DVD-Rezension: “The Guard – Ein Ire sieht schwarz”

Gerry Boyle ist ein ungewöhnlicher Streifenpolizist in Irland. Seine Methoden und sein schroffen Auftreten stoßen seine Kollegen und Mitmenschen immer wieder vor den Kopf. Durch Zufall wird er in einen großen Schmuggel-Fall verwickelt, bei dem er plötzlich gezwungen ist, mit einem farbigen FBI-Agenten zusammenzuarbeiten. Dieser ist zunächst gar nicht von Boyle und seiner Art begeistert, merkt aber bald, dass der exzentrisch wirkende Ire weit mehr auf dem Kasten hat, als ursprünglich gedacht.

Die deutsche Bewerbung des Filmes als typische Culture-Clash-Komödie mit dem schrillen Untertitel „Ein Ire sieht schwarz“ ist ziemlicher Quatsch und führt den Zuschauer auf eine völlig falsche Fährte. Denn wenn „The Guard“ eine Komödie ist, dann kann man auch z.B. „Colombo“ oder Dr. House“ als Comedy-Serie bezeichnen. Nein, der titelgebende „Guard“ (Garda ist die Abkürzung für Garda Síochána na hÉireann – „Hüter des Friedens“, so heißt in Irland die Nationalpolizei) ist mitnichten eine Witzfigur. Er ist auch kein – wie die Werbung vermuten lässt – unsympathischer Rassist. Zwar stößt er die Leute mit Vorliebe vor den Kopf und provoziert auch gerne den farbigen, amerikanischen FBI-Agenten Wendell Everett mit scheinbar diskriminierenden Äußerungen, damit verfolgt er allerdings ein bestimmtes Ziel. Anhand der Reaktionen seines Gegenübers schätzt er diesen ein, klopft dessen Schwachstellen und Charakter ab. Natürlich wirkt seine schroffe Art zunächst belustigend, insbesondere wenn seine Mitmenschen darauf konfus reagieren. Aber sie hat durchaus ihren tieferen Sinn. Boyle ist auch kein dummer Starrkopf, sondern sehr belesen und gebildet, was er ab und an durchblicken lässt, wodurch sein Gegenüber noch mehr irritiert wird.

Eigentlich ist Gerry Boyle die perfekte Hauptperson für eine gute Krimiserie. Somit ist der Spielfilm „The Guard“ eigentlich das falsche Umfeld für diesen Charakter. Zwar gibt sich Regie-Debütant John Michael McDonagh alle Mühe, seine Hauptfigur mit allen möglichen Hintergrundgeschichten auszustatten, aber auf gerade mal 92 Minuten komprimiert, wirkt dies fast schon ein wenig überladen. Trotzdem ist Gerry Boyle eine Figur, die Spaß macht und von der man gerne noch mehr sehen möchte.

Dementsprechend werden aber alle anderen Figuren von Gerry Boyle, dem der großartige Brendan Gleeson seine massige Gestalt leiht, regelrecht in den Hintergrund gequetscht. Der wie immer sehr zuverlässige Don Cheadle als FBI-Agent Wendell Everett hat eigentlich keine Chance, um seiner Figur Tiefe zu verleihen. Auch das Geplänkel zwischen ihm und Boyle wirkt recht oberflächlich. Falls Regisseur McDonagh beabsichtigt hat, eine typische Fisch-aus-dem-Wasser oder Buddy-Komödie zu drehen, so ist ihm dies so leider nicht gelungen. Dazu räumt er der Beziehung zwischen Boyle und Everett viel zu wenig Platz ein.

Noch schlimmer geht er mit den drei Schurken seines Filmes um. Zwar sind diese mit den drei Charakterköpfen Mark Strong, Liam Cunningham und David Wilmot ausgezeichnet besetzt, aber ihre philosophierenden Gangster riecht doch zu sehr nach Quentin Tarantino. Das wirkt dann leider eher angestrengt als amüsant. Auch wenn man zugeben muss, dass die drei Schauspieler hier einen guten Job abliefern und sichtlich Spaß an ihren Rollen haben.

Bei der Gestaltung seines Debütfilms hat McDonagh noch ein anderes, fast schon übermächtiges Vorbild: Den finnischen Meisterregisseur Aki Kaurismäki. Nicht nur die Farbgebung, auch der lakonische, immer auch immer leicht melancholisch wirkende Boyle und seine, wortkargen, dem Alkohol und Kneipengang nicht abgeneigten irischen Mitmenschen scheint direkt aus einem Kaurismäki-Film zu stammen. Allerdings redet Boyle weitaus mehr als seine finnischen Gegenstücke. Überhaupt scheint McDonagh etwas zu sehr an bekannten Vorbildern zu kleben und dabei nicht recht zu wissen, was er genau will. Doch einen Buddy-Film? Eine Art irischen Tarantino-Film, einen Studie der coolen Melancholie ala Kaurismäki oder am Ende doch – wie das schön inszenierte Finale erahnen lässt- einen irischen Western?

Nichtsdestotrotz ist „The Guard“ ein grundsympathischer und irgendwie gemütlicher Film, der ganz von seinem im höchsten Masse überzeugenden Hauptdarsteller Brendon Gleeson getragen wird. Nicht unerwähnt soll hier auch nicht der eingängige Soundtrack der bekannten Indie-Folk Gruppe Calexico bleiben. Dieser mischt irische Folk-Elemente mit denen eines klassischen Western-Scores, was dem Film gut zu Gesicht steht. Wie gesagt, als TV-Serie könnte ich mir das Ganze sehr gut vorstellen, als Kinofilm bietet er aber zumindest gediegene Unterhaltung.

Die DVD aus dem Hause Ascot Elite kommt mit einigen Extras daher, von denen der Debüt-Kurzfilm des Regisseurs aus dem Jahre 2000 das interessanteste ist. In dem 11-minütigen Film mit dem Titel „The Second Death“ spielt Liam Cunningham (der Hauptschurke aus „The Guard“) einen Mann in einem irischen Pub, dem scheinbar ein schlechtes Gewissen aufs das Herz drückt. Stimmung und die Figurenzeichnung der Gäste des Pubs nehmen schon etwas von McDonaghs Spielfilm-Debüt vorweg und somit kann „The Second Death“ durchaus als Fingerübung für „The Guard“ gelten.

Des Weiteren befinden sich in den Extras 24 Minuten Deleted/Extended Scenes, welche recht interessant sind, aber nicht zwangsläufig für die Handlung notwendig. Abgerundet wird das Ganze mit 3 Minuten Outtakes (die allerdings nicht besonders lustig sind), einem kurze 10minütigen Werbe-Making-Of von 11 Minuten, 18 Minuten Behind the Scenes und Interviews mit den Beteiligten, die recht nichtssagend sind und sich z.T. auch aus dem Making-Of und Behind the Scenes wiederholen. Ebenfalls vorhanden: Ein Audio Kommentar mit Brendan Gleeson, John Michael McDonagh und Don Cheadle (der den Film übrigens auch mitproduzierte).

Das Bild der DVD kann man nur als brillant bezeichnen. Gestochen scharf mit tiefen und sehr kräftigen Farben. Einen besonderen Reiz bezieht der Film durch die englische Tonspur, die allerdings durch den irischen Zungenschlag sehr schwer zu verstehen ist. Aber dafür hat die DVD ja deutsche Untertitel an Bord. Die deutsche Synchronisation ist zwar gut, aber gerade bei diesem Film ist der Originalton mit seinem starken Lokalkolorit doch auf jeden Fall vorzuziehen.

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