DVD-Rezension: “Die „Oberhausener“ – Provokation der Wirklichkeit“

Wer sich für den deutschen Film interessiert, dem ist das „Oberhausener Manifest“ sicherlich ein Begriff. Und wer auch nur am Rande an Filmgeschichte interessiert ist, der kennt bestimmt den Slogan „Papas Kino ist tot“ und verbindet mit ihm vor allem den Niedergang des Deutschen Unterhaltungsfilms Ende der 60er, gibt möglicherweise sogar den sogenannten „Oberhausenern“ die Schuld daran. Doch was die Ziele und Wünsche, der Unterzeichner wirklich waren, das weiß fast niemand mehr.

26 junge Filmemacher, vor allem Regisseure aus München, präsentierten auf den 8. Oberhauser Kurzfilmtagen 1962 eine Erklärung, dessen Ziel die Erneuerung der damals westdeutschen Filmproduktion war und den Anspruch formulierte, einen neuen deutschen Spielfilm zu schaffen.

Die 26 Unterzeichner sind heute zum größten Teil unbekannt. Allein Alexander Kluge wird noch mit dem Begriff „Oberhausen“ in Verbindung gebracht. Sein ebenfalls später erfolgreiche Kollege Edgar Reiz („Heimat“) aber schon nicht mehr. Dafür sind es Leute wie Fassbinder, Wenders, Schöndorff oder Herzog, die weitaus eher mit dem Oberhausener Manifest in Verbindung gebracht werden, als die Unterzeichner selber. Dabei haben diese einige wenige Jahre später nur die Früchte der Saat geerntet, die die „ Oberhausener Rebellen“ ausgelegten hatten. Und während ihre Werke heute als „Neuer Deutscher Film“ bekannt sind, firmierten die „Oberhausener“ noch unter dem treffenderen Titel „Junger Deutscher Film“.

Neben den Bemühungen, Film als wirkliche Kunst und nicht reine Unterhaltung zu betrachten, ist es den „Oberhausenern“ zu verdanken, dass es heute eine staatliche Filmförderung gibt, mit deren Hilfe junge Filmemacher die Chance erhalten bei ihre Debütfilme überhaupt stemmen zu können. Auch wenn diese staatliche Förderung nicht unumstritten ist (siehe z.B. das „Hamburger Manifest“ von Klaus Lemke oder den kritischen Kommentar von Dominik Graf zu heutigen Stand des Deutschen Films). Dies war auch die zentrale Forderung der Gruppe. Zudem sind auch die ersten staatlichen Filmhochschulen in München und Berlin eine direkte Reaktion auf das Manifest.

Leider hat ihr bekannter Schlachtruf „Papas Kino ist tot“ dazu geführt, dass die Oberhausener heute einen eher zwiespältigen Ruf genießen. Denn mit dem provozierenden „Papas Kino“ waren eigentlich in erster Linie die Produktionsbedingungen gemeint, die verhinderten, dass junge Regisseure keine Chance hatten, in den etablierten Filmbetrieb einzusteigen. Tatsächlich bestand die deutsche Filmindustrie damals zum überwiegenden Teil aus Leuten, die bereits in den 40er Jahren Filme gemacht hatten. Leute wie Bernhard Wicki, der erst nach dem Krieg mit dem Filmemachen begann, waren die absolute Ausnahme. Auch waren den Oberhausenern der idyllische Heimatfilm ein Dorn im Auge und das es zur damaligen Zeit keine gesellschaftskritischen Filme mit zeitgenössischen Themen gab. Trotzdem hält sich bis heute leider das Image der verkopften Intellektuellen, die mit sperrigen, „unguckbaren“ Filmen den Deutschen Film in den Untergang und das Publikum aus den Kinos getrieben hätte.

Es ist aus rückblickender Sicht aber ein Jammer, dass die Oberhausener, und ihre Nachfolger vom „Neuen Deutschen Film“, nie die Nähe zu den „Veteranen“ suchten und sich ganz bewusst von einem „Publikumsfilm“ abgrenzen wollten. Denn während Filmfreunde heute noch in höchsten Tönen von den Filmen eines Käutner, Vorher oder Reinl schwärmen, sind die Filme der „Oberhausener“ bis auf wenige Ausnahmen (z.B. Kluges „Abschied von gestern“) vergessen. Die Vorbilder des Neorealismus oder der Nouvelle Vague ist es gelungen, Anspruch und Publikum miteinander zu verbinden. Rossellini und Truffaut kennt man noch heute, den Kopf der Oberhausener Gruppe, Haro Senft, nicht.

Eine gute Gelegenheit die „Oberhausener“ kennenzulernen, bietet nun die Doppel-DVD der Edition Filmmuseum auf der 19 zwischen 1958 und 1965 gedrehte Kurzfilme der Oberhausener versammelt sind. Da die Oberhausener alle vom Kurzfilm kamen – denn nur hier hatten sie die Möglichkeit mit Dokumentar- oder sogenannte Industriefilme erste eigene Werke zu drehen – sind auch die meisten Filme auf dieser Doppel-DVD Kurz-Dokumentationen.

Diese wurde von den Oberhausenern aber als Spielfeld für eine ausgesprochen filmische und künstlerische Gestaltung genutzt. Als Fingerübungen für den ersten eigenen Spielfilm, der große Ziel aller. So erinnern die Kurzfilme, trotz ihres dokumentarischen Inhalts mehr an fiktionale oder avantgardistische Werke. Dabei entfaltet sich vor dem interessierten Zuschauer das große Potential, welches in jedem einzelnen der Oberhausener schlummerte. Umso schmerzvoller ist es, dass sich dann doch kaum einer sich mit seinen Spielfilmen durchsetzen konnte und brillante Filmemacher wie Ferdinand Khittl, Raimond Ruehl oder Hansjürgen Pohland heute nur noch einem sehr kleinen Publikum bekannt sind. Hoffentlich kann die DVD hieran etwas ändern.

Menschen im Espresso – Das „Espresso“ sind die italienischen Cafés, die sich Ende der 50er Jahre in Deutschland, hier insbesondere in München, breit machten. Herbert Vesely filmt sie als Orte des Aufbruchs für die Jugend und Keimzellen eines neuen Lebensgefühls und Denkens.

Schicksal einer Oper – Überraschenderweise von Columbia Pictures verleihen, sieht der Zuschauer zunächst das berühmte Logo mit der Frau mit Fackel der Columbia. Scheinbar hatte der Film damals einen großen Vertrieb bekommen. In ihm zeigen Bernhard Dörries, Edgar Reiz und Stefan Meuschel die Ruine der Münchener Staatsoper, die 1943 bei einem Bombenangriff zerstört wurde und 15 Jahre unaufgebaut im Zentrum von München stand. Mit Eindrucksvollen schwarz-weiß Bildern und ungewöhnlichen Perspektiven erwecken die Filmemacher die Ruine zum Leben und verleihen ihr Persönlichkeit.

Glühendes Eiland Kreta – Pitt Koch und Thomas Münster schildern in an den italienischen Neorealismus gemahnenden Bildern vom Leben der armen Landbevölkerung auf Kreta.

Das magische Band -Eins der Highlights dieser Kollektion. Unter der Verkleidung eines farbigen Industriefilms für die BASF, brennt Ferinand Khittel ein Feuerwerk an avantgardistischen Einfällen ab. Untermahlt von der experimentellen Musik Oskar Salas und mit prominenten Sprechern besetzt (u.a. Joachim Fuchsberger), gelingt es Khittel in seinem beeindruckenden Experimentalfilm auch einige sozialkritische Botschaften einzuschmuggeln.

 

 

 

 

 

 

 

 

Moskau ruft – Eine ironische Dokumentation über Jugendsportspiele in Moskau, bei der Bilder und Kommentar gegensätzliche Sprachen sprechen.

Trab Trab – Detten Schleiermacher zeigt eine Trabrennbahn nach dem großen Ereignis, dabei wird der Ton vom Renntag abgespielt. Dadurch entsteht eine fast geisterhafte Atmosphäre.

Salinas – Eine weitere Dokumentation, die eindeutig den Geist des Neorealismus atmet. Diesmal über Salzbauern in Italien. Die eindrucksvollen Bilder lassen einen fast das Salz auf den Lippen schmecken. Regie führt Raimond Ruehl.

Schatten – Hansjürgen Pohland filmt eine Stadt ganz durch die Schatten, die Gebäude und die Bevölkerung werfen. Dabei entstehen sowohl avantgardistische Muster, als auch Scherenschnitt ähnliche Geschichten.

Brutalität in Stein – Alexander Kluge beschäftigt sich zusammen mit Peter Schamoni mit einem seiner Lieblingsthemen, den Nationalsozialismus, indem er nicht nur die größenwahnsinnigen „Germania“-Pläne, sondern auch die noch immer vorhandenen Spuren nationalsozialistischer Architektur zeigt und diese mit dem Lebenserinnerungen des Auschwitz-Kommandanten Hoess kommentiert.

Kommunikation – Ein weiterer Industriefilm, der die äußeren Vorgaben geschickt nutzt, um mit dem Medium Film zu experimentieren. Nicht ganz so verspielt und experimentell wie „Das magische Band“, aber ebenso beeindruckend. Regie führt Edgar Reiz.

Notizen aus dem Altmühltal – Hans Rolf Strobel und Heinrich Tichawsky begeben sich mit ihrer Kurz-Doku ins Altmühltal und zeichnen die Landflucht der dortigen Bevölkerung und den Zustrom sizilianischer Gastarbeiter nach. Am Ende des Filmes besuchen Sie die Adelsfamilie der Pappenheimer, die einst über das Gebiet herrschten und dessen Nachkomme sich nun mit der Sammlung und Rekonstruktion alter Flaggen beschäftigt. Leider wirkt der herablassende Ton des Off-Kommentars heute etwas zu gewollt kritisch.

Plakate der Weimarer Republik – In dieser ausgesprochen gelungenen Kollage erzählen Haro Senft und Hans Loeper in 10 Minuten anhand alter Wahl- und Propagandaplakate, gemischt mit historischen Aufnahmen, die Geschichte der Weimarer Republik von 1918 bis 1933 nach. Wie aus den statischen Bildern mithilfe von assoziativen Ausschnitten und Kamerabewegungen eine dynamische, filmische Geschichte entsteht, ist absolut sehenswert.

 

Süden im Schatten – Franz-Josef Spieker zeigt einen Badeort im Süden Italiens nach der Touristensaison. Die Strände schmutzig und verwaist, abgerissene Plakate zeugen von den bunten Veranstaltungen während der Saison. Doch nun ist der Ort leer und verödet. Bis auf einen arg belehrenden Kommentar zu Beginn, ein gelungener Kurzfilm, der in der zweiten Hälfte seine Geschichte ganz über Bilder erzählt.

Das Unkraut – Dieser amüsante Animationsfilm von Wolfgang Urchs fällt schon aufgrund der seiner Gattung aus dem Rahmen dieser Kurzfilmzusammenstellung. Der Zeichentrickfilm ist eine politische Metapher über ein Unkraut, welches eine ganze Stadt überwuchert und schließlich die Menschen tötet, die zuvor nichts dagegen unternommen haben, weil es sie entweder nichts angeht oder sie einerineffizienten und unflexiblen Bürokratie folgen.

Es muß ein Stück vom Hitler sein – Während die Allgäuer Landesregierung behauptet, auf dem Obersalzberg gäbe es nichts mehr zu sehen und dementsprechend kein Geschäft mit der NS-Vergangenheit, werden hunderte von Touristen in Bussen angekarrt. Dabei deckt Walter Krüttner auf, wer am Ende kassiert: Die Regierung, die kein Interesse an einer Aufarbeitung der Vergangenheit hat und im Gegenteil, diese als sprudelnde Einnahmequelle nutzt. Ein gut gemachter, pointierter Report, der so auch heute in einer TV-Reportage laufen könnte. Ein hochinteressantes Zeitdokument.

Anmeldung – Eine weiteres Highlight dieser Doppel-DVD. Rob Houwer intensives Porträt einer älteren Frau und gleichzeitig des Umgangs der Gesellschaft mit den Alten. Der Kurzfilm spielt in Amsterdam (Houwer ist Niederländer). Eine vorangestellte Texttafel gibt darüber Auskunft, dass die Plätze in Alterheimen in den Niederlanden so knapp sind, dass man sich schon im mittleren Alter anmelden muss, um später einen Platz zu bekommen. Der Film folgt einer Dame im besten Alter, die eine solche Anmeldung vornimmt. Dabei wird sie von der Angestellten des Altersheims, routiniert, aber gefühlskalt und desinteressiert interviewt. Aus den Antworten der Dame ergibt sich, zusammen mit den Bildern einer Fahrt durch Amsterdam, in nur 10 Minuten ihre ganze Lebensgeschichte und das Portrait einer Generation. Rob Houwer gewann mit diesem Film 1964 den silbernen Bären für den besten Kurzfilm und hat später Paul Verhoevens niederländische Spielfilme, von den frühen Versuchen über „Türkische Früchte“ bis „Der vierte Mann„, produziert. Großes Kino in kleiner Form.

Marionetten – Noch eine Animationsfilm. Diesmal Stop-Motion von Boris von Borresholm. Darin befreit sich eine Marionette von ihren Fäden und klärt den Zuschauer über die Macht und die Methoden von Demagogen auf. Dies wird zwar mit dem Holzhammer, aber visuell anspruchsvoll dargeboten. Etwas Paradox, dass sich der Film Propaganda-Methoden bedient, um vor diesen zu warnen. Der erhobene Zeigefinger kommt heute etwas altbacken daher. Sprecher ist Hans „Pumuckel“ Clarin.

Granstein – Der Schauspieler Christian Doermer drehte diese Kurz-Doku 1965. Hier sollte man auf jeden Fall die Untertitel dazu schalten, denn die Sprache der Bergbauernfamilie aus dem österreichischen Dorf Granstein ist ansonsten für deutsche Ohren völlig unverständlich. Droemer wirft den Zuschauer mitten hinein in eine 12-köpfige Bauernfamilie. Der Film ist rau und unmittelbar. Man lernt die „einfachen Leute“ kennen, nimmt kurz an ihrem Leben und ihren Zukunftsängsten teil. Leider nervt der übergestülpte, abgehoben sozialtheoretische Kommentar etwas. Aber dieser Blick in eine archaische, heute vergangene, Welt weiß trotzdem zu faszinieren.

Die Doppel-DVD der „Edition Filmmuseum“ bietet neben den Kurzfilmen noch zwei zeitgenössische Dokumentationen. „…Geist und wenig Glück“ von 1965 (Regie: Ulrich Schamoni) kehrt drei Jahre nach dem Manifest auf die Oberhausener Kurzfilmtage zurück und schaut, was aus den Forderungen der Oberhausener geworden ist. Dabei wird gleich am Anfang das Dilemma der Oberhausener gewahr. Bei einer Strassenumfrage stellt sich heraus, dass niemand etwas von den Forderungen der Gruppe gehört hat. Mehr noch, die Leute gehen nicht mehr ins Kino und wenn, dann in Heimatfilme. Eine „Rebellion“ ohne Rebellen ist natürlich schwer. Auch sonst ist der Tenor selbst auf den Kurzfilmtagen eher kritisch oder resigniert. Noch resignierter ist die Situation in dem zweiten Bonusfilm, dem 1968 für das österreichische Fernsehen entstandene „Die Erben von Papas Kino“ (Regie: Wilhelm Roth ). Sechs Jahre nach dem Manifest ist von Aufbruch nicht mehr viel zu spüren. Es wurde zwar ein Filmförderungsgesetz erlassen, aber einhelliger Tenor ist, dass dies nur den etablierten Kräften hilft, nicht aber den jungen Debütanten und engagierten „Jungfilmern“. Die Rebellen von „Oberhausen“ gelten mittlerweile als angepasst und in den traditionellen Filmbetrieb integriert – in Hamburg formiert als Protest dagegen eine neue Gruppe von jungen Filmern. Die Dokumentation konzentriert sich auf Alexander Kluge und sein „Die Artisten unter der Zirkuskuppel: ratlos“ und Werner Herzogs Debüt „Lebenszeichen“, das gerade auf der Berlinale ausgezeichnet wurde. Gerade das Interview mit dem sehr jungen Werner Herzog ist aus heutiger Sicht sehr interessant, spricht er doch u.a. davon, dass „die Leute in 10-20 Jahren die Möglichkeit haben werden, Filme wie Schallplatten zu kaufen und im Heimkino wieder und immer wieder anzusehen“. Bei Dokumetnationen sind hochinteressante Zeitdokumente. Das 20-Seitige Booklet enthält drei Artikel. „First Exit: Oberhausen“ von Ralph Eue fasst noch einmal die Geschichte des Manifests zusammen, „One of many turning points during those years“ von Volker Baer gibt noch einmal einen anderen Blickwinkel auf die Geschichte, liegt aber nur in englischer Sprache vor. Der wahrscheinlich interessanteste Text „Une rébellion ans fin? Souvenirs d’un participant“ stammt vom Kopf der Gruppe, Haro Senft, ist aber leider nur auf Französisch enthalten. Wer die deutsche Übersetzung lesen möchte, kann allerdings in den umfangreichen CD-ROM-Teil der zweiten DVD springen. Dort finden sich nicht nur Senfts und Baers Artikel auf Deutsch, sondern auch ein 22-seitige „Chronik des deutschen Films 1958-1967“ von Hans Helmut Prinzler, der Teil über die „Oberhausener Rebellion“ aus dem Katalog „VIII. Westdeutsche Kurzfilmtage Oberhausen Bericht 1962“, sowie Kurzbiographien der „Oberhausener“ und ein Video der Ehrung der Oberhausener durch den Münchener Bürgermeister am 26.2.2012.

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