DVD-Rezension: “Livid – Das Blut der Ballerinas”

Die junge Lucie nimmt in ihren Schulferien einen Job als mobile Altenpflegerin an. Die erste Tour führt sie auch auf das gewaltige Anwesen der ehemaligen Ballet-Lehrerin Madame Jessel, die seit Jahren im Koma vor sich hinvegetiert. Ihre Ausbilderin deutet an, dass die sehr reiche Jessel irgendwo in Haus einen Schatz versteckt hat. Dies erzählt Lucie später am Abend ihrem Freund William, der sofort auf die Idee kommt, in das Haus einzudringen, um den Schatz zu suchen. Lucie ist zunächst nicht begeistert von der Idee, lässt sich dann aber doch überreden. Zusammen mit ihrem gemeinsamen Freund Ben machen sie sich mitten in der Nacht auf zur Villa der alten Jessel. Dort müssen sie allerdings feststellen, dass es in dem Haus noch ganz andere Dinge zu entdecken gibt. Tödliche Dinge…

Nach ihrem ultrabrutalen Debüt „Inside“ dauerte es vier Jahre bis das Regie-Dou Alexandre Bustillo & Julien Maury den Nachfolger zu diesem Klassiker der „neuen harten Horror-Welle“ fertigstellten. Um es vorweg zu nehmen, auch in „Livid“ sparen sie nicht am Kunstblut, legt jedoch der Schwerpunkt des Filmes auf der unheimlichen Stimmung in der Jessel-Villa. So sind auch die ersten 2/3 des Filmes besonders stark, wenn immer irgendetwas Grausiges in den finsteren Schatten außerhalb des Lichtkegels der Taschenlampe zu lauern scheint.

Dementsprechend verliert der Film an Wirkung, wenn dann tatsächlich die Geister in Aktion treten und das Blut zu spritzen anfängt. Das unheimlichste Monster ist eben immer das, welches man nicht sehen kann. Bustillo & Maury scheinen sich dieses Bruches in der Spannungskurve, der durch erklärende Rückblenden noch verstärkt wird, bewusst zu sein und diesen durch derbe Splatter wieder ausgleichen zu wollen. Dies gelingt aber nur bedingt. Was den Film dann wieder auf die richtige Spur bringt, ist die märchenhaft-poetische Stimmung in die ihn Bustillo & Maury zum Ende hin plötzlich umkippen lassen. Hier finden sie im Grauen einige wunderbar poetische Bilder und der melancholisch-schöne Schluss erscheint mehr aus einem Märchenfilm, weniger aus einem beinharten Horrorfilm zu stammen.

Insgesamt wirkt der Film durch diese Brüche etwas uneinheitlich. Auch werden einige Subplots angerissen, aber nie wirklich befriedigend ausformuliert (was ist mit den verschwunden Kindern? Wer sind die drei Kinder-Ballerinas, die plötzlich auftauchen und dann wieder verschwinden?). Aber immerhin haben Bustillo & Maury den Mut das große Mysterium, welches Madame Jessel und ihre Tochter umgibt, zum großen Teil im Dunkeln zu lassen. Dadurch wird die Fantasie der Zuschauer angeregt und lädt zur interessanten Spekulationen über die wahre Natur der beiden ein. Eine weitere Stärke des Filmes liegt in der Charakterzeichnung der drei Jugendlichen, die durchaus lebendig und nicht unbedingt wie das 08/15-Kanonenfutter aus anderen Horrorfilmen agieren.

Zwar können sich Bustillo & Maury, was ihre männlichen Hauptdarsteller angeht, einige Klischees nicht verkneifen, sie geben den beiden aber genug Raum, um ihre Charaktere mit Leben auszufüllen. Insbesondere das Spiel der sehr hübschen jungen Chloé Coulloud muss gesondert gelobt werden, da sie es schafft, wirkliches Interesse an ihrer Figur zu wecken, so dass der Zuschauer den ganzen Film über an Lucies Schicksal teilnimmt.

Ein schlichtweg genialer Coup allerdings ist die Besetzung der Madame Jessel mit der berühmten französischen und Choreographin Balletttänzerin Marie-Claude Pietragalla. Ihr strenges, knochiges Gesicht, das insbesondere in den Rückblenden auch ohne jegliches Make-Up stark an den großen Nosferatu-Darsteller Max Schreck erinnert, kann einen noch lange bis in die Träume hinein verfolgen.

Auch die Amerikaner konnten von den Qualitäten des Filmes überzeugt werden. Für 2013 ist ein US-Remake angekündigt.

Die DVD der Firma Sunfilm Entertainment besitzt ein sehr gutes Bild in 1:2,35 mit satten Farben und tiefen Schwarztönen. Der Ton wird auf Deutsch in 5.1. oder DTD, auf Französische nur in 5.1. angeboten. Untertitel: Deutsch. Leider gibt es außer Trailern für weitere Filme aus dem Hause Sunfilm keinerlei Extras. Neben der DVD wird noch eine BluRay und eine 3D-BluRay angeboten.

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Cinema Ostertor: Regisseur Dirk Lütter stellt „Die Ausbildung“ vor

Nächste Woche Donnerstag (26.April, 18:30 Uhr), stellt Regisseur Dirk Lütter im Cinema Ostertor seinen preisgekrönten (u.a. Preis Dialogue en Perspective bei der Berlinale 2011) Spielfilm „Die Ausbildung“ vor.

Der zwanzigjährige Jan Westheim (Joseph K. Bundschuh) ist im letzten Jahr seiner Ausbildung. Er möchte übernommen werden – und er möchte alles richtig machen. Aber was ist das Richtige, wenn durch Umstrukturierungen der Druck auf Jan und seine Kollegen wächst, wenn Entlassungen an der Tagesordnung stehen und der Personalchef (Stefan Rudolf) mit Argusaugen über alles wacht? In rasanten Autofahrten und intensivem Konsum sucht Jan einen Ausgleich – und als die gleichaltrige Zeitarbeiterin Jenny (Anke Retzlaff) in seine Firma kommt, entspinnt sich eine zarte Liebesgeschichte. Doch Jennys Aufenthalt ist nur von kurzer Dauer. Und Jan ist gefangen in seiner Unfähigkeit, Entscheidungen zu fällen, in seiner Angst, seinen Arbeitsplatz, seine Liebe, seinen Status zu verlieren…

Angesiedelt in einer mittleren Kleinstadt in einer strukturschwachen Region in Deutschland, erzählt dieser Film von den Schwierigkeiten eines jungen Mannes am Ende seiner Ausbildung in den mittelständischen Betrieb übernommen zu werden. Der Auszubildende Jan ist hin- und hergerissen zwischen seinem Anspruch, sich menschlich anständig zu verhalten und gleichzeitig den Ansprüchen seines Abteilungsleiters an Effizienz und Gewinnmaximierung zu genügen. „Die Ausbildung“ stellt die Frage, wie die moderne Arbeitswelt uns als Menschen prägt und verändert, und wie wir in einer Welt der kontinuierlichen Gewinnsteigerung noch fähig sind, Werte wie Solidarität und Anstand zu bewahren.

Quelle: http://www.cinema-ostertor.de/

[youtube width=“640″ height=“360″]http://www.youtube.com/watch?v=LKQy81Ft0-s[/youtube]

 

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Rezension: „Battleship“

Der junge Alex Hopper hat sein Leben nicht so richtig im Griff und macht ständig Blödsinn. Da nimmt ihn sein strenger Bruder unter die Fittiche und nimmt ihn mit zur Navy, wo aus ihm ein richtiger Mann gemacht werden soll. Dort eckt der heißblütige Junge aber auch überall an (macht aber trotzdem eine Blitz-Karriere) und steht gerade kurz vorm Rauswurf, als er mit seinem Bruder ins Manöver zieht. Wie das immer so ist, greifen just in diesem Moment Aliens die Erde an und installieren über dem Pazifik nahe Pearl Habor ein gewaltiges, undurchdringliches Schutzschild. Nur ein paar Schiffe sind innerhalb des Schildes verbleiben und versuchen die Invasion aufzuhalten. Dabei werden einige Schiffe versenkt und Alex plötzlich zum Kapitän eines Zerstörers befördert. Jetzt lernt er im Crash-Kurs, wie sich ein echter Soldat zu verhalten hat.

Wenn man schon auf den abstrusen Gedanken kommt, „Schiffe versenken“ zu verfilmen, dann sollte man doch bitte schön auch den Mut haben, einen adäquat abstrusen Film zu drehen. Leider haben die Macher von „Battleship“ diesen Mut nicht und flüchten sich stattdessen in eine so abgenudelte, risikofreie Geschichte, dass man den Verdacht hegen muss, das Drehbuch wäre von einer Software generiert wurde. Kein Funken Ironie, nur hohler Pathos und ein Loblied auf die Navy und „ die amerikanische Werte“ durchwehen diesen Film. Am Ende wartet man nur noch darauf, dass eine Adresse eingeblendet wird, wo man sich für die Aufnahme in die Navy bewerben kann.

Dabei hat die doofe Idee doch durchaus Potential für einen herrlich bescheuerten und dabei schwer unterhaltsamen Film. Gegen Ende gibt es dann tatsächlich diese eine, wirklich charmante Szene. Diese zeigt leider deutlich, was „Battleship“ hätte sein können, aber eben nicht ist. In dieser Sequenz versuchen die Überlebenden Navy-Angehörigen, in einem letzten Versuch der Alien-Invasion Einhalt zu gebieten, das alte Schlachtschiff „U.S.S. Missouri“ wieder flott zu machen. Dieses dient seit Ende des 2. Weltkrieges als Museumschiff. Ratlos steht die Handvoll Soldaten auf dem Deck des Schlachtschiffes und fragt sich, wie sie das Schiff steuern sollen, da die Steuerung „nur analog, nicht digital“ ist. Davon versteht heutzutage natürlich keiner mehr was (die Frage, wie 5-6 Leute ein 270 Meter langes Schlachtschiff mit normal zwischen 1.500 und 2.300 Mann Besatzung überhaupt bedienen sollen, stellt natürlich niemand). Da erscheinen wie aus dem Nichts Veteranen des 2. Weltkrieges und des Koreakrieges. Alte Käuze in verwitterten Uniformen. In Zeitlupe schreitet diese skurrile Truppe auf die Jungen zu und zeigt den Jungspunden dann erst einmal, was so ein richtiger Seemann ist. Und um dem ganzen noch die Krone aufzusetzen, knallt dazu noch über die beeindruckenden IMAX-Lautsprecher mit tosendem Gebrüll AC/DCs „Thunderstruck“. Das ist dann so over the top, dass es richtig Spaß macht. Leider entschädigen diese 10 Minuten Spaß nicht für die langweilig vorhersehbaren und pathetischen Momente vorher und im kitschigen, überraschungsfreien Finale.

Auch die computergenerierten Effekte wissen nicht recht zu überzeugen. Ja, sie sehen – wie heutzutage immer – perfekt aus. Aber irgendwie fehlt ihnen das Gewicht, um real zu wirken. Hauptdarsteller Taylor Kitsch müht sich redlich und wirkt hier auch nicht so schrecklich angestrengt wie in „John Carter“, wo er einen deutlich älteren Charakter verkörpern musste. Hier ist er altersgerecht als 24jähriger Twen besetzt, wobei die Rolle eigentlich etwas älter hätte angelegt werden müssen (ursprünglich sollte Jeremy Renner den Alex Hopper spielen, stieg aber kurz von den Dreharbeiten aus), da es recht unwahrscheinlich ist, dass ein junger Kadet so schnell Karriere macht. Alle anderen stehen in der Gegend rum (bewegt sich Liam Neeson irgendwann einmal?) oder übertreiben maßlos (Hamish Linklater). Einzig der Darsteller des beinamputierten Ex-Soldaten (dessen Namen ich leider nirgendwo finden kann) weiß, schon aufgrund seines markanten Gesichts, einigermaßen zu überzeugen. Über Rihanna kann man bei ihrem Spielfilmdebüt zumindest vermelden, dass sie nicht groß stört. Aber welche Funktion ihre Figur jetzt eigentlich ausübt, kann auch nicht ohne weiteres beantwortet werden.

Am schlimmsten ist aber, dass man den Aliens gar keinen Charakter oder zumindest eine Motivation zugesteht. Sie sind einfach da, schießen mal auf die Menschen, dann mal wieder nicht. Ihre Aktivität und Passivität wechselt genauso beliebig, wie es das Drehbuch gerade gebrauchen kann. Da hilft auch die schöne Idee nichts mehr, überdimensionale Yo-Yos zur Hauptwaffe der Aliens zu machen. Daraus macht der Film auch nichts weiter. Alles in allem also ein langweilig-mutloser Navy-Rekrutierungsfilm, dem jeder potentielle Spaß ausgetrieben wurde.

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DVD-Rezension: “Die Höhle der vergessenen Träume”

2010 erhielt Werner Herzog vom französischen Kultur-Ministerium die Erlaubnis, unter strengen Auflagen einen Dokumentarfilm in der Chauvet-Höhle in Südfrankreich zu drehen. Nur er und zwei seiner Mitarbeiter durften sich für eine streng begrenzte Zeit in der Höhle aufhalten, die 1995 zufällig entdeckt wurde und in der sich die ältesten bekannten Höhlenmalereien der Welt befinden.

Im letzten Jahr machten zwei Dokumentationen Furore, die sich scheinbar an die aktuelle 3D-Welle hängten, welche zuvor lediglich Action-Blockbustern und Fantasiefilmen vorbehalten war. Beide stammten ausgerechnet von Ikonen des Neuen Deutschen Films. Wim Wenders dreht seine Tanz-Doku und Hommage an Pina Bausch, „Pina“, in 3D, und Werner Herzog wand die 3D-Technik für seine Dokumentation „Die Höhle der vergessenen Träume“ über die ältesten Malereien der Welt in der französischen Chauvet-Höhle an. Beide 3D-Dokus wurden von den Kritikern gut aufgenommen und 3D als DAS Format für den Dokumentarfilm gefeiert. Vor allem Herzogs Film trat einen weltweiten Triumphzug an und mauserte sich zur finanziell erfolgreichsten Dokumentation des Jahres 2011.

Ascot Elite veröffentlicht den Film jetzt in drei Formaten: Als DVD, als BluRay und als 3D-BluRay. Zur Rezension liegt die DVD vor, welche den Film selbstverständlich nur in 2D zeigt. Kann nun das flache Format dieselbe Faszination auslösen, wie die 3D-Version, die ich letztes Jahr im Kino bewundern durfte? Nun, natürlich fehlt etwas, da die Felsenzeichnungen die natürlichen Nischen und Windungen der Höhle für einen besonders naturalistischen Effekt nutzen. Etwas, was der „flache“ Film so nicht wiedergeben kann. Zudem vermisst man das Gefühl, mitten in der Chavez-Höhle zu stehen und nur die Hand ausstrecken zu müssen, um die Kristalle und Steine zu berühren. Andererseits sind die von Herzog eingefangen Bilder so stark, dass der Film auch ohne das Hilfsmittel 3D eine enorme Sogkraft entwickelt.

Herzog gelingt es mittels – zum Teil recht weit hergeholter – Hypothesen über die Künstler, die vor 30.000 Jahren diese Kunstwerke erschaffen haben, den geheimnisvoll-schönen Bildern aus der Höhle eine mythische Qualität zu verleihen. Dazu hilft ihm auch die kongeniale Musik des großartigen Avantgarde-Cellisten Ernst Reijseger, die der Höhle in eine hypnotische Atmosphäre zu tränkt. Dadurch wird die Chauvet-Höhle fast zu einem lebendigen Wesen. „Die Höhle der vergessenen Träume“ weniger ein Film für Dokumentar-Puristen, als vielmehr ein weiterer Mosaikstein Herzogs filmischen Schaffen, bei dem er ja selber nicht zwischen Dokumentation und Spielfilm unterscheidet. Und so inszeniert er diesen Film auch als ganz eigene Geschichte darüber, wie einst in der Chauvet-Höhle der Homo sapiens sich durch die Kunst seiner selbst bewusst wurde und über die Jahrtausende hinweg mit dem staunenden modernen Menschen kommuniziert. Dabei treibt es Herzog auch gerne einmal etwas zu weit, wenn er einen Flötenbauer im Inuit-Kostüm auftreten lässt, der auf einer prähistorischen Flöte die amerikanische Nationalhymne „entdeckt“. Oder einen ehemaligen Parfümier, der sich darauf spezialisiert hat, verborgene Höhlen aufgrund es ihres Geruchs aufzuspüren. Diese Figuren reihen sich allerdings nahtlos ins Herzogs Oeuvre der extremen, von ihren Obsessionen besessenen Charakteren ein.

Am Ende zeigt Herzog Albino-Alligatoren, die in einer tropischen Biosphäre leben, die unweit der Höhle mit dem aufgeheizten Kühlwasser eines Atomkraftwerkes betrieben wird. Jeder andere Filmemacher würde nun vielleicht zu einer Mahnung ansetzten, dass der Fortschritt die Natur und den Bestand der Höhle gefährdet. Nicht so Herzog. Er erzählt uns – ganz ähnlich wie in „The Wide Blue Yonder“ – anhand realer Bilder eine ganz eigene, fast surreale Geschichte über Alligatoren, die in einer ferner Zukunft die Höhle besuchen. Und so entlässt Herzog sein Publikum aus seinem Film hinaus in eine Welt voller Mythen und Wunder für diejenigen, die zu einem besonderen Blick auf die Dinge und die Herzogische „ekstatische Wahrheit“ zwischen den Bildern fähig sind.

Die DVD aus dem Hause Ascot Elite hat im Bild die gleichen Schwächen, die auch schon das Kinobild hatte. Damals erschienen mir die großen Kamerafahrten und -flüge in den Details leicht verschwommen. Dies hatte ich auf eine möglicherweise mangelhafte3D-Projektion geschoben. Da dieselben Schwächen nun aber auch auf der DVD zu bemerken sind, wird es am Ausgangsmaterial liegen. Die Aufnahmen in der Höhle sind zum Teil – aufgrund der Umstände, unter denen die Aufnahmen entstanden – zu dunkel und rauschen stark. Das ist aber ein Problem des mangelnden Lichts bei den Dreharbeiten und nicht der DVD. Der Ton liegt in einer gelungenen Abmischung vor, die die geniale Musik von Ernst Reijseger in den Vordergrund rückt. Das „Making Of“ ist ein schlechter Scherz. Es läuft keine vier Minuten und besteht zu 80% aus Szenen aus dem Film. Schade, denn gerade bei Herzog ist auch die Entstehung eines Filmes immer ein kleines Erlebnis, Andererseits erklärt er darüber auch viel im Film selber. Der auf der Verpackung angepriesene „spannende Movie-Guide“ist ein stinknormales 12-seitiges Booklet mit Informationen zu den beteiligten und der Höhle. Dieses ist allerdings vom Format her nur halb so groß wie ein normales Booklet.

Von diesen Mankos abgesehen ist „Höhle der vergessenen Träume“ eine wichtige Veröffentlichung, die zum wiederholten Ansehen einlädt.

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Brasilianische Filmtage im City 46 vom 16.-21.April

Noch vor dem Indischen Filmwochenende ist Brasilien zu Gast im Bremer Kommunalkino City 46. Vom Montag, dem 16. April bis Samstag, den 21. April laufen in Kooperation mit der Brasilianischen Botschaft Berlin drei neuere brasilianische Filme. Natürlich im Original und mit Untertiteln.

Saens Peña Square – Drama von 2008. Literaturlehrer Paulo lebt mit seiner Frau Teresa und der Tochter Bel in einer Mietwohnung im Norden von Rio de Janeiro. Da erhält er das Angebot ein Buch über seinen Stadtteils Tijuca zu schreiben. Um vom Verdienst eine bessere Wohnung kaufen zu können, hält seine Frau ihn an sich in seiner Freizeit ganz auf das Schreiben des Buches zu konzentrieren. Dadurch gerät die Ehe aber in Gefahr…

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Montag, 16.4., um 20:30 und Mittwoch, 18.4., um 20:00

Basic Sanitation – Komödie von 2007.  Die Bewohner einer Kleinstadt in Südbrasilien fordern Gelder für den Ausbau ihres Abwassersystems. Da die Stadtverwaltung keine Gelder für die nötigen Bauarbeiten zur Verfügung stellt, drehen die Bewohner ein fiktionalen Film über ihre Situation.

[youtube width=“640″ height=“360″]http://www.youtube.com/watch?v=wifXNnHzTbQ[/youtube]

Dienstag, 17.4., und Donnerstag, 19.4., jeweils um 20:00

Simonal – Nobody knows how hard it was – Dokumentation von 2009 über den in den 60er und 70er in Brasilien sehr populären Musiker Wilson Simonal. Als ihm vorgeworfen wird Informant für die Militär-Junta gewesen zu sein, zerbricht seine Karriere.

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Freitag, 20.4., und Samstag, 21.4., um jeweils 22:30

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Originalfassungen in Bremen: 12.04.12 – 18.04.12

Die aktuelle Woche ist nicht gerade aufregend, aber noch okay. Die Filme, die ab nächsten Montag bei den Brasilianischen Filmtagen im City 46 laufen, habe ich bisher nicht berücksichtigt. Dazu werde ich separat noch etwas schreiben. Bezüglich der fast parallel laufenden Sneak Previews in Cinemaxx und Schauburg, habe ich jetzt die Info erhalten, dass es aus terminlichen Gründen für das Cinemaxx nicht möglich ist, seine Sneak Preview an einem anderen, günstigen, Wochentag zu zeigen. Einzige Alternative wäre ein Tag am Wochenende, an dem der Eintritt dann aber signifikant mehr kosteten würde.

Iron Sky – Cinemaxx, Do-.Mi. immer um 18:20, Fr. auch um 20:30, sowie Sa. und Di. 23:00 – “Sie kommen in Frieden”. SF-Satire um Nazis vom Mond. Mehr über den Film: hier.

Die Tribute von Panem – The Hunger Games – Cinemaxx, Mi., 18.4. um 19:30 – Nachdem die „Saw“-Reihe endgültig ausgesägt hat, bracht Lionsgate dringend eine neues, erfolgreiches Franchise. Den Grundstein hierzu soll nun der Tennie-SF-Action-Streifen „The Hunger Games“ werden. Darin kämpfen Teenies gegeneinander in den sogenannten „Hunger Games“. Nur einer kann überleben. „Battle Royale“, anyone?

Titanic 3D – Cinemaxx, So., 15.4. um 19:30 – Wiederaufführung des mit 11 Oscars ausgezeichneten Klassikers von James Cameron. Aufgemotzt in 3D. Ich weiß, es ist gemein, aber dazu fällt mir spontan dieses Video ein, dass seit einigen Tagen im Netz die Runde macht 😉

[youtube width=“640″ height=“320″]http://www.youtube.com/watch?v=dJxj1mou03M[/youtube]

Le Havre – City 46, Do. und Sa.-Mo. Immer um 20:00 – Der neusten Film des großen Aki Kaurismäki ist quasi eine Fortsetzung zu seinem „Das Leben der Bohéme„.  Der Bühnenautor Marcel lebt jetzt als Schuhputzer in Le Havre. Eines Tages nimmt er sich eine kleinen Flüchtlings aus Afrika an. Der märchenhafte Film kommt zwar nicht an Kaurismäkis großen Meisterwerke heran, unterhält aber nett.

Manche mögen’s heiß – City 46, So. 15.4. um 20:30 – Alle Jahre wieder läuft in der Reihe „Mein Film“ diese unsterbliche Komödie von Billy Wilder mit Marilyn, Tony und Jack. Vorgestellt von Carlos Ortega, Direktor des Instituto Cervantes Bremen

Naokos Lächeln – City 46, Do. 20:30 und So.+Di. um 18:00 – Als großer Verehrer des japanischen Schriftstellers Haruki Murakami kann ich es eigentlich gar nicht glauben, dass ich diese Verfilmung seines Romans „Norwegian Wood“ bisher nicht gesehen habe. Vielleicht schaffe ich es ja jetzt bei der „zweiten Chance“…

[youtube width=“640″ height=“320“]http://www.youtube.com/watch?v=kYBgsyBwYso[/youtube]

Sneak Preview – Cinemaxx, Mo. 16.04. , 20:00

Sneak Preview – Schauburg, Mo., 16.04., 21:45

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19.-22.04.: Indische Filmtage im City 46

Vom 19. bis 22. April findet im City 46 das lange Indien-Film-Wochenende statt. In Kooperation mit dem „Forum Städtesolidarität Bremen–Pune“ und dem Indischen Generalkonsulat Hamburg werden vier jüngere indische Filme gezeigt, weitab vom üblichen bunten Bollywood-Bombast mit seinen Mega-Stars. Dies mag der oder die eine sehr bedauern, andere wiederum begrüßen. Eröffnet wird die Reihe am Donnerstag, den 19.April um 18:00 Uhr von der indischen Generalkonsulin Subhashini Murugesan und Staatsrätin Carmen Emigholz.

Gezeigt werden die Filme:

Peepli (Live) – Drama von 2009 über einen Bauern, der aufgrund seiner großen schulden Selbstmord begehen will, da der indische Staat die Hinterbliebenen von Selbstmördern entschädigt. Do., 19.4., 18:00

With Love to Obama – Komödie von 2010 um einen Amerikaner indischen Ursprungs, der sein gesamtes Vermögen verloren hat. Als er nach Indien zurückkehrt wird er von einer Bande entführt, die ihn immer noch für einen Millionär hält. Fr., 20.04., 20:30

Wake Up Sid – Komödie von 2010 über den faulen Sohn einer reichen Familie, der plötzlich aufgrund väterlichen Willens einen einfachen Job in einer Firma für Badezimmer Ausstattung arbeiten soll. Sa., 21.04., 20:30

A Pleasant Journey – Komödie von 2010 um einen Mathematik-Lehrer und Vater von zwei Kindern, dessen Familienleben durcheinandergewirbelt wird, als er sich entschließt ein Auto zu kaufen. So., 22.04., 20:00

Alle Filme werden im Originalton mit englischen Untertiteln gezeigt.

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DVD-Rezension: “The Guard – Ein Ire sieht schwarz”

Gerry Boyle ist ein ungewöhnlicher Streifenpolizist in Irland. Seine Methoden und sein schroffen Auftreten stoßen seine Kollegen und Mitmenschen immer wieder vor den Kopf. Durch Zufall wird er in einen großen Schmuggel-Fall verwickelt, bei dem er plötzlich gezwungen ist, mit einem farbigen FBI-Agenten zusammenzuarbeiten. Dieser ist zunächst gar nicht von Boyle und seiner Art begeistert, merkt aber bald, dass der exzentrisch wirkende Ire weit mehr auf dem Kasten hat, als ursprünglich gedacht.

Die deutsche Bewerbung des Filmes als typische Culture-Clash-Komödie mit dem schrillen Untertitel „Ein Ire sieht schwarz“ ist ziemlicher Quatsch und führt den Zuschauer auf eine völlig falsche Fährte. Denn wenn „The Guard“ eine Komödie ist, dann kann man auch z.B. „Colombo“ oder Dr. House“ als Comedy-Serie bezeichnen. Nein, der titelgebende „Guard“ (Garda ist die Abkürzung für Garda Síochána na hÉireann – „Hüter des Friedens“, so heißt in Irland die Nationalpolizei) ist mitnichten eine Witzfigur. Er ist auch kein – wie die Werbung vermuten lässt – unsympathischer Rassist. Zwar stößt er die Leute mit Vorliebe vor den Kopf und provoziert auch gerne den farbigen, amerikanischen FBI-Agenten Wendell Everett mit scheinbar diskriminierenden Äußerungen, damit verfolgt er allerdings ein bestimmtes Ziel. Anhand der Reaktionen seines Gegenübers schätzt er diesen ein, klopft dessen Schwachstellen und Charakter ab. Natürlich wirkt seine schroffe Art zunächst belustigend, insbesondere wenn seine Mitmenschen darauf konfus reagieren. Aber sie hat durchaus ihren tieferen Sinn. Boyle ist auch kein dummer Starrkopf, sondern sehr belesen und gebildet, was er ab und an durchblicken lässt, wodurch sein Gegenüber noch mehr irritiert wird.

Eigentlich ist Gerry Boyle die perfekte Hauptperson für eine gute Krimiserie. Somit ist der Spielfilm „The Guard“ eigentlich das falsche Umfeld für diesen Charakter. Zwar gibt sich Regie-Debütant John Michael McDonagh alle Mühe, seine Hauptfigur mit allen möglichen Hintergrundgeschichten auszustatten, aber auf gerade mal 92 Minuten komprimiert, wirkt dies fast schon ein wenig überladen. Trotzdem ist Gerry Boyle eine Figur, die Spaß macht und von der man gerne noch mehr sehen möchte.

Dementsprechend werden aber alle anderen Figuren von Gerry Boyle, dem der großartige Brendan Gleeson seine massige Gestalt leiht, regelrecht in den Hintergrund gequetscht. Der wie immer sehr zuverlässige Don Cheadle als FBI-Agent Wendell Everett hat eigentlich keine Chance, um seiner Figur Tiefe zu verleihen. Auch das Geplänkel zwischen ihm und Boyle wirkt recht oberflächlich. Falls Regisseur McDonagh beabsichtigt hat, eine typische Fisch-aus-dem-Wasser oder Buddy-Komödie zu drehen, so ist ihm dies so leider nicht gelungen. Dazu räumt er der Beziehung zwischen Boyle und Everett viel zu wenig Platz ein.

Noch schlimmer geht er mit den drei Schurken seines Filmes um. Zwar sind diese mit den drei Charakterköpfen Mark Strong, Liam Cunningham und David Wilmot ausgezeichnet besetzt, aber ihre philosophierenden Gangster riecht doch zu sehr nach Quentin Tarantino. Das wirkt dann leider eher angestrengt als amüsant. Auch wenn man zugeben muss, dass die drei Schauspieler hier einen guten Job abliefern und sichtlich Spaß an ihren Rollen haben.

Bei der Gestaltung seines Debütfilms hat McDonagh noch ein anderes, fast schon übermächtiges Vorbild: Den finnischen Meisterregisseur Aki Kaurismäki. Nicht nur die Farbgebung, auch der lakonische, immer auch immer leicht melancholisch wirkende Boyle und seine, wortkargen, dem Alkohol und Kneipengang nicht abgeneigten irischen Mitmenschen scheint direkt aus einem Kaurismäki-Film zu stammen. Allerdings redet Boyle weitaus mehr als seine finnischen Gegenstücke. Überhaupt scheint McDonagh etwas zu sehr an bekannten Vorbildern zu kleben und dabei nicht recht zu wissen, was er genau will. Doch einen Buddy-Film? Eine Art irischen Tarantino-Film, einen Studie der coolen Melancholie ala Kaurismäki oder am Ende doch – wie das schön inszenierte Finale erahnen lässt- einen irischen Western?

Nichtsdestotrotz ist „The Guard“ ein grundsympathischer und irgendwie gemütlicher Film, der ganz von seinem im höchsten Masse überzeugenden Hauptdarsteller Brendon Gleeson getragen wird. Nicht unerwähnt soll hier auch nicht der eingängige Soundtrack der bekannten Indie-Folk Gruppe Calexico bleiben. Dieser mischt irische Folk-Elemente mit denen eines klassischen Western-Scores, was dem Film gut zu Gesicht steht. Wie gesagt, als TV-Serie könnte ich mir das Ganze sehr gut vorstellen, als Kinofilm bietet er aber zumindest gediegene Unterhaltung.

Die DVD aus dem Hause Ascot Elite kommt mit einigen Extras daher, von denen der Debüt-Kurzfilm des Regisseurs aus dem Jahre 2000 das interessanteste ist. In dem 11-minütigen Film mit dem Titel „The Second Death“ spielt Liam Cunningham (der Hauptschurke aus „The Guard“) einen Mann in einem irischen Pub, dem scheinbar ein schlechtes Gewissen aufs das Herz drückt. Stimmung und die Figurenzeichnung der Gäste des Pubs nehmen schon etwas von McDonaghs Spielfilm-Debüt vorweg und somit kann „The Second Death“ durchaus als Fingerübung für „The Guard“ gelten.

Des Weiteren befinden sich in den Extras 24 Minuten Deleted/Extended Scenes, welche recht interessant sind, aber nicht zwangsläufig für die Handlung notwendig. Abgerundet wird das Ganze mit 3 Minuten Outtakes (die allerdings nicht besonders lustig sind), einem kurze 10minütigen Werbe-Making-Of von 11 Minuten, 18 Minuten Behind the Scenes und Interviews mit den Beteiligten, die recht nichtssagend sind und sich z.T. auch aus dem Making-Of und Behind the Scenes wiederholen. Ebenfalls vorhanden: Ein Audio Kommentar mit Brendan Gleeson, John Michael McDonagh und Don Cheadle (der den Film übrigens auch mitproduzierte).

Das Bild der DVD kann man nur als brillant bezeichnen. Gestochen scharf mit tiefen und sehr kräftigen Farben. Einen besonderen Reiz bezieht der Film durch die englische Tonspur, die allerdings durch den irischen Zungenschlag sehr schwer zu verstehen ist. Aber dafür hat die DVD ja deutsche Untertitel an Bord. Die deutsche Synchronisation ist zwar gut, aber gerade bei diesem Film ist der Originalton mit seinem starken Lokalkolorit doch auf jeden Fall vorzuziehen.

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DVD-Rezension: “Das 10. Opfer”

Die Welt der Zukunft. Es gibt keine Gewalt oder Kriege mehr. Wer einen Kick braucht, kann sich bei der „Großen Jagd“ bewerben. Die große Jagd ist ein staatlich organisiertes und sanktioniertes Spiel, bei dem sich jeweils zwei vom Computer ausgesuchte Menschen jagen und töten. Dabei ist jeder Mitspieler 5x Opfer und 5x Jäger. Wer alle 10 Runden überlebt, wird mit Reichtümern überhäuft. Aber das passiert sehr selten. Der Jäger hat dem Opfer gegenüber den Vorteil, dass er alles über seine Beute weiß. Das Opfer wiederum hat keine Ahnung, wer sein Jäger sein könnte. Nachdem die Amerikanerin Caroline Meredith (Ursula Andress) ihre 9. Jagd erfolgreich absolviert hat, wird ihr von einem großen Tee-Konzern das finanziell sehr reizvolle Angebot gemacht, die Tötung ihres 10. Opfers live als TV-Werbespot mit zu übertragen. Caroline nimmt an. Als Opfer wird ihr der Italiener Marcello Poiletti (Marcello Mastroianni) zugelost. Dieser hat gerade erfolgreich seine 6. Jagd vollendet, Geldsorgen und Ärger mit Frau und Geliebter. Nichtsdestotrotz ist er nicht begeistert von der Idee, sich so einfach abknallen zu lassen.

1965 drehte Elio Petri diesen futuristischen Thriller. Er basiert auf einer frühen Kurzgeschichte von Robert Sheckley: „The Seventh Victim“. Diese nimmt bereits Handlungselemente seiner weitaus berühmteren Novelle „The Prize of Peril“ vorweg, welche später u.a. dem deutschen Kult-TV-Film „Das Millionenspiel“ als Inspirationsquelle diente.

Petris Film legt den Schwerpunkt ganz auf den bitteren Zynismus der Geschichte. Wenn immer wieder wild schießende Jäger und Opfer durch das Bild laufen, erkennt man zudem deutlich, dass Petri der Sinn nach einer überzogenen Satire und weniger nach einem spannungsgeladenen Actionfilm stand. In einer Szene wird gar ein Jäger von dem Kellner eines exklusiven Clubs (in dem Jagdverbot herrscht) wie ein ungezogener Junge am Ohr gezogen. Dies erinnert dann sehr Pythonesque Absurditäten und könnte auch von einem Terry Gilliam stammen.

In der Welt, in der „Das 10. Opfer“ spielt, hat scheinbar die Pop-Art der 60er Jahre die Weltherrschaft übernommen und dementsprechend besteht das Dekor des Films auch aus den feuchten Träumen eines Carnaby-Street-Nostalgikers. Überhaupt kann man nicht über „Das 10. Opfer“ schreiben, ohne auf dieses grandiose, minimalistische Design einzugehen. Mit nur einigen sorgfältig platzierten Requisiten entsteht eine zeitlose Welt, die einerseits futuristisch, andererseits wunderbar nach 60er Jahre aussieht. Kleider in schreienden Farben in einer formal strengen, schwarz-weißen Kulisse oder anders herum. Auch das sehr geschmackssichere Kostümdesign kann man gar nicht genug loben. Ursula Andress in ihrem rückfreien, pinken Kleid, welches die Fantasie des Zuschauers anheizt ohne etwas zu zeigen. Und dann Marcello Mastroianni in seinem schwarzen Anzug, mit der großen Sonnenbrille und den blondierten Haaren. Jede Einstellung mit ihm kann man sich als Bild ausdrucken und als Anleitung zum Cool sein an die Wand nageln. Und über Ursula Andress nicht zuletzt durch die „Austin Powers“-Filme ikonisierten, silbernen Pistolen-BH, braucht man kein Wort mehr zu verlieren.

Elio Petris Film ist vollgestopft mit ätzenden Kommentaren zum damals aktuellen Zeitgeschehen. So verdingt sich Marcello des Geldes wegen nebenbei als Guru einer Gruppe Sonnenanbeter, die er Caroline gegenüber mit sarkastischen Kommentaren überzieht. Marcellos Eltern leben versteckt hinter einer Wand seines Hauses, da in der Zukunft alte Menschen überflüssig werden und vom Staat „entsorgt“ werden. Laut Caroline ist diese Praxis in den USA gang und gebe, woraufhin Marcello erwidert, dass die Italiener halt ein sentimentales Völkchen wären und hier fast alle ihre Eltern irgendwo im Haus verstecken würden.

Das Zusammenleben der Menschen in dieser zwar stylischen, aber unmenschlichen Welt ist ganz und gar gefühlskalt. Heiraten ist nicht mehr als ein Sport oder eine gesellschaftliche Konvention. Da ist dann auch die 18. Hochzeit nichts Ungewöhnliches mehr. Man lebt zusammen, aber nicht miteinander. Auch die grausame „große Jagd“ ist den Bewohnern der Zukunft ziemlich egal und für die Beteiligten lediglich eine sehr gute Einnahmequelle. Wer nicht an der großen Jagd teilnimmt, ignoriert sie oder nimmt die Tötungen als Unterhaltungsroutine in speziellen Clubs regungslos zur Kenntnis.

Zwischen Marcello und Caroline aber scheint sich so etwas wie eine Liebesgeschichte zu entwickeln. Aber für echte Liebe sind sie beide einfach schon zu abgestumpft. So imitieren sie eher alte Rituale, als echte Gefühle zu entwickeln. Dazu würde auch das extrem gallige Ende passen, wenn der Film doch nur Minuten eher aufhören würde. Leider versäumt Petri es, einen tiefschwarzen, bösen Schlusspunkt zu setzen und so läuft der Film noch etwas weiter.

Das nun folgende Finale ist aber völlig unpassend zur Aussage und den Regeln des Films. Zudem überdreht es die Komödie bis zum Slapstick und verrät so die zuvor geschaffene Stimmung. Vielleicht wollte Petri hier zeigen, dass das Aufkeimen menschlicher Wärme alle Regeln bricht und diese Welt auf den Kopf stellt. Möglicherweise hat er deshalb dieses Ende bewusst wie einen Fremdkörper inszeniert. Vielleicht wurde es ihm aufgezwungen. So oder so ist es schade.

Das Bild der Bildstörung-DVD ist sehr gut, auch wenn es am Anfang einige kurze Mal bei Kameraschwenks etwas wackelt. Das Bildformat ist 1,85:1 und anamorph. Der Ton liegt auf Deutsch und Italienisch jeweils in DD 2.0 Mono vor. Als Extras gibt es den deutschen und italienischen Trailer, die alternative deutsche Anfangssequenz und ein 11-seitges Booklet mit einem umfangreichen und höchst informativen Essay von Oliver Nöding. Highlight ist aber eine abendfüllende Dokumentation über Marcello Mastroianni aus dem Jahre 2006: „Marcello: A Sweet Life“.

Wie bei „Gandu – Wichser“ liegt der Limited Edition wieder eine Soundtrack-CD (68:39 Minuten, 22 Tracks) bei, die auch den Song „Spiral Waltz“ von Mina in gleich drei Versionen (englisch, italienisch und instrumental) enthält. Ein wahrhaft teuflischer Ohrwurm. Der Score von Piero Piccioni (u.a. „Camille 2000“) bewegt sich zwischen 60er Italo-Lounge und Modernem Jazz. Für den Liebhaber des Italo-Kinos der 60er und 70er ist er – ebenso wie der Film – unverzichtbar.

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Originalfassungen in Bremen: 05.04.12 – 11.04.12

In dieser Woche dürfte für fast jeden etwas dabei sein. Besonders interessant klingt für mich „Once Upon a Time in Anatolia“ und das nicht nur, weil mich der Titel an „Once Upon a Time in America“ erinnert.  Auch die IMDb Bewertung von 8,1 klingt sehr vielversprechend.

Iron Sky – Cinemaxx, Do., Sa., So. (auch um 22:25), Mo. und Mi. um 17:40; Fr. und Di. um 20:25 – „Sie kommen in Frieden“. SF-Satire um Nazis vom Mond. Mehr über den Film: hier.

Die Tribute von Panem – The Hunger Games – Mo., 9.4. um 19:30 und Di., 10.4. um 22:40 – Nachdem die „Saw“-Reihe endgültig ausgesägt hat, bracht Lionsgate dringend eine neues, erfolgreiches Franchise. Den Grundstein hierzu soll nun der Tennie-SF-Action-Streifen „The Hunger Games“ werden. Darin kämpfen Teenies gegeneinander in den sogenannten „Hunger Games“. Nur einer kann überleben. „Battle Royale“, anyone?

Zorn der Titanen 3D – Cinemaxx, Do., 5.4., um 20:00 – Fortsetzung von „Kampf der Titanen„. Rummelplatz Kino at it’s best. Kritik hier.

Tapas – City 46, Mi., 11.04. um 20:30 – Drama/Komödie um eine Gruppe von Nachbarn in einem Vorort von Barcelona, die alle ihre großen oder kleinen Geheimnisse haben. In Kooperation mit dem Instituto Cervante Bremen.

Und dann der Regen – Tambien la Lluvia – City 46, Do.-Mi. immer um 20:00 – Drama um einen ambitionierten Regisseur, der bei den Dreharbeiten zu einem sozialkritischen Columbus-Film in Bolivien in reale Konflikte und Unruhen gerät. Mit Gael García Bernal.

Bir Zamanlar Anadolu’da – Once Upon a Time in Anatolia – City 46, Do und Sa.-Mo. um 20:30, Fr. und Mi. um 18:00 – Türkisches Krimi-Drama. In der entlegenen Berggegend Anatoliens soll das Opfer eines Mordes geborgen werden. Die Polizei macht sich zu zusammen mit dem Staatsanwalt, einem Arzt und dem Tatverdächtigen auf den Weg. Ausgezeichnet in Cannes 2011 mit dem großen Preis der Jury.

[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=4jKgHqU1jrs[/youtube]

In meinem Himmel – City 46, Sa., Mo. und Di. um 18:00, Sa. 22:30 – Nach „King Kong“ und vor „The Hobbit“ fand Peter Jackson Zeit für ein weiteres Herzensprojekt von ihm. Die Verfilmung des Buchs „The Lovely Bones“ vonAlice Sebold, indem es um den Geist eines von einem Triebtäter ermordetes Mädchen geht. Leider nur ein mittelprächtiger Film, der sehr viel Potential verschenkt. Aber Stanley Tucci als Mörder spielt großartig.

Sneak Preview – Schauburg, Mo., 09.04., 21:45

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