Blu-ray Rezension: „Die Zärtlichkeit der Wölfe“

zaertlickeitKurz nach dem zweiten Weltkrieg kommt es in Gelsenkirchen immer wieder zu geheimnisvollen Morden an jungen Männern. Täter ist der Kleinkriminelle Fritz Haarmann (Kurt Raab), der junge Stricher in seine Wohnung holt, diese dort ermordet und ihre sterblichen Überreste als Fleisch an die umliegenden Wirtschaften verkauft. Die Polizei kommt dem Mörder allerdings nicht auf die Spur, sondern heuert Haarmann im Gegenteil sogar als Polizeispitzel an. Dies bringt diesen auf die Idee, sich als Polizist auszugeben und am Bahnhof weitere junge Männer in seine Wohnung zu locken. Gleichzeitig leidet er darunter, dass sein Geliebter Hans (Jeff Roden) seit Neustem mit dem Zuhälter Wittowski (Rainer Werner Fassbinder) um die Häuser zieht…

1973 erhielt Ulli Lommel nach „Haytabo„, den er zusammen mit Peter Moland inszenierte,  erstmals die Gelegenheit bei einem Film allein Regie zu führen. Der Schauspieler, der zuvor in neun Fassbinder-Filmen zu Weltruhm gelangt war, sollte diese Erfahrung so gut gefallen, dass er die Schauspielerei kurz danach aufgab und sich ganz auf die Regie konzentrierte. Der Erfolg seines Erstlings „Die Zärtlichkeit der Wölfe“ in den Arthaus-Kinos der USA, brachte ihn mit Andy Warhol zusammen, der daraufhin in Lommels Filmen „Blank Generation“ und „Cocaine Cowboys“ auftrat. Der finanzielle Erfolg des kleinen Horrorfilms „The Boogeyman“ ließ Lommel dann endgültig in die USA übersiedeln. Seitdem ist sein filmisches Werk kontinuierlich von schlechten Kritiken begleitet, und die meisten seiner Direct-to-video Werke, die sich vornehmlich wie „Die Zärtlichkeit der Wölfe“ um Serienkiller drehen, haben es dann auch gar nicht mehr in sein Heimatland geschafft. Zweifelhaften Ruhm erlangte er 2004 noch einmal mit dem legendären „Daniel – der Zauberer“, der zeitweilig die IMDb von unten anführte.

Obwohl Lommel zurecht stolz auf „Die Zärtlichkeit der Wölfe“ ist und von seinem „Meisterwerk“ spricht, so gehört der Film doch vornehmlich seinem Hauptdarsteller Kurt Raab. Dieser hat nicht nur auch das Drehbuch beigesteuert hat, sondern war auch für das Set Design verantwortlich. So prägt Raabs Arbeit in mehr als einer Hinsicht den Film. Raab ist phantastisch als Haarmann. Ein zutiefst trauriger Mensch, der seinen Platz in der Welt nicht finden kann. Der seine Leidenschaften nicht unter Kontrolle hat und einsam bleibt, auch wenn er sich unter seinen Mitmenschen bewegt. Der von seinem geliebten Hans schamlos ausgenutzt und betrogen wird, obwohl er doch die dominante Rolle in der Beziehung spielen möchte. Der glatzköpfige, kleine Mann, der die melancholischen Augen eines Peter Lorre besitzt und doch gleichzeitig in den erschreckendsten Momenten des Filmes an Max Schreck in seiner Rolle des Nosferatu erinnert. Raab lässt seinen Haarmann zwischen der Opfer- und der Täterrolle pendeln. Gleichzeitig entwickelt der Zuschauer ein Gefühl des Mitleids für ihn, welches aber aufgrund seiner abscheulichen Taten nicht zu rechtfertigen ist. Am Ende bleiben zwei Gesichter Raabs im Gedächtnis. Jenes des freundlichen Herren mit den sehnsüchtigen Augen und der aufgerissene, blutverschmierte Mund des Mörders. Raab dominiert den Film so sehr, dass dabei die Auftritte von Rainer Werner Fassbinder oder Brigitte Mira in Vergessenheit geraten.

Die Verbindung zu Fassbinder ist ganz offensichtlich, auch wenn er selber – so Ulli Lommel – nur drei Tage am Set war und sich ansonsten um nichts weiter gekümmert hat. Lommel hat seinem Mentor genug abgeschaut, um den Film in dem für Fassbinder typischen, traumwandlerischen Groove zu halten. Unterstützt wird er dabei von Raab, der ebenfalls ein Fassbinder-Veteran ist und dessen Drehbuch die selbe leicht gestelzte Theater-Sprache der Fassbinder-Film nutzt. Zudem ist Fassbinders Stammcrew mit von der Partie: Neben Raab und der Mira sind dies Fassbinders Geliebter El Hedi ben Salem (der mit der Mira ein Jahr später die Hauptrolle in dem famosen „Angst essen Seele auf“ spielte), Irm Herrman, Margit Carstensen, Ingrid Caven, Rosel Zech und einige mehr. Neu ist der großartige Kameramann Jürgen Jürges, der hier erstmals im Fassbinder-Umfeld die Kamera führte, zuvor aber schon mit dem außergewöhnlichen „Fussball wie noch nie“ für Furore gesorgt hatte. Fassbinder war von Jürges beeindruckender Arbeit bei „Die Zärtlichkeit der Wölfe“ so begeistert, dass Jürgens anschließend dessen Filme „Angst essen Seele auf“ und „Fontane Effi Briest“ fotografieren durfte.

Die Kameraarbeit ist auch eines der herausragenden Merkmale von „Die Zärtlichkeit der Wölfe“. Sie hält den Film in einem Dämmerzustand, der an die expressionistische Künstlichkeit eines Film noir erinnert. Sie lässt den Film zudem in einem zeitlosen Raum spielen. Zwar hat Lommel die Handlung von den 20er Jahren – in denen der reale Haarmann sein Unwesen trieb – in die direkte Nachkriegszeit verlegt, doch der Film könnte zu jeder Zeit spielen. Allein der amerikanische Polizeichef und der französische Soldat verorten den Film eindeutig am Ende der 40er Jahre. „Die Zärtlichkeit der Wölfe“ profitiert auch ungemein von der Umgebung, in der der Film spielt. Die heruntergekommenen, verfallenden Häuser eine Gelsenkirchener Vororts und die karge Industrielandschaft spiegeln die Trostlosigkeit der Seelen wieder, die hier umhergehen. Und das von Raab persönlich ausgestattete, enge und staubig Dachkämmerlein in dem Haarmann haust, hinterlässt einen unangenehmen Eindruck, der einen noch lange verfolgt.

„Zärtlichkeit der Wölfe“ ist ganz Kurt Raabs Film. Er prägt dieses melancholische Portrait eines zwanghaften Serienmörders nicht nur durch seine Darstellung der Hauptfigur und das von ihm verfasste Drehbuch, sondern auch in der kongenialen Gestaltung der Drehorte. Mit seiner Hilfe und der großartigen Kameraarbeit des damals noch fast unbekannten Jürgen Jürges hat Ulli Lommel hier tatsächlich ein Regiedebüt geschaffen, welches er zu Recht als sein Meisterwerk bezeichnet.

Die bei CMV erschienene Blu-ray des Filmes kann nur mit den Worten „vorbildlich“ beschrieben werden. Das Bild erstrahlt in einem Glanze, welcher deutlich zeigt, was bei einer guten Restaurierung noch aus altem Filmmaterial herausgeholt werden kann. Auch der Ton ist recht gut und deutlich. Vorbildlich auch die zahlreichen Extras. Hier wurde scheinbar eng mit Ulli Lommel zusammengearbeitet. Dieser führt in einem fast 4-minütigen Intro in den Film ein, steuert den von Uwe Huber moderierten Audiokommentar bei und steht im Zentrum eines 22-minütigen Interviews, in dem er noch mal die wichtigsten Punkte des Audiokommentars in kürzerer Form wiedergibt. Ferner wird Rainer Will in einem 15-minütigen Interview über seine Rolle als eines der sehr jungen Opfer Haarmanns befragt. Damit sind die Extras fast identisch mit der englischen Blu-ray von Arrow. Allerdings fehlt hier das 25-minütige Interview mit Kameramann Jürgen Jürges und vor allem ein 41-minütiger Vortrag von Stephen Thrower über den Film. Schade. Dafür ist auf der CMV-Scheibe noch eine 16-minütigge Doku über den echten Fritz Haarmann, die allerdings den Charme eine YouTube-Tutorials besitzt.

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Das Bloggen der Anderen (07-12-15)

bartonfink_type2In eigener Sache: Das ist hier die letzte Ausgabe von „Das Bloggen der Anderen“ für dieses Jahr. Ich bin momentan in eine Vielzahl anderer Projekte eingebunden, die alle mit einer Deadline versehen sind.  Zudem bin ich auch auf meiner „normalen Arbeit“ gerade am Schwimmen und zwischendurch möchte ich für meine Familie da sein. Daher kann ich zwar noch ein paar Reviews, Termine und News schreiben, aber möchte mir bis zum Ende des Jahres keine regelmäßige Rubrik ans Bein binden. Zudem machen ja auch mittlerweile eine paar andere Blogs einen ganz ähnlichen Job (siehe ganz unten), so dass ich mir ohne schlechtes Gewissen eine Auszeit gönnen kann. Mit „Das Bloggen der Anderen“ geht es dann erst im Januar weiter.

– Letzte Woche verstarb Synchronsprecher Nobert Gastell. Im Netz fand ich lediglich auf filmosophie einen Nachruf, der sich dann auch auf seine berühmteste Rolle, Homer Simpson, konzentriert. Dabei hat Norbert Gastell uns auch viele Exploitationfilme der 70er versüßt, wo er häufig den Handlanger des Bösewichts sprach.

– Der von mir sehr geschätzte Herr Woody Allen aus New York feierte hingegen seinen 80. Geburtstag (man mag es kaum glauben). Ihm zu Ehren gibt es auf film-rezensionen.de ein Special.  Außerdem bespricht Oliver Armknecht mit „Tag“ einen von gleich vier neuen Sion-Sono-Filmen.

– Auf critic.de führt Michael Kienzl ein Interview mit Apichatpong Weerasethakul. Johannes Bluth berichtet vom Heimspiel Filmfest 2015 in Regensburg und auch in diesem Jahr wird eine liebgewordene Tradition fortgeführt: Eine Textreihe widmet sich einem Kino, dass das Fest der Liebe mit Füßen tritt.

– Sarina Lacaf war für Negativ zwei Tage auf dem Dokfest in Kassel.

– Rajko Burchardt schreibt auf B-Roll kluge Worte über die Rolle der Filmkritik.

Hard Sensations macht auf den 15. Hofbauerkongress aufmerksam, welcher zwischen dem 7. und 11. Januar in Nürnberg stattfindet.

– Sven Safarow stellt auf Eskalierende Träume einen von 10 Deutschen Lieblingsfilmen vor: Fritz Langs Abschied „Die 1000 Augen des Dr. Mabuse“.

– Patrick Holzapfel schreibt auf Jugend ohne Film über die Liebe im Kino. Nicht die Liebe auf, sondern vor der Leinwand. Schön.

– Juli stellt im Rahmen einer Blogparade auf Pieces of Emotions Filme vor, die vor ihrer Geburt veröffentlicht wurden, und die sie für großartig hält. Mein Gott, jetzt fühle ich mich alt. Einige davon habe ich bei ihrer Premiere im Kino gesehen.

– Sebastian hat auf Nischenkino eine Liste mit „10 Relevante Politische Filme“ erstellt, über die man sicherlich diskutieren kann.

– Alles, was man schon immer über einen DER Weihnachtsfilm-Klassiker wissen wollte, verrät Marco auf Duoscope: „Schöne Bescherung“ mit den Griswolds.

Yzordderrexxiii kümmert sich um einen Film, den kaum jemand kennt, obwohl der Regisseur das Prädikat „Kult“ trägt: „Elvis“ von John Carpenter. Ich teile seine positive Meinung übrigens und hoffe, damit stehen wir nicht allein.

– Das hoffe ich übrigens auch bei Jess Francos „La mansión de los muertos vivientes“, der Schlombie auf Schlombies Filmbesprechungen ganz arge Bauchschmerzen bereitet. Ich finde den ja klasse. Besser kommt bei Schlombie da „Der Todesrächer von Soho“ an, während die wunderbare Krimi-Verweigerung „Der Teufel kam aus Akasava“ ganz heftig unten durch fällt. Ich finde die Besprechungen immer höchst interessant – auch wenn ich häufig ganz anderer Meinung bin – denn man hat als langjähriger Franco-Fan schon vergessen, wie seine Filme auf „normale Leute“ wirken.

„Ein Toter lacht zuletzt“ war viele Jahre eine ausgesprochen rare Angelegenheit. Von diesem spanischen Horrorfilm von 1973 wurde zwar immer geschwärmt, doch zu sehen war er nur sehr, sehr selten. Dem hilft eine neue DVD ab, was wahrscheinlich besonders Mauritia Mayer freut, die den Film auf Schattenlichter in den höchsten Tönen lobt.

– Noch ein Geheimtipp aus Spanien: „Das Versteck“ wird auch von fuxton sehr gelobt und ist ebenfalls seit Kurzem auf DVD erhältlich. Bei Enzo Castellaris Spät-Western „Die Rache des weißen Indianers“ mit Franco Nero weiß ich das gar nicht, meine aber, dass der unter „Keoma 2“ verwurstet wurde. Wie dem auch sei, bei fuxton kommt das Werk auch gut weg.

– Bleiben wir in Italien. Die Ehre der mit Abstand ungewöhnlichste Argento-Film zu sein, kann die Tragikkomödie „Die Halunken“ mit Adriano Celentano, die während der Märzrevolution 1848 spielt, für sich verbuchen. Ich mag den Film ja sehr und würde daher jedes Wort, welches totalschaden auf Splattertrash über den Film schreibt unterstreichen.

– Viele Jahre später hat Argento dann „Sleepless“ gedreht, der JackoXL von Die drei Muscheln schwer enttäuscht hat. Dafür wird von stu Peter Stricklands „The Duke of Burgundy“ gelobt.

– Oliver Nöding schaut sich auf Remember It For Later gerade durch Lucio Fulcis Spätwerk. Startend mit „The Devil’s Honey“ (den ich für dasselbe Projekt auch gerade am Wickel habe) bis „The Door to Silcence“.

– Den Ozploitation-Klassiker „Turkey Shoot“ müsste ich auch mal wieder gucken. Gerade, wenn mir Sascha von Die seltsamen Filme des Herrn Nolte den Mund wässerig macht.

– Großes Kino aus Deutschland: „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ von Schlöndorff/von Trotta. Jan Noyer von Kuleschow-Effekt ist begeistert.

– Apropos begeistert. Das war ich auch, als ich erstmals Jacques Tourneurs „The Leopard Man“ gesehen habe, den ich sogar mehr schätze als sein „Katzenmenschen“. Volker Schönenberger hat den Film im Rahmen der Recherche zu einem Artikel in „35 Millimeter – Das Retro-Filmmagazin“ gesehen und nun auf seinem Blog Die Nacht der lebenden Texte besprochen. „35 Millimeter“-Redakteur Ansgar Skulme setzt sich eingehend mit „Dschingis Khan – Die goldene Horde“ auseinander.

– Quentin Dupieux‘ neuer, „Reality“ bekommt bei Going to the movies 9 von 10 Punkten. Sehr gut.

– Auch Takeshi Kitano meldet sich zurück. “Ryuzo and his Seven Henchmen“ gehört für Michael Schleeh von Schneeland zu den besten japanischen Filmen, die er dieses Jahr gesehen hat.

– Ungelesen weitergereicht: Auf Whoknows presents schreibt Manfred Polak über den dänisch-schwedisch-norwegischen Film „Hunger“, den Henning Carlsen 1966 inszenierte. Ich hatte bisher keine Zeit Manfreds umfangreichen Artikel zu lesen, aber aus der Erfahrung empfehle ich ihn mal blind.

– Mittlerweile hat „Das Bloggen der Anderen“ Schule gemacht und immer mehr Blogs haben eine entsprechende Rubrik. Hier einige Beispiele aus dieser Woche: „Die Besprechungen der Anderen“ auf Schlombies Filmbesprechungen, „Real Virtualinks“ auf Real Virtuality und „Beiträge von anderen Nerds“ auf Leons Filmreviews.

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Filmbuch-Rezension: Jörg Buttgereit “Besonders wertlos – Filmtexte“

besonders_wertlos_jbEs ist eine wahre Schande, dass Jörg Buttgereit oftmals noch immer auf sein filmisches Frühwerk reduziert wird. Zugegeben, „Nekromantik“ besitzt seinen Kultstatus völlig zurecht, „Nekromantik 2“ ist der bessere Film, „Der Todesking“ eine bedrückende Auseinandersetzung mit dem Tod und „Schramm“ eine böse Reise in die Seele eines gestörten Menschen. Doch man sollte nicht vergessen, dass „Schramm“ bereits 22 Jahre alt ist und sich Buttgereit seitdem – bis auf Ausflüge ins TV-Geschäft (eine Folge der deutsch-kanadischen SF-Serie „Lexx“, sowie drei Folgen der wunderbaren Arte-Sendung „Durch die Nacht mit…“), einem Drittel des „German Angst“-Projekts aus diesem Jahr, sowie einer Doku zum japanischen Monsterfilm – aus dem Filmgeschäft zurückgezogen hat.

Die andere Seite des „Kult-Regisseurs“ ist heute leider noch viel zu unbekannt. Neben großartigen und wagemutigen Hörspielen für den WDR, in denen er sich frei austobt und seine Filmleidenschaft mit skurrilen, oftmals wahren, Geschichten verknüpft, ist da auch seine erfolgreiche Theaterarbeit, die in Dortmund immer wieder für ein ausverkauftes Haus sorgt. Diese ist häufig – aber nicht nur – eine Verlängerung der Hörspiele in ein anderes Medium, wie sein Stück „Kannibale und Liebe“, welches zuerst als „Ed Gein“ in Hörspielform existierte. Nebenher spricht Jörg Buttgereit zahlreiche Audiokommentare für japanische Monsterfilme ein, hat seinen „Captain Berlin“ in die Welt der Comics überführt und schreibt für einige Filmzeitschriften, wie der österreichischen „ray“.

Eben jene Kolumnen bilden die Basis für sein neues Buch „Besonders wertlos“, welches beim tollen Martin Schmitz Verlag veröffentlicht wurde. In 50 kurzen, oftmals nur 1,5 Seiten langen Kolumnen widmet sich Buttgereit seinen Lieblingsthemen oder empfiehlt zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung gerade aktuelle DVD-Veröffentlichungen. Dabei ist es der Form der Kolumne geschuldet, dass bei diesen kurzen Texten kein Raum besteht, um tiefer in die Materie einzudringen. So reißt Buttgereit zwar einige interessante Themen und Gedanken an, kann sie aber nicht zu Ende bringen. Hier ist es am Leser, neugierig zu sein und selber aktiv zu werden, denn die Kolumnen können in erster Linie Denkanstöße sein, um selber einen umfassenderen Blick in unbekannte Welten zu werfen. Auch wenn die „Liebhaber des unterschlagenen Films“ hier nicht viel Neues entdecken werden, ist es doch schön hier von Jörg Buttgereit noch einmal an die Hand genommen zu werden. Seine Texte sind so unterhaltsam und aus dem Herzen heraus geschrieben, dass man sie gerne liest, auch wenn einem der Inhalt teilweise bekannt ist.

Der „Anhang“ des Buches zeigt dann, was man von Jörg Buttgereit erwarten kann, wenn ihm genug Raum gegeben wird, sein Wissen zu entfalten. Diese acht Texte stammen wahrscheinlich aus der epd Film und sind deutlich länger als die „ray“-Kolumnen. Hier schreibt Buttgereit sehr fundiert u.a. über das Grindhouse-Kino, natürlich immer wieder Godzilla und Konsorten, japanische Horrorfilme und führt ein Interview mit George A. Romero. Dabei kann er auch „Fortgeschrittene“ noch überraschen. Insgesamt ist „Besonders wertlos“ ein Sammelsurium an Texten, welche nicht immer Neues erzählen oder bisher unbekannte Hintergründe enthüllen, aber Jörg Buttgereit hat eine unterhaltsame Schreibe und allein um den sympathischen Martin Schmitz Verlag zu unterstützten, sollte an sich das Buch zulegen. Bereuen wird man es nicht.

Jörg Buttgereit “Besonders wertlos – Filmtexte“, Martin Schmitz Verlag, 200 Seiten, € 17,80

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Das Bloggen der Anderen (30-11-15)

bartonfink_type2– Passend zum demnächst anlaufenden neuen „Star Wars“-Film, wirft Marco auf Duoscope noch einmal einen Blick zurück in die Zeit, als das Ganze noch „Krieg der Sterne“ hieß. Eine sehr schöne, objektive „Geschichtsstunde“.

– Cutrin war auf dem Cinefest in Hamburg und hat auf Filmosophie einen ausführlichen Bericht über ihre Erlebnisse geschrieben.

– Till Kadritzke war für critic.de gleich auf vier Filmfestivals in Köln unterwegs, und hat dementsprechend viel zu berichten.

– Patrick Holzapfel sinniert auf Jugend ohne Film über Film als Fremdsprache und was dies für den Zuschauer heißt.

– Sven von Reden hat auf B-Roll ein sehr interessantes, zweiteiliges Essay unter dem Titel „Der Verlust der physischen Realität“ geschrieben. Darum geht es nicht – wie ich zunächst annahm – um die inflationäre Zunahme von CGI, sondern eher darum, wie unsere immer mehr virtuelle, digitale Realität im Film darstellbar ist. Sehr spannend. Andreas Köhnemann schreibt über seine Enttäuschung über Gapar Noes „Love“ und wie andere Filme Sex darstellen.

– Oliver Armknecht bespricht auf film-rezensionen.de den neuen Film von Khavn de La Cruz: “Ruined Heart: Another Lovestory Between a Criminal & a Whore”, den ich leider verpasst habe, als er in Bremen im Kommunalkino gezeigt wurde.

– Auch Apichatpong Weerasethakul hat einen neuen Film in die Kinos gebracht. Frank Schmidke schreibt über „Cemetery of Splendour“ auf cintastic.de

– Und auch Sion Sono ist wieder unterwegs und lässt den „Tokyo Tribe“ los. Mise en cinéma meint: „Tokyo Tribe sprüht geradezu vor Kreativität, Verspieltheit und Mut, um ein ganz besonderes filmisches Musical-Erlebnis zu schaffen, das mit irrsinnigen Ideen und virtuoser Inszenierung maximalen Spaß verspricht.“

– Sebastian macht sich auf Nischenkino Gedanken, warum „Once Upon a Time in Shanghai“ kein guter Film ist und ob sich das chinesische Genre-Kino in einer lang anhaltenden Krise befindet.

Hans Helmut Prinzler gefällt Christian Keßlers „Der Schmelzmann in der Leichenmühle“.

– Und Christian Genzel von Wilsons Dachboden hat die Memoiren von Porno-Pionier Howard Ziehm gelesen. Und weil es so gut passt, hat er auch gleich „Cop Killers“ gesehen. Der Film, den Ziehm drehte, als sich die Fertigstellung seines bekanntesten Film „Flesh Gordon“ verzögerte.

– Gerade hatte ich gedacht, wir Franco-Fans hätten ihn endlich bekommen, da verreißt Schlombie auf Schlombies Filmbesprechungen den schönen „Küß mich, Monster“. Na ja, wenigstens bei Bavas „Die toten Augen des Dr. Dracula“ sind wir dann wieder auf einer Linie.

– Auf Die Nacht der lebenden Texte setzt sich Ansgar Skulme sehr intensiv mit dem Klassiker „Invasion vom Mars“ von 1953 auseinander, während Andreas Eckenfels sich des Remakes von 1986 annimmt.

– Eines der – wie ich finde – großartigsten Gangsterfilme aus italienischer Schmiede stellt totalschaden auf Splattertrash vor: „Milano Kaliber 9“.

Ab ins Grindhouse geht es mit Harald Mühlbeyer auf Screenshot. Er hat in Mannheim das wunderbare Spanien-Double-Feature „Blutmesse für den Teufel“ und „Die Nacht der reitenden Leichen“ gesehen.

– Unter Grindhouse wird auch gerne mal Lucio Fulcis bedrückender „Non Si Sevizia A Un Paperino“ subsummiert, was natürlich Blödsinn ist. Das dürfte jedem klar sein, der fuxtons entsprechende Review gelesen hat.

– Vor einigen Monaten verstarb der Ex-Profi-Wrestler Roddy Piper von dessen Ausflügen ins Filmgeschäft man vornehmlich „Sie leben“ kennt. Dabei findet Jan Noyer von Kuleschow-Effekt, dass auch „Hell comes to Frogtown“, eine „Obskurität aus der Videotheken-Resterampe aber ein – zumindest für Trashfreunde – interessantes Werk“ ist.

– Die erste Hälfte der 80er Jahre war die hohe Zeit der Stephen-King-Verfilmungen. Eine der ersten, die ich sah, war „Feuerkind“ mit der kleinen Drew Barrymore. Bei Oliver Nöding auf Remember It For Later gibt es ein Wiedersehen.

– Alex hat wieder ein paar Real Virtualinks gesammelt und stellt sie auf Real Virtuality vor.

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Filmbuch-Rezension: “DER WEISSE HAI revisited“

Bertz+Fischer_Weisse_HaiZum 40-jährigen Jubiläum des „Weißen Hais“ ist nun bei Bertz + Fischer ein Buch erschienen, welches sich auf 274 Seiten allein und in aller Ausführlichkeit mit diesem einen Film beschäftigt. Natürlich hat „Der weiße Hai“ ein solche „Sonderbehandlung“ allemal verdient, denn er änderte nicht nur die Art und Weise, wie Hollywood seine Filme vermarktete, sondern er leitete auch das Zeitalter der „Blockbuster“ ein und tötete – so die landläufige Meinung – das New Hollywood-Kino. Eine Strömung, aus der auch „Der weiß Hai“-Regisseur Steven Spielberg und „Krieg der Sterne“-Macher George Lucas stammten. Ferner katapultierte „Der weiße Hai“ Spielberg zu Weltrum und ist vor allen Dingen verdammt aufregendes und perfektes Spannungskino. Und das von Wieland Schwanebeck herausgegebene Buch „DER WEISSE HAI revisited – Steven Spielbergs JAWS und die Geburt eines amerikanischen Albtraums“ beweist, dass hinter dem reinen Unterhaltungsanspruch noch sehr viel mehr Dimensionen stehen, die dem Film eine spannende Komplexität geben, die unter der perfekten Unterhaltung lauert, wie der große Weiße unter der Wasseroberfläche. Es muss allerdings hinterfragt werden, ob es dem Buch gut tut, wenn es sich ganz auf die detaillierte Deutung und kulturwissenschaftliche Untersuchung eines einzigen Filmes konzentriert. Und ob hier nicht auch weniger mehr gewesen wäre. Doch dazu später.

Der Beginn des Buches ist hervorragend gelungen. Nach einer höchst informativen Einleitung durch Wieland Schwanebeck schreibt Felix Lempp über verschiedenen „Making Of“-Dokumentationen, die es zu „Der weiße Hai“ gibt. Dabei erfährt der Leser durch die Beschreibung der Inhalte der Dokumentationen nicht nur eine Menge über die Entstehung des Filmes, sondern auch über unterschiedliche Strategien in „Making Of“s und wie sich scheinbare Wahrheiten über die Zeit verändern und immer wieder in den Dienst einer vorgefertigten „Story“ gestellt werden, die ein und das selbe Ereignis immer wieder neu und anders erzählen. Das ist nicht nur spannend, sondern schlägt auch gleich zwei Fliegen mit einer Klappe. Michael Hiemke wendet sich dann in seinem Beitrag über die Filmmusik mit zahlreichen Notenbeispielen und Sequenzanalysen vor allem an musikwissenschaftlich affine Leser.

Ein Highlight des Buches ist Ian Freers Kapitel über die zutiefst bedrückende Katastrophe der U.S.S. Indianapolis. Ein reales Ereignis, das im Film eine zentrale Rolle einnimmt. Wieland Schwanebeck vergleicht dann Spielbergs Film mit dem Gesamtwerk Alfred Hitchcocks und sucht nach Parallelen. Den oben beschriebenen Tod des New Hollywoods durch Blockbuster wie „Der weiße Hai“ beschreibt Heiko Nemitz in einem sehr lesenswerten Abschnitt. Im Folgenden wird versucht „Der weiße Hai“ einzelnen Genres zuzuordnen. So verortet Marcus Stiglegger den Film im „Tierhorror“-Genre, während Michael Flintrop ihn eher im Katastrophenfilm sieht. Bei den jeweiligen Untersuchungen kann der Leser gleichzeitig etwas über die beiden jeweiligen Genres lernen. Die Wahrheit aber liegt wahrscheinlich in dem „Genre-Hybrid“ von dem Sofia Glasl schreibt, was eine schöne Erweiterung zu den Thesen im ebenfalls bei Bertz + Fischer erschienenen Buch „Actionkino“ (Besprechung hier) darstellt.

Hatten die einzelnen Essays „Der weiße Hai“ bis dahin in einen filmischen Kontext eingeordnet, der gleichberechtigt zum Film vorgestellt wird, konzentrieren sich die folgenden Kapitel ganz auf den Film selber und versuchen in ihm Texturen zu finden, die verschiedenen wissenschaftlicher Theorien zugeordnet werden. Dies ist zwar grundsätzlich eine sehr spannende Herangehensweise, ermüdet aber in solch geballter Form recht schnell. Folgt man den ersten Interpretationen noch gebannt, so langweilt es irgendwann, wenn man die gleiche Szene nun schon zum dritten Mal beschrieben bekommt – auch wenn sie nun mit einer völlig anderen Bedeutung aufgeladen wird. An dieser Stelle empfiehlt es sich, das Buch nicht in einen Rutsch zu lesen. Diesen sechs Essays sollte man besser in einem gewissen zeitlichen Abstand einräumen, um nicht mittendrin das Interesse zu verlieren und die durchweg spannenden Interpretationen nur noch gelangweilt zu überfliegen.

Stefan Jung untersucht den Gegensatz von suburbanen und exurbanen Raum in „Der weiße Hai“ und dem Gesamtwerk Spielbergs. Willem Strank schreibt über die Ikonodramatugie der Annäherung, während Eckhard Pabst ausführt, wie Spielberg in „Der weiße Hai“ Grenzen inszeniert und was diese für den Film und seine Wirkung bedeuten. Der fünfte Teil des Buches beleuchtet den Film dann von psychologischen und soziologischen Aspekten her. Elisabeth Bronfen liest „Der weiße Hai“ im Zeichen des Todestriebes, Jan D. Kucharzewski wiederum arbeitet die Darstellung von Männlichkeit und Homosozialität heraus. Am Faszinierendsten ist aber Dorothe Mallis Essay „Das jüngste Gericht in JAWS“ welches religiöse Wurzeln im Film findet, die zwar manchmal etwas sehr weit hergeholt wirken, aber durchaus schlüssig und sehr spannend sind.

Die folgenden Teile des Buches sind demgegenüber dann wieder sehr geerdet und greifbarer. Vor allem lösen sie sich vom Film und erklären mehr das reale Umfeld, welches er geschaffen hat. Tabea Weber beschreibt die Darstellung des Haies im Film und wie diese unsere Wahrnehmung des Tieres beeinflusst. Konstanze Hiemkes kurzer Text über das Haifischgebiss ist zwar interessant, wirkt aber wie ein Lückenfüller. Lars Koch schreibt darüber wie „Der weiße Hai“ und andere Filme aus einer Furcht vor dem Hai eine tieferliegende Angst geschürt haben.

Die Sequels zu „Der weiße Hai“ kommen in diesem Buch vielleicht etwas zu kurz, werden aber von Kathleen Loock in ihrem Text „Zwischen Jawsmania und Sequelitis“ aufgegriffen, indem sie auch auf die Geschichte der Fortsetzungsfilme generell eingeht. In einem sehr wichtigen Text erklärt Christian Wild, was eigentlich wirklich dran ist, an der Legende von Hai als angsteinflößenden Menschenfresser. Den passenden Abschluss findet das Buch dann durch Csaba Lázár, der sich nicht nur der unmittelbar auf „Der weiße Hai“ folgenden Nachahmungswelle annimmt, sondern auch den Bogen zur gerade schwer angesagten „Sharkploitaion“-Welle schlägt.

Insgesamt lässt das Buch „DER WEISSE HAI revisited“ kaum noch Fragen zum Film offen. Der Film wird von vielen ganz unterschiedlichen Seiten beleuchtet, interpretiert und in einen Kontext gesetzt. Diese Konzentration auf die immer gleichen 124 Minuten Film kann allerdings auch mal zu Ermüdungserscheinungen führen, weshalb man gerade den Mittelteil besser häppchenweise genießen sollte.

Wieland Schwanebeck  (Hrsg.) „DER WEISSE HAI revisited – Steven Spielbergs JAWS und die Geburt eines amerikanischen Albtraums“, Bertz+Fischer, 276 Seiten, € 19,90

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DVD-Rezension: „Im Dutzend zur Hölle“

dutzendzurhoelleAls der „consigliori“ des einflussreichen Mafiaboss Don Antonio Macaluso (Martin Balsam), Anwalt Thomas Accardo (Tomas Milian), aus dem kriminellen Milieu aussteigen will, löst er damit einen Mafiakrieg aus. Da Don Antonio seinen Ziehsohn Thomas unbehelligt ein neues Leben mit der schönen Laura (Dagmar Lassander) beginn lässt, hat Don Antonios rechte Hand Vincent Garofalo (Francisco Rabal) einen Grund gefunden, um sich gegen seinen Don zu wenden und dessen Organisation mit Duldung der anderen Familien zu vernichten. Als Don Antonio beinahe Opfer eines Attentats wird und auch Thomas nur knapp einem Anschlag entgeht, kehrt Thomas an die Seite Don Antoinis zurück, um mit Garofalo abzurechnen…

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Alberto de Martino ist vielleicht der „amerikanischste“ Regisseur des italienischen Genre-Kinos. Seine Filme greifen immer nach Höherem. Er besetzt gerne US-Stars und verlegt die Handlung seiner Streifen immer wieder in die USA. Das tun andere italienische Filme zwar auch, doch die wahren Drehorte strafen sie immer wieder Lüge oder es werden nur wenige Minuten an markanten Stellen wie der Brooklyn Bridge aufgenommen, damit die Illusion der authentischen Drehorte entsteht. De Martino hat den größten Teil seines Mafia-Filmes „Im Dutzend zur Hölle“ aber tatsächlich vor Ort in Kalifornien gedreht. Die Besetzung des Filmes ist zwar überwiegend aus italienischen Produktionen bekannt, aber mit Martin Balsam hat De Martino einen bekannten Charakterdarsteller aus den USA mit der zweiten Hauptrolle betraut, den man u.a. aus Alfred Hitchcocks „Psycho“ kennt und der für seine Rolle in „Tausend Clowns“ einen Oscar gewann. Balsam hatte zwei Jahre zuvor seinen ersten Film in Italien gedreht, Damiano Damianis großartigen „Der Clan, der seine Feinde lebendig einmauert“, und Gefallen am italienischen Leben gefunden. Es sollten noch zahlreiche Italo-Produktionen folgen und Balsam verlagerte seinen Lebensmittelpunkt immer mehr in sein geliebtes Italien, wo er dann auch 1996 verstarb.

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„Im Dutzend zur Hölle“ ist stark von Francis Ford Coppolas „Der Pate“ inspiriert, was man schon am Originaltitel „Il consigliori“ merkt. Im „Paten“ spielte Robert Duvall den „consigliori“ Tom Hagen, eine Rolle die ganz ähnlich angelegt ist, wie von Tomas Milian in „Im Dutzend zur Hölle“. Jemand, der nicht zur Familie gehört, aber trotzdem für den Mafia-Paten so etwas wie ein eigener Sohn ist. Ein Anwalt und brillanter Stratege, seinem Ziehvater treu ergeben. Zudem mixt das Drehbuch auch noch einiges von der Persönlichkeit des Michael Corleone in die Figur des Thomas Accardo. Beide wollen ein normales Leben führen und der Mafia-Familie den Rücken kehren. Kam Michael Corleone im „Paten“ aus dem Krieg zurück, so ist es bei Thomas Accardo das Gefängnis, wo er über sein Leben nachgedacht hat und beschloss, es in eine neue Richtung zu lenken. Die wunderbare Dagmar Lassander übernimmt dabei die Rolle, die Diane Keaton in „Der Pate“ inne hatte. Nur leider wird die gute Dagmar von de Martino ziemlich verschwendet. Nicht nur, das sie hier etwas mopsig aussieht und kaum etwas von ihrem natürlichen Charisma verbreiten kann, auch ihre Figur der Laura stark unterentwickelt. Dies fällt insbesondere bei der Abschiedsszene mit Milian ins Gewicht, welche überhastet und ohne echte Chemie zwischen den Beiden inszeniert ist.

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Milian selber schlägt sich sehr gut als „consigliori“. Seine zynische, manchmal etwas zu selbstsicher wirkende Art, verleiht ihm Autorität. Auch seine Rückkehr in die Arme der Mafia ist recht überzeugend ausgefallen. Man ihm vorher sowieso nicht so recht abnehmen können, dass er tief im Herzen nicht das Leben an der Seite von Don Antonio weitaus mehr genossen hat, als jenes, welches er nun mit Laura führt. Im Grunde hegt er für seinen Ersatz-Vater Don Antonio doch weitaus tiefere Gefühle als für die, in diesem Film, doch recht fade Dagmar Lassander. So gewinnt der zuvor eher hölzern agierende Milian plötzlich an Charisma und Elan, wenn er seinem bedrohten Paten zur Seite steht, Strategien entwirft und mit der Knarre in der Hand kurzen Prozess macht. Die blutigen Actionszenen sind Alberto de Martino gut gelungen. Hier kommt der gewalttätige Wahnsinn durch, der das Genre des Polizieschi auszeichnet. Es werden keine Gefangenen gemacht und tatsächlich im Dutzend Gangster zur Hölle geschickt. Sie werden niedergemäht, in die Luft gesprengt, verbrannt und erstochen. Zwischendurch werden Autoverfolgungsjagden eingestreut und Leichen auf besonders kreative Weise entsorgt. Eine unglückliche Gestalt wird erst in ein Fass eingeschweißt und dann im Sockel einer Brücke versenkt.

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Wie in „Der Pate“ wird die Mafia als große Familie mit einem strengen Ehrencodex beschrieben. Auch Don Antonios Organisation erinnert mehr an ein komplexes Familienunternehmen mit sonderbaren Geschäftsmethoden als an eine Gangsterbande. Die Gefahr für die Familie entsteht dann auch nicht durch die Polizei – welche hier kaum eine Rolle spielt – sondern durch Figuren, die die alten Methoden nicht respektieren und den Ehrencodex brechen. Waren es im Paten die Drogendealer, so ist es hier der Emporkömmling Garofalo, der sich gegen Don Antonio und den alten Stil stellt. Gerade diese Besinnen auf „alte Werte“ wird in „Im Dutzend zur Hölle“ aber große geschrieben und gerade darum hat Garofalo kein Chance, wenn sich das Kampfgebiet in die Heimat der Mafia, Sizilien, verlagert. Dort, wo der eine Don den anderen noch herzlich empfängt und Abmachungen eingehalten werden. In diesen Sizilien-Szenen gibt es dann auch ein willkommenes Wiedersehen mit so beliebten Gesichtern, wie denen von Edoardo Fajardo und Nello Pazzafini, was den Liebhaber italienischer Genrekost ebenso erfreut, wie der wunderbare Score von Riz Ortolani. Das die Geschichte sehr episodenhaft erzählt wird, kennt man ja aus diversen anderen Polizieschi und gehört fast schon zum guten Ton dieses Genres.

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„Im Dutzend zur Hölle“ orientiert sich am Welterfolg „Der Pate“, ist aber trotz vieler Gemeinsamkeiten ein eigenständiges und actionbetontes Werk. Prominent besetzt weiß der Film trotz eines recht episodenhaften Drehbuchs kurzweilig zu unterhalten.

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Zur DVD aus dem Hause filmArt, der No. 7 der Polizieschi-Edition, muss man leider zunächst sagen, dass Bildqualität nicht wirklich gut ausgefallen ist. Wie man im Internet lesen kann, stand hier lediglich eine Digibeta im originalen 2.35:1 Scope zur Verfügung. Das Negativ scheint verschwunden zu sein. Da es keine besseren Quellen gibt, kann man die Bildqualität akzeptieren, doch es erschreckt zunächst, auch wenn man sich mit zunehmender Spieldauer daran gewöhnt. Neben deutschen Ton ist nur die englische Tonspur mit an Bord. Eine italienische fehlt. Ferner gibt es noch eine Bildergalerie und eine Trailershow, sowie ein zwölfseitiges Booklet mit kompetent geschriebenen Texten von Ulrich Köhler und Gerald Kuklinski zum Film und de Martino.

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Das Bloggen der Anderen (23-11-15)

bartonfink_type2– Das große Thema der letzten Woche war Gaspar Noes neuer Film „Love“, der die Blogger-Gemeinschaft spaltete. Auf Cereality wurden gleich zwei Reviews veröffentlicht: Eine Pro von Timo Kießling und eine Contra von Nathanael Brohammer.  Auf der Contra-Seite finden sich auch Ronny Dombrowski von cinetastic  wieder, während stu von Die drei Muscheln begeistert ist. Keine Ahnung, wie mir der Film gefallen wird, aber ich finde es immer schön, wenn ein Film die Kraft hat so zu polarisieren.

– Passend dazu: cutrins Notizen vom Pornofilm-Festival in Berlin auf filmosophie.

– Jemand, der mit seinen Filmen ebenfalls stark polarisiert ist Ulrich Seidl, der auf critic.de von Johannes Bluth interviewt wird.

– Dennis Vetter macht sich auf Negativ anlässlich des 58. DOK Leipzig Festivals kritische Gedanken zum Status des Dokumentarfilms.

– Kritische Gedanken macht sich auch Joachim Kurz, der in einer dreiteiligen Reihe auf B-Roll den immer wieder angekündigten, ausgesprochenen und dann doch verschobenen Tod des Kinos und mögliche Zukunftsperspektiven untersucht.  An selber Stelle schreibt Martin Beck über den Filmtrailer, enttäuscht, falsche und erfüllte Erwartungen. Und Patrick Holzapfel fragt: „War Woody Allen früher wirklich besser als heute?“ – meine Antwort als jemand, der bis auf eine Handvoll Filme alle auf DVD besitzt fällt etwas anders aus als Patricks, lesenswert und nachdenkenswert ist sie aber allemal.

– Wie aufmerksame Leser dieser Rubrik wissen, hat Patrick auch seinen eigenen Blog Jugend ohne Film. Auf diesem stellt diesmal Claudia Siefen den koreanischen Meisterregisseur Im Kwon-taek vor. Eine für das koreanische Kino sehr wichtige Figur.

– YP und PD von Film im Dialog waren auf der Viennale und haben dort mit “Outrage” und “The Bigamist” zwei Filme der amerikanischen Regisseurin (und Filmstar) Ida Lupino gesehen. Diese liefen dort als „Tribute“ für die einzige weiblichen Studioregisseurin der 50er Jahre.

– Sir Donnerbold kommentiert auf seinem Blog sdb-film die bisherigen zwölf Marvel-Universe-Verfilmungen auf bringt sie in eine persönliche Rangfolge.

– Immer wieder schön, wenn ein Blogger den anderen (oder in diesem Falle die andere) vorstellt. Hier interviewt Alex Matzkeit von real virtuality Andrea David von filmtourismus.de. Den Blog hatte ich ja anfangs auch ein paar Mal verlinkt bis mir etwas zu viel kommerzielles Sponsoring auftauchte. Schade, dass dies im Interview nicht angesprochen wird. Des weiteren hat Alex unter der Rubrik „Real Virtualinks“ einige Links aus der Film-Blogosphäre zusammengesucht. Ich hatte ja schon gedacht, dann könnte ich „Das Bloggen der Anderen“ ja langsam dicht machen, aber Alex‘ Links stammen mehr aus dem englischsprachigen Raum. Zudem schreibt er: „Sollte mir “Real Virtualinks” auf lange Sicht übrigens doch zu viel Zeit rauben, werde ich es wieder einstampfen.“ Ich bin gespannt…

– Apropos: Wunderschöne Touren zu den Drehorten toller Filme findet man auch immer auf Schattenlichter. Diesmal hat es Mauritia Mayer allerdings nach Nürnberg gezogen. Nicht um Drehort-Vergleiche zu knipsen, sondern zum 1. Festival des Actionfilms mit dem großartigen Namen „Karacho“. Hier ihr Bericht.

– Schlombie hat ja auf Schlombies Filmbesprechungen auch eine Rubrik, in der er Links mit Filmbesprechungen sammelt. Diese Woche bleibt diese aber leer, dafür hat er mehrere Jess-Franco-Filme gesehen und die stießen bei ihm nicht auf Ablehnung. Zu „Eine Jungfrau in den Krallen von Frankenstein“ schreibt er, der Film „steckt so voller liebenswerter bescheuerter Ideen, dass es eine Freude ist ihn zu sichten“ und zu „Jungfrau unter Kannibalen“ da sei “etwas nicht Greifbares das mir gefällt, eine gewisse Stimmung, die sich erst entfacht wenn man sich eine Zeit lang in „Mandingo Manhunter“ (Alternativtitel) hineingeguckt hat.“ Hey, Schlombie – jetzt gleich noch 10-12 Francos hinterher und dann at der Meister auch Dich in seinen Bann gezogen. 😉

– Interessanterweise hat auch Oliver Nöding von Remember It For Later gerade den „Jungfrau unter Kannibalen“ gesehen und kommt zu einem ganz ähnlichen Schluss: „Es ist vor allem diese seltsame Aufgeräumtheit, die Francos Filme oft auszeichnet, die auch EL CANIBAL gegen jede Vernunft zum Funktionieren verhilft.“  Und eine ganz große neue Liebe hat Oliver auch gefunden: Peter Stricklands „The Duke of Burgundy“.

– In Olivers „Fachgebiet“ fällt auch „Protect and Kill“ von 1993. Dieser wird diesmal allerdings von Christian Genzel auf Wilsons Dachboden besprochen.

– „Vergessene Stunde“ ist ein sehr toller Film noir. Findet auch totalschaden auf Splattertrash.

– Da ist er wieder. „Im Visier des Falken“ –eine verstörende Jugenderinnerung von mir. Jetzt bespricht ihn auch Sebastian auf Nischenkino. Es wird Zeit, dass ich mir mal die DVD zulege, auch wenn diese laut Sebastian nicht so toll wie der Film ausgefallen ist.

Roger Corman macht jetzt „The Asylum“ Konkurrenz und hat „Sharktopus vs Pteracuda“ ins Feld geschickt, wie Volker Schönenberger auf Die Nacht der lebenden Texte zu berichten weiß.

– In ähnlichen, aber weitaus sympathischeren, Gewässern fischt auch „The Night of the Lepus“ mit seinen Killer-Kaninchen. Gar nicht flauschig ist der französische Film „Dealer“, der „einen auf überaus dankbare Weise durch ein unerbittliches, emotionales Wechselbad treibt“. Über beide Filme liest man auf funxton.

– Ich bin ja ein großer Jan-Švankmajer-Fan und ärgere mich darum, dass ich bis heute noch keinen Blick auf seine „Alice“-Verfilmung werfen konnte. Dank Oliver Armbrust und seiner Besprechung des Filmes auf film-rezensionen.de weiß jetzt aber, dass ich mir die wohl recht günstig via England besorgen kann. Wo ich ihm ebenfalls dankbar bin: Ich bin noch nie durchgestiegen, welche Filme, Serien, Zusammenhänge, Spin-Offs etc. es jetzt eigentlich bei „Ghost in the Shell“ gibt. Dank seines Specials zu diesem Animee-Universum weiß ich jetzt endlich Bescheid.

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Blu-ray-Rezension: “Der Mann mit der Tigerpranke”

der-mann-mit-der-tigerprankeQiu Lian-Huan (Chen Kuan-Tai) ist der Anführer einer kleinen Gangsterbande mit einem Drang zu Höherem. Als er eines Tages Yu Chow-Kai (Tin Ching), dem Sohn des der mächtigsten Gangster in Shanghai beim Kartenspiel erst dessen gesamtes Geld und dann noch die Freundin (Ching Li) abnimmt, scheint seine Zeit gekommen. Doch so einfach ist das nicht, denn der durchtriebene Chang Gen-bao (Chu Mu) unternimmt alles, um den schwachen und leicht beeinflussbaren Yu auf den Gangsterthron zu heben und dessen Feinde zu vernichten…

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Der Mann mit der Tigerpranke“ stellt das Sequel zum enorm erfolgreichen „Der Pirat von Shantung“ dar. Zunächst wird die Geschichte des Vorgängers kurz zusammengefasst und man sieht gerade noch, wie die blutige Leiche des Antihelden weggeschafft wird. Dann informiert eine Einblendung den Zuschauer, dass der neue Film nun 20 Jahres später auf den selben Straßen wie „Der Pirat von Shantung“ spielt. Der junge Chen Kuan-tai hatte mit der Hauptrolle in „Der Pirat von Shantung“ gerade seinen großen Durchbruch erlebt. Hier nun darf er wieder die Hauptfigur spielen, wobei diese in keiner Verbindung zu seinem „Pirat aus Shantung“ steht. Wie überhaupt bis auf den Prolog keinerlei Verbindungslinien zu dem angeblichen ersten Teil gezogen werden. „Der Mann mit der Tigerpranke“ ist also ein vollkommen selbstständiger Film, auch wenn die Macher dahinter und auch die Schauspieler teilweise identisch sind.

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Chen Kuan-tai läutete die dritte Welle der Shaw-Brothers-Stars ein. Nach Jimmy Wang Yu in den frühen Martial-Arts-Epen und vor allem dem „tödliche Duo“ David Chiang und Ti Lung nach ihm, kamen mit Chen Kuan-tai und vor allem Alexander Fu Cheng nun neue Typen auf die Leinwand. Während Alexander Fu Sheng dabei mehr die Rolle des jungenhaften, gewitzten und sympathischen Frauenhelden verkörperte (eine Mischung aus Jackie Chan und Shah Rukh Khan, war Chen Kuan-tai eher auf die dunkleren, eigenbrötlerischen Typen abonniert. So spielt er auch hier den Antihelden, der uns im Grunde nur deshalb sympathisch ist, weil er seine Freunde nicht im Stich lässt und die Schurken um in herum so vieles unsympathischer agieren. Chen Kuan-tai ist kein strahlender Held und auch kein unschuldig auf die schiefe Bahn geratener Junge. Das würde auch nicht in sein Rollenbild passen. Er ist ein Krimineller, der sich seinen Weg nach oben hart und mit einer gehörigen Portion Selbstvertrauen erkämpft hat. Dabei folgt er allerdings einem ausgeprägten Ehrenkodex, was ihn von seinen skrupellosen Feinden unterscheidet. Da macht es dann auch nichts, dass er seinen besten Freund weitaus besser behandelt als seine Geliebte. Aber das kennt man ja bei Filmen des berühmten Regisseurs Chang Cheh.

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Das große Plus von „Der Mann mit der Tigerpranke“ sind seine Actionszenen. Chen Kuan-tai war wahrscheinlich der Beste der vielen Martial-Arts-Stars, die Anfang der 70er die Shaw-Brothers-Filme bevölkerten. Mit seinen druckvollen, dynamischen Bewegungen und einer gewissen Portion street credibility ist er die ideale Besetzung für einen Film wie „Der Mann mit der Tigerpranke“. Während bei anderen Stars die Kämpfe vor allem leicht und wie ein Ballett des Todes aussehen, ist sein Auftreten sehr viel athletischer, brutaler und auf den Punkt. Die beiden Action-Choreographen Choreographie von Lau Kar Leung (kurze Zeit später später mit „Die 36 Kammern der Shaolin“ enorm erfolgreich) und Chan Chuen wissen Chen Kuan-tai hervorragend in Szene zu setzten. Da wird in einer besonders eindrucksvollen Szene ein Fahrrad zur tödlichen Waffe, in den Kämpfen splittern Knochen und Autoscheiben, Chen Kuan-tai rast mit dem Motorrad durch eine Glasfront und beim großen Finale pflügt er sich blutend durch immer wieder neue Armeen des Feindes. Freunde harter Martial-Arts-Action kommen hier voll auf ihre Kosten.

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Vom Drehbuch her schwächelt der Film allerdings etwas. Die zahlreichen Nebenfiguren bleiben konturlos, eventuelle Hintergründe unbeleuchtet. Auch dem Protagonisten Qiu Lian-huan selber wird keinerlei Geschichte gegönnt. Er ist einfach plötzlich da. Wie er zu dem wurde was er ist, weshalb er die kriminelle Laufbahn einschlug und ihm sein Freund Lin Ken Sheng so treu ergeben ist, all dies wird nicht beantwortet. Dies muss es auch nicht zwangsläufig, denn der Film funktioniert auch so. Aber etwas mehr Tiefe hätte den Film möglicherweise auf eine andere Ebene heben können. Weg von der natürlich hervorragend gemachten Action-Unterhaltung, hin zu einem Gangster-Drama, welches sich etwas nachhaltiger im Gedächtnis verankert als „Der Mann mit der Tigerpranke“.

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„Der Mann mit der Tigerpranke“ ist ein sehr unterhaltsamer Film mit grandiosen Kampfszenen, dessen Drehbuch allerdings die Tiefe vermissen lässt, welche beispielsweise den Vorgänger „Der Pirat von Shantung“ zu einem Klassiker gemacht hat.

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„Der Mann mit der Tigerpranke“ ist die Nummer 4 der bisher vorzüglichen „Shaw Brothers Collector’s Edition“ aus dem Hause filmArt. Wie gewohnt erscheint der Film in einer Blu-ray/DVD-Kombi. Das Bild der Blu-ray ist wieder vorbildlich. Auch beim Ton bleiben keine Wünsche übrig. Neben sehr klarem Deutsch (gefiltert und ungefiltert) und Mandarin (mit ausblendbaren deutschen Untertiteln) Mono-Tonspuren, liegt noch eine alternative Musik- & Geräusche-Spur (tatsächlich ohne Sprache) vor. Interessant ist bei den drei Tonspuren, dass sie alle drei eine unterschiedliche Musikbegleitung und Geräusche habe. Die Musik der deutschen Version ist gut, doch der extrem funky Beat der Mandarin-Fassung ist ein wahrer Goldschatz. Das 12-seitige Booklet besteht aus einem kompletten Satz deutscher Aushangfotos. Außerdem hat das Mediabook ein Wendecover mit alternativem Cover. Von den obligatorischen Trailern abgesehen liegt sonst kein Bonusmaterial vor.

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DVD-Rezension: „Die Stimme des Mondes“

stimmedesmondesIvo Salvini (Roberto Benigni) ist gerade aus der Nervenheilanstalt entlassen worden, weil er nachts Brunnen aufsucht, aus denen Stimmen zu ihm sprechen. Außerdem kann er die Stimme des Mondes hören. Gonella (Paolo Villagio), ein ehemaliger Präfekt, der unter Verfolgungswahn leidet und glaut einer Verschwörung auf der Spur zu sein. Eines Tages kreuzen sich die Wege der Beiden…

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1990 drehte Frederico Fellini nach fast 50 Jahren im Filmgeschäft seinen letzten Spielfilm. 1993 verstarb der große Meister des italienischen Films, dem wir u.a. den Ausdruck „Paparazzi“ und „fellini-esque“ verdanken. „Die Stimme des Mondes“ ist sein Abschiedsgeschenk, in dem er noch einmal viele Themen aufgriff, die ihn vor allem ab den 60er Jahren beschäftigten. Die Macht der Träume und der Fantasie, die Erinnerung an die Kindheit und auch die Kritik an der Institution Kirche. Dabei spaltet sich Fellinis Persönlichkeit in zwei Figuren auf. Mit dem berühmten roten Schal stattet er den Komiker Roberto Benigni aus, der hier den nachdenklichen, leicht melancholischen Träumer gibt. Seinen zum Markenzeichen gewordenen Hut setzt er einem anderen italienischen Komiker auf den Kopf. Paolo Villaggio spielt einen ehemaligen Richter, der sich über die herrschenden Zustände echauffiert und unter latenter Paranoia leidet. Natürlich finden die beiden Facetten des fellinischen Charakters irgendwann zusammen. Obwohl beide nicht wirklich in unsere Welt gehören – der von Benigni gespielte Ivo Salvini wurde gerade aus der Nervenheilanstalt entlassen, der Verfolgungswahn von Villaggios Gonnella ist schon sehr verhaltensauffällig – erscheinen sie in einer verrückt und laut gewordenen Welt fast schon wie die einzigen Normalen.

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Fellini bricht seinen Film stilistisch in zwei Teile. Die Nacht, die ganz dem Mond gehört, inszeniert er in extrem artifiziellen Kulissen, die nicht verleugnenden können, statt in freier Landschaft, im Studio zu stehen. So ließ Fellini beispielsweise ein gesamtes Kornfeld Halm für Halm in einer großen Halle nachbauen. Laut einem Interview, dass „The Guardian“ mit der Autorin, Feministin und Fellini-vertrauten Germain Greer führte (1) tat er dies aus zwei Gründen. Zunächst, weil er der Überzeugung war, dass das künstliche Kornfeld vor der Kamera „echter“ aussehen würde als ein tatsächliches. Aber vor allem konnte der dadurch helfen, die zahlreichen Handwerker in Cinecittà in Brot und Lohn zu halten.

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In der Nacht passieren auch die merkwürdigsten und im wahrsten Sinne „traumhaften“ Dinge. Sei es, dass ein Mann in einer Urnenwand lebt und von einer verwunschenen Trompete spricht, Salvini die Erinnerungen an seine Tante und tausenden von roten Äpfeln überrollen oder drallen Afrikanerinnen in einem italienischen Wäldchen Tänze aufführen. Die Tagszenen sind dem gegenüber deutlich realistischer ausgestattet und offenbar an Originalschauplätzen gedreht. Zumindest machen sie diesen Eindruck, denn im englischsprachigen Wikipedia nachzulesen ist, liess Fellini das Städtchen mit seinem Marktplatz zusammen mit seinem genialen Set-Designer Dante Ferretti in der Nähe von Cinecittà errichten. Hier fehlt die Magie der Nacht, aber es kommt nichts desto trotz zu surreal-grotesken Szenen, die allerdings weniger traumartig, als vielmehr chaotisch-grotesk wirken. Beispielsweise, wenn eine japanische Reisegruppen durch das Städtchen getrieben wird, überall hektischer Trubel herrscht und gleichzeitig mit riesigen Maschinen der ganze Marktplatz umgegraben wird.

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Beim Stolpern, Schlendern, Rennen und Schleichen durch Felllinis Welt folgen die Figuren keiner eigentlichen Handlung. Immer wieder werden kleine Geschichten eingeflochten, wie die vom schüchternen Mann, der sich in eine Frisörin verliebt und nach der Heirat feststellen muss, dass sie ein sexueller Orkan ist, dem er kaum standzuhalten vermag. Oder von den Männern, die den Mond einfangen und in ihrer Scheune einsperren. Salvini verliebt sich in eine Frau, die rein gar nichts von ihm wissen will. Dies ist einer der wenigen, wenn auch nicht konsequent verfolgten, Fäden der Geschichte. Es gibt Echos früherer Filme, wie „Amacord“ oder „Stadt der Frauen“ und immer wieder findet die Figur des Salvini zu einer Altersweisheit, die gar nicht zu dem jungen Benigni passen möchte. Aber gerade an diesen Stellen wird klar, wie ernst es Fellini mit der „Fellini-Verkleidung“ seiner beiden Hauptfiguren meint. Er spricht durch sie, als ahne er den nahenden Tod und möchte noch einmal die Welt an seinen Ansichten, Erfahrungen und Erinnerungen teilhaben lassen. An einer Stelle ruft Salvini dann auch, er hätte nur noch wenig Zeit. Fellini hat diesen Film offenbar als sein Vermächtnis begriffen.

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Und gerade darum packt er alles, was er noch zeigen und sagen will in „Die Stimme des Mondes“. Dadurch wirkt der Film oftmals überladen und chaotisch. Insbesondere während der großen Schlussszene, die an das Finale von Filmen wie „8 1/2“ und auch wieder einmal an „Amacord“ erinnert. Die geistige, politische und intellektuelle „Elite“ schwadroniert dort in hohlen Phrasen. Plötzlich zieht jemand einen Revolver, und die wichtigen Leute haben nichts Eiligeres zu tun, als panisch vom Ort des Geschehens zu flüchten. Doch „Die Stimme des Mondes“ ist weniger erzählender Film als vielmehr ein von Fellini gebautes Haus, in dem man mal in die eine, mal in die andere Ecke schauen kann und in dem es in jedem Zimmer etwas Neues zu entdecken gibt oder einen ein alter Bekannter begrüßt. Das muss einem nicht alles gleich gut gefallen, manches mag einen langweilen, anderes wiederum albern erscheinen – aber trotzdem ist es spannend, sich in Fellinis Haus aufzuhalten und sich davon überraschen zu lassen, was sich hinter der windschiefen Haustür so alles verbirgt. Dafür sollte man sich allerdings Zeit lassen, denn wir Salvini am Ende sagt, dass alle ein wenig ruhiger sein sollten, um dann vielleicht etwas zu verstehen.

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Federico Fellinis letzter Film erzählt keine Handlung, sondern webt assoziativ einzelne Episoden aneinander und gibt Fellini die Gelegenheit, durch seine beiden Hauptfiguren ein letztes Mal seine Sicht auf die Welt darzulegen.

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Die DVD ist innerhalb von Koch Medias „Masterpieces of Cinema“-Reihe erstmals digital erschienen. Das Bild ist gut, der Ton liegt auf Italienisch und Deutsch vor. Leider mangelt es mal wieder an den Extras. Außer einer Bildgalerie ist hier nichts zu finden. Laut anderer Quellen, soll die DVD auch ein Booklet enthalten, indem ein älteres Essay von Georg Seeßlen zu lesen ist. Mir liegt das Booklet nicht vor, aber bei dem Text dürfte es sich um diesen hier handeln.

(1) http://www.theguardian.com/culture/2010/apr/11/germaine-greer-federico-fellini

 

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Das Bloggen der Anderen (16-11-15)

bartonfink_type2Der für mich schönste Artikel der Woche stammt von Christoph Draxtra, der auf critic.de eine leidenschaftliche Verteidigung des vielfach geschmähten Lamberto Bava veröffentlicht hat, der – so ist es angekündigt -noch weitere Teile von ausgesprochen geschätzten Kollegen folgen werden.

– Geht es um italienische Filme, darf der Hinweis auf den schönen Blog Schattenlichter von Mauritia Meyer selbstverständlich nicht fehlen. Diesmal hat sie den herrlichen Barbaren-Star-Wars-Rip-Off „Einer gegen das Imperium“ am Wickel, der mir auch schon viele fröhliche Minuten beschert hat.

– Hierzu passt dann auch sehr gut der Artikel von Christian Genzel auf Wilsons Dachboden über ein anderes wunderbar absurdes SF-Abenteuer: „Flesh Gordon“.

– Oliver Nöding hat sich zur Zeit selber dem großen Meister Ford verschrieben und hat auf seinem Blog Remember It For Later eine umfangreiche John-Ford-Retro begonnen, die er diese Woche mit der Komödie “Lightnin‘“ von 1925 und dem ein Jahr später entstanden Western „3 Bad Men“ fortsetzt.

– Daher möchte ich Oliver an dieser Stelle auf einen sehr interessanten Text von Patrick Holzapfel auf Jugend ohne Film aufmerksam machen, der sich ebenfalls eingehend mit John Ford beschäftigt hat.

– Auf B-Roll schreibt Patrick dann über Filme über Filmemacher, die für ihn oftmals große Ärgernisse sind. Die Filme, nicht die Filmemacher. Ferner werden die drei Cutter Milenka Nawka, Gesa Jäger und Bernhard Strubel interviewt und darüber befragt, welche Herausforderung es darstellt, improvisierte Filme zu schneiden.

– Auf PewPewPew hat Sascha nach einem Jahr mal wieder einige empfehlenswerte SF-Kurzfilme zusammengetragen. Viel Spaß beim Anschauen!

– David war auf der Viennale und hat auf auf Whoknows presents einen sehr umfangreichen und kurzweiligen Bericht über die von ihm dort gesehenen Filme – hauptsächlich aus der Retrospektive – veröffentlicht, der einen umgehen zum Stift greifen lässt, um zu notieren, was man sich denn mal so besorgen sollte.

– Nicht nur der Titel „Zarte Haut in schwarzer Seide“ klingt verlockend, auch Udo Rotenbergs Besprechung dieses von Max Pécas in Deutschland gedrehten Filmes auf Grün ist die Heide macht Lust auf mehr.

– Oliver Armknecht hat auf film-rezensionen.de zwei „Alice im Wunderland“-Variationen am Start, die nicht so bekannt sein dürften, wie die Disney-Versionen. Einmal eine SEHR frühe Verfilmung von 1903 und dann eine faszinierende, russische Zeichentrick-Variante von 1981.

– Auch Andreas Eckenfels von Die Nacht der lebenden Texte stellt dem schon in der letzten Woche an dieser Stelle erwähnten Retro-Spaß „Turbo Kid“ gute Noten aus.

– Eine ziemliche 6 verpasst Jan Noyer auf Kuleschow-Effekt dem deutschen Tierhorrorfilm „Stung“ und bestätigt in seiner Besprechung alles, was ich schon befürchtet hatte.

– JackoXL gefiel auf Die drei Muscheln der wunderschöne „Malastrana“, dem ich durchaus ein Pünktchen mehr gegönnt hätte als Jacko.

– Der neue Film von Gaspar Noe, „Love“, kann Flo Lieb von symparanekronemoi nicht vollends überzeugen. Er macht aber deutlich, warum es in den Blogs in den kommenden Wochen sicherlich noch einige Kontroversen um diesen in 3D gedrehten Film mit seinen vielen explizierten Sexszenen geben wird.

„Die Schlange im Schatten des Adlers“ katapultierte Jackie Chan – mit dem seine Regisseure zuvor nicht viel anzufangen wussten – über Nacht ganz nach oben. Zu Recht, wie auch totalschaden auf Splattertrash findet.

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