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Blu-ray Rezension: „Der schwarze Leib der Tarantel“

Von , 21. Dezember 2016 16:15

der-schwarze-leib-der-tarantelNach einem Streit mit ihrem Ehemann (Silvano Tranquilli) wird die schöne Maria Zani (Barbara Bouchet) von einem geheimnisvollen Unbekannten ermordet. Der Killer benutzt dabei ein lähmendes Gift, bevor er seine Opfer mit dem Messer abschlachtet. Der mit den Ermittlungen beauftragte Inspector Tellini (Giancarlo Giannini) verdächtigt zunächst Ehemann Zani, der jedoch auf eigene Faust nach dem Mörder sucht. Als Zani bei einer Verfolgungsjagd ums Leben kommt und weitere attraktive Damen dem Killer zum Opfer fallen, führt Tellini eine Spur ihn in einen Schönheitssalon, dessen Besitzerin (Claudine Auger) mit den Opfern in Verbindung stand…

Anmerkung: Alle Screenshots stammen von der DVD, nicht der Blu-ray.

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Der schwarze Leib der Tarantel“ war für mich lange Jahre so etwas wie der heiliger Gral des Giallo-Kinos. Als ich Mitte der 90er Jahre mit zahlreichen Tauschpartner im In- und Ausland in Kontakt stand, und wir uns munter VHS-Kassetten mit griechischen Vollbildfassungen, die mittlerweile fast ihre gesamte Farbigkeit eingebüßt hatten, hin und her schickten, war „Der schwarze Leib der Tarantel“ der einzige „Must-Have“-Giallo, der nirgendwo aufzutreiben war. Weder eine englische, noch eine finnische oder schwedische Kopie. Von einer deutschen Fassung ganz zu schweigen, denn hier lief der Film zwar im Kino, doch seltsamerweise kam es nie zu einer Videoveröffentlichung. Dank des sympathischen Berliner Labels CMV Laservision wurde nun, nach 20 Jahren, dieser Gral nun doch auf meinen heimischen Bildschirm gezaubert. Hat sich das lange Warten gelohnt? Ist „Der schwarze Leib der Tarantel“ eben jenes verschollene Meisterwerk, zu welchem er in meiner Vorstellung mangels Verfügbarkeit reifte? Ein klein wenig Furcht hatte ich schon vor den Antworten auf diese Fragen, als ich die Blu-ray in den Player schob.

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Die Furcht erwies sich allerdings als unbegründet. Es hätte auch schon viel passieren müssen, um einen Giallo, der neben solchen Schönheiten wie Barbara Bouchet (in einer wichtigen, wenn auch leider viel zu kurzen Rolle), Claudine Auger und Barbara Bach, der Musik von Ennio Morricone (und der Hilfe von Bruno Nicolai) und gern gesehen Veteranen wie Silvano Tranquilli und Giancarlo Prete vollends in die Grütze zu fahren. Und Regisseur Paolo Cavara ist auch kein Stümper, sondern hat mit „Das wilde Auge“ einen höchst spannenden und mit viel Experimentierfreude gedrehten Magenschwinger gedreht, der als Schlüsselfilm auf das Genre gelten kann, in dem Cavara große geworden ist: Dem Mondo-Film. Hier hatte Cavara 1962 zusammen mit dem legendären Duo Gualtiero Jacopetti und Franco Prosperi die Filme „Mondo Cane“ und „Alle Frauen dieser Welt“ gedreht, bis er sich im Streit von ihnen trennte, da er mit den Methoden Jacopettis nicht mehr einverstanden war. „Das wilde Auge“ war dann seine Abrechnung mit Jacopetti dem Philippe Leroy als skrupelloser Regisseur das eiskalte Antlitz leiht. Nachdem Kriegsfilm „Ein Atemzug Liebe“ drehte Cavara 1971 diesen Giallo hier, der sich einerseits am Einmaleins des Giallo (so wie er außerhalb Italiens verstanden wird, in Italien selber bedeutet „Giallo“ einfach nur „Krimi“) abarbeite, andererseits viele Elemente einbringt, welche ungewöhnlich sind und dem Film seine ganz eigene Note geben.

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Zu den typischen Giallo-Elementen gehört natürlich der Mörder im schwarzen Regenmantel und Lederhandschuhen, der sich eine möglichst makabere und sadistische Mordmethode ausgedacht hat, um seine Opfer ins Jenseits zu befördern. Welche dann auch sehr explizit gezeigt wird. Ferner ein Score mit einer einprägsamen Melodie, ein recht abstruses Motiv des Killers, viele Verdächtige und wunderschöne Frauen, die gerne auch mal blank ziehen. Andererseits konzentriert sich Paolo Cavara aber auch untypischerweise auf die Polizeiarbeit und stellt mit Giancarlo Giannini einen Schauspieler in den Vordergrund, der sich mit seinem samtenen, immer etwas traurig-scheu guckenden Augen und der schmächtigen Gestalt so gar nicht in die Reihe harter und selbstbewusster italienischer Kommissare stellen lässt, die sonst die Leinwand bevölkern. Auch von den typischen Giallo-Helden der frühen 70er wie George Hilton oder Anthony Steffens ist Giannini weit entfernt. Bei seinem Anblick denkt man viel mehr an die blumigen Titel der Lina-Wertmüller-Filme, die ihn bekannt machten. Wie „Mimi – in seiner Ehre gekränkt“.

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Zudem rückt Paolo Cavara die ebenso modern, wie fremdartig wirkende Architektur der Randgebiete Roms in den Vordergrund. Eine Verfolgungsjagd endet auf dem Dach eines futuristisch anmutenden Büro-Industrie-Komplexes, der allein aufgrund seines kühl-futuristischen Designs der Szene einen beinahe schon irrealen Anstrich gibt. Auch, dass das Privatleben des ermittelnden Kommissars, sein Hadern mit dem Beruf und der Welt so weit in den Vordergrund gerückt wird, sieht man nicht alle Tage in einem klassischen Giallo. Es macht den Inspector Tellini sehr menschlich und sympathisch. Und das Zusammenspiel mit der sehr lebendigen Stefania Sandrelli als Frau Tellini injiziert dem ansonsten eher düsteren und harten Film eine leichte, amüsante Note, welche die beiden Figuren gleichzeitig auch eine liebenswerte Natürlichkeit verleiht. Umso härter trifft den Zuschauer die finale Konfrontation mit dem Killer, in der Frau Tellini in Todesgefahr gerät. Wie man überhaupt sagen muss, dass Cavara hier wert auf eine genaue Figurenzeichnungen legt. Auch Silvano Tranquilli als betrogener und mordverdächtiger Ehemann oder die großartige Rossella Falk als Erpressungsopfer wird weitaus mehr Tiefe und Vielschichtigkeit als üblich zugestanden.

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„Der schwarze Leib der Tarantel“ ist ein spannender und sehr gut gemachter Giallo, der sich zwar vornehmlich an den Konventionen des Genres abarbeitet, gleichzeitig aber auch überraschende und untypische Elemente einbringt.

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Das Bild der Blu-ray mag nicht den allerhöchsten Ansprüchen einiger Technik-Fetischisten genügen, ist aber für meine Augen vollkommen akzeptabel. Für diese Veröffentlichung hat CMV die alte Kinotonspur aufgetrieben, die sehr sauber und klar klingt. Wer mag kann auch auf die englische Synchronisierung wechseln, die der deutschen Sprachfassunallerdings qualitativ unterlegen ist. Für die Extras wurde das 15-minütig Interview mit Lorenzo Danon, dem Sohn des Produzenten Marcello Danon, aus der amerikanischen und italienischen Veröffentlichung übernommen. Ganz neu ist ein 5-minütiges Interview mit Pietro Cavara, dem Sohn des Regisseurs. Über den Audiokommetnar von Thorsten Hanisch und Andrea Sczuka wurde in diversen Foren schon viel Böses geschreiben. Inhaltlich verweise hier einmal dezent auf eben diese Diskussionen (kann man googeln) und erwähne hier nur, dass die technische Umsetzung recht mies geworden ist. Scheinbar wurde eine schlechte Skype-Verbindung genutzt.

DVD-Rezension: „Der Meister und Margarita“

Von , 7. November 2015 19:29

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Moskau im Jahre 1930. Während Stalin regiert, kommt der Teufel (Alain Cuny) in die sowjetische Hauptstadt. Satan gibt sich als distinguierter „Meister der schwarzen Magie“ Woland aus. Der Autor Nikolai (Ugo Tognazzi) versucht derweil gegen den Willen der Kulturelite sein Theaterstück über Pontius Pilatus auf die Bühne zu bringen. Doch die korrupten und nur auf ihren eigenen Vorteil bedachten Funktionäre, werfen ihm ständig Knüppel zwischen die Beine und versuchen ihn zu demontieren. Allein die schöne Margarita (Mimsy Farmer) hält noch zu ihm. Und der Satan, der sich in den Kopf gesetzt hat, Nikolai zu helfen…

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Der jugoslawische Regisseur Aleksandar Petrović verfilmte 1972 den bis dahin als unverfilmbar geltenden Jahrhundert-Roman „Der Meister und Margarita“ als italienisch-jugoslawische Co-Produktion. Wobei der Film mehr als jugoslawischer Film gelten kann, denn bis auf die drei Hauptfiguren wurden alle anderen Rollen mit Jugoslawen besetzt. Auch die Musik von Ennio Morricone wird nur spärlich eingesetzt und besteht zumeist aus der enge Verdichtung von natürlichen Geräuschen, Glockengeläut und kirchlichen Gesängen. Zudem nutze Petrović auch die Gelegenheit, um mit seinem Film die damaligen Verhältnisse in seinem Heimatland anzuprangern. Die Bürokratie, die ideologische Gehorsam, die Heuchelei und die erbarmungslose Zensur. Ironischerweise wurde sein Film dann gleich darauf in Jugoslawien verboten und Petrović musste seine Tätigkeit als Dozent an der Belgrader Filmakademie einstellen. Und das, obwohl er zu den bedeutendsten Regisseuren des Landes zählte.

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Für seine Verfilmung vereinfachte Petrović die komplexe Struktur der Vorlage und stellte den Meister (der hier den Namen Nikolaj Afanasijevic Maksudov trägt, während er im Roman namenlos bleibt) in den Vordergrund. In der literarischen Vorlage ist der Meister Schriftsteller und das von ihm verfasste Werk Teil von Bulgakovs Roman. Das Problem des Meisters Buch „Pilatus“ in den Film zu integrieren, löst Petrović auf kreative und schlüssige Weise dadurch, dass er aus dem Meister einen Theaterautoren macht und „Pilatus“ zum Theaterstück umgewidmet wird. Dessen Proben wohnt der Zuschauer immer mal wieder bei. Durch die Reaktionen der Theaterbetreiber und Kritiker wird so ein unmittelbarer Zusammenhang mit dem großen Thema hergestellt, welches Petrović in seiner Verfilmung in den Vordergrund stellt: Die Freiheit der Kunst und wie diese in totalitären Systemen beschnitten und auf bigotte Art und Weise von den Günstlingen des Systems unterdrückt wird. Insbesondere, um eigene Interessen zu schützen oder sich Vorteile zu schaffen.

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Dabei vernachlässigt Aleksandar Petrović vollkommen die Liebesgeschichte zwischen dem Meister und seiner Magarita. Diese wird von Mimsy Farmer gespielt, die in diesem Film eine überraschend gute und attraktive Figur macht. Leider wird sie mehr oder weniger zur Stichwortgeberin reduziert und verschwindet auch immer mal wieder ganz aus der Handlung. Es ist sehr offensichtlich, dass Petrović dieser Aspekt des Romans nicht sonderlich interessiert hat. Man hat das Gefühl, die Magarita käme nur vor, weil sie ja Teil des Titels ist. Ungewöhnlich auch die Besetzung des Satans mit Alain Cuny der wenig dämonisches mitbringt. Weiter weg von der Klischeedarstellung eines typischen Mephisto, kann man kaum inszenieren, was dem Film durchaus gut tut. Deshalb ist es umso unverständlicher, dass Wolands Helfershelfer zweidimensionale Abziehbilder sind, die all jene Stereotypen mitbringen, die man bei Woland vermieden hat. Der derbe und wenig originelle Klamauk, den sie in ihre Szenen einbringen, mag so gar nicht passen. Und er steht im krassen Gegensatz zu der eher langsamen und bedachten Inszenierung der Figur des Meisters und seines Kampfes gegen die absurde Zensur und das Verbot seines Stückes.

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Beim große Finalen haben Woland und seine Helfershelfer ihren großen Auftritt. Sie lassen es teure Kleidung regnen, die dann wieder verschwindet und einen aufgeregte Haufen Nackter zurücklässt. Dies wirkt allerdings im harten Kontrast zu der kopflosen Herumgerenne auf der Leinwand, seltsam unaufgeregt. Vielleicht hat man ähnliches schon zu häufig gesehen, vielleicht ist die Botschaft zu dick aufgetragen: Die eigenen Gier lässt den Menschen, am Ende alles verlieren und nackt und beschämt dastehen. Der Autor der Vorlage, Michail Bulgakow, gilt als großer Satiriker der russischen Literatur. Von der feinen Satire ist hier nicht viel zu merken. Aber vielleicht kennen wir auch heutzutage die Mechanismen der Macht zu genau, um den bösen Witz der Geschichte noch als ebensolchen wahrzunehmen. Denn wir wissen ja mittlerweile, dass die Wahrheit häufig noch viel absurder als die Persiflage ist.

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In der freien Bearbeitung des Roman-Klassikers wechseln ruhige Sequenzen oftmals unvermittelt mit groben Klamauk. Ugo Tognazzi ist eine ideale Besetzung für den nachdenklichen, für seine freie Meinungsäußerung kämpfender Theater-Autor. Handwerklich hervorragend, wirkt Aleksandar Petrović Film heute manchmal etwas zahm.

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Die DVD-Umsetzung ist recht anständig geraten. Manchmal wirkt das Bild allerdings etwas blässlich und es kommt zu einem leichten Flackern der Farben. Dies zieht sich aber nicht durch den gesamten Film, sondern ist nur an einigen wenigen stellen zu bemerken. Neben der guten deutschen Synchronisation, befindet sich noch die italienische Sprachfassung mit auf der DVD. Da hier aber bis auf Tognazzi alle Schauspieler nachsynchronisiert wurden, kann man auch mit ruhigem Gewissen die deutsche Fassung anschauen. Was Extras angeht ist die DVD leider nur sehr schwach mit einer Bildergalerie und einem Trailer ausgestattet. Das beiliegende Booklet kann ich leider nicht beurteilen, da mir dieses nicht vorlag.

Filmbuch-Rezension: Guido Heldt, Tarek Krohn, Peter Moormann und Willem Strank (Hrsg.) „FilmMusik – Ennio Morricone“

Von , 31. Juli 2014 21:38

tukennioAls erstes Buch der neuen Reihe „FilmMusik“, die im Verlag edition text + kritik erscheint, ist eine Zusammenstellung mit Essays über die Arbeit Ennio Morricones herausgekommen. Wer sich hiervon ein biographisches Werk verspricht, wird enttäuscht sein. Die Reihe „FilmMusik“ versteht sich als „Podium für den Dialog zwischen Musik- und Filmwissenschaft und bietet Raum für analytische, ästhetische, historische oder soziologische Zugänge. Musik und Film meint nicht nur Filmmusik; das Verhältnis der beiden Künste ist nicht eines der Unterordnung der einen unter die andere, sondern eines der vielfältigen Durchdringung“. So steht es auf dem Klappentext der Veröffentlichung.

Die Herangehensweise, sich hier wirklich auf die Musik zu konzentrieren und diese wissenschaftlich zu analysieren, ohne dabei das Medium Film – für die sie geschrieben wurde – außer acht zu lassen, ist ebenso komplex, wie hochspannend. Dass hier ausschließlich Musikwissenschaftler beteiligt sind, merkt der Laie spätestens, wenn zur Verdeutlichung einzelner Thesen Auszüge aus Notenblätter abgedruckt werden. Dem steht der Filmfreund, der Musik zwar gerne konsumiert, sich allerdings nie mit Notenlehre oder dem theoretischen Hintergrund auseinandergesetzt hat, natürlich erst einmal etwas hilflos gegenüber. Allerdings mag dies den Lesefluss zwar hemmen und einen Teil der Thesen nicht in aller Gründlichkeit nachvollziehbar machen, aber die Texte bieten genug Gehalt, dass man auch so versteht, worum es geht.

Der Band beginnt mit einer Einführung von Sergio Miceli, Professor für Musikgeschichte und Filmmusikgeschichte in Florenz, in die Person Ennio Morricone, seinen Lebensweg und seine musikalische Laufbahn. Ein interessanter, sehr lesbarer und aufschlussreicher Text, der allerdings unter einem etwas ärgerlichen Manko leidet. Im Buch habe ich keinen Hinweis zur Übersetzung gefunden, somit ist es möglich, dass Professor Miceli seine Abhandlung selber auf Deutsch geschrieben hat. Sollte dem so sein, war es keine glückliche Entscheidung, denn oftmals bleibt die Grammatik der Sätze in der italienischen Konstruktion, oder es werden scheinbar direkt aus dem Italienischen übernommene Wortwendungen gebraucht, die für deutsche Ohren dann häufig etwas „schief“ oder „seltsam“ klingt, und den Leser doch arg irritiert.

Stefan Drees, Lehrbeauftragter für Musikwissenschaft an der Universität Essen, schreibt dann über die Zusammenarbeit zwischen Morricone und Sergio Leone, und darüber, wie Morricone alltägliche Geräusche in seine Arbeit einfließen lässt und diese beinahe unmerklich, aber mit große Effektivität, zu einer Art unsichtbarer Filmmusik modelliert. Ein sehr spannender Artikel, der viele neue Aspekte in Morricones Arbeit aufzeigt. Später befasst sich Tim Summers, Lecturer in Music am St. Cathrine’s College in Oxford, sehr eingehend mit der Frage: „C’era una volta il west – Eine Oper über den Tod?“, und stellt dem Film Beispiele aus Opern und deren Strukturen gegenüber. Auch ein interessantes Thema, aber bereits der zweite Beitrag in dem Buch, welcher auf die berühmteste Kollaboration Morricones, eben jener mit Leone, eingeht. Und wieder einer, der seine Western-Scores in den Vordergrund stellt. Generell fehlt es mit hier etwas an Bandbreite. Morricone hat wunderbare Musik für Giallos, französische Kriminalfilme und auch für Komödien geschrieben. Dies wird aber ebenso wenig untersucht, wie seine späteren Hollywood-Arbeiten. Auch fehlt mir ein Kapitel über seine Arbeiten im italienischen Pop- und Schlagerbereich.

Dafür wird eine andere, unbekanntere Seite Morricones, hier in ebenfalls zwei Kapiteln ausführlich analysiert. Denn Morricone hat schließlich auch über 100 Werke für den Konzertsaal geschrieben, die „sich als Auseinandersetzung mit den Tendenzen der zeitgenössischen Neuen Musik verstehen“. Eigentlich verstand sich Morricone nach Abschluss seines Kompositionsstudiums 1954 als Komponist der „musica d’avanguardia“. Seine Arbeit im U-Sektor diente lediglich dem Broterwerb und wurde von ihm zunächst schamhaft unter Pseudonym durchgeführt. Christiane Hausmann, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bach-Archiv Leipzig, widmet sich dieser – selbst seinen größten Fans häufig völlig unbekannten – wichtigen Seite in Morricones musikalischem Schaffen und Selbstverständnis. Franco Sciannameo, Professor der Filmmusikwissenschaft am College of Fine Arts der Carnigie Mellon University in Pittsburgh, wirft einen – nach eigenen Worten – „flüchtigen Blick“ auf Morricones Concerto per Orchestra von 1957. Tatsächlich geht er auf 21 Seiten sehr genau auf dieses und auch andere orchestrale Werke auf dieser Zeit ein. Natürlich auch mit vielen Notenbeispielen.

Neben Leone hat Morricone auch sehr eng mit Pier Paolo Passolini zusammengearbeitet. Fast immer mit höchst erstaunlichen Resultaten oder leise, aber prägnant im Hintergrund, wenn er für Passolini Werke anderer Komponisten aussuchte und arrangierte. Von dieser faszinierenden Zusammenarbeit berichtet Roberto Calabretto, Professor für Musik mit Schwerpunkt Filmmusik an der Universität Udine. Herzstück des Buches, und sehr lohnend, ist ein 14-seitiges Interview ist dem Maestro selber, welches 2011 von Robert Rabenalt und Ornella Calvano geführt wurde, und welches sehr erhellende Einblicke in das Wesen und Denken Morricones gibt. Und indirekt auch die Erklärung dafür liefert, weshalb Morricone eine zeit lang – mittlerweile ist er da ja zurückgerudert und hat alles zu einem Missverständnis erklärt – gar nicht gut auf Quentin Tarantino zu sprechen war, der ja ein von Morricone speziell für ihn geschriebenes Stück in „Django Unchained“ einfach an einer Stelle einsetzte, für die es gar nicht vorgesehen war. Liest man das Interview, dann weiß man, dass dies für Morricone mit das Schlimmste ist, was man ihm bzw. seiner Musik antun kann.

Guido Heldt, Tarek Krohn, Peter Moormann und Willem Strank (Hrsg.): FilmMusik – Ennio Morricone, edition text + kritik, 169 Seiten, Euro 27.00

DVD-Rezension: „Die Koch Media Italowestern-Enzyklopädie No. 1“

Von , 16. April 2013 11:08

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Nach etlichen Verschiebungen ist sie nun endlich da: Die seit langem angekündigte „Koch Media Italowestern Enzyklopädie Vol. 1“. Vor kurzem hat Koch Media ja schon mal einen Schwung Italowestern unter dem Label „Western Unchained“ auf den Markt geworfen. Darunter einige Repacks aus der legendären „Italowestern“-Reihe, aber auch einige interessante DVD-Premieren. In der „Italowestern Enzyklopädie“ werden nun ausschließlich Erstveröffentlichungen präsentiert. Zwar wurden „Amigos“ und „Shamango“ in der Vergangenheit auch von anderen Labels veröffentlicht, allerdings nur in gekürzter Form.

Hier liegen alle Filme im richtigen Bildformat und ungekürzt vor. Wie bei der „Giallo“-Box aus demselben Haus, verwundert es etwas, dass die Bildqualität nicht den hohen Standards entspricht, die Koch Media in der Vergangenheit an den Tag gelegt hat. „Schweinehunde beten nicht“ sieht sehr „gebraucht“ aus und stammt scheinbar von einer sichtbar alten 35mm Rolle. Das Bild von „Drei Halunken und ein Halleluja“ ist sehr grobkörnig und wirkt bei Aussenaufnahmen zum Teil etwas milchig. Dies kann aber durchaus auch am bei der Produktion des Filmes verwendeten Filmmaterial liegen. „Shamango“ wirkt nicht unbedingt gestochen scharf und auch etwas milchig. Am besten schneidet „Amigos“ ab. In Sachen Extras befinden sich die Veröffentlichungen aber auf dem gewohnt guten Niveau, für das Koch Media bekannt ist.

 

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Der Ex-Soldat Brian (Gianni Garko) kehrt nach dem Bürgerkrieg heim zu seiner Frau. Doch das Glück währt nicht lang. Ein Trupp Nordstaatler überfällt sein Haus, vergewaltigt und tötet seine Frau und lässt den halbtot geschlagenen Brian in der brennenden Ruine zurück. Der zufällig vorbeikommende Daniel (Ivan Rassimov alias „Sean Todd“) rettet ihn. Gemeinsam Weiter lesen 'DVD-Rezension: „Die Koch Media Italowestern-Enzyklopädie No. 1“'»

Western Unchained: “Eine Pistole für Ringo” & “Ringo kommt zurück”

Von , 3. März 2013 13:14

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Ringo (Giuliano Gemma) – genannt „Engelsgesicht“ – gerät im Grenzgebiet von Mexiko durch seine locker sitzende Pistole immer wieder in Schwierigkeiten und letztendlich hinter Gitter. Als mexikanische Banditen unter Führung von Sancho (Fernando Sancho) die Bank der Stadt ausrauben und sich anschließend auf der Ranch von Major Clyde (Antonio Casas) verschanzen, bittet der Sheriff Ringo um Hilfe. Dieser soll sich unbewaffnet bei der Bande einschleichen und die Geiseln befreien. Seine Belohnung: Eine dicke Prämie und die Freiheit. Ringo gelingt es, das Vertrauen Sanchos zu gewinnen, doch „Engelsgesicht“ scheint ein doppeltes Spiel zu treiben.

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Duccio Tessari gehört zu den, der breiteren Masse eher unbekannteren Italo-Regisseuren. Ziemlich zu Unrecht, denn in vielen Genres hat er immer wieder mindestens solides Handwerk, häufig aber sogar weit mehr abgeliefert. Sei es jetzt im Giallo („Blutspur im Park„, „Der Mann ohne Gedächtnis„), Gangsterfilm („Der Bastard„) oder eben Italo-Western. Dort drehte er mit seinen beiden „Ringo“-Filmen gleich zwei überaus erfolgreiche Filme, die heute zu Recht zu den Klassikern des Genres zählen. Tatsächlich war „Eine Pistole für Ringo“ so populär, dass der Name „Ringo“ erst einmal bei einigen anderen Italo-Western recycelt wurde, und wenn es auch nur auf dem deutschen Filmplakat war. Zumindest bis Herr Corbucci einen gewissen Django durch den Schlamm jagte.

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Das wunderschöne, von Ennio Morricone komponierte und von Maurizio Graf geschmetterte, Titellied erzählt, dass „Ringo had an Angel Face“. Und das trifft es sehr gut, denn er wird von dem blutjungen, blond gefärbten Giuliano Gemma gespielt. Dessen unschuldig wirkendes Gesicht hat tatsächlich etwas Engelhaftes. Hier muss sich Gemma noch als „Montgomery Wood“ ausgeben, was aber nicht lange dauerte. Ab dem übernächsten Film durfte er unter eigenem Namen über die Prärie galoppieren. Gemma war vor seiner Schauspielkarriere Stuntman, was ihm in diesem Film des Öfteren zugutekommt, wenn er z.B. vom dahin preschenden Pferd abspringt oder bei Kämpfen tolldreiste Salti schlägt. Tessari fordert seinem Lieblingsdarsteller (die beiden sollten noch 8 weitere Filme zusammen drehen) das Äußerste an athletischen Turnübungen ab.

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Neben Gemma gibt es eine Reihe weiterer beliebter und gern gesehener Darsteller aus der zweiten (Fernando Sanchez, die wunderschöne Nieves Navarro alias Susan Scott) oder dritten Reihe (Nazzareno Zamperla, José Manuel Martín). Als Sheriff besetzt Tessari George Martin in einer kleineren Rolle. Martin sollte dann später, in weitaus billigeren Western, noch zu Hauptrollen kommen. Dem Zuschauer wird einiges geboten: Die Pistolen sind fast niemals still. Ständig kommt es zu größeren oder kleinere Schießereien, oder es wird sich geprügelt. Mittendrin: Giuliano Gemma, der sowohl mit den Fäusten, als auch der Pistole eine sehr gute Figur abgibt, was ihn nach diesem Film sofort in die A-Liga der italienischen Stars katapultierte.

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Auch die Geschichte, die an Filme wie „An einem Tag wie jeder andere“ erinnert, ist zügig und spannend inszeniert. Und tatsächlich fragt man sich mehr als einmal, wie es um Ringos Loyalität bestellt ist. Zudem werden die Nebenfiguren, wie z.B. der alte Major, lebendig gezeichnet und dienen nicht nur als Staffage. Rundum gute Unterhaltung, der bald mit den gleichen Schauspielern ein gänzlich anderer „Ringo“ folgen sollte.

Auf Tarantinos Top-20-Italo-Western nimmt „Eine Pistole für Ringo“ den 12. Rang ein. Das Bild der DVD ist recht gut. Als Extra gibt es eine 21-minütige Doku namens „They Called Him Ringo“. Hier kommen Hauptdarstellerin Lorella de Luca – die mit Regisseur Ducci Tessari verheiratet war und daher viel über ihn berichten kann -, sowie Hauptdarsteller Giuliano Gemma zu Wort. Gemma erzählt dabei vor allem von den Anfängen seiner Filmkarriere.

 

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Juni 1865: Hauptmann Montgomery Brown, genannt Ringo (Giuliano Gemma), will zwei Monate nach dem Ende des amerikanischen Bürgerkriegs in sein Heimatdorf nahe der mexikanischen Grenze zurückkehren. Doch dort hat eine mexikanische Bande unter der Führung der Brüder Paco (George Martin) und Esteban (Fernando Sancho) Fuentes eine Terrorherrschaft errichtet. Ringo erfährt, dass seine Frau Helen nun mit Paco Fuentes zusammenlebt und diesen heiraten soll. Daraufhin verkleidet er sich als mexikanischer Tagelöhner und bereitet seine Rache vor..

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Noch im selben Jahr wie „Eine Pistole für Ringo“, erschien die Fortsetzung „Ringo kommt zurück“. Wobei der Begriff „Fortsetzung“ hier nicht ganz passt. Zwar hat Duccio Tessari die komplette Besetzung seines Erfolgsfilmes, bis hin zu den Nebendarsteller, wieder zusammengetrommelt, aber sie alle spielen hier gänzlich andere Rollen. Auch der Titelheld „Ringo“ ist nicht mit dem „Angel Face“ aus Teil 1 identisch. Scheinbar wurde das „Ringo“-Prädikat auch erst später auf den Film gepappt, denn aus Ringo genannt „Engelsgesicht“ wurde Montgomery Brown genannt „Ringo“. Wobei letzteres immer etwas angestrengt als Anhängsel nachgeschoben wird. Ursprünglich sollte der Film auch „Die Odyssee der langen Gewehre“ heißen, was ein weitaus passenderer Titel gewesen wäre. Denn bei der Odyssee bedienen sich die Drehbuchautoren Tessari und der spätere Kult-Regisseur Fernando di Leo mehr als deutlich. Genaugenommen der Rückkehr des Odysseus. Aus dem Trojanischen Krieg wurde dabei der amerikanische Bürgerkrieg; aus den Freiern, die um Penelope buhlen, der Bandit Paco Fuentes und statt als Bettler, verkleidet sich der Held als mexikanischer Tagelöhner.

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Auch der leichte Ton des actiongeladenen Vorgängers wurde geändert. „Ringo kommt zurück“ ist düster und melancholisch, besitzt sehr viel mehr Pathos – den Gemma mehr schlecht als recht durch übertriebenes Augen aufreißen darzustellen versucht – und ist ruhiger, mit einem Fokus auf dichte Stimmung, inszeniert. Während in „Eine Pistole für Ringo“ die Musik, bis auf das großartige Titellied, eine eher untergeordnete Rolle spielt, so greift Tessari hier in die Vollen. Er wird dabei kongenial von Ennio Morricone unterstützt, der einen abwechslungsreichen und emotionalen Soundtrack komponiert hat. Die Szene, in der Ringo das erste Mal seine Tochter sieht, wird beispielsweise mit einem gar Orffschen Klang-Gewitter begleitet. Wenn er, in einer der schönsten Szenen des Filmes, seiner Frau, die ihn für tot hielt, gegenübersteht, wird das Titelstück auf eine ergreifende Weise als traurig-pathetische Untermalung genutzt.

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Auch die Ausleuchtung, Bildkomposition und Kameraführung ist ambitionierter als in „Eine Pistole für Ringo“. Tessari war sichtlich daran interessiert, eine stimmungsvolle Tragödie zu erschaffen, die mehr als ein reiner Unterhaltungsfilm sein soll. Man denke nur an ikonische Szenen, wie die vom Sandsturm umtoste Silhouette Ringos in der Kirchentür erscheint, um das Finale einzuläuten. Oder die Begegnung zwischen Ringo und seiner Frau in einem nur von einer schwachen Lampe beleuchteten Raum. Später sitzen sie sich dann im stimmungsvollen Gegenlicht einander gegenüber. Oder man denke an Ringos psychedelisch angehauchten Gang, vorbei an verschiedenfarbigen Fenstern.

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Hinzu kommen sehr starke Darstellerleistungen. Antonio Casas gibt statt des Gentleman der alten Schule diesmal den trunksüchtigen Sheriff; Manuel „Pajarito“ Muñiz gelingt es, seinen doch eher komischen Charakter Miosotis mit echtem Leben zu füllen, statt ihn der Lächerlichkeit preiszugeben. So gehört die für mich beste Szene des Filmes gerade diesen beiden Figuren, wenn sie gemeinsam in das finale Shoot-Out mit den Banditen ziehen und Muñiz Casas ein Gewehr zuwirft. Profis, die keiner Worte bedürfen und wissen, was zu tun ist. Fast fühlt man sich wie bei Howard Hawks. Mir gefällt der Gedanke, „Ringo kommt zurück“ wäre eine alternative Welt zu „Eine Pistole für Ringo“, in der einfach einige Sachen anders gelaufen sind, aber die Charaktere sich irgendwie an die Welt aus „Eine Pistole für Ringo“ erinnern. Warum sonst entwickelt Susan Scott plötzlich eine Sympathie für Casas, in den sie sich ja in dem anderen Film verliebt hatte. Warum sonst besteht George Martin so bedingungslos darauf, Lorella de Luca zu heiraten, die im Vorgänger seine Verlobte war? Warum nimmt Muñiz Ringo ohne zu fragen bei sich auf und hilft ihm, wie er ihm schon zuvor geholfen hat? Und verwandelt sich nicht auch Ringo zurück in das „Engelsgesicht“? Laut dem für ihn errichteten Grabstein müsste er 50 Jahre alt sein und wird zu Beginn auch mit weißen Haaren gezeigt. Am Ende ist er dann braunhaarig und wirkt keinen Tag älter als der Ringo, der eine Pistole brauchte. Auch das freche Grinsen ist zurück. Von daher passt der Titel „Ringo kommt zurück“ dann wohl doch sehr gut.

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Quentin Tarantino hat diesem Film auf seiner Liste den Platz Nummer 10 gegeben. Das Bild der DVD ist für das Alter gut. Im Bonusmaterial befindet sich die Doku „A Western Greek Tragedy” (25:27 Minuten), in der wieder Tessaris Ehefrau und Hauptdarstellerin Lorella de Luca zu Wort, sowie Kamerassistent Sergio D’Offizi zu Wort kommen. Beide erzählen informativ von den Dreharbeiten.

Western Unchained: „Navajo Joe“ & „Tepepa“

Von , 1. März 2013 15:31

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Die Bande des Banditen Duncan (Aldo Sambrell) ermordet wahllos Indianer und verkauft ihre Skalps. Als sie das Dorf des jungen Indianers Joe (Burt Reynolds) niedermachen, setzt sich dieser auf ihre Fährte, um blutige Rache zu üben. Als die Banditen einen Zug überfallen und eine halbe Million Dollar stehlen, nimmt Joe ihnen die Beute ab und bringt das Geld zu seinem Bestimmungsort, eine abgelegene Stadt am Rande der Zivilisation. Dort bietet er den Einwohnern an, sie gegen die Banditen zu verteidigen. Obwohl diese dem Indianer nicht trauen und mit offener Feindseligkeit entgegentreten, sind sie doch bald gezwungen, Joes Angebot anzunehmen…

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Burt Reynolds bezeichnet „Navajo Joe“ als den schlechtesten Film, den er je gemacht hat. Er würde wohl nur in Gefängnissen und auf Schiffen gezeigt werden, weil dort niemand weglaufen könne. Wie Reynolds zu diesem Urteil kommt, lässt sich nur vermuten. Scheinbar hatte er bei der Annahme der Hauptrolle geglaubt, Sergio Corbucci wäre mit Sergio Leone identisch und war deshalb enttäuscht. Möglicherweise waren auch die Dreharbeiten kein Zuckerschlecken. Wenn man die Stunts sieht, die Reynolds offensichtlich selbst ausführt, dann kann man sich gut vorstellen, dass die Dreharbeiten für den Amerikaner sehr anstrengend und auch schmerzhaft waren.

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Natürlich ist „Navajo Joe“ kein schlechter Film. Sicherlich nicht Corbuccis Bester, aber gut, harte Unterhaltung. Reynolds sieht als Indianer Joe in der Tat etwas merkwürdig aus, was an dem übertriebenen Make-Up und der unpassend-albernen Perücke liegt. Zudem merkt man ihm an, dass er nicht mit dem Herzen dabei ist. So wird ihm die Show dann auch von dem großartigen Aldo Sambrell gestohlen, der sich mit Leib und Seele in die Rolle des bösen Halbbluts Duncan wirft. Die Actionszenen sind – wie immer bei Corbucci – sehr solide umgesetzt, und mit der Gewalt wird auch nicht gerade zimperlich umgegangen, was „Navajo Joe“ ein FSK 18 einbrachte.

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Der heimliche Star des Filmes ist Ennio Morricones Musik, die er unter dem Pseudonym Leo Nichols beigesteuert hat. Das Titelthema ist schlichtweg himmlisch und das unvergessliche Hauptthema fand auch prominent in Tarantions „Kill Bill“-Saga und Alexander Paynes „Election“ Verwendung. „Navajo Joe“ ist für Fans des Genres definitiv ein Must-See, auch wenn der Film nicht ganz an die großen Glanztaten seines Regisseurs heranreicht.

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Auch „Navajo Joe“ (Nummer 9 auf Tarantinos Top 20 Liste) ist ein Repack. Als Extras ist, wie bei der Erstveröffentlichung, das 11-minütige Featurette „On Behalf of American Indians“ an Bord, in dem Filmkritiker Antonio Bruschini das Werk bespricht. Die etwa 30-minütige Doku „An Indian Named Joe“ besteht aus Interviews mit Rugero Deodato (der hier als Regieassistent tätig war), Sergio Corbuccis Frau Nori und der Schauspielerin Nicoletta Machiavelli. Wie bei „Mercenario“ gibt es auch hier einen Vergleich der Drehorte gestern und heute (6 Minuten). Das Bild könnte etwas schärfer sein, ist aber sonst absolut in Ordnung. Der Ton liegt wieder auf Deutsch, Italienisch und Englisch vor. „Navajo Joe“ ist auch auf BluRay erschienen.

 

tepepa

Mexiko zu Beginn des 20. Jahrhunderts: Der ehemalige Revolutionär, Jesus Maria Moran (Tomas Milian), genannt Tepepa, steht bereits vor dem Exekutionskommando des Oberst Cascorro (Orson Welles), da rettet ihm der Engländer Dr. Henry Price (John Steiner) das Leben. Doch dies tut dieser nicht aus Selbstlosigkeit, sondern weil er in Tepepa den Mann vermutet, der am Tod seiner Verlobten Schuld ist. Und diesen will er eigenhändig umbringen. Doch Tepepa gelingt es immer wieder, seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Enttäuscht von einer Revolution, die den Armen des Landes nichts eingebracht hat, sammelt Tepepa seine Männer um sich und beginnt erneut, gegen die Armee zu kämpfen…

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Tepepa“ ist eine ideale Ergänzung zu „Mercenario“. Der Film ist ebenfalls ein Revolutions-Western, Giulio Petroni geht aber weitaus ernster und weniger episodenhaft als Corbucci zur Sache. Diesmal schlüpft wieder Tomas Milian in eine Rolle, die er so oder in ähnlicher Form, oft verkörperte. Der ungebildete Bauer, der in die Wirren der Revolution geworfen wird. Hier spielt Milian aber weitaus ernsthafter als z.B. in „Zwei Companeros“. Sein Tepepa weiß, was er will, und er versteht, was Revolution ist. Zwar lässt auch er, wenn er die Möglichkeit erhält, keine Gelegenheit vorübergehen, sich selbst etwas Gutes zu tun, aber generell hat er in erster Linie das Wohl seiner Leute und den Kampf für soziale Gerechtigkeit im Sinn. Dabei spielt Milian weitaus weniger „krakelig“, als man es von ihm in solchen Rollen gewohnt ist.

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Auch der Humor hält sich in Grenzen. Nur über Milians eigenwillige Art, seinen Sombrero zu tragen, sollte man besser hinwegsehen. Dadurch wirkt die Figur alberner, als sie eigentlich angelegt ist. Auch in Tepepa taucht wieder ein Gringo auf, der das für ihn exotische Geschehen mit kühlen, westlichen Augen sieht. Der junge John Steiner erinnert hier vom Aussehen noch stark an Peter O’Toole zu Lawrence-von-Arabien-Zeiten. Seine Rolle ist aber etwas verschenkt. Zwar wird ihm eine Rachegeschichte untergeschoben, viel zur Handlung trägt er allerdings nicht bei. Hier und da darf er Tepepa retten oder sich die ganze Geschichte aus der Distanz ansehen, aber bis auf das Ende ist sein Dr. Price eigentlich unwichtig, wenn auch nicht störend.

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Aber wie Franco Nero als Kowalski in „Mercenario“ oder Gian Maria Volonté in „Von Angesicht zu Angesicht“ ist er mal wieder ein „Kapitalist“, der sich nur in Mexiko aufhält und bei der Revolution lediglich mitmischt, weil er einen eigenen Vorteil sucht. Wenn auch hier keinen monetären, sondern die Befriedigung seiner Rache. Milians Figur Tepepa ist sehr vielschichtig angelegt. Obwohl Held der Geschichte, und damit eigentlich Sympathieträger, erlaubt er sich einige folgenschwere Fehltritte und Grausamkeiten, die man zwar objektiv nachvollziehen kann, einen aber trotzdem erschüttern. Auch seine Einstellung Frauen gegenüber spricht nicht dafür, dass er tatsächlich alle Menschen als gleichwertig ansieht. Doch genau diese Widersprüche machen ihn interessant.

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Als Antagonist wurde der große Orson Welles verpflichtet, der seinen Stiefel routiniert runter spielt, aber merklich wenig mit dem Herzen involviert ist. Im Vergleich zu „Mercenario“ ist Tepepa der ruhigere und auch ernsthaftere Film. Der Zynismus eines Corbucci geht Giulio Petroni völlig ab, vielmehr meint man eine gewisse Melancholie zu verspüren, dass die Armen am Ende immer die Betrogenen sind und sich an den herrschenden Verhältnissen nichts ändert, sondern nur die Köpfe oben ausgetauscht werden.

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„Tepepa“ ist nun erstmals in Deutschland auf DVD veröffentlicht worden. Auf der Tarantino Liste steht er auf Platz 17. Im Kino und auf VHS war der Film bisher immer massiv gekürzt. Überhaupt war es bisher sehr schwierig, den Film überhaupt einmal ungeschnitten zu sehen zu bekommen, da auch die internationalen Veröffentlichungen gekürzt waren. Hier nun liegt er erstmals in voller Länge vor, worauf Regisseur Giulio Petroni direkt nach dem Start der DVD mit einem kurzen Grußwort aufmerksam macht. Giulio Petroni hat für diese Veröffentlichung auch einen Audiokommentar eingesprochen. Die 30-minütige Doku „Freude und Revolution“ besteht aus einem Interview mit Regisseur Giulio Petroni und einem Audiointerview mit Tomás Milian. Milian macht in seinem Part allerdings einen ausgesprochen selbstverliebten Eindruck, was sich aber auch mit den Schilderungen Petronis deckt. Von der dreiminütigen entfallenen Szene ist kein Ton mehr enthalten. Sie wird von Petroni kommentiert. Der alternative Vorspann und zwei Trailer zum Film runden die Extras ab. Das Bild ist sehr gut, der Ton wieder auf Deutsch, Italienisch und Englisch dabei. Leider „jault“ der deutsche Ton etwas. Was man zwar in den Dialogen nicht bemerkt, was aber bei Morricones grandioser Musik auffällt. Eine BluRay ist auch erschienen.

Western Unchained: „Die Zeit der Geier“ & „Mercenario – Der Gefürchtete“

Von , 28. Februar 2013 15:23

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Kitosch (George Hilton) arbeitet auf der Farm des Großgrundbesitzers Don Jaime Mendoza (Eduardo Fajardo). Hier sorgt er mit amourösen Ausschweifungen besonders bei den Ehefrauen seiner Kollegen für Unruhe. Als er eines Tages mit der Frau von Don Mendoza erwischt wird, flüchtet er von der Ranch. Doch Don Mendoza hetzt den Sheriff auf Kitosch und so landet er im Gefängnis. Hier wird er von dem berüchtigten „Schwarzen Tracy“ (Frank Wolff) befreit. Die beiden bilden schon bald ein Team. Tracy ist hinter einem ehemaligen Freund her, der ihn einst an den Sheriff ausgeliefert hat. Auf der Suche nach dem Verräter erkennt Kitosch immer mehr, mit was für einem gefährlichen Mann er da unterwegs ist…

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Die Zeit der Geier“ lockt den Zuschauer zunächst auf eine falsche Fährte. Der Film beginnt mit einer fröhlichen Prügelei und führt den vom Uruguayer George Hilton gespielten Kitosch als Schürzenjäger und unbekümmerten Hallodri ein. Das passt auch gut zu Regisseur Nando Cicero, der in den 70ern fast ausnahmslos Komödien drehte. Hilton verkörpert hier zunächst einen jugendlichen Draufgänger, so dass man sich in dieser Rolle auch sehr Giuliano Gemma vorstellen könnte.

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Doch bald schon ändert sich die Stimmung des Filmes. Bereits am Anfang, wenn Kitosch gebrandmarkt wird und später von den Männern seines Arbeitgebers (Eduardo Fajardo in einer für ihn typischen Rolle) verfolgt und bedroht wird, schwingt eine raue Brutalität mit, die so gar nicht zu dem Anfang passen will. Ganz finster wird es, wenn der von Frank Wolff bravourös gespielte „Schwarze Tracy“ auf einer Totengräberkutsche und Sarg auftaucht. Frank Wolff spielte in der Regel gutmütige – wenn auch manchmal etwas korrupte – Charaktere. Als Bösewicht sah man ihn eher selten. Vielleicht hat er nur darauf gewartet, seine dunkle Seite zeigen zu können. Hier lässt er den Zuschauer schon recht bald erschauern. Obwohl er bereits in der ersten Szene keine Skrupel zeigt, zahlreiche Ordnungshüter über den Haufen zu schießen, so glaubt man zunächst daran, dass sich zwischen ihm und Hilton so etwas, wie eine Vater-Sohn- oder zumindest Großer-Bruder/Kleiner-Bruder-Beziehung entwickeln könnte. So wie zwischen Lee van Cleef und Giuliano Gemma in „Der Tod ritt dienstags“. Das tut es auch, aber anders als geglaubt.

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Tracy ist ein Psychopath und Sadist, der in seiner Mordlust weder vor unbewaffneten Bürgern, noch wehrlosen Frauen zurückschreckt. Er mordet und quält mit einer Leidenschaft, die ihn – neben Kinskis Loco in „Leichen pflastern seinen Weg“ – zu einer der erschreckensten Figuren in der Geschichte des Italo-Western werden lässt. Wie Hilton mehr und mehr in seinen Bann gerät und mit der Zeit alle Skrupel verliert, ist spannend und in dreckigen, rauen Bildern erzählt. Die Fotografie von „Zeit der Geier“ besitzt keinerlei Eleganz, unterstützt aber gleichzeitig durch ungewöhnliche Winkel und Bildausschnitte das psychotische seiner Hauptfiguren.

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Der Film liegt nun erstmals vollständig in Deutschland vor. Für die Kinoauswertung waren damals zahlreiche Szenen geschnitten worden, in denen Tracy immer wieder an epileptischen Anfällen leidet. Vielleicht dachte der Verleih damals, es könnte eine Verbindung zwischen der Krankheit und Tracys eiskaltem Sadismus hergestellt werden. Neben den überzeugenden Hauptdarstellern sei hier auch die feine Musik von Piero Umiliani erwähnt und ein früher Auftritt der schönen Femi Benussi , die hier sehr gut ihr Mieder füllt.

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„Zeit der Geier“ ist einer der Filme, die Quentin Tarantino 2007 im Rahmen einer Italo-Western-Retrospektive auf dem Filmfest in Venedig zeigte. Die Bildqualität ist durchwachsen und reicht von leicht milchig bis sehr scharf. Das stört aber nicht sonderlich. Der Ton liegt auf Deutsch, Italienisch und Englisch vor. Die im Kino fehlenden Szenen wurden auf Italienisch mit deutschen Untertiteln eingefügt. Die Extras bestehen aus einer 12-minütigen Doku mit dem schönen Namen „Liebesgrüße aus Uruguay“, in der George Hilton über seine Karriere erzählt. Neun Minuten dauert die Doku „Mit Kitosch kam der Tod“ in dem der Filmhistorikers Fabio Melelli über „Die Zeit der Geier“ seine Einordnung im Italowestern spricht. Leider taucht hier erstmals das Problem auf, dass Melellis Ausführungen mit derart schlechten Untertiteln versehen sind, dass der Sinn teilweise untergeht.

 

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Mexiko 1910: Zur Zeit der mexikanischen Revolution rebelliert der Minenarbeiter Paco Roman (Tony Musante) gegen den Grubenbesitzer García (Eduardo Fajardo). Fortan nennen sich Paco und seine Männer „Revolutionäre“, sind aber in erster Linie nur am Rauben und Plündern interessiert. Sie heuern den Waffenhändler und Söldner Kowalski (Franco Nero), genannt der Pole, an, der ihnen beibringen soll, wie man „Revolution macht“. Aber Kowalski ist nur an seinem eigenen Vorteil interessiert, und als er immer höhere und abstrusere Forderungen stellt, eskaliert die Situation.

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Innerhalb des Italo-Westerns ist der Revolutions-Western ein Sub-Genre, in dem sich vornehmlich politisch motivierte Regisseure tummelten, die in der mexikanischen Revolution eine Parabel auf das sahen, was sie Mitte/Ende der 60er Jahre überall auf der Welt erlebten. Die Studentenunruhen, der Krieg in Vietnam und der Beginn eines terroristischen Untergrundes. Damiano Damiani schuf „Töte Amigo“, Sergio Sollima „Von Angesicht zu Angesicht“ und zu guter Letzt erzählte sogar Sergio Leone in „Todesmelodie“ vom Aufstand der ungebildeten Bauern und von den Gringos, die sich als Söldner in Mexiko verdingten.

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Auch Sergio Corbucci, der Schöpfer von „Django“ und Regisseur des wohl bittersten und nihilistischsten Italo-Westerns überhaupt, „Leichen pflasterten seinen Weg“, lieferte hierzu zwei Beiträge ab: „Zwei wilde Companeros“ und den hier besprochenen „Mercenario – Der Gefürchtete“. Beide mit Franco Nero in der Rolle des Gringos. „Mercenario“ ist der erste dieser beiden Filme, und er drückt sowohl Corbuccis Zynismus, als auch sein Mitgefühl für die Unterdrücken aus. Neros „Pole“ ist ein eiskalter, zutiefst zynischer Geschäftsmann, der schon lange nicht mehr an irgendwelche Ideale glaubt. „Ideale sind der Dünger für Friedhöfe“, sagt er irgendwann. Kowalski ist nur sich selbst und dem Geld verpflichtet. Für Leute wie Paco (Tony Musante in einer typischen Tomas Milian-Rolle) hat er nur ein müdes Lächeln übrig.

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Paco wiederum ist auch nicht gerade zum Revolutionär geboren. Revolution heißt für ihn erst einmal, seinen eigenen Bauch voll zu schlagen. Revolutionäre Ideen werden ihm von anderen eingepflanzt, vor allem von der schönen Giovanna Ralli. Bis dies aber Früchte trägt, wird er erst einmal von Kowalski wie eine Puppe gelenkt und immer wieder manipuliert. Wobei Kowalski natürlich nur eins im Sinn hat: Mit Pacos Hilfe möglichst viel Geld zu verdienen. Wie wenig Paco ein echter Revolutionär ist, erkennt man in der berühmten Szene, in der ihm Kowalski die Revolution anhand eines nackten Frauenkörpers erklärt: Der Kopf, das sind die Mächtigen, der Arsch, das sind die Unterdrückten – dazwischen ist der Rücken, und der verhindert, dass der Arsch sich an die Stelle des Kopfes setzt.

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In „Mercenario“ werden sowohl die sogenannten Revolutionäre vorgeführt, die weniger an der sozialer Gerechtigkeit, als an eigener Macht und Wohlstand interessiert sind. Aber auch der kapitalistische Westen, der die Unruhen noch anheizt, um daraus seinen maximalen Profit schlagen zu können, bekommt sein Fett weg. Immerhin gönnt Corbucci – im Gegensatz zu „Leichen pflastern seinen Weg“ – dem Zuschauer am Ende ein kleines Stück Hoffnung. Überhaupt ist die Inszenierung eher leicht und unterhaltsam, als schwer und tragisch. Dafür sorgt schon Ennio Morricones verspielte Musik und der großartige Jack Palance in einer bis an die Grenzen der Parodie gehenden Darstellung eines Profi-Killers, sowie der bei Leone abgeschaute finale Showdown.

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„Mercenario“ nimmt in Quentin Tarantinos Top 20 Italo-Western die Nummer 4 ein. Die DVD ist ein Repack der bereits 2010 erschienen Koch-DVD. Dementsprechend enthält sie die gleichen Extras. In „Die Regeln der Revolution“ (41:29 Minuten) werden Interviews mit Franco Nero, Drehbuchautor Luciano Vincenzoni und Sergio Corbuccis Witwe Nori Corbucci, sowie älteres Material mit Sergio Corbucci und Tony Musante präsentiert.Ferner gibt es einen knapp vier-minütigen Drehorte-Vergleich zwischen entsprechenden Filmausschnitten und aktuellen Aufnahmen der Drehorte, an denen „Mercenario – Der Gefürchtete“ gedreht wurde. Die Bildqualität ist okay, der Ton liegt auf Deutsch, Italienisch und Englisch vor.

DVD-Rezension: „Elio-Petri-Edition“

Von , 10. Dezember 2012 22:08

Der Italiener Elio Petri zählt zwar zu den einflussreichsten italienischen Regisseuren der 60er und 70er, ist aber leider der breiten Masse eher unbekannt. Sein bekanntester Film ist das Pop-Art/Science-Fiction-Spektakel „Das 10. Opfer“, der in diesem Jahr bei Bildstörung eine sehr schöne Veröffentlichung bekommen hatte (Review hier). Elio Petri war in den 40er Jahren der Organisator von kulturellen Veranstaltungen der italienischen kommunistischen Partei und nebenbei Filmkritiker. Nachdem er in den 50ern als Drehbuchautor und Regieassistent gearbeitet hatte, konnte er 1961 mit „Trauen Sie Alfredo einen Mord zu?“ seinen ersten eigenen Spielfilm realisieren. Danach avancierte er zu einem der angesehensten Regisseure Italiens, der Stammgast bei der Berlinale und in Cannes war, wo er mit „Die Arbeiterklasse kommt ins Paradies“ 1972 die Goldene Palme in Cannes gewann.  Im Vorjahr hatte er mit „Ermittlungen gegen einen über jeden Verdacht erhabenen Bürger“ sogar einen Oscar gewonnen. 1979 drehte er mit der Komödie „,Buone notizie“ seinen letzten Film, fünf Jahre später verstarb er an Krebs. Es ist Koch Media hoch anzurechnen, dass sie nun eine Edition mit drei seiner bekanntesten Filme und einer Doku herausgebracht hat.

Zwei Särge auf Bestellung (1967)

Der örtliche Apotheker und Frauenheld Arturo Manno (Luigi Pistilli) erhält Morddrohungen, die niemand ernst nimmt, bis er gemeinsam mit seinem Freund Dr. Antonio Roscio bei der Jagd erschossen wird. Verdächtigt werden zwei Brüder einer minderjährigen Liebschaft Mannos. Doch der linke Professor Paolo Laurana (Gian Maria Volonté) glaubt nicht an die Schuld der Analphabeten. Er beginnt als Hobbydetektiv Ermittlungen anzustellen. Dabei verliebt er sich in die Witwe Roscio (Irene Papas) und bemerkt nicht, dass das Netz um ihn herum immer enger wird…

Die Kamera schwebt zu der schönen Musik des großen Meister Luis Bacalov über einer Kleinstadt auf Sizilien. Trotz der schönen Aussicht ahnt man aber schon, dass dort unten etwas nicht stimmt. Wir sind auf Sizilien und hier wird das Leben von Mächten bestimmt, die über den Dingen stehen, allmächtig sind, alles sehen, alles kontrollieren. Eben wie diese Kamera, die über allem schwebt und die Menschen zu Ameisen macht. Was beginnt wie ein normaler Krimi, entwickelt sich schon bald zu einem Polit-Thriller.

Unwissend bereits gefangen im Spinnennetz der Mächtigen und Skrupellosen: Der naive linke Professor Paolo Laurana, verkörpert vom brillanten Gian Maria Volonté, der als Gegenspieler Clint Eastwoods in den beiden ersten „Dollar“-Filmen von Sergio Leone Weltruhm erlangte. Noch glaubt er, er könne die Fäden entwirren und seine kleine Welt wieder ins Lot bringen. Die Bösen entlarven und damit wieder Ruhe einkehren lassen. Dass es dafür bereits viel zu spät ist, passt nicht in sein Weltbild. Er ist der heilige Narr, während sich seine abgestumpfte Umwelt mit den Verhältnissen abgefunden hat. Als er einmal Palermo besucht, explodiert neben ihm eine Autobombe. Die Sizilianer berührt dies aber nicht, das gehört hier schon zum Alltäglichen. Ein rascher Blick, Kopfschütteln, dann geht die tägliche Routine auch schon weiter. Wie fünf Jahre später in „Der Pate“ fällt auch hier nicht einmal das Wort Mafia. Doch das organisierte Verbrechen ist allgegenwärtig und umklammert die Schicksale der einfachen Leute. Damiano Damiani nannte seine – in Deutschland unter dem Titel „Allein gegen die Mafia“ gelaufene – TV-Serie über das organisierte Verbrechen in Italien „Die Krake“, und das trifft es auch hier sehr gut. „Zwei Särge auf Bestellung“ ist ein bewegender, aber auch sehr ernüchternder Film.

Das verfluchte Haus (1969)

Der Maler Leonardo Ferri (Franco Nero) steckt in einer Schaffenskrise. Seine dominante Frau Flavia (Vanessa Redgrave) kauft ihm auf sein Bitten hin ein großes Landhaus, in dem einst eine wunderschöne Frau starb. Leonardo Ferri stürzt sich sogleich in die Arbeit, doch bald schon glaubt er, dass unheimliche Mächte im Haus am Werk sind. Dazu entwickelt er eine krankhafte Obsession für das tote Mädchen und wird von Mordvisionen geplagt. Wirklichkeit und Wahn verschmelzen immer mehr…

Statt Gian Maria Volonté spielt in „Das verfluchte Haus“ Franco Nero – zusammen mit seiner damaligen Ehefrau Vanessa Redgrave – die Hauptrolle. Während die anderen beiden Filme in der Edition eher politisch und nüchtern sind, erinnert „Das verfluchte Haus“ besonders zu Anfang mit seiner Pop-Art-Ästhetik an Petris bekanntesten Film „Das 10. Opfer“. Ist der Film ein surrealer Trip in das Gehirn eines Wahnsinnigen? Ein Thriller? Oder doch ein Horrorfilm? Denkt man daran, dass Petri auch vor allem ein politischer Regisseur war, mit einer starken linken Überzeugung, so ist aber auch eine andere Denkart möglich. Der Geist der Vergangenheit (DAS große Motiv beim Spukhausfilm), der für Leonardo Ferri zu einer Obsession wird, Wanda, gehörte einerseits zur alten Aristokratie Italiens, und war andererseits auch dem Faschismus nicht abgeneigt. Bilder, die Ferri findet, zeigen sie eindeutig beim faschistischen Gruß, auch hat sie eine Affäre mit einem deutschen Soldaten. Steht Wanda damit nicht für die Verführung der einfachen Leute (jeder im Dorf scheint von ihr fasziniert gewesen zu sein und sexuellen Kontakt gehabt zu haben) durch den Faschismus und den Geist, der heute noch aus der Vergangenheit hinaus in die Gegenwart greift und von dort aus eine ungesunde Faszination entwickelt, der auch die künstlerische Elite – hier repräsentiert durch den Maler Ferri – erliegt?

Und ist die tüchtige Geschäftsfrau Flavia nicht ein Musterbeispiel für den verderbenden Kapitalismus, der den Künstler korrumpiert und letztendlich auf eine geist- und willenslose, Kunst produzierende Maschine (ähnlich Lulù Massa in „Die Arbeiterklasse kommt ins Paradies“) reduziert? Ist also Ferri, wie Petri selber, ein stark linker Künstler (immerhin ist er fasziniert von der Farbe Rot und lässt die Bäume vor seinem Haus in dieser Farbe anstreichen), der zwischen den alten Kräften des Faschismus und den neuen des Kapitalismus aufgerieben und schließlich in den Wahnsinn getrieben wird? Der nur glaubt, träumt, sich auflehnen zu können und doch nur verlieren kann? Sieht sich Petri in Ferri verkörpert, in einem sinnlosen Kampf gegen Kräfte, die ihn in eine Filmmaschine verwandeln wollen? Diese Lesart ist ebenso möglich, wie das Erleben des Filmes als Geistergeschichte oder eben die Ausgeburt eines fiebrigen Hirns auf dem Weg in den Irrsinn. Begleitet wird dies von einem kongenialen, sehr avantgardistischen Soundtrack, auf dem Ennio Morricone Ton- und Geräuschkollagen aneinanderreiht, dass einem fast schon die Ohren bluten. Ein faszinierender Film, der sich einem erst bei mehrmaligem Sehen erschließt und immer wieder neue Deutungsmöglichkeiten zulässt.

Die Arbeiterklasse kommt ins Paradies (1971)

Lulù Massa (Gian Maria Volontè) ist stolz darauf, seine Arbeit in der Fabrik effizienter und schneller als seine Kollegen erledigen zu können. Deshalb ist er bei ihnen wenig beliebt. Auch sein Familienleben und seine Gesundheit leiden unter der Akkordarbeit. Als Teile der Belegschaft zu streiken beginnen, will Lulù damit nichts zu tun haben. Doch als er bei der Arbeit einen Finger verliert, ändert sich seine Haltung. Er schließt sich den Streikenden an und befreundet sich mit den radikalen Studenten…

In „Die Arbeiterklasse kommt ins Paradies“ spielt Gian Maria Volonté einen ganz ähnlichen Charakter wie in „Zwei Särge auf Bestellung“. Auch Lulù Massa begreift nicht die großen Zusammenhänge und wird dadurch zum Opfer. Weil er glaubt, ein Einzelner könnte etwas bewegen. Doch auch Lulù wird manipuliert und zum Spielball der Interessen anderer. Doch anders als Paolo Laurana ist Lulù Massa kein Träumer. Er ist naiv, aber das liegt mehr an seiner mangelnden Bildung und einen gewissen Obrigkeitshörigkeit. Am Anfang des Filmes ist Lulù noch das beste Pferd im Stall seiner Arbeitgeber. Er genießt deren Aufmerksamkeit und definiert sich darüber, dass er besser und effektiver als seine Kollegen funktioniert. Darauf ist er stolz und darüber zieht er sein Selbstwertgefühl. Darum braucht es auch einen Unfall, der Lulù einschränkt, um ihn empfänglich für andere Botschaften zu machen.

Lulù ist vollkommen ichbezogen, er glaubt dem, der vorgibt, allein Lulù in den Mittelpunkt zu stellen. War es vorher der Kapitalist, der ihn mit Lob und Akkordlohn gekauft hat, sind es nun die linken Studenten, die im einflüstern, dass er für sie wichtig sei. Letztendlich wird Lulù aber von beiden Parteien nur benutzt und eiskalt fallengelassen, wenn er seinen Zweck nicht mehr erfüllt. Die Kapitalisten brauchen ihn als Maschine, die Linken als Manövriermasse für ihre Parolen. Als Lulù einmal die Hilfe der Studenten braucht, sind diese gerade wieder zur Vorlesung gegangen. Vom Leben und den Nöten der Arbeiter wissen sie praktisch nichts. Allein die Gewerkschaften wollen für die Arbeiter da sein, werden von Petri aber als weich und kompromisslerisch gezeigt. So bleibt dem Arbeiter am Ende nur noch, seine Arbeit zu tun oder aufgrund der Verhältnisse wahnsinnig zu werden. Dass er die Wand zum Paradies einreißen kann, bleibt allein seinen Träumen vorbehalten. Wieder einmal ist das Bild, welches Petri zeichnet, sehr ernüchternd. Der Einzelne hat keine Macht die Verhältnisse zu ändern, diejenigen, die es hätten, haben aber andere Interessen und sind allein an ihrem eigenen Einfluss interessiert. Von daher bildet „Die Arbeiterklasse kommt ins Paradies“ innerhalb dieser Kollektion eine ideale Klammer mit „Zwei Särge auf Bestellung“. Erwähnt werden muss hier unbedingt auch die einprägsame Musik von Ennio Morricone, der am Ende sogar noch einen Kurzauftritt als Arbeiter hat.

Leider lagen mir zur Rezension nur die drei in dieser Edition enthaltenen Spielfilme vor, nicht aber die vierte DVD mit der Dokumentation. Dabei wäre gerade diese spannend gewesen. Aus diesem Grunde kann ich auch nichts darüber schreiben, ob es sich hierbei um die preisgekrönte Dokumentation „Elio Petri… appunti su un autore“ von 2005 oder eigens für diese Veröffentlichung produziertes Material handelt. Schade. Die Extras, die auf den Film-DVDs enthalten sind, sind sehr spärlich. Trailer oder mal eine Bildershow, das war’s. Das Bild der Filme kann sein Alter nicht verleugnen (besonders „Das Verfluchte Haus“ zeigt ab und zu deutliche Gebrauchsspuren beim Wechseln der Filmrollen), ist aber absolut okay. Bei „Die Arbeiterklasse kommt ins Paradies“ scheint es sich um eine längere Fassung als ursprünglich in Deutschland erhältlich zu handeln, da einige wichtige Passagen nur auf Italienisch und untertitelt vorliegen. Jetzt fehlt nur noch „Ermittlungen gegen einen über jeden Verdacht erhabenen Bürger“ und Elio Petris wichtigste Werke liegen endlich auch in Deutschland auf DVD vor.

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