DVD-Rezension: “Die Höhle der vergessenen Träume”

2010 erhielt Werner Herzog vom französischen Kultur-Ministerium die Erlaubnis, unter strengen Auflagen einen Dokumentarfilm in der Chauvet-Höhle in Südfrankreich zu drehen. Nur er und zwei seiner Mitarbeiter durften sich für eine streng begrenzte Zeit in der Höhle aufhalten, die 1995 zufällig entdeckt wurde und in der sich die ältesten bekannten Höhlenmalereien der Welt befinden.

Im letzten Jahr machten zwei Dokumentationen Furore, die sich scheinbar an die aktuelle 3D-Welle hängten, welche zuvor lediglich Action-Blockbustern und Fantasiefilmen vorbehalten war. Beide stammten ausgerechnet von Ikonen des Neuen Deutschen Films. Wim Wenders dreht seine Tanz-Doku und Hommage an Pina Bausch, „Pina“, in 3D, und Werner Herzog wand die 3D-Technik für seine Dokumentation „Die Höhle der vergessenen Träume“ über die ältesten Malereien der Welt in der französischen Chauvet-Höhle an. Beide 3D-Dokus wurden von den Kritikern gut aufgenommen und 3D als DAS Format für den Dokumentarfilm gefeiert. Vor allem Herzogs Film trat einen weltweiten Triumphzug an und mauserte sich zur finanziell erfolgreichsten Dokumentation des Jahres 2011.

Ascot Elite veröffentlicht den Film jetzt in drei Formaten: Als DVD, als BluRay und als 3D-BluRay. Zur Rezension liegt die DVD vor, welche den Film selbstverständlich nur in 2D zeigt. Kann nun das flache Format dieselbe Faszination auslösen, wie die 3D-Version, die ich letztes Jahr im Kino bewundern durfte? Nun, natürlich fehlt etwas, da die Felsenzeichnungen die natürlichen Nischen und Windungen der Höhle für einen besonders naturalistischen Effekt nutzen. Etwas, was der „flache“ Film so nicht wiedergeben kann. Zudem vermisst man das Gefühl, mitten in der Chavez-Höhle zu stehen und nur die Hand ausstrecken zu müssen, um die Kristalle und Steine zu berühren. Andererseits sind die von Herzog eingefangen Bilder so stark, dass der Film auch ohne das Hilfsmittel 3D eine enorme Sogkraft entwickelt.

Herzog gelingt es mittels – zum Teil recht weit hergeholter – Hypothesen über die Künstler, die vor 30.000 Jahren diese Kunstwerke erschaffen haben, den geheimnisvoll-schönen Bildern aus der Höhle eine mythische Qualität zu verleihen. Dazu hilft ihm auch die kongeniale Musik des großartigen Avantgarde-Cellisten Ernst Reijseger, die der Höhle in eine hypnotische Atmosphäre zu tränkt. Dadurch wird die Chauvet-Höhle fast zu einem lebendigen Wesen. „Die Höhle der vergessenen Träume“ weniger ein Film für Dokumentar-Puristen, als vielmehr ein weiterer Mosaikstein Herzogs filmischen Schaffen, bei dem er ja selber nicht zwischen Dokumentation und Spielfilm unterscheidet. Und so inszeniert er diesen Film auch als ganz eigene Geschichte darüber, wie einst in der Chauvet-Höhle der Homo sapiens sich durch die Kunst seiner selbst bewusst wurde und über die Jahrtausende hinweg mit dem staunenden modernen Menschen kommuniziert. Dabei treibt es Herzog auch gerne einmal etwas zu weit, wenn er einen Flötenbauer im Inuit-Kostüm auftreten lässt, der auf einer prähistorischen Flöte die amerikanische Nationalhymne „entdeckt“. Oder einen ehemaligen Parfümier, der sich darauf spezialisiert hat, verborgene Höhlen aufgrund es ihres Geruchs aufzuspüren. Diese Figuren reihen sich allerdings nahtlos ins Herzogs Oeuvre der extremen, von ihren Obsessionen besessenen Charakteren ein.

Am Ende zeigt Herzog Albino-Alligatoren, die in einer tropischen Biosphäre leben, die unweit der Höhle mit dem aufgeheizten Kühlwasser eines Atomkraftwerkes betrieben wird. Jeder andere Filmemacher würde nun vielleicht zu einer Mahnung ansetzten, dass der Fortschritt die Natur und den Bestand der Höhle gefährdet. Nicht so Herzog. Er erzählt uns – ganz ähnlich wie in „The Wide Blue Yonder“ – anhand realer Bilder eine ganz eigene, fast surreale Geschichte über Alligatoren, die in einer ferner Zukunft die Höhle besuchen. Und so entlässt Herzog sein Publikum aus seinem Film hinaus in eine Welt voller Mythen und Wunder für diejenigen, die zu einem besonderen Blick auf die Dinge und die Herzogische „ekstatische Wahrheit“ zwischen den Bildern fähig sind.

Die DVD aus dem Hause Ascot Elite hat im Bild die gleichen Schwächen, die auch schon das Kinobild hatte. Damals erschienen mir die großen Kamerafahrten und -flüge in den Details leicht verschwommen. Dies hatte ich auf eine möglicherweise mangelhafte3D-Projektion geschoben. Da dieselben Schwächen nun aber auch auf der DVD zu bemerken sind, wird es am Ausgangsmaterial liegen. Die Aufnahmen in der Höhle sind zum Teil – aufgrund der Umstände, unter denen die Aufnahmen entstanden – zu dunkel und rauschen stark. Das ist aber ein Problem des mangelnden Lichts bei den Dreharbeiten und nicht der DVD. Der Ton liegt in einer gelungenen Abmischung vor, die die geniale Musik von Ernst Reijseger in den Vordergrund rückt. Das „Making Of“ ist ein schlechter Scherz. Es läuft keine vier Minuten und besteht zu 80% aus Szenen aus dem Film. Schade, denn gerade bei Herzog ist auch die Entstehung eines Filmes immer ein kleines Erlebnis, Andererseits erklärt er darüber auch viel im Film selber. Der auf der Verpackung angepriesene „spannende Movie-Guide“ist ein stinknormales 12-seitiges Booklet mit Informationen zu den beteiligten und der Höhle. Dieses ist allerdings vom Format her nur halb so groß wie ein normales Booklet.

Von diesen Mankos abgesehen ist „Höhle der vergessenen Träume“ eine wichtige Veröffentlichung, die zum wiederholten Ansehen einlädt.

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Brasilianische Filmtage im City 46 vom 16.-21.April

Noch vor dem Indischen Filmwochenende ist Brasilien zu Gast im Bremer Kommunalkino City 46. Vom Montag, dem 16. April bis Samstag, den 21. April laufen in Kooperation mit der Brasilianischen Botschaft Berlin drei neuere brasilianische Filme. Natürlich im Original und mit Untertiteln.

Saens Peña Square – Drama von 2008. Literaturlehrer Paulo lebt mit seiner Frau Teresa und der Tochter Bel in einer Mietwohnung im Norden von Rio de Janeiro. Da erhält er das Angebot ein Buch über seinen Stadtteils Tijuca zu schreiben. Um vom Verdienst eine bessere Wohnung kaufen zu können, hält seine Frau ihn an sich in seiner Freizeit ganz auf das Schreiben des Buches zu konzentrieren. Dadurch gerät die Ehe aber in Gefahr…

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Montag, 16.4., um 20:30 und Mittwoch, 18.4., um 20:00

Basic Sanitation – Komödie von 2007.  Die Bewohner einer Kleinstadt in Südbrasilien fordern Gelder für den Ausbau ihres Abwassersystems. Da die Stadtverwaltung keine Gelder für die nötigen Bauarbeiten zur Verfügung stellt, drehen die Bewohner ein fiktionalen Film über ihre Situation.

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Dienstag, 17.4., und Donnerstag, 19.4., jeweils um 20:00

Simonal – Nobody knows how hard it was – Dokumentation von 2009 über den in den 60er und 70er in Brasilien sehr populären Musiker Wilson Simonal. Als ihm vorgeworfen wird Informant für die Militär-Junta gewesen zu sein, zerbricht seine Karriere.

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Freitag, 20.4., und Samstag, 21.4., um jeweils 22:30

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Originalfassungen in Bremen: 12.04.12 – 18.04.12

Die aktuelle Woche ist nicht gerade aufregend, aber noch okay. Die Filme, die ab nächsten Montag bei den Brasilianischen Filmtagen im City 46 laufen, habe ich bisher nicht berücksichtigt. Dazu werde ich separat noch etwas schreiben. Bezüglich der fast parallel laufenden Sneak Previews in Cinemaxx und Schauburg, habe ich jetzt die Info erhalten, dass es aus terminlichen Gründen für das Cinemaxx nicht möglich ist, seine Sneak Preview an einem anderen, günstigen, Wochentag zu zeigen. Einzige Alternative wäre ein Tag am Wochenende, an dem der Eintritt dann aber signifikant mehr kosteten würde.

Iron Sky – Cinemaxx, Do-.Mi. immer um 18:20, Fr. auch um 20:30, sowie Sa. und Di. 23:00 – “Sie kommen in Frieden”. SF-Satire um Nazis vom Mond. Mehr über den Film: hier.

Die Tribute von Panem – The Hunger Games – Cinemaxx, Mi., 18.4. um 19:30 – Nachdem die „Saw“-Reihe endgültig ausgesägt hat, bracht Lionsgate dringend eine neues, erfolgreiches Franchise. Den Grundstein hierzu soll nun der Tennie-SF-Action-Streifen „The Hunger Games“ werden. Darin kämpfen Teenies gegeneinander in den sogenannten „Hunger Games“. Nur einer kann überleben. „Battle Royale“, anyone?

Titanic 3D – Cinemaxx, So., 15.4. um 19:30 – Wiederaufführung des mit 11 Oscars ausgezeichneten Klassikers von James Cameron. Aufgemotzt in 3D. Ich weiß, es ist gemein, aber dazu fällt mir spontan dieses Video ein, dass seit einigen Tagen im Netz die Runde macht 😉

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Le Havre – City 46, Do. und Sa.-Mo. Immer um 20:00 – Der neusten Film des großen Aki Kaurismäki ist quasi eine Fortsetzung zu seinem „Das Leben der Bohéme„.  Der Bühnenautor Marcel lebt jetzt als Schuhputzer in Le Havre. Eines Tages nimmt er sich eine kleinen Flüchtlings aus Afrika an. Der märchenhafte Film kommt zwar nicht an Kaurismäkis großen Meisterwerke heran, unterhält aber nett.

Manche mögen’s heiß – City 46, So. 15.4. um 20:30 – Alle Jahre wieder läuft in der Reihe „Mein Film“ diese unsterbliche Komödie von Billy Wilder mit Marilyn, Tony und Jack. Vorgestellt von Carlos Ortega, Direktor des Instituto Cervantes Bremen

Naokos Lächeln – City 46, Do. 20:30 und So.+Di. um 18:00 – Als großer Verehrer des japanischen Schriftstellers Haruki Murakami kann ich es eigentlich gar nicht glauben, dass ich diese Verfilmung seines Romans „Norwegian Wood“ bisher nicht gesehen habe. Vielleicht schaffe ich es ja jetzt bei der „zweiten Chance“…

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Sneak Preview – Cinemaxx, Mo. 16.04. , 20:00

Sneak Preview – Schauburg, Mo., 16.04., 21:45

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19.-22.04.: Indische Filmtage im City 46

Vom 19. bis 22. April findet im City 46 das lange Indien-Film-Wochenende statt. In Kooperation mit dem „Forum Städtesolidarität Bremen–Pune“ und dem Indischen Generalkonsulat Hamburg werden vier jüngere indische Filme gezeigt, weitab vom üblichen bunten Bollywood-Bombast mit seinen Mega-Stars. Dies mag der oder die eine sehr bedauern, andere wiederum begrüßen. Eröffnet wird die Reihe am Donnerstag, den 19.April um 18:00 Uhr von der indischen Generalkonsulin Subhashini Murugesan und Staatsrätin Carmen Emigholz.

Gezeigt werden die Filme:

Peepli (Live) – Drama von 2009 über einen Bauern, der aufgrund seiner großen schulden Selbstmord begehen will, da der indische Staat die Hinterbliebenen von Selbstmördern entschädigt. Do., 19.4., 18:00

With Love to Obama – Komödie von 2010 um einen Amerikaner indischen Ursprungs, der sein gesamtes Vermögen verloren hat. Als er nach Indien zurückkehrt wird er von einer Bande entführt, die ihn immer noch für einen Millionär hält. Fr., 20.04., 20:30

Wake Up Sid – Komödie von 2010 über den faulen Sohn einer reichen Familie, der plötzlich aufgrund väterlichen Willens einen einfachen Job in einer Firma für Badezimmer Ausstattung arbeiten soll. Sa., 21.04., 20:30

A Pleasant Journey – Komödie von 2010 um einen Mathematik-Lehrer und Vater von zwei Kindern, dessen Familienleben durcheinandergewirbelt wird, als er sich entschließt ein Auto zu kaufen. So., 22.04., 20:00

Alle Filme werden im Originalton mit englischen Untertiteln gezeigt.

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DVD-Rezension: “The Guard – Ein Ire sieht schwarz”

Gerry Boyle ist ein ungewöhnlicher Streifenpolizist in Irland. Seine Methoden und sein schroffen Auftreten stoßen seine Kollegen und Mitmenschen immer wieder vor den Kopf. Durch Zufall wird er in einen großen Schmuggel-Fall verwickelt, bei dem er plötzlich gezwungen ist, mit einem farbigen FBI-Agenten zusammenzuarbeiten. Dieser ist zunächst gar nicht von Boyle und seiner Art begeistert, merkt aber bald, dass der exzentrisch wirkende Ire weit mehr auf dem Kasten hat, als ursprünglich gedacht.

Die deutsche Bewerbung des Filmes als typische Culture-Clash-Komödie mit dem schrillen Untertitel „Ein Ire sieht schwarz“ ist ziemlicher Quatsch und führt den Zuschauer auf eine völlig falsche Fährte. Denn wenn „The Guard“ eine Komödie ist, dann kann man auch z.B. „Colombo“ oder Dr. House“ als Comedy-Serie bezeichnen. Nein, der titelgebende „Guard“ (Garda ist die Abkürzung für Garda Síochána na hÉireann – „Hüter des Friedens“, so heißt in Irland die Nationalpolizei) ist mitnichten eine Witzfigur. Er ist auch kein – wie die Werbung vermuten lässt – unsympathischer Rassist. Zwar stößt er die Leute mit Vorliebe vor den Kopf und provoziert auch gerne den farbigen, amerikanischen FBI-Agenten Wendell Everett mit scheinbar diskriminierenden Äußerungen, damit verfolgt er allerdings ein bestimmtes Ziel. Anhand der Reaktionen seines Gegenübers schätzt er diesen ein, klopft dessen Schwachstellen und Charakter ab. Natürlich wirkt seine schroffe Art zunächst belustigend, insbesondere wenn seine Mitmenschen darauf konfus reagieren. Aber sie hat durchaus ihren tieferen Sinn. Boyle ist auch kein dummer Starrkopf, sondern sehr belesen und gebildet, was er ab und an durchblicken lässt, wodurch sein Gegenüber noch mehr irritiert wird.

Eigentlich ist Gerry Boyle die perfekte Hauptperson für eine gute Krimiserie. Somit ist der Spielfilm „The Guard“ eigentlich das falsche Umfeld für diesen Charakter. Zwar gibt sich Regie-Debütant John Michael McDonagh alle Mühe, seine Hauptfigur mit allen möglichen Hintergrundgeschichten auszustatten, aber auf gerade mal 92 Minuten komprimiert, wirkt dies fast schon ein wenig überladen. Trotzdem ist Gerry Boyle eine Figur, die Spaß macht und von der man gerne noch mehr sehen möchte.

Dementsprechend werden aber alle anderen Figuren von Gerry Boyle, dem der großartige Brendan Gleeson seine massige Gestalt leiht, regelrecht in den Hintergrund gequetscht. Der wie immer sehr zuverlässige Don Cheadle als FBI-Agent Wendell Everett hat eigentlich keine Chance, um seiner Figur Tiefe zu verleihen. Auch das Geplänkel zwischen ihm und Boyle wirkt recht oberflächlich. Falls Regisseur McDonagh beabsichtigt hat, eine typische Fisch-aus-dem-Wasser oder Buddy-Komödie zu drehen, so ist ihm dies so leider nicht gelungen. Dazu räumt er der Beziehung zwischen Boyle und Everett viel zu wenig Platz ein.

Noch schlimmer geht er mit den drei Schurken seines Filmes um. Zwar sind diese mit den drei Charakterköpfen Mark Strong, Liam Cunningham und David Wilmot ausgezeichnet besetzt, aber ihre philosophierenden Gangster riecht doch zu sehr nach Quentin Tarantino. Das wirkt dann leider eher angestrengt als amüsant. Auch wenn man zugeben muss, dass die drei Schauspieler hier einen guten Job abliefern und sichtlich Spaß an ihren Rollen haben.

Bei der Gestaltung seines Debütfilms hat McDonagh noch ein anderes, fast schon übermächtiges Vorbild: Den finnischen Meisterregisseur Aki Kaurismäki. Nicht nur die Farbgebung, auch der lakonische, immer auch immer leicht melancholisch wirkende Boyle und seine, wortkargen, dem Alkohol und Kneipengang nicht abgeneigten irischen Mitmenschen scheint direkt aus einem Kaurismäki-Film zu stammen. Allerdings redet Boyle weitaus mehr als seine finnischen Gegenstücke. Überhaupt scheint McDonagh etwas zu sehr an bekannten Vorbildern zu kleben und dabei nicht recht zu wissen, was er genau will. Doch einen Buddy-Film? Eine Art irischen Tarantino-Film, einen Studie der coolen Melancholie ala Kaurismäki oder am Ende doch – wie das schön inszenierte Finale erahnen lässt- einen irischen Western?

Nichtsdestotrotz ist „The Guard“ ein grundsympathischer und irgendwie gemütlicher Film, der ganz von seinem im höchsten Masse überzeugenden Hauptdarsteller Brendon Gleeson getragen wird. Nicht unerwähnt soll hier auch nicht der eingängige Soundtrack der bekannten Indie-Folk Gruppe Calexico bleiben. Dieser mischt irische Folk-Elemente mit denen eines klassischen Western-Scores, was dem Film gut zu Gesicht steht. Wie gesagt, als TV-Serie könnte ich mir das Ganze sehr gut vorstellen, als Kinofilm bietet er aber zumindest gediegene Unterhaltung.

Die DVD aus dem Hause Ascot Elite kommt mit einigen Extras daher, von denen der Debüt-Kurzfilm des Regisseurs aus dem Jahre 2000 das interessanteste ist. In dem 11-minütigen Film mit dem Titel „The Second Death“ spielt Liam Cunningham (der Hauptschurke aus „The Guard“) einen Mann in einem irischen Pub, dem scheinbar ein schlechtes Gewissen aufs das Herz drückt. Stimmung und die Figurenzeichnung der Gäste des Pubs nehmen schon etwas von McDonaghs Spielfilm-Debüt vorweg und somit kann „The Second Death“ durchaus als Fingerübung für „The Guard“ gelten.

Des Weiteren befinden sich in den Extras 24 Minuten Deleted/Extended Scenes, welche recht interessant sind, aber nicht zwangsläufig für die Handlung notwendig. Abgerundet wird das Ganze mit 3 Minuten Outtakes (die allerdings nicht besonders lustig sind), einem kurze 10minütigen Werbe-Making-Of von 11 Minuten, 18 Minuten Behind the Scenes und Interviews mit den Beteiligten, die recht nichtssagend sind und sich z.T. auch aus dem Making-Of und Behind the Scenes wiederholen. Ebenfalls vorhanden: Ein Audio Kommentar mit Brendan Gleeson, John Michael McDonagh und Don Cheadle (der den Film übrigens auch mitproduzierte).

Das Bild der DVD kann man nur als brillant bezeichnen. Gestochen scharf mit tiefen und sehr kräftigen Farben. Einen besonderen Reiz bezieht der Film durch die englische Tonspur, die allerdings durch den irischen Zungenschlag sehr schwer zu verstehen ist. Aber dafür hat die DVD ja deutsche Untertitel an Bord. Die deutsche Synchronisation ist zwar gut, aber gerade bei diesem Film ist der Originalton mit seinem starken Lokalkolorit doch auf jeden Fall vorzuziehen.

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DVD-Rezension: “Das 10. Opfer”

Die Welt der Zukunft. Es gibt keine Gewalt oder Kriege mehr. Wer einen Kick braucht, kann sich bei der „Großen Jagd“ bewerben. Die große Jagd ist ein staatlich organisiertes und sanktioniertes Spiel, bei dem sich jeweils zwei vom Computer ausgesuchte Menschen jagen und töten. Dabei ist jeder Mitspieler 5x Opfer und 5x Jäger. Wer alle 10 Runden überlebt, wird mit Reichtümern überhäuft. Aber das passiert sehr selten. Der Jäger hat dem Opfer gegenüber den Vorteil, dass er alles über seine Beute weiß. Das Opfer wiederum hat keine Ahnung, wer sein Jäger sein könnte. Nachdem die Amerikanerin Caroline Meredith (Ursula Andress) ihre 9. Jagd erfolgreich absolviert hat, wird ihr von einem großen Tee-Konzern das finanziell sehr reizvolle Angebot gemacht, die Tötung ihres 10. Opfers live als TV-Werbespot mit zu übertragen. Caroline nimmt an. Als Opfer wird ihr der Italiener Marcello Poiletti (Marcello Mastroianni) zugelost. Dieser hat gerade erfolgreich seine 6. Jagd vollendet, Geldsorgen und Ärger mit Frau und Geliebter. Nichtsdestotrotz ist er nicht begeistert von der Idee, sich so einfach abknallen zu lassen.

1965 drehte Elio Petri diesen futuristischen Thriller. Er basiert auf einer frühen Kurzgeschichte von Robert Sheckley: „The Seventh Victim“. Diese nimmt bereits Handlungselemente seiner weitaus berühmteren Novelle „The Prize of Peril“ vorweg, welche später u.a. dem deutschen Kult-TV-Film „Das Millionenspiel“ als Inspirationsquelle diente.

Petris Film legt den Schwerpunkt ganz auf den bitteren Zynismus der Geschichte. Wenn immer wieder wild schießende Jäger und Opfer durch das Bild laufen, erkennt man zudem deutlich, dass Petri der Sinn nach einer überzogenen Satire und weniger nach einem spannungsgeladenen Actionfilm stand. In einer Szene wird gar ein Jäger von dem Kellner eines exklusiven Clubs (in dem Jagdverbot herrscht) wie ein ungezogener Junge am Ohr gezogen. Dies erinnert dann sehr Pythonesque Absurditäten und könnte auch von einem Terry Gilliam stammen.

In der Welt, in der „Das 10. Opfer“ spielt, hat scheinbar die Pop-Art der 60er Jahre die Weltherrschaft übernommen und dementsprechend besteht das Dekor des Films auch aus den feuchten Träumen eines Carnaby-Street-Nostalgikers. Überhaupt kann man nicht über „Das 10. Opfer“ schreiben, ohne auf dieses grandiose, minimalistische Design einzugehen. Mit nur einigen sorgfältig platzierten Requisiten entsteht eine zeitlose Welt, die einerseits futuristisch, andererseits wunderbar nach 60er Jahre aussieht. Kleider in schreienden Farben in einer formal strengen, schwarz-weißen Kulisse oder anders herum. Auch das sehr geschmackssichere Kostümdesign kann man gar nicht genug loben. Ursula Andress in ihrem rückfreien, pinken Kleid, welches die Fantasie des Zuschauers anheizt ohne etwas zu zeigen. Und dann Marcello Mastroianni in seinem schwarzen Anzug, mit der großen Sonnenbrille und den blondierten Haaren. Jede Einstellung mit ihm kann man sich als Bild ausdrucken und als Anleitung zum Cool sein an die Wand nageln. Und über Ursula Andress nicht zuletzt durch die „Austin Powers“-Filme ikonisierten, silbernen Pistolen-BH, braucht man kein Wort mehr zu verlieren.

Elio Petris Film ist vollgestopft mit ätzenden Kommentaren zum damals aktuellen Zeitgeschehen. So verdingt sich Marcello des Geldes wegen nebenbei als Guru einer Gruppe Sonnenanbeter, die er Caroline gegenüber mit sarkastischen Kommentaren überzieht. Marcellos Eltern leben versteckt hinter einer Wand seines Hauses, da in der Zukunft alte Menschen überflüssig werden und vom Staat „entsorgt“ werden. Laut Caroline ist diese Praxis in den USA gang und gebe, woraufhin Marcello erwidert, dass die Italiener halt ein sentimentales Völkchen wären und hier fast alle ihre Eltern irgendwo im Haus verstecken würden.

Das Zusammenleben der Menschen in dieser zwar stylischen, aber unmenschlichen Welt ist ganz und gar gefühlskalt. Heiraten ist nicht mehr als ein Sport oder eine gesellschaftliche Konvention. Da ist dann auch die 18. Hochzeit nichts Ungewöhnliches mehr. Man lebt zusammen, aber nicht miteinander. Auch die grausame „große Jagd“ ist den Bewohnern der Zukunft ziemlich egal und für die Beteiligten lediglich eine sehr gute Einnahmequelle. Wer nicht an der großen Jagd teilnimmt, ignoriert sie oder nimmt die Tötungen als Unterhaltungsroutine in speziellen Clubs regungslos zur Kenntnis.

Zwischen Marcello und Caroline aber scheint sich so etwas wie eine Liebesgeschichte zu entwickeln. Aber für echte Liebe sind sie beide einfach schon zu abgestumpft. So imitieren sie eher alte Rituale, als echte Gefühle zu entwickeln. Dazu würde auch das extrem gallige Ende passen, wenn der Film doch nur Minuten eher aufhören würde. Leider versäumt Petri es, einen tiefschwarzen, bösen Schlusspunkt zu setzen und so läuft der Film noch etwas weiter.

Das nun folgende Finale ist aber völlig unpassend zur Aussage und den Regeln des Films. Zudem überdreht es die Komödie bis zum Slapstick und verrät so die zuvor geschaffene Stimmung. Vielleicht wollte Petri hier zeigen, dass das Aufkeimen menschlicher Wärme alle Regeln bricht und diese Welt auf den Kopf stellt. Möglicherweise hat er deshalb dieses Ende bewusst wie einen Fremdkörper inszeniert. Vielleicht wurde es ihm aufgezwungen. So oder so ist es schade.

Das Bild der Bildstörung-DVD ist sehr gut, auch wenn es am Anfang einige kurze Mal bei Kameraschwenks etwas wackelt. Das Bildformat ist 1,85:1 und anamorph. Der Ton liegt auf Deutsch und Italienisch jeweils in DD 2.0 Mono vor. Als Extras gibt es den deutschen und italienischen Trailer, die alternative deutsche Anfangssequenz und ein 11-seitges Booklet mit einem umfangreichen und höchst informativen Essay von Oliver Nöding. Highlight ist aber eine abendfüllende Dokumentation über Marcello Mastroianni aus dem Jahre 2006: „Marcello: A Sweet Life“.

Wie bei „Gandu – Wichser“ liegt der Limited Edition wieder eine Soundtrack-CD (68:39 Minuten, 22 Tracks) bei, die auch den Song „Spiral Waltz“ von Mina in gleich drei Versionen (englisch, italienisch und instrumental) enthält. Ein wahrhaft teuflischer Ohrwurm. Der Score von Piero Piccioni (u.a. „Camille 2000“) bewegt sich zwischen 60er Italo-Lounge und Modernem Jazz. Für den Liebhaber des Italo-Kinos der 60er und 70er ist er – ebenso wie der Film – unverzichtbar.

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Originalfassungen in Bremen: 05.04.12 – 11.04.12

In dieser Woche dürfte für fast jeden etwas dabei sein. Besonders interessant klingt für mich „Once Upon a Time in Anatolia“ und das nicht nur, weil mich der Titel an „Once Upon a Time in America“ erinnert.  Auch die IMDb Bewertung von 8,1 klingt sehr vielversprechend.

Iron Sky – Cinemaxx, Do., Sa., So. (auch um 22:25), Mo. und Mi. um 17:40; Fr. und Di. um 20:25 – „Sie kommen in Frieden“. SF-Satire um Nazis vom Mond. Mehr über den Film: hier.

Die Tribute von Panem – The Hunger Games – Mo., 9.4. um 19:30 und Di., 10.4. um 22:40 – Nachdem die „Saw“-Reihe endgültig ausgesägt hat, bracht Lionsgate dringend eine neues, erfolgreiches Franchise. Den Grundstein hierzu soll nun der Tennie-SF-Action-Streifen „The Hunger Games“ werden. Darin kämpfen Teenies gegeneinander in den sogenannten „Hunger Games“. Nur einer kann überleben. „Battle Royale“, anyone?

Zorn der Titanen 3D – Cinemaxx, Do., 5.4., um 20:00 – Fortsetzung von „Kampf der Titanen„. Rummelplatz Kino at it’s best. Kritik hier.

Tapas – City 46, Mi., 11.04. um 20:30 – Drama/Komödie um eine Gruppe von Nachbarn in einem Vorort von Barcelona, die alle ihre großen oder kleinen Geheimnisse haben. In Kooperation mit dem Instituto Cervante Bremen.

Und dann der Regen – Tambien la Lluvia – City 46, Do.-Mi. immer um 20:00 – Drama um einen ambitionierten Regisseur, der bei den Dreharbeiten zu einem sozialkritischen Columbus-Film in Bolivien in reale Konflikte und Unruhen gerät. Mit Gael García Bernal.

Bir Zamanlar Anadolu’da – Once Upon a Time in Anatolia – City 46, Do und Sa.-Mo. um 20:30, Fr. und Mi. um 18:00 – Türkisches Krimi-Drama. In der entlegenen Berggegend Anatoliens soll das Opfer eines Mordes geborgen werden. Die Polizei macht sich zu zusammen mit dem Staatsanwalt, einem Arzt und dem Tatverdächtigen auf den Weg. Ausgezeichnet in Cannes 2011 mit dem großen Preis der Jury.

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In meinem Himmel – City 46, Sa., Mo. und Di. um 18:00, Sa. 22:30 – Nach „King Kong“ und vor „The Hobbit“ fand Peter Jackson Zeit für ein weiteres Herzensprojekt von ihm. Die Verfilmung des Buchs „The Lovely Bones“ vonAlice Sebold, indem es um den Geist eines von einem Triebtäter ermordetes Mädchen geht. Leider nur ein mittelprächtiger Film, der sehr viel Potential verschenkt. Aber Stanley Tucci als Mörder spielt großartig.

Sneak Preview – Schauburg, Mo., 09.04., 21:45

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DVD-Rezension: „Cheyenne – This Must Be The Place“

Der 50-jährige Ex-Goth-Sänger Cheyenne hat sich vor 20 Jahren vollkommen aus dem Musikgeschäft zurückgezogen, als zwei Jungendliche seine Texte zu wörtlich nahmen und sich umbrachten. Seitdem lebt er mit seiner Frau (einer Feuerwehrfrau) ein eintöniges Leben in einer schloßartigen Villa in Dublin. Obwohl schon lange nicht mehr im Geschäft, schminkt er sich noch immer jeden Tag, trägt dunkle Klamotten und hochtoupierte, pechschwarze Haare. Eines Tages erhält er die Nachricht, dass sein Vater (mit dem er 30 Jahre nicht mehr gesprochen hatte) in seiner Heimat, den USA, im Sterben liegt. Cheyenne macht sich gleich auf den Weg, aber bei seiner Ankunft ist der Vater bereits verstorben. Cheyenne erbt die Aufzeichnungen seines Vaters, der scheinbar sein Leben lang einen Mann namens Aloise Lange jagte, der Lagerwärter in Auschwitz war und ihn dort misshandelt haben soll. Cheyenne begibt sich auf eine Reise quer durch die USA, um die Arbeit seines Vaters zu einem Ende zu führen…

Wer, angesichts der großen Ähnlichkeit, die der fabelhafte Sean Penn in der Titelrolle mit The-Cure-Sänger Robert Smith hat, auf einen 80er-Jahre Musikfilm gehofft hat, wird schwer enttäuscht sein. Nicht nur hört man den ganzen Film über keine einzige Note der Band „Cheyenne and the Followers“. Auch ertönt bis auf Iggy Pops „The Passenger“ und David Byrne mit einer Big-Band-Version des Talking Heads-Klassikers „This Must Be the Place“ kein Musikstück aus der Zeit, in der Cheyennes fiktive Band ihren Karrierehöhpunkt hatte. Die 80er sind hier genauso tot, wie das Innere des Protagonisten.

Der Film ist eine ganz klassische Roadmovie-Geschichte, bei der die Reise den Protagonisten letztendlich zu sich selbst führt. Durch seine gedehnte Langsamkeit, die die melancholische Lethargie der Hauptperson widerspiegelt, erinnert der Film stark an Jim Jarmuschs „Broken Flowers“ oder David Lynchs „Straight Story„, die erste in Dublin spielende halbe Stunde wiederum an Sofia Coppolas exzellenten „Somewhere„. Wie dort spürt, man auch hier die große Blase, in der sich der einstmals gefeierte Cheyenne vor sich hin lebt. Zwei Dinge zeichnen „Cheyenne“ aus: Die wunderbare Fotografie von Luca Bigazzi und der schöne Score von Ex-Talking Heads-Chef David Byrne (weit weg von „Talking Heads“ Wahnsinn und mit starken Americana-Einflüssen). Insbesondere in den in den USA spielen Szenen, die Bigazzi in ein goldenes Licht taucht und ikonischen Bildern illustriert, verleihen dem Film im Zusammenspiel mit Byrnes Soundtrack eine magische Atmosphäre, durch die sich der Zuschauer gemeinsam mit Cheyenne treiben lassen kann.

Allerdings muss man beim Drehbuch einige Abstriche machen. Der Film wirkt merkwürdig ausgefranst. Es scheint fast so, als ob er aus einer noch sehr viel längeren Fassung zusammengestutzt worden wäre und Regisseur Paolo Sorrentino (Il Divo – Der Göttliche) dabei vergessen hätte, einige durch die Kürzungen redundant gewordene Erzählstränge zu tilgen. Wenn Cheyenne z.B. ein geliehener Pick-Up in Flammen aufgeht, wird eine Szene eingeblendet, die den von dem Wagen besessenen Besitzer zeigt, der Cheyenne ziemlich angsteinflößend damit droht ihn umzubringen, wenn dem Wagen etwas passiert. Nun wartet man den Rest des Filmes darauf, dass der Mann noch einmal auftaucht, aber er verschwindet genauso aus der Handlung, wie eingige andere interessante Nebencharaktere. Überhaupt bleibt es rätselhaft, warum dieser Mann – der keinem professionellen Dienst traut – gerade einer nicht wirklich vertrauenerweckenden Gestalt wie Cheyenne, seinen über alles geliebten, kostbaren Wagen in die Hand gibt. Und warum leiht sich Cheyenne den Wagen, wo doch mehr als einmal erwähnt wird, dass er sich keine finanziellen Sorgen machen muss?

Nicht nur hier schwächelt das Drehbuch. So wird mit der Mutter einer jungen Freundin Cheyennes ein Charakter eingeführt, der nie wirklich erklärt wird. Doch Paolo Sorrentino deutet immer wieder darauf hin, wie wichtig Maries Mutter für die Handlung und vor allem den Schluss des Filmes ist. Nun gehöre ich wahrlich nicht zu den Leuten, die fordern, dass in einem Film alles erklärt werden muss. Ganz im Gegenteil. Aber wenn dem Zuschauer schon suggeriert wird, dass das Verständnis eines Charakters wichtig ist für das Verständnis der Handlung, dann sollte man schon etwas deutlicher werden und den Zuschauer nicht mit vage Andeutungen auf eine eventuell falsche Fährte locken.

Sorrentinos größtes Verbrechen ist es aber, die grandiose Frances McDormand so sträflich zu vernachlässigen. Ihre Figur hat so viel Potential und Frances McDormand platzt nur so vor Spielfreude und Charisma, da ist es mehr als enttäuschend, wenn sie nach einer halben Stunde und nur sehr wenigen Szenen aus dem Film verschwindet. So ist es dann alleine an Sean Penn, den Film zu tragen. Und dies gelingt ihm ganz famos, denn unter der Maske des antriebslos-friedlichen, mit einer stockenden, sanften Stimme redenden und immer leicht abwesend scheinen Cheyenne, lugt bei Penns Darstellung ab und zu auch innere Wut und tiefe Verzweiflung hervor. Zwar sieht Sean Penn, mit seiner Schminke und den gewaltigen Haaren, wie ein Robert-Smith-Double aus, er legt seine Rolle von Gang und Sprechweise aber mehr wie Ozzy Osbourne an, so wie man ihn aus der Doku-Soap „The Osbournes“ kennt. Hier empfiehlt es sich, den Film in der Originalfassung zu schauen, da die deutsche Synchronisation zwar gut ist, aber Penns beeindruckendes Schauspiel nur unzulänglich wiedergeben kann.

Die DVD liefert ein durchschnittliches, anamorphes Bild in 2,35:1, englische und deutsche Tonspur in 5.1., sowie deutsche Untertitel. Als Extras gib es 32 Minuten Interviews mit vielen Beteiligten (allerdings nicht mit Sean Penn, der in allen Interviews immer hoch gelobt wird), die allerdings nicht viel Erhellendes zu Tage fördern, sowie den Trailer.

Die Kauf-DVD erscheint am 5. April.

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DVD-Rezension: „Gandu – Wichser“


Ein junger Mann, der sich „Gandu“ (Wichser) nennt, träumt davon als Rapper groß rauszukommen und seinem Armenviertel zu entkommen. Allerdings fehlt ihm dazu die Energie, denn wenn er nicht in einem Internet-Cafe daddelt oder sich verpixelte japanische Pornos ansieht, hängt er lieber mit seinem neuen Kumpel Rikscha herum und zieht sich mit diesem alle möglichen Drogen rein. Nachdem sie eines Tages mit einer uralten Droge experimentiert haben, scheint sich Gandus Leben plötzlich zu verbessern. Er hat das erste Mal Sex und eine bekannte Rap-Gruppe will ihn als Support-Act…

Gandu – Wichser“ hat alle Stärken und Schwächen eines Debütfilms. Regisseur „Q“ (mit bürgerlichen Namen Kaushik Mukherjee) hatte vor „Gandu – Wichser“ zwar bereits einen Low-Budget- Film namens „Bishh“ gedreht. Mit diesem hielt er sich aber noch an die Konventionen bengalischer Filme (indem er z.B. trotz eines sexuellen Themas keine Liebesszenen zeigte). In „Gandu – Wichser“ sprengt Q alle Fesseln und schuf einen ganz persönlicher Film, ohne irgendeine Schere im Kopf. Gedreht für gerade einmal eine Handvoll Rupien auf einer kleinen Canon 7D HD-Kamera, die allerdings Bilder liefert, die nach sehr viel mehr aussehen. Das schwarz-weiß-Bild im Breitwandformat ist gestochen scharf und mit harten Kontrasten. Wobei die Frage bleibt, ob ein „schmutzigerer“ Look nicht die Lebenssituation Gandus besser wiedergegeben hätte. So sind die Bilder fast schon zu schön.

Das Anliegen Qs, zu zeigen wie sich die Frustration und Wut der Jugendlichen aufbaut und ihre Umgebung ihnen keine sinnvolle Perspektive anbietet, wird vor allem durch die zornigen Rap-Texte Gandus transportiert. Wie im klassischen Bollywoodfilm (den „Gandu – Wichser“ zwar immer wieder zitiert, der aber von diesem mit seiner bunten, heilen Welt doch meilenweit entfernt ist), dienen die Musik- und Gesangseinlagen dazu, die Innenwelt des Protagonisten sichtbar zu machen. Gandus treibende, mitreißende Mischung aus Rap und Punk, lässt aber auch seine Aggression und Wut unmittelbar aus dem Film auf den Zuschauer überspringen. Dankenswerterweise hat Bildstörung seiner Limited Edition einen 39:54 minütige Soundtrack CD mit 9 Tracks beigelegt.

Auf der anderen Seite macht Q aber auch den Fehler, den fast jeder junge Filmemacher begeht, wenn er ganz frei seine ersten Filme, die ja fast immer auch Herzensangelegenheiten sind, drehen kann. Er will einfach zu viel auf einmal und stopft den Film voll mit filmischen Kabinettstückchen. Da wird die Handlung für kurze Interviews unterbrochen (eine Technik, die scheinbar vom großartigen japanischen Avantgarde-Klassiker „Pfahl in meinem Fleisch“ inspiriert ist), es werden Texte wie bei Godard eingeblendet, das Bild in zwei oder mehr Teile gespalten, eine Szene plötzlich knallbunt und der Regisseur greift auch einmal plötzlich höchstpersönlich ins Geschehen ein. Besonders störend ist Verwendung von Hardcore-Szenen (Masturbation und oraler Sex werden onscreen gezeigt), da diese nicht unbedingt für die Handlung notwendig sind, sondern offensichtlich nur aus Gründen der Provokation eingebaut. In dem ebenfalls auf der DVD zu findenden „Making-Of“ spricht Q davon, dass „Baise-Moi“ von Virginie Despentes zu seinen Lieblingsfilmen gehört. Und ebenso, wie die Hardcore-Szenen dort zu gewollt und aufgesetzt wirkten, ist es auch bei „Gandu – Wichser“ der Fall.

Trotzdem ist „Gandu“ ein interessanter Film, wenn auch aufgrund seiner vielen formalen Sperenzien nicht der harte Magensschwinger, der er hätte sein können. Dafür ist er einfach zu verspielt und selbstverliebt. Es bleibt aber spannend, wie es zukünftig mit dem Regisseur Q weitergeht.

Die DVD aus dem Hause Bildstörung besticht durch eine wie immer liebevolle Aufmachung und interessante Extras. Neben einem informativen 15-seitigen Booklet mit Texten Filmjournalisten Jochen Werner (Splatting Image, Deadline, Schnitt u.a.), findet sich hier auch ein interessanter Text von Martin Gobbin (Blogville). Kernstück ist aber ein 30-minütiges Making-Of, welches nicht nur die Dreharbeiten dokumentiert, sondern auch aktuelle Interviews mit allen Beteiligten und Ausschnitte der „Gandu“-Vorführung auf der Berlinale 2011. Dabei kommt Regisseur Q allerdings nicht besonders sympathisch, sondern recht narzisstisch rüber. Vor allem erfährt man aber interessante Details über die Dreharbeiten, bei denen die Filmcrew aus Geldmangel Wohnungen der Schauspieler und Freunden benutzte, sowie erhellende Hintergründe zur Entstehung der Filmidee.

Überraschenderweise bleibt der Film Bollywood auf die Weise treu, dass Hauptdarsteller Anubrata Basu nicht selber die Raps vortrug, sondern in den Musikszenen Regisseur Q höchstpersönlich die „Stimme“ von Gandu war. Nach den Dreharbeiten ging Q dann auch als Rapper „Gandu“ auf Tournee, wovon ein weiteres 10-minütiges extra erzählt. Zwei Episoden über den Berlinale-Besuch (quasi die „Extended Version“ der diesbezüglichen Szenen aus dem Making Of), ein Musikvideo und zwei kurze Werbeclips zur „Gandu“-Tournee runden diese gelungene Veröffentlichung ab.

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Rezension: „Zorn der Titanen“

„Alles fliegt Dir um die Ohren“ war der Titel eines späten Italo-Westerns von 1981, der – in 3D gedreht – ein großer Erfolg in den USA war und dort eine kleine 3D-Renaissance auslöste. Sein Trick dabei: Ständig wurden irgendwelche Sachen Richtung Kamera geworfen, geschossen oder gespuckt. Pures Rummelplatz-Kino also.

„Alles fliegt Dir um die Ohren“ beschreibt auch sehr schön den neuen Film „Zorn der Titanen“.  Während der erste Teil „Kampf der Titanen“ (das Remake des alten Ray-Harryhausen-Stop-Motion-Klassikers „Clash of the Titans“) noch aufgrund miserabler, nachträglicher 3D-Konvertierung fast der frühe Sargnagel des neuen 3D-Booms war, scheinen die Macher der Fortsetzung nun aus ihren früheren Fehlern gelernt zu haben. „Zorn der Titanen“ wurde von vornherein in 3D gedreht und vor allem auch konzipiert. Ich hatte mich ja schon bei „John Carter“ gefragt, warum man den 3D-Effekt nicht nachhaltig einsetzt, wenn man schon in 3D dreht. Hier wird er eingesetzt… und wie! Ständig fliegen Gesteinsbrocken oder Feuerbälle auf den Zuschauer zu. Die Pranken der Monster scheinen aus dem Bild zu greifen oder Harpien direkt in den Zuschauerraum zu krachen. Ganz nach den Motto: Wenn schon 3D, dann aber richtig. Sogar die ältesten 3D-Tricks aus den 50er Jahren werden recycelt, wenn einmal die Speere aus der Leinwand ragen. War die 3D-Technik in „Hugo Cabret“ sorgfältig, kunstvoll und ganz im Dienste einer wundervollen Geschichte eingesetzt, sind sie hier die einzige Attraktion des Filmes. Wie oben beschrieben: Rummelplatz-Kino im besten Sinne des Wortes. Die Handlung bleibt dabei zweitrangig.

Perseus hat sich als Fischer in einem kleinen Dorf aus dem Heldengeschäft zurückgezogen. Als sich allerdings sein Onkel Hades und sein Halbbruder Ares zusammentun, um gegen den Willen von Göttervater Zeus und Onkel Poseidon, den Ur-Gott Kronos aus seinem Gefängnis befreien wollen, sieht sich Perseus gezwungen sein altes Schwert auszugraben und wieder in den Kampf zu ziehen. Als Subtext geht es – wir sind in einem US-Film – darum, dass Väter ihre Söhne nicht verstehen und andersherum. Erst wenn Väter ihre Söhne akzeptieren und die Söhne nicht mehr aufbegehren, wird alles gut.

Die Götter werden fast durch die Bank weg von gestandenen britischen Schauspielern gespielt. Wobei Liam Neeson als Zeus und Ralph Finnes als Hades ihren Stiefel ohne große Anstrengungen runter spielen. Einzig der nicht zu erkennende Bill Nighy als Hephistos gibt ordentlich Dampf. Dem Helden leiht, wie schon im ersten Teil, Sam Worthington (Avatar, Terminator: Salvation) seine muskulöse Figur. Hier noch einmal der Vergleich zu „John Carter“. Während Taylor Kitsch dort ziemlich pathetisch und humorfrei auftrat, zeigt Worthington erfrischende Anflüge von Selbstironie. Und da er ab der Hälfte des Filmes quasi die Halbgötter-Version des schwitzenden Bruce Willis im blutigen Unterhemd gibt, wirkt er auch realer und sympathischer als der Mars-Soldat.

Überhaupt ist „Zorn der Titanen“ nicht übertrieben ernsthaft, sondern macht nie einen Hehl daraus, was er ist: Großes Kasperle-Theater für große Jungs. Und dies auf so unterhaltsame Weise, dass seine  99 Minuten wie im Fluge vergehen.  Ich mag mir aber nicht ausmalen, wie der Film wohl ohne 3D auf dem heimischen Bildschirm wirkt. Nein, dieser Film ist nun wirklich nur für 3D und die große Leinwand gemacht.  Dabei fällt auch positiv auf, dass das Bild nicht – wie bei „John Carter“ – so übertrieben scharf und damit lebloser und flacher wirkt, sondern weitaus filmischer und damit auch lebendiger. Der bewusst bombastische Soundtrack und die zahlreichen, die 3D Effekte unterstützenden – Soundeffekte kommen auf der Bremer IMAX-Anlage sehr druckvoll rüber.

Wer also auf Spektakel  und technisch anspruchsvollen Trash steht, der sollte sich jetzt auf den Weg ins Kino machen und nicht warten bis der Film für das Heimkino erhältlich ist.

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