Category: Bücher

Filmbuch-Rezension: Reiner Boller „Wilder Westen made in Germany“

Von , 29. März 2018 18:45

An Reiner Bollers wundervollem Buch „Wilder Westen made in Germany“ habe ich nur eins auszusetzen: Es ist schuld daran, dass ich in letzter Zeit viel zu wenig Schlaf bekam, weil ich abends immer viel zu lange drin gestöbert habe. Das dicke, 523 Seiten starke Schmökerwerk platzt nur so vor Anekdoten, Produktionsinformationen, Interviews und sonstigen spannenden Fakten. Was Reiner Boller hier an Recherchearbeit geleistet hat, ist einfach unglaublich. Man findet in seinem Buch Produktionsmemos, Briefe, zeitgenössische Berichte/Interviews/Filmkritiken und vieles mehr. Und Boller hat auch immer wieder selber die Protagonisten seines Buches aufgesucht und mit ihnen über jene deutschen Westernfilme gesprochen, in denen sie selber mitgewirkt haben. Die Fülle der Informationen erschlägt einen manchmal fast. Und manche Geschichten, z.B. wie „Winnetou I“ entstanden ist, lesen sich beinahe schon wie kleine Thriller.

Die Karl-May-Filme der 60er Jahre stehen dann natürlich auch im Mittelpunkt des Buches und einige Titel werden teilweise mit über 40 Seiten bedacht. Doch Boller konzentriert sich nicht nur auf diese heute noch sehr populären Filme, sondern nimmt den Titel seines Buches sehr genau. So erfährt man im ersten Kapitel einiges über deutsche Stummfilme mit Wild-West-Thematik, später wird auf Trenkers „Der Kaiser von Kalifornien“ ebenso eingegangen, wie auf die Hans-Albers-Filme „Sergeant Barry“ und „Wasser fürCanitoga“. Und immer weiß Boller viele Interessante Geschichten von den Dreharbeiten, den beteiligten Personen oder den Umständen der Produktion zu berichten.

Während der „Karl-May-Welle“ versuchten sich auch andere Produzenten an den Erfolg des Western-Genres zu hängen und heuerten Leute wie Rolf Olsen oder Jürgen Roland an, um diese Filme teilweise in denselben Kulissen wie die Karl-May-Filme zu drehen. Jugoslawien wurde für die deutschen Western-Produktionen auch jenseits von „Winnetou“ & Co. das, was Almeria für die Italiener war. Apropos Italiener. Boller widmet sich auch ausführlich all jenen Italo-Western, bei denen deutsche Produzenten ihre Hand bzw. ihr Geld im Spiel hatten. Eine Tradition, die mit „Für eine Handvoll Dollar“ erfolgreich begann.

Neben den „reinen“ Western wagt Boller auch einen Blick nach links und rechts des Kriegspfades. So gehören für ihn die Mexiko-Abenteuer nach Karl May, mit denen der große Konkurrent des „Winnetou“-Produzenten Wendland, Artur Brauner, versuchte eine dicke Scheibe vom Karl-May-Kuchens abzuschneiden. Aber auch die Alaska-Abenteuer nach Jack London oder Südamerika-Filme wie Werner Herzogs grandioser „Aguirre – der Zorn Gottes“ oder „Cobra Verde“.

Natürlich wird das in den 70er Jahren sehr produktive Westernkino der DEFA mit Gojko Mitić nicht vergessen, sowie die zahlreichen TV-Produktionen bis hin zu „Winnetou – Der Mythos lebt“, jener RTL-Dreiteiler, der Weihnachten 2017 über den Bildschirm flackerte. Und auch „Doc Snyder“ taucht auf, wenn auch sehr zum Verdruss von Reiner Boller, der diesem Film – im Gegensatz zum „Schuh des Manitu“ – so gar nichts abgewinnen kann.

Die 110 hier versammelten Film werden in der Regel in folgenden Abschnitten vorgestellt: Story, Entstehung und Dreharbeiten, Western-Fazit, Zitate aus zeitgenössischen Kritiken. Manchmal etwas mehr, wie bei den ersten Karl-May-Filmen, manchmal etwas weniger, wie bei den meisten italienisch-deutschen Co-Produktionen. Darüber hinaus gibt es unter der Überschrift „Namen im deutschen Western“ noch 48 Porträts, die von natürlich Lex Barker und Pierre Brice, aber auch Horts Wendland, Harald Reinl oder Martin Böttcher hin zu Leuten wie Brad Harris und Marisa Mell oder beliebten Nebendarstellern wie Walter Barnes reichen.

„Western made in Germany“ ist in tolles, unglaublich detailliert recherchiertes und dabei sehr unterhaltsames, ja teilweise sogar ausgesprochen spannendes Buch über ein Thema von dem man dachte, es sei schon sehr viel drüber erzählt worden. Bollers Buch beweist allerdings, dass dies nicht stimmt. Ein Standardwerk, welches sich jeder Filminteressierte (ob nun Westernfan oder nicht) ins Filmbuchregal stellen sollte. Nur sollte man eben darauf achten, nicht abends noch mit dem Schmökern anzufangen, wenn man morgens früh raus muss.

Reiner BollerWilder Westen made in Germany, Mühlbeyer Filmbuchverlag, 523 Seiten, € 29,90

Filmbuch-Rezension: “Linientreu und populär – Das Ufa-Imperium 1933-1945“

Von , 7. März 2018 22:07

Nach der sehr anregenden Lektüre des Buches „Linientreu und populär. Das Ufa-Imperium 1933–1945“ ist mir wieder eines schmerzlich bewusst geworden. Man soll auf sein Herz und nichts anderes hören. Nach dem Abi stand für mich fest: Ich wollte Geschichte studieren. Das war meine Leidenschaft, mein Leistungskurs und das Fach hatte zu Schulzeiten immer dafür gesorgt, dass der Notendurchschnitt etwas gehoben wurde. Meine Eltern fanden das nicht so gut. Wirtschaft wäre doch eine bessere Wahl. Leider ging ich dann zur Studienberatung und der Herr dort (Tiefensee war sein Name, der sich mir für immer ins Gedächtnis gebrannt hat) hat mir meinen Studienwunsch vehement ausgeredet. Geschichte, nein… da könne man eigentlich gleich zum Arbeitsamt gehen. Aber Wirtschaft.. ja… das wäre die Zukunft. Dumm und naiv wie ich damals war, glaubte ich ihm, erfüllt den Wunsch meiner Eltern, studierte ein Fach, was mich so eigentlich gar nicht richtig interessierte und das Schicksal nahm seinen Lauf. Heute ärgere ich mich darüber sehr und verfluche meine eigene Dummheit. Meinen Kindern werde ich darum immer mit auf den Weg geben: Höre auf Dein Herz – der Rest kommt dann von selber.

Warum ich das schreibe? Weil ich mich nach den vielen filmtheoretischen Büchern, die ich in letzter Zeit gelesen habe, mich bei dem filmhistorischen Buch „Linientreu und populär. Das Ufa-Imperium 1933–1945“ augenblicklich puddelwohl gefühlt und es in einem Rutsch verschlungen habe.

Wie der Titel schon sagt, beleuchtet das Buch die Zeit von 1933 bis 1945, als die Ufa zunächst um die Gunst der neuen Machthaber in Deutschland buhlte, trotzdem aber vor allem als wirtschaftliches Unternehmen agierte. Bald schon wurde es von den Nationalsozialisten allerdings gänzlich vereinnahmt und dem staatlich kontrollierten Konzern Ufa-Filmgesellschaft GmbH (trotz der Namensähnlichkeit gerade nicht identisch mit der Ufa AG) zugeschlagen. Das durchdachte und sehr gut gegliederte Buch beginnt mit einem informativen und durch Dokumente belegten Überblick darüber, wie die Ufa die Machtübernahme 1933 erlebte und zunächst glaubte, ein paar Zugeständnisse würden reichen, um die Geschäfte normal weiterzuführen. Diesem Artikel von Rainer Rother folgt dann ein folgerichtig ein von Friedemann Beyer verfasstes Porträt der Ufa unter der Ägide des rechts-national Zeitungsverlegers Alfred Hugenberg, der die Ufa 1927 übernahm und auf einen national-konservativen Kurs brachte. Hugenberg war auch Vorsitzender der Deutschnationalen Volkspartei, die zusammen mit den Nationalsozialisten 1933 die Regierung bildete. Hugenberg war dabei kurzzeitig Minister für Wirtschaft, Landwirtschaft und Ernährung im Kabinett Hitler.

Aus der Perspektive der Publikumsnachfrage und weniger des Filmangebots beleuchtet Joseph Garncarz die Filmproduktion der Ufa und räumt mit einigen Vorurteilen auf. Roel Vande Winkel nimmt sich dem ungemein spannenden Thema an, wie die Ufa in den Jahren 1939 bis 1945 ins europäische Ausland expandierte, immer den Spuren der Wehrmacht folgend und vom Verbot ausländischer Filmen profitierend. Da wurde der Krieg genutzt, um sich einen eigenen Monopolmarkt zu schaffen. Dazu passend: Christophe Gauthies Porträt des Raoul Ploquin, einer durchaus schillernden Persönlichkeit, und der Alliance Cinématographique Européenne. Ebenfalls hoch interessant. Da freut es mich, dass am Ende dieses Artikels eine zukünftige, größere Studie zu diesem Thema angekündigt wird.

Wenig weiß man vom NS-Kulturfilm für den immerhin ein Visionär und Pionier wie Walter Ruthmann arbeitete. Ein nahezu unbekanntes, aber auch wichtiges Kapitel, dem sich Kay Hoffmann annimmt. Dazu passt gut Annika Schaefers Text über die Inszenierung von Arbeit und Arbeitern im NS-Spielfilm. Faszinierend fand ich den Vergleich dreier NS-Erfolgsfilme, die alle drei nach denselben drei Erfolgsformeln funktionierten: „Frauen, Krieg und Flieger“. Schön herausgearbeitet von Elissa Mailänder. Ein guten Einblick in das Star-System der Ufa – oder zumindest den Versuch ein solches in Deutschland zu etablieren, de facto gab es da außer Hans Albers aber niemanden, den man auch international hätte vermarkten können – gibt der Text von Tobias Hochscherf. Brigitte Jacob und Wolfgang Schäche berichten über das gigantische Bauprojekt der „Filmstadt Babelsberg“, welches dann niemals durchgeführt wurde. Rolf Aurich ergänzt dies noch um die tatsächlich entstandene Ufa-Lehrschau und die kurzlebige, mit vielen hochfliegenden Plänen gestartete Deutsche Filmakademie, die beide in Babelsberg als Teil der „Filmstadt“ installiert wurden.

Das wichtigste und erschütterndste Kapitel dieses Buches widmet sich Zwangsarbeit bei der Ufa von 1940 bis 1945. Ich kann allen nur Almuth Püschel aufwühlenden Text ans Herz legen. Es ist ungemein wichtig, sich auch über dieses dunkle und oftmals unterschlagene Kapitel zu informieren. Jens Westemeiers Bericht über die Erinnerungen des niederländischen Zwangsarbeiters Piet Reijnens rundet diesen Themenkomplex dann ab. Auch wenn man Reijnens Erinnerungen (u.a. berichtet er von Snuff-Filmen, die die Ufa als Lehrstücke für die Wehrmacht produziert haben soll) nicht immer 1:1 glauben darf (sie widersprechen sich oft und sind nachprüfbar falsch – was mit seiner Traumatisierung zusammenhängen kann), geben sie doch ein Zeugnis davon, was die Zwangsarbeit bei der Ufa mit einer menschlichen Seele angerichtet hat. Zuletzt geht es in Jörg Schönings Artikel um die skandalöse Geschichte der Ufa nach dem 2. Weltkrieg, als der Konzern Spielball unterschiedlichster politischer und kapitalistischer Interessen wurde.

Fazit: „Das Ufa Imperium“ ist ein ebenso spannendes wie aufschlussreiches Buch, welches die legendäre Ufa von Seiten beleuchtet, die weniger bekannt sind und in der „offiziellen“ Geschichtsschreibung auch eher am Rande behandelt werden. Und damit für alle filmgeschichtlich Interessierte eine Pflichtlektüre.

Rainer Rother und Vera Thomas (Hrsg.) Linientreu und populär – Das Ufa-Imperium 1933-1945″, Bertz+Fischer, 224 Seiten, € 17,90

„35 Millimeter“-Magazin: Ausgabe 25 erhältlich

Von , 21. Februar 2018 14:05

Die erste 35MM-Ausgabe des neuen Jahres liegt vor. Die erste auch unter der Ägide unseres neuen Chefredakteurs Clemens Williges. Und das Heft ist wieder richtig schön geworden. Schwerpunkt ist diesmal Alfred Hitchcock. Theoretisch ein ziemlich ausgelutschtes und auserzähltes Thema. Das wissen wir auch und haben uns in Ecken und Nischen begeben, über die noch nicht tausendmal geschrieben wurde. Da sind einige sehr spannende Themen zusammengekommen.

Mir wurden ganze vier Seiten spendiert, auf denen ich mich über Hitchcocks französischsprachigen Propagandafilme „Bon Voyage“ und „Aventure malgache“ auslassen durfte. Weitere Themen sind seine Komödien, die Stummfilme, die Rolle seiner Ehefrau Alma Reville und vieles mehr. Reinschauen lohnt sich!

Des weiterengibt es noch die Kolumnen zum Film Noir von Oliver Nöding, zu Indischen und Skandinavischen Kino von Martin Abraham, zum Monsterfilm von Leonard Elias Lemke und, und, und…

Aber seht selbst:

Heft #25 kann man HIER für € 4,50 zzgl. Versand beziehen.

Filmbuch-Rezension: „Horror Kultfilme“

Von , 20. Februar 2018 21:59

Das Buch „Horror Kultfilme“ aus dem Schüren Verlag beruht auf einer von den drei Herausgebern organisierten und geleiteten Ringvorlesung an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt. Die interdisziplinäre Vorlesungsreihe ist eine Initiative des dortigen „Arbeitskreises Visuelle Kultur“. Das Buch richtet sich also an an Leser, die einerseits vor einem wissenschaftlichen Ansatz und einer damit einhergehenden wissenschaftlichen Sprache keine Scheu haben. Wobei diese in den hier versammelten Artikeln nicht in eine für Laien fast schon unlesbare Fremdsprache abgleitet, sondern mit einer gewissen Konzentration gut lesbar ist. Andererseits ist das Buch vor allem für Leser interessant, die sich noch nicht ausführlich mit dem Thema „Horrorfilm“ beschäftigt haben.

So dürfte der Exkurs in das Genre des Vampirfilms und die Vorstellung des Romans „Dracula“ gleich im ersten Beitrag von Susanne Bach für den Kenner der Material eher uninteressant sein. Und der Freud-Bezug des Unheimlichen wurde auch schon an anderer Stelle ausführlich analysiert. Wobei es aber spannend ist, dass die Autorin gerade Francis Ford Coppolas nicht ganz so populäre „Dracula“-Verfilmung in den Mittelpunkt ihres Textes stellt.

Markus Stiglegger steuert einen sehr interessanten Artikel zu Dario Argentos Meisterwerk „Suspiria“ und dessen Einflüsse bei. Dies dürfte einem aufgrund seiner anderweitig veröffentlichten Texte zu „Suspiria“ und dem italienischen Genrefilm teilweise bekannt sein. Auch hier: Ein gut geschriebener Artikel für Einsteiger ins Thema, der viel Bekanntes noch einmal zusammenfasst.

Arno Rußland nutzt Mel Brooks „Frankenstein Junior“ weniger, um auf den Frankenstein-Mythos, sondern vielmehr die Mechaniken der Parodie einzugehen. Ein guter Ansatz, da Frankenstein bekannt genug ist, um die parodierten Elemente gut nachvollziehen zu können.

Sehr interessant fand ich Angela Fabris‘ Ansatz, Dario Argento und Mario Bava anhand von „Profondo Rosso“ und des etwas weniger bekannten, aber nichtsdestotrotz wegweisenden Frühwerks „The Girl Who Knew Too Much“ gegenüberzustellen. In der Regel reduziert sich der Vergleich ja immer auf Bavas „Blutige Seide“. Besonders spannend ist dieser Artikel im Vergleich zu Ingo Knotts Beitrag in „Dario Argento – Anatomie der Angst“, welcher sich – bei unterschiedlichem Fazit – mit demselben Thema beschäftigt.

Auch interessant ist Jörg Helbigs Beitrag über Pete Walkers Spätwerk „House of Long Shadows“ als postmodernes Spiel mit den Genrekonventionen. Besonders hat mir aber Sabrina Gärtners sehr gut geschriebener, analytischer Artikel zu Jessica Hausers „Hotel“ gefallen, in dem sie aufzeigt, wie mit Hilfe zahlreichen Verweisen und Zitaten, typischen Motiven, Klischees und Handlungsstrukturen ein komplexes Symbolsystem aufgebaut worden ist. Schade, dass gerade Frau Gärtner nicht im Autorenverzeichnis geführt wird.
Benjamin Moldenhauers Beitrag zu dem „drastischen Horrorfilm“ ist ein sehr gutes Konzentrat seines sehr empfehlenswerten Buches „Ästhetik des Drastischen“. Wer sich erstmalig mit seinen Thesen und Theorien erstmalig vertraut machen möchte, ist hier genau richtig. Wer jenes Buch bereits kennt, wird den Artikel wahrscheinlich eher zur Auffrischung überfliegen.

Michael Fuchs setzt sich mit dem „Animal Horror“ auseinander und nutzt „Jurassic Park“, „Mimic“ und „Shark Night“ als Beispiele. Ein spannendes Thema, von dem ich mir eine größere Arbeit in Buchform wünschen würde.

Frank Hentschel hat bereits ein schönes Buch zum Thema Filmmusik im Horrorfilm geschrieben („Töne der Angst“). Dort hatte er sich auf die 70er Jahre konzentriert. Sein lesenswerter Artikel hier ist so etwas wie ein „Sequel“, denn er beschäftigt sich mit der Horrorfilmmusik der letzten sieben Jahre.

„Kult-Horrorfilm“ endet mit einigen Listen, auf denen u.a. „Die 20 bedeutendsten Horrorfilm-Regisseure der Filmgeschichte“, „Die 30 besten Horrorfilme aller Zeiten“ (ausgerechnet ausgewählt nach ihrem Rotten-Tomato-Rating) oder“ Die 10 besten Horrorfilm-Remakes aller Zeiten …“,“…und die 5 schlechtesten“ zu finden sind. In meinen Augen ziemlich witzlose Seitenfüllerei, die sich auch hier an den Genre-Novizen richtet und diesem vielleicht im besten Fall einen ersten Pfad ins unbekannte Land aufzeigt. Alle Anderen dürften bei den Listen wahlweise gähnen, sich über fehlende Titel ärgern oder über hier zu unrecht aufgeführte Filme aufregen.

Nichtsdestotrotz ein interessantes Buch, welches ganz unterschiedliche Aspekte des Genres beleuchtet und ein sehr guter Einstieg ins Genre des Horrorfilms darstellt. Auch wenn einiges bekannt sein wird, findet auch der „alte Hase“ hier einige spannende Denkanstöße.

Jörg Helbig, Angela Fabris, Arno Rußegger (Hg.)Horror Kultfilme, Schüren Verlag, 200 Seiten, € 24,90

„35 Millimeter“-Magazin: Doppelausgabe 23/24 erhältlich

Von , 21. Dezember 2017 14:00

Wer seinen Lieben (oder sich selbst) noch kurzfristig etwas Schönes unter den Tannenbaum legen möchte, dem sei an dieser Stelle die aktuelle Ausgabe des 35-Millimeter-Retro-Filmmagazins empfohlen, welche sich diesmal – passend zu dieser Zeit des Jahres – mit dem Weihnachtsfilm beschäftigt. Und da es eine Doppelausgabe ist, kommen auch alle, die es nicht so mit Glühwein, Zimtsternen und Weihnachtsliedern haben, auf ihre Kosten. Denn in der zweiten Hälfte der Aufgabe geht es gleich härter zur Sache: Da heißt das Titelthema „Der Gangsterfilm“. Dazu kommen natürlich wieder die regelmäßigen Rubriken, Kolumnen und interessanten Artikel jenseits der beiden Titelthemen. Ich habe mich diesmal tatsächlich ganz auf die Weihnachtszeit konzentriert und geschaut was passiert, wenn der Weihnachtsmann von Marsmenschen entführt wird.

Hier das komplette Inhaltsverzeichnis der extradicken Doppelausgabe:

Heft #23/24 kann man HIER für € 6,50 zzgl. Versand beziehen.

Filmbuch-Rezension: Robert Lorenz „Heartland. Der US-amerikanische Südwesten im Film“

Von , 29. September 2017 11:51

Robert Lorenz führt die, mir bisher unbekannte, Seite Filmkuratorium.de, auf der sich zahlreiche Film- und Serienbesprechungen, aber auch „Movie-Walks“ – also Drehortbegehungen, finden. Jetzt hat Robert Lorenz auch ein Buch als Print-On-Demand veröffentlicht. Dieses besteht ebenfalls aus Filmbesprechungen, die allerdings durch eine gemeinsame Klammer zusammengehalten werden. Das Buch heißt „Heartland. Der US-amerikanische Südwesten im Film“, was die Eingrenzung der Besprechungen vorgibt. Es handelt sich hier ausnahmslos um Filme, die in den südwestlichen US-Bundesstaaten zwischen Mississippi und Kalifornien spielen. Den heißen, ländlichen Gebieten, wo Gottesfurcht, Armut und Patriotismus hoch im Kurs stehen. Wo Dinge noch „selber geregelt“ werden, und der Rassismus seine hässliche Fratze zeigt. Aber auch ein Sehnsuchtsland, welches das Bild vom „Wilden Westen“ und dem „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ ebenso geprägt hat, wie den Mythos der Grenze. Und hier blühen einige der besten Geschichten, die das US-Kino zu bieten hat. Geschichten von Liebe, Rache, Verrat, Enttäuschung und Betrug.

Einige der großen und kleinen Filme, die in dieser mythischen Gegend spielen, hat Robert Lorenz in seinem sehr gut lesbaren Buch „Heartland“ versammelt. Insgesamt 30 Stück, die sich über 200 Seiten erstrecken, was für jeden Film vier bis acht Seiten bedeutet. Auf diesen Seiten stellt Lorenz den Film kurz vor, arbeitet heraus, was ihn so großartig und sehenswert macht, und spannt den großen Bogen zu dem einem Thema, welches alle Filme verbindet: Den Südwesten der USA. Dabei geht er chronologisch vor – was die Zeit angeht, in der die Filme spielen. Der erste von vier Teilen, in die das Buch gegliedert ist, beschäftigt sich mit dem „alten Westen“, die anderen Teile mit der Zeit der großen Depression, die „verspätete Moderne“ (den 50er-60er Jahren) und den „amerikanischen Träumen“ (die Zeit ab 1970). Dabei reicht die Bandbreite von dem Burt-Lancaster-Film „Apache“ von 1954 über Peckinpahs „Ballad of Cable Hogue“ und Walter Hills „Hard Times“ bis Peter Bogdanovics „Last Picture Show“ und „Der elektrische Reiter“ mit Robert Redford.

Wer tiefschürfende, psychologische, historische oder soziologische Analysen erwartet, der ist hier fehl am Platze. Darum geht es Lorenz auch gar nicht. In einem ausgesprochen angenehmen Plauderton schreibt er über die Filme, lobt hier und dort Crew und Schauspieler, arbeitet heraus, warum ihm dieser Film wichtig ist und wie er mit dem Thema Südwesten umgeht. Dies aber nie oberflächlich, sondern fundiert und jederzeit nachvollziehbar. Hat man erst einmal drei-vier dieser Besprechungen gelesen, fällt es einem schwer das Buch aus der Hand zu legen, sondern man ist versucht, den Band in einem Rutsch durchzulesen, was bei 224 Seiten auch nicht schwer fällt. Man hat das Gefühl, als ob einem in einer gemütlichen Bar ein netter und sympathischer Mensch gegenüber sitzt und bei einem kühlen Glas Bier von seinen liebsten Filmen erzählt. Da hört man gerne zu, nimmt hier und dort neue Information mit, schärft den Blick für das große Ganze und geht am Ende mit einer langen Liste von Filmen nach Hause, die man jetzt unbedingt mal sehen/wiedersehen möchte.

Bilder gibt es leider keine, das wäre bei Print-On-Demand auch kaum möglich. Es stört aber auch nicht. Abgerundet wird die Veröffentlichung mit einem Anhang, auf dem auf 20 Seiten noch Kurzbesprechungen aller vorgestellten Filme in alphabetischer Reihenfolge zu finden ist.

Robert Lorenz „Heartland. Der US-amerikanische Südwesten im Film“, epubli, 224 Seiten, € 12,80

„35 Millimeter“-Magazin: Ausgabe 22 erhältlich

Von , 7. September 2017 18:02

Die neue „35 Millimeter – Retro-Filmmagazin“ ist da! Mein Gott, d.h. ich bin jetzt schon seit Ausgabe 7 dabei und seit Ausgabe 11 – jetzt also genau der Hälfte aller Ausgaben – in der Redaktion! Wie rasend schnell die Zeit vergeht. Ich weiß noch genau, wie ich die Idee hatte, unseren Herausgeber Jörg Matthieu zu fragen, ob ein Artikel über Pola Negri für das Magazin interessant sei und im Hinterkopf natürlich immer ein mögliches „Nein“ grummelte. Seitdem ist viel passiert und die ganze Sache hat sich, wie ich finde, hervorragend entwickelt. Immer wieder ist es mir ein Genuß, durch unsere Zeitschrift zu blättern und zu schauen, was die Kollegen da wieder alles an faszinierendem Material beigetragen haben. In der Nummer 22 ist das große Titelthema „Filmpionierinnen“ und ich habe eine längeren Artikel über die großartige Doris Wishman beigesteuert, welche mir bei der Recherche sehr ins Herz gewachsen ist, sowie zwei DVD-Reviews. Ferner gibt es noch ein großes Affen-Special vom Kollegen Markus Nowak, besser bekannt als Doc Acula, Betreiber von badmovies.de. Aber auch die anderen Autoren und Autorinnen haben wieder tolle Texte geschrieben.

TITELSTORY: FILMPIONIERINNEN

TITELSTORY – LOIS WEBER – Missionarin des Lichts
TITELSTORY – ALICE GUY-BLACHÉ – „Erlauben Sie mir, Ihnen meinen ‚Traumprinzen‘ vorzustellen…“
TITELSTORY – LENI RIEFENSTAHL – Eine Filmpionierin unter Beschuss
TITELSTORY – MAYA DEREN – Die Macht des Amateurs
TITELSTORY – DORIS WISHMAN – Die wundersame Welt der Doris Wishman – „After I die, I will be making movies in hell!“
TITELSTORY – ALICE O’FREDERICKS – Farcen, Familie und Frauen
TITELSTORY – DOROTHY ARZNER – Von der Kellnerin zur Filmpionierin
TITELSTORY – HENNY PORTEN – Eine vom Film
TITELSTORY – SHIRLEY CLARKE – Der Kampf gegen die Konventionen
TITELSTORY – MARY PICKFORD – The First

KOLUMNE: QUOD ERAT MONSTER! – HOW TO MAKE A MONSTER

SPEZIAL – DER AFFENFILM – Der Siegeszug der Stop-Motion
SPEZIAL – DER AFFENFILM – GORILLAWOOD – Das große Buch der Hollywood-Gorillas + Interview mit Ingo Strecker
SPEZIAL – DER AFFENFILM – Ein kurzer Blick auf den Affenfilm
SPEZIAL – DER AFFENFILM – Da laust einen der Affe – Sieben Affen-Filme, die sie wahrscheinlich nicht kennen

REZI-SPEZIAL: ZEUGIN DER ANKLAGE

DER FREMDE BLICK – Michelangelo Antonioni und seine Filme – Teil 5: Meisterwerke

INDIA CINEMA – V. SHANTARAM – Ein indischer Pionier

KOLUMNE: CINEMAZZURRO – DIE DREI GESICHTER DER FURCHT

KOLUMNE: DER VERGESSENE FILM – SEARCH FOR BEAUTY (1934)

Heft #22 kann man HIER für € 4,00 zzgl. Versand beziehen.

„35 Millimeter“-Magazin: Ausgabe 21 erhältlich

Von , 1. Juli 2017 15:55

Eigenlob stinkt, aber in diesem Falle muss ich ganz ehrlich sagen, dass ich verdammt stolz bin auf das „35 Millimeter Retro-Filmmagazin“ für das ich jetzt schon seit zwei Jahren regelmäßig schreibe, und welches ich seit letztem Jahr auch als stellvertretender Chefredakteur mitverantworte. Die letzten beiden Ausgaben waren meiner Meinung nach das bisher Beste, was wir bisher veröffentlicht haben. Mein großes Kompliment an meine tollen Mitstreiter! Dazu ist die neue Ausgabe auf richtig dick geworden. So macht diese Aufgabe wirklich sehr viel Freude. Für das aktuelle Heft habe ich so einiges zu der „Czarna Seria“ geschrieben, einer Reihe von Dokumentarfilmen, die Mitte der 50er in Polen entstanden sind. Und eine Besprechung der „Dorothea Angermann“-DVD stammt auch von mir.

Titelstory: DER DOKUMENTARFILM

Titelstory – Der Mensch und die Masse

Titelstory – Walt Disney – True-Life-Adventures – das Unterhaltungskino entdeckt die Dokumentation

Titelstory – Arne Sucksdorff – Eine gespaltene Welt

Titelstory – Die „Czarna Seria“ – Polens schwarze Wirklichkeit

Titelstory – Mondo Cane – Alternative Fakten im Dokumentarfilm

Titelstory – Direct Cinema – Erklär mir die Welt

Titelstory – John Grierson – Vater des Dokumentarfilms

Titelstory – LUIS BUÑUEL – Las Hurdes – Land ohne Brot

DAS WERK EINES MEISTERS IST ZU ENTDECKEN – Josef von Sternberg – Teil 1: Das Spiel von Licht und Schatten

NACHTS IM NEBEL AN DER THEMSE – Die frühen deutschen Wallace-Filme

AUS DEM NACHMITTAG EINES FAUNS – Naturalismus und Symbolismus in Manuel Luís Vieiras O FAUNO DAS MONTANHAS

LON CHANEYS FINSTERE GEHEIMNISSE – DIE INNER SANCTUM-MYSTERIES – Teil 2

UNIVERSAL HORROR – Marketingkonstrukt oder Subgenre? – Teil 1

MR. WONG, DETECTIVE – Hollywoods vergessener Detektiv

INDIA CINEMA – Bimal Roy (Regisseur) – Ein schweigsamer Meister Indiens

DIE TOTEN AUGEN DES DR. DRACULA – Mario Bava Collectors Edition Nr. 3

DER FREMDE BLICK – Michelangelo Antonioni und seine Filme – Teil 4: Die Freundinnen und Der Schrei

KAFKA GEHT INS KINO – Eine Zeitreise in Die Anfangszeit der bewegten Bilder

KOLUMNE: DER VERGESSENE FILM – Der Magier (1926)

Heft #21 kann man HIER für € 4,00 zzgl. Versand beziehen.

Filmbuch-Rezension: Ingo Strecker „Gorillawood – Das große Buch der Hollywood-Gorillas“

Von , 17. Juni 2017 16:43

Manchmal merkt man gleich, wenn es die große Liebe ist. Mir erging es so, als ich Ingo Streckers wundervolles Buch „Gorillawood“ aus dem Briefumschlag zog. Ein dicker, großformatiger Schinken, der den Einen vielleicht an ein Telefonbuch, mich jedoch augenblicklich an Michael Weldons „The Psychotronic Video Guide“- erinnert hat. Noch so ein Buch, welches mein Herz im Sturm eroberte – damals bevor ich Internetzugang hatte und damit (fast) alle Informationen aus der Welt des merkwürdigen Films auf einen Knopfdruck.

„Gorillawood“ handelt von den Männern, die sich vor allem ab den 30er Jahren in Hollywood wortwörtlich zum Affen machten. Die Gorillamänner, die unter schweren Kostümen schwitzten und ackerten, damit Tarzan gegen einen „waschechten“ Gorilla kämpfen konnte oder diverse Komiker voller Panik davonrennen. Oder wie ein Kollege von mir kopfschüttelnd meinte: „Das ist ja nun wirklich ein Buch für die Nische in der Nische“. Das stimmt wohl auch – und es ist großartig. Mir war zuvor nie bewusst gewesen, dass es wirklich Männer gab, die zusammen mit ihrem Kostüm von Filmproduktionen quasi ausgeliehen wurden. Und dass diese Männer mit ihren markanten, leicht zu unterscheidenden und damit gut wiederzuerkennende Kostümen dann in mehrere Filmen auftraten. Irgendwie hatte ich die seltsame Vorstellung, für jeden Film wäre ein neues Kostüm genäht worden, welches dann irgendein unbekannter Stuntman übergeworfen bekam. Aber weit gefehlt. „Gorillamann“ war damals ein Beruf und die Kostüme, die sich allesamt im Besitz der Darsteller befanden, wurden von diesen nicht nur gehegt und gepflegt, sondern teilweise auch erstellt. Sie waren ein kostbares Arbeitsmaterial, welches den Broterwerb sicherte. So musste z.B. Emil Van Horne seine Karriere beenden, als sein Kostüm von seiner Vermieterin, der er Geld schuldete, einfach als Pfand einbehalten wurde.

Die Männer unter dem Fell sind so unterschiedlich, wie ihre Schöpfungen. Da ist der Filipino Charles Gemora, der König der Gorillamänner“, der von der Filmaustattung und Make-Up kam, und die herrlichsten Gorillakostüme für sich und andere entwarf. Ray Corrigan – ein veritabler B-Western-Star, der teilweise auch in Filmen, in denen er eine „menschliche“ Hauptrolle spielte, ins Fell schlüpfte. Emil Van Horne, der nebenbei auch in Burlesque-Shows den Affen markierte. Steve Calvert, der eigentlich Barkeeper in Hollywood war. Und dann gab es noch andere. Ihre teilweise unglaublichen Lebensgeschichten hier werden nacherzählt und ihre Kostüme – und vor allem auch ihre Art die Affen zu spielen – ausführlich vorgestellt.

Und das Fantastische an diesem Buch ist es, dass Ingo Strecker tatsächlich jeden Film, in dem die Gorillamänner mitgewirkt haben, bespricht. In seinen reichlich und absolut wundervoll bebilderten Besprechungen, liegt sein Augenmerk natürlich zunächst einmal auf dem Gorillamann. Auf dessen Darstellung, wie er an die Rolle kam und natürlich das Kostüm, welches er benutzte. Aber Ingo Strecker hält sich nicht nur damit auf. Er gibt auch die Handlung der größtenteils seltenen und hierzulande unbekannten Filme detailliert wieder, und schreibt viel über dessen Einordnung in der Filmgeschichte, über die Studios und die „menschlichen“ Darsteller. So lernt man eine Menge über Serials, heute nahezu vergessene Komiker und über die Schauspieler in A-, B- und C-Filmen und ihre Geschichten. So schafft es Ingo Strecker mal eben im Vorbeigehen, gleich eine ganze Geschichte des mittlerweile untergegangen, klassischen Hollywoods in all seinen unterschiedlich budgetieren Ausprägungen von A bis Z auf Papier zu zaubern. „Gorillawood“ ist nicht nur eine Geschichte der „Gorillamänner“ sondern auch eine des B-Films, so wie es ihn heute nicht mehr gibt.

Die beeindruckende Recherchearbeit, die hinter diesem Buch steckt, ist wahrlich enorm. Dazu ist es auch ein unfassbares Wunder, welch grandioses Bildmaterial Ingos Strecker für sein Buch zusammengetragen hat. „Gorillawood“ lädt herzlich ein zum Schmökern, Staunen und darin versinken. Ich habe „Gorillawood“ in einem Rutsch verschlungen und konnte mir danach kaum noch vorstellen, dass es auch gute Filme ohne Gorillas geben soll. Oder frei nach Loriot: „Ein Film ohne Gorillamänner ist möglich, aber sinnlos“.

Ingo Strecker Gorillawood – Das große Buch der Hollywood-Gorillas“, tredition, 516 Seiten, € 34,80

Filmbuch-Rezension: „Der verletzliche Blick – Regie: Dario Argento“

Von , 29. April 2017 16:57

Vor knapp vier Jahren erschien bei Bertz+Fischer das Buch „Dario Argento – Anatomie der Angst“ (Rezension hier), als erstes deutschsprachiges Buch, welches sich auf wissenschaftliche Art und Weise mit dem italienischen Regisseur Dario Argento beschäftigte. Der Ansatz war damals, die Filme für sich sprechen zu lassen. Also dem Regisseur die Deutungshoheit über sein Werk zu nehmen, und sich somit ganz allein auf das zu beziehen, was für alle sichtbar ist. Eine Methode, die von vielen Filmwissenschaftlern immer wieder protegiert wird. Nun ist ein neues, deutschsprachiges Buch über Argento erscheinen. Geschrieben wurde es von Robert Zion, der bereits Bücher über William Castle und Vincent Price veröffentlicht hat. Und Robert Zion geht nun den anderen Weg und gibt Argentos Stimme wieder Gehör. Seine Untersuchungen der Argento’schen Filme unterfüttert er mit zahlreichen Zitaten des Regisseurs und verortet die Filme in dessen Biographie, wie er auch biographische Details aus Argentos Leben für seine Interpretation und Bewertung der Film zu Rate zieht. Dieser konträre Ansatz zu „Anatomie der Angst“ macht „Der verletzliche Blick – Regie: Dario Argento“ damit zu einer spannenden Ergänzung zu jener Veröffentlichung.

Robert Zion beschränkt sich auf zehn Filme, die er als Argentos Hauptwerk definiert, oder die er für Argentos künstlerische Entwicklung am Wichtigsten hält. Über die Auswahl kann man natürlich streiten. So steigt Zion erst bei „Vier Fliegen auf grauem Samt“ ein und verbucht die beiden Vorgängerfilme unter „Fingerübungen“. Auch Argentos ungewöhnlichstes Werk „Die Halunken“, welches so vollkommen aus seinem sonstigen Oeuvre herausfällt und daher meiner Meinung nach eine nähere Betrachtung verdient hätte, wird nur in ein paar wenigen Sätzen als misslungen abgewatscht. Auch das umstrittene Spätwerk wird außer acht gelassen. Zions Buch endet mit „Sleepless“. In Anbetracht der Tatsache, dass gerade diese Filme von den Fans regelmäßig in der Luft verrissen und regelrecht mit Hass übergossen werden, hätte ich mir an dieser Stelle einmal eine konträre Meinung gewünscht. Doch da auch Zion Filme wie „The Card Player“ oder „The Mother of Tears“ als größtenteils missraten und damit für den Kern seines Buches als unerheblich ansieht, werden sie allenfalls gestreift. Ein wenig Bauchgrummeln macht mir auch die Herabsetzung anderer Regisseure, insbesondere Lucio Fulcis und hier explizit dessen „New York Ripper“, demgegenüber Robert Zion eine in Abscheu übergehende Aversion hegt.

Was Robert Zion zu den von ihm in den Fokus gestellten Argento-Filmen zu sagen hat, ist aber hochinteressant und dürfte auch für den Kenner der Materie einige neue Einsichten bieten. Dabei ist spannend, wie „Phenomena“ als Wendepunkt in Argentos Filmographie – und seiner Art Filme zu machen – herausgestellt wird. Zuvor waren Argentos Filme laut Zion abstrakt und von jungschen Archetypen geprägt. Mit „Phenomena“, den Zion als ersten – wenn auch nicht ganz gelungenen – autobiographischen Film Argentos ansieht, ändert sich dies. Die Figuren werden psychologisch unterfüttert und statt an Jung, orientiert sich Argento nun an Freud. Auch das Abstrakte seiner Kunst nimmt ab. Argentos Fokus ändert sich dadurch und man kann seine Filme von seiner ganzen Herangehensweise und Intention in ein „Vorher“ und „Nachher“ einteilen. Auch in „Terror in der Oper“ findet Zion zahlreiche autobiographische Details und gleichzeitig eine Psychologisierung der Bilder. „Aura“ ist für ihn schließlich das, was „Phenomena“ sein wollte – ein Schlüsselfilm, der viel über Argento erzählt, und von ihm als versteckte Autobiographie konzipiert wurde. Besonders erfreulich ist die Wertschätzung, die Zion dem oftmals stark unterschätzen „The Stendhal Syndrome“ zukommen lässt. Für ihn ist „The Stendhal Syndrome“ Argentos Meisterwerk. Eine Bewertung, die sicherlich kontrovers diskutiert werden kann, aber von Zion sehr überzeugend hergeleitet wird. Aufschlussreich sind die vielen Verweise dieses Films auf die Welt der Malerei, die Zion hier herausarbeitet. Interessant sind auch seine knappen Ausführungen zu „Das Phantom der Oper“ im „Sleepless“-Kapitel, welche den Film durchaus in einem neuen, positiven Licht erscheinen lassen. „Sleepless“ selber bildet nicht nur den Schlusspunkt des Buches, sondern für Robert Zion auch den perfekten Abschluss für Argentos Karriere als bedeutender Filmemacher. Dementsprechend werden Argentos weitere Filme nur noch im Vorübergehen angerissen. Für Robert Zion ist Argento ein Künstler des 19. Jahrhunderts, der seine Kunst nicht mehr ins 21. Jahrhundert transportieren konnte.

Abgerundet wird das Ganze durch einen 25-seitigen Epilog, der noch einmal sehr schön die vorhergehenden Punkte bezüglich Argentos Stils – wie die Parallelen zur Malerei -, seiner Inhalte und seiner Bedeutung für die Filmgeschichte noch einmal aufgreift und verdichtet.  Eine detaillierte Filmographie seiner Kinofilme (bei der der TV-Film „Do You Like Hitchcock?“ zwar aufgenommen wurde, seine sonstigen TV-Arbeiten aber leider keine Beachtung finden) und ein ausführliches Literatur- und Quellenverzeichnis beschließen das Buch.

Robert Zion hat ein sehr interessantes Buch über Dario Argento geschrieben, welches dem Leser viele spannende, neue Denkansätze nahe bringt, die natürlich auch kontrovers diskutiert werden können. Insbesondere, was die Bewertung einiger Filmen (vor allem außerhalb von Argentos Werk) angeht. Sehr gelungen ist die Erläuterung der Hauptthesen anhand von 14 farbigen Bildtafeln in der Mitte des Buches. Der einzige Kritikpunk wäre das mangelnde Lektorat, welches am Anfang des Buches (und dann nochmal im „Phenomena“-Kapitel) durch unnötige Rechtschreibfehlern und einer Vorliebe für endlose Schachtelsätze auffällt. Dies gibt sich dann aber recht bald im weiteren Verlauf des Buches und soll auch bei einer bald anstehenden zweiten Auflage überarbeitet werden. Von daher steht einer Empfehlung nichts im Wege.

Robert Zion Der verletzliche Blick – Regie: Dario Argento“, Books on Demand, 368 Seiten, € 28,99

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