Blu-ray Rezension: „Die Todeskarten des Dr. Schreck“

todeskartenschreckFünf Männer (Christopher Lee, Donald Sutherland, Roy Castle, Alan Freeman und Neil McCallum) müssen sich bei ihrer Bahnfahrt von London nach Bradley ein Abteil teilen. Kurz vor der Abfahrt des Zuges steigt noch ein sechster Mann(Peter Cushing) hinzu. Dieser nennt sich „Dr. Schreck“ und bietet den fünf Männern an, ihnen mit Hilfe seiner Tarot-Karten die Zukunft vorherzusagen. Leider erweist sich diese für jeden der fünf Männer für wenig erstrebenswert, denn einer nach dem anderen bekommen sie es mit Werwölfen, mörderischen Pflanzen, Voodoo-Zauber, einer abgetrennten Hand mit Eigenleben oder Vampiren zu tun…

1965 war das Jahr, in dem den legendären Hammer-Studios ein Konkurrent in Sachen „House of Horror“ erwuchs. Die ebenfalls britischen Amicus Studios hatten zuvor leichte Musikfilme produziert und probierten nun ein Stück von dem großen Kuchen „Horror“ abzuschneiden, den in England zu dieser Zeit nur Hammer verspeiste. Dazu wurden die beiden größten Stars der Hammer-Studios eingekauft, Peter Cushing und Christopher Lee, sowie die Talente hinter der Kamera, wie hier Freddie Francis, zur Konkurrenz gelockt. Freddie Francis ist von Hause aus Kameramann, durfte sich aber bereits 1963 bei Hammer auf den Regiestuhl setzen und dreht dort nicht nur „Frankensteins Ungeheuer“ drehen, sondern auch eine Reihe dunkler Psycho-Thriller, wie „Haus des Grauens“ oder „Der Satan mit den langen Wimpern“. Bei seinen Regiearbeiten bewies Freddie Francis jedes Mal, dass er vor allem ein Augenmensch mit dem besonderen Blick für das Ungewöhnliche und die perfekte Einstellung ist. In „Die Todeskarten des Dr. Schreck“ vertraut er hinter der Kamera auf das Talent von Alan Hume, dem Stammkameramann der „Carry On..“-Reihe, der zuvor aber auch Hammers „Der Kuss des Vampirs“ fotografiert hatte. Zurecht, denn „Die Todeskarten des Dr. Scheck“ sieht sehr gut aus. Nicht nur die stimmige Fotografie im engen Bahnabteil ist sehr gelungen, auch die düster-bunten Bilder vor allem aus der ersten und zweiten Episode wissen zu gefallen.

Für das Drehbuch zeichnete sich Produzent Milton Subotsky verantwortlich, der bereits in den 40er Jahren vor hatte, einen Anthologie-Film zu drehen. Für seine erste Horrorproduktion griff Subotsky also in die Schublade und fand dort fünf Kurzgeschichten, die mit dem Werwolf, dem Vampir, Voodoo, der tödlichen Pflanze und der gruseligen Hand aus dem Totenreich einige populäre Themen aufgriffen, die das Genre schon länger begleiten. Allerdings, auch dies muss gesagt werden, war Milton Subotsky kein begnadeter Geschichtenerzähler. Gerade hier kränkelt Francis‘ Film ziemlich. Die geheimnisvolle Bahnfahrt ist zwar eine hübsche Idee, doch wenn man darüber zu lange nachdenkt auch wieder sinnlos. Welche Zukunft sagt Dr. Schreck seinen Mitfahrern voraus? Jedenfalls nicht die, welche sie am Ende erwartet. Die Auflösung der ersten Episode ist derart verworren, dass ich auch beim zweiten Mal nicht begriffen habe, wie das alles mit den Werwölfen zusammenhängt. Auch in den weiteren Stories will das Eine nicht immer zum Anderen passen. Insbesondere bei der letzten Episode, die stark an eine „Twilight Zone“-Episode erinnert, macht das Verhalten der Protagonisten keinerlei Sinn und gerade Donald Sutherlands Charakter verhält derartig widersinnig, dass Spannung gar nicht erst aufkommen will. Aber da diese Episode sowieso als schwarze Komödie angelegt ist, möge man Sutherlands Figur ihre naive Dummheit verzeihen. („Ach, sie sagen meine geliebte Ehefrau ist ein Vampir? Na gut, wenn sie meinen. Dann mal her mit dem Holzpflock“.)

Die inhaltlichen Schwächen gleicht der Film durch die oben bereits erwähnte erlesene und sehr stimmungsvolle Fotografie wieder aus, die ein Maximum aus dem knappen Budget herausholt. Aber auch mit der Besetzung der „Körperlose Hand“-Geschichte, die das Highlight des Filmes darstellt, kann gepunktet werden. Christopher Lee ist hervorragend als eitler Kunstkritiker, und der wie immer exzellente Michael Gough gibt einen starken Gegenspieler. Zwischen verschmitzt-listig und zutiefst verzweifelt zeigt Gough alle Facetten seiner, leider immer im Schatten der Stars Cushing und Lee stehenden, Schauspielkunst. Eine sehr natürliche, schon mehr ans New Hollywood als traditionellem britischen Kino angelegte, Darstellung gibt auch der blutjunge Kanadier Donald Sutherland kurz vor dem Sprung zur Weltkarriere. Schade, dass gerade seine Rolle enttäuschend flach geschrieben ist. In den weiteren Filmen aus der Amicus-Schmiede, die dem großen Erfolg von „Die Todeskarten des Dr. Schreck“ folgen sollten, gab Milton Subotsky dann auch die schreibende Tätigkeit an den bekannten US-Autoren Robert Bloch (der u.a. die literarische Vorlage zu „Psycho“ lieferte und gut mit H.P. Lovecraft befreundet war) ab.

Neben der „Körperlosen Hand“ ist die „Voodoo“-Episode der stärkste Teil des Filmes. Nicht nur, weil Francis zusammen mit seinem Kameramann Alan Hume für einige starke Szenen sorgen, sondern vor allem wegen des Soundtracks. In der Rolle des Bandleaders Biff Bailey wurde der Trompeter und Sänger Roy Castle angeheuert. Dieser bringt trotz offensichtlich mangelnder Erfahrung vor der Kamera, genau die richtige Mischung aus Unbedarftheit und Arroganz mit, um seine Rolle glaubhaft zu gestalten. Ferner wurde mit Tubby Hayes ein Jazz-Musiker für die zusätzliche Musik dieser Episode verpflichtet, der für einen akustischen Hochgenuss sorgt. Das Jazz-Arrangement, welches Hayes aus der unheimlichen Voodoo-Melodie geschaffen hat, ist mehr als gelungen und man wünschte sich eine Veröffentlichung auf CD. Tatsächlich soll es aber nur auf einer obskuren und heute sehr, sehr raren Vinyl-Scheibe aufgetaucht sein. Sehr schade. Bei allem Enthusiasmus über das „Voodoo“-Stück sollte man aber nicht vergessen, Elisabeth Lutyens zu erwähnen, die für den „normalen“ Score des Filmes verantwortlich war und hier – gerade in der ersten Geschichte – eine überzeugende Arbeit abgeliefert hat.

Obwohl inhaltlich nicht immer überzeugend, punktet „Die Todeskarten des Dr. Schreck“ mit seinem wunderbaren old-school-Charme, der guten Lee/Gough-Episode, weit überdurchschnittlichem Handwerk und zeitweise brillanter Musikuntermalung.

„Die Todeskarten des Dr. Schreck“ ist die erste Veröffentlichung des jungen Labels Wicked Vison Media, welches aus der Wicked-Vision-Homepage und dem Wicked Vicion Magazin hervorging. Und das Debüt kann sich mehr als sehen lassen. Als Grundlage der Blu-ray wurde ein 4K-Scan des Original-Kamera-Negativs verwendet, der alles aus dem Film herausholt, was möglich ist. Das Bild erstrahlt dadurch insbesondere bei den farbintensiven Episoden „Werwolf“ und „Voodoo“ in neuem Glanze. Auch beim Ton gibt es keinen Grund zum Meckern. Zwar merkt man der deutschen Tonspur ein wenig die Jahre an, die sie auf dem Buckel hat – die englische Tonspur erklingt jedoch makellos. In Punkte Extras schöpft Wicked Vision Media aus dem Vollen und lässt die Augen und Ohren leuchten. Nach einem nett gefilmten Intro, in dem Filmwissenschaftler Dr. Rolf Giesen für Experten keine neuen, für Einsteiger aber recht interessanten Kurz-Informationen zum Besten gibt, kann man sich aussuchen, ob man den Film vielleicht auch mit dem Audiokommentar des Regisseurs Freddie Francis oder lieber noch mit dem Audiokommentar des Duos Dr. Rolf Giesen und Uwe Sommerlad ansehen möchte. Ein Highlight der Veröffentlichung ist eine fast einstündige Doku des britischen Filmemachers Jake West, der zahlreiche Zeitzeugen zu „Die Todeskarten des Dr. Schreck“ befragt. Wer die HD-Version damit vergleichen will, wie der Film bei uns im Kino aussah, für den ist noch eine Abtastung der deutschen 35mm-Fassung mit dabei. Weitere Extras beinhalten die deutsche Titel- und Endsequenz, den deutschen, englischen und italienischen Kinotrailer, die internationale Titel- und Endsequenzen, diverse Bildergalerien, Werberatschläge und Programm- und Pressehefte. Easter Eggs soll es auch geben, habe ich aber nicht nach gesucht. Ferner kann der Fan auf der Tonspur zwischen dem Originalton, der restaurierten deutschen Kinosynchro und der deutschen TV-Synchro wechseln. Toll. Noch toller ist allerdings die Ankündigung, dass Wicked Vision Media in diesem Jahr noch David Cronenbergs „Die Brut“, Mario Bavas „Hatchet for the Honeymoon“ und vor allen Dingen –*tusch* – eine Jean-Rollin-Reihe herausbringt. Wenn das kein Grund zu ekstatischer Freude ist…

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