Das Bloggen der Anderen (20-08-18)

Von , 20. August 2018 18:33

– So mag ich es am Liebsten: Schattenlichter mixt eine Besprechung des alten Zombie-Kultfilms „Return of the Living Dead“ mit persönlichen Anekdoten und Anmerkungen. Das macht Spaß zu Lesen.

– Jenny Jecke hat auf the-gaffer.de sich auf sehr interessante und lesenswerte Weise Frank Borzages „History Is Made At Night“ vorgenommen und geht dabei auch näher auf Hauptdarsteller Charles Boyer ein. Eine sehr lohende Lektüre!

– Rochus Wolff hält auf kino-zeit.de eine sehr intelligente Gegenrede zu einem Artikel, den Wolfgang M. Schmitt (das ist der junge Mann, der auf seinem YouTube-Kanal immer im Anzug und Fliege/Krawatte vor einer Bücherwand auftritt) in der Zeitung Neues Deutschland veröffentlicht hat. In dessen Artikel geht es u.a. darum, dass es keine „ideologiekritische Filmkritik“ in Deutschland gäbe. Rochus Wolff sieht das anders. Katrin Doerksen zählt noch einmal die 11 besten Filme in Locarno 2018 auf (Achtung: Klick-Strecke).

– Auch auf Revolver gibt es noch einmal eine Lorcano-Rückblick. Aufgeschrieben von Hannes Brühwiler.

– Der neue Film von Andreas Dresen handelt von Gerhard Rüdiger „Gundi“ Gundermann, DDR- Liedermacher, Baggerfahrer, Stasi-Spitzel und Familienvater. Anja Rohde schreibt auf Die Nacht der lebenden Texte über „Gundermann“.

– In der Reihe „Die Filme der Fünziger“ auf new filmkritik schreibt Werner Sudendorf über „Kommen Sie am Ersten …!“ von Erich Engel.

Funxton hat Gianfranco Mingozzis „Mafia Story“ mit der blutjungen Charlotte Rampling gesehen, den er zwar nicht für ein Meisterwerk, aber gute, leicht Italo-Western-lastige Unterhaltung hält. Ebenfalls gut gefallen hat ihm „The Quite Place“, der auch bei mir noch auf der Sehr-Liste steht.

– Von „Little Fauss and Big Halsy” habe ich bisher trotz Hauptdarsteller Robert Redford und Regisseur Sidney J. Furie nichts gehört. Dank Oliver Nöding von Remember It for Later hat sich das aber jetzt geändert.

– Christian von Schlombies Filmbesprechungen hat sich Don Dohlers „Nightbeast“ angeschaut und ist erwartungsgemäß nicht sehr begeistert.

Kulturfestival dreizehn° in Bremen-Blumenthal: Das Filmprogramm steht

Von , 17. August 2018 14:45

Wie bereits hier geschrieben, findet vom 31.8. bis 2.9. das dreizehn°-Festival auf dem Gelände der Bremer Wollkämmerei (BWK) in Blumenthal statt. Neben einer großen Musikbühne, zwei Theaterbühnen, einer Literaturbühne und einer Experimentalbühne, Getränke- und Imbissständen wird es auch eine Kinobühne und ein (gar nicht mal so) kleines Filmprogramm geben. Dieses besteht (erwartbarer Weise) größtenteils aus Dokumentarfilmen, hat aber mit „Animals“ auch ein echtes Spielfilm-Highlight im Programm. Und für die Kleinen wurde auch gesorgt. Insgesamt eine runde und, wie ich meine, gut zum Festival passende Auswahl. Da finde ich es gleich doppelt schade, dass ich ich bei der Premiere des dreizehn°-Festival nicht dabei sein kann, da erst die Arbeit, dann das Übersee-Festival und schließlich noch der Urlaub rufen. Ich hoffe aber, das dreizehn°-Festival wird ein voller Erfolg, und ich kann 2019 (sofern es da nicht wieder Überschneidungen gibt) mal vorbeischauen.

Hier die Filme im Einzelnen:

Es gibt eine kleine Retrospektive mit Werken der Filmemacherin Kerstin Polte. Diese wird mit ihren Filmen „Wer hat eigentlich die Liebe erfunden?“ (mit Corinna Harfouch), „Kein Zickenfox“ (Dokumentarfilm) und „Sookee – von Seepferdchen und Schränken“ vor Ort sein.

„Der Gipfel- Perfoming G20“ – ein Dokumentarfilm über kreative Protestformen bei G20 von Regisseur Rasmus Gerlach, der ebenfalls zu Gast sein.

Der Kuaför aus der Keupstraße“ – Ein weiterer Dokumentarfilm, in dem der 10-jährige Jahrestag des Nagelbomben-Anschlags in Köln zum Anlass genommen wird, die damaligen Ereignisse zu rekonstruieren.

Ein „Open Screening“ in Kooperation mit dem Film Büro Bremen, bei dem Filmemacherinnen und Filmemacher ihre eigenen Kurzfilm präsentieren.

 

120 bpm“ – Ein Spielfilm-Drama um eine Gruppe von Aids-Aktivisten, die im Frankreich der 1990er-Jahre um Anerkennung und gegen das Schweigen kämpfen.

Logbook Serbistan“ – Ein Dokumentarfilm, der zusammen mit Geflüchteten auf der Balkanroute in Serbien gedreht wurde. In Kooperation mit dem Edith-Russ-Haus Oldenburg.

Du musst dein Ändern leben“ – Noch ein Dokumentarfilm.„Das Gefühl hier irgendetwas starten zu müssen.“ Dieser Drang und das ungenutzte Parkdeck eines Shoppingcenters in Neukölln sind der Anfang einer Vision.

Animals“ – Ein surrealer Psychothriller, in dem die Realitäten verschwimmen. Spielfilm mit der großartigen Birgit Minichmayr! Vom polnischen Regisseur Greg Zglinski, der auch den tollen „Wymyk“ (hierzulande leider nie gelaufen, aber ich besitze die polnische DVD) gemacht hat. Da wäre ich sehr gerne dabei!

 

Für die Kinder gibt es ein Kurzfilmprogramm und den Film „Die Königin von Niendorf“ über die zehnjährige Lea, die einen Sommer in Brandenburg verbringt und in eine Jungs-Clique hineinkommen will — dafür muss sie Mutproben bestehen.

25. Internationales Filmfest Oldenburg: Die ersten Filme sind angekündigt

Von , 14. August 2018 22:11

Bald ist es wieder soweit! Die Filmfestival-Saison im Norden steht vor der Tür und wie jedes Jahr ist das Internationale Filmfest in Oldenburg für mich fest gebucht. Dabei möchte ich aber auch erwähnen, dass Unabhängige Filmfest Osnabrück, die Nordischen Filmtage in Lübeck, das Internationale Filmfest Norderney/Emden und das Braunschweig International Film Festival (wo ich dieses Jahr möglicherweise das erste Mal zu Gast sein werde) ebenso empfehlenswert und familiär sind – und das ideale cineastische Nest für die, denen Hamburg zu groß und unpersönlich ist. Seit Jahren schlägt mein Herz aber ganz besonders für Oldenburg, wo ich viele schöne Stunden verbracht und immer wieder nette Menschen getroffen habe. Darum freut es mich ungemein, dass heute die ersten Programm-Highlights veröffentlicht wurden.

Die Filmbeschreibungen übernehme ich einmal 1:1 aus der Pressemitteilung und versehe sie mit meinen eigenen Anmerkungen (in kursiv)

Unforgiven, RUS 2018, von Sarik Andreasyan
Russlands Regiesuperstar Sarik Andreasyan erzählt die zutiefst traumatische, wahre Geschichte des Osseten Vitaliy Kaloev, der bei der Flugzeugkatastrophe von Überlingen seine Familie verliert. Der Schmerz darüber und die Ohnmacht angesichts der Abwesenheit von Empathie und Reue der Verantwortlichen führt in eine zweite Katastrophe. Nachdem Andreasyan mit „Guardians“ Russlands Antwort auf die Marvel Superheldenfilme auf die Leinwand gebracht hat, zeigt er sich in „Unforgiven“ als Virtuose des Schauspielerkinos ohne Scheu vor überlebensgroßen Emotionen. EUROPAPREMIERE – Klingt interessant und der russische Film war bisher in Oldenburg ziemlich unterrepräsentiert. Der Regisseur sagt mir jetzt nichts, scheint aber in Russland tatsächlich eine große Nummer zu sein, der einige erfolgreiche Unterhaltungsfilme gedreht hat. Das zugrundeliegende Drama ist mir noch sehr präsent, und ich bin gespannt, in welcher Form der Film dies aufbereitet.

The Boat, BRA 2018, von Petrus Cariry
Es scheint, als ob das Kino für solche Geschichten erfunden wurde. Mit einer visuellen Energie, die seinesgleichen sucht, erzählt der preisgekrönte brasilianische Filmemacher Petrus Cariry eine Story von archaischer Wucht. Ein Strand, ein Fischerdorf, das Meer und die Sehnsucht der jungen nach dem Unbekannten. Als ein Boot strandet und die geheimnisvolle Ana an Land gespült wird, droht
der Mikrokosmos aus Genügsamkeit, Disziplin und uneingeschränktem Zusammenhalt zu implodieren. Ein mitreißender Film voller grandioser Momente, hypnotisch und visuell berauschend. EUROPAPREMIERE – Meer, Strand, Geheimnis. Das sind Zutaten, die bei mir immer gehen. Die IMDb-Bewertung sieht auch gut aus. Der Film ist schon einmal vorgemerkt.

Angst in meinem Kopf, GER 2018, von Thomas Stiller
Die Geschichte einer Justizvollzugsbeamtin, die sich zwischen Familienleben und Job emotional verausgabt. Das Zuhause ist geprägt von Distanz und wirtschaftlichen Zwängen. Ihre Versuche, den Mangel an Empathie im Knast auszugleichen, bringen sie in eine gefährliche Schieflage zwischen falschem Vertrauen und der Sehnsucht nach menschlicher Wärme. Thomas Stiller erzählt eine Story,
die ihre Kraft ganz aus den guten Darstellern, allen voran Charly Hübner und Claudia Michelsen, und der bedrückenden Erkenntnis bezieht, dass Gefangensein keineswegs verschlossener Türen und Gitterstäbe bedarf. WELTPREMIERE – Thomas Stiller ist TV-Regisseur, der einige „Tatorte“ gedreht hat. „Angst in meinem Kopf“ ist auch ein TV-Film. Klingt thematisch interessant, ich habe bei so etwas immer etwas die (vielleicht unbegründete) Befürchtung, es wird zu brav und in TV-Optik inszeniert. Mal gucken.

All Square, USA 2018, von John Hyams
Nach einem One-Night-Stand mit einer Ex findet sich der von Michael Kelly wunderbar lakonisch verkörperte Loser John mit derem 12jährigen Spross allein zu Hause. Mehr aus schlechtem Gewissen über die seltsame Begegnung bietet John dem Jungen an, ihn zum Baseballspiel zu bringen. Die beiden freunden sich an und John kommt die glorreiche Idee, Wetten auf Minor League Spiele anzubieten. Was als Goldgrube beginnt, bringt schnell das ganze Städtchen ins Taumeln. Actionregisseur John Hyams wechselt mit leichter Hand ins Kömodienfach und gewann beim SXSW Festival direkt den Publikumspreis. DEUTSCHLANDPREMIERE – Holla: John Hyams! Sohn des großen Peters! In meiner Filterblase als Erneuerer des intelligenten und archaischen Actionfilms vergöttert. Da ist es sehr spannend, ob er auch Komödie kann. Würde ich einen Blick wagen. Vielleicht erneuert er das Genre Komödie ja genauso radikal, wie den Actionfilm.

Temporary Difficulties, RUS 2018, von Mikhail Raskhodnikov
Basierend auf wahren Begebenheiten erzählt „Temporary Difficulties“ die Geschichte eines mit Kinderlähmung geborenen Jungen, der sich allen Nachteilen zum Trotz zu weltweiter Anerkennung erhebt. Kraftvoll angetrieben durch den russischen Star Rinal Kovalev und dessen eindringliche Darbietung des Vaters markiert dieser zweite Spielfilm von Autor/Regisseur Mikhail Rashodikov den Anbeginn einer neuen Stimme und Stärke im unabhängigen Kino. Herzzerreißend und inspirierend –dieses authentische Porträt des Überlebens ist eine Liebeserklärung an das Leben. INTERNATIONALE PREMIERE – Oha, noch ein russischer Film. „Herzzerreißend“ warnt mich eigentlich vor a) Kitsch und b) Tränendüse. Andererseits kann es aber auch ein sehr positiver und inspirierender Film sein. Und mich würde auch interessieren, wie solch ein Stoff in Russland umgesetzt wird. Mal im Auge behalten.

IVAN, SVN 2017, von Janez Burger
Aus Slovenien kommt ein ehrliches sowie brutales Portät von Liebe, Mutterschaft und Leben. Die mit dem EFP Shooting Star ausgezeichnete Marusa Majer fesselt das Publikum mit ihrer Darstellung Maras, einer blauäugigen und frischgebackenen Mutter, die wie besessen von Rok, einem verheirateten Geschäftsmann und Vater ihres Neugeborenen Ivan, ist. Gefangen zwischen zwei Fronten, befindet sie sich in einer unerträglichen Situation: Sie muss sich zwischen ihrem Kind und der Liebe ihres Lebens entscheiden. DEUTSCHLANDPREMIERE – Slowenien ist als Filmland prinzipiell sehr interessant. Beim Thema muss ich allerdings mal gucken. Geschichten mit Kinder wo es heißt „sie muss sich zwischen ihrem Kind und der Liebe ihres Lebens entscheiden“ sind nichts für einen Familienmenschen wie mich. Um ehrlich zu sein, beim lesen der Inhaltsangabe nervt mich die Mara schon jetzt.

Mandy, USA 18, von Panos Cosmatos
Pazifischer Nordwesten. 1983. Außenseiter Red Miller, gespielt von Oscar-Gewinner und Oldenburger Star of Excellence-Empfänger Nicolas Cage, führt ein liebevolles und friedliches Leben mit seiner Partnerin Mandy Bloom (Amanda Riseborough). Doch als ihr idyllisches Dasein brutal durch eine Sekte und dessen sadistischer Anführer Jeremiah Sand zerstört wird, bleibt Red nichts anderes übrig als sich auf einen albtraumhaften, blutigen und feurigen Rachefeldzug zu begeben. Schon in Sundance gefeiert, ist dies der gewagteste und spannendste Genre-Film des Jahres. – Eigentlich ein absolutes Muss, vor allem da mit Cosmatos „Beyond the Black Rainbow“ schon öfter sehr ans Herz gelegt wurde, Andererseits läuft der später auch noch zu anderen Gelegenheiten. Daher mal schauen, wie es passt.

Write When You Get Work, USA 2018, von Stacy Cochran
Als sie 10 Jahre nach der gemeinsamen Highschool Romanze wieder Kontakt zueinander aufnehmen, liegen zwischen Ruth Duffy und Jonny Collins, gespielt von den aufstrebenden Stars Finn Wittrock („The Big Short“, „Unbroken“) und Rachel Keller („Fargo“), Welten. Jonny, völlig von Ruth eingenommen, beginnt ihr Leben zu infiltrieren auf der Suche nach Liebe und Profit. Die Geschichte der bereits mit dem Oldenburger Tribute geehrten Stacey Cochran erzählt von Geld, Unheil und Ansprüchen, wurde von Oscar-Gewinner Robert Elswit gefilmt und sollte absolute nicht verpasst werden. INTERNATIONALE PREMIERE – Kann was sein, kann nichts sein. Kann ich aufgrund der Inhaltsangabe nicht so recht beurteilen. Mal vorsichtig vormerken.

Ray Meets Helen, USA 2017, von Alan Rudolph
15 Jahre nach seinem letzten Film kehrt der Regisseur von jungen Klassikern wie „Chose me – sag Ja“ oder „Trouble in Mind“, Alan Rudolph, mit einem neuen Film auf die Leinwand zurück. Mit Sondra Locke und seinem Lieblingsdarsteller, dem Oscarpreisträger Keith Carradine, hochkarätig besetzt, erzählt er die Geschichte des ehemaligen Boxers Ray und der einsamen Helen, die beide ihren verlorenen Träumen hinterher jagen. Die New York Times feierte Rudolphs Rückkehr auf die Leinwand als „wunderbar, magisch menschlich“ und bescheinigte Rudolphs Filme eine „wehmütige Raffinesse, die aus dem heutigen Kino fast völlig verschwunden ist“. EUROPAPREMIERE – Die ganz junge Sondra Locke – Eastwoods Muse in den 70ern und frühen 80ern – habe ich gerade in „Willard“ gesehen. Und noch gedacht: Lange nichts gehört. Könnte schlimmer Kitsch sein oder so ein Film, der sich unverfroren an das Publikum ran schleimt. Danach klingen die Zitate. Und die IMDB-Beweetung. Andererseits Keith Carradine und Sondra Locke würde ich ja schon gerne sehen.

The Private Life of a Modern Woman, USA 2017, von James Toback
Am Anfang steht Hieronymus Boschs „Garten der Lüste“, das als Triptychon die Wand von Vera Lockmans hippen New Yorker Loft schmückt. Und ein Traum, aus dem Vera hofft, gerade erwacht zu sein. Im Laufe des Films wird diese Hoffnung ein ums andere Mal hinterfragt. Hat sie ihren Ex im Handgemenge mit seiner eigenen Pistole erschossen? James Toback variiert Themen seines Schaffens und wieder setzt er sehr sensibel eine Frauenfigur in das Zentrum des Geschehens. Der Film gehört ganz und gar der großartigen Sienna Miller, neben ihr beindrucken Alec Baldwin und Charles Grodin mit intensiven Momenten. DEUTSCHLANDPREMIERE – Ach Du Kacke, James Toback. Schwieriges Thema mit diesem Menschen. Ich hoffe, der taucht nicht in Oldenburg auf. Mehr über den feinen Herren hier: http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/kriminalitaet/sexuelle-belaestigung-mehr-als-200-vorwuerfe-gegen-james-toback-15265772.html und hier: https://www.hollywoodreporter.com/heat-vision/guardians-galaxy-director-james-gunn-says-he-tried-warn-people-james-toback-1051047

Holiday, DEN/ TUR 2018, von Isabella Eklöf
In der Urlaubsvilla ihres Freundes, ein berüchtigter Drogenbaron, taucht Sascha, jung und wunderschön, in den wilden Strudel aus Luxus, Spaß und Losgelöstheit ein. Trotz hedonistischen Taumels offenbart sich der brutale Schmerz und sie muss erschreckend feststellen, dass alles seinen Preis hat. In ihrem bereits in Sundance gefeierten Spielfilmdebüt kreiert Isabella Eklöf sonnendurchflutete Bilder von eisiger Kälte und hinterlässt den Zuschauer mit einem unbehaglichen Staunen. DEUTSCHLANDPREMIERE – Klingt erst einmal interessant, kann aber auch sehr nervig sein, wenn sich die Hauptfigur als nervende Göre (immerhin ist sie wissentlich mit einem Drogenbaron zusammen und findet das scheinbar ganz, ganz toll) entpuppen sollte. Hedonistischer Rausch klingt aber irgendwie auch wie ein Klaus-Lemke-Film. In der IMDb steht noch was von „Triangle“, was auch Noir-mäßig sein könnte. Ich weiß noch nicht…

Das Bloggen der Anderen (13-08-18)

Von , 13. August 2018 17:45

– Der letzte Nachklapp aus Locarno: Frédéric Jaeger schwärmt auf critic.de weiterhin von „La Flor“ und hat sich auch im Kurzfilmprogramm umgeschaut. Schwanenmeister von Negative Space ist vom Debütfilm des Spaniers Xacio Baño „Trote“ begeistert und fasst die Kontroverse um den deutschen Beitrag „Wintermärchen“ zusammen. Michael Sennhauser von Sennhausers Filmblog hat „Wintermärchen“ ganz und gar nicht gefallen. Bei ihm findet man auch alle Preisträger.

– Auf new filmkritik hat Werner Sudendorf einen schönen Nachruf auf Enno Patalas veröffentlicht. Und es gibt endlich wieder Neues von dem hochverehrten Rainer Knepperges: „Auge und Umkreis (II)“. Toll.

– Auf Whoknows presents berichet Manfred Polak über eine Studie von Marco Del Vecchio von der University of Cambridge, Alexander Kharlamov und Glenn Parry, beide von der University of the West of England in Bristol, sowie Ganna Pogrebna von der University of Birmingham und vom Alan Turing Institute in London, die über 6000 Filme untersucht haben, um eine Erfolgsformel für die Filmindustrie zu berechnen. Faszinierendes Zeugs für Mathefreunde.

– André Malberg rehabilitiert auf Eskalierende Träume Dario Argentos „La Terza Madre“.

Robert Zion untersucht auf seinem Blog Stephanie Rothmans „The Student Nurses“.

– Schon vor „Easy Rider“ schwang sich Peter Fonda auf das Motorrad. Volker Schönenberger bespricht auf Die Nacht der lebenden Texte Roger Cormans „Die wilden Engel“.

– Oliver Nöding hat sich auf Remember It for Later zwei weitere Filme des Franzosen André Téchiné vorgenommen: „Le lieu du crime“ und „Les Innocents“.

– Im September zeigen wir bei Weird Xperience im Bremer Cinema Ostertor „The Endless“. Dazu findet sich gerade eine Kritik bei funxton. Außerdem hat er auch den – mir bisher unbekannten – Vorgänger „Resolution“ gesehen.

– Oliver Armknecht schreibt auf film-rezensionen.de über den gerade wiederveröffentlichten „Videodrome“ und den neusten Streich von Hélène Cattet und Bruno Forzan: „Leichen unter brennender Sonne“.

– Klingt sehr spannend und läuft auch gerade in Bremen: „Welcome to Sodom“. Björn Schneider hat sich die Dokumentation auf Filme Welt vorgenommen.

Blu-ray Rezension: „Ben“

Von , 7. August 2018 21:17

Die Ratte Ben hat die Ereignisse aus „Willard“ überlebt und ist mit seinem Volk in die Stadt geflohen. Der 8-jährige Danny (Lee Montgomery), ein Außenseiter mit einem lebensgefährlichen Herzfehler, entdeckt Ben und freundet sich mit der Ratte an. Diese dankt es Danny, indem sie ihn vor einem größeren Jungen schützt, der ihn gängelt. Auf der Suche nach einem neuem Lebensraum geraten Ben und seine Ratten immer wieder mit Menschen aneinander. Leider gehen diese Begegnungen häufig tödlich für die Zweibeiner aus., was schnell die Polizei auf den Plan ruft. Diese will die bedrohlichen Nager natürlich umgehend vernichten. Kann Danny seinen neuen besten Freund und dessen Familie vor dem Zugriff der Staatsmacht schützen?

Ben“ schließt direkt an seinen Vorgänger an, den Überraschungserfolg „Willard“ (Rezension hier). Während der Vorspann läuft, sehen wir noch einmal Willard Stiles durch die Familien-Villa ziehen und seinen missglückten Versuch, der bösen Ratte Ben und ihrer vielköpfigen Rattenschar den Garaus zu machen. Dann schwenkt die Ansicht nach außen und wir sehen beinahe andächtig die gaffende Menge vor Willards Haus stehen. Mitten unter ihr Beth Garrison mit ihrer Tochter Eve und den jungen Sohn Danny. Als sich das Familientrio letztlich abwendet und nach Hause geht, folgen Kamera und Film ihnen, denn diese Drei sollen das neue Zentrum dieser Fortsetzung werden. Erinnerte „Willard“ noch eine TV-Produktion der 60er Jahre, sind wir bei „Ben“ im typischen B-Film der 70er angekommen. Alles wirkt eine Nummer kleiner und billiger. Um dieses Manko zu übertünchen, erzählt der Film noch einmal in Grundzügen dieselbe Geschichte wie der Vorgänger, diesmal jedoch gespickt mit mehr Sensationsgeheische. Musste man bei „Willard“ lange warten, bis die Ratten in Aktion treten, so machen sie hier gleich zu Anfang kurzen Prozess mit einem Polizisten, der die Stiles-Villa durchsucht.

Diese Szene fasst dann aber gleich auch alle Schwächen der Produktion zusammen. Während der Polizist hysterisch kreischt und sich in unmögliche Postionen krümmt, weilen die paar Ratten, die man ihm auf den Rücken gesetzt hat, dort sehr friedlich und nahezu bewegungslos. Wären es Hunde, würden sie wahrscheinlich noch mit dem Schwanz wedeln. Hinzu kommen Effekte aus der Steinzeit, wenn scheinbar einige attackierende Ratten auf den Film gezeichnet wurden. Beim eher unbeholfen dargestellten Todeskampf fließt auch kein Blut, selbst wenn später behauptet wird, die Leiche sei grauenvoll zugerichtet worden. Alle Ratten-Attacken in „Ben“ folgen diesem Muster. Wenn man nicht gerade eine Rattenphobie hat, wirkt das Ganze eher niedlich, statt furchteinflössend. Ganz besonders jene Szene, in der die Ratten sich in einem Fitnessstudio breit machen, was dazu führt, dass die Statistinnen sich alle gegenseitig mit hysterischen Panikattacken zu überbieten versuchen.

Eine weitere eher unglückliche Entscheidung war es, den Jungen Danny zum neuen Protagonisten zu machen. Zwar schlägt sich Lee Montgomery in seiner zweiten Filmrolle sehr gut und wenn man nicht auf Kinder im Film allergisch reagiert, kann man ihn tatsächlich mögen. Doch Drehbuch (oder Regie) verdammen Danny dazu, gewollt „witzige“ und furchtbare Lieder zu singen, und übertrieben fröhlich mit Marionetten zu hantieren. Alles was auf der einen Seite an Sympathie für den kindlichen Protagonisten aufgebaut wird, wird durch solche Szenen hinten wieder eingerissen. Immerhin stimmt die Chemie zwischen Lee Montgomery und Meredith Baxter, denn beiden nimmt man tatsächlich ab, Bruder und Schwester zu sein und sich umeinander zu sorgen. Rosemary Murphy als immer besorgte und trotzdem seltsam abwesende Mutter hat dagegen einen schweren Stand, füllt sie doch nur Klischees aus. Und dann noch gerade solche, die besonders stark auf die Nerven gehen.

Ohne Klischees kommt auch die Darstellung der Polizisten nicht aus, deren angestrengte „Good Cop/Bad Cop“-Routine nahe am Rande der Parodie angesiedelt ist. Joseph Campanella spielt das immer zornige Steingesicht Cliff Kirtland, Kaz Garas seinen sanften Untergeben Joe Greer, welcher seinem Chef in einem Akt der totalen Unterwerfung zu gerne die Zigarette anzünden würde. Als dritter im Bunde gesellt sich Arthur O’Connell hinzu, der hier mit überraschend langen Haaren auftaucht und den einen oder anderen trockenen Spruch zum Besten geben darf. O’Connell ist ein zuverlässiger Schauspieler aus der zweiten Reihe (den man u.a. aus dem Elvis-Filme „Die wilden Weiber von Tennessee“ und „Ein Sommer in Florida“ oder Otto Premingers Meisterwek „Anatomie eines Mordes“ kennt) und gleichzeitig der bekannteste Name im Cast. Dass er aber höchsten zwei Drehtage gehabt haben dürfte, deutet auf das geringe Budget hin, welches für „Ben“ zur Verfügung stand.

Im Gegensatz zum Vorgänger, bei dem der Außenseiter Willard im Vordergrund stand und die Ratten eher eine Nebenrolle einnahmen, wird diesmal die Ratte Ben in den Fokus herrückt und ihr zudem nahezu übersinnliche Fähigkeiten attestiert. Ben ist schlau, kommuniziert ebenso leicht mit Tausenden von Ratten, wie mit dem Jungen Danny. Ben schmiedet Pläne, kommandiert seine Heerscharen, befreundet sich mit Danny und führt die Polizei an der Nase herum. Das Problem für einen Horrorfilm ist dabei allerdings, dass Ben nicht diabolisch, sondern sympathisch wirkt. Auch wenn die Ratten über die Menschen herfallen, tun sie dies nur zum Selbstschutz. Die Autoren und Regisseur Phil Karlson scheinen auch weniger einen Horrorschocker über Menschen killende Ratten, als vielmehr eine Spartakus-Variante im Sinn gehabt zu haben. So wird Ben zum Heilsbringer der Unterdrückten stilisiert, der sein Volk in eine bessere Zukunft geleiten will. Wenn am Ende die geballte Staatsmacht den Ratten mit Gas und Flammenwerfer den Garaus machen will, fühlt man sich an Bilder aus Filmen über den Holocaust oder Vietnam erinnert.

„Ben“ erscheint direkt nach „Willard“ als dritte Veröffentlichung der neuen „Phantastischen Filmklassiker“ -Reihe aus dem Hause Anolis und als Folge 2 der „Die 70er“-Untergruppe. Allerdings teilt die Veröffentlichung das Schicksal des Films. Im Vergleich zu „Willard“ wirkt sie billiger und kleiner. Dies liegt einerseits an dem Bild, welches scheinbar von einer alten 35mm-Rolle stammt. Da machte „Willard“ einen schärferen, farbenfroheren Eindruck, während „Ben“ dreckiger wirkt und tatsächlich mehr nach alter Kinorolle. Dankenswerterweise wurde aber nicht versucht, diesen Eindruck durch intensive Bildbearbeitung (-verfälschung) glattzubügeln. So passt der Look schon sehr gut zu „Ben“, wird bei Pixelzähler aber sicherlich zu einer kleinen Empörung führen. Auch die Extras fallen eine Nummer kleiner aus. Es gibt einen Audiokommentar mir Hauptdarsteller Lee Montgomery, sowie ein 15-minütiges Interview mit dem sympathischen, nun älteren Herrn. Dazu gibt es deutsches und internationales Werbematerial und diverse Trailern, sowie die deutsche Kinofassung, wobei ich allerdings nicht sagen kann, worin der Unterschied zur „normalen“ Fassung besteht. Das wie immer schön gestaltete, 20- seitige Booklet stammt diesmal allein von David Renske, mit dessen Stil – der sich meiner Meinung nach arg dem Schlefaz-Duktus nähert – ich, wie bereits an anderer Stelle erwähnt, leider gar nichts anfangen kann. Was soll z.B. das halbseitige Michael-Jackson-Gebashe?

Das Bloggen der Anderen (06-08-18)

Von , 6. August 2018 17:35

Der Urlaub ist vorbei! Darum geht es jetzt weiter mit „Das Bloggen der Anderen“. Ich hoffe mal, der eine oder andere hat es ein wenig vermisst.

– Momentan hoch im Kurs: Das Filmfestival in Locarno. Mehrere deutschsprachige Filmblogs berichten darüber. Negative Space über den dort gelaufenen Film „Sophie Antipolis“ von Virgil Vernier, eine poetisch-melancholische Erzählung vom Schicksal eines ermordeten Mädchens. Frédéric Jaeger hat sich für critic.de den gut 14-stündigen „La Flor“ angesehen, der vom Erzählen des Kinos erzählt. Auch der Schweizer Michael Sennhauser ist vor Ort und berichtet auf Sennhausers Filmblog über Filme wie Radu Munteans neuen Film „Alice T.“ oder das realistische Soziadrama „Ray und Liz“ von Richard Billingham.

– Passend zur in einigen Bundesländern noch anhaltenden Ferienzeit fragt sich Urs Spörri auf kino-zeit.de, welche Filme eigentlich die Fluggesellschaften während ihrer Flüge zeigen und warum. Maria Wiesner hat einen langen, sehr guten Artikel über die Filmpionierin Alice Guy-Blaché geschrieben. Anders als der Titel „Die Filmpionierin, die niemand kennt“ ist Frau Guy-Blaché keineswegs völlig vergessen, sondern wurde auch schon im Printmagazin „35 Millimeter – Das Retro-Filmmagazin“ ausführlich gewürdigt.

– Und wiederum passend dazu, findet sich auf Out Takes ein spannendes Interview mit den drei Kamerafrauen Caroline Rosenau, Ulla Barthold und Julia Schlingmann.

– Einer der assigsten Filme des italienischen Genrekinos ist Deodatos „Eiskalte Typen auf heißen Öfen“. Darüber kann man bei Schattenlichter lesen.

– Und die schöne Seite des italienischen Genrekinos findet man „Liebe und Tod im Garten der Götter“, den Allesglotzer bespricht.

Robert Zion beschäftigt sich weiterhin mit Jack Hill und dessen Star Pam Grier. Diesmal hat er sich deren beiden, auf den Philippinen entstanden Frauengefängnisfilmen „The Big Doll House“ und „The Big Bird Cage“ angenommen.

– Wie Jack Hill ist auf Harald Reinl ein Regisseur, den es immer mal wieder zu entdecken gilt. Auch mit seinem Spätwerk. In diesem Falle „Kommissar X jagt die roten Tiger“ der mir in der Tat weniger gut als André Malbergs schöner Text auf Eskalierende Träume gefallen hat.

Funxton hat auf seinem Blog näher mit zwei Filmen der schwarzen Serie beschäftigt: „The Naked City“ von Jules Dassin und „I Walk Alone“ von Byron Haskin, die ihm beide sehr gut gefallen haben.

– Oliver Nöding hat auf Remember It For Later mit „Maciste contro il vampiro“ und „Perseo l’invincibile“ einen Abestecher ins Peplum-Genre gemacht und sich dann Filme mit Patrick Dewaere angesehen. Insbesondere „Série Noire“ muss ich auch sehen!

– Dass sowohl „Queimada“ mit Marlon Brando, als auch Alex Cox „Walker“ auf der selben historischen Figur des William Walker beruhen, habe ich jetzt erst durch Sebastians Besprechung des ersten Filmes auf Nischenkino erfahren. Klingt aber gut.

– Julian Dax empfiehlt auf Kinogucker ausdrücklich den deutschen Spielfilm „Der Hauptmann“ von Hollywood-Rückkehrer Robert Schwentke.

„35 Millimeter“-Magazin: Ausgabe 27 erhältlich

Von , 15. Juli 2018 22:17

Wenn sich jemand fragt, weshalb man hier derzeit nichts Neues liest: Ich bin eigentlich gar nicht da, sondern noch bis Ende des Monats im Urlaub. Da ich aber gerade Zugriff auf WLAN und gleichzeitig auch etwas Zeit habe, wollte ich schnell auf die neue „35 Millimeter – Das Retro-Filmmagazin“ hinweisen. Hier habe ich diesmal nur wenig zu beigetragen, nämlich gerade mal eine Seite zum Titelthema „Filmbösewichte“. Diese habe ich dann dem großartigen und leider unter tragischen Umständen viel, viel zu früh gestorbenen Laird Cregar gewidmet.

Da ich wie gesagt gerade im Urlaub verweile, habe ich das neue Heft schon fast durch. Und ich muss sagen: Der meines Erachtens nach schon sehr hohe Standard der letzten Ausgaben wurde mal wieder gehalten – und vielleicht sogar noch einmal ein kleines Stückchen höher gelegt.

Was erwartet einen noch so (den Text übernehme ich jetzt mal mehr oder weniger wortwörtlich von der 35-Millimeter-Homepage)? Martin Abraham stellt in DÄMONEN, SCHURKEN UND VAMPS das Böse im Hindi-Film vor. Christoph Seelinger setzt sich in DIE MACHT DES BLUTES, DIE SINNLOSIGKEIT DER EXISTENZ mit der Figur des „Coffin Joe“ im Horror-Klassiker AT MIDNIGHT I WILL TAKE YOUR SOUL (1964) auseinander. Matthias Pfeiffer befasst sich in BÖSE DOKTOREN DES WEIMARER FILMS mit Dr. Caligari und Dr. Mabuse. Lars Johansen und Clemens Williges widmen sich drei Hollywoodgrößen, die auf böse Rollen festgelegt waren – Bela Lugosi dauerhaft, Basil Rathbone und Myrna Loy zeitweilig. Alexander Schultz analysiert in MÄNNER IM KREIS Randolph Scotts Beziehung zu den Bösewichtern in Budd Boettichers Ranown-Zyklus. Matthias Merkelbach beleuchtet in DÄMONIN AUS LIEBE die Entwicklungsgeschichte der Femme fatale im Film Noir.

Jenseits des Titelthemas beschäftigt sich Christian Genzel anlässlich der deutschen Blu-ray-Veröffentlichungen von G.W. Pabsts WESTFRONT 1918 (1930) und KAMERADSCHAFT (1931), ausführlich mit diesen beiden zentralen Werken des frühen deutschen Tonfilms. Jörg Mathieu stellt die neue FRITZ LANG-Box der Murnau-Stiftung vor.

Björn Küster gibt in seinem Artikel DER SANDALENFILM Einblick in das vernachlässigte Genre Peplum. In der Kolumne OPERATION: EUROPLOITAION – TODESGRÜSSE VOM MITTELMEER bringt Christoph Seelinger DRACULA IN ISTANBUL (1953) ans Tageslicht. Martin Abraham unternimmt mit seiner Rubrik einen Ausflug ins CINEMA MALAYSIA, stellt den Superstar P. Ramlee vor. Und in seiner Kolumne NORDISCHE SCHÄTZE präsentiert Martin Abraham die dänische Komödie VI ER ALLESAMMEN TOSSEDE (1959).

In seinem Artikel EYES WIDE APART AND EYES WIDE OPEN würdigt Prof. Dr. Tonio Klein die Ausnahmekünstlerin Ida Lupino. Oliver Nöding beleuchtet in seiner Kolumne IM ZWIELICHT: FILM NOIR OHNE FILTER Joseph H. Lewis‘ wegweisenden Reißer GEFÄHRLICHE LEIDENSCHAFT (1950). Robert Zion wendet sich im zweiten Teil seiner Kolumne AUF DEM PFAD DER VERLORENEN mit RITT ZUM OX-BOW (1943) den Anfängen des Noir Westerns zu.

In der Rubrik ON SET ist Clemens Williges’ Einführungsvortrag zur Aufführung von Harold Lloyds AUSGERECHNET WOLKENKRATZER! (1923) im Hallenbad – Kultur am Schachtweg im Rahmen der Movimentos Festwochen in Wolfsburg nachzulesen. In der neuen Kolumne MEILENSTEINE DES FRÜHEN KINOS widmet sich Clemens Williges zwei vergessenen Meisterwerken von Lois Weber: THE DUMB GIRL OF PORTICI (1916) und SHOES (1916). Abschließend gibt Williges in seiner Kolumne DER VERGESSENE FILM mit THE HORROR OF PARTY BEACH (1964) bereits einen Ausblick auf die Titelstory #28: SOMMER – SONNE – SUMPF.

Heft #27 kann man HIER für € 4,50 zzgl. Versand beziehen.

Filmbuch-Rezension: “Weimarer Kino – neu gesehen“

Von , 26. Juni 2018 12:26

Vom 15. bis 25. Februar 2018 fand auf der Berlinale die Retrospektive „Weimarer Kino – neu gesehen“ statt. 28 deutsche Filme aus den Jahren 1918 bis 1933 wurden gezeigt. Berlinale-Direktor Dieter Kosslick beschrieb den Ansatz der Retro wie folgt: „Quer durch die Genres dokumentiert die Retrospektive den Zeitgeist der Weimarer Republik und reflektiert Identitätsfragen. Das Spektrum reicht von der schwungvollen Tonfilmoperette über wortwitzige Komödien bis hin zu sozial und politisch engagierten Filmen. Die Filme sind von enormer Frische und Aktualität“. Die gezeigten Filme wurden grob in die drei thematische Schwerpunkte: „Exotik“, „Alltag“ und „Geschichte“ gegliedert.

Das gleichnamige Buch zur Retrospektive hätte jetzt diese Struktur übernehmen können, hat sich aber scheinbar ganz bewusst dagegen entscheiden. Zwar tauchen die genannten Schwerpunkte in den einzelnen Kapiteln wieder auf, doch das Buch spannt einen sehr viel größeren Bogen. Statt sich auf die gezeigten 28 Filme zu konzentrieren, wird versucht, die 15 Jahre des Weimarer Kinos in größeren Blöcken zu beleuchten. Zwangsläufig werden dabei dann nicht nur die unbekannteren Filme erwähnt, sondern auch Klassiker wie „Metropolis“, „Nosferatu“, „Berlin – Symphonie der Großstadt“ oder „Madame Dubary“. Diese stehen allerdings einmal nicht im Fokus, sondern dienen nur der Illustrierung des übergeordneten Themas.

Das erste Essay wurde von Jörg Schöning verfasst und untersucht auf spannende Weise die Historienfilme des Weimarer Kinos, welche zunächst die Französische Revolution, später dann die Zeit nach der deutschen Revolution behandeln. Hierbei ist besonders interessant, wie sich der Fokus über die Jahre verschiebt, und diese Großfilme zum Spiegelbild der politischen Lage in der Weimarer Republik werden. Ebenfalls ausgesprochen lesenswert ist der Beitrag von Philipp Stiasny, der sich den „lebenden Toten, Verlorenen und Heimkehrer des Weimarer Kinos“ widmet. Stiasny arbeitet heraus, wie beherrschend das Thema des aus dem Krieg Zurückkehrenden nach dem ersten Weltkrieg war und wie es auch in Filmen wie „Nosferatu“ Einzug findet, die man nicht unbedingt als Heimkehrer-Metapher im Blick hat.

Annika Schaefer nimmt sich recht nüchtern der Arbeitswelten im Weimarer Spielfilm an. Natürlich werden hier zunächst einmal die Klassiker des kommunistischen Films, wie „Kuhle Wampe“ oder „Mutter Krausens Fahrt ins Glück“, vorgestellt. Aber das Thema wird umfassender angegangen und Schaefer untersucht auch die Darstellung von Arbeitslosigkeit (für die Menschen der Weimarer Republik ein Albtraum) und die romantisierten Darstellung von Arbeit, beispielsweise in Tonfilm-Operetten. Ioana Crăciuns Kapitel handelt von der Darstellung von Kindheit und Jugend im Weimarer Kino. Der Text ist etwas trocken und erfordert vom Leser eine größere Konzentration. Schwerpunkt ist hier vor allem das Thema Pubertät, weshalb auch Pabsts „Tagebuch einer Verlorenen“ mit Louise Brooks einen größeren Platz einnehmen kann.

Ganz besonders spannend ist Tobias Nagls Abschnitt über Orientalismus und (Post)Kolonialismus, der sich zunächst mit den großen Abenteuer-Serials des Weimarer Kinos beschäftigt, die ihre Heldinnen und Helden in mehrteiligen Spielfilmreihen um die ganze Welt schicken. Aber auch „Opium“ von Robert Renert erweckt Neugier. Die stereotype und rassistische Darstellungsweise exotischer Kulturen, der verklärte Blick in die Kolonien und vor allem die Geschichte „exotischer“ Gesichter im Weimarer Kino, wie der chinesisch-amerikanischen Schauspielerin Anna May Wong und dem afrodeutschen Schauspieler Louis Brody, sind weitere Themen dieses spannenden Kapitels. Ein Höhepunkt des Buches.

Thomas Tode widmet sich dem experimentellen und avantgardistischen Film, der vor allem aus der linken Künstlerszene kam, dessen moderne Filmmethoden dann aber auch im Werbefilm und Mainstream Einzug hielt. Ein interessanter Überblick über ein Feld, welches normalerweise zu oft unter den Tisch fällt. Kai Nowaks schließt das Buch mit dem Kapitel „Umkämpfte Filme – Skandal und Zensur im Kino der Weimarer Republik“ ab. Der Ansatz, die Entwicklung des gesellschaftlichen und politischen Klimas in der Weimarer Republik anhand der Zensurgeschichte des Films nachzuzeichnen, ist ausgesprochen spannend. Wobei die „Skandale“ scheinbar immer „von oben“ zu solchen gemacht wurden. Das zeitgenössische Kinopublikum findet bei dieser Betrachtung weniger Erwähnung. Einiges von dem, was man hier lesen kann, wurde auch bereits in dem vor vier Jahren erschienenen “Verboten! Filmzensur in Europa” abgehandelt.

Neben den acht Hauptkapiteln gibt es noch sechs kurze Abschnitte, in denen jeweils ein/e zeitgenössische/r Filmemacher/in sich einen Film der Weimarer Zeit vornimmt und sich dazu einen analytischen oder einfach persönlichen Text verfasst. Andreas Veiel schreibt über Gerhard Lamprechts „Der Katzenstieg“ (1927), Wim Wenders über „Heimkehr“ (Joe May, 1928) und „Song“, Richard Eichberg, 1934), Dietrich Brüggemann über „Ihre Majestät die Liebe“ (Joe May, 1931), Philipp Stölzl über „Der Favorit der Königin“ (Franz Seiz, 1922), Ulrike Ottinger über „Im Auto durch zwei Welten“ (1927-1931) und Jutta Brückner über die Filme von Ella Bergman-Michel.

Insgesamt ein sehr lesenswertes, facettenreiches Buch, welches weit über einen Retrospektiven-Katalog hinausgeht – ja, die Retrospektive mehr zum Aufhänger für eine eingehende Beschäftigung mit dem Kino in der Weimarer nutzt. Für jeden, der sich für den Film jenseits des bekannten Kanons in dieser Zeit (oder für die Zeit der Weimarer Republik an sich) interessiert, unverzichtbar.

Karin Herbst-Meßlinger, Rainer Rother, Annika Schaefer (Hrsg.) Weimarer Kino – neu gesehen, Bertz+Fischer, 252 Seiten, € 29,00

Das Bloggen der Anderen (25-06-18)

Von , 25. Juni 2018 21:14

– Nein, der Name Léonide Moguy hat mir zuvor auch nichts gesagt. Obwohl Quentin Tarantino einen Charakter in „Django Unchained“ nach ihm benannte. Und 2013 auf dem Festival Lumière in Lyon eine Einleitung in den Film „Je t’attendrai“ von 1939 gehalten hat. Aber die war bestimmt nicht so lang und informativ wie die von Manfred Polak auf Whoknows presents.

– Christian Keßler hat seinem neuen Blog Urlaub im Schrank einen ausführlichen Artikel über den von ihm (und auch mit) höchst verehrten Shinya Tsukamoto spendiert.

Filmlichtung kümmert sich um die kuriose und wenig bekannte Geschichte des Geruchskinos.

– Andreas Köhnemann beschreibt auf kino-zeit.de was einen Horrorfilm für ihn zu einem guten Film macht. Und Sonja Hartl erklärt, warum die RomCom einfach nicht tot zu bekommen ist.

– Maël Mubalegh lebt in Paris und hat dort den raren Film „Simone Barbès ou la Vertu“ von der Regisseurin Marie-Claude Treilhou gesehen. Darüber, den Umstände und über Paris an sich macht er sich auf Jugend ohne Film so seine Gedanken.

– Lukas Foerster schreibt im Rahmen seines Siegfied-Kracauer-Stipendiums auf Dirty Laundry über James Bennings dieses Jahr auf der Berlinale wiederentdecktes Frühwerk „11 x 14“ aus dem Jahr 1977 und über „Abba – Der Film“, mit dem er – wie mit der Musik – wenig anfangen konnte.

– Mauritia Meyer kümmert sich auf Schattenlichter um einen meiner liebsten Italo-Gruseler: Der seltsame „Zeder“ von Pupi Avati.

– Wir bleiben in Italien, wechseln aber das Genre. Auf Die Nacht der lebenden Texte findet sich ein längerer Artikel über den grandiosen Polit-Thriller „Die Macht und ihr Preis“ von Francesco Rosi.

– Lustig, wenn man einen Text liest und erst nach und nach merkt, dass man den besprochenen Film ja kennt und im Regal stehen hat. So erging es mir bei Schlombies Filmbesprechungen zum Vogelscheuchenhorror „ Kakashi“ von Norio Tsuruta.

– Auch gar nicht mehr in Erinnerung hatte ich, dass die wunderbare Pam Grier ja bei „Scream, Blacula, Scream“ dabei ist. Robert Zion hat mich wieder daran erinnert. Jetzt muss ich den Film auch endlich mal gucken.

– Noch mehr Blaxploitation: Oliver Nöding auf Remember It for Later über den ikonischen “Superfly”.

– Auf Eskalierende Träume gibt es die Nummer 63 der 100 Deutschen Lieblingsfilme: „90 Minuten nach Mitternacht“ von 1962. Ausgesucht von André Malberg.

– Dr. Wily hat einen interessanten Text zu „The Last Jedi“ auf Wilsons Dachboden platziert.

Blu-ray-Rezension: „Der Boxer und der Tod“

Von , 20. Juni 2018 06:38

Durch einen Zufall findet der Hobbyboxer und jetzige KZ-Kommandant Kraft (Manfred Krug) heraus, dass der von ihm zum Tode durch Erschießen verurteilte Häftling Komínek (Štefan Kvietik) ebenfalls einmal Boxer war. Kraft setzt Komíneks Exekution aus, um ihn als Sparringspartner für einen kleinen Übungskampf zu nutzen. Der ausgemergelte und kraftlose Komínek hält allerdings keine Runde durch bevor er auf die Bretter geht. Damit unzufrieden und gelangweilt vom einsamen Training gegen den Sandsack gewährt Kraft Komínek in den nächsten Wochen alle Freiheiten, damit dieser zu Kräften kommt und einen ernsthaften Gegner abgibt. Im Lager sorgt Komíneks privilegierter Status allerdings zunehmend für Spannungen…

Mit „Der Boxer und der Tod“ setzt Bildstörung seine Reihe mit Veröffentlichungen von fast vergessenen Meisterwerken fort, die es verdienen von neuen Generationen entdeckt zu werden. Zudem zeigt Bildstörung auch wieder ein großes Herz für das tschechoslowakische Kino, wo noch zahlreiche Juwelen darauf warten, ausgegraben und auf Hochglanz poliert zu werden. „Der Boxer und der Tod“ ist solch ein Juwel. Der slowakische Film basiert auf einer Kurzgeschichte des polnischen Schriftstellers und Dramaturgen Józef Hen, Der multilinguale Film wurde mit deutschen, slowakischen, tschechischen und polnischen Schauspielern realisiert. Der Autor der Vorlage, Józef Hen, schrieb zusammen mit Drehbuchautor Tibor Vichta und Regisseur Peter Solan das Drehbuch. Gedreht wurde vor Ort in einem 1941 errichteten, ehemaligen jüdischen Arbeitslager nahe der slowakischen Stadt Nováky. Etwas, was man dem Film interessanterweise auch anmerkt. Es liegt ein trister Realismus in der Luft, auch ohne dass man weiß, dass die Kulissen echt sind.

Regisseur Peter Solan ist niemand, an den man als erster denkt, wenn es um das Kino der CSSR geht. Da sind seine tschechischen Kollegen wie Miloš Forman, Juraj Herz oder Jiří Menzel sehr viel präsenter. Umso lobenswerter, dass Bildstörung ihn nun wieder entdeckt hat. In dem spannenden Interview welches in den Extras zu finden ist, schwärmt Filmhistoriker Olaf Möller von Solan und seinem Werk, und er lädt dazu ein, sich näher mit dem Werk dieses außergewöhnlichen Regisseurs zu beschäftigen. In „Der Boxer und der Tod“ nutzt Solan einen ebenso minimalistischen, wie präzisen Stil. Da gibt es kein Zierrat. Keine denkwürdigen, besonders aufwändig komponierten Einstellungen. Nichts, was allein dem Auge schmeichelt. Dafür sind seine Bilder unglaublich exakt. Jedes Bild für den Film unverzichtbar und genau auf den Punkt. Und unter den Bildern schafft Solan eine ganze Welt, die sich im Kopf des Zuschauers zusammensetzt. Wenn Komínek zum Kommandanten gerufen wird, kommt er an einem Zaun vorbei, hinter dem eine Gruppe zivil gekleideter Häftlinge wartet. Frauen, Kinder, Alte. Mit ihren Koffern und dem wenigen, was ihnen an Hab und Gut geblieben ist. Kurze Zeit später kommt Komínek wieder an dem Zaun vorbei und die Menschen sind weg. Nur ihre Habseligkeiten liegen verstreut am Boden. Im Hintergrund quillt dicker schwarzer Rauch aus einem Schornstein. Da muss Solan gar nicht das Schicksal der Opfer ausformulieren. In diesen kargen Bildern ist alles gesagt. Und sie hinterlassen einen dicken Knoten im Magen des Zuschauers.

Später wird Solan das Bild der qualmenden Schornsteine noch einmal nutzen. Krafts Ehefrau Helga (Valentina Thielová) lamentiert, wie böse die Menschen doch sein können. Kraft solle das endlich einsehen: „Die Menschen sind so gemein“. Natürlich meint sie damit den Offizier Holder, welcher Intrigen gegen Kraft spinnt und scheinbar dessen Position einnehmen will. Und die Leute Zuhause, die Kraft nicht den Respekt zollen werden, wenn sie von Krafts Verbindung zu Kominek hören. Um Hintergrund verdunkelt sich der Himmel im schwarzen Rauch der armen Seelen, die Kraft in den Tod geschickt hat. Die verbrannten Körper der Kinder, der Frauen, der Schwachen, der Opfer. Vielleicht trägt Solan hier in dieser Szene einmalig etwas dick auf, doch diese grausame Relativierung, dieses Vergessen der Leiden der Opfer und das Bagatellisieren dadurch, dass man seine eigenen, profanen Probleme über das Leben der anderen, der „Fliegen“, wie sie Kraft abwertend nennt, ist ein Thema, welches heute noch aktuell ist. Wenn man sich selber als Opfer stilisiert, weil man keine Arbeit hat und gleichzeitig für den grausamen Tod kleiner Kinder, die hilflos im Mittelmeer ertrinken und deren kleine, leblosen Leiber am Strand angespült werden noch nicht einmal ein Schulterzucken übrig hat. Nein, natürlich hat derjenige, der so reagiert die Kinder nicht eigenhändig ersäuft. Aber auch Krafts Ehefrau hat niemanden in die Gaskammern geschickt. Sie nimmt es aber hin, weil ihr das Leben der anderen nichts wert ist. Weil diese Anderen außerhalb ihrer kleinen Welt, die nur um sich selbst kreist, existieren.

Solans großer Verdienst und die Stärke seines Films ist es, dass er plumpe schwarz-weiß-Malerei vermeidet. Man kann heute nicht mehr nachvollziehen, was die Besetzung des Lagerkommandanten Kraft durch Manfred Krug damals bedeutete. Heute ist Krug natürlich durch seine zahlreichen Rollen im West-TV eine Marke. Schauspieler und Rollen verschwimmen. Daher ist es erst einmal ein kleiner Schock Krug als Nazi zu sehen. Zumal er den Kraft ebenso jovial, kumpelhaft und präsent anlegt, wie später beispielsweise seinen „Liebling Kreuzberg“. Auch diese gewisse Selbstverliebtheit Krafts, ist in Krugs späteren Rollen auch immer präsent. Da Krug heute aber durchweg positiv besetzt ist, strahlt dies auch auf Kraft ab. Der mitnichten wie ein Monster daher kommt, obwohl er ohne mit den Wimpern zu zucken Erschießungen und Folterungen anordnet. Obwohl klar ist, dass er Kominek in erster Linie als privates Spielzeug hält, um sich immer wieder selbst als ach so großer Boxer zu bestätigen. Trotzdem scheint immer wieder der Mensch (oder vielmehr auch der Typ Manfred Krug, wie wir ihn als TV-Figur kennen) unter der Uniform hervor. Einer, der sich unter anderen Umständen vielleicht tatsächlich mit Kominek hätte befreunden können. Der aber jetzt, mit Uniform und Macht versehen, sich in der Rolle des „Übermenschen“ gefällt. Ebenso ambivalent ist der Deutsch-Slowake Willie gezeigt. Der einerseits scheinbar aufrichtige Sympathien für Kominek hegt, freundlich und lustig daher kommt, ihn aber auch gleichzeitig für seine eigenen Zwecke skrupellos ausnutzt und ihn immer wieder in seine „Schranken“ weißt. Allein Gerhard Rachold als Holder, der typischer intriganter Karriere-Nazi und Józef Kondrat als gütig-verschmitzter polnischer Boxlehrer sind eindeutiger den Seiten Gut und Böse zuzuordnen.

Der slowakische Schauspieler Štefan Kvietik ist das heftig pochende Herz des Filmes. Kvietiks ausdrucksstarkes Gesicht, welches tatsächlich einem Boxer gehören könnte, spiegelt gleichzeitig Verzweiflung und Hoffnung, Resignation und Wut, Furcht und Mut. Sein Kominek wird zunächst getrieben von dem bloßen Impuls zu überleben. Später, wenn er zu Kräften kommt, scheint er förmlich zu erwachen. Mit der Kraft kehrt auch der Tatendrang zurück. Doch immer wieder wird er von der Angst niedergedrückt. Er weiß, er könnte Kraft jederzeit besiegen – trotzdem fügt er sich seinem Schicksal und geht klaglos auf die Matte. Gleichzeitig versucht er im Kleinen etwas zu ändern, wohl wissend, dass seine Möglichkeiten sehr begrenzt sind. Immer wieder versucht er schüchtern in gebrochenen Deutsch so etwas wie eine Beziehung zu Kraft aufzubauen, um diesen ebenso zu nutzen, wie Kraft ihn nutzt. Sich als Individuum und nicht nur als „Fliege“ bemerkbar zu machen. Diese Annäherung fängt Solan in seinem Film sensibel ein. Letztendlich weiß Kominek, dass er nur Überleben kann, wenn er es schafft, dass Kraft ihn als seelenverwandten Sportler in seinen von pathetischen Sportsgeist (Fluchtversuche und Widerstand straft Kraft als „Fouls“ mit tödlichen Konsequenzen ab) und verklärter Boxer-Romantik triefenden Weltsicht wahrnimmt. Nie würde Kominek Kraft als „Freund“ bezeichnen und er weiß auch, dass Kraft ihn nie als Freund, wohl aber als „Sportkameraden“ ansehen würde. Und dass jeder Schritt, jedes Wort, jeder Schlag Kraft dazu bringen kann, Kominek fallenzulassen. Wie Kominek vorsichtig versucht Kraft zu manipulieren, und dabei seinen eigenen Stolz, sein eigenes Grauen, sein eigenes Leid herunterschluckt, liest sich eindrucksvoll in Štefan Kvietik subtilere Darstellung.

Wieder einmal hat Bildstörung eine absolute Referenzveröffentlichung vorgelegt. Das schwarz-weiße Bild ist gestochen scharf und klar. Der Ton sauber und sehr klar. Im Film wird Deutsch, Slowakisch und Polnisch gesprochen, wobei die slowakischen und polnischen Dialoge deutsch untertitelt werden. Neben der Blu-Ray mit dem Film ist noch eine DVD beigegeben, die randvoll mit fast zwei Stunden an Extras steckt. Den Hauptanteil macht hier ein einstündiges Interview mit Regisseur Peter Solan aus, welches kurz vor seinem Tod im Jahr 2013 aufgenommen wurde. „Die Woche im Film“ ist ein zeitgenössisches Werbe-Featurette. Solans unter die Haut gehender achtminütiger Kurzfilm „Deutschdorf“ aus dem Jahr 1974 zeigt Handkamera-Aufnahmen von Wiesen an einer Autobahn, unterlegt mit Schilderungen der hier stattgefundenen von Tötungen Unschuldiger aus der Perspektive der Täter. In einem 10-minütigen Feature doziert der aus Bratislava stammende Filmwissenschaftler Martin Kaňuch darüber, wie „Der Boxer und der Tod“ den slowakischen Film in den 60er Jahren verändert hat. Sehr gut hat mir ein weiteres, 24-minütiges filmhistorisches Feature gefallen, in dem Olaf Möller (dem ich sowieso stundenlang zuhören könnte) „Der Boxer und der Tod“ und dessen Wirkung analysiert seine und dabei noch einmal die Qualitäten seines Regisseurs herausstellt. Sehr schön fand ich ferner, dass das umfangreiche, 20-seitige Booklet nicht die Inhalte der beiden Features variiert, sondern einen ganz anderen Weg geht. Hier widmet sich der Sportjournalist Martin Krauss dem heute kaum bekannten Themas „Sport in Konzentrationslagern“. Dieses ist mitnichten eine Erfindung solcher Filme wie „Flucht oder Sieg“ oder eben „Der Boxer und der Tod“, sondern ein ganz reales Kapitel der grauenvollen Geschichte der KZs. Er schreibt hier auch nicht nur über Tadeusz Pietrzykowski, auf dessen Leben „Der Boxer und der Tod“ basiert, sondern auch viele andere Boxer, die ein ganz ähnliches Schicksal erlitten. Für uns Bremer dabei besonders interessant das Schicksal von Rukeli „Gipsy“ Trollmanns, dessen Leidensgeschichte der Bremer Filmemacher Eike Besuden als Doku-Drama verfilmt hat.

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