Category: Filmtagebuch

DVD-Rezension: „Die Narbenhand“

Von , 22. Juni 2017 18:06

Der einzelgängerische Philip Raven (Alan Ladd) ist ein Auftragskiller, der allein mit einer kleinen Katze in einem schäbigen, kleinen Apartment in San Franscisco lebt. Nach dem Mord an einem Erpresserpärchen wird er von seinem Auftraggeber Willard Gates (Laird Cregar), Rechte Hand eines Industriellen und nebenbei Betreiber eines Nachtclubs, mit „schmutzigen“ Geldscheinen bezahlt, die bald schon die Polizei auf Ravens Spur bringen. Die Untersuchung leitet Detective Michael Crane (Robert Preston). Wie es der Zufall so will, wird dessen Verlobte, die singende Magierin Ellen Graham (Veronica Lake) von einem Senator aus Washington angeheuert, um undercover in Gates Nachtclub in Los Angeles anzuheuern und herauszufinden, wer geheime Informationen an die Japaner weitergibt. Auch Raven macht sich auf nach Los Angeles, um Gates zu stellen, und bald schon kreuzen sich ihre Wege…

Die Narbenhand“ ist in zweierlei Hinsicht ein bemerkenswertes Debüt. Zum einen ist erstmals Alan Ladd in einer größeren Rolle zu sehen, der durch diesen Film zu einem der großen Hollywood-Stars der 40er und 50er Jahre aufstieg – zum anderen dürfte „Die Narbenhand“ einer der ersten Filme sein, die die Figur des Profi-Killers in den Mittelpunkt stellen. Der „Gun For Hire“, was auch der Originaltitel dieses Klassikers ist. Laut Wikipedia war „Die Narbenhand“ auch das Vorbild für Melvilles „Der eiskalte Engel“. Ladd erweist sich als Idealbesetzung für den Killer Raven. Man traut ihm eben so zu, jemanden kaltblütig über den Haufen zu knallen, wie einer armen, kleinen Katze Milch zu geben. Auch in seinem Gesicht, welches noch nicht „schön“ in Szenen gesetzt wird, wie in seinen späteren Filmen, spiegelt sich die Zerrissenheit zwischen innerer Abgestorbenheit und der Sehnsucht nach etwas menschlicher Wärme. Ladd ist gleichzeitig heiß und kalt – und damit tatsächlich der Prototyp des „Eiskalten Engels“.

Der nominelle Held des Filmes ist allerdings Robert Preston, der in den Titeln auch groß an zweiter Stelle nach Veronica Lake aufgeführt wird. Alan Ladd muss sich – trotz einiger kleiner Nebenrollen, die er zuvor gespielt hatte – mit einem kleinen „introducing“ am Ende begnügen. Der etwas ungelenk und langweilig wirkende Preston hat auch weitaus weniger Szenen als Ladd. Tatsächlich spielt er eigentlich nur eine größere Nebenrolle. Das ist auch gut so, denn Prestons Det. Lt. Michael Crane wirkt einfach fade. Ein guter Polizist mit konservativer Weltsicht, der freudestrahlend seiner Verlobten ein Leben in der Küche, wo sie auf den tollen Göttergatten wartet, als reinstes Paradies in Aussicht stellt. Eine Rolle, in der man sich die großartige Veronica Lake nicht unbedingt vorstellen kann. Zumal sie hier einen draufgängerischen und unabhängigen Typ spielt. Die Szene in denen sie Preston anhimmelt und davon spricht, dass sie sich nichts schöneres vorstellen kann als ihm abends die Pantoffeln zu bringen, wirken dementsprechend deplatziert und peinlich. An der Seite des sehr viel interessanteren und gefährlichen Ladd fühlt sich die Lake dann auch sichtlich wohler, und ihre unbestreitbar knisternde Chemie führt dazu, dass beide noch in sechs weiteren Filmen ein Paar geben sollten. Insbesondere in „Der gläserne Schlüssel“ funkt es so sehr zwischen den beiden, dass die Leinwand förmlich elektrisiert wird.

„Die Narbenhand“ strotzt nur so vor wundervollen Szenen, die sich einem tief ins Gedächtnis brennen. Wenn Raven am Anfang brutal ein Zimmermädchen schlägt, weil diese eine kleine Katze aus seinem Zimmer jagen wollte. Oder wenn er am Ende in höchster Not eine miauende Katze erstickt, damit diese ihn nicht verraten kann und sein Gesicht widerspiegelt, dass er damit gerade einen Teil von sich selbst getötet hat. Unvergessen auch Veronica Lakes ebenso erschrockenes, abgestoßenes, aber auch mitleidiges Gesicht, wenn sie realisiert, was Raven da gerade getan hat. Besonders intensiv ist der Augenblick in dem Raven kurz überlegt, ob er ein gehbehindertes kleines Mädchen, welches ihn als Zeugin belastet könnte, umbringen soll oder nicht – und wie er sich dann zögernd für Letzteres entscheidet. Hier ist die Summe der Teile mehr als das Ganze, denn zusammengehalten wird dies alles von einem Drehbuch, welches durch ein erhöhtes Maß unwahrscheinlicher Zufälle, konservativen Zeitgeist, langen Musiknummern und patriotischen Aufrufen zusammengehalten wird. Dass Veronica Lakes Charakter gleichzeitig Sängerin, hochtalentierte Show-Magierin, Freundin des ermittelnden Polizisten und Undercover-Agentin sein soll, ist schon sehr hartes Brot. Dass sich dann im Zug ausgerechnet Ladd neben sie setzt, ist ebenfalls im höchsten Grade vom Drehbuch erzwungen. Man mag kaum glauben, dass diese hochgradig konstruierte Geschichte so auch in dem zugrundeliegende Roman des legendären Autoren Graham Greene vorkommt. Doch angesichts der hervorragenden Einzelszenen, nimmt man das mal so dahin.

Während „die Guten“ hier also eine ebenso untergeordnete wie langweilige Rolle spielen, zeichnet sich „Die Narbenhand“ durch seine wundervollen Bösewichte aus. Allen voran der dicke Laird Cregar als Willard Gates, der zwar ohne zu zögern Morde in Auftrag gibt, aber immer wieder betont, wie sehr ihm Gewalt zusetzt und der sich geschickt aus der schmutzigen Seite des Geschäfts heraushält. Und natürlich Marc Lawrence als sein Chauffeur und rechte Hand, Tommy. Ein finsteres Spiegelbild Ravens, der sein tödliches Geschäft nicht eiskalt und effektiv aufführt, sondern heiß und voller Freude. Ein Sadist wie er im Buche steht, der im Mordgeschäft seine Erfüllung gefunden hat. Tommy blitzen die Augen, sobald er daran denkt, jemanden vom Leben in den Tod zu bringen. In einer Szene erzählt er Willard Gates voller Begeisterung und sehr detailliert, was er mit einem potentiellen Opfer vor hat, während sich dieser in Anbetracht der bunt ausformulierten Grausamkeiten in größter Pein windet. Lawrence sollte in seiner langen Karriere noch viele Gangster und Bösewichte spielen und als solcher zweimal gegen James Bond antreten, in „Diamantenfieber“ und „Der Mann mit dem golden Colt“. In den 90er spielte er auch zweimal kleine Rolle unter der Regie von Robert Rodriguez. In „From Dusk Till Dawn“ und „Four Rooms“.

„Die Narbenhand“ ist zurecht ein Klassiker des Film Noir. Der Film glänzt in vielen Momenten, die sich lange ins Gedächtnis brennen und die definierend für das Genre des „Killer-Films“ sind. Als Ganzes ist er dann allerdings doch mit seinen zu lang geratenen Musiknummern und dem zu sehr auf unglaubliche Zufälle bauenden Drehbuch zu zerfasert, um zu den ganz Großen seiner Gattung zählen zu können. Trotzdem sei allen Filmfreunden dieses erste Zusammentreffen der Noir-Ikonen Alan Ladd und Veronica Lake sehr ans Herz gelegt.

Die 24. Ausgabe der Film Noir-Reihe des Hauses Koch Media fällt wieder durch ein gutes, wenn auch diesmal nicht ganz optimales Bild auf. Bei näherem Hinsehen, könnte es an einigen Stellen etwas schärfer sein, was aber den Sehgenuss in keinster Weise schmälert. Der Originalton ist klar und deutlich. Die deutsche Tonspur dementsprechend auch okay, klingt allerdings etwas künstlich, da alle Geräusche ebenfalls neu vertont wurden. Die Synchronisation ist sehr solide und wartet mit bekannten Sprechern auf. Als Extras gibt es den original Kinotrailer und eine Bildergalerie mit Werbematerial.

Blu-ray Rezension: “Die Bande des Captain Clegg“

Von , 20. Juni 2017 20:17

Die königliche Krone schickt den Marine-Captain Collier (Patrick Allen) in ein kleines Dorf in den Romney-Sümpfen an der Frankreich zugewandten englischen Küstengegend, um dort einer Schmugglerbande das Handwerk zu legen. Diese macht sich den Aberglauben um unheimliche Romney-Moorgeistern zu Nutze, um ungestört ihrem Treiben nachgehen zu können. Im Dorf treffen Collier und seine Männer auf den freundlichen Reverend Dr. Blyss (Peter Cushing), der weitaus mehr ist als er zunächst zu sein scheint. Und welche Verbindung hat der gefürchtete Pirat Captain Clegg, dessen Grab sich auf dem Kirchfriedhof befindet, mit den seltsamen Vorgängen in den Romney-Sümpfen?

Denkt man an Hammer, denkt man zuallererst an die berühmten Horrorfilme, welche die klassischen Monster der Universal Studios in neues, farbiges Licht rückten. Fans kommen sicherlich noch die von Clouzots „Die Teuflischen“ inspirierten, von Freddie Francis umgesetzten Psychothriller in den Sinn. Doch das Studio produzierte in seiner Glanzperiode noch sehr viel mehr. Neben einige „Robin Hood“-Streifen auch Piratenfilme. „Die Bande des Captain Clegg“ fällt zwischen diese beiden Genres. Sein Anti-Held ist Pirat, seine Bande Schmuggler – er selber sieht sich als eine Art Robin Hood, der gegen die Krone kämpft und den armen Leuten zu Reichtum verhilft. Und somit liegt die Sympathie des Zuschauers dann auch ganz klar bei dem doppelgesichtigen Geistlichen Dr. Blyss und nicht bei dem gewissenhaften Captain der Krone, der mit seinen Männern versucht, dem Schmuggler-Treiben ein drastisches Ende zu setzen. Dr. Blyss wird dabei von dem Hammer-Star Peter Cushing gespielt, der selber ein großer Fan der Vorlage war und sichtlich Freude an der Rolle hat.

Peter Cushing zeigt in „Die Bande des Captain Clegg“, was ihn so großartig machte. Brille auf und er ist der liebenswürdige, stets gütig lächelnde Vikar. Ein Mann, dem man ohne weiteres sein Haus anvertrauen würde, und der eine große Wärme ausstrahlt. Brille ab und aus Cushing wird augenblicklich der harte Chef einer Schmuggler-Bande, hinter dessen eisblauen Augen das Gehirn wie eine Maschine arbeitet. Zwischen diesen beiden Gesichtern liegt kein Atmenzug und Cushing überzeugt mit beiden gleichermaßen. Für Cushing war der Dr. Blyss eine Traumrolle, denn er war schon lange ein Fan der Bücher über Dr. Syn und sein Alter Ego Captain Clegg, welche diesem Film zugrunde lagen. Bereits 1937 gab es eine erste Verfilmung mit George Arliss und 1963 folgte eine weitere durch das Walt Disney Studio. Hier spielte Patrick „Nummer 6“ McGoohan die Hauptrolle. Da die Hammer-Produktion lediglich die Rechte am ersten „Dr. Syn“-Buch hatte, Disney aber die an den Figuren, musste Dr. Syn kurzfristig in Dr. Blyss umbenannt werden. Alle anderen Charaktere konnten allerdings ihre Namen behalten. Cushing selber versuchte sich immer wieder ins Drehbuch einzubringen und schrieb einige Jahre später selber ein auf den „Dr. Syn“-Romanen beruhendes Drehbuch, welches allerdings nie realisiert wurde. Selbst wenn man die Darstellungen von Arliss und McGoohan kennt, Peter Cushing IST einfach Dr. Blyss. Zu jeder Sekunde sieht man ihm seine Begeisterung und Spielfreude an. Sogar die zahlreichen Stunts führte er augenscheinlich zum Großteil selber aus.

Nah dran Peter Cushing die Schau zu stehlen ist Hammer-Veteran Michael Ripper, der in „Die Bande des Captain Clegg“ seine großartigste Darbietung zeigt. Der im Laufe seiner Karriere auf mal größere, mal kleinere Nebenrollen abonnierte Schauspieler, spielt hier die wahrscheinlich größte Rolle seines Lebens und lässt sich diese Chance nicht entgehen. Sieht man Ripper als Sargmacher Jeremiah Mipps, mag man kaum glauben, dass die Filmgeschichte keine Hauptrolle für ihn bereit hielt. Sympathisch, augenzwinkernd, aber auch hart durchgreifend, wenn es sein muss Im großen Finale möchte man fast mit ihm mit weinen. Aber auch die anderen Schauspieler gehen in ihren Rollen auf. Sei es der blutjunge Oliver Reed, der hier zwar weit hinter seinen ungeheuer charismatischen King aus „Sie sind verdammt“ zurückbleibt, dessen beeindruckende Präsenz aber auch hier in jederzeit spürbar ist. Oder der mehr als solide Patrick Allen welcher als Captain Collier eigentlich der nominelle Held der Geschichte sein müsste. Da aber die Sympathien der Filmemacher und des Drehbuchs ganz klar bei den Schmugglern liegen, bleibt für ihn nur der Platz eines klugen und sehr menschlichen Antagonisten, wobei der wahre Schurke der Geschichte der intrigante, eifersüchtige Barbesitzer Mr. Rash ist, welcher von Martin Benson herrlich widerlich gegeben wird. Allein die schöne Yvonne Romain bleibt etwas blass und ist mehr Ausstattungsstück als eigenständiger Charakter. „Die Bande des Captain Clegg“ ist eben ein reiner Männerfilm, der mit Frauen nicht viel anfangen kann.

Obwohl formell nicht dem Horrorfilm zuzurechnen, herrscht auch in „Die Bande des Captain Clegg“ eine Hammer-typische, unheimlich Atmosphäre vor. Diese wird von den „Moorgeistern“ verbreitet. Eine wahrlich schauerliche Gruppe von Geisterreitern, die auf ihren skelettierten Pferden durch das neblige Moor reiten und selber nur aus Gerippe und Totenschädel zu stehen scheinen. Zwar wird recht schnell verraten, dass es sich bei den Moorgeistern um sehr irdische Phänomene im „Misfits“-Outfit handelt, trotzdem sind die Szenen in denen sie auftauchen recht gruselig und beeindruckend gefilmt. Auch für den stämmigen „Mulatten“, zunächst noch ein besonders bedauernswerter Charakter, wird in der zweiten Hälfte des Films zu einem unheimlichen Todesengel, der immer wieder aus den Schatten auftaucht, um jemanden zu meucheln. Dies sind aber nur die Sahnehäubchen auf einen durchweg unterhaltsamen und kurzweiligen Film, der sein Herz auf dem rechten Fleck hat und vor allem auch wegen Peter Cushings exzellenter Darbietung und den pointierten Dialogen zwischen ihm und seinem Feind von der Marine noch heute viele Freunde hat.

Die schöne Blu-ray Veröffentlichung des Hauses Anolis lässt diesen schönen Film in ganz neuer Pracht erstrahlen. Auch der glasklare Ton macht Freude. Neben der guten deutschen Synchronfassung ist natürlich auch der O-Ton an Bord. Richtig punkten kann die Blu-ray in Punkto Ausstattung. War die alte DVD von Koch Media mehr oder weniger „bare bones“, so wird hier groß aufgefahren. Zunächst findet man hier einen informativen Audiokommentar mit Dr. Rolf Giesen, Uwe Sommerlad und Volker Kronz. Hochinteressant ist auch das Featurette „The Making of Captain Clegg“ (32 Minuten). Und sehr hübsch geraten ist das kurze „Die Kutschen des George Mossman“ (7 Minuten), wo man viel über den Mann erfährt, der Hammer mit Kutschen ausstattete. Sonst gibt es noch den US- und deutscher Trailer, sowie britische, deutsche und französische Werberatschläge und eine Bildergalerie. Alles in allem wieder eine tolle Veröffentlichung für einen wirklich schönen Film.

DVD-Rezension: “The Void“

Von , 15. Juni 2017 06:36

Während seiner nächtlichen Streife entdeckt Deputy Carter (Aaron Poole) ein schwerverletzten Mann (Evan Stern) am Straßenrand. Carter bringt diesen umgehend zum nächstgelegenen Krankenhaus, obwohl dort zur Zeit nur eine Notbesetzung ihren Dienst tut. Dort angekommen entwickelt sich die Nacht zu einem einzigen Albtraum: Vor dem Gebäude versammelt sich eine unheimliche Gruppe vermummter Gestalten, und im Krankenhaus verwandeln sich die Eingeschlossenen in rasende Killer und schleimige Monster…

Würde man eine Liste anfertigen, von welchen Genrefilmen sich die Macher des kanadischen „The Void“ inspiriert haben lassen, so wäre rasch der erste Absatz dieser Besprechung und vielleicht auch noch der zweite gut gefüllt. John Carpenters „Die Fürsten der Dunkelheit“ (mit Abstrichen auch „Assault on Precint 13“), „Hellraiser“ und „Re-Animator“ sind da nur die Beispiele, die als erstes ins Auge springen. Lucio Fulcis „Das Haus an der Friedhofmauer“ und „Die Geisterstadt der Zombies“ sind etwas weniger plakative Inspirationsquellen. Tatsächlich fühlt man sich angenehm an das Horrorkino der 80er Jahre erinnert. Was auch daran liegt, dass man erfreulicherweise auf seelenlose CGI-Effekte weitgehend verzichtet hat und ein beeindruckender Teil des Aufwands in wunderschöne, handgemachte Effekte geflossen ist. Da laufen dem Freund von Latexmasken und Kunstblut angenehme Schauer den Rücken herunter und man fragt sich unwillkürlich, warum die hohe Kunst der „echten“ Special Effects heutzutage fast schon vergessen ist, und selbst das Blut aus dem Computer stammt muss. Eine recht preisgünstige Produktion wie „The Void“ – die mit Crowdfunding-Mitteln realisiert wurde – schafft es doch auch, kreative Masken und handgemachte Effekte auf den Bildschirm zu zaubern.

Dass das alles dann auf Kosten einer originellen Geschichte geht, nimmt man mal so hin. Auch, dass die Charaktere nicht gerade mit dem feinen Pinsel, sondern eher mit der groben Bürste gezeichnet wurden. Überraschungen bleiben also aus, sofern man die „Originale“ kennt. Und ein Subplot, wie der um den Verlust eines Kindes durch das Protagonisten-Paar, wirkt zu dick aufgetragen, um wirken zu können. Auch aus dem Schurken hinter der apokalyptischen Geschichte hätte man mehr machen können. Hinter seiner freundlichen Maske bleibt er anfangs so blass und egal, dass man nach seiner Verwandlung in ein dämonisches Überwesen mit Gottkomplex Mühe hat, sich an seine vorherige Inkarnation überhaupt zu erinnern. Zu beliebig wird diese Figur aus dem Hut gezaubert. Immerhin schafft es Aaron Poole in der Hauptrolle, seinen Deputy Carter sehr sympathisch und lebendig zu gestalten. Ebenfalls relativ gut gelungen ist das Duo, welches zunächst als unheimliche und skrupellose Killer eingeführt wird, sich dann aber als wertvolle Helfer im Kampf gegen Sektenmitglieder und untote Kreaturen entpuppen. Allerdings merkt man dem Drehbuch zu sehr die Absicht an, diese beiden Charaktere als heimliche Helden zu etablieren. Das wirkt dann eher krampfhaft bemüht als cool, zumal die Figur des Sohnes vom Drehbuch vollkommen im Stich gelassen wird.

Doch davon abgesehen, weiß „The Void“ durchaus zu gefallen, was nicht nur an den einfallsreichen, bodenständigen „Creature Designs“ und der für eine FSK16 recht ungewöhnliche Härte liegt. Das Regie-Duo, welches bei einigen großen Blockbustern schon in der Special Effects Abteilung zusammengearbeitet hat, zieht seine Geschichte flott und angenehm humorlos durch. Keine ironisches Augenzwinkern in Richtung der Vorbilder, keine coolen Sprüche. Diese Ernsthaftigkeit tut dem Film sehr gut. Zudem machen Jeremy Gillespie und Steven Kostanski das Beste aus ihrem schmalen Budget und lassen das verlassene Krankenhaus tatsächlich zum „Tor zur Hölle“ werden. Die dichte, stimmungsvolle Inszenierung lässt einen trotz aller Vorhersehbarkeit ab und zu an den Nägeln kauen. Handwerklich kann man Gillespie und Kostanski also keine Vorwürfe machen. Kameraarbeit, Ausstattung, Lichtsetzung – alles vom Feinsten. Es wird spannend sein, den weiteren Weg der Beiden zu beobachten und zu sehen was passiert, wenn sie die Möglichkeit haben ein etwas eigenständiges, besser ausgearbeitetes Drehbuch zu realisieren. Bis dahin ist „The Void“ aber schon einmal eine erstklassige Visitenkarte mit der Empfehlung für höhere Weihen,

„The Void“ ist eine sympathische, blutig-schleimiger Eintopf aus Motiven der großen Horrorklassiker der 80er Jahre von Carpenter über Baker bis Fulci. Dabei bleibt die Eigenständigkeit etwas auf der Strecke und die Figuren sind mitunter recht grob geschnitzt. In Sachen Creature Design, blutige Effekte, Ausstattung und stimmungsvoller Kameraarbeit können die beiden Regisseure aber bereits eine eine Empfehlung in eigener Sache abgeben.

Das Bild der DVD ist recht gut, auch wenn es an einigen Stellen noch optimaler hätte ausfallen können. Da lässt dann die Schärfe etwas nach. Der Ton ist klar und deutlich, wobei kaum die Möglichkeit zu Surround-Effekten genutzt wird. Trotz einer sehr liberalen FSK 16 ist der recht blutige und harte Filme ungeschnitten. Echtes Bonusmaterial sucht man vergeblich. Lediglich mit Trailern wird man abgespeist.

Blu-ray-Rezension: „Angriff der Riesenkralle“

Von , 3. Mai 2017 20:22

Während er mit seinem Flugzeug einen Radartest durchführt, glaubt der der Elektronikingenieur Mitch MacAfee (Jeff Morrow) ein riesiges UFO zu sehen. Wieder am Boden, glaubt ihm niemand die Geschichte. Weder die augenblicklich gestarteten Militärflugzeuge, noch die Radarstationen haben etwas ungewöhnliches feststellen können. Doch kurze Zeit später häufen sich die Sichtungen eines gigantischen, vogelähnlichen Gebildes – ohne dass dieses von den Radars erfasst wird. Da die Maschinen der Piloten, die mit dem unheimlichen Phänomen in Berührung gekommen sind, abstürzen und von den Piloten keine Spur zu finden ist, bleibt MacAfee der einzige Augenzeuge. Zusammen mit der Mathematikerin Sally Caldwell (Mara Corday) wird er nach New York beordert. Auf dem Weg dorthin wird ihr Flugzeug allerdings von einem gewaltigen Vogel attackiert…

Anmerkung: Alle Screenshots stammen von der ebenfalls enthaltenen DVD, nicht der Blu-ray.

Ich muss es zugeben. Mir hat „Angriff der Riesenkralle“ sehr gut gefallen. Trotz oder wegen des Marionetten-Truthahns? Sowohl als auch. „Angriff der Riesenkralle“ ist ein ganz wunderbares Beispiel für einen B-Film, dessen Drehbuch viel größere Ambitionen hat, als es das lausige Budget hergibt. Ein riesiger Greifvogel, der Düsenjets angreift und Fallschirmspringer als kleine Häppchen zwischendurch verspeist. Der dazu noch eine Welttournee hinlegt und neben Washington, noch London und Paris in Schutt und Asche legt. Massenpanik! Maximale Zerstörung! Heute ein klarer Fall für Emmerich und Co.! 1957 ein Stoff für den Produzenten Sam Katzman und seinen zuverlässigen Routinier Fred F. Sears hinter der Kamera. Der Name Sam Katzman ist mir noch aus Zeiten ein Begriff, als ich mich intensiv mit dem Filmschaffen des Kings, Elvis Presley, beschäftigt habe. Dort wurde hinter dem Namen Katzman immer der Titel „King of the Quickies“ gehängt. Und das war nicht schmeichelhaft gemeint. Schließlich war er als Produzent für den angeblich schlechtesten Elvis-Film „Verschollen im Harem“ verantwortlich. Wie „Angriff der Riesenkralle“ auch so ein Fall, in dem die Ansprüche des Drehbuch (Elvis sah sich nach dessen Durchsicht in einer Rolle, die eines Rudolfo Valentino würdig gewesen wäre) und die gering budgetierte Wirklichkeit zwar weit auseinanderklafften, der Dreh aber ohne Rücksicht auf Verluste durchgezogen wurde.

Dabei war Katzman in den 50er für so schöne wie legendäre B-Filme wie „Fliegende Untertassen greifen an“ und „Das Grauen aus der Tiefe“ verantwortlich. Beide wurden mit Hilfe des Stop-Motion-Gurus Ray Harryhausen realisiert. Harryhausen sollte auch die Effekte für „Der Angriff der Riesenkralle“ anfertigen, was dann aber aus Kostengründen scheiterte. Wäre Harryhausen mit an Bord gewesen, würde „Der Angriff der Riesenkralle“ heute sicherlich in einer Liga mit den vorgenannten Filmen spielen und einen anders gelagerten Kultstatus genießen, als es nun der Fall ist. Denn statt Geld in die Riesenkreatur, die hier einen Ein-Vogel-Krieg gegen die Menschheit führt, zu stecken, wurde nach kostengünstigeren Möglichkeiten gesucht und diese in Mexiko gefunden. Was dort aber fabriziert wurde, hat der wunderbare Filmgelehrte Christian Keßler in seinem empfehlenswerten Buch „Wurmparade auf dem Zombiehof“ Schorsch Schnabel genannt. Eine hässliche Marionette, die aussieht wie eine verunglückte Mischung aus Lämmergier und Truthahn, wobei sie von beiden nicht das Beste mitbekommen hat. An deutlich sichtbaren Fäden wird sie mal von links, dann von rechts durch das Bild gezogen und erinnert in den Momenten, in denen sie auf ihrem Nest oder dem Empire State Building (für ein Riesenmonster natürlich Standesgerecht) in der Tat verdächtig an Urmel aus dem Eis. Aber, trotz des putzigen, ja in der Tat hochgradig Lächerlichen (was hat man sich bloß bei diesem Federschmuck auf dem Kopf gedacht, der aussieht wie ein Staubwedel in der Mauser?) Aussehens hat dieses Vogelmonster Charme und Charakter. Und dies hundertfach mehr, als die seelenlosen CGI-Hai, die „Trash“-Schmieden im Dutzend jeden Monat auf den Markt werfen. Wenn es am Ende sein unvermeidliches Schicksal trifft, dann hat man wirklich Mitleid mit ihm.

Ob das Aussehen der Marionette nun ein Unfall oder Kalkül war, lässt sich wohl nicht mehr herausfinden. Aber es passt perfekt zum großen Wurf des Drehbuchs, welcher vom Budget in keinster Weise umgesetzt werden kann. Trotzdem haben die Macher nicht etwa die kostspieligen Szenen zusammengestrichen, sondern Mittel und Wege gefunden, diese epischen Bilder für den Preis eines Butterbrotes nachzustellen. Das erinnert dann an eine Bande aufgeweckter Kinder, die am Weserstrand „Laurence von Arabien“ nachdrehen. Für die große Massenzerstörung wird auf ganz offensichtliches Stock-Footage und Ausschnitten aus anderen Filmen (vor allem Katzmans eigenen „Fliegende Untertassen greifen an“ zurückgegriffen. In Schauspieler deklamieren Dialoge, wie aus einem Shakespeare-Stück und agieren so ernsthaft, als gelte es einen Oscar zu gewinnen. Auch wenn man Jeff Morrows immer reichlich skeptisch dreinblickenden Gesicht ansieht, dass er zumindest ahnt, was am Ende rauskommt. Auch wenn niemand, aber auch wirklich niemand der Darsteller sicherlich eine Vorstellung davon hatte, wie das Riesenmonster, das die alle bedroht, am Ende aussehen wird. Der Legende nach sah Morrow es erstmals bei der Premiere in seiner Heimatstadt und als das Publikum in schallendes Gelächter ausbrach, flüchtete er schnell aus dem dunklen Kinosaal, um nicht erkannt zu werden.

Aber auch jenseits des wirklich unglaublichen Monsters funktioniert der Film als kuscheliger Unterhaltungsfilm. Die Chemie zwischen den Hauptdarstellern stimmt. Zwar nimmt man dem älteren und nicht durch übermäßige Attraktivität glänzenden Jeff Morrow und der überaus sympathischen Mara Corday das Liebespaar nicht ab, aber sie agieren hier wie gute Freunde, die sich einfach mögen und auch gerne mal necken. Irgendwie fühlt man sich hier an die frühen Scully & Mulder erinnert. Auch wenn die 50er-Hollywood-Konventionen natürlich vorsehen, dass sich die kühle Wissenschaftlerin in den draufgängerischen Typen verliebt. Generell hat man das Gefühl, dass sich die Darsteller gut verstanden haben und auf dem Set eine angenehme Atmosphäre herrscht. Oft wird freundschaftlich auf den Arm oder den Rücken geklopft. Auch die beiden Generäle spielende Morris Ankrum und Robert Shayne machen den Eindruck alte Kumpels zu sein. Ein weiteres Plus ist das von Paul Gangelin und Samuel Newman verfasste Drehbuch, das in die Vollen geht und sich für nichts zu schade ist. Völlig ungezügelt wird der Riesenvogel dann noch zum außerirdischen Supermonster mit Antimaterieschild gemacht. Da fehlt komplett die Schere im Kopf, was geht und was nicht. Da wird einfach gemacht. Zusammengehalten wird das Ganze von Fred F. Sears routinierter Regie. Der Mann der als vielbeschäftigter Schauspieler in Klein.- und Kleinstrollen in Hollywood begann, drehte in nur fünf Jahren führte er in 29 Spielfilmen Regie. Meistens Western, aber auch Musikfilme wie der Billy-Haley-Film „Außer Rand und Band“ oder den bereits erwähnten „Fliegende Untertassen greifen an“. Leider verstarb er schon 1957 mit nur 44 Jahren an Gehirnblutung. „Angriff der Riesenkralle“ war einer seiner letzten Filme.

„Angriff der Riesenkralle“ ist ein durchweg sympathischer Film, der weitaus mehr vom Kuchen abbeißt, als er kauen kann. Und das sehenden Auges. Legendär ist er durch die unglaubliche Marionette geworden, die so was wie einen außerirdischen Riesen-Truthahn darstellen soll. Aber der Film hat ganz anderere Qualitäten. Figuren, denen man gerne beim manchmal doch absurden Treiben zuschaut, ein hohes Tempo, eine sehr solide Regie und vor allem ein Drehbuch, welches von vornherein Vollgas gibt und einen großen Science-Fiction-Monster-Katastrophenfilm konzipiert, auch wenn der Produktion gar nicht die Mittel zur Verfügung stehen, um das alles adäquat umzusetzen. Aber irgendwie hat man es dann doch versucht – und ein schwer unterhaltsames Stückchen klassischen B-Film geschaffen. Mit einem wahrlich unvergesslichen Filmmonster.

Auch mit der neusten Veröffentlichung seiner „Rückkehr der Galerie des Grauens“ versorgt Anolis Monster- und Horrorfans mit einer kleinen Rarität. Zumindest in Deutschland dürfte „The Giant Claw“ noch relativ unbekannt sein. Erst 1996 – also 39 Jahre nach seiner Herstellung – erlebte der Film unter dem Titel „Angriff der Riesenkralle“ auf RTL seine Deutschland-Premiere. RTL ließ auch die deutsche Synchronfassung herstellen, die wie leider sehr viele TV-Synchronisationen zwar routiniert, aber auch recht leblos und klinisch klingt. Neben dieser deutschen Fassung hat die mal wieder vorbildliche „Anolis“-Scheibe aber auch einen sehr sauberen Originalton mit dabei, der hier vorzuziehen ist. Auch die Bildqualität ist vom Feinsten und eigentlich schon zu gut für diesen Film. Dr. Rolf Giesen spricht in seiner Einführung dann auch von „falscher HD-Aufbereitung“ – womit er allerdings meint, dass durch das kristallklare Bild die Fäden deutlich zu erkennen sind, an der die vogel-Marionette durch das Bild gezogen wird. In den alten 35mm-Versionen wäre das in dieser Deutlichkeit nie zu erkennen gewesen. Anolis stellt diese missverständliche Aussage bezüglich „falscher Aufbereitung“ dann auch noch einmal auf einer Texttafel klar. Wie schon gewohnt, gibt es auch wieder zwei Audiokommentare. Auf dem ersten sind Ingo Strecker (der auch das informative 16-seitige Booklet schrieb) und Thomas Kerpen zu hören. Auf dem zweiten das bewährte Trio Dr. Rolf Giesen, Uwe Sommerlad und Label-Chef Ivo Scheloske. die mexikanische und spanische Titelsequenz, sowie der US-Trailer runden diese wie gewohnt schicke Edition ab.

Blu-ray-Rezension: „Marketa Lazarova“

Von , 22. April 2017 13:49

Vater Kozlík (Josef Kemr) sendet seine Söhne Mikolás (František Velecký) und den einarmigen Adam (Ivan Palúch) aus, um Reisende auszurauben. Eines Tages stoßen sie dabei auf eine Gruppe Deutscher. Sie töten fast alle, aber ein Mann kann entkommen. Mikolás nimmt dessen Sohn (Vlastimil Harapes) und einen Diener als Geisel. Es stellt sich aber heraus, dass der Geflüchtete ein sächsischer Adeliger war, der zum Bischof von Hennau gemacht werden sollte und ein sehr enger Verbündeter des Königs ist. Dieser bestellt Kozlík an seinen Hof, wo Kozlík gefangengenommen werden soll. Es gelingt ihm allerdings – verfolgt von den Soldaten des Königs unter Hauptmann Pivo (Zdenek Kryzánek)- zu fliehen. Um sich gegen Pivos Truppe wehren zu können, schickt Kozlík seinen Sohn Mikolás zu seinem Nachbarn Lazar (Michal Kozuch), um diesen zu zwingen, gemeinsam mit ihm gegen Pivo zu kämpfen. Als Lazar sich weigert, entführt und vergewaltigt Mikolás dessen Lazars Tochter Marketa (Magda Vásáryová), die gerade einem Kloster beitreten wollte…

Wenn die Blu-ray von „Marketa Lazarova“ nach 165 Minuten zu Ende ist, fühlt man sich erschlagen, erschöpft, glücklich und zugleich traurig. Traurig, weil man diesen mächtigen Bilderhammer nicht auf der großen Leinwand gesehen hat, wo er sicherlich noch einmal eine ganz andere faszinierende Sogwirkung als auf dem Fernseher Zuhause entwickelt. Selbst wenn die vom tschechischen Filminstitut durchgeführte Restaurierung – welche die Grundlage der Bildstörung-Blu-ray bildet – überaus gelungen ist. Aber ein visuell – und auch auditiv – derartig überwältigender Film gehört nun einmal auf die ganz große Leinwand. 1967 in die Kinos gekommen, nach 548 Drehtage und eine Verdoppelung der veranschlagten Produktionskosten, erscheint „Market Lazarova“ seiner Zeit weit, weit voraus. Nur vergleichbar mit Andrej Tarkowskis nahezu zeitgleich entstanden „Andrej Rubljow“ und dem ebenfalls kürzlich von Bildstörung veröffentlichten „Es ist schwer ein Gott zu sein“ von Aleksey German aus dem Jahre 2013. Der studierte Kunsthistoriker Frantisek Vlácil hat mit „Marketa Lazarova“ ein ebenso brutal-authentisches, wie poetisch-surreales Mittelalter erschaffen, in dem seine Geschichte um zwei verfeindete Clans und die Rache des Königs ebenso zielsicher, aber eben auch schwankend auf einer dünnen Linie zwischen ungeschönten, hässlichen Realismus und traumhafter Magie, Grausamkeit und Zärtlichkeit, Dreck und strahlender Schönheit, heidnischen Ritualen und einem rigiden Christentum balanciert.

Auf ihr Skelett heruntergedampft, ist die Geschichte von „Marketa Lazarova“ relativ simpel zu verstehen. Doch Frantisek Vlácil nutzt sie für eine Meditation über das Erzählen von Geschichten und für die Rekonstruktion einer uns so fremden Zeit, aus der es kaum Überlieferungen gibt. Vlácil erschafft sein ganz eigenes 13. Jahrhundert, in welchem sich der Zuschauer ebenso fremd fühlt, wie auf einem ferneren Planeten – und doch zugleich auch irgendwie vertraut. Im geht es da ähnlich dem Protagonisten aus Aleksey Germans „Es ist schwer ein Gott zu sein“. Gleichzeitig löst Vlácil die Einheit von Raum und Zeit, Realität und Vorstellung auf. Man sieht Szenen, deren Bedeutung erst sehr viel später aufgelöst werden. Von denen man nicht weiß, wann und wo sie stattfinden. Ist es eine Erinnerung? Passiert es jetzt? Oder ist es ein Vorgriff auf das, was noch passieren wird? An einigen Stellen lässt Vlácil wichtige Teile der Geschichte einfach weg und lässt sie erst viel später von einer Figur nacherzählen. Oder er illustriert Gedanke und Geschichten so, als würden sie genau jetzt tatsächlich geschehen. Der alte Lazar spricht zu dem jungen Mikolás über seine Tochter Marketa (die wir bis dahin noch nicht gesehen haben). Davon, wie rein sie ist, und dass er sie den Nonnen versprochen hat. Gleichzeitig bebildert Vlácil dies mit einer Gruppe schwarzgekleideter Nonnen, die sich einen Hügel hinauf schlängeln, jede eine weiße Taube in der Hand – und der jungen Marketa, die eine dieser Tauben vor ihrer halb entblößten Brust hält. Dann ist diese Vision auch wieder vorbei. War sie eine Erinnerung Lazars? Oder sahen wir die Bilder, die dessen Worte in Mikolás Kopf hervorgerufen haben. Immer wieder kommt es zu solchen Szenen. Frantisek Vlácil agiert selber wie der alter Erzähler, dessen Stimme am Anfang verkündet, es sei nun besser, am Feuer zu sitzen und sich an Geschichten von früher zu erinnern. Und so erzählt Vlácil die Ballade (oder Rhapsodie, wie der Vorspann ankündigt) von Marekta Lazarova dann auch. Hier vergisst er etwas, dort holt er etwas vor, was ihm gerade in den Kopf gekommen ist, dort fügt er etwas an, was er zuvor zu erwähnen vergessen hatte. Und immer wieder vermischt sich die Erzählung mit dem, was der Erzähler falsch erinnert, dazu dichtet oder bewusst mythisch auflädt.

Dieses „Erzählen“ wird auch in der Tonspur hervorgehoben. Die Dialoge sind mit einem unnatürlich Hall versehen. Dies erinnert an Dokumentarfilme, die stumm aufgenommen wurden, und dann der omnipräsente, gottgleiche Erzähler die somit unhörbaren Dialoge wiedergibt. Auch hier hat man den Eindruck, die Sätze würde von jemand anderen nachgesprochen, nicht den handelnden Personen deren Bilder man über die Jahrhunderte hinweg sieht. Einmal greift der Erzähler sogar ins Geschehen ein und hält Zwiesprache mit dem Bettelmönch, der wie der Zuschauer mit großen Augen durch diese Welt voller Versehrter, Gewalt und Grausamkeit taumelt. An wen sonst, sollte sich der Allwissende, der dort aus seiner himmlischen Position heraus das Treiben beobachtet, auch sonst wenden?

Die Figur des Mönches nimmt eine Stellvertreterrolle für den Zuschauer ein. In seiner passive Position des Beobachters wird er wie dieser von den Ereignissen überrollt und in eine Welt hineingezogen, die nicht die seine ist. Doch der Mönch ist gleichzeitig eine ebenso fremdartige, ja primitive – sich der Moral der modernen Zeiten verweigernde Figur, wie das restliche Personal dieses Films. Sei es der einarmige Adam, der eine inzestuöse Beziehung mit seiner Schwester hatte. Oder eben jene Schwester, die sich heidnischen Ritualen hingibt. Oder Nebenfiguren wie der Geistliche aus Deutschland, der nur Hass und Vernichtung kennt. Und unser gutherziger, naiver Mönch? Der wiederum pflegt eine intensive Beziehung mit einem Schaf, die weit über das hinausgeht, was gesellschaftlich akzeptabel ist. Auch Marketa selber ist keine gänzlich reine, engelsgleiche Figur. Als sie von Mikolás einführt und vergewaltigt wird, verliebt sie sich in ihren Peiniger und geht freiwillig ein Abhängigkeitsverhältnis mit ihm ein. Gespiegelt wird dies in dem Verhältnis des jungen deutschen Adeligen (der eigentlich zum Bischof gemacht werden sollte). Auch dieser wird vom Clan der Kozlík entführt und verliebt sich seinerseits in die starke, unabhängige Heidin Alexandra. In diesem Film strebt jeder entweder nach Macht über die anderen oder unterwirft sich sexuell und gefühlsmäßig dem Stärkeren. In dieser Welt benehmen sich die Menschen wie die Wölfe, die in „Marketa Lazarova“ allgegenwärtig durch die Landschaft streifen.

Die Ungewöhnlichkeit mit der Frantisek Vlácil seine Geschichte erzählt, schlägt sich auch in der Kameraarbeit und dem Sounddesign nieder. Man mag kaum glauben, dass der Film Mitte der 60er Jahre entstand und er muss teilweise wie ein Schock auf das damalige Kinopublikum gewirkt haben. Mal schwebt die Kamera (geführt von Bedrich Batka) über den Geschehen und fängt die landschaftlichen Panoramen in atemberaubenden Gemälden ein, dann folgt die Handkamera ganz nah den Figuren, klebt förmlich an ihnen und ihren Gesichtern. Ein anderes Mal nimmt sie ganz den Blick eines der Handelnden ein, und der Zuschauer reist in dessen Kopf durch das 13. Jahrhundert. Hier überirdisch schöne Bilder, elegante Kamerafahrten – dort hässlicher Realismus voller Dreck und Blut. Gleichzeitig sorgt die mit Chören und elektronischen Klängen durchsetzter Filmmusik von Zdenek Liska gemeinsam mit dem grandiosen Sounddesign dafür, dass der Zuschauer einerseits mitgerissen, ihm dann aber auch immer wieder der Boden unter den Füssen weggezogen wird. So entsteht eine permanent (alb)traumhafte Atmosphäre. Nicht zu vergessen, die detailreichen, authentischen Kulissen und die Kostüme, auf die Vlácil seine höchste Aufmerksamkeit legte. Intensiv setzte sich Vlácil im Vorfeld mit dem Leben im Mittelalter auseinander, dem Waffengebrauch und dem Alltagsleben. Er ging sogar soweit, mit Cast und Crew für zwei Jahre in den Böhmerwald zu ziehen, und während dieser Zeit selbst zu leben wie im 13. Jahrhundert. Der hohe Aufwand hat sich gelohnt. „Marketa Lazarova“ wurde völlig zurecht zweimal (1994 und 1998) von tschechischen Journalisten und Filmkritikern zum besten tschechoslowakischen Film aller Zeiten gewählt.

Dank des vorzüglichen Filmlabels „Bildstörung“, welches mit Fug und Recht als deutsche Antwort auf das amerikanische Criterion oder das englische Masters of Cinema bezeichnet werden kann, hat Frantisek Vlácils Meisterwerk „Marketa Lazarova“ nicht nur nach 50 Jahren endlich einen deutschen Kinostart verschafft, sondern auch in einer wieder einmal vorbildlichen Blu-ray-Edition veröffentlicht, welche keine Wünsche offen lässt und das cinephile Herz höher schlagen lässt. Das vom tschechischen Filmarchiv brillant restauriert Bild der Blu-ray ist ein Fest für die Augen. Der Ton (tschechisch mit ausblendbaren deutschen Untertiteln) zunächst gewöhnungsbedürftig, aber dies war – wie oben beschrieben – auch die Intention des Filmemachers. Auf einer weiteren Tonspur befindet sich ein filmbegleitendes Gespräch mit Olaf Möller. Der Edition liegt noch eine DVD bei, auf der sich reichhaltiges und interessantes Bonus-Material befindet. „Der schicksalhafte Rausch des František Vlácil“ von 2003 ist ein 50minütiges Portrait über den 1999 verstorbenen Regisseur, welches für das tschechische Fernsehen produziert wurde. Für jenes wurde auch 1995 das viertelstündige „Das Leben des František Vlácil“ und das 20-minütige „Im Netz der Zeit“ produziert. In beiden Featurettes kommt Vlácil selber ausführlich zu Wort. Man lernt in diesen drei Dokumentationen viel über den nicht immer einfachen František Vlácil und die Entstehung seines berühmtesten Werkes „Marketa Lazarova“. Vor allem machen die hier zu sehenden Ausschnitte aus seinen weiteren Filmen eine unbändige Lust drauf, sich weiter mit dem Werk dieses hierzulande viel zu unbekannten Filmemachers zu beschäftigen, und sich auf die Suche nach Filmen wie „Die weiße Taube“ oder „Valley of the Bees“ zu machen. Des weiteren findet man auf der Bonus-DVD noch Interviews mit der Filmjournalistin Zdena Škapová (14 Min.), dem Kunsthistoriker Jan Royt (12 Min.) und dem Restaurationsleiter Ivo Marák (9 Min.). Eine Storyboard-Galerie und das unbedingt lesenswerte 24-seitiges Booklet mit einem Text von Marc Vetter („Marketa Lazarová oder die Zeit der Wölfe“), welcher sich mit der Vorlage, den Produktionsbedingungen und František Vlácil beschäftigt, runden diese schöne Veröffentlichung ab. Bitte noch viel mehr davon!

Blu-ray-Rezension: „Das Grauen schleicht durch Tokio“

Von , 16. April 2017 12:45

Während eines heftigen Regenfalls gerät der Drogenschmuggler Misaki in Panik und schießt wild um sich, dann wird er von einem Taxi erfasst – und verschwindet. Nur seine Kleidung bleibt von ihm übrig. Die Polizei unter der Führung des Inspektors Tominaga (Akihiko Hirata) steht vor einem Rätsel. Tominaga vermutet, dass Misaki einem Bandenkrieg zum Opfer fiel und konzentriert seine Ermittlungen auf die Freundin Misakis, die Nachtclubsängerin Chikako Arai (Yumi Shirakawa). Diese wird auch von der Tokioter Unterwelt bedrängt, die ebenfalls auf der Suche nach Misaki ist. Bald schon verschwinden immer mehr Personen. Da schaltet sich der junge Wissenschaftler Dr. Masada (Kenji Sahara) ein, der glaubt, die seltsamen Vorgänge hingen mit einer hohen Strahlungsdosis zusammen. Doch die Polizei glaubt ihm nicht. Erst als die Polizisten selber einer grünen, schleimartigen Masse gegenüberstehen, schenken sie Masada Gehör…

Anmerkung: Alle Screenshots stammen von der ebenfalls enthaltenen DVD, nicht der Blu-ray.

Für viele ist der Name Ishirō Honda lediglich mit seiner bekanntesten Kreatur „Godzilla“ verknüpft, die er 1954 auf die Leinwand hievte und damit einen Film schuf, der es ins kollektive Pop-Bewusstsein der Menschheit geschafft hat. Auch durch die mittlerweile insgesamt 28 Nachfolgefilme, einer Zeichentrickserie, Gastauftritt in TV-Serien, zwei US-Remakes (okay, wenn man streng ist, dann nur einem), Comics, Werbespots und, und, und. Dabei war Honda zwar an vielen, aber längst nicht allen Godzilla-Filmen beteiligt. Schon bei der Fortsetzung „Godzilla kehrt zurück“ übernahm Motoyoshi Oda den Regiestuhl. Danach gab es erst einmal eine lange Pause und Honda hatte erst 1962 bei „Die Rückkehr des King Kong“ wieder mit dem großen Grünen zu tun. Zwischenzeitlich erschuf er auch andere, legendäre Monsterfilme, deren Hauptfiguren wie Mothra oder Rodan sich später auch in der Godzilla-Serie wiederfinden sollten. Und er inszenierte einige SF-Horrorfilme, von denen „Das Grauen schleicht durch Tokio“ einer der Bekanntesten ist.

Im Grunde gehört „Das Grauen schleicht durch Tokio“ zu dem kleinen, aber feinen Subgenre des Body-Melt-Films, der seine Anfänge u.a. in dem britischen Hammer-Film „Schock“ hatte und dann in den 80ern mit Werken „Street Trash“ oder „Body Melt“ einen drastischen Höhepunkt feierte. Und natürlich spielt „Das Grauen schleicht durch Tokio“ auch auf den großen amerikanischen Kassenerfolg „Der Blob“ an. Er verbindet damit Elemente von „Der Blob“ mit „Schock“ und vermischt dies mit einer großen Prise Yakuza-Film. Tatsächlich drängt sich der Yakuza-Anteil gerade in der ersten Hälfte so stark in den Vordergrund, dass man die „Flüssigen Menschen“ (der Originaltitel des Filmes lautet recht treffend „Die Schönheit und der flüssige Mann“) fast schon vergisst. Zumal sie zunächst auch nicht direkt gezeigt werden. Panische Gesichter, Schüsse und dann zurückgelassene Kleidung ohne menschlichen Inhalt – das ist alles, was man zu sehen bekommt. Die Polizei mag keine andere Möglichkeit als einen Gangsterkrieg in Betracht ziehen, so dass die Staatsmacht lange im Dunkeln tappt, während der Zuschauer schon lange weiß, wer hier durch Tokio schleicht. Oder auch nicht. Denn die Geschichte um die schleimig-grüne Flüssigkeit ist trotz ewig langer Erklärungen des erst spät in die Handlung eingreifenden jungen Helden Masada etwas konfus. Was ist diese grün-schleimige Flüssigkeit? Ein Wesen, welches fremde Leben assimiliert? Die kollektive Existenz der Opfer? Oder verwandelt es jedes einzelne Opfer in einen Geist? Letztere tauchen ja dann auch öfter mal auf. Und warum scheint „das Grauen“ einen Rachefeldzug für das erste Opfer, den Drogenschmuggler Misaki, zu führen?

Obwohl der Film alle Möglichkeiten für ein großes Spektakel mitbringt, kehrt Honda mit schöner Regelmäßigkeit zu unzähligen Dialogszenen zurück. Ständig sitzt das Polizei-Team zusammen, verhört jemanden oder stellt Theorien auf, von denen man weiß, dass sie nicht stimmen. Diese Tendenz zur Geschwätzigkeit bremst den Film immer wieder aus. Dabei versteht sich Honda ja eigentlich auf finstere, ebenso wie auf bunte Bilder. Eine nächtliche Attacke auf die Nachtclub-Sängerin Chikako oder die Seeleute auf dem Geisterschiff sind entsprechend düster oder im letzteren Falle auch tatsächlich unheimlich inszeniert. Die Musikszenen im Nachtclub stören überraschenderweise nicht, sondern sind bunte Farbtupfer in einer eigentlich recht grimmigen Geschichte. Auch davon hätte man gerne etwas mehr gesehen, stattdessen darf man sich dann wieder minutenlang pseudo-wissenschaftliche Vorträge anhören. Wenn „das Grauen“ dann aber zuschlägt, wird man für das lange Warten entschädigt. Zwar klafft die Qualität der Spezialeffekte weit auseinander – von peinlich-lieblos bis beeindruckend-explizit – doch Honda beweist ein gutes Händchen für die, zugegeben rar gesäten, Höhepunkte seines Films. Und bei den eher absurden Momenten (wenn beispielsweise ein Polizist eine Fensterscheibe zerschlägt, obwohl das Fenster direkt neben ihm offen steht und generell alle minutenlang und natürlich ziemlich erfolglos auf die Flüssigkeit schießen) bin ich mir sicher, dass sie von Honda mit einem Augenzwinkern absichtlich so eingebaut wurden.

Auch wenn das große Finale nicht nur etwas enttäuschend, sondern vor allem arg auch unübersichtlich ausfällt, und wenn weitaus mehr geredet als gehandelt wird, kann man „Das Grauen schleicht durch Tokio“ durchaus mögen. In einem der ersten Cinemascope Farbfilme der Toho merkt man noch die Freude, mit der Honda die neuen Möglichkeiten zumindest visuell ausprobiert. Sehr schön auch die hübschen Modelle des Tokioter Hafens, die am – dem Publikum der internationalen Fassung vorenthaltenen – Ende ein Raub der Flammen werden. Diese internationale Fassung ist gut sieben Minuten kürzer als die japanische Fassung. Es fehlen hier vor allem Dialogszenen, die entweder gänzlich getilgt oder stark gekürzt wurden. Was dem Film durchaus gut tut, auch wenn dadurch viele Bezüge zu den Atombombenversuchen der Supermächte verloren gehen. Stark gestrafft wurden auch die Tanz- und Gesangszenen im Nachtclub, sowie das Schicksal einer Tänzerin, die dem grünen Killerschleim zum Opfer fällt. Die Anolis-Scheibe bietet beide Fassungen an. Welche man bevorzugt, dürfte Geschmackssache sein. Beide haben ihre Vor- und Nachteile.

Auch wenn „Das Grauen schleicht durch Tokio“ unter allzu vielen Dialogszenen leidet und das Drehbuch nicht wirklich glänzt, ist der Film doch für Freunde der japanischen Produktionsgesellschaft Toho und ihres bekanntesten Regisseurs Ishirō Honda essenziell. Aber auch alle anderen können mal einen Blick riskieren, selbst wenn die wirklich gelungen Szenen gegenüber den geschwätzigen klar in der Unterzahl sind.

Der neueste Eintrag in „Die Rache der Galerie des Grauens“ reiht sich in die wundervollen Präsentationen dieser Reihe ein. Von der Bildqualität her gibt es bei diesem 60 Jahre alten Film nichts zu kritisieren. Insbesondere in der Blu-ray-Version sind die Farben kräftig und das Bild sehr klar – ohne dabei etwas von seinem „Film-Look“ einzubüßen. Wie bereits oben geschrieben, liegt der Film sowohl in der langen Japanfassung, als auch in der gestrafften Internationalen Fassung (auf der die deutsche Kinofassung beruht) vor. Die Unterschiede werden hier eingehend beschrieben. Aber Vorsicht, Spoiler-Gefahr. Neben der deutschen, japanischen (nur bei der Japanfassung) und englischen (nur bei der Internationalen Fassung) Tonspur, kann man auch wieder zwischen zwei Audiokommentaren wählen. Dr. Rolf Giesen und Jörg M. Jedner konzentrieren sich vor allem auf die Auswertungsgeschichte japanischer Filme in Deutschland, während das bewährte Trio Jörg Buttgereit, Bodo Traber und Alexander Iffländer sich auf ähnlich gelagerte Produktionen der Toho und ihre Bedeutung konzentrieren. Der deutsche Trailer, eine Bildergalerie, Werbematerial und das gut geschriebene, 16-seitiges Booklet von Jörg M. Jedner und Jo Steinbeck runden diese schöne Veröffentlichung ab.

Blu-ray-Rezension: „Milano Kaliber 9“

Von , 29. März 2017 19:38

Ein dilettantischer durchgeführter Raubüberfall hat Ugo Piazza (Gastone Moschin) hinter Gitter gebracht. Wegen guter Führung wird er nach drei Jahren entlassen und umgehend von seinen alten Kumpanen in Empfang genommen. Kurz vor Ugos Verhaftung verschwanden nämlich 300.000 US-Dollar und der Mailander Gangsterboss „der Amerikaner“ (Lionel Stander) hat Ugo in Verdacht, diese beiseite geschafft zu haben. Nun wird Ugo Schritt auf Tritt von dem Schläger Rocco (Mario Adorf) und seinen Leuten verfolgt, die versuchen ihn unter Druck zu setzen. Doch Ugo scheint sich nur nach einem ruhigen Leben mit der wunderschönen Nelly (Barbara Bouchet) zu sehnen. Doch der Druck auf Ugo wächst und schon bald sieht er sich gezwungen, wieder für den „Amerikaner“ zu arbeiten. Doch gleich der erste Job geht schief, und die Leichen fangen sich an zu türmen…

Milano Kaliber 9“ ist für mich ein besonderer Film. Es war damals der Film, der mich in das Genre des Poliziottesco, des italienischen Polizeifilms, einführte. Der mich von der ersten Sekunde lang mitgerissen hat. Mich nicht wieder losließ und noch lange nach dem Schlussbild beschäftigte. Der zu meiner Messlatte für alle weiteren Poliziotteschi wurde und welche vielleicht in wenigen glücklichen Fällen erreicht, nie jedoch überboten wurde. Dabei hatte es der Film bei mir zunächst nicht leicht. Angefixt durch das Buch „Der Terror führt Regie“ von Karsten Thurau und Michael Cholewa, welches ich irgendwann um 1999 herum auf einer Filmbörse mitgenommen hatte (wenn mich mein Gedächtnis nicht ganz trügt), waren meine Erwartungen an den Film schon extrem hoch. „Der Terror führt Regie“ damals das erste Buch in Deutschland, welches sich überhaupt mit dem Poliziottesco beschäftigte und von daher für mich ein sehr wichtiges Werk, denn es eröffnete mir ein Genre, mit welchem ich mich bisher noch nicht beschäftigt hatte. Das war noch in einer Zeit, in der das Internet zwar schon Einzug in das allgemeine Leben hielt, aber Filmfreunde tatsächlich noch ihr Wissen noch vor allem aus den – spärlichen – Publikationen zum Thema europäisches Genrekino speisten. Der Säulenheiliger des Autoren-Duos war Fernando di Leo, sein zentrale Meisterwerk „Milano Kaliber 9“.

Dann hatte ich endlich „Milano Kaliber 9“ im Videorekorder. Eine Kopie des alten deutschen VHS-Tapes. Vielleicht die zweite oder dritte. Ich weiß gar nicht mehr, wo ich die her hatte, das Bild war jedenfalls noch erstaunlich gut. Da war man zu den wilden, prä-DVD-Zeiten auch anderes gewohnt – was man aber ohne viel Murren schluckte, nur um endlich mal den begehrten Titel, über den man zuvor nur mal irgendwas gelesen hatte, sehen zu können. Egal wie. Und, holla, allein der Anfang von „Milano Kaliber 9“ hatte es dermaßen in sich, dass ich den Film auch dann als Meisterwerk tituliert hätte, würde der Rest aus Schwarzbild bestanden haben. Diese furiose Montage, in der in nur fünf Minuten zu der kongenialen Musik von Luis Bacalov die Geschichte eines fehlgeschlagenen Geldschmuggels und den brutalen Konsequenzen erzählt wird, gehört bis heute für mich zu den großartigsten Filmanfängen aller Zeit. Gleich ganz oben dort mit jenem von Orson Welles‘ „Im Zeichen des Bösen“ oder Leones „Spiel mit das Lied vom Tod“. Vor einigen Jahren gab es im Bremer Kommunalkino mal kurzzeitig ein kleine Gruppe, die sich in regelmäßigen Abständen traf, um Filme anhand von Filmausschnitten vorzustellen und zu diskutieren. Leider habe ich es nur einmal geschafft, an dieser kurzlebigen Veranstaltung teilzunehmen. Das Thema war „Filmanfänge“. Ich hatte natürlich „Milano Kaliber 9“ im Gepäck und danach war es sehr ruhig im Raum und man sah viele heruntergeklappte Kinnladen. Bildungsauftrag erfüllt.

Nun ist „Milano Kaliber 9“ bei filmArt erstmals in Deutschland in HD erschienen. Zeit Mailand mal wieder einen Besuch abzustatten, nachdem ich den Film nun schon längere Zeit nicht mehr gesehen hatte. Und was war das für ein Wiedersehen. Wie beim ersten Mal traf mich die Rasanz und Gewalt der ersten Minuten wie ein Hammer. Mario Adorf liefert in seiner Darstellung des Rocco eine der besten Leistungen seiner an überragenden Darstellungen nicht gerade armen Karriere ab. Er spielt nicht, er ist. Dieses schleimig-einschmeichelnde, dass in der nächsten Sekunde in erschreckend rohe Brutalität umschlägt. Hier der narzisstische Clown mit den viel zu großen Gesten, dort der hitzköpfige, aber in der Wahl seiner Mittel erschreckend kontrollierte Gewaltmensch. Und am Ende die einzig ehrliche Figur in diesem Film Noir voller Intrigen, Masken und Machtspielchen. Rocco mag ein extrem gefährlicher, stets gewaltbereiter Schläger sein, dem ein Menschenleben nichts bedeutet. Der ohne mit der Wimper zu zucken wortwörtlich über Leichen geht. Aber er gibt niemals vor, jemand anderer zu sein als der, der er ist. Rocco ist immer Rocco, womit er sich von den anderen Figuren in dieser Geschichte unterscheidet.

Überhaupt diese Schauspieler, die Regisseur und Autor Fernando di Leo für sein Poliziottesco-Debüt zusammengetrommelt hat. Allen vorweg der unglaubliche Gastone Moschin, der ein wenig an eine primitivere Version von Jason Statham erinnert. Er versprüht pure Körperlichkeit, wenn er seinen massiven Leib, dieses unbewegte, wie festgemeißelte, grobschlächtige Gesicht durch Mailand schiebt. In jeder Szene nimmt er sich einfach den Raum, den er braucht – ohne dass er sich groß anstrengen müsste. Es ist fast nicht zu glauben, dass dieser aus grobem Fels gehauene Mann auch in der leichten Muse daheim war. Zwei Jahre zuvor hatte er so wunderbar einen spleenigen, britischen Landpolizisten in Michele Lupos schönen „Konzert für eine Pistole“ gespielt und im selben Jahr wie „Milano Kaliber 9“ gab er als Nachfolger von Fernandel (der während der Dreharbeiten verstarb) den Don Camillo! Übrigens mit „Kaliber 9“-Gegenspieler Lionel Stander als Peppone. Um gegen diese Naturgewalt anzuspielen, braucht es ganz besondere Schauspieler, und die Leo hat sie. Neben dem fantastischen Mario Adorf quasi als Gegenentwurf zu Moschins Ugo Piazza, ist da der alt gewordene Philippe Leroy als Killer im Ruhestand. Ruhig, überlegt und von einer schweren Melancholie durchzogen. Frank Wolff, als wütender Kommissar mit althergebrachten, faschistischen Ansichten. Urgestein Lionel Stander als Gangsterboss „Amerikaner“ – irgendwo zwischen Güte und knallharter Skrupellosigkeit. Und letztendlich auch die göttliche Barbara Bouchet in der Rolle ihres Lebens. Von ihrem ersten Auftritt als Erotik-Tänzerin – der niemanden auf dem Sitz halten dürfte – bis hin zum großen Finale, als sich plötzlich ihr schönes Gesicht in eine gierige Hexenfratze verwandelt.

Aber was wären diese tollen Schauspieler und die souveräne Regie Fernando di Leos ohne seine anderen Mitstreiter, die aus „Milano Kaliber 9“ solch einen kraftvollen, unvergesslichen Film gemacht haben. Ohne Kameramann Franco Villa (dessen Lied man nicht laut genug singen kann, wie ich es bereits anlässlich des Western „Mörder des Klans“ tat, wo dieser viel zu unbekannte Meister hinter der Kamera bereits sein großes Können zeigte. Schade, dass er später im Bodensatz des italienischen Exploitationkinos versank), der genau weiß, wie man mit den Schatten spielt. Wie man den Eindruck einer Szene noch verstärken kann, indem die Kamera leicht in die Untersicht gebracht wird bringt. Der im richtigen Moment ganz nah dran an den Gesichtern und Figuren ist. Der Mailand diese raue, triste Antlitz verleiht. Ohne Amedeo Giomini, der mit seinem Schnitt den Actionszenen diese unerhörte Dynamik gibt. Und natürlich – die Musik. Was Luis Bacalov zusammen mit der Prog-Rock-Gruppe Osanna hier zum Film beisteuert, hebt diesen noch einmal auf ein ganz anderes Level. Ein Soundtrack für die Ewigkeit. Wie bei der eingangs beschrieben Geldübergabe mit jedem Wechsel der Träger die Musik von neuem anschwillt und aus den Boxen birst – das geht unter die Haut. Oder jene Musik, welche Barbara Bouchets erotischen Auftritt begleitet. Melodien für die Ewigkeit. Schade, dass der tollen Veröffentlichung nicht auch noch der Soundtrack beiliegt. Aber das ist schon ein sehr hehrer Wunsch. Man muss filmArt dankbar sein, dass „Milano Kaliber 9“ nun in einem hervorragenden HD-Bild vorliegt, welches all die großen Qualitäten dieses Meisterwerkes noch einmal deutlich hervorhebt.

Ein zeitloser Klassiker des italienischen Gangsterfilms. Keine Maurizio-Merli-Haudrauf-Action, sondern ein desillusionierter Film Noir, bei dem alles stimmt. Von den überragenden Schauspielern bis zur aufpeitschenden Musik. Selten was das ausgelutschte Wort vom „Muss see“ so angebracht wie hier.

„Milano Kaliber 9“ ist die Jubiläumsnummer 10 der „Polizieschi Edition“ aus dem Hause filmArt und endlich mal wieder ein echtes Schwergewicht. Die Scheibe kommt als Blu-ray-/DVD-Kombi daher und hat den Film in der ungekürzten Originalfassung (102 Minuten, die Stellen ohne Synchronisation wurden untertitelt) und der deutschen Kinofassung (95 Minuten) daher. Bild und Ton sind sehr gut. Positiv sei vermerkt, dass der Film bei aller Brillanz seinen „Kinolook“ behält und somit lebendig und nicht totgefiltert aussieht. Beim deutschen Ton hat man allerdings das Gefühl, dass hier etwas zu viel Atmo raus gefiltert wurde. Das klingt manchmal etwas flach. Sehr angenehm und informativ ist die 15-minütige Einführung in den Film, in der Prof. Dr. Marcus Stiglegger das am film beteiligte Personal vorstellt. Sehr interessant sind auch die halbstündige Dokumentation „Calibro 9“ – quasi ein Making-Of – und das 39 Minuten lange Featurette „Fernando DiLeo – Die Entstehung des Genres“ in dem Fernando di Leo über seine lange Karriere Auskunft gibt. Beide Features befinden sich auch auf der Raro-Veröffentlichungen (USA und Italien). Leider wurde auf das Feature „Scerbanenco noir“ (über den Autoren der Vorlage), welches in den internationalen Veröffentlichungen auch enthalten war, hierzulande verzichtet. Ferner sind noch Trailer (leider nicht der deutsche), ein Musik-Video der Gruppe Salem’s Pop (welches zu der Tanz-Szene mit Barbara Bouchet das Hauptthema des Filmes remixt, verfremdet und mit vielen Scratch-Effekten versieht – ist nicht so mein Ding) und ein sogenanntes Artbook mit dem kompletten deutschen Kinoaushang.

Blu-ray-Rezension: “Die 13 Söhne des gelben Drachen“

Von , 22. März 2017 06:33

Der Stammesfürst Li Ke Yung (Feng Ku) und seine 13 Generäle, allesamt Söhne und Adoptivsöhne des Patriarchen, gehen gegen Rebellen vor, welche die Hauptstadt Changan besetzt halten. Im Alleingang kann sein jüngster Sohn Li Tsun Hsiao (David Chiang) den gegnerischen General Meng (Bolo Yeung) besiegen, was ihm die Gunst des Vaters und gleichzeitig die Eifersucht seiner Brüder Li Tsun Hsin (James Nam) und Li Kang Chun (Chung Wang) einbringt. Diese machen gemeinsame Sache mit dem Stadthalter des Kaisers Chu Wen (Sing Cheng), der Li Ke Yung zu einem opulenten Siegesmahl einlädt, in der Absicht ihn umzubringen. Nur mit Hilfe seiner treusten Söhne und unter schmerzlichen Opfern kann Le Ke Yung entkommen. Doch die Intrige der beiden abtrünnigen Brüder soll noch mehr Tote fordern…

Anmerkung: Alle Screenshots stammen von der ebenfalls enthaltenen DVD, nicht der Blu-ray.

Die 13 Söhne des gelben Drachen“ ist einer jener opulenten Ausstattungsfilme, für die es bei den legendären Shaw Brother Studios vor allem einen Spezialisten gab: Chang Cheh. Und gerade bei solch einer aufwändigen Produktion wie „Die 13 Söhne des gelben Drachen“ erkennt man warum. Scheinbar mühelos manövriert er Hunderte von Statisten und eine fast schon unüberschaubare Anzahl von Pro- und Antagonisten durch eine im Grunde simple, dann durch ihre Episodenhaftigkeit und der Unmenge von Namen, die einem um die Ohren gefeuert werden, doch wieder komplizierte Geschichte. Am Ende aber bekommt der Zuschauer einen Film, der trotz seiner vielen bunten Einzelteile doch wie aus einem Guss wirkt und dem ihm – auch wenn man nicht sofort alle Hintergründe und Verwicklungen erfassen kann – bestens unterhält. Da helfen dann natürlich die gut choreographierten Kämpfe und Massenaufmärsche, die Chang Cheh mit einem fast unfehlbaren Auge für beeindruckende Bilder festhält.

Im Gegensatz zu seinen Filmen „Der Pirat von Shantung “ oder „Duell ohne Gnade“ wirkt „Die 13 Söhne des gelben Drachen“ sogar recht zahm und zurückhaltend. So fließt das Blut nicht gleich von Beginn an in rauschenden Bächen und das Maß an Sadismus, welches für seine Filme häufig typisch ist, bleibt zunächst im normalen Rahmen. Dies gilt vor allem für den ersten Kampf zwischen David Chiang und einem sehr jungen Bolo Yeung oder die „Kommando-Aktion“ von sieben Brüdern, die in die Festung des Gegners eindringen. Das wirkt – gerade im Vergleich zu den beiden voran genannten Titeln – dann fast schon kindertauglich. Aber nur fast. Wenn Chang Cheh erst einmal loslegt, gibt es kein Halten mehr. Gerade zwei Szenen sind es, die hier lange im Gedächtnis haften bleiben. Einmal ein blutiger Kampf auf einer engen Brücke, bei dem Ti Lung versucht, seinen Vater aus den Klauen der Gegner zu retten und wortwörtlich als „Last Man Standing“ immer neue Wellen von Angreifern zurückschlägt. Und dann natürlich die berüchtigte Szene, in der eine der Hauptfiguren von vier Pferden auseinandergerissen wird und seine Einzelteile blutige Spuren im Sand hinterlassen. Gerade weil der Film in Vergleich zu Chang Chehs sonstigen Exzessen recht zurückhaltend bleibt, schockiert gerade diese Szene zutiefst.

Die Geschichte von den „13 Söhnen des gelben Drachen“ spielt lange vor der Zeit, die normalerweise in den Shaw Brothers-Filmen abgehandelt wird, nämlich in der Tang Dynastie (618-907). Dies ist zunächst etwas gewöhnungsbedürftig, denn die Kostümierung der „Heldenhaften“ mit den Fellmützen und -mänteln ist doch etwas ungewohnt. Auch ist man überrascht, dass der Patriarch Li Ke Yung und seine 13 (Adoptiv-)Söhne gegen Rebellen antreten.Denn normalerweise sind es ja die Rebellen, die in den klassischen Hongkong-Filmen die Helden stellten. Zu der Verwirrung trägt auch die Besetzung des Li Ke Yung mit dem charismatischen Ku Feng bei. Dieser ist eigentlich auf durchtriebene, skrupellose Bösewichte abonniert und auch seine farbenfrohe Darstellung hier gestaltet sich durchaus ambivalent. Zwar ist er zum einen natürlich derjenige, auf dessen Seite einen der Film stellt, zum anderen besitzt er auch keine Skrupel seine Söhne, wenn sie die ihnen gestellte Aufgabe nicht nach seinem Willen erledigt haben, kurzerhand zum Tode zu verurteilen. Nein, ein sympathischer Charakter ist dieser Li Ke Yung wahrlich nicht.

Auch seine Söhne begeistern nicht gerade durch übertriebene Freundlichkeit. Allein der von David Chiang gespielte Heißsporn Li Tsun Hsiao ist – trotz aller Arroganz die er ausstrahlt – eine Identifikationsfigur. Ti Lung bringt als Shih Ching Szu zwar auch alle Qualitäten eines stoischen Helden mit, bekommt aber relativ wenig zu tun und spielt hier nur die zweite Geige. Han Chin fällt noch als besonnener Bruder auf, während James Nam möglicherweise ein tragischer Charakter sein soll, allerdings ebenso schleimig unsympathisch bleibt wie der bekannte Schurkendarsteller Wong Chung als durchtriebenster und fieseste Bruder von allen. Die restlichen Brüder dienen eher als Staffage. Was leider im Finale zu einem Problem wird, wenn diese eher gesichts- und farblosen Charaktere plötzlich mit den Bösewichten abrechnen. Da sie zuvor nicht richtig eingeführt und zu lebendigen Figuren aufgebauten wurden, verpufft die Dramatik hier leider ziemlich.

Die Geschichte der 13 Söhne und dem „gelben Drachen“ soll auf wahren Begebenheiten der chinesischen Geschichte beruhen. Allerdings wurden sich – bis auf den historischen Kontext – große fiktionale Freiheiten erlaubt. Diese historischen Geschehnisse scheinen in China durchaus bekannt zu sein, denn 1982 entstand noch eine Fernsehserie um die 13 Generäle des Li Ke Yung, die vom damals noch unbekannten Johnnie To in Szene gesetzt wurde. Im Cast dieser Serie finden sich auch einige weibliche Schauspielerinnen. Solche tauchen in „Die 13 Söhne des gelben Drachen“ so gut wie gar nicht auf. Zwar darf David Chiang kurz einem jungen Mädchen schöne Augen machen, welches die alte Ordnung gegen die Rebellen unterstützt, doch dieses verschwindet fast ebenso schnell aus dem Film, wie es gekommen war. Was schade ist, wird das Mädchen doch von Lily Li gespielt, ein gern gesehenen Gesicht in zahlreichen Shaw Brothers Produktionen. Doch Chang Ches Film sind nun einmal reiner Männerfilm. Und während er in andere Filme meist noch eine dünne Alibi-Liebesgeschichte einbaut (wobei es aufrichtige Liebe und Respekt dann doch nur wieder unter Männer gibt), verzichtet er hier ganz darauf. Zugunsten von viel Pathos, Spektakel, blutigen Verrat und hinterhältigen Intrigen.

Chang Cheh verzichtet bei seinem bunten Kostüm-Epos größtenteils auf allzu blutige und sadistische Details, um dem Zuschauer am Ende doch noch ein extrem schmerzhaftes Finale zu bieten. „Die 13 Söhne des gelben Drachen“ bietet darüber hinaus aber auch schön choreographierte Massen- und Schlachtszenen, böse Intrigen und eine Menge Stars.

Auch mit der Nummer 8 ihrer Shaw-Brothers-Collector’s-Edition bleibt sich filmArt treu. Wieder ist es eine BluRay/DVD-Combo. Und wie bei den vorangegangenen Veröffentlichungen innerhalb dieser Reihe weiß das Bild durch eine unglaubliche Klarheit und Brillanz zu bestechen. Der Ton besteht aus der deutschen Neu- und Kinosynchronisation, sowie Mandarin mit zuschaltbaren detuschen untertiteln. Die Neusynchro stammt von 2004 und war notwendig, da in der alten Veröffentlichung satte 30 Minuten Handlung fehlten. Man kan sich aussuchen, ob man den Film nun komplett in der neuen Synchronisation schauen möchte, oder in der Kinofassung, wobei die zahlreichen „Leerstellen“ mit der Neusynchro aufgefüllt werden. Hierzu kann dasselbe wie zu „Die 36 Kammern der Shaolin“ geschrieben werden. Die neue Synchronisation ist gut, aber im Vergleich zu der sehr lebendigen Kinofassung mit seinen markanten Sprechern etwas steril. Allerdings ist der Unterschied nicht ganz so drastisch, wie bei den „36 Kammern“. D.h., wann immer von der Kino- zur Neusynchro gesprungen wird, ist der Bruch zwar merkbar, aber nicht ganz so hart. Als Extras liegt ein Booklet mit dem kompletten deutschen Aushangfotosatz des Films bei. Zusätzlich kann der Zuschauer auch die Fassung der Erstaufführung (von 35mm, 95 Minuten) oder der Wiederaufführung (von 16mm, 80 Minuten) auswählen. Außerdem gibt es noch einen Trailer und eine selbstlaufende Bildergalerie.

Blu-ray-Rezension: “Die 36 Kammern der Shaolin”

Von , 9. März 2017 06:33

Während der Qing-Dynastie (1644–1911) wird das chinesische Volk von den Mandschu in der Gestalt des Generals Tien (Lo Lieh) unterdrückt und geknechtet. Der junge Student Liu Yu Te (Gordon Liu) schließt sich den Rebellen an, die jedoch schnell auffliegen und von den Mandschu getötet werden. Auch Liu Yu Tes Familie gehört zu den Opfern. Liu Yu Te kann jedoch entkommen und flieht schwerverletzt ins Shaolin-Kloster. Hier will er das berühmte Shaolin-Kung-Fu erlernen, um sich an den Mandschu zu rächen. Doch bevor es soweit ist, muss er zunächst 35 Kammern durchlaufen. In jeder Kammer wartet eine neue Prüfung auf ihn. Erst wenn er diese besteht, darf in die nächste Kammer aufsteigen…

Anmerkung: Alle Screenshots stammen von der ebenfalls enthaltenen DVD, nicht der Blu-ray.

Es gibt Filme, die definieren für einen ein ganzes Genre – lange bevor man das erste Mal direkt mit ihm in Kontakt gekommen ist. „Die 36 Kammern der Shaolin“ fällt bei mir genau in diese Kategorie. Jahre bevor ich meinen ersten Shaw-Brothers-Film sah, war mit der Titel „Die 36 Kammern der Shaolin“ bereits geläufig. Wahrscheinlich hatte ich irgendwo Aushangfotos gesehen und in irgendeinem Heft darüber gelesen. Ich weiß noch dunkel, dass ein älterer Nachbarsjunge Hefte besaß, die „Kung Fu“ oder ähnlich hießen. Ich kann mich nicht mehr richtig daran erinnern, was da drin stand, ich meine aber, dass es da Artikel über Kung-Fu-Filme gab. Wo ich das schreibe, meine ich mich daran zu erinnern, dass es da auch etwas über Bruce Lees Tod und der verschwörerisch formulierten Frage, wie ein Bruce Lee sterben konnte, gab. Ich denke, da irgendwo habe ich auch das erste Mal was über „Die 36 Kammern der Shaolin“ gelesen. Als ich den Film dann endlich irgendwann mal in der TV-Ausstrahlung sah, kam er mir einerseits bereits bekannt vor, andererseits hatte ich von den legendären „36 Kammern“ auch ganz andere Vorstellungen. Ich war bis dahin der Meinung gewesen, dass sich hier jemand Videospiel-mäßig durch 36 Kammern voller gefährlicher Shaolin-Mönche kämpfen müsste. Ein Konzept, wie es Bruce Lee für sein leider nie beendeten „Game of Death“ entworfen hatte. Und obwohl ich im Kopf bereits eine ganz andere, wesentlich finstere und brutalere Geschichte durchgespielt hatte, wurde ich von „Die 36 Kammern der Sholin“ aber nicht enttäuscht. Bis heute ist es mir einer meiner liebsten Shaw-Brothers-Filme geblieben und einer der Hauptgründe, warum ich begann, mich eingehend mit dem klassischen Martial-Arts-Kino Hongkongs zu beschäftigen.

Als ich den Film jetzt wiedersah, war ich überrascht, wie viel Raum die „Rahmenhandlung“ einnimmt, die Erlebnisse San Tes im Shaolin Tempel einklammert. Der Film ist wie ein Triptychon aufgebaut, bei dem jeder Teil ungefähr ein Drittel einnimmt. Auf dem ersten Bild sehen wir Liu Yu-te, einen jungen, heißblütigen Mann, dessen Freunde von den bösen Mandschu eliminiert und und dessen Familie zerstört wurde. Das zweite Bild zeigt seine Transformation im Shaolin Kloster, nicht nur durch das eisenharte Training, in dem er die 35 Kammern durchläuft (wobei aber nur 10 Kammern gezeigt werden, ansonsten würde der Film ja über drei Stunden dauern) und sondern auch seine menschliche Entwicklung zu einem weiseren, besonnenen Wesen mit Namen San Te. Auf dem letzten Bild sehen wir den nun vervollkommneten Menschen San Te, der in die Welt hinaus und die selbst erfahren Weisheit und Wissen weitergibt. Man kann sich diesen Triptychon auch gut als in einer Kirche vorstellen, und anstelle Liu Yu-te, der zu San Te wird, vielleicht die Figur des Saulus, der zum Paulus wird. Im Grunde beschreibt „Die 36 Kammern der Shaolin“ nämlich sehr genau den Archetyp der „Heldenreise“.

Und so ist es dann auch unvermeidlich, dass San Te am Ende in seine Heimatstadt zurückkehrt, im sich seinen Erzfeinden, den Mandschu, zu stellt. Wodurch es dann zum finalen Duell mit Lo Lieh als böser Mandschu-General kommt, der anfangs als schier unbesiegbarer Meister der Kampfkunst eingeführt wurde. Lieh hat hier leider nur eine kleine, wenn auch prägnante Rolle. Dass beide für diesen Schlusskampf aus der Stadt reiten, um sich dann auf einem menschenleeren Feld gegenüberzustehen, bricht zwar etwas mit der inneren Logik (warum folgt ihnen niemand und hat San Te nicht geschworen – und praktiziert – dass er nie jemanden angreift?), beschert dem Zuschauer aber ein feinen und gut choreographierten Kampf.

Natürlich hat es auch vor „Die 36 Kammern der Shaolin“ Filme gegeben, die sich mit dem Training der Helden und ihrem Weg zum Superkämpfer beschäftigten. Doch selten so konsequent wie hier. Der große Erfolg des Filmes führte nicht nur zu zwei Fortsetzungen (beide mit Gordon Liu, wobei er im zweiten Teil eine andere Figur spielt), sondern könnte auch eine Blaupause für die immens erfolgreichen Jackie-Chan-Filme „Die Schlange im Schatten des Adlers“ und vor allem „Sie nannten ihn Knochenbrecher“ sein, die im selben Jahr wie „Die 36 Kammern der Shaolin“ in die Kinos kamen. Diese erzählten mit sehr viel weniger Budget, Darstellern und Epos eine sehr ähnliche, wenn auch komödiantisch gefärbte Geschichte. Selbst der große amerikanische Erfolg „Karate Kid“ aus den 80ern führt diese Tradition fort. Und für Gordon Liu wurde San Te die Rolle seines Lebens. Der Schädel, den er sich extra für diese Rolle rasiert hatte, blieb auch in den folgenden Jahren blank und mit seinem älteren Bruder (Gordon Liu war laut einiger Quellen von Lau Kar-Leungs Vater adoptiert worden, Wikipedia schreibt aber, dass er lediglich ein sehr enges, väterliches Verhältnis mit Lau Cham pflegte) dem Shaolin-Film treu. 2005 holte ihn dann Quentin Tarantino – ein großer Fan der „36 Kammern“ – für seine beiden „Kill Bill“-Filme vor die Kamera. Hier spielte Gordon Liu dann gleich zwei Rollen: Die des Johnnie Mo, dem Anführer der „Crazy 88“, und jene des Pai Mei (die widerum auch auf „Die 36 Kammern der Sholin“ anspielt).

Nicht nur Gordon Lius Karriere wurde durch diesen Meilenstein des Kung-Fu-Kinos kräftig angekurbelt. Auch Regisseur Lau Kar-Leung, der zuvor eng mit der Shaw-Brothers-Legende Chang Cheh zusammengearbeitet hatte bis sich beide bei den Drehereien zu „Marco Polo im Reiche des Kublai Khan“ überwarfen, gelang hiermit der Durchbruch. In der Folge wurde er zum Spezialisten für Filme rund um das Shaolin Kloster und in den 80er Jahren drehte er so erfolgreiche Action-Filme wie „Tiger on the Beat“ und seine Fortsetzung. Dass Lau Kar-Leung eine Ausbildung zum Martial-Arts-Kämpfer hat, merkt man seinen Filmen deutlich an. Gerade in „Die 36 Kammern der Shaolin“ sind die Kämpfe sehr traditionell und akkurat. Lau Kar-Leung filmt sie auch meistens aus einer gewissen Distanz, so dass man den eleganten Bewegungen der Kämpfenden gut mit dem Auge folgen kann. Aber auch für Stimmungen hat Lau Kar-Leung ein gutes Händchen und so werden die Übungseinheiten im Kloster auch immer von einer gewissen Düsternis begleitet, die sich nicht eindeutig fassen lässt, aber die besondere Stimmung und vielleicht auch Wirkung dieses Filmes ausmacht.

„Die 36 Kammern der Shaolin“ ist vollkommen zurecht ein Klassiker seines Genres, der bis heute unzählige Male kopiert oder zitiert wurde. Lau Kar-Leungs kraftvolle Regie und Gordon Lius charismatisches Spiel ebneten ihnen den Weg zu einer lang anhaltenden Karriere.

„Die 36 Kammern der Shaolin“ ist in der schönen „Shaw Brothers Collector’s Edition“-Reihe als Blu-ray/DVD-Kombo erschienen. Das Bild der Blu-ray ist wie immer über alle Zweifel erhaben. Da der Film in der alten deutsche Kinofassung um fast eine halbe Stunde Handlung gekürzt worden war, wurde er für die erste DVD-Veröffentlichung (durch MiB) 2004 komplett neu synchronisiert. Auf der filmArt-Scheibe sind nun beide Synchronisationen zu hören, die alte kürzere Kinofassung und die Neubearbeitung. Daher hat man die Wahl, entweder den Film komplett in der 2004er Synchro anzuschauen, die gekürzte Fassung in der Kino-Synchro oder – für diese Lösung habe ich mich entschieden – mit der deutschen Kinosynchro, wobei die Fehlstellen mit der 2004er Synchro aufgefüllt wird. Das ist aber, meiner Meinung nach, die schlechtere Wahl. Die Synchronisationen sind derartig unterschiedlich, dass man bei jedem Wechsel regelrecht aus der Handlung gerissen wird. Gordon Liu wird beispielsweise in der Kinofassung von Elmar Wepper, in der neuen Fassung von dem komplett anders klingenden Simon Jäger (deutsche Stimme von Matt Damon) gesprochen. Auch die Namen sind dann teilweise andere und aus den Mandschu werden Tataren. Das verwirrt maximal. Man sollte sich also besser sich gleich für die 2004er Synchro entscheiden. Die klingt zwar um einiges steriler und hat nicht die markanter Sprecher der Kinofassung, ist aber nun auch nicht so schlecht. Oder man guckt den Film in Kantonesisch oder Mandarin mit deutschen Untertiteln. Diese Option gibt es natürlich auch noch. Bis auf Trailer und ein Booklet mit Aushangfotos gibt es keine weiteren Extras.

DVD-Rezension: “Die Brut des Teufels“

Von , 22. Februar 2017 06:34

In „King Kong gegen Godzilla“ wurde der Riesenroboter MechaGodzilla vom Original zerstört und seine Einzelteile im Meer verstreut. In „Die Brut des Teufels“ macht sich zunächst ein japanisches U-Boot auf, diese Teile zu bergen. Doch die Mission endet jäh, als das U-Boot von einem geheimnisvollen Monster zerstört wird. Interpol-Agent Murakoshi (Katsumasa Uchida) und Biologe Ichinose (Katsuhiko Sasaki) hegen den Verdacht, dass hinter dem Unglück der Titanosaurus stecken könnte. Ein Fabelwesen, welches einst von Wissenschaftler Mafune (Akihiko Hirata) entdeckt wurde. Was keiner weiß: Da ihm damals niemand glauben wollte, macht Mafune nun gemeinsame Sache mit den Außerirdischen, deren Invasionsversuch im vorherigen Film von Godzilla vereitelt wurde. Nun steht ihnen aber außer einem neuen MechaGodzilla auch noch der Titanosaurus für ihre finsteren Pläne zur Verfügung. Dieser wird von Mafunes Tochter Katsura (Tomoko Ai) gesteuert wird. Kann Godzilla wieder einmal die Erde Erde retten?

Eine gewisse Melancholie erfasst einen, wenn man „Die Brut des Teufels“ anschaut. Was natürlich nicht vom Film induziert wird. Der ist wie fast immer ein Garant für gute Unterhaltung. Doch es ist das Ende eine Ära. Auch wenn dies zum Zeitpunkt seiner Entstehung noch niemand ahnen konnte. Nach dem durchaus erfolgreichen „King Kong gegen Godzilla“ kehrte der große Ishirō Honda auf den Regiestuhl zurück. Honda hatte 1954 den ersten „Godzilla“-Film inszeniert und blieb der Serie nicht nur bis Ende der 60er treu, sondern bracht noch zahlreiche andere Kaijū-Klassiker wie „ Die fliegenden Monster von Osaka“ (mit dem Flugsaurier Rodan), „Mothra bedroht die Welt“ (mit der gleichnamigen Riesen-Motte) oder „ Frankenstein – Der Schrecken mit dem Affengesicht“ auf den Weg. 1970 hatten Honda mit „Monster des Grauens greifen“ an seinen bis dahin letzten Spielfilm gedreht. Für „Die Brut des Schreckens“ wurde er fünf Jahre später noch einmal zurückgeholt. Es sollte sein letzter eigenständiger Spielfilm bleiben. In den 80er und 90er Jahre arbeitete er ausschließlich als enger Mitarbeiter seines guten Freundes und Kollegen Akira Kurosawa.

Als eigentlich recht geschickten Schachzug brachten die Produzenten gleich noch MechaGodzilla wieder zurück. Jenes Monster, dass beim letzten Film so gut eingeschlagen hatte. Alle Zeichen standen also auf Erfolg. Doch die Rechnung ging nicht auf. Die große Zeit der Kaijū war vorbei. Daran konnten auch Godzilla, sein Schöpfer Ishirō Honda und der MechaGodzilla nichts ändern. Der Sinn der Leute stand nach härterem Stoff und nicht den kindlichen Freuden endloser Prügeleien zwischen Männern in Monsterkostümen. Selbst der Gag, das Drehbuch des Filmes mittels eines landesweiten Wettbewerb zu finden, wodurch die Gewinnerin Yukiko Takayama die einzige weibliche Godzillla-Autorin wurde, half. Der Film sank an der Kinokasse wie ein Stein. Gerade mal 980.000 Besucher wollten den neuen Godzilla-Film sehen. Das war ein neuer Minus-Rekord. Toho stellte daraufhin die Produktion von Monsterfilmen ein. Erst zu seinem 30jährigen Jubiläum sollte Godzilla in „Godzilla – Die Rückkehr des Monsters“ wieder aus der Versenkung auftauchen. Doch da waren dann schon neue Zeiten angebrochen.

„Die Brut des Teufels“ schließt direkt an „King Kong gegen Godzilla“ an. Zwar muss zwischen beiden Filmen einige Zeit vergangen sein – wie anders hätten die Außerirdischen ihren MechaGodzilla wieder zusammensetzen und von Dr. Shinji Mafune eine neue Steuerung einbauen lassen können? – doch die Handlung nimmt tatsächlich, wenn auch oberflächlich – Bezug auf den Vorgänger. Was gut und schlecht ist. Positiv wirkt sich die Rückkehr von MechaGodzilla aus und es ist schön, einmal eine gewisse Kontinuität innerhalb der Reihe zu sehen. Andererseits ist „Die Brut des Teufels“ quasi ein Remake des vorangegangenen Films, der sich ja auch schon kräftig in der Geschichte der Reihe bediente. So ist es wieder eine Invasion von Außerirdischen, die die Erde bedroht. Wieder bemächtigen sie sich eigentlich harmloser Monster und verwandeln sie in Berserker. Wieder werden Wissenschaftler entführt. Wieder taucht Godzilla aus dem Nichts auf, um den Tag zu retten. Alles wie gehabt und schon etwas zu oft gesehen. Kein Wunder, dass sich beim Publikum gewisse Ermüdungserscheinungen einstellten.

Dabei gibt sich Honda alle Mühe, die Reihe wieder auf einen neuen, alten Kurs zu bringen. Das quietschbunte der Jun-Fukada-Filme ist passé. Zwar versprüht MechaGodzilla noch immer vielfarbige Feuerstrahlen, aber der Look des Filmes ist eher sachlich trist. Gedeckte, blasse Farben herrschen vor und passen gut zu dem ernsthaften Ton, den Honda anschlägt. Wobei „ernsthaft“ selbstverständlich relativ gesehen werden muss. Die Geschichte ist noch immer hanebüchen und beste Sonntagnachmittag-Kater-Unterhaltung. Aber auf einen kindlichen Helden oder Slapstickeinlagen wurde erfreulicherweise verzichtet. Dafür gibt es einige Szenen, die man so zuvor noch in keinem Godzilla-Film gesehen hat. Sei es, dass jemand von blutigen Einschüssen förmlich durchsiebt wird oder – ein absolutes Novum! – kurz nackte Brüste zu sehen sind. Diese sind zwar offensichtlich aus Plastik, aber immerhin.

Für dies Konzentration auf eine erwachsenere Science-Fiction-Thriller-Handlung zahlt der Zuschauer dann aber auch einen Preis. Lange muss er warten, bis die Monster endlich ihre großen Auftritte haben. Das neue Ungetüm, Titanosaurus darf zwar schon zu Anfang sein hübsch-hässliches Seepferdchen-Haupt erheben, der Hauptdarsteller Godzilla (abgesehen von einem rasanten Zusammenschnitt des finales Kampfes aus „King Kong gegen Godzilla“, welcher die Brücke zwischen beiden Filmen schlägt) schaut allerdings erst vorbei, als der Film schon die Hälfte seiner Spielzeit hinter sich hat. Dann steht der große Grüne plötzlich mitten auf dem Kampffeld und gibt den beiden fremdgesteuerten Bösewichten saures. Dieses ausufernde Gekloppe geht dann auch bis zum Ende des Filmes, immer wieder unterbrochen und aufgelockert durch die Aktionen der menschlichen Darsteller, die versuchen, die außerirdische Invasion mit konventionellen Mitteln wie aus dem Agentenfilm zurückzuschlagen. Da kommt dann keine Langeweile auf und der Film steuert flott seinem Ende – und damit dem Ende der ersten Staffel zu. Und wenn am Ende Godzilla einsam in den Sonnenuntergang schwimmt, hat der Fanboy eine kleine Träne im Augenwinkel. Das Ende einer Ära.

Mit „Die Brut des Teufels“ endet die sogenannte Showa-Staffel mit den klassischen Godzilla-Filmen. Zudem ist es der letzte Spielfilm des Godzilla-Schöpfers und legendären Kaiju-Regisseurs Ishirō Honda. Dieser lenkt die Reihe wieder in ernsthaftere Bahnen, was die Reihe aber nicht vor dem Absturz an der Kinokasse und dem vorläufigen Exitus bewahren konnte. Schade, denn der gerade in der zweiten Hälfte sehr temporeiche Film liefert wieder gute Monsterunterhaltung und entfernt sich deutlich von der zuvor Einzug gehaltenen Infantilisierung.

Wie schon in den vorherigen Veröffentlichungen ist die neue Ausgabe der Kaiju-Klassiker von Anolis vorbildlich und ein großer Quell der Freude für den Fan japanischer Monsterfilme. Wie gehabt liegen auf zwei DVDs liegt sowohl die deutsche, als auch die japanische Fassung des Filmes vor. Die Bildqualität ist gut und übertrifft die vorheriger Veröffentlichungen bei weitem. Der Ton liegt auf deutsch und japanisch vor. Bei den Extras gibt es diesmal „nur“ zwei statt drei Audiokommentare. Den einen bestreiten Florian Bahr und Label-Chef Ivo Scheloske. Beim zweiten Audiokommentar haben Jörg Buttgereit und Alex Iffländer hörbar viel Spaß und pfeffern sich Anekdoten rund um Godzilla, Kaiju-Filme und ihre eigenen Erlebnisse mit eben jenen um die Ohren. Weitere Extras sind die alte Super-8-Fassung des Filmes (schön, dass das wieder mit an Bord ist), der deutsche und der japanische Trailer, Werbematerial und eine ausführliche Bildergalerie. Auch sehr schön ist wieder das informative 20-seitge Booklet von Ingo Strecker geworden, welches auch den zweiten Teil des Interviews von Jörg Buttgereit mit dem Spezialeffekte-Mann Teruyoshi Nakano, dem Schöpfer von Mecha-Godzilla, enthält.

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