Rezension: “Snow White & the Huntsman”

Nachdem sich die böse Hexe Ravenna in das Herz des Königs Magnus geschlichen hat, bringt sie ihn um und sperrt seine Tochter Snow White im Schloss ein. Snow White wächst zur jungen Frau heran und Ravenna erkennt, dass das Mädchen der Schlüssel ihrer ewigen Jugend ist. Zu Ravennas Leid gelingt es Snow White aber zu fliehen, bevor die böse Königin ihr die Kräfte rauben kann. Snow White flüchtet in den dunklen Wald und Ravenna schickt ihr einen zum Trinker gewordenen Jäger hinterher. Dieser verbündet sich allerdings mit Snow White und hilft ihr auf der Flucht vor den Schergen der Königin.

Das ist er also. Der mittlerweile zweite „Schneewittchen“-Film dieser Saison. Nach „Spieglein Spieglein – Die wirklich wahre Geschichte von Schneewittchen“ mit Julia Roberts als böser Königin und Audrey-Hepburn-Verschnitt Lily Collins als Schneewittchen, sind jetzt Charlize Theron und Twilight-Shooting-Star Kristen Stewart an der Reihe, dem Märchen neues Leben einzuhauchen. „Snow White & the Huntsman“ soll sich durch Düsternis und Dreckigkeit von der bunten „Spieglein, Spieglein“-Welt des Bilderzauberers Tarsem Singh abheben. Was aber herausgekommen ist, ist ein „Herr der Ringe„-Abklatsch mit aseptischem Schmutz, welcher zu keinem Zeitpunkt real, sondern kunstvoll dahindrapiert aussieht. Ein Beispiel gefällig? Immer wieder zeigt die Kamera in Großaufnahme die dreckigen Fingernägel von Snow White. Das soll wohl Realismus simulieren. Klappt aber nicht, wenn die „Schmutzgestaltung“ so aussieht, dass die Nagelränder zwar eine schwarze Linie haben, die Nagelspitzen aber strahlend sauber und perfekt manikürt sind. Dies ist ein Symbolbild für den ganzen Film. Überall wird behauptet, der Film sei nun besonders rau und finster. Aber in Wirklichkeit bietet er doch nur harmlose Familien- und vor allem Teenie-taugliche Unterhaltung. Von einer „echten“ Grimm-Verfilmung ist man hier genauso weit entfernt, wie es Disneys um Welten besserer Zeichentrick-Klassiker von 1937 ist.

Die Kämpfe sehen auf den ersten Blick brutal aus, Blut sieht man in der Regel aber keins. Selbst als einer der Oberbösewichter von unzähligen, abgestorbenen Zweigen durchbohrt wird, fließt es nicht, sondern wird durch ein umfallendes Tintenfass simuliert. Zu keiner Sekunde traut sich der Film, einmal richtig ernst zu machen und voll durchzuziehen. Stattdessen gibt er sich ständig den bloßen Anschein, als ob er eben dies täte. Spätestens aber wenn man feststellen muss, dass die Szene, in der Snow White bei ihrer Flucht aus dem Schloss an einem Strand, zwischen Felsklippen ein weißes Pferd findet, das dort nur auf sie gewartet hat, nicht etwa ironisch, sondern wirklich ernst gemeint ist, sollte man seine Erwartungen auf ein Minimum reduzieren.

Kristen Stewart als Snow White ist eine krasse Fehlbesetzung. Ständig sieht sie so aus, als käme sie geradewegs vom Kostümball einer kalifornischen High School. Zwischen all den anderen, die sich zumindest bemühen so auszusehen, als würden sie tatsächlich in einem britischen (zumindest bemühen sich außer der Stewart alle, einen möglichst britischen Akzent an den Tag zu legen) Mittelalter leben, wirkt sie wie ein Fremdkörper. Noch dazu sind ihre mimischen Möglichkeiten arg limitiert und beschränken sich im Grunde darauf, durch offenen Mund und halb geschlossene Augen melodramatisch zu wirken oder mit zusammengekniffenen Lippen und vorgeschobenem Kinn kämpferisch. Zudem, sollte Schneewittchen nicht schöner sein als die böse Königin? Geht es in der Geschichte nicht im Grunde darum? Nun, gegen die überirdische Schönheit einer Charlize Theron wirkt die Stewart wie ein ganz hübsches Teenie-Girl, dem es aber leider an Ausstrahlung fehlt.

Davon hat Charlize Theron zwar eine ganze Menge, aber die schwache Regie (Debütant Rupert Sanders) weiß damit nichts anzufangen. Was auch die Theron gemerkt haben muss, denn sie wirft sich mit solch einer Inbrunst in Pose, das man zeitweise von grimassieren sprechen muss. Schade, denn dass sie eigentlich eine sehr gute Schauspielerin ist, hat sie in der Vergangenheit oft genug bewiesen. Außerdem ist es problematisch, der bösen Königin eine wehleidige Hintergrundgeschichte zu verpassen und dadurch ihre Bosheit quasi zu entschuldigen. Aber wir sind hier ja in einem Teenie-Film, da darf einfach niemand durch und durch böse sein.

Der Huntsman wird von Chris Hemsworth gespielt, der es gerade durch seine Rolle als Thor im gleichnamigen Film und in den „Avengers“ zu etwas Berühmtheit gebracht hat. Leider kann Hemsworth in „Snow White & the Huntsman“ nicht so glänzen, wie in seiner Paraderolle. Nicht, dass er wirklich grottenschlecht spielen würde, aber er „spielt“ eben. Nie wird er eins mit seiner Figur, immer sieht man einen Schauspieler der vorgibt, jemand anderes zu sein. Auch er also: vergeudet. Und was Prinz Willhelm (Sam Claflin) für eine Aufgabe hat, wird auch nicht klar. Für die Handlung ist er völlig überflüssig und als „love interest“ für Snow White taugt seine Figur auch nicht.

Halbwegs achtbar kann sich gerade noch Sam Spruell als Bruder der bösen Königin aus der Affäre ziehen, wenn er auch hier und da ganz schön überzieht. Aber zu seiner Rolle passt das wenigstens. Und natürlich die acht (!!!) Zwerge, die zum Großteil von bekannten britischen Schauspielern (Bob Hoskins, Eddie Marsan oder Nick Frost) gespielt werden, die dann durch das Wunder der Technik zu Kleinwüchsigen gemorpht wurden. Leider sieht man von ihnen viel zu wenig und einige peinliche Momente wurden auch ihnen nicht erspart (Stichwort: Singen und Tanzen).

Das Schlimmste an „Snow White & the Huntsman“ ist aber, dass er schrecklich langweilt. Immer wieder kommt die Handlung zum Halten, weil irgendjemand ohne großen Elan viele tolle Sätze aufsagen muss, die scheinbar aus dem Drehbuch-Generator stammen. Hohle Phrasen, die wohl bedeutend klingen sollen, aber nur wiederholen, was man in 83 Jahren Tonfilmgeschichte schon x-Mal gehört hat… nur besser. Auch die Schauplätze der Handlung, die Kostüme und die uninspirierte „Wir-sind-mittendrin“-Kameraarbeit hat man schon unzählige Male gesehen. Was man aber so wahrscheinlich noch nicht gesehen hat, ist das „Feenland“. Diesen Kitsch-Overkill inklusive weißem Hirsch, von Pandora importierten bunten Pflanzen und moosbewachsenen Schildkröten, möchte man eigentlich auch gar nicht sehen. Die geschlechtslosen, wie abgemagerte Teletubbies aussehenden Feen, übrigens auch nicht. Dagegen ist der berühmte Disney-Touch schierer Neorealismus. Und natürlich ist diese Szene für die Filmhandlung völlig unerheblich und sorgt nur einmal mehr für Leerlauf.

Aber das ist alles schon viel zu viel Aufregung für solch einen schwachen Film, der seine Versprechen zu keiner Sekunden einhalten kann. Bleibt nur zu hoffen, dass irgendwann jemand den Mut hat und die Gelegenheit bekommt, ein Grimmsches Märchen so zu verfilmen, wie es „Snow White & the Huntsman“ vielleicht ursprünglich mal vorgehabt hat. Bis dahin sollte man diesen, am Reißbrett mit Zielgruppen-Fokus entstandenen, Schnarcher für pubertierende Teenies möglichst meiden.

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DVD-Rezension: “Prisoners of War”

Der Südkoreaner Jun-shik Kim und der Japaner Tatsuo Hasegawa wachsen zusammen im japanisch besetzten Korea auf. Sie eint die Begeisterung für den Marathonlauf, aber sie trennt die unterschiedliche Herkunft. Als Tatsuos Großvater bei einem Bombenattentat stirbt, wird Tatsuo vor Hass auf die Koreaner fast wahnsinnig. Als Jun-shik Kim ihn dann auch noch bei einem Marathon besiegt, kommt es zum Eklat. Obwohl Kim gewonnen hat, wird Tatsuo zum Sieger erklärt. Nach einem Handgemenge zwischen den Japanern und Koreanern werden Kim und seine Freunde von der japanischen Armee zwangsverpflichtet und in die Mongolei zum Kampf gegen die Russen  deportiert. Dort können Kim und seine Freunde gerade noch mit dem Leben davonkommen, aber Tatsuo ist mittlerweile zum Hauptmann befördert worden und wird ebenfalls in die Mongolei geschickt. Dort errichtet der verblendete Tatsuo ein wahres Schreckensregime…

1999 war die Actionfilm-Welle aus Asien, die mit Werken von z.B. John Woo und Tsui Hark Mitte der 80er Jahre die ganze Welt überrollt hatte, zum Halten gekommen. Hongkong hatte im Zuge der Rückgabe der Kronkolonie 1997 an China seine meisten bedeutenden Filmemacher an die USA verloren. Der Rest fabrizierte vornehmlich auf Westen getrimmten 08/15-Action von der Stange. Lediglich Johnny To war hier und da für einen Überraschung gut, doch Ende der 90er produzierte er immer häufiger romantische Komödien.

Da erschien plötzlich Südkorea mit einem gewaltigen Knall auf der internationalen Filmbühne. „Shiri“ hieß das Werk, das den Startschuss für eine, bis heute anhaltende, Welle von international erfolgreichen Genrefilmen gab. In der Folgezeit startete nicht nur das international angesehene Regie-Genie Kim Ki-Duk mit seinem Meisterwerk „Seom – Die Insel“ (2000) durch, mit „Shiri“ wurde auch der Grundstein für die Erfolge von Chan-wook Park („OldBoy„, 2003) und Joon-ho Bong („Memories of Murder„, 2003) gelegt.

Der Regisseur von „Shiri“ hieß Je-kyu Kang, der in der Folgezeit auch den modernen Kriegsfilm-Klassiker „Brotherhood“ schuf. Danach nahm er sich eine Auszeit von sieben Jahren und meldete sich dieses Jahr auf der Berlinale mit seinem vierten Spielfilm zurück: „My Way“, der unter dem Titel „Prisoners of War“ jetzt von Splendid auch in Deutschland auf DVD und BluRay veröffentlicht wurde.


Also wieder ein Kriegsfilm. Dazu noch mit 24 Millionen US-Dollar der aufwendigste und teuerste in der koreanischen Geschichte. Mit viel Pathos erzählt Je-kyu Kang die Geschichte zweier Männer, die seit der Kindheit zwar durch ihre gemeinsame Leidenschaft für den Marathonlauf vereint, aber durch den „Rassenhass“ der Japaner doch auch getrennt sind. Während Dong-gun Jang den schier unbesiegbaren, heldenhaften Südkoreaner Jun-shik Kim spielt, gibt Jô Odagiri in der Rolle des fanatischen, japanischen Herrenmenschen Tatsuo Hasegawa ordentlich Gas. Er geht so sehr in seiner Rolle auf, dass man ihn nur zu gerne hasst. Auch wenn seine Darstellung immer mal wieder die Grenze zur Karikatur überschreitet. Teuflischer noch gebiert sich sein Adjutant Noda, der von Tarô Yamamoto mit unangenehmer Schlangenhaftigkeit gespielt wird. Gegenüber diesen Monstren wirkt der Held Je-kyu Kang natürlich noch edler, aber gleichzeitig auch langweiliger. Zumindest muss man aber konstatieren, dass Dong-gun Jang in seiner Rolle ausgesprochen sympathisch rüber kommt. Die anderen Nebendarsteller bleiben, bis auf Kim In-gwon als koreanischer Überläufer „Anton“, unscheinbar. Kim In-gwon hat allerdings auch eine sehr dankbare Rolle zugewiesen bekommen. Vom lustigen Dicken Lee Jong-dae wandelt er sich, im sowjetischen Kriegsgefangenenlager mit etwas Macht ausgestattet,  überzeugend zu einem brutalen, wenn auch tragischen Mitläufer „Anton“.

Die Idee, die Protagonisten zu zwingen, in immer wieder anderer Uniform von Kriegsschauplatz zu Kriegsschauplatz (Mongolei, Ostfront, Normandie) ziehen zu lassen und dort um ihr Leben zu kämpfen, eröffnet dem Film die Möglichkeit zu wahrlich spektakulären, mitreißenden Actionsequenzen. Hier zieht Regisseur Je-kyu Kang alle Register und lässt den Zuschauer förmlich atemlos zurück. Auch wenn nicht jeder CGI-Effekt perfekt sitzt (Explosionen, Flugzeuge etc.), so hat man doch keine Zeit darüber nachzudenken und wird bereits in die nächste gnadenlose Kampfszene geworfen. Die hohe Kunst der mitreißenden Actioninszenierung beherrscht Je-kyu Kang also aus dem Effeff. Woran es hier und da hapert, ist das Drehbuch.

Während in der ersten Hälfte Koreaner und Japaner noch im stereotypischsten schwarz-weiß gezeichnet werden, so bemüht sich das Drehbuch dann immerhin in der zweiten Hälfte um Ausgewogenheit. Dies kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Geschichte gewaltige Lücken aufweist. Manche Handlungen der Protagonisten sind einfach nicht zu verstehen und allein dem Klischee ihrer Rolle geschuldet. Gänzlich abstrus ist dann der Charakter einer chinesischen Scharfschützin, die sich am Ende zwar heroisch, aber auch schlichtweg dämlich verhält. Auch Tatsuo Hasegawas Wandlung vom Saulus zum Paulus erscheint übereilt. Insbesondere bleibt nicht nachvollziehbar, warum Jun-shik Kim Tatsuo, trotz dessen scheußlicher Verbrechen und seiner Verbohrtheit, immer wieder unter Einsatz seines Lebens rettet. Dies ist zwar für die zweite Hälfte des Filmes zwingend wichtig, wirkt aber zum Teil arg konstruiert. Ebenso wie der Umstand, dass die beiden Protagonisten unter den widrigsten Bedingungen immer wieder überleben und am Ende sogar in die Deutsche Wehrmacht integriert werden. Hier gehorcht der Film dann nur noch den Regeln des Actionfilmes. Mit dem ernsthaften Ansatz eines realistischen Anti-Kriegsfilms hat das nichts zu tun, auch wenn der Film sich fortwährend diesen Habitus gibt.

Doch aller Kritik zum Trotz, muss festgehalten werden, dass „Prisoners of War“ als reines Action-Spektakel mit angedeutetem Tiefgang sehr gut funktioniert. Zudem ist seine Grundaussage, dass Menschen nicht durch Herkunft oder Uniform definiert werden, sondern allein dadurch, was sie aus sich machen, sehr sympathisch. Und die finale Szene sorgt sogar für etwas Gänsehaut. Dass der Film aber von wahren Ereignissen inspiriert wurde, ist natürlich Quatsch. Allein das Bild eines Koreaners in Deutscher Wehrmachtsuniform hat die Fantasie der Filmemacher beflügelt. Diese führte aber zu einem guten Actionfilm mit einer spannenden Geschichte, der seine eigenen hohen Ansprüche allerdings verfehlt.

Neben zahlreichen Trailern für das Spendid-Programm, finden sich auf der gelungenen DVD noch 5 Minuten Interviews mit Dong-gun Jang und Je-kyu Kang, sowie ein 9-minütiger Blick auf die Dreharbeiten. Das Bild lässt ebenfalls keine Wünsche offen, die deutsche Synchronisation ist okay. Für die Originalfassung stehen gut lesbare, deutsche Untertitel zur Verfügung. Die Originalfassung ist dabei allein schon aufgrund des Sprachgewirrs aus Koreanisch, Japanisch, Russisch und Deutsch zu bevorzugen. Zudem ist diese Spur sehr gut abgemischt.

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DVD-Rezension: “Phase 7”

Coco und seine schwangere Frau Pipi sind vor kurzem in ein Apartment in einem erst zur Hälfte vermieteten Neubau gezogen. Plötzlich bricht in ihrer Stadt ein Virus aus, der innerhalb kürzester Zeit das ganze Land infiziert. Einer ihrer Nachbarn scheint sich bereits angesteckt zu haben, denn die Behörden stellen das ganze Haus unter Quarantäne. Zunächst geht alles einen gewohnten Gang, doch dann gehen die Vorräte zu Ende und die Nachbarn fangen an, nach möglichen Infizierten zu suchen. Die Situation spitzt sich zu und Cocos einzige Hilfe ist sein seltsamer Nachbar Horacio, der allerdings ein bis an die Zähne bewaffneter Verschwörungstheoretiker ist…

Obwohl Argentinien immer wieder beweist, dass es ein vitales und interessantes Kino besitzt, finden argentinische Filme nicht oft ihren Weg zum deutschen Publikum. Und wenn doch, dann stranden viele noch immer auf Festivals und bekommen keinen Verleih. Werke wie die surreale Stummfilm-Hommage „La Antenna“ oder der packende Polit-Thriller „Buenos Aires 1977“ sind da eher die Ausnahme als die Regel. Umso erfreulicher, dass Koch Media nun einen weiteren sehenswerten Film aus dem südamerikanischen Land auf DVD und BluRay herausbringt.

Phase 7“ ist schwer einzuordnen. Einerseits apokalyptischer Viren-Thriller in der Tradition des kürzlich in Deutschland im Kino gelaufenen „Contagion“ von Steve Soderbergh oder Wolfgang Petersens „Outbreak“, andererseits aber auch Paranoia-Kino und rabenschwarze Komödie, die durchaus auch an Alex de la Igleasias‘ „La Comunidad – Allein unter Nachbarn“ erinnert.

Regisseur und Drehbuchautor Nicolás Goldbart ist von Beruf eigentlich Cutter und hat in dieser Funktion schon an einigen argentinischen Filmen mitgearbeitet. U.a. an „Los paranoicos“, dessen Titel prophetisch für sein Regie-Debüt ist. Wahrscheinlich wurde er dort auch auf Daniel Hendler und Jazmín Stuart aufmerksam, die in jenem Film bereits zusammen die Hauptrollen spielen.

Daniel Hendler ist ein sehr sympathischer Hauptdarsteller. Sein Coco ist ein antriebsloser Hänger und trotz schwangerer Ehefrau noch immer nicht ganz erwachsen. Nicht nur vom Aussehen her erinnert Daniel Hendler hier an die Figur des Ulf aus der deutschen Sitcom „Stromberg“. Man muss ihn einfach ins Herz schließen, auch wenn er in seiner Naivität und Passivität nicht unbedingt ein Vorbild ist. Seine Freundin Pipi, gespielt von Jazmín Stuart, ist da schon ein anderes Kaliber und macht es dem Zuschauer schwer, Sympathie für sie zu empfinden. Zu oft keift sie ihren Coco scheinbar grundlos an und auch wenn die Katastrophe schon weit fortgeschritten ist, scheint sie den Ernst der Lage nicht zu begreifen.

Die Konzentration des Filmes auf Coco, und später dann auch seinen paranoiden Nachbarn Horacio, ist aber auch eine vergebene Chance, denn aus den skurrilen Mitbewohnern der beiden hätte man einfach mehr machen müssen. Der lange Guglierini und der kurze Lange tauchen nur am Rande auf und bleiben diffus. Dies ist sehr schade, denn sie hätten eine Menge Potential als Horrorversionen von Laurel&Hardy gehabt. Auch alle anderen Figuren, die sich neben Coco und Horacio im und um das Haus herum aufhalten, werden nicht wirklich in die Handlung eingebunden. Als Beispiel sei hier nur Horacios Tochter genannt. Gänzlich verschenkt wird Federico Luppi als mysteriöser, älterer Nachbar Zanutto, welcher zum Ende des Filmes hin zu einer unheimlicheren Gestalt wird. Daraus schlägt das Drehbuch dann aber kein Kapital. Im Gegenteil, zu diesem Zeitpunkt scheinen Nicolás Goldbart die Ideen ausgegangen zu sein, wie er seinen Film zu einem stimmigen Ende führt.

Das ist wirklich schade, denn gerade in der erste Hälfte erinnert der Film an solche großartigen „Miethaus-als-Hölle-Klassiker“, wie den schon erwähnten „La Comunidad“ oder Roman Polanskis grandiosen „Der Mieter“. Das Ganze gemischt mit einer zünftigen Portion „Eingeschlossenen-Horror“ ala „[rec]“. Die zweite Hälfte wirkt gerade zum Ende hin leider orientierungslos und nicht konsequent. Ausdruck hierfür ist vor allem die letzte überraschende Wendung ganz am Schluss. Somit ruht der Film ganz auf den Schultern von Daniel Hendler und Filmneuling Yayo Guridi, der den Horacio spielt. Beide liefern aber eine sehr gute (Hendler) bzw. gute (Guridi) schauspielerische Leistung ab. Die Geschichte um die „Phase 7“, die der paranoide Horacio immer wieder erwähnt und nach der, in der „Phase 7“, die Regierungen die Bevölkerung systematisch ausrottet, um eine neue Weltordnung zu schaffen, wird leider nur als Hintergrundmelodie des Filmes verwendet. Andererseits ist es auch vorteilhaft, dass dieser Aspekt nicht überbetont wird. Denn so bleibt der Film darin ambivalent, ob Paranoiker Horacio mit seinen kruden Theorien eventuell recht gehabt hat oder nicht.

Die stimmungsvolle elektronische Musik von Guillermo Guareschi erinnert in seinen besten Momenten an den frühen John Carpenter oder die ruhigen Passagen des „Goblin“-Scores aus „Zombie“. Die Musik unterstreicht auf effektive Weise die ruhige und doch unter der Oberfläche unheilvolle und bedrohliche Stimmung von „Phase 7“.

Die DVD von Koch Media bietet den Film in guter Bildqualität an. Lediglich die Schwarztöne scheinen etwas zu hell zu sein. Ausgesprochen gelungen ist die Tonabmischung (zumindest in der spanischen Originalfassung), die viel Wert auf atmosphärische Klangeffekte legt. Die deutsche Synchronisation ist solide, für den O-Ton gibt es deutsche Untertitel. Neben Trailern beinhalten die Extras drei geschnittene Szenen, von denen die zweite eine verlängerte Fassung einer auch im Film vorkommenden Sequenz ist. Während die erste Szene vielleicht zu deutlich zeigt, in welcher Gefahr sich die Protagonisten befinden (Coco beobachtet, wie auf offener Straße ein Mann von den Behörden erschossen wird), steht in den anderen beiden Cocos Frau Pipi im Vordergrund. Und hier muss man sagen, dass es eine gute Entscheidung des Regisseurs war, auf diese Szenen zu verzichten. Hier wirkt Pipi schon sehr unsympathisch-hysterisch. Wären die Szenen so im Film geblieben, dann würde es dem Zuschauer sicherlich schwer fallen, irgendwelches Mitleid für diesen Charakter aufzubringen.

„Phase 7“ erscheint am 9. Juni bei Koch Media auf DVD und BluRay.

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Originalfassungen in Bremen: 31.05.12 – 06.06.12

Man glaubt es ja kaum, aber ich als großer Hitchcock-Fan habe bisher noch nie einen seiner Filme im Kino gesehen. Diese Schande kann endlich getilgt werden, da im City 46 sein Meisterwerk „Psycho“ läuft. Endlich kann ich mich selber davon überzeugen, ob Hitchcocks Filme ihre volle Wirkung tatsächlich nur im Kino entfalten. Ich bin schon sehr gespannt. Ebenfalls gespannt bin ich auf den zweiten „Schneewittchen“-Film der Saison. Der Trailer zu „Snow White & The Huntsman“ sieht zwar ziemlich nach (zu) viel CGI und „Herr der Ringe“ für Zwischendurch aus. Allerdings soll Frau Theron in diesem Film eine, in mehr als einer Hinsicht, sehr gute Figur machen. Mal schauen…

Snow White & The Huntsman – Cinemaxx, Do. 22:30, Fr.-So. und Di. 19:50 und Mo./Mi. 22:50 – Schneewittchen zum Zweiten. Nach der „Märchenfassung“ von Tarsem Singh mit Julia Roberts als böser Königin, kommt nun die finsterere Version ins Kino. Hier spielt Charlize Theron die Königin, Twilight-Liebchen Kristen Stewart das Schneewittchen und Beau Chris („Thor„) Hemsworth den Jäger. Der Trailer hat nicht mehr viel vom Märchen, sondern erinnert mehr an „Herr der Ringe„.

[youtube width=“640″ height=“300“]http://www.youtube.com/watch?v=w6JivzlyelY[/youtube]

Men in Black 3 – Cinemaxx, Sa. und So. jeweils um 23:00 – Der langerwartete dritte Teil des Erfolgs-Franchise mit Will Smith und Tommy Lee Jones. Regie führt wieder Barry Sonnenberg. Review.

Der Diktator – Cinemaxx, Fr. und Die. jeweils um 23:00 – Sacha Baron Cohen is back! Nach “Ali G.“, “Borat” und “Brüno” ist er diesmal “der Diktator”. Eine Mischung aus Saddam und Gaddafi.

Sag Salim – Unverletzt – CineStar Kristallpalast, Do., 31.05., 22:30 -Türkische Komödie um einen Mann mit panischer Angst vor dem Tod. Hat in der IMDb gerade mal 3.2/10 bekommen. Na ja…

Psycho – City 46, Fr./Sa. um 22:30, So. um 18.00 und Mi. 20:30 – Hitchcocks unsterblicher Klassiker auf der großen Leinwand. Und da die Originalfassung gezeigt wird, besteht vielleicht sogar die Chance, dieses Meisterwerk endlich mal ungeschnitten zu sehen. In allen anderen deutschen Fassungen (TV ausgenommen) ist dies nämlich leider nicht der Fall. Dazu auch hier: http://www.schnittberichte.com/ und hier: http://www.ofdb.de

[youtube width=“640″ height=“400″]http://www.youtube.com/watch?v=Ps8H3rg5GfM[/youtube]

Süden – City 46, Fr./Sa./Di./Mi. um 18:00 und So./Mo. 20:30 – Argentinisches Drama von 1988. Im Jahre 1983, nach dem Ende der Militärdiktatur und fünf Jahren Gefangenschaft, will Floréal zu seiner Frau und seinem sechsjährigen Sohn zurückkehren. Doch aus Angst vor dem Wiedersehen wandert er durch die Nacht von Buenos Aires. Der Film gewann 1989 in Cannes sowohl den Preis für den besten Regisseur (Fernando E. Solanas) und als auch den Publikumspreis.

Article 12 – City 46, Fr. 20:30; Sa./So. 20:00 – Im zwölften Artikel der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte geht es um das Recht auf Privatheit, ohne dass kein anderes Recht existieren kann. Dieser britische Dokumentarfilm beschäftigt sich damit, wo dieses Recht verletzt wird.

Kinshasa Symphony – City 46, Do. und Mo. jeweils 18:00 – Sympathische Dokumentation über ein Amateur-Symphonie-Orchester im Armen-Viertel von Kinshasa, das sich zum Ziel gesetzt hat, Beethovens 9. Symphonie aufzuführen.

Sneak Preview – Cinemaxx, Mo. 04.06. um 20:00

Sneak Preview – Schauburg, Mo. 04.06. um 21:45

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Rezension: “Men in Black III”

Seit 14 Jahren sind die beiden „Men in Black“-Agenten J und K nun schon ein Team. Noch immer verteidigen sie die Erde vor „the worst scum of the universe“. Nun stehen sie vor ihrer bisher größten Herausforderung. Aus einem Hochsicherheitsgefängnis auf dem Mond ist Boris, die Bestie, einer der skrupellosesten und gemeingefährlichsten Verbrecher des Universums geflohen. Einst hatte Agent K Boris nicht nur einen Arm abgeschossen, sondern ihn auch lebenslänglich hinter Gitter gebracht. Nun sinnt Boris auf Rache. Er reist zurück ins Jahr 1969 um Agent K zu töten, bevor sich die Geschichte wiederholen kann. Scheinbar hat er damit Erfolg, denn plötzlich kann sich in der Gegenwart niemand außer Agent J mehr an K erinnern. Zudem steht eine Invasion von Boris‘ Heimatplaneten bevor, da durch Ks Tod in der Vergangenheit, ein lebenswichtiges Abwehrsystem nie installiert wurde. Für J gibt es nur eine Möglichkeit, die Welt zu retten: Er muss ebenfalls ins Jahr 1969 reisen, um seinen Partner und die Welt zu retten…

Das Kalkül hinter „Men in Black III„ ist ganz offensichtlich. Hauptdarsteller Will Smith hat seit seinen finanziell nicht überwältigenden Versuchen, sich als ernsthafter Schauspieler zu etablieren („Sieben Leben“) und dem ebenfalls mäßig erfolgreichen „Hancock“ eine vierjährige Pause eingelegt. Jetzt braucht er dringend einen schlagkräftigen Comeback-Film. Der einst sehr gefragte Regisseur Barry Sonnenfeld ist nach „Men in Black II“ und dem Flop „Die Chaoscamper“ beim Fernsehen gelandet und hat seit sechs Jahre keinen Kinofilm mehr gedreht. Zudem bietet es sich für das Studio an, aus einer potentiellen „3“ ein „3D“ zu machen und mit der neuen Technik groß abzukassieren. Die Zeichen stehen also auf schnellem, einfallslosem Cash-in. Ich bin hocherfreut, vermelden zu können, dass diese Sorgen ganz unberechtigt sind.

Seit dem zweiten Teil der „Men in Black“-Saga vor 10 Jahren scheint kein Tag vergangen zu sein. Sofort fühlt man sich in der „Men in Black“-Welt wieder heimisch. Allein dem stark gealterten Tommy Lee Jones sieht man deutlich an, dass seit seinem letzten Einsatz als Agent K einiges an Wasser die Weser hinabgeflossen ist. Will Smith aber scheint keinen Tag älter zu sein als beim Debüt der „Men in Black“ vor 15 Jahren. Er strahlt immer noch jugendlichen Überschwang aus und blickt mit großen, staunenden Augen in die, von undercover lebenden Aliens bevölkerte, Welt. Was sich allerdings etwas mit der Tatsache beißt, dass auch in der Filmhandlung 14 Jahre vergangen sind und Will Smiths Agent J mittlerweile zum Senior Agent aufgestiegen ist. Dass er sich nach all den Jahren immer noch über seinen knurrigen, bärbeißigen Partner wundert, scheint ebenfalls etwas seltsam. Aber wer Logik sucht, der ist hier eh fehl am Platze. Hier geht es um Spaß, um One-Liner und Will Smiths komisches Talent. Gute Laune vor Tiefsinn, Spaß vor Anspruch. Und das macht der Film dann auch sehr gut. Popcorn-Unterhaltung at it‘s best.

Wer die ersten beiden Teile mochte, der wird auch am dritten Teil sein Gefallen finden, denn er bietet mehr vom selben, aber ohne ein fader Abklatsch zu sein. Die Geschichte wird forterzählt und nicht einfach nur kopiert. Dabei fällt positiv auf, dass man sich auch verkniffen hat, diesen Teil mit noch mehr Action, noch mehr Aliens und noch mehr Schauwerten künstlich aufzuplustern. Im Gegenteil, es wird sich ganz auf die Stärken der Vorgängerfilme besonnen, statt den billigen Weg des noch größeren Spektakels zu suchen.

Dass Tommy Lee Jones wahrlich nicht mehr der Jüngste ist (der Mann ist 65) und ihm dementsprechend nicht mehr die Anstrengungen einer körperlich fordernden Action-Rolle zugemutet werden, wird mit einem eleganten Kniff des Drehbuchs kompensiert. Nach ca. 20 Minuten verschwindet der „alte“ K aus der Handlung und wird dank der Zeitreise-Thematik durch ein jüngeres Ich ersetzt. Dieses wird von dem hochtalentierten Josh Brolin gespielt, der bereits in „No Country For Old Men“ bewiesen hat, dass er zur ersten Garde der Charakter-Darsteller gehört, die zwar immer durch eine starke Präsenz auffallen, aber es (noch?) nicht in die erste Reihe der Stars geschafft haben. Auch in dieser Hinsicht ähnelt Brolin dem jungen Tommy Lee Jones, der ja bereits in jüngeren Jahren eine Reputation als charismatischer Charakterkopf hatte, aber erst mit „Auf der Flucht“, 1993, im Alter von 47 Jahren den Durchbruch in die A-Klasse schaffte. Josh Brolin gibt den jungen K (der übrigens laut Drehbuch 15 Jahre jünger als sein Darsteller ist, was auf charmant-witzige Weise auch thematisiert wird) nicht als 1:1-Kopie der älteren Tommy-Lee-Jones-Charakter, sondern gibt ihm eine ganz eigene Persönlichkeit, die sich harmonisch ins Gesamtbild einpasst.

„MiB III“ ist nicht mit ganz so vielen Aliens wie Teil 2 bevölkert, aber man kann hier durchaus von Klasse statt Masse sprechen. Die Aliens sind so fantasie- und liebevoll gestaltet, dass man ganz vergisst, dass sie zum größten Teil aus dem Computer stammen. Etwas schade ist es, dass aus dem Setting des Jahres 1969 nicht wirklich viel gemacht wird. Die Handlung könnte ebenso gut in jedem beliebigen anderen Jahrzehnt oder auch nur ein paar Tage in der Vergangenheit spielen. Zwar werden einige Scherze über die 1969 noch vorhandene Rassendiskriminierung gemacht (allerdings sehr dezent und ohne wirklichen Biss), und es gibt eine nette Szene in Warhols Factory, aber dies ist recht beliebig und nicht speziell `69. Auch wirkt die Szene, in der J und K auf futuristischen Flugrädern durch die Stadt jagen, etwas übertrieben. Dass die beiden damit nicht auffallen, kann man nun wirklich nicht glauben. Wie man überhaupt sagen muss, dass eigentlich die gesamte Weltbevölkerung des Jahres 1969 hätte „geblitzdingst“ werden müssen, um die Spuren der Men in Black zu verwischen. Hier erfordert der Film schon eine ganze Menge wohlwollende Gutmütigkeit vom Zuschauer. Auch ist leider der große dramatische Paukenschlag im Finale, der den ganzen Film über als tragischer Wendepunkt im Leben Ks aufgebaut wird, am Ende dann doch enttäuschend unspektakulär und vor allem vollkommen unwichtig. Aber egal, diese kleinen Schwächen verzeiht man dieser rasant-witzigen, anspruchslosen, aber nicht dummen Zerstreuung gern. Und man freut sich schon jetzt auf einen weiteren Einsatz der coolen Männer in den schwarzen Anzügen.

Die 3D-Umsetzung im IMAX ist mal wieder technisch makellos und ansprechend. Die dreidimensionalen Effekte werden dabei effizient und zum Teil wahrlich spektakulär eingebaut. Der Besuch der 3D-Fassung lohnt sich also durchaus. Lediglich zu Anfang gibt es einige Minuten, die seltsam unscharf wirken, aber dies kann möglicherweise der Projektion an meinem Besuchstag geschuldet sein.

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DVD-Rezension: “Die „Oberhausener“ – Provokation der Wirklichkeit“

Wer sich für den deutschen Film interessiert, dem ist das „Oberhausener Manifest“ sicherlich ein Begriff. Und wer auch nur am Rande an Filmgeschichte interessiert ist, der kennt bestimmt den Slogan „Papas Kino ist tot“ und verbindet mit ihm vor allem den Niedergang des Deutschen Unterhaltungsfilms Ende der 60er, gibt möglicherweise sogar den sogenannten „Oberhausenern“ die Schuld daran. Doch was die Ziele und Wünsche, der Unterzeichner wirklich waren, das weiß fast niemand mehr.

26 junge Filmemacher, vor allem Regisseure aus München, präsentierten auf den 8. Oberhauser Kurzfilmtagen 1962 eine Erklärung, dessen Ziel die Erneuerung der damals westdeutschen Filmproduktion war und den Anspruch formulierte, einen neuen deutschen Spielfilm zu schaffen.

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26. Mai im City 46: Ein fast vergessener Klassiker bei “Stummfilm plus zwei”

Beim nächsten „Stummfilm plus zwei“ am kommenden Samstag, den 26.Mai um 20:30 Uhr, wird dem geneigten Zuschauer ein ganz besonderes Schätzchen präsentiert. Der heute leider sehr rare „Geheimnisse einer Seele“ von G.W. Pabst. Pabst ist, neben Lang und Murnau, einer der drei Giganten des Deutschen Stummfilms. Während Fritz Lang noch heute, dank „Metropolis“, in aller Munde ist (obwohl sein Mega-Epos „Die Nibelungen“ hier noch immer einer DVD-Veröffentlichung harrt), konnte sich sein Kollege F.W. Murnau zumindest mit seinem „Nosferatu“ im kollektiven Gedächtnis verankern. Aber auch bei ihm gilt, dass viele seine wichtigen Werke (wie z.B. „Faust„) nur als Import auf DVD erhältlich sind. Bei Pabst nun sieht es noch trauriger aus. Zwar liegt sein wegweisender „Die freudlose Gasse“ in einer exzellenten Ausgabe innerhalb der „Edition Filmmuseum“ vor, aber seine berühmtesten Werke, „Die Büchse der Pandora“ und „Tagebuch einer Verlorenen“, beide mit der göttlichen Louise Brooks, sind bislang nur im Ausland veröffentlicht worden. Auch „Geheimnisse einer Seele“ wurde bisher nur in den USA auf DVD veröffentlicht. In Deutschland lief er vor vier Jahren einmal im Montagnachtprogramm von Arte. Umso schöner, dieses Werk nun auf der großen Leinwand sehen zu können.

Der Chemiker Martin Fellmann erfährt, dass der attraktive Cousin seiner Frau nach langer Zeit aus Indien zurückkehrt. Seither erlebt er bizarre Albträume, in denen er z. B. versucht, seine Frau mit einem Dolch zu erstechen. Um dem immer stärkeren Drang, sie wirklich zu töten, nicht nachzugeben, entwickelt er eine Messer-Phobie. Sein innerer Konflikt wird von verschiedenen Ereignissen noch verstärkt, bis er voller Schrecken aus seinem Haus flieht und den Psychiater Dr. Orth konsultiert, der bereit ist, ihn psychotherapeutisch zu behandeln…

Psychoanalyse war in der Entstehungszeit des Filmes groß in Mode. Man darf auch nicht vergessen, dass Sigmund Freud zu dieser Zeit seine wichtigsten Werke, wie „Das Ich und das Es“ (1923), schrieb und seine Theorien die Menschen faszinierten. Zwar wurde schon vorher im Film die Psyche des Menschen thematisiert, aber mehr im Nachbau von Innenwelten im Expressionismus („Das Cabinett des Dr. Caligari“). Hier nun stand die Methode der Psychoanalyse erstmals selbst im Mittelpunkt (diese Faszination sollte in den 50er und 60er mit Filmen wie Hitchcocks „Ich kämpfe um Dich“ oder John Hustons „Freud“ ein kleines Revival erfahren). Freud selber war vom Medium Film übrigens wenig angetan. Zwar wurde er gefragt, ob er nicht als Berater bei „Geheimnisse einer Seele“ fungieren wolle, er lehnte aber ab, da er die Abstraktionen der Psychoanalyse als im Film für nicht darstellbar charakterisierte. Seine Schüler Karl Abraham (geboren in Bremen!) und Hanns Sachs übernahmen dann diese Aufgabe.

Der Initiator und Gastgeber der Reihe „Stummfilm plus zwei“, Pianist Ezzat Nashashibi, begrüßt diesmal den Kontrabassisten Johannes W. Schäfer als musikalischen Partner. Johannes W. Schäfer lebt als selbständiger Musiker und Komponist in Bremen. Er gelangte über Geige und Gitarre zum Kontrabass. Als Bassist ist er in mehreren Orchestern und Jazz-Formationen in der Region Bremen/Oldenburg beschäftigt, u.a. in der Drei-Groschen-Oper am Bremer Theater, sowie in den Jazztrios JoGA und Passing Time. Er komponierte bereits Kammermusik, Orchestermusik, Jazz, Elektroakustische Musik, zwei Musicals und ein Oratorium für Kinderchor und Ensemble. Seine Kompositionen werden von internationalen Interpreten im In- und Ausland aufgeführt.

Der Stummfilmabend findet wie immer im City 46 statt. Es empfiehlt sich, sich rechtzeitig um Karten zu kümmern, da die „Stummfilme plus zwei“ immer gut besucht sind.

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Rezension: “Dark Shadows”

Als der reiche und mächtige Barnabas Collins 1770 das Herz der Hexe Angelique bricht, rächt sie sich fürchterlich an ihm. Erst tötet sie seine große Liebe, dann verwandelt sie ihn in einen Vampir und sorgt dafür, dass er für 200 Jahre lebendig begraben wird.
1972 wird Barnabas durch einen Zufall befreit. Doch die Welt ist eine andere als zu seinen „Lebzeiten“. Hippies, Discomusik und merkwürdige Fahrzeuge verstören den aristokratischen Vampir zutiefst. Auch um seinen Besitz und letzte Nachfahren ist es schlecht bestellt. Barnabas beschließt, das alte Ansehen der Familie wieder herzustellen und muss dabei feststellen, dass seine alte Erzfeindin Angelique ebenfalls noch sehr a(ttra)ktiv ist…

Dark Shadows„, der neue Film von Tim Burton, beruht auf einer amerikanischen TV-Serie, die ursprünglich von 1967 bis 1971 lief. Hierzulande ist sie mangels TV-Ausstrahlung (immerhin schaffte es ein auf der Serie basierender Spielfilm von 1970, unter dem Titel „Das Schloß der Vampire„, nach Deutschland) so gut wie unbekannt. Nur wer sich für amerikanische Pop-Kultur interessiert (oder einige frühe Stephen-King-Romane gelesen hat, wo sie ab und zu erwähnt wurde) hat schon mal von Barnabas Collins und seiner Sippe gehört.

Die von Dan Curtis erfundene TV-Serie „Dark Shadows“ war so eine Art „Dallas mit Vampiren und Geistern“. Ebenso wie sein Lieblingsschauspieler Johnny Depp, gehört auch Tim Burton zu den Fans der Serie. Da lag es auf der Hand, dass sich beide zusammentaten – nun bereits zum achten Mal – und einen Spielfilm basierend auf der geliebten Serie konzipierten (Depp ist nicht nur Hauptdarsteller, sondern auch Produzent). Auch der alten Besetzung der Serie wurde Ehre erwiesen, und sie darf bei der großen Ball-Szene durchs Bild huschen. Schräge Charaktere, eine fantastisch-absurde Geschichte und Referenzen an die Gruselfilme der 60er Jahre. So gesehen der perfekte Stoff für einen Tim-Burton-Film.

Herausgekommen ist aber nicht mehr, wenn auch nicht weniger, als nette Sonntagnachmittag-Unterhaltung. Vom speziellen „Burton-Flair“ keine Spur. Statt handgemachter Effekte platzt der Film nur so vor aufwändiger CGI. Das sieht (meistens) zwar perfekt aus, lässt aber komplett den Charme alter Burton-Filme vermissen. Auch eine seine stärksten Waffen, die skurrilen Nebenfiguren, bleiben blass. Was insbesondere im Falle seiner Ehefrau und Muse, der großartigen Helena Bonham-Carter, wirklich tragisch ist. Aber auch Chloë Grace Moretz, die in „Hugo Cabret“ noch zu begeistern wusste, wirkt hier unsympathisch und überflüssig. Auch mit dem missverstanden Jungen David (ein typischer Tim-Burton-Charakter mit großem Potential zum Alter-Ego des Regisseurs) weiß Burton überhaupt nichts anzufangen.

Merkwürdigerweise kann auch Eva Green als böse Hexe nicht wirklich Präsenz entfalten. Trotz aufreizender Kleidung und der nachgewiesenen Schönheit von Eva Green, bleibt ihre Angelique merkwürdig plastikhaft und unerotisch. Mag es an der deplaziert wirkenden blonden Perücke liegen? Oder an dem diffusen Weichzeichner, mit dem der Film aufgenommen wurde? Letzterer soll vielleicht eine Hommage an die Horrorfilme der frühen 70er (also der Zeit, in der Dark Shadows spielt) darstellen – hat aber auf jeden Fall den netten Nebeneffekt, dass der gealterten Michelle Pfeiffer stark geschmeichelt wird. Allerdings wirken die Figuren dadurch auch konturlos. Überhaupt fehlt dem Film jede Erotik, obwohl es an erotisch gemeinten Szenen keinen Mangel gibt. Am eklatantesten wird dieser Mangel in der „Sex-Kampf-Szene“ zwischen Barnabas und Angelique, die man nur als missglückt bezeichnen kann, da sie verkrampft spaßig und zudem schlecht geschnitten ist.

So bleibt es Johnny Depp überlassen, dem Film Leben einzuhauchen. Und dies tut er mit sichtlich großer Freude. Leider wird „Dark Shadows“ dadurch zu einer reinen „One-Man-Show“, denn neben dem strahlendem Hauptdarsteller bleibt alles andere blass und verschwommen. Allerdings macht es auch großen Spaß, Depp dabei zuzuschauen, wie er mit seiner altertümlichen Sprache und seinen steifen Manieren immer wieder für Irritationen sorgt und trotz aller Mühen so gar nicht ins Jahr 1972 passt. Der groovende 70er-Soundtrack, nebst Gastauftritt von Alice Cooper (“ …ugliest woman I’ve ever seen“), macht Laune. Man kann auch nicht behaupten, dass „Dark Shadows“ vollkommen misslungen wäre. Er plätschert eben harmlos-nett vor sich hin. Das ist für einen Tim-Burton-Film dann aber doch etwas wenig.

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Originalfassungen in Bremen: 24.05.12 – 30.05.12

Manchmal stellt man sich aber auch dösig an. Da habe ich mich die ganze Woche auf „Dark Shadows“ im O-Ton gefreut, und dann vergesse ich an der Kasse vor lauter Überschwang den kleinen Zusatz „Originalfassung“. Und da wundere ich mich dann, weshalb die Collins-Sippe plötzlich Deutsch spricht. Dumm gelaufen…

Besser laufen die Ankündigen der Originalfassungen für diese Woche. Da ist doch wieder eine Menge guter Stoff im Angebot. Meine Tipp der Woche: „Amer“, den wir eigentlich für unsere „Weird Xperience“-Reihe (da geht’s übrigens am Freitag weiter) eingeplant hatten. Aber jetzt sind die netten Herren vom City 46 uns doch glatt zuvor gekommen 🙂

Men in Black 3 (3D) – Cinemaxx, Fr. um 23:00 und Sa.-Mi. immer 19:50 – Der langerwartete dritte Teil des Erfolgs-Franchise mit Will Smith und Tommy Lee Jones. Regie führt wieder Barry Sonnenberg. Gucke ich heute abend und die Review folgt dann die Tage.

[youtube width=“640″ height=“344″]http://www.youtube.com/watch?v=Y2r9AIfYcV8[/youtube]
Dark Shadows – Cinemaxx, Mo./Die. 22:40 – Der neue Spielfilm von Tim Burton, basierend auf einer populären und langlebigen  TV-Serie aus den 60ern über einen Vampir und seine reiche Familie. Besprechung kommt heute noch.

Der Diktator – Cinemaxx, Do./Sa./So. 22:40 –  Sacha Baron Cohen is back! Nach “Ali G.“, “Borat” und “Brüno” ist er diesmal “der Diktator”. Eine Mischung aus Saddam und Gaddafi.

The Avengers – Cinemaxx, Fr. 23:00 und Di. 20:00 – Marvel-Comic-Verfilmung der Superlative. Großes Popcorn-Kino für Jungs, die im Herzen noch Kind geblieben sind. Und das meine ich absolut positiv. Krawumm und Rock’n’Roll. Rezension hier.

Sag Salim – Unverletzt – CineStar, Do.-Mi. 21:50, Do.-So. auch 23:20 – Türkische Komödie um einen Mann mit panischer Angst vor dem Tod. Hat in der IMDb gerade mal 3.2/10 bekommen. Na ja…

Amer – Die dunkle Seite deiner Träume – City 46, Do./Sa./So. 20:00 und Mo./Die. 20:30 – Zu diesem Film gibt es im Netz nur zwei Meinungen. Entweder die Leute lieben diese Hommage an den italienischen Giallo, der zum Teil ganze Szenen (und den Soundtrack) aus italienischen Genre-Filmen übernimmt, heiß und innig… oder sie finden ihn total daneben. Dazwischen gibt es nichts, was das Ganze auch sehr interessant macht. Ich freue mich auf jeden Fall und bin sehr gespannt, da ich den Film bisher noch nicht gesehen habe.

[youtube width=“640″ height=“290″]http://www.youtube.com/watch?v=kaEKIgHr1_0[/youtube]

Howl – City 46, Do./Sa./So. um 18:00 und Mo.-Mi. 20:00 – Experimenteller Hollywoodfilm (!), der einerseits versucht das berühmte, 1955 entstandene Gedicht von Allen Ginsberg in Bilder umzusetzen und andererseits dessen Entstehungsgeschichte und den nachfolgenden Skandal und das Verbot nachzuzeichnen.

Kinshasa Symphony – City 46, Mi. 30.5., 20:30 – Sympathische Dokumentation über ein Amateur-Symphonie-Orchester im Armen-Viertel von Kinshasa, dass sich zum Ziel gesetzt hat, Beethovens 9. Symphonie aufzuführen.

The Neon Bible – City 46, Fr./Mo./Die. um 18:00, So. um 20:30 – In der Reihe von Filmen, die von Bildern des Malers Edward Hopper inspiriert wurden, wird dieser 1995 von Terence Davies gedrehte Spielfilm gezeigt, in dem es um den 10-jährigen David geht, der in den 40er Jahren in einer konservativen Kleinstaat im amerikanischen Süden aufwächst.

Sneak Preview – Schauburg, Mo., 28.05., 21:45

Französische Sneak Preview, Mi., 30.05. um 18:00 Uhr in der Gondel und um 21:00 Uhr im Atlantis

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DVD-Rezension: “Zeder”

Stefano ist ein junger Schriftsteller, der von seiner Frau Alessandra zum Geburtstag eine gebrauchte, elektronische Schreibmaschine geschenkt bekommt. Beim ersten Schreibversuch streikt das gute Stück und Stefano entdeckt auf dem Farbband Texte des Vorbesitzers. Darin geht es um die, von einem Paolo Zeder in den 50er Jahren entdeckten, „K-Zonen“, in denen die Grenze zu zwischen Leben und Tod eingerissen werden soll. Neugierig, und auf eine gute Geschichte für sein nächstes Buch spekulierend, fängt Stefano an zu recherchieren. Auf der Suche nach einer der geheimnisvollen „K-Zonen“ gerät er ins Visier einer mächtigen Gruppe, die sich ebenfalls sehr für die „K-Zonen“ interessiert. Unwissentlich bringt Stefano dabei nicht nur sich in tödliche Gefahr…

Am Ende des letzten großen italienischen Horrorfilm-Zyklus, der mit „Woodoo – Schreckensinsel der Zombies“ begann, drehte Pupi Avati 1983 seinen Film „Zeder“. Obwohl dieser oftmals als Zombie-Film vermarktet wurde (z.B. in den USA unter dem Titel „Revenge of the Dead“), hat er doch nichts mit den Gedärme mampfenden Untoten zu tun, die sonst durch italienische Splatter-Kracher wanken. Im Grunde hat er mehr mit der mysteriösen, aber immer wieder faszinierenden Mischung aus Wissenschaft und dem Phantastischen zu tun, wie man sie aus den britischen Quartermass-Filmen kennt. Nur, dass hier kein Mann der Wissenschaft, sondern ein unwissender Schriftsteller in die unheimliche Handlung hineingezogen wird. Die Wissenschaftler, die das Übernatürliche für sich nutzen wollen und durch Unwissenheit eine gefährliche Macht in die Welt entlassen, tauchen nur am Rande auf. Somit kann man den Film fast schon als übernatürliche Detektiv-Geschichte bezeichnen, in der der Held Indiz für Indiz sammeln muss, um am Ende das große Rätsel zu enthüllen. Gleichzeitig weist der Film aufgrund der scheinbar allmächtigen und allgegenwärtigen Geheimorganisation, die im Hintergrund die Fäden zieht, auch Einflüsse des amerikanischen Paranoia-Kinos der 70er Jahre auf.

Die Grundidee der Geschichte, und insbesondere der bitter-süße finale Twist, scheinen zunächst aus Stephen Kings bekanntem Roman „Friedhof der Kuscheltiere“ übernommen worden zu sein. Allerdings kann man den Italienern hier ausnahmsweise nicht vorwerfen, ein bekanntes Werk plagiiert zu haben. Der Film „Zeder“ und das Buch „Friedhof der Kuscheltiere“ entstanden fast zeitgleich. Tatsächlich wurde Kings Roman fast auf den Tag genau, drei Monate nach der Premiere von „Zeder“ veröffentlicht. Hier scheint also tatsächlich der seltene Fall eingetreten zu sein, dass zwei kreative Menschen zeitgleich dieselbe Idee hatten.

Pupi Avati verzichtet in seinem Film weitgehend auf drastische Effekte. Morde geschehen zumeist im Off oder man sieht nur die Folgen der blutigen Tat. Statt also in Blut zu waten, beschränkt sich Avati in erster Linie auf Erschaffung einer unheimlich-bedrohlichen Stimmung. Dabei hilft ihm die Auswahl seiner Schauplätze. Zunächst der schier endlose Keller unter einer Villa in den 50er Jahren, später dann das verfallene Skelett eines nie fertiggestellten Hotels, welches sich bedrohlich vor der Dämmerung aufbaut. Gerade letzteres bleibt lange im Gedächtnis kleben. Über weite Strecken wirkt der Film wie ein abgefilmter Albtraum.

Leider hat Avati keine adäquaten Schauspieler zur Hand, die ihm helfen, den Film noch intensiver zu machen. Insbesondere die hölzerne Leistung des irgendwie unsympathisch erscheinenden Protagonisten Stefano, gespielt von Gabriele Lavia, vereitelt, dass man wirklich tief in den Film hinein gezogen wird. Auch die Nebendarsteller bleiben blass oder liefern, wie Enrico Ardizzone in seiner Sterbeszene, Schmierentheater ab, welches nicht zu der Ernsthaftigkeit der Handlung passen will. Eine Ausnahme stellt Aldo Sassi dar, der den gefallenen Priester Luigi Costa spielt. Hier zeigt sich mal wieder, dass weniger mehr ist. Ohne Dialog, mit sparsamem Make-Up (welches in erster Linie aus weißem Puder und fehlendem Zahnersatz besteht) kreiert er eine unglaublich unheimliche Präsenz.

Ebenfalls sehr irritierend ist der Schnitt des Filmes. Dieser erscheint amateurhaft abgehackt und unrhythmisch. Es wirkt ständig so, als ob einzelne Szenen vorne und hinten willkürlich abgeschnitten worden wären. Da Avati sich aber spätestens mit seinem großartigen Werk „Das Haus der lachenden Fenster“ von 1976 als ein hochtalentierter Regisseur bewiesen hat, könnte dieses scheinbare Manko durchaus Kalkül sein. Denn so wird der Zuschauer oftmals überrumpelt und fühlt sich ähnlich orientierungslos wie die Protagonisten.

Die Musik zu diesem Film stammt vom großen Riz Ortolani, der für den traumhaften Score zu „Cannibal Holocaust“ verantwortlich ist. Seine Musik zu „Zeder“ gehört nicht zu seinen Highlights, insbesondere da der Synthie-Score zwar bestens in die Erstehungszeit des Filmes passt, heute aber hoffnungslos veraltet klingt. Trotzdem besticht er durch einprägsame Motive.

Die DVD wurde von CMV Laservision als kleine Hartbox veröffentlicht und kommt mit einem guten, dem Alter des Films entsprechenden, Bild daher. Erfreulicherweise wurde nicht versucht, das Bild digital zu verschlimmbessern, so dass ein authentisches, leicht körniges 80er Jahre Gefühl rüberkommt.  Bei den Sprachen kann man zwischen Deutsch, Englisch und Italienisch (mit optionalen deutschen Untertiteln) wählen. Hier empfiehlt sich eindeutig die italienische Tonspur, denn die deutsche Synchronisation stellt unteres Mittelmaß da und wirkt zum Teil holprig und steif, was das hölzerne Spiel einiger Darsteller noch potenziert. Ein wunderbares Extra stellt die Bild-Dokumentation „Auf den Spuren der Zone K“ dar. Hier haben sich die Macher persönlich auf den Weg zu dem Drehort der unheimlichen Finales des Filmes gemacht, der Colonia Provincia Varese in Milano-Marittima. Das gespenstische Beton-Skelett wird mit Info-Tafeln, Fotos und Videoaufnahmen von 2011 ausführlich vorgestellt. Abgerundet wird die gelungene DVD von einem sehr straighten und hochinformativen Audio-Kommentar von Christian Keßler und Trailern zu „Zeder“, sowie Pupi Avatis Meisterwerk „Das Haus der lachenden Fenster“.

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