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Blu-ray Rezension: “Captain Kronos – Vampirjäger“

Von , 5. Juli 2017 06:41

Als es in einem Dorf zu seltsamen Todesfällen kommt, ruft der Landarzt Dr. Marcus (John Carson) seinen alten Armeekameraden Captain Kronos (Horst Janson) zu Hilfe. Dieser reist mit seinem Freund, den kauzige Professor Hieronymus Grost (John Cater) und der jungen Carla (Caroline Munro) an. Kronos und Grost sind Vampirexperten und erkennen schon bald, dass hier ein unheimlicher Blutsauger sein Unwesen treibt. Die Spur führt zum Anwesen der Familie des verstorbenen Lord Durward…

Wenn ich an Horst Janson denke, denke ich zuerst einmal an die Sesamstraße. Dort hatte ich zu Kinderzeiten meine erste Begegnung mit dem sympathischen, schlaksigen Blonden. Später lernte ich dann, dass er durch eine TV-Serie namens „Der Bastian“ bekannt geworden war, die ich dann auch irgendwann im Fernsehen sah. Lang, lang ist es her. Dass „der Horst“ auch einmal für die Hammer Studios als „Captain Kronos – Vampirjäger“ unterwegs war, hätte ich mir damals nicht einmal träumen lassen. Umso größer waren meine Augen, als vor 13 Jahren der Film erstmals bei Anolis auf einer mittlerweile vergriffenen DVD erschien. Und man muss sagen, der gute Horst Janson macht seine Sache gar nicht schlecht. Schade, dass „Captain Kronos“ an der Kinokasse schneller als ein Stein sank und auch eine angedachte „Captain Kronos“-Serie nie zustande kam. In dieser sollte Kronos scheinbar – nomen est omen – durch die Zeit reisen und in verschiedenen Epochen Vampire bekämpfen. Eine sehr reizvolle Prämisse. Stattdessen landet der talentierte Horst dann bei Samson, Tiffy und Herrn von Bödefeld. Die Filmgeschichte kann manchmal sehr ungerecht sein.

Dass der Film an der Kinokasse so schlecht abschnitt, lag an der mangelnden Vermarktung durch Hammer, die ihn erst zwei Jahre im Regal liegen ließen, um ihn dann schließlich als untere Hälfte eines Double-Features mit „Frankensteins Höllenmonster“ zu „versenden“. Über die Gründe spekulieren die Macher in den sehr guten Extras der neuen Anolis Bluray. Scheinbar gab es da persönliche Animositäten und Eifersüchteleien von Seiten Michael Carreras‘, der damals der Chef von Hammer war. „Captain Kronos“ fällt auch stilistisch aus der Hammer-Horror-Reihe heraus und ist deutlich als das Kind seines Regisseurs und Drehbuchautoren Brian Clemens zu erkennen. Brian Clemens ist der großartige Kopf hinter den wunderbaren und noch heute sehr beliebten Serien „Mit Schirm, Charme und Melone“ und „Die Profis“. Ähnlich wie in diesen beiden Kultserien (hier ist dieses Unwort endlich mal angebracht), gibt es auch in „Captain Kronos“ eine Pre-Title-Sequenz, die den ersten, geheimnisvollen Mord zeigt, der die eigentliche Handlung ins Rollen bringt und den Titelhelden auf den Plan ruft. Auch sonst besitzt „Captain Kronos“ leichte Krimi-Elemente, wenn der Held und sein Sidekick herausfinden müssen, wer und was hinter den unheimlichen Morden steckt. Dabei lernen wir dann, dass es ganz unterschiedliche Typen von Vampiren gibt.

Dieser Dreh gibt Clemens die Freiheit, sich von vielen Vampirmythen zu verabschieden, und seine ganz eigene Vampirwelt zu kreieren. In dieser treiben die Vampire sehr wohl bei Tageslicht ihr Unwesen und saugen den Opfern nicht das Blut, sondern die Jugend und Lebenskraft aus. Auch die Vernichtung eines Vampirs ist nicht ganz so einfach, da muss man sich erst langsam an die richtige Methode herantasten muss. Was zu einer unglaublich makaber-komischen Szene führt, die irgendwo die berühmte Mordszene in Hitchcocks „Der zerrissene Vorhang“ mit skurrilen Monty-Pythons-Humor verheiratet. Überhaupt ist Clemens Herangehensweise eher leichtfüßig und wie seine bekannteste Serie von einem sympathisch-schrulligen schwarzen Humor durchzogen, aber ganz ohne dass der Film in Klamauk kippen würde. Wäre es nicht schon so ausgelutscht, könnte man hier von „typisch britischen Humor“ sprechen.

Horst Jansons Kronos ist eine interessante Figur. Ein geheimnisvoller Ex-Soldat, der durch die Lande zieht, um Vampire zu jagen. Immer wieder gibt es Hinweise auf seine Geschichte. Vor allem erfährt man, dass er im Krieg schwer verwundet und von Doktor Marcus wieder zusammengeflickt wurde – was zu einer schönen Bemerkung seitens Dr. Marcus‘ führt: „I know you have guts. I saw them“. Seine Familie wurde von Vampiren getötet, er selber von seiner verwandelten Schwester gebissen. Ansonsten bleibt der wortkarge Kronos aber mysteriös. Was sind das für seltsame „chinesische Kräuter“, die er da in seiner Pfeife raucht? Was sollen diese merkwürdigen Gesten mit einem Tuch über dem Gesicht, die er da durchführt? Und vor allem, was ist in der heißen Liebesnacht mit Carla passiert, die ihn am Morgen mit aufgeplatzten Lippen und dem Satz „Du warst heute Nacht etwas grob“ begrüßt? Kronos wird in den Kritiken häufig mit den Helden der Italo-Western verglichen. Ein Vergleich, der nicht ganz von der Hand zu weisen ist, wenngleich Kronos von seiner Art her auch ein wenig an Sherlock Holmes erinnert. Nicht von seinen detektivischen Fähigkeiten her (dafür hat er seinen Prof. Grost), sondern mehr von der schrulligen, undurchschaubaren Art her. Britisch halt.

Bis in die Nebenrollen ist der Film perfekt besetzt. Die wunderschöne Caroline Munro ist wie immer eine Augenweide, und obwohl sie in ihrer Rolle auf die Geliebte Kronos‘ reduziert wird, scheint doch immer wieder ihre Stärke und Unabhängigkeit durch. Sie ist bei Kronos, weil sie sich dazu entschieden hat und sie schläft mit ihm, weil sie es will. Zu keiner Zeit aber hat man das Gefühl, sie mache sich von ihm abhängig oder hänge wie ein verliebter Backfisch an seinen Rockschößen. Ebenfalls erstaunlich ist die Rolle des buckeligen Prof. Grost, der für den lustigen „Watson“ prädestiniert wäre. Doch die Figur des Grost bricht aus dieser Stereotype aus. Sein umfangreiches Wissen wird präsentiert und in einigen Szenen blitzt auf, dass hinter der fröhlich-lustigen Oberfläche so manche tragische Untiefe versteckt ist. Ein großartige Rolle für John Cater. Neben dem zuverlässigen John Carson (der wie auch Cater einige Gastrollen in „Mit Schirm, Charme und Melone“ hatte) als Dr. Marcus, hat Brian Clemes noch einen Kollegen aus ganz alten „Schirm, Charme und Melone“-Zeit untergebracht. Ian Hendry war ursprünglich die Hauptfigur der Serie. Derjenige, der mit John Steed zusammenarbeitet und dessen tragisches Schicksal der Serie ihren Originaltitel „The Avengers“ gab. Hendry hat nur eine kleine, für die eigentliche Handlung vollkommen unwichtige Rolle. Er spielt den Kopf dreier Strolche, die Kronos in einer Taverne ins Jenseits befördern sollen. Doch Hendry hinterlässt hier einen bleibenden Eindruck. Und noch ein „Schirm, Charme und Melone“-Urgestein ist dabei. Komponist Laurie Johnson, der das unsterbliche „Avengers-Theme“ komponierte, darf auch zu „Captain Kronos“ die Musik beisteuern, die hier eher im klassischen Orchestergewand, aber nicht weniger eingängig daherkommt.

Nachdem der Film einst Teil ihrer tollen, lange vergriffenen „Hammer“-DVD-Reihe war, hat Anolis ihn neu auf Blu-ray veröffentlicht und noch mit zahlreichen Extras veredelt. Im Gegensatz zur 2003er Veröffentlichung,die lediglich mit einer „Hammer World of Horror“-Episode aufwarten konnte, wurden bei der Blu-ray ordentlich geklotzt. So wurden gleich vier (v-i-e-r!) Audiokommentare mit dazu gepackt. Von einer australischen Scheibe wurde ein Audikommentar mit Shane Briant, John Carson, Caroline Murno, Brian Clemens und Marcus Hearn übernommen. Den zweiten bestreiten Brian Clemens, Ian Wilson und Marcus Hearn. Zudem wurden zwei neue Audiokommentare produziert. Uwe Sommerlad moderiert ein Gespräch mit Hauptdarsteller Horst Janson und der zweite neue Audiokommentar wird von Dr. Rolf Giesen und Volker Kronz bestritten. Ein besonders Juwel ist auch ein 73-minütiges Gespräch, das Uwe Sommerlad bereits 2003 mit Horst Janson über dessen Karriere und natürlich „Kronos“geführt hat. Ganz besonders hat mir aber das 27-minütigen Treffen von Clemens, Janson, William Hobbs, John Cater, Lois Daine und Caroline Munro, bei einer Sondervorführung des Filmes im März 2008 in Frankreich. Hier unterhalten sich alle bestens gelaunt über den Film und genießen die gemeinsame Zeit. Besonders schön ist es, noch einmal Brian Clemens zu sehen, der leider 2015 verstarb. Laut OFDb befindet sich noch ein 30-minütiger, englischsprachiger (Video-) Kommentar mit Dr. Rolf Giesen und Volker Kronz mit auf der Scheibe. Diesen habe ich aber wohl übersehen. Abgerundet wird das alles von dem kompletten Comic zum Film (als animiertes Feature von 18 Minuten), verschiedenen Kinotrailern, Werberatschlägen, Presseheften, Filmprogrammen und Bildergalerien. Und natürlich auch sehr wichtig: Die Bild- und Tonqualität ist auf gewohnt hohem Standard. Das Bild ist scharf und hat gute Schwarztöne. Dabei ist das Bild auch immer „kinogetreu“ und nicht leblos gefiltert. Sowohl der deutsche, wie der englische Ton sind klar und sehr gut verständlich. Die deutsche Tonspur wurde für die 2003er Veröffentlichung (der Film lief hierzulande zuvor nie im Kino, Fernsehen oder Video) angefertigt. Hier darf Horst Janson sich auch endlich selber sprechen, denn für die englische Tonspur wurde er damals (von einer unpassenden und viel zu alt klingenden Stimme) nachsynchronisiert.

Blu-ray Rezension: “Die Bande des Captain Clegg“

Von , 20. Juni 2017 20:17

Die königliche Krone schickt den Marine-Captain Collier (Patrick Allen) in ein kleines Dorf in den Romney-Sümpfen an der Frankreich zugewandten englischen Küstengegend, um dort einer Schmugglerbande das Handwerk zu legen. Diese macht sich den Aberglauben um unheimliche Romney-Moorgeistern zu Nutze, um ungestört ihrem Treiben nachgehen zu können. Im Dorf treffen Collier und seine Männer auf den freundlichen Reverend Dr. Blyss (Peter Cushing), der weitaus mehr ist als er zunächst zu sein scheint. Und welche Verbindung hat der gefürchtete Pirat Captain Clegg, dessen Grab sich auf dem Kirchfriedhof befindet, mit den seltsamen Vorgängen in den Romney-Sümpfen?

Denkt man an Hammer, denkt man zuallererst an die berühmten Horrorfilme, welche die klassischen Monster der Universal Studios in neues, farbiges Licht rückten. Fans kommen sicherlich noch die von Clouzots „Die Teuflischen“ inspirierten, von Freddie Francis umgesetzten Psychothriller in den Sinn. Doch das Studio produzierte in seiner Glanzperiode noch sehr viel mehr. Neben einige „Robin Hood“-Streifen auch Piratenfilme. „Die Bande des Captain Clegg“ fällt zwischen diese beiden Genres. Sein Anti-Held ist Pirat, seine Bande Schmuggler – er selber sieht sich als eine Art Robin Hood, der gegen die Krone kämpft und den armen Leuten zu Reichtum verhilft. Und somit liegt die Sympathie des Zuschauers dann auch ganz klar bei dem doppelgesichtigen Geistlichen Dr. Blyss und nicht bei dem gewissenhaften Captain der Krone, der mit seinen Männern versucht, dem Schmuggler-Treiben ein drastisches Ende zu setzen. Dr. Blyss wird dabei von dem Hammer-Star Peter Cushing gespielt, der selber ein großer Fan der Vorlage war und sichtlich Freude an der Rolle hat.

Peter Cushing zeigt in „Die Bande des Captain Clegg“, was ihn so großartig machte. Brille auf und er ist der liebenswürdige, stets gütig lächelnde Vikar. Ein Mann, dem man ohne weiteres sein Haus anvertrauen würde, und der eine große Wärme ausstrahlt. Brille ab und aus Cushing wird augenblicklich der harte Chef einer Schmuggler-Bande, hinter dessen eisblauen Augen das Gehirn wie eine Maschine arbeitet. Zwischen diesen beiden Gesichtern liegt kein Atmenzug und Cushing überzeugt mit beiden gleichermaßen. Für Cushing war der Dr. Blyss eine Traumrolle, denn er war schon lange ein Fan der Bücher über Dr. Syn und sein Alter Ego Captain Clegg, welche diesem Film zugrunde lagen. Bereits 1937 gab es eine erste Verfilmung mit George Arliss und 1963 folgte eine weitere durch das Walt Disney Studio. Hier spielte Patrick „Nummer 6“ McGoohan die Hauptrolle. Da die Hammer-Produktion lediglich die Rechte am ersten „Dr. Syn“-Buch hatte, Disney aber die an den Figuren, musste Dr. Syn kurzfristig in Dr. Blyss umbenannt werden. Alle anderen Charaktere konnten allerdings ihre Namen behalten. Cushing selber versuchte sich immer wieder ins Drehbuch einzubringen und schrieb einige Jahre später selber ein auf den „Dr. Syn“-Romanen beruhendes Drehbuch, welches allerdings nie realisiert wurde. Selbst wenn man die Darstellungen von Arliss und McGoohan kennt, Peter Cushing IST einfach Dr. Blyss. Zu jeder Sekunde sieht man ihm seine Begeisterung und Spielfreude an. Sogar die zahlreichen Stunts führte er augenscheinlich zum Großteil selber aus.

Nah dran Peter Cushing die Schau zu stehlen ist Hammer-Veteran Michael Ripper, der in „Die Bande des Captain Clegg“ seine großartigste Darbietung zeigt. Der im Laufe seiner Karriere auf mal größere, mal kleinere Nebenrollen abonnierte Schauspieler, spielt hier die wahrscheinlich größte Rolle seines Lebens und lässt sich diese Chance nicht entgehen. Sieht man Ripper als Sargmacher Jeremiah Mipps, mag man kaum glauben, dass die Filmgeschichte keine Hauptrolle für ihn bereit hielt. Sympathisch, augenzwinkernd, aber auch hart durchgreifend, wenn es sein muss Im großen Finale möchte man fast mit ihm mit weinen. Aber auch die anderen Schauspieler gehen in ihren Rollen auf. Sei es der blutjunge Oliver Reed, der hier zwar weit hinter seinen ungeheuer charismatischen King aus „Sie sind verdammt“ zurückbleibt, dessen beeindruckende Präsenz aber auch hier in jederzeit spürbar ist. Oder der mehr als solide Patrick Allen welcher als Captain Collier eigentlich der nominelle Held der Geschichte sein müsste. Da aber die Sympathien der Filmemacher und des Drehbuchs ganz klar bei den Schmugglern liegen, bleibt für ihn nur der Platz eines klugen und sehr menschlichen Antagonisten, wobei der wahre Schurke der Geschichte der intrigante, eifersüchtige Barbesitzer Mr. Rash ist, welcher von Martin Benson herrlich widerlich gegeben wird. Allein die schöne Yvonne Romain bleibt etwas blass und ist mehr Ausstattungsstück als eigenständiger Charakter. „Die Bande des Captain Clegg“ ist eben ein reiner Männerfilm, der mit Frauen nicht viel anfangen kann.

Obwohl formell nicht dem Horrorfilm zuzurechnen, herrscht auch in „Die Bande des Captain Clegg“ eine Hammer-typische, unheimlich Atmosphäre vor. Diese wird von den „Moorgeistern“ verbreitet. Eine wahrlich schauerliche Gruppe von Geisterreitern, die auf ihren skelettierten Pferden durch das neblige Moor reiten und selber nur aus Gerippe und Totenschädel zu stehen scheinen. Zwar wird recht schnell verraten, dass es sich bei den Moorgeistern um sehr irdische Phänomene im „Misfits“-Outfit handelt, trotzdem sind die Szenen in denen sie auftauchen recht gruselig und beeindruckend gefilmt. Auch für den stämmigen „Mulatten“, zunächst noch ein besonders bedauernswerter Charakter, wird in der zweiten Hälfte des Films zu einem unheimlichen Todesengel, der immer wieder aus den Schatten auftaucht, um jemanden zu meucheln. Dies sind aber nur die Sahnehäubchen auf einen durchweg unterhaltsamen und kurzweiligen Film, der sein Herz auf dem rechten Fleck hat und vor allem auch wegen Peter Cushings exzellenter Darbietung und den pointierten Dialogen zwischen ihm und seinem Feind von der Marine noch heute viele Freunde hat.

Die schöne Blu-ray Veröffentlichung des Hauses Anolis lässt diesen schönen Film in ganz neuer Pracht erstrahlen. Auch der glasklare Ton macht Freude. Neben der guten deutschen Synchronfassung ist natürlich auch der O-Ton an Bord. Richtig punkten kann die Blu-ray in Punkto Ausstattung. War die alte DVD von Koch Media mehr oder weniger „bare bones“, so wird hier groß aufgefahren. Zunächst findet man hier einen informativen Audiokommentar mit Dr. Rolf Giesen, Uwe Sommerlad und Volker Kronz. Hochinteressant ist auch das Featurette „The Making of Captain Clegg“ (32 Minuten). Und sehr hübsch geraten ist das kurze „Die Kutschen des George Mossman“ (7 Minuten), wo man viel über den Mann erfährt, der Hammer mit Kutschen ausstattete. Sonst gibt es noch den US- und deutscher Trailer, sowie britische, deutsche und französische Werberatschläge und eine Bildergalerie. Alles in allem wieder eine tolle Veröffentlichung für einen wirklich schönen Film.

Bericht vom 23. Internationalen Filmfest Oldenburg – Teil 2

Von , 26. Oktober 2016 20:13

ol16_bAm zweiten Tag in Oldenburg stieß mein Weird-Xperience-Kollege Stefan zu mir und unser ähnlicher Filmgeschmack sorgte dafür, dass wir größtenteils dieselben Vorstellungen besuchten. Den Anfang machte ein walisischer Film im „Studio“. Ein Kino, welches ich bisher nicht kannte, und das seit diesem Jahr in der Kulturetage, gleich neben dem cineK, zu finden ist. Dafür wurde der Raum, in dem sich vor zwei Jahren noch die VIP-Lounge des Filmfestes befand, umgebaut. Man merkt deutlich, dass der sehr geräumige Raum ursprünglich nicht als Kino gedacht war, denn das Kino macht einen ähnlich „improvisierten“ Eindruck wie die Spielstätte im Theaterhof oder in der Exzerzierhalle. Aber die gerade im Gegensatz zur Exzerzierhalle sehr intelligent angebrachten Sitzreihen erlauben nicht nur einen hervorragenden Blick auf die große Leinwand, sondern sind auch sehr bequem. Etwas, was man durchaus zu schätzen weiß, wenn man im „Studio“ drei Filme hintereinander anschaut.

Regisseur Euros Lyn hat mit The Library Suicides seinen ersten Kinofilm realisiert. Vorher hatte er eine „Sherlock„- und diverse „Dr. Who“- und „Daredevil„-Episoden inszeniert. Das merkt man dann auch, da dem Film eine eigene Handschrift fehlt, und er tatsächlich auch stark an eine Folge einer ambitionierten TV-Serie erinnert. Das ist alles sehr professionell gemacht und schön fotografiert, aber sticht dabei nicht wesentlich aus ähnlich gelagerten, kompetent gefilmten Thrillern hervor. Punkten kann „The Library Suicides“ aber mit seinen wirklich lebendigen und liebenswerten Charakteren. Insbesondere Catrin Stewart spielt die optischen identischen, aber charakterlich sehr unterschiedlichen Zwillinge einfach sensationell gut. Aber auch Dyfan Dwyfor als sympathischer, etwas chaotischer Nachtwächter ist absolut liebenswert und lädt den Zuschauer ein, mit ihm mitzufiebern.

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Blu-ray Rezension: „Die Todeskarten des Dr. Schreck“

Von , 14. Februar 2016 17:09

todeskartenschreckFünf Männer (Christopher Lee, Donald Sutherland, Roy Castle, Alan Freeman und Neil McCallum) müssen sich bei ihrer Bahnfahrt von London nach Bradley ein Abteil teilen. Kurz vor der Abfahrt des Zuges steigt noch ein sechster Mann(Peter Cushing) hinzu. Dieser nennt sich „Dr. Schreck“ und bietet den fünf Männern an, ihnen mit Hilfe seiner Tarot-Karten die Zukunft vorherzusagen. Leider erweist sich diese für jeden der fünf Männer für wenig erstrebenswert, denn einer nach dem anderen bekommen sie es mit Werwölfen, mörderischen Pflanzen, Voodoo-Zauber, einer abgetrennten Hand mit Eigenleben oder Vampiren zu tun…

1965 war das Jahr, in dem den legendären Hammer-Studios ein Konkurrent in Sachen „House of Horror“ erwuchs. Die ebenfalls britischen Amicus Studios hatten zuvor leichte Musikfilme produziert und probierten nun ein Stück von dem großen Kuchen „Horror“ abzuschneiden, den in England zu dieser Zeit nur Hammer verspeiste. Dazu wurden die beiden größten Stars der Hammer-Studios eingekauft, Peter Cushing und Christopher Lee, sowie die Talente hinter der Kamera, wie hier Freddie Francis, zur Konkurrenz gelockt. Freddie Francis ist von Hause aus Kameramann, durfte sich aber bereits 1963 bei Hammer auf den Regiestuhl setzen und dreht dort nicht nur „Frankensteins Ungeheuer“ drehen, sondern auch eine Reihe dunkler Psycho-Thriller, wie „Haus des Grauens“ oder „Der Satan mit den langen Wimpern“. Bei seinen Regiearbeiten bewies Freddie Francis jedes Mal, dass er vor allem ein Augenmensch mit dem besonderen Blick für das Ungewöhnliche und die perfekte Einstellung ist. In „Die Todeskarten des Dr. Schreck“ vertraut er hinter der Kamera auf das Talent von Alan Hume, dem Stammkameramann der „Carry On..“-Reihe, der zuvor aber auch Hammers „Der Kuss des Vampirs“ fotografiert hatte. Zurecht, denn „Die Todeskarten des Dr. Scheck“ sieht sehr gut aus. Nicht nur die stimmige Fotografie im engen Bahnabteil ist sehr gelungen, auch die düster-bunten Bilder vor allem aus der ersten und zweiten Episode wissen zu gefallen.

Für das Drehbuch zeichnete sich Produzent Milton Subotsky verantwortlich, der bereits in den 40er Jahren vor hatte, einen Anthologie-Film zu drehen. Für seine erste Horrorproduktion griff Subotsky also in die Schublade und fand dort fünf Kurzgeschichten, die mit dem Werwolf, dem Vampir, Voodoo, der tödlichen Pflanze und der gruseligen Hand aus dem Totenreich einige populäre Themen aufgriffen, die das Genre schon länger begleiten. Allerdings, auch dies muss gesagt werden, war Milton Subotsky kein begnadeter Geschichtenerzähler. Gerade hier kränkelt Francis‘ Film ziemlich. Die geheimnisvolle Bahnfahrt ist zwar eine hübsche Idee, doch wenn man darüber zu lange nachdenkt auch wieder sinnlos. Welche Zukunft sagt Dr. Schreck seinen Mitfahrern voraus? Jedenfalls nicht die, welche sie am Ende erwartet. Die Auflösung der ersten Episode ist derart verworren, dass ich auch beim zweiten Mal nicht begriffen habe, wie das alles mit den Werwölfen zusammenhängt. Auch in den weiteren Stories will das Eine nicht immer zum Anderen passen. Insbesondere bei der letzten Episode, die stark an eine „Twilight Zone“-Episode erinnert, macht das Verhalten der Protagonisten keinerlei Sinn und gerade Donald Sutherlands Charakter verhält derartig widersinnig, dass Spannung gar nicht erst aufkommen will. Aber da diese Episode sowieso als schwarze Komödie angelegt ist, möge man Sutherlands Figur ihre naive Dummheit verzeihen. („Ach, sie sagen meine geliebte Ehefrau ist ein Vampir? Na gut, wenn sie meinen. Dann mal her mit dem Holzpflock“.)

Die inhaltlichen Schwächen gleicht der Film durch die oben bereits erwähnte erlesene und sehr stimmungsvolle Fotografie wieder aus, die ein Maximum aus dem knappen Budget herausholt. Aber auch mit der Besetzung der „Körperlose Hand“-Geschichte, die das Highlight des Filmes darstellt, kann gepunktet werden. Christopher Lee ist hervorragend als eitler Kunstkritiker, und der wie immer exzellente Michael Gough gibt einen starken Gegenspieler. Zwischen verschmitzt-listig und zutiefst verzweifelt zeigt Gough alle Facetten seiner, leider immer im Schatten der Stars Cushing und Lee stehenden, Schauspielkunst. Eine sehr natürliche, schon mehr ans New Hollywood als traditionellem britischen Kino angelegte, Darstellung gibt auch der blutjunge Kanadier Donald Sutherland kurz vor dem Sprung zur Weltkarriere. Schade, dass gerade seine Rolle enttäuschend flach geschrieben ist. In den weiteren Filmen aus der Amicus-Schmiede, die dem großen Erfolg von „Die Todeskarten des Dr. Schreck“ folgen sollten, gab Milton Subotsky dann auch die schreibende Tätigkeit an den bekannten US-Autoren Robert Bloch (der u.a. die literarische Vorlage zu „Psycho“ lieferte und gut mit H.P. Lovecraft befreundet war) ab.

Neben der „Körperlosen Hand“ ist die „Voodoo“-Episode der stärkste Teil des Filmes. Nicht nur, weil Francis zusammen mit seinem Kameramann Alan Hume für einige starke Szenen sorgen, sondern vor allem wegen des Soundtracks. In der Rolle des Bandleaders Biff Bailey wurde der Trompeter und Sänger Roy Castle angeheuert. Dieser bringt trotz offensichtlich mangelnder Erfahrung vor der Kamera, genau die richtige Mischung aus Unbedarftheit und Arroganz mit, um seine Rolle glaubhaft zu gestalten. Ferner wurde mit Tubby Hayes ein Jazz-Musiker für die zusätzliche Musik dieser Episode verpflichtet, der für einen akustischen Hochgenuss sorgt. Das Jazz-Arrangement, welches Hayes aus der unheimlichen Voodoo-Melodie geschaffen hat, ist mehr als gelungen und man wünschte sich eine Veröffentlichung auf CD. Tatsächlich soll es aber nur auf einer obskuren und heute sehr, sehr raren Vinyl-Scheibe aufgetaucht sein. Sehr schade. Bei allem Enthusiasmus über das „Voodoo“-Stück sollte man aber nicht vergessen, Elisabeth Lutyens zu erwähnen, die für den „normalen“ Score des Filmes verantwortlich war und hier – gerade in der ersten Geschichte – eine überzeugende Arbeit abgeliefert hat.

Obwohl inhaltlich nicht immer überzeugend, punktet „Die Todeskarten des Dr. Schreck“ mit seinem wunderbaren old-school-Charme, der guten Lee/Gough-Episode, weit überdurchschnittlichem Handwerk und zeitweise brillanter Musikuntermalung.

„Die Todeskarten des Dr. Schreck“ ist die erste Veröffentlichung des jungen Labels Wicked Vison Media, welches aus der Wicked-Vision-Homepage und dem Wicked Vicion Magazin hervorging. Und das Debüt kann sich mehr als sehen lassen. Als Grundlage der Blu-ray wurde ein 4K-Scan des Original-Kamera-Negativs verwendet, der alles aus dem Film herausholt, was möglich ist. Das Bild erstrahlt dadurch insbesondere bei den farbintensiven Episoden „Werwolf“ und „Voodoo“ in neuem Glanze. Auch beim Ton gibt es keinen Grund zum Meckern. Zwar merkt man der deutschen Tonspur ein wenig die Jahre an, die sie auf dem Buckel hat – die englische Tonspur erklingt jedoch makellos. In Punkte Extras schöpft Wicked Vision Media aus dem Vollen und lässt die Augen und Ohren leuchten. Nach einem nett gefilmten Intro, in dem Filmwissenschaftler Dr. Rolf Giesen für Experten keine neuen, für Einsteiger aber recht interessanten Kurz-Informationen zum Besten gibt, kann man sich aussuchen, ob man den Film vielleicht auch mit dem Audiokommentar des Regisseurs Freddie Francis oder lieber noch mit dem Audiokommentar des Duos Dr. Rolf Giesen und Uwe Sommerlad ansehen möchte. Ein Highlight der Veröffentlichung ist eine fast einstündige Doku des britischen Filmemachers Jake West, der zahlreiche Zeitzeugen zu „Die Todeskarten des Dr. Schreck“ befragt. Wer die HD-Version damit vergleichen will, wie der Film bei uns im Kino aussah, für den ist noch eine Abtastung der deutschen 35mm-Fassung mit dabei. Weitere Extras beinhalten die deutsche Titel- und Endsequenz, den deutschen, englischen und italienischen Kinotrailer, die internationale Titel- und Endsequenzen, diverse Bildergalerien, Werberatschläge und Programm- und Pressehefte. Easter Eggs soll es auch geben, habe ich aber nicht nach gesucht. Ferner kann der Fan auf der Tonspur zwischen dem Originalton, der restaurierten deutschen Kinosynchro und der deutschen TV-Synchro wechseln. Toll. Noch toller ist allerdings die Ankündigung, dass Wicked Vision Media in diesem Jahr noch David Cronenbergs „Die Brut“, Mario Bavas „Hatchet for the Honeymoon“ und vor allen Dingen –*tusch* – eine Jean-Rollin-Reihe herausbringt. Wenn das kein Grund zu ekstatischer Freude ist…

DVD-Rezension: “Sie sind verdammt”

Von , 22. Oktober 2015 19:19

siesindverdammtDer Amerikaner Simon Wells (Macdonald Carey) befindet sich mit seiner Segel-Yacht auf einer Törn vor der Küste Englands. Als er in einer kleinen Küstenstadt festmacht, wird er dort Opfer eines Überfalls durch eine Bande Jugendlicher, die von King (Oliver Reed) angeführt wird. Bald schon kreuzen sich Wells Wege wieder mit denen von Kings Schwester Joan (Shirley Ann Field), die von der Bande als Lockvogel genutzt wird. Joan schließt sich gegen den ausdrücklichen Willen ihres Bruders Wells an. Dies führt zu weiteren Konfrontationen mit Kings Bande, in dessem Verlauf sowohl Wells und Joan, als auch King auf ein sorgsam abgeschirmtes militärisches Gelände geraten. Hier wacht der geheimnisvolle Bernard (Alexander Knox) über ein streng geheimes Projekt. Wells und Joan stürzen von King verfolgt ins Meer. Sie werden von einem Jungen aufgelesen, der sie in ein unterirdischen Bunker-Komplex bringt. Hier treffen die Beiden auf noch mehr Kinder, die allerdings alle seltsam kalt sind…

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Nach vielen Jahren erhält die Hammerproduktion „Sie sind verdammt“ endlich eine deutsche Heimkinoauswertung. Die lange Wartezeit muss mit Lizenzproblemen zusammenhängen, denn anders ist es nicht zu erklären, dass dieses Kleinod bisher ein Dornröschenschlaf erdulden musste. „Sie sind verdammt“ ist einer der ungewöhnlichsten Filme, die aus den Hammer Studios kamen und gleichzeitig auch einer der Besten. Ein Film, der sich nicht in Schubladen stecken lässt. Häufig läuft er unter dem Label „Science Fiction“, was durchaus nicht ganz falsch, aber auch nicht wirklich richtig ist. Er verwirrt seine Zuschauer, legt falsche Fährten, um dann seine losen Fäden zu einem Seilen zu binden, welches sich dem Zuschauer langsam um den Hals legt und ihm dann erbarmungslos die Kehle zuschnürt. Dabei nimmt „Sie sind verdammt“ bereits 1963 Bilder und Themen auf, die sich bei Stanley Kubrick in seinen später entstandenen Meisterwerken „Dr. Seltsam“ und „Uhrwerk Orange“ wiederfinden. Zumindest hallen einem diese beiden Film im Kopf wieder, sobald „Sie sind verdammt“ zu Ende ist.

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Inszeniert wurde „Sie sind verdammt“ von Joseph Losey, einem der interessantesten amerikanischen Regisseure, dem heute leider nicht der Platz in der Filmgeschichte eingeräumt wird, der ihm zusteht. Sein „Der Junge mit den grünen Haaren“ hat mich als Kind nachhaltig verstört, „Im Visier des Falken“ dann als Heranwachsender. Werke wie „Der Mittler“ oder „Monsieur Klein“ begeisterten noch heute die Kritiker. „Sie sind verdammt“ gehört in die zweiten Phase seines Werkes. Als er der USA den Rücken kehrt musste, da er wegen kommunistischer Sympathien unter den Bann der Behörden geraten war und in Europa sein Glück suchte (und fand). Unterstützt wird er durch die fantastische Kameraarbeit von Arthur Grant (der bei zahlreichen Hammer-Fan-Favoriten der zweiten Reihe die Kamera führte), dem grandiosen Set-Design von Don Mingaye (wie Grant ein Hammer-Veteran), der grandiosen und sehr stimmungsvollen Musik von Hamer-Stammkomponist James Bernard und natürlich von den Darstellern. Zwar ist es etwas unwahrscheinlich, dass eine junge, sehr attraktive Dame in einen älteren, langweilig wirkenden Herrn verliebt und dessen machohaft-ruppigen Annäherungsversuchen spontan erliegt. Aber andererseits ist der Amerikaner Simon Wells für die junge Joan mehr ein Ausweg aus der Umklammerung ihres Bruders, als eine echte Liebesaffäre. Das ambivalent-ungesunde Verhältnis zwischen Joan und King wurde von Losey zunächst deutlicher betont, dann aber von den Produzenten etwas entschärft. Aber man muss mit Blindheit geschlagen sein, um es nicht in jeder Szene, die beide zusammen haben, zu erkennen.

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Der blutjunge Oliver Reed dominiert den Film zunächst. Sein elegant gekleideter King, der zu dem rockigen Swing des großartigen Songs „Black Leather“ arglose Touristen zusammenschlägt, erinnert stark an den Alex aus „Uhrwerk Orange“ und Reed wäre 1961 sicherlich eine Traumbesetzung für den einerseits dandyhaften, andererseits brutal-grobschlächtigen Gewalt-Junkie gewesen. Umso bewundernswerter die Wandlung, wenn Reed aufgrund der sich langsam entwickelnden Ereignisse die Kontrolle verliert und zunehmend verwirrter und hilfloser einer Welt gegenübersteht, die um einiges brutaler agiert als er und dabei mit emotionsloser Kälte vorgeht. Ebenso zwiespältig wird der eigentliche Antagonist vorgestellt. Der von Alexander Knox brillant gespielte Bernard würde sich selber sicherlich nie als Schurke in diesem Stück sehen. Im Gegenteil, ist er felsenfest davon überzeugt, dessen Held zu sein. Derjenige, der tut, was getan werden muss. Derjenige, der am Ende unter großen persönlichen Opfern die Menschheit rettet. Bernard ist der perfekte Nazi. Menschenverachtend, dass einem übel dabei wird, aber selber felsenfest davon überzeugt, das Gute zu repräsentieren. So schwankt Knox‘ Darstellung dann auch zwischen gütiger Onkel und eiskalter Technokrat, der ohne mit der Wimper zu zucken über Leichen geht.

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Gedreht wurde „Sie sind verdammt“ bereits 1961. In die Kinos kam er aber erst 1963. In Deutschland erlebte er seine Premiere sogar erst am 23.9.1973 in der ARD. Nicht auf der großen Leinwand – wo er hingehört – sondern im Fernsehen. Der Grund dafür ist offensichtlich. Ein solch nihilistisches Werk, dessen Ende einem noch lange das Gefühl gibt, gehörig zwischen die Beine getreten worden zu sein, war seiner Zeit weit voraus. Ein Film, der einem jede Hoffnung raubt und die Tränen in die Augen treibt ist auch keiner, der ins Portfolio der Hammer Studios passt. Wo am Ende das Monster doch immer besiegt wieder wurde – auch wenn es im nächsten Film wieder auferstand. „Sie sind verdammt“ ist dazu die Antithese. Das Monster hat gesiegt, alle Hoffnung ist dahin. Was bleibt sind die verzweifelten Schreie der Kinder.

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„Sie sind verdammt“ ist ein beinahe vergessenes Meisterwerk, welches seiner Zeit voraus ist und den Zuschauer nachhaltig verstört. Grandiose Darsteller, eine wunderschöne Bildgestaltung und eine fantastische Ausstattung sind das i-Tüpfelchen auf einer lange nachhaltigen Parabel über Gewalt in all seinen Ausprägungen und den ganz normalen Faschismus.

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Der Film erlebt bei Explosive Media seine Heimkino-Premiere. Zuvor war er noch nicht einmal auf VHS – zumindest lässt sich darüber nichts finden – erhältlich. Umso schöner, dass sich die DVD bildtechnisch wirklich sehen lassen kann. Das schöne, schwarz-weiße Breitwand-Bild lässt wenig zu wünschen übrig. Neben der Originaltonspur liegt auch die alte TV-Synchronisation vor. Auf Letztere muss man auch als O-Ton-Hörer ab und zu zurückgreifen, denn es gibt leider keine Untertitel und der englische Slang ist an einigen Stellen etwas schwer verständlich. Auch gibt es bis auf einen Trailer keinerlei Extras, was in diesem Falle ganz besonders schade ist. Aber man muss froh sein, dass diese kleine Juwel endlich in Deutschland verfügbar ist.

DVD-Rezenion „Foxtrot – Tödliches Inselparadies“

Von , 31. März 2015 20:58

FoxtrotDer rumänische Graf Liviu (Peter O’Toole) flüchtet zusammen mit seiner Frau Julia (Charlotte Rampling), seinem Diener Eusebio (Jorge Luke) und seinem Freund und ehemaligen Militär-Ausbilder Larsen vor den langsam am Horizont aufziehenden Zweiten Weltkrieg. Liviu hat sich eine unbewohnte Insel in der Südsee gekauft, wo er den gewohnten Status Quo in Ruhe weiterführen will. Dazu wird am Strand ein großes Zelt erreichtet, indem Liviu und seine Frau residieren, während in einigem Abstand in kleineren Zelten Eusebio und Larsen wohnen. Eines Tages erhalten die vier Besuch von einem mit Liviu befreundeten Waffenhändler (Claudio Brook), der mit einer schieß- und feierwütigen Gesellschaft auf der Insel einfällt. Als sie wieder abreisen, schenkt er Liviu ein Gewehr. Bald schon kommt es zu Spannungen zwischen Liviu und seiner Frau auf der einen, und Larsen und Eusebio auf der anderen. Larsen stellt fest, dass nun „alles allen gehört“ . Als Julia Liviu offenbart, dass Larsen sie vergewaltigt hätte, greift dieser zum Gewehr…

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Der mexikanische Regisseur Arturo Ripstein begann seine Karriere als Assistent von Luis Buñuel bei dessen Film „Der Würgeengel“. Ab 1966 drehte er selber Spielfilme, bei denen er häufig mit berühmten lateinamerikanischen Schriftstellern zusammenarbeite. Bei seinem Debüt „Tiempo de morir“ schrieben beispielsweise Carlos Fuentes und Nobelpreisträger Gabriel García Márquez das Drehbuch. Ripstein gilt als kompromissloser Filmemacher, der sich ganz seiner Vision und nicht irgendeinem Publikumsgeschmack verpflichtet fühlt.Vielleicht liegt hier der Grund dafür, dass sein eigenwilliges Werk bis auf ganz wenige Ausnahmen, nie den Weg nach Deutschland fand. Eine dieser Ausnahmen ist „Foxtrot“, der mit Peter O’Toole, Max von Sydow und Charlotte Rampling gleich mit drei hochkarätige Stars in den Hauptrollen aufwarten kann. In den USA wurde der Film von Roger Corman vertrieben, in Deutschland erlebte er seine Premiere auf Video und erhielt dort neben einem martialischen Coverbild noch den Untertitel „Tödliches Inselparadies“. Die Corman-Verbindung verwundert etwas, da der Film nicht das exploitive Material liefert, welches man vom „King of the B’s“ erwartet. Vermutlich wurde er in den USA als harter Revenge-Thriller vermarktet.

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Aber mit Exploitation hat Ripstein nichts am Hut. Sein sehr langsam erzählter, oftmals traumwandlerisch wirkender Film, ist vielmehr als Allegorie auf alte Machtstrukturen gerade in Ripsteins Heimatland Mexiko zu verstehen. Die vier Personen, die sich auf der einsamen Insel einfinden, sind ganz klare Rollen zugeordnet. Der lethargische Adel, der allein aufgrund seines Reichtums die Legitimation erhält, über die anderen zu bestimmen. Der Militär, der sich einschmeichelt, vorgibt jede Seite zu unterstützen, aber im Hintergrund intrigiert, um still und heimlich seine Machtübernahme vorzubereiten. Das Proletariat, welches in seiner Unmündigkeit zum Spielball fremder Interessen wird und sowohl vom Adel als auch vom Militär zu deren Zwecken instrumentalisiert wird. Und zu guter Letzt ist da die Frau. Das fleischgewordene Begehren. Jeder der drei Parteien will sie besitzen. Der Adel zwingt sie in finanzielle Abhängigkeit, das Militär nimmt sie sich mit Gewalt und für das Proletariat bleibt sie der unerreichbare Traum, den es anschmachtet. Um diese Konstellation herum strickt Ripstein seine Geschichte.

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Angereichert wird „Foxtrot“ mit einem guten Schuss Sozialkritik. Nicht umsonst flieht Graf Liviu aus dem vom Krieg bedrohten Europa, in denen die alten Strukturen nicht mehr länger bestand haben werden, nur um auf einer abgelegenen Insel eben jene Strukturen en minatur neu zu etablieren. Allerdings fehlt ihm der Antrieb, um aktiv für den Erhalt seiner Macht zu kämpfen. Er herrscht, weil es sich in seiner Welt so gehört und allein sein Titel ihn dazu legitimiert. Dieser schwache Adel ist ein leichtes Opfer für das Militär, welches diese Schwäche ebenso skrupellos ausnutzt, wie die Unwissenheit und unentschlossene Angst des Proletariats. Larsen wäre es ein leichtes, die Kontrolle über die Insel zu bekommen und sich das zu nehmen, was er begehrt, nämlich die schöne Julia. Allein das Gewehr, welches Liviu von einem seiner dekadenten Freunde überreicht bekam, hindert ihn daran. So wird die Waffe am Ende das einzige Instrument zur Ausübung von Macht, welches Liviu bleibt. Eventueller Respekt ist spätestens bei dem albernen Fang-die Mütze-Spiel zerbrochen, welches seine ganze Ohnmacht offenbart. Doch die Waffe wird nicht nur Livius Status wieder herstellen, sondern auch gleichzeitig seinen Untergang und die der Mini-Gesellschaft auf der Insel einleiten.

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Mit dem kraftlosen O’Toole hat Ripstein die ideale Besetzung gefunden. O’Toole wirkt wie eine lebende Leiche, sitzt oftmals teilnahmslos herum und jede Konfrontation mit Larsen scheint ihm unendlich viel Kraft zu kosten. Das einst so schöne Gesicht ist hier bereits vom Alkohol gezeichnet und gleich in einer der ersten Szenen lässt er gedankenverloren die Asche seiner Zigarre auf eine wichtige Seekarte fallen, was der Kapitän mit einem perplexen Blick quittiert. Hier hat man nicht unbedingt das Gefühl, dass die Szene so geplant war, sondern sich eine Panne bei den Dreharbeiten zum Sinnbild für die Gedankenlosigkeit Livius verselbständigte. Ihm gegenüber steht der virile Max von Sydow als Larsen, der Liviu an Kraft und Größe deutlich überlegen ist, den direkten Kampf allerdings scheut. Stattdessen gibt er Liviu das Gefühl, weiterhin am Schalthebel der Macht zu sitzen. Dabei hat er für sich schon lange beschlossen, den Spieß gründlich umzudrehen. Demgegenüber wirkt der vom mexikanischen Schauspieler Jorge Luke gespielte Eusebio fast schon ängstlich und stets unauffällig bis hin zur Unsichtbarkeit. Er wird von allen nur benutzt und manipuliert, um am Ende dann selbst nicht mehr zu wissen, was er eigentlich will. Am Liebsten würde er da den Status Quo wieder herstellen. Die wunderschöne Charlotte Rampling spielt die Julia in der ihr eigenen heiß-kalten Art und lässt den Zuschauer in den eisigen Gebirgsseen ihrer Augen versinken. Dabei wird nie ganz klar, zu welcher Seite sie hält, warum sie bei Liviu ist und ob sie am Ende tatsächlich von Larsen vergewaltigt wurde oder mit dieser Behauptung ihre eigene Agenda verfolgt. Ein Mysterium, welches Arturo Ripstein auch verweigert aufzuklären.

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Arturo Ripstein inszeniert seinen Film sehr langsam und optisch leider recht unspektakulär. Tatsächlich wirkt der Film eher wie eine preisgünstige TV-Produktion und weniger wie großes Kino. Zwar wird die Schönheit der Insel (in Wirklichkeit die mexikanische Küste) von seinen Kameras eingefangen, doch statt Weite zu suggerieren, wirkt die Insel eng und muffig. Sicherlich ein gewollter Effekt. Dazu trägt auch bei, dass Ripstein seinen Film wie durch eine Gazeschleier gefilmt hat, was teilweise an David Hamiltons schwülen Erotikfilme denken lässt, und eine einlullende, gedämpfte Stimmung hervorruft. Das träge Tempo wird auch im unspektakulären Finale nicht gebrochen, scheinbare Höhepunkte bewusst klein gehalten. Kein vordergründiger Effekt sollen offenbar von der Allegorie ablenken, was auf den Zuschauer eine zunehmend einschläfernde Wirkung hat. Dazu passt das minimalistische Spiel der Darsteller ebenso, wie der weitgehende Verzicht auf Filmmusik und handfeste Aktionen.

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Der mexikanische Regisseur Arturo Ripstein inszeniert seine mit Weltstars besetzte, intelligente Allegorie auf verkrustete Machtstrukturen visuell leider auf TV-Niveau. Die sehr langsame, unspektakuläre Erzählweise fordert zudem den Durchhaltewillen des Zuschauers heraus.

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Die Bildqualität der bei Exclusive Media erschienenen DVD lässt sich schlecht beurteilen, da der Films scheinbar mit sehr starken Weichzeichnern gefilmt wurde, weshalb das Bild nicht nur sehr weich, sondern auch leicht verschwommen und an den Rändern ausfransend erscheint. Da dies aber offenbar eine künstlerische Entscheidung bei den Dreharbeiten war, kann man dies den Machern der DVD nicht vorwerfen. Der Ton liegt in Deutsch und Englisch jeweils in Mono vor. Die deutsche Synchronisation wurde für die Videoveröffentlichung hergestellt und klingt trotz bekannter Synchronsprecher sehr steril. Demgegenüber ist die O-Ton-Spur recht dumpf und schlechter zu verstehen. Extras gibt es überhaupt keine. Nicht einmal ein Trailer wurde dieser Veröffentlichung spendiert.

Blu-ray Rezension: “Hände voller Blut“

Von , 9. November 2014 13:39

hände voller blutDr. Pritchard (Eric Porter) nimmt mit seinem Sohn an einer Séance teil, die er sofort als Betrügerei entlarvt. Als das Medium direkt nach der Séance brutal umgebracht wird, nimmt sich Dr. Pritchard der jungen Anna (Angharad Rees) an, die er zwar für die Mörderin hält, aber auch als interessantes Studienobjekt betrachtet. Dr. Pritchard versucht im Sinne Freuds das Wesen des Bösen zu erklären und es dadurch heilbar zu machen. Was Dr. Pritchard nicht weiß: Anna ist die Tochter des berüchtigten Jack the Ripper, dessen Geist immer wieder in das junge Mädchen fährt und sie zu fürchterlichen Taten zwingt…

Nachdem Hammer in den 50er und 60er Jahren höchst erfolgreich die bekannten Monster aus den Horror-Klassikern der Universal-Studios wiederbelebt hatte, wand sich das Studio 1971 einem ur-britischen Thema zu: Dem berüchtigten Jack, the Ripper. Neben „Hände voller Blut“ entstand im selben Jahr noch „.Dr. Jekyll und Schwester Hyde“, der die Figur des Rippers ebenfalls aufgriff. Im Vergleich zu den 50er und 60er Jahren hatten sich die Zeiten stark geändert. Dem Publikum musste man mittlerweile mehr bieten als die klassischen Horrorfilme um Dracula und Frankenstein. Sex und Gewalt bestimmten die Filme, die vor allem aus Amerika über den großen Teich schwappten. Und auch die Hammer-Filme wagten mehr in diesem Bereich. Die 70er Jahre läuteten bei Hammer eine neue Ära ein. Dass diese leider recht kurz sein würde, ahnte zu diesem Zeitpunkt noch niemand.

Der ungarische Regisseur Peter Sasdy hatte bereits 1969 bei „Wie schmeckt das Blut von Dracula“ Regie geführt. 1971 nun inszenierte er zwei Filme, die damals an der Kinokasse nicht besonders erfolgreich waren, heute aber – gerade durch ihre ungewöhnliche Dramaturgie – ihre Anhänger haben: „Comtesse des Grauens“ und eben „Hände voller Blut“. Beiden ist gemeinsam, dass es keine klar als gut oder böse definierten Protagonisten gibt. Insbesondere bei „Hände voller Blut“ schwankt der Zuschauer, wem er seine Sympathien zuteilwerden lässt. Das nominell Böse in diesem Film ist die junge Anna, die aber zugleich auch ein unschuldiges Opfer ist, welches unter dem „Fluch“ des Rippers leidet und der man nichts mehr als die Erlösung wünscht. Auf der anderen Seite haben wir Dr. John Pritchard, der auf der Seite der Guten stehen müsste. Will er doch das Böse erforschen und „heilbar“ machen. Doch weißt asoziale Tendenzen auf. Zwar ist ihm das junge Mädchen nicht egal – doch hierfür hat er seine ganz eigenen Motive. Dass er es ausgerechnet im Zimmer seiner verstorben Frau einquartiert, spricht da Bände. Ebenso seine Annäherung an die Patientin, die doch eigentlich noch ein Kind ist. Jederzeit hat man das Gefühl, er würde gleich über sie herfallen. Gleichzeitig nimmt er bewusst den Tod mehrerer Menschen im Kauf, um seine Studien weiterführen zu können. Dr. Pritchard ähnelt in beiderlei Hinsicht stark an den von Peter Cushing für die Hammer-Studios porträtierten Dr. Frankenstein, hinter dessen knöcherner Fassade auch immer eine unheilvolle Leidenschaft loderte.

Besonders interessant ist die ambivalente Charakterzeichnung im Falle von Derek Godfrey, der den bigotten Abgeordneten Dysart spielt. Dysart wäre prädestiniert für die Schurkenrolle in diesem Film. Er ist arrogant, egozentrisch und versucht gleich zu Beginn die junge Anna zu vergewaltigen, nachdem diese sich nicht prostituieren will. Doch gleichzeitig ist Dysart auch die Stimme der Vernunft, die Dr. Pritchard sehr früh vor Anna warnt und dessen Argumente jederzeit nachvollziehbar und logisch bleiben. Würde dieses Ekel nur etwas mehr Initiative zeigen, wäre er sogar der klassische Held in „Hände voller Blut“. Helden gibt es hier aber keine. Dr. Pritchards Sohn bleibt bis zum Ende passiv und trägt zur Geschichte eher wenig bei. Seine blinde Verlobte könnte diese Rolle übernehmen. Ist sie doch eine der ganz wenigen, wirklich liebenswerten Figuren in diesem Film. Doch auch sie durchschaut die Zusammenhänge nicht und wird dadurch am Ende fast zum Opfer. Gerade die Weigerung der simplen Schwarz-Weiß-Malerei macht „Hände voller Blut“ zu einem außergewöhnlichen Horrorfilm, dessen realistisch gezeichneten Figuren die Empathie des Zuschauers gewinnen und die ihm gerade deshalb auch nicht egal sind.

Natürlich kann dies nur funktionieren, wenn man besonders gute Schauspieler zur Hand hat, und die hat Sasdy. Jeder Darsteller passt perfekt zu seiner Figur. Man kann sich am Ende auch keinen der bekannteren „Hammer“-Namen – auf die Sasdy komplett verzichtet -, wie Lee, Cushing oder Michael Gough in den Rollen vorstellen. Gerade dadurch, dass man die Schauspieler noch nicht in unzähligen anderen Rollen gesehen hat, gewinnen sie an Glaubwürdigkeit. Ebenfalls bemerkenswert ist es, in welcher Art und Weise mit den phantastischen Elementen umgegangen wird. Zwar wird als Zugeständnis an den Horrorfan gezeigt, wie sich vor den Morden die Hände der bemitleidenswerten Anna verändern, doch dies der einzige konkrete Hinweis auf etwas Übernatürliches. Ebenso gut kann die ursprüngliche Diagnose Dr. Pritchards auch als richtig angesehen werden und Anna durch das frühkindliche Trauma „nur“ an einer schizophrenen Störung leiden. Auch die Einflüsterungen des Rippers müssen nicht auf Besessenheit zurückgeführt werden, sondern können sich allein im psychisch angeschlagenen Kopf des Mädchens manifestieren.

Neben den vorzüglichen Darstellern und dem durchdachten Drehbuch, kann der Film auch in Sachen Filmmusik und Ausstattung punkten. Da in den Pinewood-Studios noch die Kulissen des Billy-Wilder-Films „Das Privatleben des Sherlock Holmes“ zur Verfügung standen, sieht der Film nach einem sehr viel höheren Budget aus, als tatsächlich zur Verfügung stand. Ebenfalls beachtlich sind die Spezialeffekte, die für ihre Zeit ausgesprochen drastisch daher kommen. Insbesondere ein von einer Hutnadel durchbohrtes Auge bleibt in Erinnerung. Wobei der außergewöhnlich hohe Gewaltanteil zwar die erst eine Dekade später stattfindende Slasher-Welle vorwegnimmt, aber sich gleichzeitig auch in den Dienst einer gut erzählten Geschichte stellt. Also nicht selbstzweckmäßig daher kommt.

„Hände voller Blut“ ist einer der Höhepunkte der späten Produktions-Phase der „Hammer“-Studios. Durch seine komplexe Charakterisierung und den hohen Anteil grafischer Gewalt unterscheidet er sich deutlich von den Werken, für die das Studio in den 50er und 60er Jahren bekannt geworden ist. Die für ein „Hammer“-Produkt ungewohnten Schauspieler sind perfekt besetzt und tragen dazu bei, dass die tragische Geschichte der Anna einen bleibenden Eindruck hinterlässt.

Die Blu-ray aus dem Haus Anolis ist sehr gelungen. Die Qualität des Bildes schwankt etwas zwischen gut und ausgezeichnet. Das kann man von den Extras nicht behaupten, die diese zeichnen sich durch die Bank weg durch höchstes Niveau aus. Da ist zunächst einmal die äußerst interessante Doku „The Devils bloody Playground“, die fast eine halbe Stunde läuft. Weitere Informationen erhält man durch ein unterhaltsames Interview mit Regisseur Peter Sasdy (19 Minuten). Hervorragend auch die beiden Audiokommentare. Ein speziell für die diese Veröffentlichung erstellter Track mit Dr. Rolf Giesen und Ivo Scheloske, sowie ein englischer Audiokommentar mit Angharad Reese, Stephen Jones und Kim Newman. Diverse Trailer, Werberatschläge und eine 7-minütiger Vergleich mit der geschnittenen US-TV-Fassung.

DVD-Rezension: „80 000 Meilen durch den Weltraum“

Von , 1. August 2014 22:27

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Die geheime Regierungsorganisation S.H.A.D.O. (Supreme Headquarters Alien Defence Organisation) kämpft gegen Außerirdische, die Menschen entführen, um diese als Ersatzteillager zu missbrauchen.

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80 000 Meilen durch den Weltraum“. Das klingt nach Abenteuern auf fernen Welten, nach Jules Verne und Reisen durch fremde Galaxien. Dummerweise hat der deutsche Titel aber nichts mit dem hier vorliegenden Film zu tun. Dieser ist der Zusammenschnitt dreier Folgen der britischen Serie „U.F.O.“. Durch das All wird zwar geflogen, aber lediglich bis zum Mond, wo die geheimnisvolle Organisation „S.H.A.D.O.“ – welche die Erde vor Körper raubende Aliens verteidigt – eine Basis besitzt. Fast 90% des Filmes spielt allerdings auf der Erde. In einem futuristischen England des Jahres 1980, um genau zu gehen. Denn obwohl „80.000 Meilen durch den Weltraum“ erst 1977 in die deutschen Kinos kam, stammt die Originalserie aus dem Jahre 1969 – und da lag das Jahr 1980 noch in der Zukunft. Deshalb wurden aus dieser Fassung dann auch kurzerhand alle Zeitangaben entfernt. Dass das Material allerdings weitaus älter ist, als einem weiß gemacht werden sollte, merkt man schnell, denn „U.F.O.“ war mit seinem poppigen Perücken und den hübsch geschneiderten Anzügen stark in seiner Zeit verhaftet und wirkt älter als z.B. die zur gleichen Zeit entstandene Kult-Serie „Raumschiff Enterprise“.

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Versucht man etwas mehr über diesen Zusammenschnitt herauszufinden, stößt man schnell auf Widersprüche. In der IMDb wird angegeben, dass der Film 1974 als „Invasion: UFO“ entstanden sei. In den internen Reviews dort, wird davon gesprochen, dass es sich um einen Zusammenschnitt der Folgen „Identified“, „Computer Affair“ und „Reflections in the Water“ handeln würde. Liest man sich allerdings die Inhaltsangaben dieser drei Folgen durch, so haben sie nichts mit „80.000 Meilen durch den Weltraum“ zu tun. Auch die OFDb verweist auf „Invasion: UFO“, hat aber 1972 als Produktionsjahr angeben. In weiterführenden Informationen weist der User Moonshade darauf hin, dass hier die Folgen „The Cat with Ten Lives“, „Psychobombs“ und „Timelash“ zusammengemischt wurden. Was – liest man wiederum die Inhaltsangaben dieser Folgen – auch korrekt ist. Um die Konfusion noch komplett zu machen, scheint es auch einen italienisch produzierten Zusammenschnitt namens „UFO …annientare S.H.A.D.O. stop. Uccidete Straker…“, der ebenfalls von 1974 stammen soll und bei dem als Regisseur einen Alan Perry hatte. Dieser hat auch fünf Folgen der Serie inszeniert, aber keine der oben genannten. Diese Version wurde in Deutschland dann „Weltraum-Kommando S.H.A.D.O.“ auf Video veröffentlicht. Natürlich mit einem Cover und einem Klappentext, der nichts mit „U.F.O.“ zu tun hat. Laut Wikipedia wurden in Italien noch mehrere U.F.O.-Zusammenschnitte produziert und der hier vorliegende Spielfilm ist mit „Allarme rosso… Attacco alla Terra!“ von 1973 identisch (der laut IMDb wiederum ein Alternativtitel zu „Invasion: UFO“ sein soll).

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Vor diesem Hintergrund ist der Film natürlich schwer zu beurteilen. Die drei Folgen wurden gnadenlos gekürzt, um in das viel zu geringen Zeitraster von 80 Minuten zu passen. Zudem sind die Episoden ziemlich wahllos ausgewählt und haben auch keinen Zusammenhang. Von der Tatsache natürlich abgesehen, dass in allen gegen die Aliens gekämpft wird, was allerdings für jede Folge der Serie gilt. Dadurch wird es dem Zuschauer unmöglich gemacht, mit irgendeiner der handelnden Personen eine emotionale Bindung einzugehen. Auch die Hauptfigur Commander Ed Straker (gespielt von Ed Bishop) bleibt einem fremd. Von den in der Serie wichtigen Nebenfiguren, ganz zu schweigen. Am Anfang glaubt man noch, Lt. Jim Regan würde eine wichtige Rolle spielen, und er ist auch einer der wenigen, denen so etwas wie eine Charakterentwicklung zugestanden wird. Doch nach 20 Minuten stellt sich heraus, dass er nur Gaststar der Woche war. Und das war es dann mit ihm. Immerhin ist diese Erkenntnis für Leute, die die Serie nicht kennen, für eine dicke Überraschung gut. Da der Folge fast die Hälfte ihrer Spielzeit fehlt, wirkt vieles gehetzt und abgehakt. Insbesondere die Geschichte mit der Katze sorgt eher für Kopfkratzen, als für Spannung.

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Ähnliches gilt für die zweite Episode, die einfach hinter das plötzliche Ende der ersten geklatscht wurde. Bevor man sich überhaupt orientieren kann, wer denn nun plötzlich die neuen Figuren sind und was mit ihnen geschieht, ist sie fast wieder vorbei. Außerdem taucht plötzlich eine in der Serie scheinbar nicht ganz unwichtige Nebenfigur auf – doch ohne dieses Hintergrundwissen, fragt man sich nur, warum jetzt plötzlich eine der „Besessenen“ bei ihm auftaucht, ohne dass er Verdacht schöpft. Dass es sich bei der Dame um seine Sekretärin handelt, wird irgendwann später nachgeschoben. Besagte Sekretärin wird von der höchst attraktiven Deborah Grant gespielt, die mit ihren sexy Kostümen für ein erotisches Highlight sorgt. Bei der dritten Episode, die plötzlich und ohne Vorwarnung scheinbar mittendrin beginnt, sind dann nur noch große Fragezeichen vor den Augen angesagt. Zwar ist die Idee von der extremen Beschleunigung, die die Umwelt zum Erstarren bringt sehr interessant – wenn auch offensichtlich aus der „Raumschiff Enterprise“-Folge „Was summt denn da?“ geklaut – aber die Umsetzung ist weniger ansprechend geraten. Was neben offensichtlichen Logikfehlern (Warum bewegen sich alle Dinge in der „schnellen Welt“ ganz normal und nur die Bewegungen der Menschen sind verlangsamt? Gut, das hatte mich auch schon bei der besagten „Enterprise“-Folge gestört), die aber wahrscheinlich auch den massiven Kürzungen geschuldet ist. Wer ist der Typ, der versucht Starker zu töten? Was ist sein Motiv? Wieso sind Starker und seine Kameradin überhaupt in diese Situation geraten? Und weshalb dreht Starker am Ende bzw. Anfang plötzlich durch? Nach dieser Folge endet der Film dann abrupt, ohne dass irgendwas aufgelöst wird. Kinobesucher, die 1977, ohne das Wissen, hier drei stark gekürzte TV-Folgen vorgesetzt zu bekommen, ihr sauer verdientes Geld für ein Ticket hingelegt hat, haben wahrscheinlich vor Wut seinen Cola-Becher gegen die Leinwand gefeuert. Und auch die heutige Käufer der DVD sind wahrscheinlich recht verärgert.

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Wobei man der Serie damit vermutlich (ich habe sie noch nicht gesehen) Unrecht tut. Was man in dem Torso, den „80.000 Meilen durch den Weltraum“ darstellt, sieht, sind liebevoll gemachte Miniaturmodelle, die an die vorangegangen Produktionen des „U.F.O.“-Schöpfers Gerry Anderson erinnern. Zuvor waren seine Hauptdarsteller nämlich Marionetten, z.B. bei der Kultserie „Thunderbirds“ und auch bei „U.F.O.“ sind die Special Effekts deutlich als Modelle zu erkennen, die direkt aus dieser früheren Serie stammen könnten. Die Raumschiffe, die Unterseeboote und Panzer sind aber mit viel Liebe zum Detail und Fantasie gebaut worden, und es macht Spaß, sie anzuschauen. Auch die Idee, die auf der Mondbasis stationierten S.H.A.D.O.-Mitglieder als attraktive Frauen mit farbenfrohen Perücken darzustellen, ist charmant, und hiervon hätte man sehr gerne mehr gesehen. Nur gönnt einem dieser Zusammenschnitt dies nicht. Wenn es hochkommt, sieht man die Mondbasis gerade mal eine Minute. Schön auch der Zeitkolorit, der die ausgehenden 60er Jahre zu keinem Zeitpunkt verschleiert. Interessanterweise wurde bei diversen Actionszenen das John-Barry-Stück „007“ verwendet. Es würde mich interessieren, ob dies nachträglich für „80.000 Meilen durch den Weltraum“ hinzugefügt wurde, oder auch in der Originalserie zu hören war.

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„80.000 Meilen durch den Weltraum“ ist der Zusammenschnitt dreier zusammenhangloser Folgen der Serie „U.F.O.“ von 1969. Obwohl durch charmanten Zeitkolorit, liebevollen Kulissen und Miniaturmodelle recht sympathisch, muss man sich fragen, welchen Sinn es macht, drei Episoden einer TV-Serie massiv zu kürzen, aneinander zu klatschen und als Spielfilm zu verkaufen. Das Ergebnis ist sprunghaft, in sich nicht konsistent und manchmal schlichtweg nicht nachvollziehbar. Von irgendeiner Bindung zu den Figuren, ganz zu schweigen. Fazit: Braucht kein Mensch. Lieber die Originalserie ansehen.

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Die DVD von Ascot Elite kann man nun wirklich nicht als Prachtexemplar bezeichnen. Die Bildqualität (4:3 – klar, ist ja auch TV) ist bestenfalls durchschnittlich, oftmals liegt sie noch darunter. Es gibt nur deutschen Ton (wahrscheinlich wurden in der Synchronisation die Übergänge von Episode zu Episode etwas geglättet und die massiven Kürzungen retuschiert) und die Extras sind mit etwas Promomaterial zur Serie „U.F.O.“ auch mau. Dafür gibt es ein Wendecover mit einem weitaus schickeren – wenn auch noch mehr in die Irre leitenden – Motiv. „Cinema Treasures“? Für diese Veröffentlichung eher nicht.

DVD-Rezension: „Am Abend des folgenden Tages“

Von , 30. Juni 2014 13:40

am-abend-des-folgenden-tagesNachdem sie mit dem Flugzeug in Paris angekommen ist, wird Tochter des reichen Dupont (Pamela Franklin) wird von einer vierköpfigen Gangster-Bande entführt. Diese besteht aus Bud (Marlon Brando), Wally (Jess Hahn), dessen Schwester – und scheinbar Buds Geliebter – Vi (Rita Moreno) und dem älteren Leer (Richard Boone). Gewissenhaft wird die Übergabe des Lösegelds und die anschließende Flucht vorbereitet, aber Spannungen innerhalb der Bande drohen das Unternehmen scheitern zu lassen…

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Als „Die Nacht des folgenden Tages“ 1968 in Kinos kam, wurde er von der Kritik in der Luft zerrissen. Man störte sich an der scheinbar platten Handlung und vor allem an Marlon Brando, der zu dieser Zeit einige veritable Flops hingelegt hatte und nun in einem Film auftrat, der seiner scheinbar unwürdig war. In einigen Gegenden der USA wurde der Film dann gleich im Doppelprogramm mit dem großartigen Lino Ventura/Alain Delon-Vehikel „Die Abenteuer“ gezeigt. Es half auch nicht viel, dass Brando selber den Film nicht mochte und torpedierte, wo er nur konnte. So soll er mit dem Ende nicht einverstanden gewesen sein und beim Dreh ständig Grimassen geschnitten haben. Regisseur Hubert Cornfield berichtet, Brando habe versucht dessen Frau zu verführen und Cornfield über sein Vorhaben stetig unterrichtet. Am Ende sorgte Brando dann dafür, dass Cornfield rausgeworfen wurde und Co-Star Richard Boone die fehlenden Szenen abdrehte. Alles in allem, stand der Film also unter keinem guten Stern.

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Sieht man heute mit einem Abstand von 46 Jahren zurück, kann man einerseits versehen, was die Kritiker damals dazu veranlasste, dem Film jeglichen Wert abzusprechen, andererseits entdeckt man auch einen sträflich vernachlässigten Film, der nun dank filmArt endlich wieder ins Scheinwerferlicht gezerrt wird. Richard Thompson schreibe 1969 in der New York Times „This is a dull, stilted and pointless little kidnapping melodrama.“¹ Roger Ebert geht in seiner zeitgenössischen Kritik so gut wir gar nicht auf den Film selber, sondern lediglich auf Marlon Brando ein und fragt :“Should Brando really be wasting his time on this sort of movie?“². Tatsächlich könnte der Film für die amerikanischen Zuschauer, die 1968 einen spannenden Kidnapping-Thriller mit dem Superstar Marlon Brando erwartet haben, eine dicke Enttäuschung gewesen sein. Ja, Marlon Brando ist die Hauptfigur in diesem Film, aber er ist bei weitem nicht die interessanteste. Zudem ergeht er sich in Manierismen, die nicht cool, sondern penetrant wirken. Man merkt leider, dass er nicht voll bei der Sache war (abgesehen von der Szene, in der er mit Vi spricht, die gerade in der Badewanne liegt und sich voll Drogen gepumpt hat. Hier soll er beim Dreh sehr voll – nämlich sternhagelvoll – dabei gewesen sein). Diese Chance lässt sich ein alter Fuchs wie Richard Boone natürlich nicht entgehen, der den eher statischen Brando locker an die Wand spielt.

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Richard Boone kam vom Theater und hat, ebenso wie Brando, in den Actor’s Studios sein Handwerk gelernt. In den 50er spielte er erfolgreich eine der Hauptrollen in „Have Gun – Will Travel“ und die Titelrolle als Polizeiarzt in der Serie „Medic“. Im Kino hingegen wurde der lange Schauspieler mit dem Charakterkopf sehr häufig als Schurken eingesetzt. Sein an einen Bassset erinnerndes Gesicht mit der gewaltigen Knollennase hat schon immer etwas leicht versoffenes gehabt, was sich im Alter dann noch verstärkte. Doch seine Augen waren immer klar und wachsam, sein Blick wie Eis. Diese Qualität kommt ihm hier besonders zugute. Selbst wenn seine Figur Leer zunächst freundlich und vernünftig erscheinen möchte, so dringt in seinem Blick schon etwas skrupelloses, gewalttätiges durch. Wenn Leer dann seine Maske fallen lässt und sich als gefährlicher Sadist entpuppt, bleibt er trotzdem freundlich und gelassen, doch sein haifischartiges Lächeln und der stahlharte Blick verraten ihn bereits. Besonders, wenn er sich von einem geschundenen Opfer, welches er offensichtlich misshandelt, missbraucht und in den Rücken geschossen hat (diese Szene, die wenig Zweifel daran zulässt, was sich zugetragen hat, überrascht in ihrer Offenheit) fröhlich mit einem „Danke, für die schöne Zeit“ verabschiedet, läuft es einem kalt den Rücken runter.

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Nicht nur durch seinen Schauplatz an der Nordküste Frankreichs, besitzt der Film einen ausgesprochen europäischen, genauer noch französischen, Stil. Es wird viel Wert auf Dialog und noch mehr auf Blicke und Gesten gelegt. Die raue Küstenregion lässt die amerikanische Gangster-Bande einerseits fehl am Platz erscheinen, andererseits spiegelt sie genau den Seelenzustand der Protagonisten wieder. Über diese erfährt man nichts. Die einzigen Informationen, welche man bekommt, sind die, dass Vi Wallys Schwester und scheinbar Buds Geliebte ist. Alle anderen Dingen kann man sich zusammenreimen, aber sie tun für den Film nichts zur Sache. Für die Figuren scheint keine Vergangenheit und auch keine Zukunft zu geben. Sie existieren nur im Hier und Jetzt, was durch das ambivalente Ende noch einmal unterstrichen wird. Dieses Ende irritierte und verärgerte die Zuschauer damals sicherlich. Auch heute kann man über die finale Wendung – sofern sie denn auch wirklich stattfindet – geteilter Meinung sein, und sie als etwas zu verspieltes Mittel zum Zweck abtun. Tatsächlich ist es mehrdeutig und lässt den Film, je nach Interpretation, in unterschiedlichem Licht erscheinen. Eine sehr profunde Deutung kann man im ausgesprochen lesenswerten Booklet von Dr. Marcus Stigglegger nachlesen. Man muss mit seiner Auslegung nicht übereinstimmen, sie lädt aber zum Nachdenken ein.

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Der Film hat einen sehr eigenen Stil. Oftmals wirkt er fast wie ein Theaterstück. Die Aktionen der Kidnapper sind betont ruhig, fast schon wie in Zeitlupe. Actionsequenzen findet man keine und über allem liegt der Hauch von etwas Künstlichem. Alles ist umhüllt von einer unterkühlten Aura, und da denen Figuren keine Vergangenheit zugestanden wird, gibt es auch kein Innenleben. Man kann aufgrund ihrer Handlungen zwar ihre Gefühle interpretieren, doch können diese auch als Schutz dienen, um das wahre Gefühlsleben zu verschleiern. Liebt Bud seine Vi? Wie ist überhaupt ihr Verhältnis zueinander? Verliebt er sich in das Entführungsopfer? Hat er Angst vor Leech? Oder fühlt er sich ihm überlegen? Oder ist im am Ende sowieso alles egal? Kann uns als Zuschauer das Schicksal der uns völlig fremden Gangster nicht auch egal sein? Cornfield lässt den Film auf einen großartigen Showdown hinauslaufen, der von Kameramann Willy Kurant unvergesslich in der dunklen Nacht an einem weiten Strand fotografiert wurde. Erst hier schlägt man sich emotional auf Brandos Seite. Aber auch nur, weil diesem nun ein klassisches Rachemotiv zugestanden wird und Leech als wirklich böser Mensch entlarvt wurde. Davor tritt die Figur des Bud nur deshalb als Angebot einer Identifikationsfigur in den Vordergrund, weil sie eben von Brando gespielt wird und da sonst keine andere da ist, der sich dafür eignen würde.

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Neben der hervorragenden Kameraarbeit von Willy Kurant, der einen steifen Küstenwind durch die Bilder wehen lässt und bei dessen Bildern von der Küste, man das Salz in der Luft fast schmecken kann, ist vor allem der brillante Score von Stanley Myers hervorzuheben. Dieser besteht aus europäisch klingendem Jazz und erinnert etwas an Komedas Arbeiten. Vielleicht musste ich bei „Der Abend des folgenden Tages“ auch deshalb immer wieder an Polanskis „Wenn Katelbach kommt…“ denken. Ein anderer Film, der in einer raue, unwirkliche Gegend mitten im Wattenmeer spielt. Interessanterweise scheint der Score für Myers nicht ganz typisch zu sein. Sein bekanntestes Stück ist „Cavatina“ von 1970, welches im Film „Die durch die Hölle gehen“ als Hauptthema Verwendung fand. Ansonsten komponierte er auch die Filmmusiken für den britischen Genre-Regisseur Pete Walker, wie z.B. „Frightmare“ und Nicolas Roegs Film „Hexen hexen“. Sein Jazz-Score hier passt perfekt zu dem Film und lässt die Hauptfiguren cool und professionell erscheinen.

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„Am Abend des folgenden Tages“ ist vielleicht nicht der große, vergessene Klassiker, aber eine hochinteressante Ausgrabung, welche mit dem zeitlichen Abstand von fast einem halben Jahrhundert heutzutage sicherlich mehr fasziniert als beim ihrer Premiere. Weitaus mehr im damaligen europäischen Kino beheimatet, als in Hollywood, konzentriert sich der Film auf Dialoge, Blicke und Gesten, statt auf eine spannende, actionreiche Handlung. Marlon Brandos etwas lustloses und übertriebenes Spiel wird durch einen glänzenden Richard Boone ausgeglichen, der eiskalte Gefährlichkeit ausstrahlt.

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„Am Abend des folgenden Tages“ ist der zweite Film in der neuen filmArt-Reihe Cine Selection. Das Bild ist für das Alter entsprechend okay. Es liegt der Originalton und die deutsche Synchronisation vor. Zudem sind deutsche Untertitel vorhanden. Auf der Bonus-Seite gibt es bis auf einen Trailer leider nichts zu vermelden. Dafür liegt ein hervorragendes Booklet von Dr. Marcus Stiglegger bei, welches man unbedingt nach dem Film lesen sollte, da hier auf interessante Weise vor allem die finale „Pointe“ diskutiert wird.

1) http://www.rogerebert.com/
2) http://www.nytimes.com/

 

DVD-Rezension: “The Machine“

Von , 27. Juni 2014 22:23

The Machine_DVD_inl_GAS_rz.inddDie Zukunft. Der Westen kämpft gegen China. Der Wissenschaftler Vincent (Toby Stephens) forscht im Auftrag des Militärs an Implantaten, die Kriegsveteranen, die schwere Hirntraumata erlitten haben, mit einer künstlichen Intelligenz ausstatten. Mit der jungen und sympathischen Ava (Caity Lotz), die an erfolgreich an einer künstlichen Intelligenz arbeitet, erhält er eine kompetente Hilfe. Doch Ava kommt bei einem Attentat ums Leben. Vincent erschafft daraufhin einen Androiden, der mit der von Ava entwickelten KI und ihrem Aussehen ausgestattet wird. Bald schon entwickelt „die Maschine“ ein eigenes Bewusstsein. Dieses möchte Vincent erforschen, doch damit stößt er bei seinem skrupellosen Vorgesetzten Thomson (Denis Lawson) auf keine Gegenliebe. Jener möchte die neue Ava zu einer effizienten Tötungsmaschine machen…

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Wenn der kleine britische SF-Film immer wieder mit „Blade Runner“ verglichen wird, so hat dies durchaus seine Berechtigung. Ebenso wie Ridley Scotts Klassiker, arbeitet sich „The Machine“ an der Frage ab, was macht uns menschlich? Wo hört das künstlich erschaffene Wesen auf und wo fängt das eigene Ich an. Wie die Replikanten in „Blade Runner“, sieht sich Ava in „The Machine“ nicht als künstliche Intelligenz, sondern als denkendes, fühlendes Wesen. Und auch ihr Schöpfer wird sich mit der Zeit immer mehr darüber klar, dass Ava schon längst nicht mehr nur aus Schaltkreisen und Metall besteht, sondern auch eine Seele besitzt, die sich auf einem Chip eingespeichert hat. Für diesen Prozess wird sich viel Zeit genommen und Regisseur Caradog W. James setzt in seinem Filmdebüt auf keine großen Enthüllungen und spektakulären Erkenntnisse, sondern zeigt eine ruhige Entwicklung, bei der sich Maschine und Schöpfer langsam annähern und ein tieferes Verständnis füreinander entwickeln.

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Doch „The Machine“ ist mitnichten ein philosophisches SF-Drama, sondern versteht sich als Actionfilm. Und gerade hier liegt seine große Schwäche. Neben der Geschichte von Vincent und Ava, werden noch mehr Handlungsfäden und Nebenschauplätze eingeführt. So gibt es eine mächtige, absolut skrupellos vorgehende Regierungsorganisation, die im wahrsten Sinne des Wortes über Leichen geht. Kriegsveteranen mit irreparablen Hirnschäden werden als Versuchskaninchen eingesperrt und missbraucht. Und die zu Cyborgs gemachten Opfer dieser Experimente, planen einen Rebellion gegen ihre Schöpfer. Insbesondere dieser Teil wird schmählich vernachlässigt und nur als Vehikel genutzt, um es am Ende ordentlich krachen zu lassen. Dabei wäre gerade dieser Handlungsstrang hochspannend gewesen. Die Opfer verlieren nach einiger Zeit ihrer Sprache und unterhalten sich in einem merkwürdigen Kauderwelsch aus Worten und Gedanken. Auch wird angedeutet, dass sich eine Zwei-Klassen-Gesellschaft der Cyborgs gebildet hat und fleißig Intrigen gesponnen werden. Besonders schade ist dies für Pooneh Hajimohammadi, die den Cyborg Suri spielt. Ihre leider viel zu kurzen Auftritten deuten eindrucksvoll das Potential an, welches ihre Figur gehabt hätte und zeugen vor allem von dem großen Charisma, welches Hajimohammadi ausstrahlt. Von ihr möchte man gerne mehr sehen.

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Der britische Schauspieler Toby Stephens, der bisher nicht groß aufgefallen und vor allem in TV-Serien aktiv ist, spielt den Vincent ausgesprochen routiniert und unaufgeregt. Die dramatischen Szenen spielt er ebenso überzeugend, wie die wenigen Szenen, die ihm auch physisch etwas abverlangen. Er steht aber, ebenso wie sein Charakter, ganz im Schatten seiner Partnerin Caity Lotz als Ava. Lotz, die erst vor Kurzem in „The Pact“ (Kritik hier) eine Hauptrolle inne hatte, spielt in „The Machine“ eine ausgesprochen dankbare Rolle. Während sie zunächst sehr sympathisch das nette, frische Mädchen von nebenan spielt, darf sie bald in die Rolle der titelgebenen Maschine wechseln und eine ganze Bandbreite an Emotionen zeigen. Von dem erstaunt, naiven Mädchen bis zur tödlichen Kampfmaschine voller Wut. Sie nutzt dabei die Gelegenheit zu zeigen, was sie schauspielerisch kann und sich für größere Filme zu empfehlen. Wobei der männliche Zuschauer vermutlich eher an ihrer physischen Präsenz interessiert ist. So spielt sie in einem hautengen Anzug, der ihre Attribute betont und Regisseur James inszeniert zudem einige nett anzuschauende Szenen, in denen sie ohne Kleidung elegant durch den Raum tanzt. Natürlich im Gegenlicht, so dass man nur ihre Silhouette sieht. Überhaupt ist „The Machine“ hier etwas bigott. Denn obwohl immer wieder Avas Körperlichkeit betont wird, wird doch peinlich genau darauf geachtet, bloß kein Fitzelchen nackter Haut zu viel zu zeigen.

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Die Inszenierung und Ausstattung bewegt sich auf TV-Niveau. Die preisgünstigen Kulissen sind oftmals als Computeranimationen zu erkennen, und die meiste Zeit spielt sich die Handlung im Untergeschoss eines geheimen Regierungskomplexes ab. Wie das immer so ist, wenn für Außenaufnahmen kein Budget zur Verfügung steht. Auch kameratechnisch wird auf große Experimente verzichtet, und alles routiniert und professionell abgefilmt. Wobei allerdings die bis zum Erbrechen eingesetzten Lense-Flare-Effekte mit fortschreitender Zeit immer stärker nerven. So könnte man sich „The Machine“ auch gut als Pilotfilm für eine TV-Serie vorstellen, was vielleicht auch Sinn gemacht hätte, da dann die Chance bestanden hätte, die zwar interessanten, aber in 90 Minuten leider recht unterentwickelten Nebenhandlungen und vor allem die Figur der Suri, mehr Platz einzuräumen.

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Die Synthesizermusik orientiert sich sehr angenehm an den frühen 80ern. Natürlich an Vangelis‘ Musik für „Blade Runner,“ aber man wird auch an John Carpenter und den „Terminator“-Score erinnert. Die wenigen Action-Szenen sind solide, wenn auch unspektakulär in Szene gesetzt, wobei Caity Lotz, deren agile Beweglichkeit hier überrascht, recht überzeugend als effektive Killer-Maschine agiert. Leider wird, statt auf gutes, altes Effekt-Handwerk, wieder viel auf CGI-Effekte gesetzt, die mit ihrem schlecht gemachten Pixelblut mehr in ein Computerspiel, als in einen Film gehören.

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Da sich „The Machine“ ganz auf die Beziehung zwischen Schöpfer und Geschöpf, sowie der Frage, was einen Menschen ausmacht, konzentriert, werden zahlreiche, potentiell spannende Nebenhandlungen links liegen gelassen. In dem preisgünstigen Film fällt vor allem Caity Lotz positiv auf, die hier quasi ein Bewerbungsvideo für größere Aufgabe spendiert bekommt.

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Dem Bild merkt man an, dass es sich bei „The Machine“ um eine preisgünstige direct-to-video-Produktion handelt. Es wirkt etwas ausgebleicht und erinnert an SF-Serien aus den 90ern, wie „Deep Space Nine“ oder „Babylon 5“, was natürlich auch Intention des Regisseurs gewesen sein kann. Der Ton ist okay und spielt in den Action-Szenen mit räumlichen Effekten. Der Ton liegt auf Detusch und Englisch vor. Letzterer ist nicht nur wegen Toby Stephens angenehmen, britischen Akzent zu empfehlen. Die Synchronisation ist, wie bei Splendid mittlerweile gewohnt, grundsolider Standard. Auf Extras hat man leider wieder verzichtet.

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