Originalfassungen in Bremen: 19.07.12 – 26.07.12

Neben den guten alten Bekannten der letzten Woche spielt die „Zweite Chance“ im City 46 groß auf und bringt, neben dem Thatcher-Portrait „Die eiserne Lady“, auch den neuen Film von Alexander Payne. „The Descendants“ mit George Clooney. Aber das alles wird natürlich überstrahlt von DEM Blockbuster der Saison (zumindest bis „Prometheus“ und der neue Bond anlaufen). Die große Flatter beginnt mit einer Preview in Cinemaxx und Schauburg am 25.07.: „The Dark Knight Rises“.

The Dark Knight Rises – Cinemaxx, Mi. 25.7. um 19:30 und Schauburg, Nacht vom 25. auf den 26. um 0:00 Uhr – Durch unzählige Teaser und Trailer im Internet schon seit Monaten als DAS Ereignis 2012 angepriesen, kehrt Batman ein letztes (?) Mal auf die große Leinwand zurück. Das bewährte Team um Christopher Nolan und Christian Bale verspricht: Größer, mächtiger, epischer. Anne Hathaway ist als Catwoman dabei, der großartige Tom Hardy als Bane und Liam Neeson gibt ein zweites Mal den Ra’s al Ghul. Da bleibt nur zu hoffen, dass auch gekleckert und nicht nur geklotzt wird. Ein Übermaß an Schurken und Action brach ja schon Sam Raimis drittem „Spider-Man“ das Genick. Die Spannung steigt.

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Ice Age 4 – Cinemaxx, Fr., So. und Mi. jeweils 20:15 – Die drei fröhlichen Eiszeit-Kumpels Manni, Diego und Sid gehen in die vierte Runde. Natürlich, wie es heute Usus ist, in 3D. Das Eichhörnchen Scrat verursacht auf seiner ewigen Suche nach der Nuss eine globale Katastrophe und unsere Helden müssen gegen Piraten bestehen.

The Amazing Spider-Man – Cinemaxx, Sa. und Mo. um jeweils 19:30 – Meine Filmbesprechung.

Woody Allen: A Documentary – Schauburg, Fr., So. und Mo. jeweils 14:45 – US-amerikanische Dokumentation über einen der großen Meister des Kinos: Woody Allen. Diese Doku bekommt zwar gemischte Kritiken, soll aber für Einsteiger in das Thema sehr geeignet sein.

The Descendants – City 46, Do.-Mi. immer 20:00 –  Der Film war dieses Jahr einer der großen Favoriten bei Oscars. Gewonnen hat er letztendlich nur die Trophäe für das beste adaptierte Drehbuch. In dem Film von Alexander Payne (About Schmidt, Sideways) spielt George Clooney einen Familienvater, der nach dem Unfall seiner Frau versucht, eine Beziehung zu seinen beiden Töchtern aufzubauen.

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Die eiserne Lady – City 46, Do.-Mi. immer 19:30 – Biographie der britischen Premierministerin Margaret Thatcher, die für ihre knallharte Politik den Spitznamen “Eiserne Lady” bekam und beim einfachen Volk nicht gerade beliebt war. Der Film beschäftigt sich auch mit ihren späten Jahren, in denen sie an Alzheimer erkrankte. Für ihre Thatcher-Darstellung wurde Meryl Streep umjubelt und mit dem Oscar ausgezeichnet. Der Film selber hat eher zwiespältige Kritiken erhalten.

Sneak Preview – Schauburg, Mo. 23.07. um 21:45

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DVD-Rezension: “14 Schwerter”

China im 11. Jahrhundert. Der Yang-Clan beschützt seit Jahrhunderten das Land vor Feinden. Als Yang Zongbao, der Anführer der Yangs, im Kampf gegen die feindlichen Xia fällt, machen sich die Witwen des Yang-Clans auf, den Xiao gegenüberzutreten.

Jackie Chan produziert das Remake eines Shaw-Brothers-Klassikers.  Und dann noch eines des sehr beliebten „14 Amazons“ aka „Die Rache der Gelben Tiger“. Garniert wird das Ganze mit vielen wunderschönen Frauen und der große alte Dame des Martial-Arts-Kinos, „Golden Swallow“ herself, Cheng Pei-Pei. Was soll da schon großartig schief gehen? Die Antwort lautet leider: Alles.

Regisseur Frankie Chan scheint von allen guten Geistern verlassen gewesen sein, als er „14 Schwerter“ drehte.  Mit dem vielen Geld, das er zur Hand hatte, weiß er rein gar nichts anzufangen. Sein Film sieht trotzdem aus wie eine Low-Budget-Laienspielvorführung. Und in Sachen Schauspielführung muss Herr Chan ebenfalls noch kräftig lernen. Wenn in „14 Schwerter“ jemand stirbt, gibt er gleich den sterbenden Schwan. Auch sonst ist viel zu viel Enthusiasmus in den Darstellungen vorhanden. Vom technischen Standpunkt aus gesehen muss man leider konstatieren, dass „14 Schwerter“  auch hier einen eher amateurhaften Eindruck macht. Das fängt bei den grottenschlechten CGI-Effekten an, die beinah schon an selige C64-Zeiten erinnern, und geht über die Kampfchoreographie weiter, die noch nicht einmal den Anschein erwecken möchte, als würden hier reale Menschen reale Kämpfe durchführen. Sofern man bei den schnellen Schnitten, Computergrafiken und an Seilen hängenden Darstellern überhaupt noch von so etwas wie Choreographie sprechen mag.

Und was, bitte schön, ist mit Frankie Chans Augen los? Sieht er denn nicht, dass seine Figuren in JEDER Actionszene viel zu schnell aufgenommen sind, und egal, ob sie nun durch die Wüste laufen, reiten oder kämpfen, sich wie Figuren in einem Stummfilm, der zu schnell abgespielt wird, bewegen? Was soll das? Wenn man genau hinsieht, erkennt man, dass sich alle Darsteller in den Kampfszenen sehr langsam bewegt haben müssen und jetzt mit Zeitraffer Tempo erzeugt werden soll. Das sieht einfach nur dämlich aus. Wie die Keystone-Cops auf Speed. Die These, dass Frankie Chan seines Augenlichts beraubt wurde, untermauert auch die Wahl seiner Darsteller. Der junge Yang Wenguang soll laut Geschichte 18 Jahre sein, sein Darsteller Xiao Ming Yu sieht aber aus wie Mitte 20 und damit fast so alt, wie die auf jung geschminkte, 32jährige Cecilia Cheung, die seine Mutter (!) spielt. Dem Fass den Boden ausgeschlagen wird aber mit der Besatzung der Großmutter von Yang Wenguang. Eine wunderschöne Dame, gewiss, aber sie sieht aus, wie gerade einmal um die 40.  Gänzlich verschwendet ist  Cheng Pei-Pei, als Urgroßmutter (!), die aussieht, wie ein unter einem Gummihelm gepresster Teletubby, und die zumeist nur dekorativ in der Gegend herumsitzen darf.

Überhaupt mal ein Wort zur Handlung: Verworren, zu lang und dann auch noch völlig ohne irgendwelche Empathie für einen der Charaktere. Manchmal bekommt man gar nicht mit, wer jetzt gerade gestorben ist und welche Funktion er oder sie in der Geschichte ausgeübt hat. Es ist einem auch egal. Von den dümmlichen und platten Dialogen spreche ich jetzt gar nicht erst. Interessanterweise soll der Film ja scheinbar zeigen, dass Frauen ebenso gut kämpfen können wie Männer. Dieser, na ja, nennen wir ihn mal wohlwollend „feministische“, Ansatz wird aber ad adsurdum geführt, weil sich durch die Bank ALLE Damen wie hysterische, kleine Teenie-Mädchen verhalten.

Regelrecht nervtötend  ist die monotone Art, mit der Frankie Chan Bedeutung und Action vorgaukelt. Die Einstellung beginnt immer irgendwo im Nichts und dann wird die Kamera dramatisch herumgerissen und mit einem schrecklich bedeutungsvollen WUUUUUMMMSSS auf eine Person gezoomt. Das mag beim ersten Mal, und wenn man noch nie einen Film gesehen hat, noch Wirkung erzielen. Aber auch der gutmütigste Zuschauer aller Zeiten dürfte dieser Mätzchen spätestens beim 10x überdrüssig sein.

Aber vielleicht hat Frankie Chan auch die ganze Sache missverstanden und glaubte, er solle eine Parodie drehen. Dies würde nicht nur das hemmungslose Overacting, sondern auch die, sagen wir mal „fantasievollen“, Kostüme erklären. Wenn dem so sein sollte, dann ist er allerdings auch mit diesem Versuch gescheitert, denn diese Ansammlung an Blödsinn und Inkompetenz lädt hier und dort zwar in der Tat zum Lachen ein, aber es ist ein freudloses, mittleidiges Lachen.

Ich gebe zu, ich habe es nicht geschafft, den Film in einem Rutsch zu gucken. Nach 45 Minuten war erst einmal Pause und Erholung angesagt. Zu den restlichen 100 Minuten konnte ich mich nur mit schier masochistischer Selbstüberwindung zwingen. Aber, was soll ich sagen? Es wurde nicht besser. Somit ist der Abspann am Ende noch das einzig Positive. Denn nicht nur ist der Film endlich aus, es werden auch, nach guter, alter Jackie-Chan-Manier, nette und lustige  Impressionen vom Dreh gezeigt.

Mehr lohnt es sich nicht, über dieses Desaster zu schreiben. Deshalb zum Abschluss nur noch ein paar kurze Worte zur DVD. Diese liegt in einer sehr ansprechenden Bild- und Tonqualität vor. Die Synchro ist okay. Als einziges Extra hat es der Trailer auf die Scheibe geschafft.

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Open-Air-Kino 2012 – Teil 2: Schlachthof

Nach dem verregneten Juli sollten alle Kinofreunde die Daumen drücken, dass es im August endlich schöne, laue Abendstunden gibt. Dann nämlich öffnet wieder das Open-Air-Kino am Schlachthof in Findorff seine Pforten.

Stilecht werden in der Arena alle Filme als 35mm-Kopien gezeigt.

Den Auftakt macht am Samstag, den 11. August, um 22:00 Uhr, der skurrile, irische Krimi „The Guard – Ein Ire sieht schwarz„, welcher von einem alten, dickköpfigen, zynischen Landpolizist in Irland handelt, der mit einem farbigen FBI-Beamten aus den USA zusammenarbeiten muss. Über den Film habe ich an dieser Stelle schon ausführlich geschrieben.

Weiter geht es am Samstag, den 18. August, wieder um 22:00 Uhr, mit der deutschen Bestsellerverfilmung „Russendisko„. Matthias Schweighöfer spielt die Hauptrolle in diesem, auf dem bekannten Roman von Wladimir Kaminer basierenden, Film, welcher von den Schwierigkeiten russischer Immigranten, im Berlin nach dem Fall der Mauer, handelt.

Update: Am Samstag, den 25. August, wird der Erfolgsfilm „Ziemlich beste Freunde“ gezeigt. Der Film hatte im März schon mit 6,5 Millionen mehr Zuschauer als der erfolgreichste Film des Vorjahres, immerhin „Harry Potter“. Und in einigen Kinos läuft der immer noch hat hat die 8 Mio.-Grenze hinter sich gelassen.

Update 07.08.: Der Homepage des Kulturzentrums Schlachthof ist zu entnehmen, dass der – mittlerweile für den 31.08. angekündigte – Film „Ziemlich beste Freunde“ aus „technischen Gründen“ ausfällt.

Und zu guter Letzt wird es witzig-gruselig, wenn Tim Burtons „Dark Shadows“ am Freitag, den 31. August um 22:00 Uhr über die Leinwand huschen.  Johnny Depp, Eva Green, Michelle Pfeiffer und natürlich „Frau Burton“, Helena Bonham-Carter, spielen die Hauptrollen in dieser Neuverfilmung einer Grusel-Soap-Opera aus den späten 60er/frühen 70er-Jahre. Auch hierüber habe ich schon so einiges geschrieben.

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DVD-Rezension: “Fear X – Im Angesicht der Angst”

Die schwangere Frau des Kaufhaussicherheitsbeamten Harry Caine ist bei einer mysteriösen Schießerei in der Tiefgarage ums Leben gekommen. Seitdem ist Harry davon besessen, eine Antwort auf die Frage zu finden, warum seine Frau sterben musste. Nacht für Nacht sieht er sich die Bänder der Überwachungskameras an, um irgendwo einen versteckten Hinweis zu finden. Eines Tages entdeckt er durch Zufall Fotos einer ihm unbekannten Frau, die eine vage Spur darstellen. Harry fährt nach Montana, um dort diese Frau zu finden. Er mietet sich in einem Hotel ein und weckt schon bald die Aufmerksamkeit der lokalen Polizei und eines Mannes, der ihm seine bohrenden Fragen beantworten könnte…

Nach zwei erfolgreichen Indie-Filmen, die er in seinem Heimatland Dänemark geschrieben, produziert und inszeniert hatte, zog es den damals noch sehr jungen Nicolas Winding Refn 2003 nach Kanada. Gründe hierfür waren Abschreibungsgeschichten, die es lukrativer machten, seinen nächsten Film teilweise in Kanada, statt in Dänemark zu drehen. Wobei Kanada für die US-amerikanischen Bundesstaaten Wisconsin und Montana herhalten musste. Zudem konnte Refn erstmals auch mit gestandenen amerikanischen Schauspielern drehen. Allen voran John Turturro, aber auch Deborah Kara Unger und James Remar.

Für Refn muss die Herstellung seines Filmes „Fear X“ ein traumatisches Erlebnis gewesen sein. In  dem, auf der DVD enthaltenen, aufschlussreichen „Making Of“ sieht man ihn irgendwann kleinlaut vor seinem Team stehen und ihnen mitteilen, dass er kein Geld mehr habe und den geschuldeten Lohn nicht mehr zahlen könne. Dann appelliert er schüchtern an sie, trotzdem weiterzumachen.  Scheinbar hat dieser Appell geholfen, denn der Film wurde irgendwie fertig gestellt. Doch sein kommerzieller Misserfolg brach Refns Produktionsfirma das Genick und schickte sie in die Insolvenz. Zurück in Dänemark konzentrierte er sich dann erst einmal darauf, mit den Fortsetzungen seines sensationellen Erstlings „Pusher“ weiter an seiner Reputation zu arbeiten. Erst 2008 ging es wieder ins Ausland, wo er in England „Bronson“ drehte. 2010 folgte der Überfilm „Walhalla Rising“, und aktuell dürfte er mit seinem US-Film „Drive“ endgültig seinen Durchbruch geschafft und sich für weitere, großbudgetierte  Projekte empfohlen haben.

In der IMDb wimmelt es nur so vor hasserfüllten Kritiken zu „Fear X“. Bis auf wenige Stimmen, wird der Film in der Regel in der Luft zerrissen. Die Leute hassen insbesondere das Ende des Filmes. Der Grund für diese totale Ablehnung ist mir schleierhaft. Wenn man sich das Drehbuch ansieht, so muss man nüchtern konstatieren, dass es relativ dünn ist. Aber was Refn mit dieser im Grunde einfachen Geschichte macht, ist schlichtweg atemberaubend. Über allem liegt der Hauch des Mysteriösen, des Unbehaglichen, der Welt zwischen den Bildern.

Und Refn ist nicht nur selber ein großer Könner, was das perfekte Tempo und die Bildgestaltung angeht, hier  holte er sich auch gleich die Hilfe der Allerbesten. Für das dröhnende Sounddesign, welches  sich wie ein dichtes Netz über den Film legt (ähnlich wie in „Walhalla Rising“, wo dieses Stilmittel aber noch exzessiver eingesetzt wird),  sicherte er sich die Dienste von Brian Eno. Das Drehbuch schrieb er zusammen mit dem großen Hubert Selby Jr., der durch Romane wie „Last Exit Brooklyn“ und „Requiem for a Dream“ weltberühmt und „weltberüchtigt“ wurde. Und schlussendlich konnte er für die Arbeit hinter der Kamera Larry Smith  gewinnen.  Jener hat unter Stanley Kubrick mit dem legendären Kameramann John Alcott  zusammengearbeitet. Bei „Barry Lyndon“, wo zum Ausleuchten reines Kerzenlicht verwendet wurde, und bei „The Shining“, der in „Fear X“ visuell zitiert wird.

Gemeinsam verwandeln sie die normale Quasi-Detektivgeschichte in einen Aufenthalt im Vorhof der Hölle. Der allgegenwärtige, bedrohliche Klangteppich, eine – durch langsame Kamerafahrten und die tranceähnlichen Bewegungen der Protagonisten – traumgleiche Stimmung, das Spiel mit Licht und Farben. All das erinnert zunächst einmal an Filme von David Lynch, wie „Lost Highway“ oder „Mulholland Drive“. Aber auch die großen  Klassiker des „Hotel als Hölle“-Genres werden zitiert. Natürlich „The Shining“, was bei der Wahl des Kameramannes ja auch kein Wunder ist. Teilweise erinnert der Film aber auch an „Barton Fink“, und dies nicht nur, weil Barton Fink persönlich, John Turturro, hier die Hauptrolle spielt. Auch die Visionen, die Caine plagen, sind dem Meisterwerk der Coen Brothers nicht unähnlich. Wenn Harry Caine am Anfang immer wieder die VHS-Tapes der Überwachungskamera auf der Suche nach Hinweisen durchlaufen lässt, mit der Kamera Bilder vom Bildschirm abfotografiert und vergrößert, fühlt man sich auch in Michelangelo Antonionis „Blow-Up“ versetzt. Refn kennt eben seine filmischen Väter. Und, ähnlich wie ein Quentin Tarantino, baut er aus den Zitaten, die nicht 1:1 übernommen, sondern nachgefühlt werden, etwas Neues.

Ich verstehe Zuschauer, die aufgrund des Finales – welches mehr Fragen stellt, als zuvor beantwortet wurden – frustriert sind.  Auch bedingt durch die Entscheidung Refns, die große Konfrontation, auf die seine Geschichte hinausläuft, nicht zu zeigen. Den Höhepunkt des Filmes einfach zu verweigern. Diesen konsequent auszublenden und provozierend durch mysteriöse Computergrafiken zu ersetzen. Möglicherweise ist diese große Leerstelle aber auch keine bewusste Entscheidung Refns gewesen, sondern schlicht und einfach dem fehlenden Geld geschuldet. Da im „Making Of“ betont wird, dass Refn unbedingt chronologisch filmen wollte, ist dies durchaus denkbar. Vielleicht soll aber auch unterstrichen werden, dass  Wahn und Wahrheit bei diesem Film enger zusammen liegen, als gedacht. Die Antwort kennen vielleicht nur Refn und Selby Jr. selber.

So bleibt es dem Zuschauer überlassen, wie er auf dieses Ende reagiert. Mit Wut, wie die Internetgemeinde, die ihn mit Hass und Ablehnung überschütten. Oder er lässt sich einfach in den Film fallen und Mitreißen von dem Sog, den er entfaltet. Man kann das Ende auch als Aufforderung verstehen, tiefer in die unterschiedlichen Schichten des Filmes einzutauchen und sich mit der Obsession der Hauptfigur zu beschäftigen. Denn auch Harry Caine ist besessen davon, Antworten zu finden. Und die große Tragik ist, dass er diese Antworten nicht finden wird. Ebenso, wie dem Zuschauer am Ende die Antworten vorenthalten werden, nach denen er so begierig lechzt. Und so werden die Schmerzen Harrys am Ende identisch mit den Schmerzen des Zuschauers, dem nur zwei Dinge übrig bleiben: Er suhlt sich in diesem Schmerz, oder er akzeptiert, dass es nicht auf alle Fragen eine Antwort gibt. Dieselbe Möglichkeit hat auch Harry Caine.

In „Fear X“ findet sich schon viel von Windings späteren Meisterwerken, „Walhalla Rising“ und vor allem „Drive“. Trotz des relativ großen zeitlichen Abstandes kann „Fear X“ als Studienobjekt und Fingerübung für größere Aufgaben angesehen werden. Mit dem Erfolg von „Drive“ hat nun endlich auch „Fear X“ eine DVD-Veröffentlichung in Deutschland erhalten. Die qualitativ sehr gute DVD von Sunfilm Entertainment enthält neben dem Film noch das bereits oben angesprochene, 25-minütige und hochinteressante „Making Of“, welches während der Dreharbeiten entstanden ist und eine gute Ahnung von den vielen Schwierigkeiten während des Drehs gibt.

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Originalfassungen in Bremen: 11.07.12 – 18.07.12

Déjà-vu! Fast alles, was diese Woche an O-Tönen in Bremen zu hören ist, hatten wir auch schon in der vergangenen Woche. Das macht mir die Arbeit leicht. Mein Tipp: Lars von Triers „Melancholia“, aber ich bin ja auch ein Lars-Jünger 😉

Ice Age 4 3D – Cinemaxx, Fr., So, und Di. immer um 20:15 – Die drei fröhlichen Eiszeit-Kumpels Manni, Diego und Sid gehen in die vierte Runde. Natürlich, wie es heute Usus ist, in 3D. Das Eichhörnchen Scrat verursacht auf seiner ewigen Suche nach der Nuss eine globale Katastrophe und unsere Helden müssen gegen Piraten bestehen.

The Amazing Spider-Man 3D– Cinemaxx, Do., Sa. und Mi. immer um 19:30 – Meine Filmbesprechung.

Woody Allen: A Documentary – Atlantis, Do.-Mi. immer 18:45, nur So. um 17:45 – US-amerikanische Dokumentation über einen der großen Meister des Kinos: Woody Allen. Diese Doku bekommt zwar gemischte Kritiken, soll aber für Einsteiger in das Thema sehr geeignet sein.

Ai Weiwei – Never Sorry – Schauburg, Fr.-Di. immer 15:00 – Der chinesische Künstler Ai Weiwei wurde in der Vergangenheit aufgrund regierungskritischer Äußerungen verhaftet, eingesperrt und mit überzogenen Anschuldigungen konfrontiert. Diese US-Doku will das Phänomen Ai Weiwei näher beleuchten.

Melancholia – City 46, Do.-Mo. um 19:30, Di. um 20:00 – Lars von Triers größenwahnsinnige Version der Apokalypse. Der persönlichen, wie auch der, der gesamten Menschheit. Für mich ein Schlüsselfilm in seinem Werk. Ein Hilferuf, eine Semi-Autobiographie mit Kirsten Dunst als Lars von Trier. Wer „Melancholia“ gesehen hat, versteht vielleicht, warum Herr von Trier sich manchmal so merkwürdig verhält, wie in Cannes … und dass er KEIN Nazi ist.

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Teknolust – City 46, Mi,, 18.07. um 19:30 – Einer Biogenetikerin gelingt es, mit ihrer eigenen DNS drei menschliche Klone zu erschaffen. Alle vier werden dabei von der großartigen Tilda Swinton (Trägerin des Bremer Filmpreises!) gespielt. Noch ein Tipp!

Sneak Preview – Cinemaxx, Mo. 16.07. um 20:00

Sneak Preview – Schauburg, Mo. 16.07. um 21:45

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DVD-Rezension: „Ip Man Trilogy“

Ip Man“ war, mit einem Einspielergebnis von 21 Millionen US$ weltweit, einer der größten internationalen Erfolge des Hongkong-Kinos in den letzten Jahren. Erzählt wird – SEHR frei – die Lebensgeschichte des berühmten Wing-Chun-Lehrers Yip Man, der im Westen vor allem dafür bekannt ist, dass Bruce Lee einer seiner letzten Schüler war.

Die Idee zu einem Ip-Man-Bio-Pic stammt bereits aus dem Jahre 1998, aber erst 2008 begannen die Dreharbeiten. Das Drehbuch hält sich allerdings nur sehr entfernt an das wirkliche Leben des großen Meisters. Die Dichtung dürfte hier mehr als 90% ausmachen.  Aufgrund des großen Erfolges wurde dann 2010 noch ein zweiter Teil hinterher geschoben, der direkt an den ersten anschließt. Hier dürfte aber, bis auf die Tatsache, dass Ip Man nach Hong Kong zog und dort eine Schule eröffnete, gar nichts mehr mit den historischen Tatsachen übereinstimmen.

Nichtsdestotrotz machen die „Ip Man“-Filme viel Spaß und erinnern angenehm an die goldene Zeit des Hongkong-Kinos Anfang der 90er Jahre, als Filme wie „Once Upon A Time in China“ und „Fist of Legend“ weltweit für Furore sorgten. Zwar merkt man bei „Ip Man“ zeitweise sehr deutlich, dass der Computer und Kabel den Kämpfern hier und dort etwas auf die Sprünge geholfen haben, aber beide Methoden werden nie so inflationär eingesetzt, dass einem der Spaß am Zusehen vergeht. Generell haben die vielen Kämpfe auch eine angenehm bodenständige Note.

Die Titelrolle ist mit Donnie Yen besetzt, der in den 80ern und 90ern seine größten Erfolge feierte und damals auch häufig als Bösewicht eingesetzt wurde.  2008 ist sein langes, hageres Pferdegesicht etwas rundlicher und seine Zähne scheinbar etwas größer geworden. Mit dem Alter strahlt er nun auch eine fast schon Dalai-Lama-artige Ruhe und Würde aus. Zwar werden seinem Ip Man einige kleine Laster zugestanden, wie die Lust am Kampf oder ein gutes Pfeifchen, aber davon abgesehen ruht er sehr in sich selbst und ist schon allein dadurch seinen, oftmals übereifrigen, Gegnern überlegen. Ursprünglich sollte noch ein dritter Teil gedreht werden, indem dann Ip Mans Schüler Bruce Lee eine Rolle spielt. Donnie Yen lehnte aber ab, noch einmal in Ip Mans Gewand zu schlüpfen, womit das Projekt  dann erst einmal gestorben war. Zurzeit nähren sich aber die Gerüchte, dass der Abschluss der Trilogie doch noch zustande kommt und Donnie Yen erneut die Rolle des Ip übernimmt.

Die Choreographie der Kampfszenen übernahm ein altes Schlachtross des Hongkong Kinos: Der große Sammo Hung. Sammo Hung bildet zusammen mit Jackie Chan und Yuen Biao die „Drei Musketiere des Kung Fu“. Alle drei hatten bei Meister Yu Jim Yuen gelernt. Sammo war der erste, der ins Filmgeschäft ging und dort später seinen “kleinen Brüdern“ den Weg ebnete. Für die Choreographie von „Ip Man“ wurde er mit dem „Golden Horse“-Award, dem Hongkong-Oscar, ausgezeichnet, und im zweiten Film spielt er eine tragende Rolle. In dem nicht zur Reihe gehörenden Prequel „Ip Man Zero“ gibt er Ip Mans ersten Meister und Yuen Biao dessen Nachfolger.

Splendid hat die beiden „Ip Man“-Filme mit Donnie Yen, sowie das von einer anderen Produktionsgesellschaft, mit Dennis To in der Titelrolle, produzierte Prequel, bereits zwischen 2009 und 2011 als Einzel-DVDs auf den Markt gebracht. Jetzt werden die drei Filme noch einmal unter dem Namen „Ip-Man-Trilogy“ in einem schönen Leinen-Schuber (in dem eine Amaray-Hülle steckt, um nicht zu sagen feststeckt, denn es ist ausgesprochen schwer, diese aus dem Schuber herauszubekommen) noch einmal gemeinsam veröffentlicht.

Ip Man (2008)

Der erste Ip-Man-Film ist ausgesprochen episodenhaft angelegt. Gezeigt wird Ip Mans Zeit in Foshan in den 30er Jahren. Dort muss er sich zunächst mit einem jungen Kämpfer aus dem Norden auseinandersetzen, der in Foshan eine Kung-Fu-Schule eröffnen will. Dann fallen japanische Truppen in Foshan ein und  Ip Man ist gezwungen, in einem Kohlebergwerk für die Japaner zu arbeiten. Der General der Japaner und sein sadistischer Adjutant lassen zu ihrer Belustigung Chinesen gegen japanische Karatekämpfer antreten. Als dabei ein Freund Ip Mans umkommt, stellt sich Ip Man zum Kampf. Währenddessen wird die Fabrik von Ip Mans Bruder von einer Bande Banditen bedroht. Ip Man lehrt den Angestellten Wing Chun, und hilft, die Banditen zu vertreiben. Am Ende muss er in einem öffentlichen Kampf gegen den japanischen General antreten.

Die episodische Struktur des Filmes zerreißt den Erzählstrang  des Filmes und geht zu Lasten der Spannung. Zudem wird dadurch eine Authentizität vorgegaukelt, die der Film gar nicht besitzt. Denn mit den historischen Fakten wird mehr als großzügig umgegangen.  Von diesen Mankos abgesehen unterhält „Ip Man“ ganz vorzüglich und lässt keine Langeweile aufkommen. Verantwortlich hierfür ist auch die überzeugende Choreographie der Kämpfe und natürlich die Präsenz Donnie Yens, der hier die Rolle seines Lebens gefunden zu haben scheint. Neben Donnie Yen hat hier auch Siu-Wong Fan seinen ersten Auftritt in der Reihe. Er spielt den explosiven Kämpfer Jin Shan Zhao, der zunächst in Foshan eine Kung-Fu-Schule eröffnen will und später Anführer der Banditen wird. Obwohl hier noch offiziell auf der Seite der Böse, schließt man Siu-Wong Fan durch seine enthusiastische Spielweise schnell ins Herz. Dafür darf sein Charakter dann in „Ip Man 2“ auch auf der Seite der Guten agieren. Ausdrücklich nicht ins Herz schließt man die Gegner auf japanischer Seite, bei denen vor allem der Adjutant des Generals einen widerlichen, schleimigen Auftritt hinlegt.  Erwähnt werden sollte noch Simon Yam als Ip Mans Bruder, der wie immer eine solide Darstellung hinlegt.

Ip Man 2 (2010)

Ip Man zieht mit seiner Familie nach Hongkong. Hier lebt er in Armut und versucht, sich mit der Eröffnung einer Wing-Chun-Schule über Wasser zu halten. Bald schon spricht sicher herum, dass Ip Man schier unbesiegbar ist und seine Schule erhält hohen Zulauf. Dies beschwört allerdings Konflikte mit den Lehrern der andern Schulen herauf.

Waren es im ersten Teil noch die Japaner, die die hassenswerten Feinde des chinesischen Volkes verkörperten, so sind es hier die britischen Kolonialherren. Und wurde zumindest dem japanischen General aus Teil 1 noch etwas Würde zugestanden, so sind die Briten hier allesamt hassenswerte, groteske Kreaturen. Am schlimmsten Darren Shahlavi  als britischer Boxer „Twister“. Dieser ist ein so unsympathischer Widerling, dass man am Liebsten ausspeien möchte, wenn er  die Szene betritt. Da ich einfach mal unterstelle, dass Darren Shahlavi charakterlich nicht auf einer Stufe mit seinem ekligen „Twister“ steht, kann man ihn für seine Darstellung durchaus loben. Inhaltlich ist „Ip Man 2“ weitaus stringenter als sein Vorgänger. Das episodenhafte wird zugunsten einer durchgängigen Handlung aufgegeben, wobei diese in der zweiten Hälfte in ein „Rocky 4“-Imitat umkippt. Insgesamt besticht „Ip Man 2“ durch noch mehr und noch spektakulärere Kämpfe, sowie eine in sich geschlossene Story. Zudem freut sich der Hongkong-Connaisseur über ein Wiedersehen mit dem großartigen Sammo Hung, der hier eine (ge)wichtige Rolle einnimmt.

Ip Man Zero (2010)

Der junge Ip Man und sein jüngerer Adoptivbruder Ip Tin-chi werden von ihrem Vater in die Schule des Meisters Chan Wah-shun  gebracht, um dort Wing Chun zu lernen. Dort lernen beide das Mädchen Lee Mei-wai kennen, welches sich in Ip Man verliebt, während es selber von Ip Tin-chi begehrt wird. Als sie erwachsen sind, zieht Ip Man für einige Jahre nach Hongkong, um am College zu studieren. Durch einen Zufall lernt er Leung Bik kennen, der einst zusammen mit Chan Wah-shun  studierte, wegen seines unorthodoxen Stiles aber immer ein Außenseiter blieb. Bei ihm vervollkommnet Ip Man seinen Stil und kehrt nach Foshan zurück. Dort scheint ein geheimnisvoller japanischer Kaufmann für mysteriöse Todesfälle verantwortlich zu sein und zudem einen unguten Einfluss auf Ip Mans Adoptivbruder zu haben.

Nach dem immensen Erfolg der beiden „Ip Man“-Teile aus dem Hause Mandarin Film, hängte sich schnell Mei Ah Entertainment an die Welle (was man noch allzu gut von der erfolgreichen  „Wong Fai Hong“-Reihe aus den 90ern kennt) und produzierte dieses Prequel. In die großen Fußstapfen von Donnie Yen tritt der junge Dennis To, der Yen nicht nur äußerlich ähnlich sieht, sondern dessen Art perfekt imitiert und auch in den Kampfszenen keine schlechte Figur abgibt. Ansonsten treten viele Bekannte aus den „Ip Man“-Filmen in anderen Rollen auf. So erlebt man Sammo Hung, in „Ip Man 2“ noch dessen Gegenspieler, hier als Ip Mans Lehrer.  Siu-Wong Fan, der bereits in den beiden „Ip Man“-Filmen eine feste Rolle als Bandit, bzw. ehemaliger Bandit Jin Shan Zhao hatte, spielt er hier, äußerlich stark  verändert und sehr zurückgenommen, Ip Mans Adoptivbruder, der ein düsteres und tragisches Geheimnis mit sicher herumträgt. Gerade Siu-Wong Fans Darstellung macht „Ip Man Zero“ sehenswert. Aber auch sonst ist das vermeintliche Rip-Off in vielen Belangen den beiden „Originalen“ überlegen. So erzählt „Ip Man Zero“ eine spannende und interessante Geschichte, die nicht nur – wie „Ip Man 1+2“ – auf pathetische und patriotische Elemente setzt, sondern echte Tragik. Generell wirkt „Ip Man Zero“ auch in der ganzen Inszenierung, im positiven Sinne des Wortes, traditioneller und mehr der Handlung als der Technik verpflichtet. Dementsprechend gibt es in „Ip Man Zero“ auch weitaus weniger Kämpfe als in „Ip Man 2“. So erinnert „Ip Man Zero“ angenehmerweise mehr an die Klassiker der goldenen Ära vor 20 Jahren, als an moderne, durch CGI aufgemotzte und rasant geschnittene  Martial-Arts-Filme der Gegenwart. Und man freut sich, dass neben Sammo Hung auch ein sichtlich gealterter Yuen Biao eine tragende Rolle spielen darf. Beide zusammen zu sehen ist dann fast so, wie in guten, alten Zeiten.

Die „Ip-Man-Trilogy“ enthält die Filme auf drei DVDs in einer Amaray-Box mit Wendecover. Extras gibt es bis auf ein Werbe-Making-Of für „Ip Man Zero“ keine. Das „Making Of“ verrät allerdings so gut wie alle Plotwendungen und enthält außer Impressionen vom Dreh und belanglose Interviews keinerlei Mehrwert. Dafür wurde aber noch ein kleinformatiges, 24-seitiges Booklet mit einigen Informationen zum historischen Ip Man, Wing Chun und die Filme beigelegt. Warum „Ip Man 1+2“ allerdings erst ab 18 freigeben sind, verstehe ich nicht so ganz. Das muss marketingtechnische Gründe haben.

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Nachruf: Ernest Borgnine (1917-2012)

Wer Ernest Borgnine irgendwann einmal in einem Film gesehen hat (und bei weit über 200 Filmen und TV-Serien sollte das eigentlich jeder sein), wird den grobschlächtigen Kerl mit dem fleischigen, breiten Gesicht, den buschigen Augenbrauen und dem Grinsen von einem Ohr zum anderen, welches in der Mitte von einer dekorativen Zahnlücke gekrönt wurde, nie vergessen. Egal, ob er auf der einen oder der anderen Seite des Gesetzes stand, der gutmütige Kumpel war oder der verabscheuungswürdige Fiesling: Borgnine hatte eine enorme Präsenz, die den nominellen Helden oftmals verblassen ließ. Menschen meiner Generation z.B. werden sich beim Stichwort „Airwolf“ neben Borgnine vielleicht noch an den titelgebenden Hubschrauber erinnern. Der Held der Serie, Jan-Michael Vincent, wird den meisten nicht mehr besonders präsent sein.

Gleich seine erste Rolle war die eines Schurken. Er spielte einen chinesischen Bandenführer in dem heute unbekannten Abenteuerfilm „China Corsair“ von 1951. Zwei Jahre später hatte er seinen großen Durchbruch, als er, in der grandiosen Bestseller-Verfilmung „Verdammt in alle Ewigkeit„, den sadistischen Sgt. „Fatso“ Judson spielte. Trotz absoluter Starbesetzung (Montgomery Clift, Burt Lancaster, Deborah Kerr), war es Borgnines Charakter, der am Meisten Aufsehen erregte. Wie er den armen Frank Sinatra piesackt, ist ebenso unvergesslich, wie Lancaster und Kerrs oft zitierter Kuss in der Brandung.

Auch in seinen nächsten Rollen spielte er den Part der Bösen. U.a. war er in den Edel-Western „Johnny Guitar“ und „Vera Cruz“ zu sehen. 1955 dann der nächste große Triumph. Schon als Schurke festgelegt, brach er aus diesem Rollen-Korsett aus und spielte das sensiblen Muttersöhnchen „Marty„, einen 34-jährigen Metzger, der noch bei seiner Mutter lebt und um die Liebe seines Lebens kämpft. Belohnt wurde seine Leistung mit einem Oscar. Nach weiteren, heute eher unbekannten Filmen, machte er einen erste Abstecher nach Italien, wo er u.a. in der „Bandit von Neapel“ neben Vittorio Gassman spielte. 1969 folgte dann ein Film wie ein Donnerschlag: „The Wild Bunch„. Ernest Borgnine marschiert neben Wilhelm Holden und Warren Oates aufrecht in den Tod. Ein großartiger Film und einer der besten Western aller Zeiten.

In den 70ern war Borgnine gut beschäftigt. „Willard„, „Poseidon Inferno„, der bei Genre-Fans beliebte „The Devil’s Rain“ oder wieder bei Sam Peckinpah in „Convoy„, um nur einige zu nennen. In den 80ern ging es weiter mit der Terence-Hill-Klamotte „Der Supercop“ und John Carpenters Kult-Klassiker „Die Klapperschlange„. Mit seiner Rolle als väterlicher Freund des Helden in der TV-Serie „Airwolf“ (1984-1986) landete er zu Beginn des Privatfernseh-Booms mitten in den deutschen Kinderzimmern. Ab Ende der 80er filmte er auch in Deutschland. 1989 war er zusammen mit Christopher Mitchum und John „Higgins“ Hillerman in „Gummibärchen küsst man nicht“ zu sehen und 1993/95 in den beiden von Uschi Glas geschriebenen „Tierärztin Christine„-TV-Filmen von Otto Retzer. Mit diesem arbeitete er auch 1993 in der Abenteuergeschichte „Der blaue Diamant“ mit Pierre Brice in der Hauptrolle zusammen.

Bis ins hohe Alter drehte Ernest Borgnine Filme wie am Fließband und synchronisierte nebenbei noch den „Meerjungfraumann“ in „SpongeBob Schwammkopf„. Allein 2011, im Alter von 94 Jahren, war er noch in vier Filmen zu sehen. Sein letzter Auftritt wird nun die Hauptrolle in der gerade abgedrehten Western-Komödie „The Man Who Shook the Hand of Vicente Fernandez“ sein.

Ernest Borgnine, einer der großen Charakterköpfe des Kinos, ist gestern nach einem langen und erfüllten Leben mit 95 Jahren gestorben. Aber in seinen Filmen wird er unsterblich bleiben.

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DVD-Rezension: „Home Invasion – Der Feind in meinem Haus“

Durch ein Unglück verliert Sarah ihren einzigen Sohn. Jahre später ist sie nur noch ein von Medikamenten abhängiges Wrack. Ihr Ehemann hat sie verlassen, und sie haust allein im noch immer nicht ganz fertiggestellten Familienhaus im Elsass. Eines Nachts fährt sie auf dem Nachhauseweg einen jungen Mann namens Arthur an, der ihr plötzlich vor das Auto springt. Sofort kümmert sie sich um den Verletzten, der sie an ihren verstorbenen Sohn erinnert. Doch damit begibt sie sich selber in Lebensgefahr, denn der junge Mann wird von einem mysteriösen Mann gnadenlos verfolgt…

Home Invasion – Der Feind in meinem Haus“ ist der etwas uninspiriert anglisierte Titel des französischen Thrillers „Dans ton sommeil“, was übersetzt „In ihrem Schlaf“ bedeutet. Gedreht wurde der Film von einem Ehepaar, Caroline und Éric du Potet. Beide haben sich auf der Filmhochschule in Paris kennengelernt und haben nun, nach einigen Kurzfilmen, ihr Langfilm-Debüt hingelegt. Um es gleich zu sagen: Leider merkt man, dass es sich hier um ein Erstlingswerk handelt, da viele kleine, vermeidbare Fehler gemacht werden.

Zwar ist die Geschichte spannend und in flottem Tempo in nur 80 Minuten erzählt, doch die Geschichte dürfte für Leute, die mehr als einen Film aus dieser Gattung gesehen haben, leicht vorhersagbar sein. Zudem steht sich die, manchmal etwas umständliche, Rückblendenstruktur zum Teil selbst im Wege. So werden alle zu Beginn wunderbar ausgestreuten Ambivalenzen relativ schnell über Bord geworfen. Das dürften die du Potets selber gemerkt haben, denn zum Schluss des Filmes hin versuchen sie doch wieder auf den ursprünglichen Pfad zurückzukehren. Dann ist es dafür aber bereits viel zu spät und das ganze Bemühen wirkt nur noch angestrengt. Ein etwas weniger „raffiniertes“ Konstrukt und eine gradlinigere Erzählweise hätten dem Film sicherlich gut getan.

Gar unverzeihlich ist aber ein Kniff, dessen Bart von hier nach Timbuktu reicht. Da wird eine spannende, so nicht unbedingt erwartete Szene gedreht und der Zuschauer auf der Kante seines Sitzes gehalten – um diese dann völlig unmotiviert als Traumsequenz aufzulösen. Das riecht doch dann arg nach Füllmaterial und wäre gar nicht nötig gewesen. Immerhin gelingt den Regisseuren dann aber doch noch ein konsequentes und dankenswerterweise kompromissloses Finale.

Den Film kann man sicherlich nicht der „neuen harten Welle“ aus Frankreich zurechnen, die einst mit „High Tension“ begann und mit „Martyrs“ seinen Höhepunkt erreicht haben dürfte. „Home Invasion“ hat, bis auf die Stimmung, weniger mit dem Blutbad „High Tension“ zu tun, als vielmehr mit klassischen Thrillern wie z.B. „Hitcher – Der Highwaykiller“ u.ä. Der Härtegrad ist trotz FSK18 angenehm zurückhaltend. Vielleicht ist das auf den Einfluss der weiblichen Hälfte des Regie-Duos zurückzuführen. Zwar mangelt es nicht an Brutalitäten, aber bei diesen wird nicht bedingungslos draufgehalten oder das Geschehen erbarmungslos ausgewalzt. Dies tut dem Film sehr gut, denn so gibt es Spielraum, dass sich einige Dinge noch im Kopf des Zuschauers abspielen können. Und die eigene Vorstellungskraft ist in der Regel ja immer kraftvoller als irgendwelche splatterigen CGI-Effekte, so wie sie zurzeit im modernen Horrorfilm in Mode sind.

Die Hauptrolle in „Home Invasion“ spielt eine gute, alte Bekannte: Anne Parillaud, die einst die Titelrolle in Luc Bessons Klassiker „Nikita“ spielte und dann nach ihrem, leider nicht sonderlich erfolgreichen, US-Debüt in John Landis‘ „Bloody Mary – Eine Frau mit Biss“ nur noch selten jenseits der französischen Grenze zu sehen war. Ihre Darstellung der Sarah verdient Lob, denn sie spielt diese Figur dezent, aber intensiv. Interessant ist auch der Wandel, den sie während des Filmes durchmacht. Ist sie zu Beginn noch sehr verhärmt und dem Alter der Rolle angemessen, scheint sie im Laufe des Filmes, trotz der Verzweiflung und Erschöpfung ihrer Figur, förmlich aufzublühen und gar jünger zu werden, wenn sie sich um den jungen Mann – der ihr Sohn sein könnte, aber gerne ihr Liebhaber wäre – kümmern kann. Hier muss allerdings abermals Kritik an Caroline und Éric du Potet geübt werden. Sie sind scheinbar so fasziniert von ihrer Idee, dass Sarah den mysteriösen jungen Mann als Wiedergänger ihres verunglückten Sohnes ansieht, dass sie diesen Aspekt immer und immer mit steigender Deutlichkeit hervorheben. Und als hätten sie kein Vertrauen in die Intelligenz ihres Publikums, wird dies in einem späteren Dialog auch noch plump verbalisiert.

Der mysteriöse junge Mann wird von Arthur Dupont dargestellt, der, bis auf Auftritte in diversen französischen TV-Serien, zuvor nicht groß in Erscheinung getreten ist. Arthur Dupont verfügt über ein seltsames Gesicht, welches sowohl schön, als auch hässlich, liebenswert-schüchtern und in der nächsten Sekunde abgrundtief böse aussehen kann. Somit ist er die absolute Idealbesetzung für einen Jungen, dessen wahre Natur einige (leider nur kurze) Zeit im Dunkeln bleibt. Sein Verfolger wird von Thierry Frémont gegeben, dem man ähnliche Qualitäten bescheinigen kann. Auch wenn er nicht viel Gelegenheit erhält, diese auszuspielen, da es sich bei „Home Invasion“ im Kern um ein Zwei Personen-Stück handelt, bei dem alle anderen Darsteller nur mehr oder weniger große Statistenrollen haben.

Mit ihrem Gefühl für temporeich erzähltes Spannungskino und überzeugende Bilder (Kamera: Pierre Cottereau) hätten Caroline und Éric du Potet gleich mit ihrem ersten Film einen bemerkenswerten Start hinlegen können. Leider haben sie sich ein wenig zu sehr in ihre eigene Cleverness verliebt und konnten der Versuchung nicht widerstehen, diese dem Zuschauer mit dem Holzhammer einzutrichtern. Auch die unnötig komplizierte Erzählstruktur bremst den Spannungsaufbau eher aus, als dass er ihn unterstützt. Trotzdem ist „Home Invasion“ stellenweise sehr spannend und glänzt mit einer beachtlichen Kompromisslosigkeit. Es wird interessant zu sehen, wie sich die Karriere des filmenden Ehepaares zukünftig entwickeln wird. Einige sehr viel versprechende Ansätze sind schon in ihrem Debüt zu finden.

Die DVD von Koch Media weist wie üblich ein sehr gutes Bild und einen exzellenten Ton auf. Neben der deutschen gibt es noch eine französische Tonspur. Die gut lesbaren Untertitel sind ohne irgendwelche Beanstandungen, die deutsche Synchro brauchbar. An Bonus wird, neben den obligatorischen Trailern, leider nur ein 5:47-minütiges Extra namens „Interviews“ angeboten, welches diesen Namen mal wieder nicht verdient, da es nur aus (vielen!) Filmausschnitten und einigen wenigen Interviewsprenkeln besteht.

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Originalfassungen in Bremen: 05.07.12 – 11.07.12

Nach dem großen Erfolg an der Kinokasse war es fast schon klar, dass der „Amazing Spider-Man“ auch in dieser Woche im O-Ton laufen wird. Allerdings bekommt er harte Konkurrenz, denn Manni, Diego und Sid sind zurück in einem weiteren „Ice Age“-Abenteuer. Wobei dies einer der wenigen Fälle sein dürfte, in denen die deutsche Synchro mindestens gleichwertig ist. Ansonsten gibt es noch gleich drei interessante Bio-Dokus und im City 46 etwas ausgesprochen Bildgewaltiges.

Ice Age 4 – Cinemaxx, Do.-Die. immer um 19:00 – Die drei fröhlichen Eiszeit-Kumpels Manni, Diego und Sid gehen in die vierte Runde. Natürlich, wie es heute Usus ist, in 3D. Das Eichhörnchen Scrat verursacht auf seiner ewigen Suche nach der Nuss eine globale Katastrophe und unsere Helden müssen gegen Piraten bestehen.

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The Amazing Spider-Man – Cinemaxx, Do., Sa. und Mo. immer um 21:30 – Meine Filmbesprechung.

Sing Your Song – Schauburg, Do.-Mi. immer 15:10 – Dokumentation über den Sänger, Schauspieler und Bürgerrechtler Harry Belafonte. Produziert von seiner Tochter. Von daher könnte das etwas einseitig, aber nichtsdestotrotz interessant, sein.

Woody Allen: A Documentary – Atlantis, Do.-Mi. immer 17:00, nur So. um 16:00 – US-amerikanische Dokumentation über einen der großen Meister des Kinos: Woody Allen. Diese Doku bekommt zwar gemischte Kritiken, soll aber für Einsteiger in das Thema sehr geeignet sein.

Ai Weiwei – Never Sorry – Schauburg, Do.-Mi. immer 15:00 – Der chinesische Künstler Ai Weiwei wurde in der Vergangenheit aufgrund regierungskritischer Äußerungen verhaftet, eingesperrt und mit überzogenen Anschuldigungen konfrontiert. Diese US-Doku will das Phänomen Ai Weiwei näher beleuchten.

Die Mühle und das Kreuz – City 46, Do.-Die. immer 19:30 – Experimenteller Spielfilm des Polen Lech Majewski. In diesem starbesetzten Film (Rutger Hauer, Michael York, Charlotte Rampling) wird der Versuch unternommen, das Gemälde „Die Mühle und das Kreuz“ von Pieter Brueghel (1564) mit filmischen Mitteln umzusetzen. Klingt hochinteressant, kann aber auch recht ermüdend sein.

[youtube width=“640″ height=“344″]http://www.youtube.com/watch?v=FIJZgJuqoUI[/youtube]

Out at the Wedding – City 46, Do.-Mi. immer 21:30 – US-amerikanischer Queer-Film von 2007 über eine junge Frau, die ihren farbigem, jüdischen Verlobten vormacht, alle in ihrer Familie seien gestorben. Die Verwandtschaft ist allerdings quicklebendig und erzkonservative Südstaatler. Als sie von ihrer Familie zu einer Hochzeit eingeladen wird, verstrickt sie sich in ein Netz von Lügen und entdeckt plötzlich völlig neue Seiten an sich.

Sneak Preview – Schauburg, Mo. 09.07. um 21:45

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DVD-Rezension: “Faust”

Dr. Heinrich Faust ist auf der Suche nach Wissen und der Seele des Menschen, von der er allerdings mittlerweile überzeugt ist, dass sie nicht existiert. Ebenso wie Gott. Frustriert von der ihm zu engen Welt und geplagt von Geldsorgen, will er sich vergiften. Doch da durchkreuzt ein geheimnisvoller Wucherer seine Pläne, der ihm im Austausch für seine Seele zu Diensten sein will.

Aleksandr Sokurov ist einer der bedeutendsten gegenwärtigen Regisseure Russlands. In seiner seit Ende der 70er Jahre andauernden Karriere ist er bei uns vor allem durch sein Experiment „Russian Arc“ von 2002 bekannt geworden. Sein 90-minütiger Film besteht aus einer einzigen Plansequenz. In den letzten Jahren arbeitete er an seiner sogenannten „Macht“-Tetralogie, dessen Abschluss nun die Literaturverfilmung „Faust“ darstellt.

Wobei man hier mit dem Prädikat „Literaturverfilmung“ vorsichtig umgehen sollte. Wer eine wort- und szenengetreue Adaption von Goethes Meisterwerk erwartet, wird zwangsläufig enttäuscht werden. Denn Sokurov adoptiert das Stück nicht, sondern interpretiert es ganz nach seinen eigenen Vorstellungen. Es tauchen zwar die bekannten Figuren auf, wie Wagner und Gretchen, und auch der Faden der Geschichte hangelt sich an der Goethe’schen Geschichte entlang, aber Sokurov nimmt sich sehr viele inhaltliche Freiheiten, um seine Vision einer faust‘schen Geschichte auf die Leinwand zu bannen. Dabei bringt er auch Motive aus dem – leider weniger bekannten und gespielten – epischen zweiten Teil der Tragödie mit ein (z.B. Wagner und sein Homunculus).

Optisch überrascht der Film zunächst durch die Entscheidung Sokurovs, den Film ganz klassisch im Seitenverhältnis 1:1,33 zu drehen. Dieses bis in die 60er Jahr als Standard genutzte Format wird heute fast gar nicht mehr verwendet. Sokurov unterstreicht dieses „Altmodische“ noch dadurch, dass die Ecken des Bildes leicht abgerundet sind, wie man es von Super8 oder Stummfilmen kennt. Will Sokurov hier eine Brücke zu Murnaus fantastischer „Faust“-Verfilmung (die allerdings auf der deutschen Sage, nicht auf Goethes Stück beruhte) von 1926 schlagen? Verwendet er ein „klassisches“ Format für einen klassischen Stoff? Wahrscheinlicher ist, dass er dieses Stilmittel benutzte, um eine gewisse Enge zu erzeugen. Denn die Enge des Raumes und der Welt in der Heinrich Faust lebt, wird immer wieder thematisiert. Sei es durch Menschenmassen, die sich durch einen schmalen Tunnel drängen müssen oder in Dialogen, in denen Faust immer wieder betont, dass ihm diese Welt zu eng ist. Eine hübsche Metapher für das Suchen nach Erkenntnis und Wissen über die Grenzen der eigenen, kleinen Welt und über das Sichtbare hinaus. Dieses Streben ist ja letztendlich in diesem Film auch Fausts innerer Antrieb, der ihn zum Pakt mit dem Teufel Mephistopheles verführt.

Mit seinem Symbolismus übertreibt es Sokurov aber auch gerne mal. Wenn z.B. Fausts Vater, ein Arzt, in der Vagina einer älteren Patientin ein Ei findet, welches diese inbrünstig verspeist, so ist dies schon etwas dick aufgetragen. Leider muss man Sokurov für seinen ganzen Film unterstellen, dass er dazu neigt, ihn mit Symbolen und Metaphern förmlich zuzukleistern. Einige gute Ideen, wie das Verzerren des Bildes, wenn die bösen Mächte ins Spiel kommen und Fausts Sinne und Verstand ebenfalls verzerren werden. Leider wird diese im Grunde feine Idee immer und immer gebracht, was schnell zu Abnutzungserscheinungen führt. Die durchaus beeindruckenden Bilder des Films erscheinen oftmals vollgestopft mit Ideen und Details zu sein, was einerseits die oben angesprochene Enge unterstreicht, andererseits den Film aber auch völlig überfrachtet.

Auch in seinen Themen scheint es bei Sokurov keine wirkliche Konstanz zu geben. Es wird förmlich von Idee zu Idee, Interpretationsansatz zu Interpretationsansatz gesprungen, ohne das ein wirklicher roter Faden sichtbar wird. Dementsprechend wirkt dann auch das Finale, welches mit Goethe nun gar nichts mehr zu tun hat, konstruiert und nicht unbedingt stimmig.

Im Großen und Ganzen wirkt der Film wie die Inszenierung des Theaterstückes durch einen typischen Vertreter des berühmt-berüchtigten Regie-Theaters. Nur, dass statt auf einer leeren, schwarzen Bühne, die Figuren hier in einer wunderbar gestalteten und liebevoll ausgestatteten realistischen Kulisse agieren. Dennoch benehmen sie sich in keinster Weise natürlich, sondern spielen weiterhin Theater. Mit all den kleinen Ticks und Irritationen, die man aus modernen Aufführungen kennt. So wälzen sich Mephistopheles und Faust auf dem Bett und tasten sich ab, während sie ihren Text deklamieren. Das kann bei einer Laufzeit von über 2 Stunden hier und dort nervig, im besten Falle langweilig wirken. Vor allem, wenn man keine Motivation hinter dieser Art der Inszenierung erkenne kann, außer den Ursprung des Stoffes als Theaterstück zu betonen.

Der Film wurde auf Deutsch mit deutschen und österreichischen Schauspielern gedreht. Lediglich Mephistopheles (der Russe Anton Adasinsky) und Fausts Vater (der Isländer Sigurður Skúlason) werden von nicht-deutschsprechenden Schauspielern dargestellt und nachsynchronisiert. Ob es eine glückliche Entscheidung war, als Stimme Mephistopheles‘ Santiago Ziemer zu engagieren, die deutsche Synchronstimme von Steve Urkel und SpongeBob, mag jeder für sich selber entscheiden. Ich fand die Wahl ausgesprochen unglücklich, da sie einerseits viel zu jung klingt und man andererseits unweigerlich diese beiden Figuren vor Augen hat. Mephistopheles heißt in Sokurovs Version Maurizius. Er wird von Anton Adasinsky gespielt, der von Beruf eigentlich Clown ist. Was man in einigen Szenen leider auch deutlich merkt, weil sein Mephistopheles hier weniger diabolisch, sondern eher lächerlich anlegt ist.

Dabei bringt Adasinsky genau die richtige Physionomie für eine diabolische Rolle mit. Sein Gesicht ist ausgemergelt, die großen Augen pechschwarz und das Haar hängt schüttern über dem fast kahlen Schädel. Trotzdem setzt Sokurov noch einen drauf, indem er Adasinsky in einen unförmigen Bodysuit steckt und ihn sich in einer Szene in einem Wäschereihaus entkleiden lässt. Zur Schau gestellt wird dabei ein entstellter Körper ohne Genitalien, aber mit kleinem Schweineschwanz. Nein, ein charismatischer Verführer ist dieser Mephistopheles wahrlich nicht. Seine Versprechen nach Geld und Macht sind es, die ihn, den deformierten Kretin, der sich auch gerne mal vor der Kirche erleichtert, für seine Mitmenschen – wie die Frauen in dieser Wäschereiszene -, begehrenswert machen. Das kann man so natürlich inszenieren, es wirkt aber, wie so vieles andere auch, einfach zu direkt und unelegant.

Ebenfalls unverkennbar ist, dass Sokurov Mephistopheles platt mit dem Kapitalismus gleichsetzt, welcher die Macht über die Welt besitzt und die Menschen verführt. Dies wird nicht nur dadurch überdeutlich, dass er aus dem Teufel einen Pfandleiher und Wucherer gemacht hat, sondern auch zur stereotypen Karikatur eines jüdischen Kaufmanns. Auch hier gilt: Das feine Schnitzmesser wäre angebrachter gewesen als die Axt.

Nahezu jede Figur steht symbolisch für etwas und wird dadurch in ein Korsett gepresst, welches eine Charakterentwicklung – wie sie im Stück durchaus gegeben ist – nicht zulässt. Zudem stellt sich ein gewisses Gefühl der Bevormundung durch den Regisseur ein.

Eine Begründung hierfür liefert vielleicht das aufschlusseiche 3SAT-Interview, welches sich als Extra auf der DVD befindet. Hier erklärt Sokurov, dass er den Film gegenüber der Literatur als weit unterlegen empfindet. Vielleicht rührt hierher der Drang, den Zuschauer permanent auf die eigenen Symbolismen und Metaphern zu stoßen.

Über die schauspielerischen Leistungen kann man streiten, da sie bewusst theatralisch und damit „gekünstelt“ angelegt sind.

Aller Kritik zum Trotz muss aber festgehalten werden, dass Sukurow einen genialen Kameramann (Bruno Delbonnel, “Die fabelhafte Welt der Amélie“, „Harry Potter und der Halbblutprinz“) zur Hand hatte, der es versteht, wunderschöne, sich ins Gedächtnis des Zuschauers grabende, Bilder zu erschaffen. Die Art und Weise wie er Gretchen (die aus vielen deutschen TV-Produktionen bekannte Isolda Dychauk) in überirdischer Schönheit während der Verführungsszenen mit Faust einfängt, sind atemberaubend schön.

An der DVD von Ascot Elite gibt es nicht viel auszusetzten. Das Bild ist überzeugend und dankenswerterweise im Originalformat von 1:1,33 belassen. Nur der Ton weiß nicht gänzlich zu gefallen. Er ist in den Dialogen viel zu leise, bzw. dann in den wenigen Szenen mit Geräuscheffekten wiederum viel zu laut. Außer der originalen deutschen Tonspur werden keine anderen angeboten, ebenso sind Untertitel Fehlanzeige. Als Extras gibt es einige Impressionen vom Dreh (6:33 Minuten) und das schon oben erwähnte, hochspannende Interview (7:10 Minuten) mit Sokurov, bei dem das 3SAT-Logo noch oben links ins Bild ragt. Sokurov gibt einige Statements von sich, die man auf jeden Fall kontrovers diskutieren kann. Ich für meinen Teil würde ihm bei vielem, was er sagt, energisch widersprechen, aber gerade das macht die Sache ja auch interessant. Die DVD besitzt ein Wende-Cover, um das dicke FSK-Zeichen verschwinden zu lassen und beinhaltet eine Postkarte mit einem Motiv des Filmes.

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