Filmbuch-Rezension: „Fantastisches in dunklen Sälen – Science Fiction, Horror und Fantasy im jungen deutschen Film“

Von , 16. Januar 2019 13:36

Dem Buch „Fantastisches in dunklen Sälen – Science Fiction, Horror und Fantasy im jungen deutschen Film“ bin ich zunächst mit Skepsis begegnet. Einerseits ist das Thema phantastischer Film in Deutschland ein ausgesprochen spannendes, welchem ich mit großem Interesse folge. Anderseits wird gerade aus dem Umfeld des sogenannten „Neuen Deutschen Genrefilm“ häufig nur über fehlende Filmförderung gejammert, wodurch den Filmemachern die Hände gefesselt würde. Und wenn dann mal etwas aus dem Umfeld kommt, ist es der Versuch, Hollywood-Hochglanz-Genre mit weitaus geringeren Mitteln nachzuahmen und die eigene Herkunft zu kaschieren. Was zwangsläufig nicht funktioniert. Dabei gibt es unglaublich tolle und kreative Ansätze, wenn man sich einmal die Mühe macht über den „Horror“-, „Action-“ oder „Thriller“-Rand zu schauen. Man muss sich nur mal die Mühe machen und offen sein für neue/andere Einflüsse.

Daher hat es mich sehr gefreut, dass gerade diesen sperrigen Werken, die ohne Förderung entstehen konnten und einen frischen, ganz eigenständigen Wind ins trübe Hinterherhecheln und Gemecker bringen, ein hochinteressantes und sehr lesenswertes Kapitel gewidmet wird. Unter dem Begriff „German New Weird“ subsumiert Tobias Haupts Filme wie Till Kleinerts „Der Samurai“, Nikias Chryssos‘ „Der Bunker“ und Sebastian Hilgers „Wir sind die Flut“. Alles wunderbare, ganz eigenständige Werke, die Hoffnung machen, dass hier etwas in Deutschland heranwächst, was neu, risikobereit, eigensinnig und fesselnd ist. Was sich eben nicht in Schubladen stecken lässt und mehr mit dem Hier und Jetzt (auch in Deutschland) zu tun hat, als diese typischen Genre-Filme, die auf schrecklich ironische Art und Weise ausgelutschte Genrestandards wiederkäuen und krampfhaft„auf amerikanisch“ machen. Hier kann man noch so exzellente Filme wie „Wild“ oder auch „Der Nachtmar“ mit aufnehmen.

Der Band beginnt mit einem historischen Abriss von Filmemacher Huan Vu (der selber den fantastischen „Die Farbe“ gemacht hat, eine der besten Loveraft-Verfilmungen, die gar nicht vorgibt in den USA zu spielen, sondern die Handlung auf kreative und logische Art und Weise nach Deutschland transferiert, wo der Film ja auch entstand) über Fantastik und Genrefilm in Deutschland. Dieser gibt einen guten Überblick über den heimischen Genrefilm, auch wenn einige Themen, wie z.B. der Kulturkampf im 3. Reich zwischen einem faschistischen Expressionismus und der Linie Rosenberg nicht in dem Maße eingegangen wird, wie ich es mir erwünscht hätte. Doch dies wäre für einen ersten Überblick wohl auch zu speziell und detailliert gewesen. Vielleicht kommt da ja noch irgendwann eine längere Analyse. Spannend ist das Thema ja.

Prof. Dr. Markus Stiglegger greift das Thema noch einmal auf, beleuchtet es aber unter Aspekt der Genretheorie und definiert erst einmal, was überhaupt ein Genrefilm ist, bevor er deutsche Filme darauf abklopft, in wie weit sie dem Bergriff Genre überhaupt entsprechen. Einen Schwerpunkt der Betrachtung legt er dabei auf „Der Nachtmahr“ und die „German Angst“-Episode von Michal Kosakowski, die er als typische, neuen deutschen Genrefilme definiert.

Lars R. Krautschick kommt in seinem Beitrag „Sozialkritik unter asozialen Bedingungen“ zunächst zu der überraschenden Erkenntnis, dass in den 10er Jahren des 21. Jahrhunderts mehr deutsche Genrefilme produziert werden, als in der Weimarer Republik (was ich ohne eine genaue Erhebung zunächst einmal bezweifeln würde). Er fragt sich dabei, ob dies ein Ausdruck einer speziell deutschen Angst wäre, die auf diese Weise verarbeitet wird. Hierzu schaut er sich die Filme „Rammbock“, „Blutgletscher“, „Beyond the Bridge“ und „Der Nachtmahr“ genauer an, um am Ende zu dem meiner Meinung nach diskussionswürdigen Fazit zu kommen, dass die neuen deutschen Genrefilme keine speziell deutsche Angst, sondern generelle, weltweit anzutreffende Ängste verarbeiten. Was seiner Meinung nach auch daran liegt, dass mit diesen eher globalen Ängsten auch eine internationale Vermarktung leichter fällt.

Um die Geschichte des deutschen Science-Fiction-Films geht es in dem Beitrag von Christian Pischel. Er sucht hier nach Verbindungen und Traditionen, die er aber nicht findet. Am Ende bleibt ihm nur festzustellen, dass es in Deutschland (speziell auch der DDR) einige herausragende SF-Filme gab, diese aber nur sporadisch auftreten und es keine zusammenhängenden (oder aufeinander aufbauende) Perioden gab, in denen Science Fiction im deutschen Film eine große Rolle gespielt hätten.

Rasmus Greiner analysiert schließlich ausführlich Jan Speckenbachs „Die Vermissten“.

„Fantastisches in dunklen Sälen “ ist eine spannende Sammlung kompetenter (manchmal kontroverse) Essays zum Thema Science Fiction, Horror und Fantasy im jungen deutschen Film. Manchmal wünscht man sich, die Autoren hätten mehr Platz zur Verfügung, um noch tiefer in die Materie einzutauchen. Manche Inhalte doppeln sich auch leicht, hier wäre es wünschenswert gewesen, die Themenauswahl noch breiter aufzuspannen (vielleicht über die Einschränkung „Genrefilm“ hinaus). Beispielweise findet man in einer Fußnote der Einleitung die sehr wichtige Information: Demnach verlassen 50% der Zuschauer eine Sneak-Preview, sobald sie bemerken, dass es sich bei der Preview um einen deutschen Film handelt. Daher wäre es spannend, sich einmal auf dieses Phänomen zu konzentrieren. Warum hat der Deutsche Film generell so einen miserablen Ruf in der Heimat? Ein weiteres interessantes Thema wäre in diesem Zusammenhang auch die langsam anrollende Renaissance deutscher (Genre)Filme aus den 60er, 70er und 80er Jahre, die u.a. auch von Labels wie Subkultur oder Festivals wie dem Festival des deutschen psychotronischen Films oder den Hofbauer-Kongressen befeuert wird. Dies ist zwar nicht der Fokus des vorliegenden Buches (welches in erster Linie der Begleitband des letztjährige FILMZ-Symposium ist) wäre aber ein tolles „Fadenaufnehmen“ für ein weiteren Band.

Christian Alexius, Sarah Beicht (Hg.) Fantastisches in dunklen Sälen – Science Fiction, Horror und Fantasy im jungen deutschen Film, Schüren Verlag, 160 Seiten, € 16,90

 

Das Bloggen der Anderen (14-01-19)

Von , 14. Januar 2019 17:44

– Die letzten Jahresrückblicke sind eingetrudelt und ich denke mal ,das war’s jetzt auch mit 2018. Zeit in die Gegenwart und Zukunft zu blicken. Bis dahin kann man aber noch schauen, was die Kollegen im vergangenen Jahr entzückt oder entsetzt hat. Den Anfang machen die Braunschweiger von Daumenkino. Lukas Foerster hat seinen Rückblick auf Dirty Laundry in ein paar Listen verpackt. Bei film-rezensionen.de hat die gesamte Redaktion Tops und Flops zusammengefasst, wobei ich bei einigen „Enttäuschungen“ schon zusammenzucken musste. Auch bei Douscope glaube ich, die beiden sympathischen Autoren waren im wahrsten Sinne des Wortes „in falschen Film“, den ihr Fazit für das Filmjahr 2018 ist wahrlich erschütternd: „2018 war eine cineastische Katastrophe“. Nun, insbesondere auf den Filmfestivals habe ich das doch anderes erlebt. Digitale Leinwand hat abschließend noch einmal zusammengefasst, welche Filme 2018 am Erfolgreichsten waren und noch einiges mehr.

Meinen liebsten Artikel der Woche hat Rochus Wolff auf kino-zeit.de verfasst. Er schreibt darüber, die Streeamingdienste eine große Hilfe für cinephile Familien darstellen können und nicht das Ende des Kinos (wohl aber des linearen Fernsehens) bedeuten. Ein Text der sich zu 100% mit meinen Lebenserfahrungen deckt.

– Apropos Streaming: Der Neon Zombie hat sich anhand von „Bird Cage“ einige sehr interessante Gedanken darüber gemacht, wie Streaming-Dienste wie Netflix ihre eigenen Hypes entwickeln, Einfluß auf Reviews nehmen und so letztendlich ihre Filme mit Guerilla-Marketing pushen.

Filmlichtung hat eine interessante Fakten zu dem australischen Film „The Story of the Kelly Gang“ von 1906 zusammengetragen und warum der damals längste Spielfilm der Welt in seinem Heimatland verboten wurde.

– Simon Wiener schreibt auf Jugend ohne Film über den sehr fordernden „An Elephant Sitting Still“ von Hu Bo.

– Jamal Tuschick lässt auf Hard Sensations einige Zeilen über Jafar Panahis „Drei Gesichter“ zurück, den er – ganz im Gegensatz zu mir – öde fand.

– Oliver Nöding ist auf Remember It For Later wieder zu John Ford zurückgekehrt und hat einen langen und sehr lesenswerten Artikel über „They Were Expendable“ geschrieben.

– Oliver Armknecht stellt auf film-rezensionen.de einen Film vor, auf den sich meine Kinder schon sehr freuen: „Checker Tobi und das Geheimnis unseres Planeten“. Was mir kurz die Gelegenheit gibt, das TV-Format „Checker Tobi“ (hat auch einen eigenen YouTube-Channel – einfach mal suchen) sehr zu loben und es – nicht nur – anderen Eltern ans Herz zu legen, falls sie es nicht kennen. Diese Doku-Serie für Kinder ist wirklich wahnsinnig gut und nimmt seine kleinen Zuschauer ernst ohne dass dabei die Freude am Entdecken zu kurz kommen würde. Absolut grandios: Die Folge über Tod und Sterben. Wobei unsere Kinder den „Pups-Check“ am besten fanden.

– Heute fast vergessen, aber eine Wiederentdeckung wert: Lutz R. Bierend auf Die Nacht der lebenden Texte über Mel Brooks „Silent Movie“.

– Apropos fast vergessen. Bis auf Schlombies Filmbesprechungen jetzt eine Review von „Schrei, wenn Du kannst“ aufgetaucht ist, hatte ich diesen kleinen Neo-Slasher im Fahrwasser von „Scream“ (zu recht?) völlig vergessen. Dabei habe ich den damals sogar im Kino gesehen.

Filmrezension: „A Thought of Ecstasy“

Von , 8. Januar 2019 06:34

August 2019. Der Deutsche Frank (RP Kahl) glaubt in dem neu erschienenen Buch „Desert LA“ von einem Ross Sinclair die Geschichte seiner ehemaligen Geliebten Marie wiederzuerkennen. Hat sie dieses Buch geschrieben? Wie kann es sein? Marie ist doch tot? Als er für einen Job nach Los Angeles kommt, macht er sich auf die Suche nach Marie. Die Verlegerin des geheimnisvollen Buches (Deborah Kara Unger) bringt ihn auf eine Spur, die ihn in die kalifornische Wüste führt. Hier trifft er auf Nina (Ava Verne), die ihn auf merkwürdige Weise in ihren Bann zieht..

A Thought of Ecstasy“ ist ein Film, der das Publikum radikal spalten wird. Man kann ihn für prätentiös, gestelzt und mit gewagten Sexszenen krampfhaft auf Provokation gebürstet halten und dafür sicherlich auch gute Argumente vorbringen können. Man kann sich aber auch einfach in den Fluss der Bilder gleiten lassen, sich fortziehen lassen in diese ebenso karge, wie geheimnisvolle Gegend, die irgendwo in diesem seltsamen Riss zwischen Traum und Wachen, Leben und Tod liegt. Sich hypnotisieren lassen, von der dunklen, rauen Stimme Deborah Kara Ungers, die das Geschehen nicht nur aus dem off mit Passagen des mysteriösen, scheinbar von einer Toten unter dem Pseudonym Ross Sinclair geschrieben Romans „Desert LA“ kommentiert, sondern auch sonst wie eine der Nornen die Fäden in der Hand hält und den Helden der Geschichte dahin lockt, wo er sich seiner Vergangenheit und seinem Schicksal stellen muss.

Egal, wie man den Film letztendlich rezipiert, die formidable Kameraarbeit von Markus Hirner (interessanterweise erst seine erste Spielfilmarbeit) kann man nicht zur Diskussion stellen. Hirners Kamera fängt die karge Wüsten-Landschaft ebenso unvergesslich ein, wie es Filme wie „Twentynine Palms“ oder „Zabriskie Point“ tun. Man spürt die Hitze, den Staub und die sandigen Felsen unter den Füssen. Sie erforscht nächtliche Ecken am Rande von Los Angeles, die wie erträumt wirken und einen Einsamkeit und Stille fühlbar machen. Sie verwandelt Räume in beinahe schon lebende Organismen in irrealem Rotlicht. Begleitet wird dies von einem kongenialen, grandiosen elektronischen Soundtrack für den sich Matti Gajek und Sebastian Szary  verantwortlich zeichnen. Musik, die einen mitnimmt auf diese geheimnisvoll-erotische Reise in jene Welt, welche sich Frank langsam als seine ganz eigene offenbart.

RP Kahls Film wird oft mit dem Werk David Lynchs verglichen. Was beiden gemein ist, sind die nächtlichen Fahrten durch ein Amerika, welches wie eine Traumlandschaft wirkt. Auch das Spiel mit Identitäten, welches an „Lost Highway“ erinnert. Die mysteriöse Gestalt im Hintergrund, die das Schicksal der Figuren lenkt. Hier Deborah Kara Ungers, dort Robert Blake. Überhaupt ist Kahl ein Filmbesessener, der seinen Film mit Zitaten und Verweisen füllt. Da findet sein Held im Apartment der geheimnisvollen Schönen eine (deutsche!) DVD von Peter Lorres „Der Verlorene“ (in dem es auch um das Thema Schuld geht, wie auch in „A Thought of Ecstasy“, in dem Frank ein ebensolcher Verlorener ist, wie der von Lorre gespielte Mörder, der von den Nazis gedeckt wurde). Aber auch Filme wie „OldBoy“ oder „Carnival of Souls“ schweben über „A Thought of Ecstasy“. In einer wundervollen Einstellung telefoniert Unger vor einer Leinwand, auf der gerade Radley Metzgers wunderschöner „Therese und Isabell“ läuft. Dem großen Meister des erotischen Films ist „A Thought of Ecstasy“ auch gewidmet und man freut sich einerseits, dass jemand dem leider 2017 verstorbenen Metzger auf diese Weise gedenkt, andererseits wird einem das Herz schwer, dass sein Werk bis heute in Deutschland so stiefmütterlich behandelt wird und es hierzulande bisher keine vernünftige Auswertungen seines großartigen Werkes gibt.

Wie bei Metzger stehen auch bei RP Kahl starke, schöne Frauen (wie die faszinierende Ava Verne) im Vordergrund, die Kahl in teilweise hocherotischen Bildern einfängt. Dabei wird mehr als einmal (zumindest im „Director’s Cut“) die Grenze zum Hardcore überschritten. Dieser fügt sich aber harmonisch ein und wirkt wechselweise erregend oder einfach nur beiläufig natürlich. Dabei verfängt sich der Protagonist in einem Strudel von Voyeurismus und Obsessionen, bei denen BDSM eine Rolle spielt. Dass Protagonist Frank dabei zum Filmemacher wird, der das sexuelle Treiben mit der Kamera einfängt, legt nahe, dass „A Thought of Ecstasy“ auch ein hochpersönlicher Blick in den Kopf des Filmemachers RP Kahl darstellt. Und das jene Szenen, in denen Frank als kleine, nackte Gestalt eine Sanddüne irgendwo im Nirgendwo herunter taumelt, dem Zuschauer zurufen soll:  Sieh her, hier bin ich. Nackt. Ich entblöße mich vor Dir. Das sind meine Seele, meine Obsession, meine Leidenschaft. Ich habe Euch alles gezeigt, jetzt verschwinde ich aus dieser Welt, die ich Euch gezeigt habe. Am Ende des Filmes existiert ein Buch namens „A Thought of Ecstasy – A Diary From the Realm of the Dead“ welches aus der Zwischenwelt von Leben und Tod, Realität und Traum gefallen scheint. In der realen Welt existiert ein Film namens „A Thought of Ecstasy“. Einer, der einem vielleicht nicht gleich all seine Geheimnisse offenbart, den man sacken und dann ein zweites und drittes Mal ansehen muss, um immer wieder Neues zu entdecken und zu dechiffrieren. Ein Film, der wächst.

“A Thought of Ecstasy” ist bei Koch Media in zwei  Ausführungen als Director’s Cut mit FSK18 erschienen: Als normale Ausgabe mit Audiokommentar und Interview, und noch einmal als Special Edition im Mediabook mit sehr viel mehr Extras und Booklet.

Wer einmal unverbindlich hineinschauen möchte, der kann dies auch am übermorgen, Donnerstag den 10. Januar um 22:45 Uhr auf 3SAT tun, wo die entschärfte FSK16 Fassung läuft.

Das Bloggen der Anderen (07-01-19)

Von , 7. Januar 2019 17:28

– Wie kann man besser ins neue Jahr starten, als mit Lukas Foersters wundervollen Bericht „Jede Projektion ein Akt der Zärtlichkeit“ über „lustbetonte Off-Festivals, die sich um ihre Anschlussfähigkeit an den Betrieb nicht scheren – und es ihren Besuchern ermöglichen, über die Bedingungen ihrer Entfremdung selbst zu entscheiden“ auf critic.de. Prominent erwähnt werden neben dem Hofbauer-Kongress der STUC.

– Und dann ist die erste Woche des Jahres 2019 natürlich auch geprägt von vielen Jahresrückblicken. Einerseits Besten-Listen bei real virtuality, symparanekronemoi, sdb-film.de und kitschkultklassisch und etwas ausführlicher kommentierte Bilanzen des Jahres bei Der Kinogänger, Magazin des Glücks und the-gaffer.de.

– Spannend: Bert Rebhandl nimmt auf Cargo auseinander, was vor 50 Jahren in der damals führenden Filmzeitschrift „Filmkritik“ stand.

– Pure Liebe. Rainer Knepperges auf new filmkritik (!) mit einem weiteren berauschenden Bild-Text-Essay: „Auge und Umkreis (III)“.

– Mein Bekanntenkreis ist begeistert – ich habe da leider (noch) eine Lücke: Alex Cox‘ legendärer „Repo Man“ – kompetent vorgestellt von Christian Genzel auf Wilsons Dachboden.

– Leider in Oldenburg versäumt, jetzt weit oben auf der „Must-see“-Liste. Insbesondere nach funxtons begeisterter Review: „First Reformed“ von Paul Schrader. Ferner hat sich funxton noch den deutschen Gangsterfilm „Nur Gott kann mich richten“ von Özgür Yildirim mit dem unvermeintlichen Moritz Bleibtreu angesehen und ist überraschend angetan.

– Auf Schlombies Filmbesprechungen geht es diesmal sehr, sehr leise zu. Den Geräusche können bei den beiden von ihm besprochenen Filmen den Tod bedeuten: „A Quite Place“ und „Don’t Breathe“.

– Neues von Schattenlichter. Diesmal nichts Italienisches aus den 70ern, sondern ein zeitgenössischer Film aus den USA. Ryan Goslings Regie-Debüt „Lost River“ konnte die Autorin überzeugen.

„35 Millimeter“-Magazin: Ausgabe 30 erhältlich

Von , 5. Januar 2019 13:17

Pünktlich zum neuen Jahr trudelte die neue „35 Millimeter – Das Retro-Filmmagazin“ ein. Diesmal geht es im Titelthema um das Spanische Kino, und ich hatte die Ehre mich auf fünf Seiten mit dem Frühwerk von Jess Franco auseinanderzusetzen. Was für mich eine sehr lohnende und spannende Angelegenheit war, die mir mal wieder ganz neue Facetten eines meiner Lieblingsfilmemacher aufgezeigt hat. Wer noch einmal behauptet, Franco wäre ein „talentloser Trash-Regisseur“ soll sich doch bitte einmal solch ein kleines Noir-Meisterwerk wie „Rififí en la ciudad“ ansehen.

Aber auch meine tollen Mitstreiter haben allerlei spannende Themen rund ums Spanische Kino zusammengetragen. Und Kollege Christian Genzel berichtet noch einmal vom Internationalen Filmfest Braunschweig, bei dem wir von „35 Millimeter“ Medienpartner waren. Was mir Gelegenheit gibt, in dieser Ausgabe – neben einem Kurzauftritt bei „Redaktion befragt“ – noch kurz ein drittes Mal (mit Bild!) aufzutauchen.

Weitere Themen:

Segundo de Chomón – der spanische Méliès
„Der Tod eines Radfahrers“ – Spaniens Film Noir
„Im Turm der sieben Buckligen“ – General Francos erster Horrorfilm
Edgar Nevilles
Sara Montiel
Salvador Dali im Film
Kolumnen: „Operation: Europloitation“, „Nordische Schätze“, „Film Noir“, „Noir Western“, „Original und Remake“ und „Der vergessene Film“
Das Metropolis Orchester Berlin
Bericht 29. Film- und Musikfest in Bielefeld
Vlady Bystrov im Residenzschloss Braunschweig
James Whale
Joseph Kane

Heft #30 kann man HIER für € 4,50 zzgl. Versand beziehen.

Mein ganz persönlicher Jahresrückblick 2018

Von , 28. Dezember 2018 16:38

Das Jahr 2018 liegt in den letzten Zügen. Zeit für den obligatorischen Rückblick.

Überraschenderweise war ich auf so vielen Filmfestivals, wie seit 2010 nicht mehr. Okay, für Bremen und Braunschweig hatte ich jeweils nur eine Tag übrig, aber der hat sich jeweils auch gelohnt. Drei Tage waren es dafür wieder in Oldenburg. Definitiv eines der Highlights des Jahres. Neben den aktuellen Festivals gab es auch noch die wundervollen Zusammenkünfte mit Gleichgesinnten. Das ging schon mal gut los mit dem Mondo-Bizarr-Weekender in Düsseldorf, der mich sehr begeistert hat. Auch aufgrund der tollen „Reisegruppe“, deren Teil ich war. Das hat richtig Spaß gemacht und wird 2019 wiederholt. Das Hotel ist schon gebucht und Dauerkarte bezahlt. Und natürlich ist da auch das alljährliche Deliria-Italiano-Forentreffen, welches in diesem Jahr in Köln stattfand. Das war diesmal etwas stressig (weil wir Bremer aufgrund einer katastrophalen Bahnfahrt erst kurz vor knapp ankamen) und dadurch auch irgendwie viel zu kurz. Trotzdem tat es wieder gut, all die wunderbaren Menschen wiederzusehen, die man über das Jahr ja leider größtenteils nur „virtuell“ trifft. Schön, dass es so etwas gibt und sich die Admins jedes mal so viel Mühe geben, um allen ein großartiges Wochenende bescheren. Danke! Ansonsten gab es noch einen 2/3 Tag bei „Monster machen mobil“ in Hamburg. Zu mehr reichte es leider nicht, aber ich bin schon froh, dass die Familie zumindest diese Extratouren mitmacht. Auch dafür an meine liebe Ehefrau: Danke.

Die Filmreihe Weird Xperience, die ich zusammen mit Stefan Mibs kuratiere und moderiere, hat sich in der neuen Heimat im Cinema Ostertor auch sehr gut gefangen. Nachdem der Neustart letztes Jahr eher mäßig anlief, haben wir nun regelmäßig Zuschauerzahlen mit denen sich gut leben lässt. Und ein paar treue Stammzuschauer konnten wir auch ausmachen. So macht das Freude und ein aufrichtiges „Danke, dass ihr das macht“ wiegt viele Strapazen, Arbeit und Nah-Herzstillstände (Film nicht da, Tonspur falsch) auf. Besonders schön war in diesem Jahr der Besuch des mega-sympathischen Thilo Gosejohann im Februar. Sehr viel Freude haben uns auch wieder die zwei Double-Feature-Abende beim Schlachthof-Open-Air gemacht, wo wir ein wirklich tolles Programm hatten, welches vielleicht den einen oder anderen Zuschauer mehr verdient hätte.

Aber auch neben unserer Weird-Xperience-Arbeit waren Stefan und ich gut beschäftigt. So unterhielten wir uns beim Theaterprojekt „Station Neu Blumenthal“ über Kannibalenfilme, beim Bremer Zine Festival in der Hochschule für Künste über Film-Fanzines und waren im Rahmen von Jan van Hasselts „Supernazi Vs. Diddl Maus“-Lecture-Performance-Projekt zwei Abende in der Schwankhalle zu sehen, wo wir als „knietief sumpfwatenden Filmgeschichtsfledderer“ über deutsche Superhelden- und Monsterfilme sprachen. Das war wirklich eine ganz wunderbare Erfahrung, die uns sehr viel Spaß gemacht hat.

Viel geschrieben habe ich auch wieder. Was alles, kann man seit kurzem auf dem Reiter oben rechts unter „Veröffentlichungen“ sehen. Besonders stolz bin ich dabei auf die 5 Seiten zum frühen Jess Franco in der letzten „35 Millimeter – Das Retro-Filmmagazin“-Ausgabe des Jahres. Generell bin ich auf die „35 Millimeter“, die ich ja noch immer als stellvertretender Chefredakteur mitbetreue, sehr stolz. Was wir da 2018 veröffentlicht haben hat wirklich eine sehr hohe Qualität und wird immer besser. Da staune ich immer wieder. Zwei Dinge fand ich etwas schade: Nach dem Booklet zu „Die toten Augen des Dr. Dracula“ hatte ich gehofft, dass da noch was kommt. Aber davon war 2018 weit und breit nichts zu sehen. Und dass das tolle Lucio-Fulci-Buchprojekt für das ich 2014 (!) meine Texte noch mit dem letzten Stundenschlag der Deadline abgeben habe, dürfte jetzt endgültig tot sein, nachdem sich dort nichts mehr tut und viele Autoren deshalb ihre Texte zurückgezogen haben. Ich hoffe zwar immer noch, dass sich – vielleicht in den Händen zuverlässigerer Leute – irgendwann, irgendwo etwas tut. Viel Hoffnung habe ich aber nicht. Eigentlich gar keine. Mal schauen, was 2019 in der Richtung bringt. Ein anderes Buchprojekt schiebt sich aufgrund von Koordinationsschwierigkeiten auch ein Jahr weiter. Tja, da habe ich nicht so viel Glück.

Kommen wir jetzt zu diesem Blog, der mir manchmal – insbesondere in Zeiten, wo mich die obrigen Tätigkeiten ziemlich in Beschlag nahmen und es auch auf der Arbeit hoch her ging – wie ein Mühlstein um den Hals hing. Aber der Blog ist Teil meines Lebens, und somit hegte ich nie wirklich den Gedanken ihn ad acta zu legen. Nur längere Pausen musste ich schon ab und zu einlegen, um einfach den Kopf frei und wieder Luft zum atmen zu bekommen. Zu 88 Beiträgen hat es dann nur gereicht, während es im Vorjahr noch 110 waren. Wahrscheinlich auch deshalb liegen die Nutzungszahlen leicht unter dem Vorjahr. Allerdings gab es 2017 auch einen gewaltigen Ausreißer mit 6x so vielen Zugriffen als im Durchschnitt und 2018 gibt es wegen eine Konfigurationsproblems vier Tage ganz ohne Statistik und daher offiziell 0 Besuchern. Die Zahl der treuen Stammleser ist mit 8% konstant und auch die Lesezeit pro Artikel hat sich leicht erhöht. Ich habe allerdings auch festgestellt, dass sich sehr viel Diskussion von den Blogs weg zu Facebook verlagern und viele Autoren, deren Blogs ich früher regelmäßig verfolgt habe, jetzt nur noch in den Sozialen Medien aktiv sind, und ihre Blog eingemottet haben. Von daher kann ich da wohl insgesamt ganz zufrieden sein.

Zu den Filmen. 163 habe ich geschaut. Das sind deutlich mehr als in den letzten Jahren. Nicht so schlecht. Daraus habe ich wieder zwei Jahreslisten gebastelt. Eine mit aktuellen Filmen und eine mit älteren Filmen, die ich dieses Jahr zum ersten Mal gesehen habe. Los geht’s.

Top 10 aktuelle Filme (Produktionsjahr 2017/2018)

1. Poesía sin fin (Alejandro Jodorowsky, 2016*)
2. November (Rainer Sarnet, 2017)
3. In den Gängen (Thomas Stuber, 2018)
4. Se rokh (Jafar Panahi, 2018) – meine Besprechung
5. Den skyldige (Gustav Möller, 2018)
6. Blue My Mind (Lisa Brühlmann, 2017) – meine Besprechung
7. My Heart Is an Octopus or My Father on the Shore of the Black Sea (Neno Belchev, 2016*) – meine Besprechung
8. ¿Eres tú, papá? (Rudy Riverón Sánchez, 2018) – meine Besprechung
9. In My Room (Ulrich Köhler, 2018) – meine Besprechung
10. Summer of 84 (François Simard, Anouk Whissell, Yoann-Karl Whissell, 2018)

*müsste zu den älteren Filmen gezählt werden, lief aber dieses Jahr erstmals hier im Kino.

Wegen der beiden 2016er Filme hier noch Platz 11 und 12:

11. Holiday (Isabella Eklöf, 2018) – meine Besprechung
12. Luz (Tilman Singer, 2018) – meine Besprechung

Top 10 ältere Filme (nur Erstsichtungen)

1. Der Felsen (Dominik Graf, 2002)
2. Róza (Wojciech Smarzowski, 2011)
3. Wild (Nicolette Krebitz, 2016)
4. Entertainment (Rick Alverson, 2015) – meine Besprechung
5. Drogówka (Wojciech Smarzowski, 2012)
6. Killer Joe (William Friedkin, 2011)
7. Boxer a smrt (Peter Solan, 1963) – meine Besprechung
8. Sicario (Denis Villeneuve, 2015)
9. 52 Pick-Up (John Frankenheimer, 1986) – meine Besprechung
10. La donna del lago (Luigi Bazzoni, Franco Rossellini, 1965)

Das war das Jahr 2018. Es hat mir im Rückblick dann doch sehr gut gefallen. Mal sehen, was dann 2019 so kann.

Ich wünsche allen meinen Lesern einen guten Rutsch ins neue Jahr! Wir lesen/sehen uns wieder in 2019!

Blu-ray-Rezension: „Der Falke und der Schneemann“

Von , 23. Dezember 2018 12:35

Der junge Christopher Boyce (Timothy Hutton) erhält aufgrund von Kontakten, die sein Vater – ein ehemaliger FBI-Beamter – besitzt, einen Job bei einer Firma, die für die Regierung arbeitet. Bald schon steigt er auf und ist in der sogenannten „Black Vault“ für die Weiterleitung streng geheimer Fernschreiben zuständig. Immer wieder kommen ihm dabei auch Irrläufer der CIA in die Finger. Dadurch erfährt er über geheimen Aktivitäten, bei denen die Regierungen befreundeter Staaten destabilisiert werden sollen. Boyce ist entsetzt und beschließt, diese Informationen an die Sowjets zu verkaufen. Er kontaktiert seinen Jugendfreund Daulton Lee (Sean Penn), einen Drogendealer, der beste Kontakte zu Drogenschmugglern in Mexiko pflegt. Lee reist nach Mexiko-Stadt, wo er sich als Mittelsmann an die sowjetische Botschaft wendet, um die von Boyce gestohlen Informationen über CIA-Aktivitäten an die Russen zu verkaufen…

Der Falke und der Schneemann“ basiert auf einer wahren Geschichte. Und Regisseur John Schlesinger zollt diesem Umstand Tribut, indem er keine künstlichen Überhöhungen, rasante Action oder Thrillerelemente einbaut, sondern nüchtern und etwas distanziert seine beiden Protagonisten Christopher Boyce und Daulton Lee dabei beobachtet, wie sie sich langsam aber sicher immer tiefer in einen Sumpf versinken, aus dem es am Ende kein Hinaus mehr gibt. Denn am Ende sind Boyce und Lee keine Opfer widriger Umstände, sondern allein ihrer Naivität. Sie haben ganz bewusst entschieden, sich in eine Welt zu begeben, deren Spielregeln sie nicht kennen und in der sie die Folgen ihres Tuns nicht überblicken können. Was sich in Timothy Huttons überraschten Gesicht widerspiegelt, wenn er plötzlich merkt, dass er nicht einfach sagen kann: Ich habe jetzt keine Lust mehr weiterzuspielen und gehe nach Hause. Dass das nicht mehr möglich ist, hat er nie in Betracht gezogen. Dabei ist schon bei seinem ersten Kontakt mit den Russen klar, dass es kein Weg zurück gibt.

Die Russen werden im Gegensatz zu anderen Filmen aus den Reagan-Jahren nicht als bedrohliche Monster dargestellt, sondern als Geschäftsmänner, denen sich völlig überraschend eine gute Gelegenheit ergibt. Und die natürlich für sich ein Maximum an „Profit“ aus dieser für sie unerwarteten Situation herausschlagen wollen. Die regelrecht entsetzt davon sind, hier mit Amateuren zu tun zu haben, die keine Ahnung von den Spielregeln haben und sich nicht nur als unzuverlässig, sondern auch als regelrechte Windbeutel herausstellen, die lange nicht die Informationen liefern können, die sie sich erhoffen. Am Ende sind sie von Boyce und Lee einfach nur noch genervt. Dass sie sie nicht einfach verschwinden lassen, liegt offensichtlich daran, dass sie sie für viel zu unbedeutend halten, als sich wegen dem Verschwinden zweier US-Staatsbürger irgendwelchen Ärger einzuhandeln. Sie kennen das Spiel und wissen, dass die Beiden eh keine Chance haben, irgendwie aus der Sache wieder herauszukommen. Dass sie verbrannt sind und nicht wert, dass man sich an ihnen die Finger schmutzig macht. Als kleine Rache überlassen sie das dann den mexikanischen Behörden. Wobei das kluge Drehbuch es offen hält, wer der Drahtzieher an dieser Bestrafungsaktion ist oder ob es überhaupt einen gibt und das alles nicht nur ein dummer Zufall ist.

Boyce und Lee sind einfach tragische Gestalten, die zu keiner Sekunde die Tragweite ihrer Handlungen durchschauen. Besonders Lee wirkt verloren. Ein kleiner Dealer, der glaubt zu Höherem berufen zu sein. Der verzweifelt seinen Platz in seiner Oberschicht-Familie sucht, aber nicht die geistigen Fähigkeiten hat, diesen zu finden. Wunderbar eingefangen in jener Szene, in der Lee seinen Eltern von seinem Drogengeld ein Haus in Costa Rica gekauft hat. Als ihn sein Bruder fragt, was die beiden denn bitteschön in Costa Rica sollen, entgegnet er, sie sollen dort in Ruhe leben und am Strand spazieren gehen. Die Antwort des Bruders: Aber genau das tun sie doch schon hier. Lee denkt, seine kleinen dreckigen Deals würden nach den selben Regeln wie die der großen weiten Welt der Spionage funktionieren. Er macht sich ständig größer als er ist und bleibt am Ende doch für alle deutlich ersichtlich (seine Familie, die Eltern seiner Freunde, seine Komplizen, die Russen, die Polizei, die CIA) ein kleiner Popanz. Da spielt es fast schon keine Rolle mehr, dass er bereits eine fatale Vorliebe für seine eigene weiße Ware entwickelt hat. Im Haifischbecken der Spione wäre er auch so gefressen worden. Hier geht es nur etwas schneller, weil seine „Partner“ schneller von ihm genervt sind, das Koks ihn paranoid macht und er sich in seinen panischen Momenten zu große Fehler leistet.

Sean Penn spielt diese ebenso bemitleidenswerte, wie unangenehme Figur wie gewohnt brillant. Er geht ganz in der Rolle des Daulton Lee auf. Frisur, Fuselbärtchen, Milchbubi-Gesicht und die ständig unruhigen, nervösen Augen sind perfekt, ebenso sein kongeniales Outfit. Sean Penn spielt nicht, er ist. Während der Dreharbeiten soll der schwierigen method actor nicht mehr dem old school Regisseur Schlesinger zurecht gekommen sein. Dem Film merkt man dies nicht an. Oder vielleicht doch, denn Schlesinger setzt Penn genauso ein, wie es die Rolle verlangt. Als kleiner, ständig juckender Pickel, den man nur zu faul ist auszudrücken. Timothy Huttons ist ein effektiver Gegenentwurf zu Penn. Eher impressiv, statt expressiv, minimalistischer in seinem Ausdruck und mit einem überdurchschnittlich gutem Aussehen gesegnet, wirkt er überlegen und cool, doch tief drin bemerkt man seine Unsicherheit. Seine beeindruckendste Szene hat er in einem Dialog mit seinen Vater, ebenfalls brillant besetzt: Pat Hingle, der ihn daran erinnert, dass er früher ein Gedicht auswendig lernen sollte, dieses aber nie wirklich meisterte und bestimmt schon vergessen hat. Erst will es Boyce cool an sich abprallen lassen, doch dann bricht es aus ihm hervor und er rezitiert das Gedicht voller Wut, Trauer und Enttäuschung darüber, dass sein Vater ihm nie etwas zugetraut hat, ihn nie wirklich für voll nahm und nie zu Kenntnis nahm, wie sehr sich sein Sohn bemühte, ihm zu gefallen. Das alles wird nicht erwähnt, aber wenn Buttons dieses Gedicht regelrecht ausspuckt, dann schwingt dies alles mit und erzählt eine Geschichte, die so wichtig für die Figur des Christopher Boyce ist, auch wenn diese nie direkt ausformuliert wird. Wie es überhaupt die Stärke von „Der Falke und der Schneemann“ ist, dass nicht jede Frage beantwortet, jeder Satz ausformuliert, jeden Handlung erklärt und der Zuschauer auf wirklich jedes Detail mit der Nase gestoßen wird. Man folgt Boyce und Lee, beobachtet und zieht selber seine Schlüsse. Ein Stärke, die heute manchmal etwas abhandengekommen wirkt.

John Schlesingers Film „Der Falke und der Schneemann“ ist weniger Spionagethriller, sondern vielmehr das Potrait zweier junger Menschen, die eine Welt betreten, deren Regeln sie nicht verstehen, und die naiverweise glauben, sie könnten jederzeit aussteigen. Im Vordergrund stehen nicht Action und Spannung, sondern die Entwicklung der beiden sehr gegensätzlichen Charaktere.

„Der Falke und der Schneemann“ ist das dritte Mediabook, welches OFDb Filmworks am 08.11. veröffentlicht hat. Das Bild der BluRay ist typisch für Filme aus den späten 80ern. D.h. die Farben sind eher matt und etwas gräulich. Die Schärfe nicht knackig, sondern ein wenig zurückgenommen. Wie gesagt, so sehen viele Hollywood-Filme aus der Zeit einfach aus, und daher gibt es hier für mich auch kein Grund zur Klage. Der Ton ist sehr klar und gut verständlich. Aktuelles Bonusmaterial gibt es keines, dafür wurde einiges aufgefahren, was damals zur Veröffentlichung des Filmes gedreht wurde. Ein zeitgenössisches Making Of (7 Min.), ein EPK Featurette (quasi ein weiteres Making Of, bei dem der Werbecharakter noch mehr im Vordergrund steht, 7 Min.), Interviews mit Schlesinger und Hutton (3 Min.) und „Profiles“ – kleine Vorstellungen und Interviews mit Schlesinger, Hutton und Penn (8 Min.). Also im Grunde alles damalige Werbematerialen. Tiefergehende Infos zum Film gibt es daher vor allem im sehr schön geschriebenen und strukturierten, und mit 24 Seiten hübsch umfangreich ausgefallenen, Booklet von Stefan Jung.

Blu-ray-Rezension: „52 Pick-Up“

Von , 19. Dezember 2018 09:13

Harry Mitchell (Roy Scheider) kann sich nicht beschweren. Seine Firma wirft genug ab, dass er und seine Frau Barbara (Ann-Margret) sich ein gutes Leben mit Villa, Swimming-Pool und einem teuren Jaguar leisten können. Doch Harry hat auch ein Geheimnis. Seit einiger Zeit hat er eine heiße Affäre mit einer 22-jährigen Blondine (Kelly Preston). Als seine Frau ein politisches Amt anstrebt, will er die Affäre beenden.Doch statt seiner Geliebten findet er drei maskierte Männer vor, die ihn mit einem kompromittierenden Videotape erpressen wollen. Doch Harry denkt gar nicht daran, der Forderung nachzukommen. Das setzt jedoch Ereignisse in Gang, die Harry bald schon überrollen und ein erstes Menschenleben fordern…

Anmerkung: Alle Screenshots stammen von der ebenfalls enthaltenen DVD, nicht der Blu-ray.

Die Namen der Beteiligten kann man sich ruhig einmal auf der Zunge zergehen lassen: Regie John Frankenheimer, Drehbuch und Vorlage Elmore Leonard, Kamera Jost Vacano, Hauptrollen Roy Scheider und Ann-Margret. Warum besitzt „52 Pick-Up“ keinen Kultstatus, wie beispielsweise „Blood Simple“? Vielleicht war er seiner Zeit einfach voraus. Vielleicht wurde er in eine falsche Schublade gesteckt, weil er von den Action-Spezialisten von Cannon produziert wurde? Verdient hat der Film seine relative Unbekanntheit zumindest nicht. Tatsächlich gehört er zu den besten und elegantesten Thrillern der zweiten Hälfte der 80er Jahre. Zu verdanken ist dies nicht nur den gemeinsamen Anstrengungen aller Beteiligten, sondern vor allem auch dem unfassbaren John Glover, der hier in seiner ersten großen Rolle als Bösewicht ein wahres Feuerwerk abbrennt. Sein Alan Raimy ist ebenso schleimig, wie verführerisch, ebenso brutal, wie gebildet; abstoßend und charmant. Sein gewinnbringendes Lächeln zeigt zu viele Zähne, seine mitfühlenden Augen können sich in einem Wimpernschlag in die eines Psychopathen verwanden. Alan Raimy ist seinen Mitmenschen gegenüber vollkommen gefühllos, eiskalt, skrupellos, verlogen und dabei süchtig nach Anerkennung, Selbstverliebt und ganz auf sich selbst fokussiert. Dass so jemand 30 Jahre später es im realen Leben bis an die Hebel der Macht schafft, hat 1986 wohl niemand erwartet. Aber anders als sein real-life-Nachfolger im Weißen Haus ist John Glovers Raimy charismatisch, intelligent und gutaussehend.

Nachdem Cannon Leonards Roman zwei Jahre zuvor schon einmal – zumindest in groben Zügen – als „The Ambassador“ verfilmt hatte (ein Film in dem Leonard seinen Roman nicht im Geringsten wiederfand), durfte Leonard für die 86er Fassung selber am Drehbuch mitschreiben. „52 Pick-Up“ nimmt sich Zeit, seine Figuren vorzustellen und in Stellung zu bringen. Der Beginn ist dabei zwar recht spannend, aber auch eher unspektakulär ausgefallen. Roy Scheiders Mitchell findet sehr schnell die richtige Antwort auf den Erpressungsversuch: Er beichtet seiner Frau den Seitensprung, nimmt den Entführung damit das Druckmittel und schiebt ihnen noch ein dickes „Fuck You!“ hinterher. Bis dahin konnte es sich der Zuschauer in Mitchells Leben bequem machen, ihn kennenlernen, seine Hintergründe verstehen, dem Drama zwischen ihm und seiner zutiefst verletzten Frau beiwohnen, welches Frankenheimer gefühlvoll und mit der nötigen emotionalen Härte zeichnet. Doch dann zieht das Drehbuch das Stahlband immer enger um seinen Protagonisten. Manövriert ihn in immer ausweglosere, gefährlichere Situationen. Zeigt mit wem er sich da eingelassen hat und verbaut ihm nach und nach jeden Ausweg. Mitchell reagiert auf die Drohungen immer nachvollziehbar und logisch. Doch er glaubt glaubt dabei immer, eine rationale Reaktion zu erhalten. Was bei seinen drei Peinigern – dem eiskalten Raimy, den skrupellosen Billy und dem völlig überforderten Leo – aber nicht der Fall ist. Erst als sich Mitchell selber auf das Niveau der drei Erpresser und Mörder begibt, findet er einen Weg, seine Gegner zu schlagen. Doch dabei riskiert er beinahe fahrlässig alles, was er noch hat.

Neben den lebendigen und individuellen Haupt und Nebenfiguren, denen jederzeit genügend Raum gegeben wird, um sich zu entfalten, und der sich langsam aufbauenden und dann immer weiter eskalierenden Geschichte, ist es vor allem die grandiose Kamera des Osnabrückers Jost Vacano, die diesen brillanten Neo-Noir weit über das Mittelfeld hebt. Vacano war in dieser Zeit Stamm-Kameramann von Paul Verhoeven (weshalb die Stimmung des Filmes zeitweise an den großen niederländischen Hollywood-Provokateur erinnert) und in Deutschland für Meisterwerke wie „Das Boot“ oder Roland Klicks „Supermarkt“ verantwortlich. Auch der – zugeben sehr in den 80ern verhaftete – Synthie-Score von Gary Chang passt ganz hervorragend zu dem Film. Gerade in der heutigen Zeit, in der es mit Serien wie „Stranger Things“ oder Filmen wie „Es“ zu einem lupenreinen 80er-Revival gekommen ist und auch der Stil von Musik wie der von Gary Chang erfolgreich imitiert wird, ist die Zeit reif für the real deal und die Wiederentdeckung von „52 Pick-Up“.

Heute fast schon vergessen, wird es Zeit den brillanten Neo-Noir „52 Pick-Up“ wiederzuentdecken, denn er gehört zu den besten und elegantesten Thrillern der zweiten Hälfte der 80er Jahre.

Das Mediabook von OFDb Filmworks sieht wirklich sehr schick aus. Es beinhaltet den Film auf BluRay und DVD, sowie eine DVD mit Bonusmaterialien (Achtung: Hier wurden die Aufkleber vertauscht und der Film ist auf der Bonus-DVD und das Bonusmaterial auf der Film-DVD). Fangen wir diesmal mit dem Bonus an. Hierfür hat OFDb Filmworks eine weitere Folge der US-TV-Doku-Serie „The Directors“ lizenziert. In knapp 60 Minuten lernen wir John Frankenheimer und sein Werk kenne. Ein hervorragender Einstieg in eine weitere Beschäftigung mit diesem hochinterssanten Regisseur. Dazu gibt es noch ein 23-minütiges, zeitgenössisches Making-Of, welches damals scheinbar als Promo für den Film gedreht wurde. Auf der Film-BluRay befindet sich darüber hinaus noch (man ist schon geneigt zu sagen „natürlich“) ein Audiokommentar von Filmwissenschaftler Prof. Dr. Marcus Stiglegger, die isolierte Filmmusik und ein Audio-Interview mit Komponist Gary Chang, sowie die entsprechende „Trailers from Hell“-Episode (2 Minuten), in der mir etwas zu sehr gegen Cannon gehetzt wird. Das Bild ist für das Alter des Filmes und einem Film aus der Mitte der 80er sehr gut. Nur am Anfang schwankt die Qualität etwas, was aber am Ausgangsmaterial liegen kann. Ansonsten gibt es hier nichts zu beanstanden. Der Stereo-Ton klingt besonders auf der englischen Spur sehr klar. Positiv hervorheben möchte ich an dieser stelle, dass die Untertitel nicht nur auf Deutsch, sondern auch Englisch vorliegen. Leider keine Selbstverständlichkeit. Nicht zu vergessen: Das 16-seitiges, informative Booklet mit Text von Thorsten Hanisch.

Das Bloggen der Anderen (17-12-18)

Von , 17. Dezember 2018 18:34

Das letzte „Bloggen der Anderen“ in diesem Jahr. Heiligabend und Silvester gibt es also nix. Und weiter geht es dann irgendwann im Januar, wenn ich diverse andere Schreibpflichten erfüllt habe.

– Das Jahr neigt sich dem Ende zu, es ist wieder Listenzeit. Darum gibt es auf critic.de auch wieder „Die schlechtesten Filme und schlimmsten Kinomomente 2018“ und „Die besten Filme und schönsten Kinomomente 2018“.

– Noch mehr Listen. Die guten Menschen von kino-zeit.de haben die acht besten deutschen Filme des Jahres 2018 zusammengestellt und ich freue mich sehr, dass der wunderbare „Zwischen den Gängen“ ganz oben mit dabei ist. Außerdem: Andreas Köhnemann hat ein Porträt über den fabelhaften Edward G. Robinson geschrieben, der am 12.12.2018 seinen 125. Geburtstag feiern würde.

– Viele interessante Gedankenansätze zum Thema Netflix, Streaming und der mögliche Tod des Kinos hat Rüdiger Suchsland auf out takes zusammengetragen.

– Heute fielen die ersten zaghaften Schneeflocken. Okay, mehr Regen im Schneegewand. Dazu passt der Artikel darüber, wie die Illusion von Schnee im Film geschaffen wird, den Filmlichtung veröffentlicht hat.

– Sehr nass geht es auch in dem langen Essay zu, welches Manfred Polak auf Whoknows presents online gestellt hat. Er beschäftigt sich darin ausführlich mit Michael Curtiz‘ sechster Hollywoodfilm „Noah’s Ark“ von 1928.

– Jamal Tuschick hat auf Hard Sensations einige Zeilen über Paweł Pawlikowskis Abräumer beim Europäischen Filmpreis, „Cold War“, verfasst.

– Vor langer Zeit gesehen und nach funxtons begeisterter Review definitiv auf der Noch-einmal-gucken-Liste „THX 1138“, George Lucas Langfilm-Debüt.

– Flo Lieb empfiehlt auf symparanekronemoi das japanische Familien-Drama „Shoplifters“, welches in Cannes mit der Palme d’or ausgezeichnet wurde.

– Damiano Damiani kennt man von seinen grandiosen Mafia-Thrillern. 1982 hat er allerdings in den USA auch das Horrorfilm-Sequel „Amityville II“ gedreht, welches keinen besonders guten Ruf genießt. Schattenlichter findet, dies allerdings ganz zu Unrecht.

– Kleine Carpenter-Retro bei Schlombies Filmbesprechungen. Mein Liebling „Die Fürsten der Dunkelheit“ ist dabei, und auch „Christine“. Worum dieser bei ihm besser abschneidet als „Die Klapperschlange“, kann man vor Ort nachlesen.

– Godzilla geht immer: Bluntwolf auf Nischenkino über „Frankenstein und die Ungeheuer aus dem Meer“.

– Und zu guter Letzt: André Malberg eskaliert auf Eskalierende Träume zum Thema Heino. Das hat zwar nichts mit Film zu tun, aber ist gut und unterhaltsam geschrieben. Da drücke ich quasi als Jahresschlusssatz des „Bloggens der Anderen“ gleich mal zwei Augen zu.

In diesem Sinne – diese Rubrik legt sich jetzt erst einmal hin und macht die beiden eben zugedrückten Augen erst im Januar wieder auf. Aber bis dahin gibt es an dieser Stelle demnächst noch ein paar weitere Texte von mir.

Filmbuch-Rezension: Christian Keßler “Endstation Gänsehaut“

Von , 13. Dezember 2018 06:32

Einen positiven Nebeneffekt hatte die tragische Einstellung der legendären „Splatting Image“ ja. Seitdem veröffentlicht Christian Keßler, der mit seinen Beiträgen in eben jenem Magazin eine ganze Generation an Filmbegeisterten prägte, ein Buch nach dem anderen. Waren die beiden Bände „Wurmparade auf dem Zombiehof“ und „Der Schmelzmann in der Leichenmühle“ mit dem gemeinsamen Untertitel „Vierzig Gründe den Trashfilm zu lieben“ noch relative Selbstgänger, da logische Fortsetzungen der Splatting-Image-Artikel für all diejenigen, die ihren 3-monatlichen Keßler vermissten, so bemerkt man in den letzten beiden Veröffentlichungen „Das versteckte Kino“ und „Endstation Gänsehaut“ eine deutliche Entwicklung.

In der Vergangenheit schrieb Keßler über die Filme, die ihm sehr am Herzen lagen. Dementsprechend gab es relativ wenig Kritik. So lernte man zwar das kennen, was Keßler mochte, doch was seinen Geschmack weniger traf, das wusste man bisher eigentlich nicht. Dies änderte sich schon bei seinem letzten Buch, „Das versteckte Kino“. Doch erst mit „Endstation Gänsehaut“ lernt man Christian Keßler und seinen Filmgeschmack so richtig kennen. Ein Autorenkollege von ihm schrieb anlässlich einer im letzten Jahr erschienen Essay-Sammlung, dies sei sein persönlichstes Buch. Christian Keßler hat solch in den Raum gestellten Superlativen nicht nötig. Er macht einfach. Und so ist man überrascht, dass er mit Vampiren nicht so viel anfangen kann – und er in dem entsprechenden Kapitel einfach mal so beliebte 80er-Vampir-Kracher wie „Lost Boys“ oder „Fright Night“ komplett außen vor lässt. Oder, dass er die kultisch verehrten Filme aus dem britischen Hammer Studio recht differenziert sieht. Und wer jetzt denkt, es würden wieder ein Italo-Kracher nach dem anderen abgefeiert (was auch redundant wäre, bedenkt man, welche zentrale Rolle diese in seiner Splatting-Image-Zeit und kurz danach spielten), dürfte vielleicht enttäuscht sein.

Stattdessen bekommt man viele Filme aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vorgestellt, die vielen Leser vielleicht noch nicht besonders präsent sind. War Christian Keßler noch vor wenigen Jahren ähnlich häufig an Veröffentlichungen aus dem Italo-Dunstkreis beteiligt, wie heute sein Kollege Prof. Dr. Stiglegger, so hat man heute den Eindruck, dass er das Image des „lustigen Italo-Onkels“ langsam ablegen möchte. Auf der Stelle treten ist ja auch auf die Dauer langweilig und irgendwie hat Christian Keßler zum Thema Euro-Exploitation mittlerweile ja auch schon fast alles gesagt. Umso schöner und spannender, dass gerade „Endstation Gänsehaut“ den mit „Das versteckte Kino“ eingeschlagenen Weg fortsetzt und sich in Gebiete wagt, die für viele Leser wahrscheinlich eher Terra incognita sind. Wobei man auf den typischen, lieb gewonnenen Keßler-Zungenschlag nicht verzichten muss, auch wenn er hier etwas dezenter daherkommt als in den „guten, alten Zeiten“.

Nun aber zum Buch selber. „Endstation Gänsehaut“ ist – wie der Untertitel schon sagt – eine persönliche Reise durch den Horrorfilm und erhebt daher zu keinem Zeitpunkt den Anspruch, einen enzyklopädischen Abriss über das Genre zu bieten oder – Gott bewahre – einen Kanon aufstellen zu wollen. Vielmehr plaudert Keßler über die Filme, die ihn auf seiner Reise durch den Horrorfilm begleitet haben. Ordnet diese dann thematisch und zeitlich. Dabei setzt er die Grenzen seiner Kapitel (über Geister, Vampire, Werwölfe, Mumien, Zombies, Hexen/Religion, verrückte Wissenschaftler, wahnsinnige Killer) nicht so schrecklich eng, und wenn es gerade passt, verirrt sich ein „Satanas – Schloss der blutigen Bestie“ auch mal in das Kapitel über irre Killer (was bei einer weiten Auslegung dieser Schublade auch nicht so ganz verkehrt ist).

Der Ton ist persönlich, niemals belehrend. So als würde man von einem guten Freund an die Hand genommen und durch eine Kunstgalerie (an dieser Stelle seien auch die vielen tollen Filmposter erwähnt, die das Buch farbig illustrieren) geführt, wo er einem mal mehr, mal weniger ausführlich die Exponate vorstellt und erzählt, was er an ihnen so mag – oder warum er sie weniger gelungen hält. Worauf er dabei – anders als z.B. in seinem tollen Italo-Western-Buch „Willkommen in der Hölle“, welches tatsächlich Lexikon-Charakter hat oder insbesondere auch dem grandiosen Pornofilm-Buch „Die läufige Leinwand“– verzichtet, sind zumeist Anekdoten und detaillierten Hintergründe zu Machern und Schauspielern. Trotzdem fühlt man sich am Ende der langen Reise (400 Seiten!) ausgezeichnet unterhalten und informiert. Und hat gewiss die ein oder andere Anregung mitgenommen, um sich hoffentlich auch mal Filmen zu beschäftigen, die vor der eigenen Geburt gedreht wurden.

Christian Keßler “Endstation Gänsehaut – Eine persönliche Reise durch das Horrorkino“, Martin Schmitz Verlag, 400 Seiten, gebunden, farbige Abbildungen, € 29,80

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