nun eigentlich angesprochen werden soll. Ein Dilemma, welches man mit etwas gutem Willen nachvollziehen kann. Tatsächlich ist die Pornoindustrie nur ein Aspekt, der hier behandelt und mit saftigen, höchst expliziten Bildern illustriert wird. Der Originaltitel „Porno & Libertà“ trifft es da besser. Denn es geht vor allem um Politik, Demonstrationen, Happenings… und darum, dass Sex auch immer politisch ist. Der Tenor: Die Pornos haben geholfen, die Menschen aus ihren moralischen Käfigen zu befreien und die Welt positiv zu verändern. Eine Geschichte des pornographischen Filmes ist der Film dann natürlich nicht geworden und sollte es auch gar nicht sein. Im Zentrum des Filmes steht die sexuelle Befreiung in Italien. Und dies ist dann zwar hauptsächlich, aber eben nicht nur, auf den pornographischen Film bezogen. Die Welt außerhalb Italiens wird dann auch weitestgehend ausgespart. Zwar werden kurz auch die US-Produktionen im „Deep Throat“-Gefolge erwähnt und natürlich die Pornofilmwelle aus Dänemark, wo Pornographie als erstes legalisiert wurde. Doch wichtige Länder wie Frankreich oder auch Deutschland fehlen.

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Das Thema an sich ist sehr spannend und zeichnet ein interessantes, größtenteils unbekanntes Bild der sozio-politischen Lage und der alternativen Gegenbewegungen im Italien Ende der 60er und in den 70er Jahre. Die Hauptprobleme liegen aber darin, dass Regisseur Carmine Amoroso schon sehr schnell der rote Faden verloren geht und dann wüst zwischen den unterschiedlichsten Themen hin und her gesprungen wird. Zumindest erscheint es so, wenn man kein genaues Hintergrundwissen um die gesellschaftlichen Probleme und die unterschiedlichen alternativen Gruppen im Italien der damaligen Zeit hat. Hier kommt dann erschwerend hinzu, dass es keine Erklärungen zu den interviewten Personen gibt. Daher weiß man als ahnungsloser Zuschauer auch nicht, wer das ist und was seine/ihre Rolle und Wichtigkeit war. Zudem neigen einige von ihnen zum ausgedehnten Aggit-Geschwafel, dem man schon nach zwei Sätzen nicht mehr folgen kann und will. Aber auch bei den Filmschaffenden fehlt einfach eine sinnvolle Einordnung und eine strengere Gesprächsführung. So sind selbst die Ausführungen eines Lasse Brauns zu seinen Anfängen im Sex-Geschäft teilweise sehr verwirrend, wenn das Basiswissen um die Szene, in der er sich damals bewegte, fehlt. Man fühlt sich oftmals so, als ob einem ein Bekannter sehr blumig Geschichten über seinen Schwippschwager und dessen Freunden erzählt, von denen man vorher noch nie etwas gehört hat.

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Dies ist vor allem deshalb ärgerlich, weil man deutlich spürt, dass bei dem Thema sehr viel mehr drin gewesen wäre, als Carmine Amoroso herausholt. Wenig hilfreich ist dabei auch die sehr einseitige Darstellung. Immer wieder wird auf ein großes Happening in Mailand 1976 Bezug genommen, welches als so etwas wie die große Wende in der Art und Weise, wie in Italien mit Sex, freier Liebe und auch Neo-Feminismus und LGBT-Rechten umgegangen wurde. Wobei sich meiner Kenntnis entzieht, ob dieses Treffen von Hippies, Underground-Künstlern und Aktivisten wirklich solch ein alles umwälzendes Ereignis war, wie es dargestellt wird. Und ob es wirklich so stark im kollektiven Gedächtnis Italiens verankert ist, wie in den Erinnerungen der damals Beteiligten, die von Amoroso ausgiebig ins Bild gesetzt werden. Zudem ist die Hauptthese des Films, nämlich dass die Pornographie vor allem ein Mittel war, um gegen Zensur und religiöse Moralvorstellungen zu rebellieren, ziemlich naiv. Zwar befeuern Pioniere wie Lasse Braun dieses Darstellung mit ihren romantisierten Erinnerungen. Dass dahinter aber auch ein knallhartes Geschäft stand (und steht), wird mit keiner Silbe erwähnt. Konsequenterweise endet die Rückschau dann auch Ende der 70er Jahre. Die Industrialisierung der Pornographie wird komplett ausgespart. Auch das Überlappen von Exploitationfilm und Hardcore-Pornographie in den Filmen eines Joe D’Amatos findet ebenfalls keine Erwähnung. Von D’Amato wird einmal im Hintergrund ein Ausschnitt aus „Orgasmo Nero“ eingeblendet. Ein Andrea Bianchi wird in einem Satz als Autor eines pornographischen Magazins erwähnt. So bleibt am Ende dann nur so etwas wie falsche Revolutions-Romantik.

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Die Geschichte des Pornofilms erzählt Carmine Amorosos Dokumentarfilm mitnichten. Vielmehr versucht er Sittengemälde des Italiens der späten 60er und der 70er Jahre zu zeichnen. Dabei wird das Aufkommens des Pornofilms als eine Art Initialzündung für eine sexuelle Befreiung dargestellt, bei der der Porno dann zu einem Instrument des politischen Kampfes wurde. Andere Aspekte der Pornofilmindustrie werden konsequent ausgespart. Dabei verliert Regisseur Amoroso allerdings öfter mal den roten Faden. Auch wäre eine deutlichere Einordnung in den historischen Kontext wünschenswert gewesen.

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Die DVD aus dem Hause Donau Films ist sehr ordnetlich geworden. Bei den historsichen Szenen ist das Bild dann auch (gewollt) sehr historisch, die Interview-Szenen und Zwischensequenzen sind aber state of the art. Der Ton kommt bei diesem Dokumentarfilm natürlich zumeist von vorne, wo die Interviewten ihre Geschichten erzählen. Man kann den Film auf italienisch mit deutschen Untertiteln oder mit einem guten deutschen voice-over anschauen. Extras gibt es bis auf den italienscihen Trailer keine.

Das Bloggen der Anderen (26-09-16)

Von , 26. September 2016 17:07

bartonfink_type2— Letzte Woche gab es kein „Bloggen der Anderen“, da ich mich erst einmal von dem wunderschönen Internationalen Filmfest in Oldenburg erholen musste (Bericht folgt später). Da war auch Christian Gertz von mehrfilm. Allerdings in ganz anderen Vorstellungen als ich, weshalb es bis auf einen Film keine Überschneidungen geben wird. Hier sein Bericht.

– Eine interessante Diskussion über das Für und Wider von Filmschulen, an der auch der großartige Dominik Graf teilnahm, findet man auf critic.de.  Dort stellt Michael Kienzl auch den Bürgerrechtler, Life-Reporter, Modefotograf und Filmemacher Gordon Parks vor.

– Rajko Burchardt hat auf B -Roll einen interessanten Text zu der Schwierigkeit geschrieben, Künstler und reale Person voneinander zu trennen. Lucas Barwenczik fragt sich, ob 2016 das Jahr ist, indem das Kino aufhört wichtig zu sein. Andreas Köhnemann berichtet vom Filmfest in San Sebastian und hat dort u.a Bertrand Bonellos „Nocturama“ und J.A. Bayonas „A Monster Calls“ gesehen.

– 20. September 2016 starb der Regisseur Curtis Hanson. Der Kinogänger widmet ihm einen Nachruf.

– Eine „kurze und höchst unvollständige Geschichte der rotierenden Raumstation“ hat Manfred Polak auf Whoknows presents aufgeschrieben.

– Schwanenmeister schreibt auf negativespace noch einmal über die Locarno-Retrospektive zum deutschen Nachkriegsfilm, die nun um zwanzig Filmen ergänzt und thematisch erweitert, im Oktober ins Deutsche Filmmuseum nach Frankfurt kommt. Sein Fazit: „Nach den Vorführungen wird dringend eine Überarbeitung der deutschen Filmgeschichte angeraten.“

„Wider dem Erdmann“ meint Sir Donnerbold von sdb-film und erklärt sehr detailliert und wortreich, warum ihm Maren Adens Film nicht mundete.

– Udo Rotenberg hat sich für Grün ist die Heide den späten Luis-Trenker-Film „Von der Liebe besiegt“ von 1957 angesehen und findet: „Trenkers „Von der Liebe besiegt“ kam zwar nicht ohne Klischees aus, verband in seiner Anlage aber Elemente der Bergromantik mit den sozialen Veränderungen der 50er Jahre. Die Anspielungen auf Missstände der „Wirtschaftswunder“-Zeit, die Veränderungen im Familienbild sowie die selbstbewusst gestaltete Frauenrolle sind überraschend modern für das Genre und laden zu einer Wiederentdeckung ein.“

– „Der traumhafte Weg ist schmerzvoll und wunderschön, weil er diese Sehnsucht nach der Bewegung, der Berührung erspüren lässt, sie greifbar macht, aber sie dann in Auflösungserscheinungen vergehen lässt.“ So schreibt Patrick Holzapfel auf Jugend ohne Film über „Der traumhafte Weg“ von Angela Schanelec.

– Wang Bings Dokumentarfilm „Bitter Money“ lässt Michael Schleeh nicht mehr los. Warum, versucht er auf Schneeland zu erklären.

– Ekkehard Knör findet, er hätte die die Sichtung der Filme des iranischen Regisseurs Amir Naderi nachzuholen und beginnt auf cargo mit dessen Film „The Runner“ von 1984.

– Spannend. Victoria Steiner berichtet auf Blickabtausch über einen Dokumentarfilm, der bisher komplett an mir vorbei gegangen ist. „S Is For Stanley“ erzählt das Leben Stanley Kubricks durch die Augen seines Chauffeurs.

– Apropos Kubrick: totalschaden erklärt auf Splattertrash, warum ihn „Barry Lyndon“ nicht packen wollte.

– Lukas Foerster schreibt auf Dirty Laundry über „Fremde Stadt“ von Rudolf Thome.

– Den sehr schönen Dokumentarfilm „Wadd – The Life and Times of John C. Holmes“ habe ich damals recht zeitgleich mit „Boogie Nights“ gesehen, so, dass bei mir Realität und Fiktion teilweise etwas verschmelzen. Und ich manchmal gar nicht sagen kann, ob ich eine Szene in „Boogie Nights“ gesehen oder darüber in „Wadd“ gehört habe. Christian Genzel stellt die Doku auf Wilsons Dachboden vor.

– An dieser Stelle eine Empfehlung: Auf Witte’s Wöchentliche Tipps stellt Christian Witte Filme vor. Die er während der vergangenen Woche gesehen hat. Dies geschieht ziemlich umfangreich und informativ. Kann man sich ruhig mal bookmarken. Diese Woche u.a. „Fletschers Visionen“, „The Master“ (Jet Lis erster Hollywood-Ausflug) und Jackie Chans Neuer: „Skiptrace“ – Regie Renny Harlin!

– „Truck Driver – Gejagt von einem Serienkiller“ hieß der australische Thriller „Roadgames“ mit Stacey Keach und Jamie Lee Curtis hierzulande. Sascha von Die seltsamen Filme des Herrn Nolte, spricht eine dicke Empfehlung aus.

– Eine Empfehlung spricht auch funxton aus. Er tut dies für „Flic Story“ von Jacques Deray mit Alain Delon und Jean-Louis Trintignant. Klingt spannend und kenne ich noch gar nicht.

– Ebenfalls noch nicht gesehen: „Vampire’s Kiss“ mit Nicolas Cage. Zumindest nicht den ganzen Film. Clips daraus geistern ja im Internet herum. Als Lachnummer und Beleg für Nicolas Cages angebliche Überzogenheit. Dass aber dahinter ein sehr sehenswerter und toller Film steht, habe ich irgendwie schon immer geahnt. Oliver Nöding von Remember It For Later bestätigt diesen Verdacht.

DVD-Rezension: „R100 – Härter ist besser“

Von , 24. September 2016 20:59

r100Takafumi Katayama (Nao Ômori), ein in öder Routine gefangener Verkäufer in einem Einrichtungshaus, hat es im Leben nicht leicht. Seit seine Frau vor Jahren ins Koma gefallen ist, muss sich allein um den gemeinsamen Sohn kümmern. Jeden Tag fährt er zu seiner Frau ins Krankenhaus, doch eine Besserung ist nicht in Sicht. Zuhause fragt ihn der Sohn, wann die Mama denn wieder nach Hause kommen wird. Seine immer gleiche Antwort: Ostern. Ablenkung verspricht er sich von einer Mitgliedschaft im geheimnisvollen S/M-Club „Bondage“. Dieser schickt seine in Leder gewandeten Dominas immer wieder überraschend und ohne Vorankündigung in der realen Welt der Kunden. Dort tauchen sie dann an immer anderen Orten auf und verwickeln die Kunden in ausgefallene S/M-Spielchen. Die Mitgliedschaft läuft ein Jahr und ist während dieser Zeit unkündbar. Doch bald schon werden Takafumi diese Übergriffe auf sein Privatleben zu viel. Als die Dominas dann noch auf seiner Arbeit und im Krankenzimmer seiner komatösen Frau auftauchen, und letztendlich noch sein minderjähriger Sohn mit in die Spiele hineingezogen wird, will Takafumi nur noch raus aus seinem Vertrag. Doch er ahnt nicht, mit wem er sich da anlegt. Und so eskaliert die Situation immer mehr…

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Als wir hier in Bremen 2012 das Phantastival durchführten, überraschte uns ein Film ganz besonders. Bei Hitoshi Matsumotos Film „Symbol“ hatten wir keinen großen Zuspruch erwartet. Zwar hatte uns „Symbol“ allen sehr gut gefallen – weshalb wir ihn unbedingt im Programm haben wollten -, doch er war auch sehr speziell und vor allem zu diesem Zeitpunkt schon drei Jahre alt und kurz zuvor auf DVD veröffentlicht worden. Daher wurde er im kleinen Kino programmiert, während wir im großen Saal die Deutschlandpremiere von „Berberian Sound Studio“ programmiert hatten. Stilecht auf 35mm. Zu unserer Überraschung verirrten sich aber nur eine Handvoll Interessierte in „Berberian Sound Studio“, während die „Symbol“-Vorstellung gut gefüllt war. Ein Erfolg, den der surreale, rätselhafte, zugleich aber auch sehr komische „Symbol“ absolut verdient hat. Nach „Symbol“ drehte Matsumoto dann den für ihn eher untypischen, da stringent erzählten „Saya Zamurai“ der hierzulande leider trotz hervorragender Kritiken leider vollkommen unterging. 2013 meldete er sich mit „R100“ zurück, welcher nun mit einer Verspätung von drei Jahren nach einem Einsatz beim Fantasy Filmfest hierzulande als Heimkino-Scheibe vorliegt.

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Veröffentlicht wurde „R100“ von dem auf anspruchsvolle Erotik spezialisierten Label Donau Film. Wobei das quitschbunte Cover und der Untertitel „Härter ist besser“ den uneingeweihten Kunden auf die falsche Fährte lockt. Erwartet man doch eine überdrehte Komödie oder zumindest einen bunten, spekulativen Film aus der japanischen S/M-Szene. Gleich die ersten Bilder des Films dürften den Zuschauer ernüchtern. Matsumoto hat konsequent die Farbe in seinem Film eliminiert. Alles ist in einen krank und trist wirkenden grün-blauen Schleier getaucht. So trostlos wie die Bilder ist auch das Leben des Protagonisten Takafumi Katayama, der von Nao Ōmori als Aller-Ego Matsumotos  gespielt wird. Er trifft sich mit einer unbekannten Schönen im langen Mantel in einem Restaurant. Er langweilt sie mit seinen Gesprächs-Themen, da steht sie auf und tritt ihm ins Gesicht. Später soll sie ihn draußen noch eine Steintreppe hinunterstoßen, woraufhin sich sein Gesicht verzerrt und seine Augen sich alienartig vergrößern. Dann kehrt Takafumi wieder in seine tägliche Routine zurück, wird wieder ein kleines Rad in der großen Maschine. Ebenso, wie Matsumotos Film nie zu kräftigen Farben zurückkehrt, so wird Takafumi bis zum Ende keine wirkliche Erlösung gegönnt. Erst die merkwürdigen Schlussbilder zeigen ihn plötzlich glücklich… und hochschwanger. Wie also schon in „Symbol“ überlässt es Hitoshi Matsumoto dem Zuschauer, aus den seltsamen letzten Minuten des Filmes selber einen Sinn zu erschließen. Oder es eben zu lassen.

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Hitoshi Matsumoto ist Teil des in Japan ungemein erfolgreichen Komiker-Duos „Downtown“. In der Paarung mit seinem Partner Masatoshi Hamada übernimmt Matsumoto dabei die Rolle des bloke, also desjenigen, der unter den Schlägen und herablassenden Gemeinheiten seines Partners leidet. Matsumoto bezeichnet Hamada als „Sadist“ und beschreibt sich selber als „Masochist“. So dass der Gedanke naheliegt, dass er „R100“ auch als Schlüsselfilm angelegt hat, in dem er symbolisch seine Erfahrung im Entertainment-Geschäft beschreibt. Wo er auch indirekt einen unkündbaren Vertrag mit einem Sado-Maso-Club eingegangen ist, der ihm zwar Freude bereitet, aber auch auf sein Privatleben übergreift. Wenn man im Netz über Hitoshi Matsumoto Privatleben liest, erfährt man, dass er – trotz seiner Heirat mit einer bekannten Fernsehansagerin – dies doch immer nur sehr distanziert beschreibt und weitgehend unter Verschluss hält. Vielleicht spielt in „R100“ ja die Furcht mit, dass sein öffentlicher Erfolg, sein privates Leben bedroht. Und die unglaubliche Hünin aus den USA (dargestellt von der 2.04 Meter großen Lindsay Hayward) Hollywood repräsentiert, welches ihn verschlingen wird, sollte er sich zu sehr an „Bondage“ binden. Hier hat dann auch der Name „Bondage“ eine durchaus zweideutige Bedeutung. Für diese Lesart spricht die zweite Ebene des Filmes, in der Produzenten und Kritiker sich „R100“ ansehen und sich in den Pausen immer wieder ratlos darüber unterhalten, auf Handlungslöcher und Logikfehler hinweisen. Und ist der Regisseur, der im Film seinen „R100“ gedreht hat, am Ende nicht deshalb so glücklich und zufrieden, weil er sich in den Zwängen seiner „Bondage“-Filmindustrie die Freiheit genommen hat, seine ganz eigene Geschichte zu drehen, ohne dass es jemand merkt? Zumindest niemand, der nicht an seiner Stelle ist. „R100“ bezieht sich nämlich auf die japanische Altersfreigabe und der Regisseur ist der einzige, der das erforderliche Alter von 100 bereits erreicht hat.

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„R100“ ist der eigenwillige Film, den man von Hitoshi Matsumoto erwartet. Wer schreiende Komik oder gar Erotik erwartet, wird bei diesem eher trostlosen, ruhigen Film enttäuscht sein. Doch wer sich auf „R100“ einläst, wird mit einem immer weiter eskalierenden surealen Albtraum belohnt, welcher auch als augenzwinkernde, autobiographische Metapher für die Person Matsumoto funktioniert.

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Da der Film bewusst in einem farbentsättigten grün-braunen, körnig-„schmutzigen“ Look gehalten ist, kann über die Bildqualität keine richtige Aussage getroffen werden. Man kann aber davon ausgehen, dass es von diesem Film auch nirgendwo eine besser aussehende DVD geben wird. Der Ton kommt zum größten Teil aus den vorderen Boxen, Surround-Effekte gibt es so gut wie nicht. Wie so häufig bei japanischen Filmen ist der Originalton zu bevorzugen. Die deutschen Untertitel sind verständlich und gut lesbar, die deutsche Synchronisation eher schwach. Sehr enttäuschend ist das Fehlen jedweden Bonus-Materials, sieht man einmal von zwei Original-Trailern und einem TV-Spot ab. Gerade bei „R100“ wäre beispielsweise ein Interview mit dem Regisseur hochspannend gewesen. So enthält die britische DVD ein „Making Of“ und eine Q&A, die sicherlich auch der deutschen Veröffentlichung gut zu Gesicht gestanden hätte. Sehr schade. Der Film selber ist übrigens ab 16. Der dicke, rote FSK18-Hinweis muss sich dementsprechend auf einen auf der Scheibe enthaltenen Trailer beziehen. Zusammen mit dem unpassenden Untertitel ein leider sehr irreführender Marketing-Trick.

2. Filmfest Bremen – 24./25. September im Cinemaxx

Von , 22. September 2016 21:14

ffb2016Filmfestivals gibt es viele. Fast immer sind sie nach der Stadt benannt in der sie stattfinden. Doch beim „Filmfest Bremen“ ist der Name gleich dreifach Programm. Denn hier werden ausschließlich Filme gezeigt, die von oder mit Bremer Filmschaffenden realisiert wurden, Filme über Bremen und Filme mit Bremen als Drehort. Vergangenes Jahr fand das Festival das erste Mal statt und war scheinbar ein voller Erfolg, denn in diesem Jahr gibt es nicht nur eine zweite Auflage, sondern des wurde sogar noch verlängert. Das 2. Filmfest Bremen geht ein ganzes Wochenende lang und zwar vom 24. bis zum 25. September 2016. Dann werden im Bremer Cinemaxx Spielfilme, Kurzfilme, Dokumentationen, Experimentelles und neue filmische Formate gezeigt.

Moderiert wird das Filmfest in diesem Jahr von Jessica Bloem (Radio Bremen) und Malte Janssen (Radio Bremen). Alexandra-Katharina Kütemeyer (geschäftsführende Redakteurin des Weser-Kurier) moderiert das Panel »Netzflimmern« beim Symposium Fokus Bremer Film. Entstanden ist die Idee des Filmfests aus der gemeinsamen Arbeit Bremer Filmschaffender. Am Anfang standen Ilona Rieke vom Filmbüro Bremen e. V. und Matthias Greving und Mike Beilfuß (nebenbei ehemaliger Chef-Redakteur des wunderbaren Filmmusik-Magazins „Cinema Musica„, welches ich immer gerne mal mitgenommen hatte, als es noch im Bahnhofsbuchhandel erhältlich war) von der Produktionsfirma Kinescope Film. Alle drei waren sich einig, dass es neben den bereits bestehenden Plattformen zur Vernetzung von Bremer Filmemachern auch eine öffentliche Werkschau geben müsste, um den Bremer Film einem breiteren Publikum vorstellen zu können.

Das Filmfest beginnt am Samstag um 12:00 Uhr mit dem Symposium Fokus Bremer Film: „TALENT CORNER – Die nächste Generation Bremer Filmemacher/Innen stellt sich vor“. Offizieller Beginn ist um 19:00 Uhr mit dem Dokumentarfilm „Die Prüfung“. Es folgen mit „Als Hollywood in der Heide lag“ ein weiterer Dokumentarfilm, das Ergebnis des 48-Stunden-Filmwettbewerbs und ab 24:00 die lange Kurzfilm-Nacht zum Thema „Raumfahrt“.Am nächsten Tag geht es mit dem Klassiker „Ein Platz an der Sonne“ von 1951 weiter. An George Stevens‘ Drama mit Montgomery Clift, Elizabeth Taylor und Shelley Winters war der Bremer Hans Dreier für das Szenenbild verantwortlich. Gezeigt wird eine 35 Millimeter-Kopie. Wow! Ich wusste gar nicht, dass das Cinemaxx noch entsprechende Projektoren hat. Finde ich super! Danach noch eine Spielfilm: „Yarden/The Yard“ und die Musik-Doku „I’ll Play For You“ über die polnische Geigerin Wanda Wilkomirska, die auch anwesend sein wird. Weiter geht es mit Kurzfilmen und dem Missbrauchs-Drama „Die Hände meiner Mutter“ von Florian Eichinger mit Jessica Schwarz, welches auch gerade auf dem Filmfest in Oldenburg lief. Eine letzte Runde Kurzfilme schließt das Festival dann ab.

Weitere Infos gibt es hier.

DVD-Rezension: „Strasse der Angst“

Von , 17. September 2016 11:24

strassederangstDer aufstrebende Jungpolitiker ist Dr. Michele Alemani (Fabio Testi) ist mit Rita (Simonetta Stefanelli) verheiratet, der Tochter des einflussreichen Bauunternehmer und Parteivorsitzenden Vetroni (Ugo Bologna). Für seinen Schwiegervater übernimmt er auch schon mal die Drecksarbeit, wie die Einschüchterung unliebsamer Konkurrenten. Eines Tages wird Alemani Opfer eines Attentats. Gerettet wird er dabei von einer unbekannten jungen Frau (Lara Wendel), die seine Wunden verbindet. Alemani kann die junge Frau nicht vergessen. Als er sie wenig später zufällig in einem Restaurant wieder trifft, verlieben sich beide ineinander. Alemani ist bereit für Viva, so heißt die Schöne, alles aufzugeben. Auch als er entdeckt, dass sie schwer heroinabhängig ist, ändert dies nichts an seinen Plänen…

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Um es gleich vorweg zu schicken: Warum dieser Film in der Reihe „Polizieschi“ erscheint, wird wohl auf immer das Geheimnis des Labels filmArt bleiben. Nein, wer aufgrund des reißerischen Covers eine actionreichen Polizei- oder Mafiafilm erwartet, der wird bitter enttäuscht werden. Und nein, weder trägt Herr Testi in diesem Film einen Trenchcoat, noch nimmt er eine Waffe in die Hand. Immerhin ist das Cover so aber vielfältig einsetzbar und diente auch der VHS-Veröffentlichung des Films „Sieben Stunden der Gewalt“ mit George Hilton als Cover-Motiv, indem der Figur, die offensichtlich Testi darstellen soll, ein Schnauzbart aufgemalt wurde. Dabei beginnt „Strasse der Angst“ für den durch das Label „Polizieschi“ angelockten Zuschauer durchaus vielversprechend. Zu einer schönen Melodie des immer zuverlässigen Stevio Cipriani, dessen Werke zahlreiche Klassiker des Genres zieren, sehen wir Fabio Testi beim nächtlichen Rugby-Spiel, beobachtet von einigen finsteren Gestalten, die sich dann auch gleich an seine Fersen heften. Schnell wird klar, dass der aufstrebende Jungpolitiker für seinen reichen und industriellen Schwiegervater die Drecksarbeit erledigt und mit sanftem Druck unliebsame Konkurrenten aus den Weg räumt. Doch sehr bald bekommt er die Quittung für sein zwielichtiges Treiben präsentiert und wird von einem maskieren Überfallkommando zusammengeschossen. Hier endet dann erst einmal die erwartete Handlung und der Film wendet sich mit Schmackes einem anderen Genre zu.

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Als Alemani nach dem Überfall angeschossen an einem Laternenpfahl hängt, eilt ihm eine unbekannte Schöne zu Hilfe, bindet ihm mit ihrem Schal seine Wunden ab und verhindert somit, dass er verblutet. Ob diese junge Frau nur zufällig in der Nähe war, oder ob sie zusammen mit ihrem kriminellen Freund in die Sache verwickelt ist, wird im weiteren Verlauf nicht geklärt. Beides ist denkbar. Alemani kann die Schöne nicht vergessen, was man durchaus nachvollziehen kann, wird sie doch von der schönen Lara Wendel gespielt. Lara Wendel war zum Zeitpunkt der Dreharbeiten unglaubliche 15 Jahre jung. Etwas, was man ihr aber zu keiner Zeit ansieht, insbesondere in den zahlreichen, textilfreien Liebesszenen mit Fabio Testi, in denen sie sehr ungezwungen ihren makellosen Körper präsentiert. Die 1965 als Daniela Rachele Barnes in München als Tochter eines amerikanischen Schauspieler-Ehepaars geborene Wendel hat zu diesem Zeitpunkt schon einige Erfahrung im Filmgeschäft und mit Nacktszenen. Spielte sie doch 1977 die Hauptrolle in dem Skandalfilm „Maladolescenza – Spielen wir Liebe“. In „Strasse der Angst“ zeigt sie neben ihren körperlichen Reizen auch ihre schauspielerischen Fähigkeiten. Schließlich spielt sie ihre Figur – welche einige Jahre älter als sie selbst zu sein scheint – sehr souverän und glaubwürdig. Auch in den dramatischen Szenen verfällt sie nicht in eine übertriebene Darstellung, sondern verkörpert Schmerz und Zerrissenheit auf realistische Art und Weise. Demgegenüber wirkt Fabio Testi häufig etwas steif und verkrampft.

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Sobald sich Alemani in die geheimnisvolle Viva verliebt, und beide sehr schnell ein ungleiches Paar werden, verlässt der Film konsequent den Gangsterfilm-Pfad und begibt sich gänzlich ins Reich des Liebes-Drama. Dann erzählt „Strasse der Angst“ nur noch von dem Karrieremenschen, der für seine große Liebe alles aufgibt und sich im stetigen Kampf mit deren Vergangenheit befindet. Der mit ihrer Drogenabhängigkeit konfrontiert wird und trotzdem um sein großes Glück kämpft. Der seine Geliebte aber auch akzeptiert und gegen alle gesellschaftlichen Widerstände alles tut, um mit ihr an seiner Seite ein neues Leben zu beginnen. Das nimmt dann durchaus Züge einer Groschenroman-Romanze an. Mit der Optik von kitschigen 80er-Jahren-Pärchen-Postern, wie sie damals in zahlreichen Backfisch-Stuben hingen. Alemani und Viva lieben sich inbrünstig (was Frau Wendel zu einigen unverhüllte Szene verhilft, was ja durchaus seinen Reiz hat) und sind bereit, sich gegenseitig füreinander zu opfern. Aber erst am Ende schlägt das Schicksal, bzw. die Umstände wieder mit unerbittlicher Härte zu und verschafft Danilo Mattei zu einem wunderbar schmierigen Auftritt als ehemaliger Freund/Dealer/Zuhälter (?) der armen Viva. Fabrizio Lori gelingt es bei seinem Regie-Debüt dann zu guter Letzt doch noch, zusammen mit seiner Hauptdarstellerin ein optisch reizvolles und schön melancholisches Finale zu inszenieren, welches dem Publikum länger im Gedächtnis haften bleiben dürfte, als der kitschige Mittelteil des Filmes.

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Für Freunde des „Polizieschi“ dürfte „Strasse der Angst“ eine ziemliche Mogelpackung sein. Freunde des italienischen Films dürfen sich aber an der schönen Lara Wendel und Fabio Testi erfreuen. Nach einem vielversprechenden Beginn, gleitet der Film leider schnell in kitschige Bastei-Roman-Gefilde ab, fängt sich am Ende aber wieder und liefert zumindest ein gelungenes, dramatisches Finale.

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Das Bild dieser filmArt-DVD kann man ruhigen Gewissens als solide bezeichnen. Mehr war bei diesem eher unbekannten Film wohl auch nicht drin. Der deutsche und italienische Ton ist okay, die Synchronisation sehr gut. Neben dem deutschen Trailer, wurde noch die deutsche Kinofassung mit auf die Scheibe gepackt. Diese ist von daher sehr interessant, weil sie mit einem alternativen Ende aufwartet. Auffällig ist bei dieser Veröffentlichung, dass es erstmals kein Booklet gibt.

Blu-ray-Rezension: „Der Bunker“

Von , 13. September 2016 19:20

bunkerDer Student (Pit Bukoswski) quartiert sich als Untermieter bei einer Familie ein, die in einem unterirdischen Bunker irgendwo im Wald lebt. Hier will er sich in Ruhe auf seine wissenschaftliche Arbeit konzentrieren. Doch schnell wird er von dem Vater (David Scheller) und der Mutter (Oona von Maydell) gezwungen, ihren acht-jährigen Sohn Klaus (Daniel Fripan) zu unterrichten, der ihrer Meinung nach hochbegabt ist und auf das Amt des Präsidenten vorbereitet werden muss.

Man soll mit Superlativen ja vorsichtig sein und es vermeiden, Filme vorschnell auf den Olymp zu jubeln oder in die ewige Hölle zu verdammen. Bei Nikias Chryssos‘ „Der Bunker“ fällt mir ersteres schwer, denn diese Film ist für mich in der Tat eine der besten deutschen Produktionen der letzten 2o Jahre. Wobei ich gestehen muss, von den anderen Filmen, die derzeit unter dem sperrigen und gänzlich unsexy klingenden Titel „New German Fantastic Cinema“ in eine Schublade gestopft werden, bisher nur „Der Samurai“ gesehen zu haben. Großen Nachholbedarf habe ich in puncto „Der Nachtmahr“ und vor allem „Wild“.

„Der Samurai“ sah ich vor zwei Jahren auf dem Internationalen Filmfest in Oldenburg. Endlich ein Genre-Film, der sich nicht krampfhaft an US-Vorbildern orientierte und für wenig Geld unbedingt auf ganz großes Hollywood machen will. Der seinen Figuren englische Namen gibt, um international zu wirken. Und vor allem ein Film, der eine ganz eigene Geschichte erzählt, und nicht zum x-ten Mal „Pulp Fiction“ oder irgendeinen 08/5-Zombie-Splatter durchkaut. Das ist es doch, was Filme wie diesen auf internationalen Festivals so erfolgreich macht. Die Menschen möchten gerne interessante, originäre Geschichten sehen, die auch in dem Land, aus dem sie stammen, verwurzelt sind. Nicht irgendwie Kopien, die auf Teufel komm raus amerikanisch wirken sollen und dann doch nur nach Hintertupfingen aussehen. Da ist es doch sehr viel spannender, gleich eine interessante Geschichte aus Hintertupfingen zu erzählen. So, wie es „Der Samurai“ macht.

Womit wir nach diesem etwas längeren Exkurs endlich bei „Der Bunker“ angekommen sind, dessen Hauptdarsteller Pit Bukowski ja auch der „Der Samurai“ war und völlig zu recht gerade sehr gefragt ist. In „Der Bunker“ spielt Pit Bukowski den namenlosen Studenten, der Ruhe und Abgeschiedenheit sucht, um sich seiner Studien widmen zu können. Dabei ähnelt er einer Figur bei Kafka. Was er da eigentlich so fleißig studieren möchte bleibt unklar. Im Grunde besteht seine Arbeit darin, immer wieder wilde Kreise zu kritzeln. Der seltsamen Familie, bei der er unterkommt, steht er eher passiv gegenüber. Kaum einmal kommt es zur Auflehnung, auch wenn er schlecht behandelt wird und das ihm zugewiesene Zimmer so gar nicht dem entspricht, was ihm versprochen wurde. Die grotesken Umstände seines Aufenthalts nimmt hin und versucht sich so gut wie möglich anzupassen. Nicht einmal scheint ihm in den Sinn zu kommen, diesen seltsamen Ort zu verlassen. Hier spürt man Echos von Roman Polanskis wundervoll-verstörendem Meisterwerk „Der Mieter“. Wie dessen Hauptfigur Trelkovsky, möchte auch der Student nicht negativ auffallen und seine Mitbewohner verärgern. Und dies wird von jenen skrupellos ausgenutzt. Beim Kafka-Vergleich sollte man auch nicht vergessen, dass Kafkas Bücher von einer schreienden Komik sind. Zu gerne hätte ich „Der Prozess“ von den Monty Pythons verfilmt gesehen, deren Sketche ja auch oftmals darin bestehen, ein gutgläubiges und gutwilliges Individuum in eine Situation zu stellen, deren Hintergründe, Motivation und Ausmaß es nicht überblickt. Wie der Student in „Der Bunker“.

Neben dem Kafka-Einfluss setzt Regisseur Nikias Chryssos seinen Film aus den unterschiedlichsten, sehr deutschen Zutaten zusammen. In erster Linie ist da natürlich der bürgerliche Muff der 50er Jahre. Aber auch die Gier nach Anerkennung, die starke Betonung des Bildungsbürgerlichen, dieses Schwanken zwischen Selbstmitleid und Größenwahn. All dies verkörpert durch den von David Scheller furios gespielten Vater. Einer in ihrem Bemühen, eine akademische Überlegenheit auszustrahlen, höchst lächerliche Gestalt, in der jedoch ein garstig-unheimlicher Kern lauert. Der Proll, der jederzeit seine manieriert ausgesuchten Worte gegen sehr handfeste Argumente tauschen würde. Jene Szenen, in denen der Vater mit weiß geschminkten Clownsgesicht uralte Witze vorliest, um diese dann mit großer Geste zu analysieren, gehört zu den verstörensten Szenen des Filmes, bei der man sich nicht sicher ist, ob man nun ob der absurden Situation lachen oder sich fürchten soll. Man fühlt sich hier an Tom Hardys grandiosen Auftritt als Bronson im gleichnamigen Film erinnert, der ihn ähnlicher Maske und Stimmung den Entertainer gab, bei dem man wusste, dass er sofort brutal zuschlagen wird, sobald ihm jemand in die Pointe reinquatscht. Auch wenn Pit Bukoski die Hauptrolle und Daniel Fripan die dankbarste Figur spielt: David Scheller ist der heimliche Star des Films.

Weiter verfremdet Chryssos seine Geschichte mit der Figur der Mutter. Dargestellt von der Tochter des Schauspielerpaares Sabine von Maydell und Claude-Oliver Rudolph, Oona von Maydell Sie bringt ein gewisses Horror-Element in den Film. Und dies manifestiert sich nicht nur durch den mit dröhnender, gurgelnder Stimme sprechenden „Heinrich“. Eine nie zuwachsende, klaffende Wunde am Bein der Mutter. Diese Mutter ist die Schreckensgestalt der Über-Mutter, die ihr Kind nicht gehen lassen kann/will. Die es noch säugt, obwohl es bereits lange aus dem Säuglingsalter hinaus ist. Die sich wie ein Gespenst dem Studenten hingibt, um diesen noch enger an ans Haus und damit an ihr Kind zu binden. Das blasse Gesicht der Mutter bezeugt, dass sie den Bunker schon sehr lange nicht mehr verlassen hat. Hier fesselt sie ihr Kind an sich, so dass es nicht nach draußen kann oder erwachsen werden will. Der geniale Trick des Regisseurs ist es dann auch, den acht-jährigen Klaus mit dem 31-jährigen Daniel Fripan zu besetzten. Abgesehen von diesem grandiosen, beunruhigenden Verfremdungseffekt, kann man sich auch nie sicher sein, ob Klaus wirklich erst acht Jahre ist. Als ihn der Student darauf anspricht, dass er älter aussehe, reagiert er mit einem lauten und sehr wütenden „Ich bin acht Jahre!“. Und als er sich am Ende von seiner Familie lösen will, sagt er mit einer ruhigen, dunklen und sehr erwachsen Stimme, die nichts von Klaus‘ hellen Kinderstimme hat: „Mutter, ich gehe jetzt“. Und da ist ja auch diese merkwürdige Szene in den Extras dieser wundervollen Blu-ray. In einem kurzen Zusammenschnitt, der „The Bunker Awakes“ betitelt ist, sieht man am Ende Klaus seine alberne Perücke vom Kopf nehmen und den kahlköpfigen Daniel Fripan direkt in die Kamera schauen. Nun kommt diese Szene im Film nicht vor, doch unterstreicht dieses Bild die undurchschaubare Brüchigkeit der Figur, die möglicherweise wie der Student einen Pakt mit dem Vater und der Mutter eingegangen ist, aus dem sie sich nicht mehr lösen konnte.

Daniel Fripans Darstellung des Klaus ist natürlich das Aushängeschild des Filmes, auch wenn die anderen drei Schauspieler ebenso glänzen und ebenbürtig auf hohem Niveau agieren. Aber auch die brillante Ausstattung (Production Design von Melanie Raab, Kostüme von Henrike Naumann), Leonard Petersens eingängige Musik und die sowohl unauffällige, wie doch in den Details unglaublich effektive Kameraarbeit von Matthias Reisser, machen aus „Der Bunker“ einen sehr sehenswerten Film, bei dem man bei jeder Sichtung neue Details entdeckt. Wir hatten hier in Bremen das große Glück „Der Bunker“ im Rahmen unserer Filmreihe Weird Xperience im Kulturzentrum Lagerhaus zeigen zu dürfen. „Der Bunker“ brachte dann gleich einen ersten Zuschauerrekord, was zeigt, dass es ein Publikum und ein Bedürfnis für diese besonderen Filme abseits der Mainstream-Norm gibt. Auch (oder vielleicht auch gerade?) aus Deutschland. Die Reaktionen auf den Film waren jedenfalls durchweg positiv. Darum kann man allen angehenden Genrefilmern nur zurufen: Kommt heraus aus Eurer Schmollecke. Schreibt kreative Drehbücher. Macht Kino, kein biederes Fernsehen. Kopiert nicht die Kopien, seit die Originale! So wie „Der Bunker“. Der hat auch keine Förderung bekommen, konnte aber trotzdem einen Hans W. Geissendörfer (den großen Unterschätzten des deutschen Films, der so viel mehr ist als nur „Lindenstraße“) dazu bringen, Geld in diesen Film zu investieren. Geht doch.

Mit dem Label „Bildstörung“ hat „Der Bunker“ einen kongenialen Partner gefunden. „Bildstörung“ hat sich mittlerweile mit seinen hochwertigen und extrem spannenden Veröffentlichungen einen Ruf erarbeitet, der in einem Atemzug mit dem amerikanischen Criterion und dem englischen Masters of Cinema genannt werden kann. Liegt der Schwerpunkt meistens auf dem Kino der 70er und 80er Jahre, ist „Der Bunker“ – neben dem indischen „Gandu – Wichser“ – der jüngste Film, der es in die großartige „Drop Out“-Reihe des Labels geschafft hat. Wie die anderen Filmen auch, wird „Der Bunker“ in einer sehr liebevollen und umfangreichen Edition veröffentlicht. Bild und Ton sind dabei makellos. Die Extras bestehen aus einem interessanten Audiokommentar des Regisseurs, einem knapp 2-minütigen Promozusammenschnitt namens „Der Bunker Awakens“, der scheinbar auch nicht verwendetes Material beinhaltet. 20 Minuten Deleted Scenes, teilweise Erweiterungen von aus dem Film bekannten Szenen. 13 Minuten Outtakes, die allerdings wirkliche Outtakes und keine spaßigen Versprecher sind. Herzstück ist das hochspannende und aufschlussreiche 64-minütige „Making Of“, welches auf alle Aspekte der Produktion eingeht und zahlreiche Beteiligte zu Wort kommen lässt. Abgerundet wird das Ganze mit zwei frühen Kurzfilmen des Regisseurs: „Schwarze Erdbeeren“ (20 Minuten) und „Der Großvater“ (15 Minuten). Während ersterer ein typischer Studentenfilm ist, um die große Liebe und Freundschaft ist, fühlt sich „Der Großvater“ schon mehr wie eine stilistische Fingerübung auf dem Weg zum „Bunker“ an. Bildtechnisch auf höchstem Niveau und einfallsreich lässt Nikias Chryssos seinen späteren Hauptdarsteller Pit Bukowski mit dem fantastischen Matthias Habich zusammenprallen. Toll gespielt, wenn auch etwas zu offensichtlich auf die erwartbare Pointe hingesteuert wird. Wer sich dann noch näher mit dem Film beschäftigen möchte, für den liegt noch ein 24-seitiges, hervorragend geschriebenes Booklet von Oliver Nöding bei. Und in der Limited Edition ist noch eine CD mit dem grandiosen Soundtrack von Leonard Petersen enthalten. Alles in allem ein Pflichtkauf.

Das Bloggen der Anderen (12-09-16)

Von , 12. September 2016 17:53

bartonfink_type2– Letzte Worte zum diesjährigen Filmfestival in Venedig. Auf Sennhausers Filmblog hat Brigitte Häring Lav Diaz‘ „The Woman Who Left“ gesehen und war begeistert. Die Jury auch, denn der Film gewann am Ende den goldenen Löwen. Außerdem: Wim Wenders 3D-Handke-Verfilmung „Les Beaux Jours d’Aranjuez“, die ihr auch gut gefallen hat.

– Nino Klingler stellt auf critic.de zwei Comic-Bücher mit Filmbezug vor, von denen vor allem Charles Berberians „Cinerama“ (was für ein Zufall, ich hatte mal vor fünf Jahren eine Radiosendung auf dem Bremer öffentlichen Kanal, die genauso hieß) besonders vielversprechend anhört. Und Lukas Stern schreibt über den nächsten Film von Roger Fritz der nun im Rahlen der „Edition Deutsche Vita“ wiederentdeckt werden kann: Die Rede ist von seinem Regie-Debüt „Mädchen, Mädchen“ von 1967. Ein Pflichtfilm für alle Freunde des aufregenden, leider beinahe „unsichtbaren“ Deutschen Kinos.

– Momentan wird Fede Alvarez‘ Film „Don’t Breath“ ziemlich bejubelt. Wo man hinschaut, nur zufriedene Gesichter. So auch bei Björn Schneider von Film Welt und MrDepad von Die drei Muscheln. Dass die Kollegen von Komm&Sieh da mal wieder aus der Reihe tanzen würden, war zu erwarten. Mehr gewundert hat es mich da, dass auch Christian Witte von Cereality durchaus kritische Töne anschlägt.

– Oliver Armknecht von film-rezensionen.de hat einen Geheimtipp vom Fantasy Filmfest mitgebracht. Die Geistergeschichte „We Go On“ hat ihm im positiven Sinne die Nackenhaare hochstehen lassen. Auch der in den Blogs allen Ortens bejubelte koreanische Zombie-Schocker „Train to Busan“ hat ihm gut gefallen.

– „Train to Busan“ hat auch Ralf Linder von Der Kinogänger gut gefallen, allerdings vermisst er Innovationen. Weiterhin hat Ralf wieder Neues aus Hollywood mit dabei.

– Ob die Welt das brauchte, lass ich mal offen. Antoine Fuqua hat aber auf jeden Fall „Die glorreichen Sieben“ noch einmal neu verfilmt. Meine Erwartungen waren niedrig, doch nach Ronny Dombrowskis sehr positiver Kritik auf cinetastic bin ich nun doch neugierig.

– Den Original-„Die glorreichen Sieben“ habe ich ja sehr gerne. Gabelinger eher weniger. Er kann sich nicht erklären, dass so viele Leute diesen Western so mögen. Warum er hier anderer Meinung ist, legt er sehr profund auf Hauptsache (Stumm)Film dar.

– Scheinbar wurde George A. Romeros fast schon vergessener „Bruiser“ wieder veröffentlicht. Jedenfalls wird er in dieser Woche in gleich zwei Blogs besprochen. Aber weder JackoXL von den Drei Muscheln, noch Andreas Eckenfels von Die Nacht der lebenden Texte können diesem Film besonders viel abgewinnen.

Robert Enricos „Die Abenteuer“ hatte ich aufgrund eines sehr frühen TV-Erlebnisses lange Jahre lebhaft in Erinnerung, ohne den Titel zu kennen. Den habe ich dann irgendwann rausgefunden, und dank funxton begeisterten Review wurden jetzt auch die restlichen Erinnerungen komplettiert.

– Wiliam Gridler Double-Feature bei Schlombies Filmbesprechungen. Erst „Grizzly“ von 1976, dann der ein Jahr später entstandene „Panik in der Sierra Nova“. Zweimal unterhaltsamer Öko-Horror.

– Nicht alles gefiel Michael Schleeh von Schneeland an Jang Jae-hyuns Regie-Debüt „The Priests“. Aber immerhin so viel, dass er den Film nicht nur weiterempfehlen würde, sondern auch schon auf Jang Jae-hyuns nächsten Film sehr gespannt ist.

Short Cuts Totale beschäftigt sich wieder mit Ingmar Bergman Frühwerk. Diesmal wird sich sehr intensiv mit „Musik im Dunkeln“ von 1948 auseinandergesetzt.

– Sehr weit zurück in der Zeit geht es diesmal bei Splattertrash. Totalschaden schreibt über den deutschen Spielfilm „In Nacht und Eis“ von 1912, der die Titanic-Katastrophe nacherzählt – und dies bereits wenige Monate nach dem Unglück!

– Christian Genzel schreibt auf Wilsons Dachboden über die interessante Doku „Inside Deep Throat“ und schreibt seine Gedanken zu Oliver Stones „Natural Born Killers“ nieder.

– Thomas Rufin erklärt auf Jugend ohne Film, warum Musicals eigentlich so gar nicht sein Metier sind und welche Ausnahmen er gerne und weshalb macht. Rainer Kienböck mit ein paar Zeilen zu Lew Kuleschows „Die seltsamen Abenteuer des Mr. West im Lande der Bolschewiki“.

– Guido Rohm erzählt auf Hard Sensations über die grandiose Unlustigkeit von „Entertainment“.

Blu-ray Rezension: „Schrei, wenn der Tingler kommt“

Von , 7. September 2016 21:27

tinglerDer Pathologe Dr. Warren Chapin (Vincent Price) entdeckt, dass im Rückgrat eines jeden Menschen eine Wesen existiert, welches von der Angst seines Wirtes lebt. Gelingt es dem Wirt nicht, vor Angst zu schreien, so wächst das Wesen – den Chapin „Tingler“ nennt – heran und bricht ihm die Wirbelsäule. Fasziniert von Tingler versucht Dr. Chapin zusammen mit seinem Assistenten David Morris (Darryl Hickman) alles, um das geheimnisvolle Wesen näher zu untersuchen. Sogar vor einem gefährlichen Selbstversuch schreckt er nicht zurück. Erst die Leiche einer taubstummen Frau bringt ihm den Durchbruch. Doch nun ist der Tingler frei…

Anmerkung: Alle Screenshots stammen von der ebenfalls enthaltenen DVD, nicht der Blu-ray.

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William Castle war ein hervorragender Showman. Einer, der Kino als Spektakel begriff und den Zuschauern eben dieses bieten wollte. Jemand, der erkannt hatte, dass das Kino ein besonderes Erlebnis sein musste, um der Tendenz der Menschen, sich Zuhause vor dem Fernseher einzuigeln, entgegen zu wirken. Der wusste, das Kino dazu etwas bieten musste, was der Fernseher nicht liefern konnte: Ein großartiges, gemeinsames Erleben. Daher spickte er seine Filme mit Gimmicks, die dieses Gemeinschaftsgefühl befeuerten, den Kinopalast zu einem echten Erlebnisort machten. Wenn heute über Kinokrisen und die Generation-Download gesprochen wird, dann liegt der Gedanke nahe, dass so jemand wie Castle fehlt. Der derzeitige 3D-Hype könnte auf seinem Mist gewachsen sein. Wobei er wohl noch Steinchen auf die Zuschauer geworfen hätte, um das dreidimensionale Spektakel noch zu steigern und den Zuschauern etwas zu bieten, was über den Film hinausgeht.

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Nachdem Castle bei seinem Film „Das Haus auf dem Geisterhügel“ noch Skelette durch den Kinosaal ziehen lies, ging er bei „Schrei, wenn der Tingler kommt“ noch einen Schritt weiter. Er ließ in einigen Kinos kleine Elektroschocker an die Kinosessel einbauen. Wenn dann im Film der Tingler in ein Kino eindrang, drehte seinen Hauptdarsteller Vincent Price auf der Leinwand das Licht aus und forderte die Zuschauer auf, so laut wie möglich zu schreien, um den Tingler zu verschrecken. Dies muss damals ein wunderbares Schauspiel gegeben haben. Schade, dass diese Erfahrung bei Sichtung der Blu-ray natürlich auf der Strecke bleibt. Doch auch jenseits dieser Gimmicks, hat „Schrei, wenn der Tingler kommt“ so einiges zu bieten, was sich auch heute noch im heimischen Wohnzimmer lohnt, anzusehen. Vor allem die schauspielerischen Leistungen. Natürlich ist die Geschichte, die der Film erzählt, ziemlich hanebüchen und ganz darauf ausgerichtet, in den oben beschrieben Passagen das Publikum zum Mitmachen anzuregen. Doch statt daraus ironischen Trash zu machen, wie es heute wohl – leider – der Fall wäre, nimmt der Film seine unwahrscheinliche Geschichte durchaus ernst.

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Vincent Price spielt den Wissenschaftler Dr. Warren Chapin als leidenschaftlichen, aber nicht verbohrten oder gar wahnsinnigen Forscher. Im Gegenteil, auch wenn das Drehbuch ihn in zwei Wendungen als eiskalten Bösewicht darstellt, so ist er doch das genau Gegenteil. Er leidet unter der Untreue und der herablassenden Arroganz seiner Ehefrau. Wenn er ihr dies dann heimzahlt, kann der Zuschauer großes Verständnis für Dr. Chapins Tat aufbringen. Dass sich diese dann nur als Finte entpuppt, spricht für die Warmherzigkeit, mit der Vincent Price seine Rolle anlegt. Auch seine fast schon kindliche Begeisterung, wenn er den Tingler entdeckt, bringt man nicht unbedingt mit dem Bild eines mad scientist in Verbindung. Price spielt sympathisch, einnehmend und vor allem mit ausgesuchter Eleganz. Es macht einfach Freude ihm zuzusehen und zu lauschen, wie er die verrücktesten Sätze völlig ohne camp oder Theatralik spricht. Aber auch Philip Coolidge in der Nebenrolle des kleinen, unscheinbaren und doch ganz und gar nicht unwichtigen Olli Higgins spielt sehr fokussiert und lebensecht. Keine Spur von Übertreibung, die man in einem B-Film über einen zu groß geratenen Ohrenkneifer eigentlich erwarten könnte.

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Denn der Tingler selber ist da fast schon ein Schwachpunkt des Filmes. Obwohl sein Name durchaus eine sexuelle Konnotation erwarten lässt, ist das Vieh einfach nur hässlich und erinnert in der Tat fatal an einen Dermaptera. Warum der Tingler seinen Wirtskörper (oder überhaupt irgendjemanden) töten will, bleibt natürlich auch ungeklärt. Aber ohne diesen Kniff gäbe es eben keine gruselige Geschichte. Daher sollte man die Natur und die Motive des Tinglers nicht allzu sehr hinterfragen. Dafür gibt es auch viel zu viele andere schöne Momenten in „Schrei, wenn der Tingler kommt“, die nichts mit dem titelgebenden Untier zu tun haben. Beispielsweise eine spektakuläre Sequenz, in der eine Figur zu Tode geängstigt wird und plötzlich rotes Blut in das schwarz-weiß-Bild schwappt. Oder Dr. Chapins LSD-Trip. Der erste überhaupt in einem Mainstream-Film. Soweit man Castles Werk überhaupt dem Mainstream zuordnen will. Ganz bezaubernd ist natürlich auch die Idee, dass die taubstumme Ehefrau von Olli Higgins ein Kino leitet, in dem ausschließlich Stummfilme gezeigt werden. Allein dafür muss man „Schrei, wenn der Tingler kommt“ lieben.

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Auch die Interaktion zwischen Vincent Price und der schönen Patricia Cutts als Chapins bösartige Gattin Iabel sorgt für wohlige Höhepunkte. Neben der Cutts als durchtriebenes Luder verblasst die „gute“ Pamela Lincoln und auch der ehemalige Kinderstar Darryl Hickman als jugendlicher Held bleibt arg farblos. In der interessanten Begleit-Doku „Scream For Your Life“ erfährt man, dass der (zu) junge Hickman nur besetzt wurde, weil er zu diesem Zeitpunkt mit Newcomerin Lincoln verheiratet war, und man ihm weiß machte, seine Anwesenheit sei dringend erforderlich, um dem Neuling Sicherheit zu geben. Am Ende spielte Hickman dann ohne Gage mit. Des weiteren muss man noch Judith Evelyn erwähnen, die die taubstumme Kinobesitzerin mit großen, expressionistischen Gesten spielt. Evelyn hat mit Vincent Price in einige Stücken am Broadway gespielt und wurde auf dessen speziellen Wunsch hin gecastet. Zwar hebt sie sich durch ihren bedingungslosen Einsatz von dem Rest der doch eher ruhig-souverän agierenden Schauspieler ab, doch vergegenwärtigt man sich, dass die von ihr gespielte Dame eine großer Freund des Stummfilms ist, passt das dann doch wieder ausgezeichnet. Evelyns bekannteste Rolle ist übrigens auch stumm. Sie spielt die selbstmordgefährtete „Miss Loneyhearts“ in Hitchcocks Meisterwerk „Das Fenster zum Hof“.

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Auch ohne seine Gimmicks ist William Castles „Schrei, wenn der Tingler kommt“ ein charmantes Stück Gruselkino mit viel Zeitkolorit und einer gut aufgelegten Besetzung. An dieser Stelle soll auch noch einmal auf den ausgezeichneten und sehr modern klingende Soundtrack von Von Dexter gelobt werde. Da macht es auch nicht viel aus, wenn das titelgebende Monster nicht ganz so überzeugend ausgefallen ist.

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Mit dem dritten Teil seiner Reihe „Die Rache der Galerie des Grauens“ ist Anolis mal wieder ein Volltreffer gelungen, welcher das Herz aller Freunde klassischen 50er-Jahre-B-Horrors höher schlagen lässt. Lange musste man warten, bis der legendäre „Tingler“ auch hierzulande die heimischen Bildschirme unsicher macht. Das Warten hat sich gelohnt, denn die Blu-ray (eine DVD ist auch noch mit dabei) besticht durch ein sehr scharfes Bild. So scharf, dass man leider auch deutlich die Fäden erkennen kann, an denen der Tingler fortbewegt wird. Zudem ist nun der Kontrast zwischen dem „normalen“ Bild und der Szene mit der Badewanne voller rotem Blut ausgesprochen stark. Dies irritiert zunächst, ist jedoch aufgrund des Verfahrens, mit dem Castle diese Schock-Szene realisierte, wohl nicht anders machbar. Laut Wikipedia hat Castle die Szene auf Farbfilm gedreht und dafür das Set und seine Schauspielerin schwarz-weiß streichen lassen. Dies gehört aber wohl ins Reich der Fabeln, da die Szene eher so wirkt, als ob der farbige Teil des Bildes vor einer Leinwand gestanden hätte, auf dem der schwarz-weiße Film abläuft. Dies war zumindest meine erste Assoziation. Der Ton liegt in einer guten, zeitgenössischen Synchronisation und auf Englisch vor. Wie bei jedem Film mit Vincent „The Voice“ Price ist letzteres natürlich vorzuziehen. Auf der Extras-Seite wird man auch glücklich. Herzstück ist die oben bereits erwähnte Doku „Scream For Your Life“. Zudem gibt es noch gleich Audiokommentare. Der erste wurde von Dr. Rolf Giesen und Uwe Sommerlad eingesprochen, der zweite von Ingo Strecker und Robert Zion. Neben diversen Trailern und einer alternativen Fassung der „Scream!“-Kinoszene für Autokinos, wurde noch die deutsche Kinofassung mit auf die Blu-ray gepackt. Diese ist knapp eine Minute kürzer als die Blu-ray-Fassung, wobei mir aber – bis auf die deutschen Titel – keine großen Unterschiede aufgefallen sind. Ein Booklet mit einem Text von Dr. Rolf Giesen rundet diese feine Ausgabe ab.

23. Internationales Filmfest Oldenburg: Das Programm steht

Von , 6. September 2016 22:40

intol3So, die letzten Titel für das Internationale Filmfestival in Oldenburg sind nun veröffentlicht worden. Hier die Kurzbeschreibungen aus der Pressemitteilung. Ich muss sagen, ich bin recht beeindruckt vom diesjährigen Jahrgang. So viele Filme habe ich in den vergangenen Jahren nicht dabei gehabt, bei denen ich auf Anhieb sage: Den würde ich gerne sehen. Was naturgemäß ja auch gar nicht machbar ist. Besonders wenn man sich, wie ich, nur auf zwei Tage beschränkt.

 

From Nowhere, USA 2016, von Matthew Newton
Drei nicht registrierte Teenager aus der Bronx und die Angst von den Behörden oder Mitschülern entdeckt zu werden.
DEUTSCHLANDPREMIERE

I Am Not A Serial Killer, UK / IR 2016, von Billy O’Brien
Ein fesselndes Katz-und Mausspiel und ein grandioses Wiedersehen mit dem Helden unserer Jungend, Doc Brown. Christopher Lloyd überzeugt in einem Thriller der besonderen Art.
DEUTSCHLANDPREMIERE

Jules and Dolores, BRA 2016, von Caito Ortiz
Zwei Jungs aus Rio klauen den Fußball-WM-Pokal und werden vom ganzen Land gejagt. Turbulente Komödie im Sambarhythmus.
EUROPAPRIEMERE

One Week and a Day, ISR 2016, von Asaph Polonsky
Nach dem Tod seines Sohnes muss Eyal erst wieder lernen, das Leben zu lieben. Er freundet sich mit dem Stoner-Sohn des Nachbarn an und lernt dabei nicht nur, wie man Joints dreht. Eine Geschichte, die einen im selben Moment traurig macht und zum Lachen bringt.
DEUTSCHLANDPREMIERE

Problemski Hotel, BE 2015, von Manu Riche
Regisseur Manu Riche führt uns durch die Korridore dieser einzigartigen dramatischen Flüchtlingskomödie. Eine erfundene Geschichte, deren Wurzeln tief in der harschen Wirklichkeit verankert sind.
DEUTSCHLANDPREMIERE

The Apprentice, TUR 2015, von Emre Konuk
Lynch meets Kafka in diesem eng gewebten Netz aus Paranoia und Todesangst um einen Schneiderlehrling in Istanbul. In seinem Regiedebüt zeigt sich Emre Konuk als hochtalentierter Lehrling des Kinos von Lynch, Kubrick oder Welles und schickt sich an, selbst ein Meister zu werden.
DEUTSCHLANDPREMIERE

The Library Suicides, UK 2016, von Euros Lyn
Identische Zwillinge, ein dunkles Geheimnis und die Katakomben der beeindruckenden Nationalbibliothek von Wales sind die Zutaten in Euros Lyns doppelbödigem Thriller.
INTERNATIONALE PREMIERE

The Love Witch, USA 2016, von Anna Biller
Mit schriller Technicolor Ästhetik verzaubert Anna Biller zwischen männlichen Ängsten und weiblichen Fantasien die Leinwand.
DEUTSCHLANDPREMIERE

Tower, USA 2016, von Keith Maitland
Fiktion und Dokumentation verschmelzen zu einem Film, der einem den Atem stocken lässt. Maitland lässt uns an den schrecklichen Geschehnissen des August 1966 teilhaben, als Amerikas erster Schul-Amoklauf eine Nation in Schockzustand versetzte.
DEUTSCHLANDPREMIERE

Meinen ganz persönlichen „Was-guck-ich-wann“-Plan habe ich mir schon zusammengestellt. Wer es mir gleichtun möchte, findet jetzt etwas versteckt unter http://www.filmfest-oldenburg.de/programm/programmheft/ den Timetable des Festivals und einen Scan des Programmheftes. Hier noch eine kritische Anmerkung: Die Homepage des Festivals muss DRINGEND mal überarbeitet werden. Es ist schon sehr irritierend, wenn auf der Startseite nur „News“ aus dem letzten Jahr aufgeführt sind. Und solche Highlights wie die Ankündigung der Filme, der Retro und vor allem der Gästen Nicolas Cage und Amanda Plummer nur über den Umweg „Pressemitteilungen“ gefunden werden können. Die Homepage, die auch die Visitenkarte ist, muss da wirklich schnellstens auf den aktuellen Stand gebracht werden.

Das Bloggen der Anderen (05-09-16)

Von , 5. September 2016 22:11

bartonfink_type2– Meine sehnlichst erwartete Scheibe ist heute nach einer vollkommen absurden Hermes-Odyssee ist (diese höchst merkwürdige Geschichte wäre allein hier schon ein Blog-Eintrag wert. Danke an dieser Stelle an Forgotten Film Entertainment, die sich da ordentlich hinter geklemmt haben) endlich in meine Hände gelangt. Anderen Crowdfounder konnten ihre Ausgabe von „Der Perser und die Schwedin“ schon vor einer Woche genießen. In den Filmblogs wird auch schon kräftig berichtet. Hervorzuheben sind hier zwei Blogs, nämlich Safarow schreibt und Whoknows presents. Sven Safarow beschreibt auf seinem Blog, wie es dazu kam, dass er für „Der Perser und die Schwedin“ seinen ersten Audiokommentar einsprechen konnte und auf Whoknows presents befasst sich Manfred Polak ausführlich mit den Vorzügen der Internationalen Fassung des Filmes gegenüber der Deutschen. Beide sind übrigens auf der Scheibe enthalten.

Bianca hat Hark Bohm getroffen und berichtet darüber auf Douscope, wo sie auch gleich die Gelegenheit ergreift, ein detailliertes und liebevolles Porträt des „Antagonisten des Neuen Deutschen Films“ – in „Gegenschuss – Aufbruch der Filmemacher“ kommt er ja wirklich schlecht weg – zu schreiben.

– In der letzten Woche verstarb Gene Wilder. Der Kinogänger widmet ihm einen Nachruf. Zugleich gibt es bei ihm eine Vorschau auf den Kino-Herbst.

– Uwe Boll hört auf. Er kehrt dem Filmemachen den Rücken zu und kümmert sich jetzt um sein Restaurant. Grund für Urs Spörri auf B-Roll eine Ehrenrettung des nicht ganz unumstrittenen Filmemachers zu veröffentlichen. Anlässlich von „The Shallows“ lässt Andreas Köhnemann noch einmal die Liebesbeziehung zwischen dem Kino und dem Hai Revue passieren. D.W. Griffiths „Intolerence“ wird 100. Patrick Holzapfel verbeugt sich.

– Ioana Florescu berichtet auf Jugend ohne Film vom “Anonimul International Independent Film Festival” in Rumänien.

– Auf Sennhausers Filmblog berichtet Brigitte Häring vom Filmfestival in Venedig, wo sie u.a. den neuen Film von Tom Ford, „Nocturnal Animals“ und „La La Land“ mit Emma Stone und Ryan Gosling gesehen hat.

– Anlässlich der Wiederaufführung von Eiichi Yamamotos „Belladonna of Sadness“ schreibt aufsmaulsuppe über die Faszination des Mittelalters.

– Die BBC hat letzte Woche die 100 besten Filme des 21. Jahrhunderts gekürt und Freude am Film hat daraufhin sein eignes Top 10 Ranking erstellt und lädt zum Diskutieren ein.

– Ansgar Skulme hat den klassischen Western „Auf verlorenem Posten“ gesehen und schreibt sich auf Die Nacht der lebenden Texte darüber, warum ihm Joel McCrea als Darsteller so gar nicht gefällt.

– Gabelinger hat auf Hauptsache (Stumm)Film die Komödie „Der Cowboy den es zweimal gab“ entdeckt, der zwar ein Lieblingsfilms eines Hauptdarstellers Howard Keel war, aber an der Kinokasse brutal floppte, und hierzulande weder auf DVD, Blu-ray noch auf VHS erschienen ist.

– Sascha hat Peter Medaks Guselschocker „The Changeling“ gesehen und auf Die seltsamen Filme des Herrn Nolte eine Liebeserklärung an diesen unheimlichen Klassiker verfasst.

– Mauritia Mayer schreibt auf Schattenlichter über den arg seltsamen Giallo „Die Grotte der vergessenen Leichen“.

– Heiko Hartman von Allesglotzer zieht es auch zum Gillo, nämlich den großen Übervater „Blutige Seide“.

Funxton wiederum ist von Michele Lupos Action-Komödie „La Pistola“ mit Lee van Cleef begeistert. Alberto De Martinos „Feuerstoß“ mit Stuart Whitman hat ihm demgegenüber nur durchschnittlich gefallen.

– Schlombie von Schlombies Filmbesprechungen hätte sich mehr von Hans Christian Bergers deutschen Erotik-Thriller „After Eden“ erhofft und auch „Nick Knattertons Abenteuer“ (Held meiner Kindheit!) lassen ihn eher kalt.

– Auch wenn er am Ende meint, es sei mehr drin gewesen, so hat Abspannsitzenbleiber der deutsche Film „Im Spinnwebhaus“ mit seiner Mixtur aus Gegenwartsrealität und märchenhaften Elementen doch gut gefallen.

– Thorleiv Nicolai Klein von film-rezensionen.de ist von Fede Alvarez‘ „Don’t Breath“ hingerissen und meint: „Der Film ist nichts für schwache Nerven und Asthmatiker sollten sich ihren Kinobesuch zweimal überlegen.“ Sein Kollege Oliver Armknecht ist von der Heavy-Metal-Familie-trifft-den-Teufel-Geschichte „The Devil’s Candy“ sehr positiv überrascht.

– „Der City Hai“ habe ich damals im Kino gesehen und war begeistert. Danach gab es kaum noch Wiederbegegnungen. Totalschaden von Splattertrash hat sich das Schwarzenegger-Vehikel nochmal angeschaut und war auch eher ernüchtert. „Sexualrausch“ hat ihm da sehr viel mehr Spaß gemacht.

– Oliver Nöding schreibt auf Remember It For Later über Renny Harlins Regie-Debüt „Born American“. Dem teuersten finnischen Film aller Zeiten.

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