DVD-Rezension: „Picknick am Valentinstag“

Australien 1900: Am Valentinstag unternimmt eine Gruppe Mädchen aus einem nahegelegenen Internat einen Ausflug zum Hanging Rock, um dort ein Picknick zu veranstalten. Als vier der Mädchen einen Spaziergang machen, verschwinden sie plötzlich ohne eine Spur zu hinterlassen. Auch eine der Lehrerinnen ist unauffindbar. Suchexpeditionen bleiben erfolglos. Dann taucht plötzlich eines der Mädchen wieder auf, doch sie kann sich an nichts erinnern…

Zu meiner großen Schande muss ich gestehen, dass Peter Weirs großer Klassiker „Picknick am Valentinstag“ bisher immer an mir vorbeigegangen ist. Natürlich hatte ich schon eine Menge über den Film gehört und gelesen, trotzdem traf er mich nun recht unvorbereitet. Obwohl kein Horrorfilm, ist „Picknick am Valentinstag“ einer der gruseligsten Filme, die ich bisher gesehen habe. Wobei es für mich gewiss von Vorteil war, dass ich der hartnäckigen Legende aufgesessen war, dass es sich hier um die Verfilmung realer Geschehnisse handeln würde („Blair Witch Project“ lässt grüßen). Das ist leider unwahr. Der Film beruht auf dem Roman von Joan Lindsay, welcher pure Fiktion ist und auch nicht von irgendwelchen Ereignissen inspiriert.

Aber auch mit diesem Wissen ist „Picknick am Valentinstag“ ein wahrhaft unheimlicher Film, eine ganz eigene, dichte Stimmung durchzieht den Film und legt sich auf das Bewusstsein des Zuschauers. Und dann ist da auch diese drängende, sexuelle Aufladung. Aus jeder Handlung der jungen Mädchen drückt sich die Entdeckung der eigenen Sexualität aus und der gewaltige Druck der Institution, diese möglichst zu unterdrücken. Bezeichnend hierfür ist die Szene, die den Beginn des Ausfluges zum Hanging Rock zeigt. In dieser wird den Mädchen verboten, vor Verlassen der Stadt ihre Handschuhe auszuziehen. Kaum ist die Stadtgrenze passiert, beginnen die Mädchen eilig und unter großem Lachen sich der Handschuhe zu entledigen. Mehr zeigt die Szene nicht, aber man spürt unter der Oberfläche die sexuelle Spannung. Ähnliches gilt später, wenn drei der vier Mädchen, die den Hanging Rock erkunden, sich ihrer Strümpfe und Schuhe entledigen. Auch hier passiert nichts Explizites, aber man hat das Gefühl, als würden sie sich nackt ausziehen und sich gegenseitig ihre Blöße präsentieren. Selbst in der frühen Begegnung zwischen dem reichen jungen Michael und dem einheimischen Bediensteten Albert liegt eine gewisse homoerotische Spannung, die nie ausgesprochen oder direkt gezeigt wird, aber trotzdem deutlich spürbar ist. Dieser Subtext durchdringt den ganzen Film. Und sein großer Verdienst ist es, dies fühlbar zu machen, ohne irgendwas zu zeigen.

So geht er auch mit dem Horror um. Nie sieht man, was mit den Mädchen geschieht oder warum ihre Retter sich verletzen. Auch die unheimlichste Szene – die sich um die altjüngferliche Lehrerin und eine rote Wolke dreht – wird nicht gezeigt, sondern nur erzählt. Das Mysterium bietet keine logische Erklärung. Alle Versuche, das Schicksal der drei Mädchen und der Lehrerin zu erklären, verlaufen im Sand. Und gerade das Unerklärbare ist es, was den wahren Horror verbreitet. Wüsste man, dass hinter all dem ein unheimlicher Maskenmann mit Machete oder ein rächender Geist stecken würde, so wäre man doch irgendwie beruhigt. Dies wäre zwar auch unheimlich, aber „erklärbar“ und man könnte damit umgehen. „Picknick am Valentinstag“ verweigert sich aber jeder Erklärung, liefert noch nicht einmal Indizien, auf die man eine eigene Theorie stützen könnte. Diese Hilflosigkeit ist es, die einen fertig macht.

Aber der Film bietet noch viel mehr Themen, die einen beschäftigen können. Da ist die feine britische Gesellschaft, die versucht, im wilden und ungebändigten Australien ihre Rituale und Standesspielchen aufrecht zu erhalten. Rächt sich hier die Natur für den Einfall der Snobs? Oder sind es die Eingeborenen, die hier – bis auf einen kurz ins Bild gerückten Fährtenleser – sonst keine Rolle spielen? Sind es die steifen Riten der besseren Gesellschaft, die die Mädchen einschnüren (sogar wörtlich, denn mehr als einmal spielen die Korsetts der jungen Damen eine Rolle) und ihnen die Luft zum Atmen nehmen? Einer Gesellschaft, in der die Zeit stehengeblieben ist. Ist es nicht so, dass am Hanging Rock plötzlich die Uhren stehen bleiben, woraufhin die Mädchen sich aufmachen, neues Land zu erkunden und dabei für immer verschwinden?

Das Verschwinden der Mädchen beeinflusst das Leben aller und führt bei den einen zum Untergang, und bei den anderen zur Befreiung.  Klassengegensätze, sexuelle Unterdrückung, die Gefangenschaft in starren Ritualen. All dies wird in diesem mysteriösen, unheimlichen Film zusammengefasst. Dazu findet Peter Weir wahrhaft traumhafte Bilder, die zum Teil wirken, als hätte jemand einen schwülen Sommertraum auf Leinwand gemalt. Aber die schönen Bilder wirken auch extrem verstörend. Es erinnert an die Anfangsszene in David Lynchs „Blue Velvet“, wo eine klischeehaft, kitschige Vorstadtidylle gezeigt wird und dann der Schwenk auf den Boden eine unheimliche, bedrohliche Welt voller Insekten zeigt. In „Picknick am Valentinstag“ sieht man die Insekten nicht, aber man spürt sie.

Der Film wird unterstützt von einem fantastischen Soundtrack (bei dem u.a. Gheorghe Zamfirs Pan-Flöte für die rechte Stimmung sorgt) und so entsteht so eine geheimnisvolle Welt zwischen Traum und Wachen, zwischen altem England und archaischem Australien, die den Zuschauer ins Bild hineinzieht.

Koch Media hat den Film in zwei Varianten veröffentlicht. Für diese Review stand mir die einfache Ausführung zur Verfügung. Diese enthält den „Director’s Cut“, den Peter Weir einige Jahre nach der Kinoaufführung anfertigte und an einigen Stellen straffte. Das Bild ist dem Alter des Filmes entsprechend gut. Für Fans des Streifens empfehlenswerter (wenn auch ungleich teurer) ist das 3-Disc-Media-Book. Dieses beinhaltet auf DVD und BluRay den Director’s Cut, sowie nur auf DVD die ursprüngliche Kinofassung. Zudem wurden die umfangreichen Extras der amerikanischen Criterion-Fassung übernommen, darunter die fast zweistündige Dokumentation „Ein Traum in einem Traum“, eine erste Kurzfilmadaption des Romans , zahlreiche Interviews, entfallene Szenen und eine weitere 25-minütige Doku namens „Erinnerungen: Hanging Rock 1900“.

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Das Bloggen der Anderen (24-08-12)

– Das große Thema der vergangenen Woche war natürlich der Tod von Tony Scott. Viele Blogs (wie ja auch das Filmforum Bremen) haben sich damit beschäftigt, wenn auch – zumindest in Deutschland – die Beiträge eher kurz ausfielen und sich zumeist auf seinen „Top Gun“-Ruhm beschränkten. Auf „the-gaffer.de“ hat Jenny Jecke einige interessante Links zusammengetragen und auf „moviepilot.de“ auch einen Nachruf mit sieben exemplarischen Filmen verfasst.

– Ebenfalls noch Gesprächsthema: Die Top 10 Liste von „Sight & Sounds“. Dazu hat sich das „Hofbauer- Kommando“ auf „Eskalierende Träume“ mal Gedanken gemacht und eine…  etwas andere Liste erstellt. Gefällt mir 🙂

– Oliver Nöding hat sich in gefährliche Gewässer begeben und berichtet auf „Hard Sensations“ über vier aktuelle Sharxploitation-Filme.

– Auf „hypnosemaschine“ wird der rare – und mir bis dato vollkommen unbekannte – spanische Film „Morbo“ von 1972 empfohlen.

– Das „Magazin des Glücks“ stellt diesmal vier Science-Fiction-Filme der DEFA vor. Sehr interessant.

– Einen lesenswerten Veriss des „Total Recall“-Remakes schreibt Ulrich Kriest in der „filmgazette„.

– Stefan hat für seinen Blog „Equilibrium“ den Teaser-Trailer des neuen Brian-de-Palma-Thrillers „Passion“ entdeckt. Endlich wieder ein Lebenszeichen eines meiner Lieblingsregisseure. Und eine kritische Review über – den scheinbar recht missratenen – „Bad Ass“ mit Danny Trejo, gibt es auch noch zu lesen.

– Und zum Abschluss etwas lustiges. Auf „Fünf Filmfreunde“ findet man einen sogenannten „Supercut“ der schönsten Wutausbrüche der Filmgeschichte.

 

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19. Internationales Filmfest Oldenburg: Werkschau und neue Bremen-Gerüchte

Zunächst ein kurzer Hinweis auf die diesjährige Werkschau beim Internationalen Filmfest Oldenburg. Diese ist dem amerikanischen Kameramann und Regisseur Phedon Papamichael gewidmet.

Ich gebe zu, mir sagte der Name Phedon Papamichael vorher absolut gar nichts. Dabei handelt es sich bei ihm tatsächlich um einen der meist geschätzten Kameramänner des zeitgenössischen amerikanischen Films. Neben seinen eigenen Regiearbeiten stand er bei zahlreichen, zum Teil preisgekrönten, Arbeiten hinter der Kamera. U.a. arbeitete er mit so unterschiedlichen Regisseuren wie John Turtletaub, Judd Apatow, Nick Cassavetes, George Clooney und Alexander Payne (sowohl bei „Sideways“, als auch „The Descendents“) zusammen.

Der in Griechenland geborene Neffe von John Cassavetes ist Absolvent der Münchner Universität und zog mit 21 Jahren nach New York, um dort seine Karriere als Fotojournalist fortzusetzen und sich im Filmgeschäft zu etablieren. Angefangen hat er – wie so viele – bei  Roger Corman.

Leider werden diese Frühwerke aus der Film-Schmiede des legendären B-Film-Produzenten nicht innerhalb der Retrospektive gezeigt. Dafür aber Wim Wenders „The Million Dollar Hotel“, der 2000 die Berlinale eröffnete und einen Silbernen Bären gewann. Weitere Werke, die im Rahmen der Retrospektive gezeigt werden, sind seine dritte Regiearbeit „From Within“, ein psychologischer Horrorfilm, der beim Tribeca Festival 2008 Premiere hatte und mehrfach auf Festivals ausgezeichnet wurde. Diane Keatons Regiedebüt von 1995 „Unstrung Heroes“, mit Andie MacDowell, ist eine weitere Kamera-Arbeit Papamichaels, die in Cannes Premiere feierte. Zwei seiner vier Arbeiten mit Regisseur James Mangold – „Walk the Line“ mit Joaquin Phoenix und Reese Witherspoon und „3:10 to Yuma“ mit Russell Crowe und Christian Bale – runden die Retrospektive ab.

Phedon Papamichael wird vom 12. bis zum 16. September zu Gast in Oldenburg sein und seine Filme dem Publikum präsentieren.

Und noch Neues aus der Gerüchteküche. Wie ich ja bereits am 15. Juni gepostet habe, könnte Bremen tatsächlich eine Alternative für das Filmfest sein, falls die Zustände in Oldenburg weiterhin so schwierig bleiben. Neue Nahrung erhält dies Gerücht durch einen Bericht auf Seite 4 des heutigen „Bremer Anzeiger“. Dort wird diese Möglichkeit im Artikel „Endzeitstimmung auf dem roten Teppich“ noch einmal aufgegriffen. Festivalleiter Torsten Neumann wird mit den Worten zitiert: „Wir veranstalten ein Vorzeige-Kulturereignis, das Oldenburg einen guten Ruf beschert hat. Falls es sich hier nicht mehr realisieren lässt, muss man andere Wege finden“ und „Bremer Kulturschaffende und Politiker finden den Gedanken reizvoll“. Laut „Bremer Anzeiger“ sei das Thema beim Senator für Kultur bekannt und werde demnächst auch mit der Staatsrätin besprochen. Und aus der Senatskanzlei heißt es, dass es Gespräche gab und es sich lohne darüber nachzudenken, das angesehene Filmfestival in Richtung Metropolregion weiterzuentwickeln.

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Originalfassungen in Bremen: 23.08.12 – 29.08.12

Nach dem reichhaltigen Angebot der letzten Woche gibt es aktuell etwas weniger an O-Ton-Kost. Aber immerhin mehr als noch vor einigen Wochen. Da nahezu alle Filme auch schon mal in den letzten Wochen liefen, habe ich diesmal keine spezielle Empfehlung. Höchstens „Rubber“, aber da der in meiner eigenen Reihe „Weird Xperience“ läuft, verzichte ich hier mal auf die Schleichwerbung und mache lieber in den kommenden Tagen noch mal RICHTIGE Werbung 😉

Total Recall – Cinemaxx, Do.-Sa. und Mi. immer um 19:30 und Mo. um 22:50 – Remake des Paul-Verhoeven-Klassikers mit Arnold Schwarzenegger. Diesmal mit Colin Farrell in der Hauptrolle, aber die Trailer sehen dem Arnold-Film schon verdammt ähnlich. Regie führt Len Wiseman, der für die „Underworld„-Serie verantwortlich ist und den vierten „Stirb langsam“-Teil in den Sand gesetzt hat (zumindest mir hat es gar nicht gefallen). Die Kritiken sind… dürftig. Schade, da ich ein großer Philip-K.-Dick-Fan bin und eigentlich jeder Verfilmung entgegenfiebere – um in 80% der Fälle enttäuscht zu werden.

[youtube width=“640″ height=“304″]http://www.youtube.com/watch?v=yx_9uxohMTI[/youtube]

Prometheus – Dunkle Zeichen 3D – Cinemaxx, So. und Di. um 19:30 – Einer der am meisten erwarteten Filme 2012. Ridley Scotts Rückkehr zum Science-Fiction-Film und ins Alien-Universum. Bilder und Design sind beeindruckend, aus der Geschichte hätte man mehr rausholen können. Indem man z.B. auf einige zu offensichtliche Unplausibilitäten verzichtet hätte.

Merida – Legende der Highlands 3D – Cinemaxx, Sa., 25.8.. um 17:00 –  Pixar ist zurück. Der neue Film „Merida“ (im Original „Brave“) kann zwar nicht an die früheren Meisterwerke wie “Toy Story 1-3″ oder „Oben“ anknüpfen, aber das ist immer noch Jammern auf hohem Niveau.

The Dark Knight Rises – Cinemaxx, Fr., 24.8. um 21:30 – Hat mir gefallen. Meine Review gibt es hier.

We need to talk about Kevin – Schauburg, So. 21:10 und Mi. 21:30 – Finsteres Psychodrama mit Tilda Swinton und John C. Reilly über eine Mutter, die mit ihrem scheinbar grundlos bösen Sohn nicht fertig wird. Purer Horror für angehende Eltern.

George Harrison: Living in the Material World – City 46, Do. und So.-Mi. um 21:30, Fr./Sa. um 20:00 – Martin Scorseses Dokumentation über den „stillen“ Beatle.

Rubber – City 46, Fr./Sa. um 21:30 – Film über einen serienmordenden Killer…. reifen?!?!?. Läuft in unserer Reihe „Weird Xperience“ und Freitag gibt es wieder eine Einführung in den Film von Stefan und mir.

[youtube width=“640″ height=“344″]http://www.youtube.com/watch?v=6G5pyFhmAqE[/youtube]

Sneak Preview – Schauburg, Mo., 27.08., 21:45

Französische Sneak Preview, Mi., 29.05. um 18:00 Uhr in der Gondel und um 21:00 Uhr im Atlantis

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„IMAX“ Bremen: Größe der Leinwand

Gerade zur Premiere von „The Dark Knight Rises“ wurde mir vielfach die Frage gestellt: Wie groß ist eigentlich die Leinwand im Bremer „IMAX“? Ich habe mich einmal dahinter geklemmt und folgende Antwort erhalten (die Marketingfloskeln am Ende lasse ich mal drin):

Die IMAX-Leinwand im CinemaxX Bremen hat folgendes Format: ca. 9.09m x 16.90m (also 1:1.96). Bei The Dark Knight Rises werden die mit IMAX Kameras gedrehten Szenen nur im IMAX Kino vertikal auf dem Bildschirm ausgeweitet. Das heißt, das Bild im IMAX Kino ist 20% größer als in normalen Kinos – IMAX Kinos bieten daher durch glasklare, scharfe Bilder die optimale Qualität für den Film.

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Nachruf: Tony Scott (1944-2012)

Tony Scott ist tot. Die Nachricht traf mich heute morgen ziemlich. Tony war der kleine Bruder von Ridley Scott und stand – meiner Meinung nach völlig ungerechtfertigt – immer in dessen großem Schatten. Dabei war Tony eigentlich der zuverlässigere von beiden. Während Ridley mit großen und ambitionierten Projekten oftmals eine kommerzielle und künstlerische Bauchlandung („White Squall„, „Die Akte Jane„) hinlegte, waren Tonys Filme – wenn auch keine allgemein anerkannte Klassiker wie „Alien“ oder „Blade Runner“ darunter waren – von zumeist gleichbleibend hohem Niveau. Und sollte einer seiner Filme mal keinen bleibenden Eindruck hinterlassen haben, unterhielten sie aber immer noch spannend und handwerklich sauber. Auch vor Experimenten schreckte Tony Scott nicht zurück und ließ 2004/2005 mit „Man on Fire“ und „Domino“ wahre Bildertornados mit schrägen Ideen auf das unvorbereitete Publikum los, welches diese Filme entweder mit Unverständnis oder großem Jubel (zur letzteren Fraktion gehörte ich) in die Arme schloss.

Schon mit seinem Spielfilmdebüt, der Vampir-Tragödie „Begierde“ von 1983, zeigte Tony Scott, dass er weit mehr war, als nur der „kleine Bruder“. Noch heute ist das, mit Catherine Deneuve, Susan Sarandon und David Bowie genial besetzte Werk, einer der schönsten Vampirfilme überhaupt. 1986 folgte der große Durchbruch in die A-Liga der Regisseure: „Top Gun“ wurde einer der Filme, welche das Lebensgefühl der 80er definierten. Scotts Stil inspirierte zahlreiche Nachahmer, die aber nie seine Perfektion erlangten. Mit „Beverly Hills Cop 2“ und „Tage des Donners“ lieferte er solide Ware ab und festigte seinen Ruf als Routinier.

Aber die Meisterwerke sollten noch folgen: Mit dem Neo-Noir „Last Boy Scout“ (1991, bis heute mein liebster Bruce-Willis-Film, noch vor „Stirb langsam„) brannte er ein Coolness-Feuerwerk sondergleichen ab und blieb trotzdem den Wurzeln des Film Noir treu. „True Romance“ (1993), nach dem Drehbuch des damals noch unbekannten Quentin Tarantino, ist voll mit unvergesslichen Szenen, für die sich Scott auch schon mal bei John Woo bediente, und war der erste waschechte Tarantino-Film – ohne dass Tarantino hinter der Kamera stand. Weiter ging es mit „Crimson Tide“ (1995), „Staatsfeind Nr.1“ (1998) und „Spy Game“ (2001).

Tony Scott war ein echter „Auteur“, der zwar nicht die Drehbücher seiner Filme verfasste, aber jedem Stoff seinen ganz eigenen Stempel aufdrückte. Einen Tony-Scott-Film erkennt man immer, er ist unverwechselbar. Die konsequente Farbgebung (das kalte Hellblau von „Staatsfeind Nr.1“ oder das kräftige Orange, welches seine frühen Filme prägte. Die innvovativen Schnitte und seine Hauptfiguren. Profis allesamt, die an die Hawks’schen Helden gemahnen.

Bei „Man on Fire“ hatte er dann „seinen“ Hauptdarsteller gefunden. Mit Denzel Washington sollte er seine letzten drei Filme drehen: „Deja Vu“ (2006), „Die Entführung der U-Bahn Pelham 1 2 3“ (2009) und „Unstoppable – Ausser Kontrolle“ (2010). Der am 21. Juni 1944 in Northcumberland geborene Tony Scott setzte seinem Leben gestern durch einen Sprung von der Vincent-Thomas-Brücke in San Pedro, Los Angeles, aus bisher unbekannten Gründen ein Ende. Er wird fehlen.

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Die „Sight & Sound“-Liste der 10 besten Filme aller Zeiten (2012)

Nicht ganz tauschfrisch, aber vielleicht hat es der eine oder andere noch nicht mitbekommen. Seit 1952 veröffentlicht die Filmzeitschrift des Britischen Filminstituts, „Sight & Sounds„, alle 10 Jahre eine Liste mit den – nach Meinung von weltweit befragten Filmkritikern – besten Filmen aller Zeiten.

Ich halte ja von solchen Listen nicht so viel und werde mich jetzt auch nicht in den Reigen derjenigen einreihen, die augenblicklich eine „Gegenliste“ mit den „wirklichen Top 10 aller Zeiten“ posten. Ich behaupte mal, dass man einerseits solch einen Anspruch gar nicht erheben kann, wenn man nicht alle Filme aus allen Jahren und Ländern gesehen hat (was natürlich unmöglich ist) und so etwas andererseits auch immer eine subjektive Geschichte ist, die oftmals auch von der Tagesform und persönlichen Vorlieben geprägt ist. Ich glaube, müsste ich so eine Liste erstellen, würde sie alle zwei Tage grundlegend anders aussehen.

Nichtsdestotrotz finde ich solche Listen aber als „Inspirationsquelle“ immer ganz interessant. Mit der Liste selber kann ich gut leben. Immerhin befinden sich mit „Vertigo“, „Citzen Kane“, „Sonnenaufgang“ und „Der Mann mit der Kamera“ gleich vier persönliche Lieblingsfilme mit drauf. „2001“ und „8 1/2“ mag ich auch sehr. Nur „Der schwarze Falke“ halte ich nach wie vor für etwas überbewertet. Wenn Ford, dann „Der Mann, der Liberty Valance erschoss„. Und ich muss jetzt endlich mal diesen Ozu-Film gucken und mir die „Arthaus-Edition“ von „Die Passion der Jungfrau von Orléans“ besorgen.

Hier sind also die Top 10 der „Sight & Sounds“-Liste mit einem neuen Spitzenreiter.

1: Vertigo – Aus dem Reich der Toten (Alfred Hitchcock, 1958)

2: Citizen Kane (Orson Welles, 1941)

3: Die Reise nach Tokyo (Yasujiro Ozu, 1953)

4: Die Spielregel (Jean Renoir, 1939)

5: Sonnenaufgang – Lied von zwei Menschen (Friedrich Wilhelm Murnau, 1927)

6: 2001: Odyssee im Weltraum (Stanley Kubrick, 1968)

7: Der Schwarze Falke (John Ford, 1956)

8: Der Mann mit der Kamera (Dziga Wertow, 1929)

9: Die Passion der Jungfrau von Orléans (Carl Theodor Dreyer, 1928)

10: (Federico Fellini, 1963)

 

Neben den Kritikern haben auch die Regisseure ihre besten Filme gewählt. Die Liste sieht etwas anders aus.

1: Die Reise nach Tokyo (Yasujiro Ozu, 1953)

2: 2001: Odyssee im Weltraum (Stanley Kubrick, 1968)

2: Citizen Kane (Orson Welles, 1941)

4: (Federico Fellini, 1963)

5: Taxi Driver (Martin Scorsese, 1976)

6: Apocalypse Now (Francis Ford Coppola, 1979)

7: Der Pate (Francis Ford Coppola, 1972)

7: Vertigo – Aus dem Reich der Toten (Alfred Hitchcock, 1958)

9: Der Spiegel (Andrei Tarkowski, 1975)

10: Fahrraddiebe (Vittorio de Sica, 1948)

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DVD-Rezension: “Shame“

Brandon ist gutaussehender Mittdreißiger mit einem guten Job in New York. Er weiß, wie man bei Frauen landet und macht davon auch reichlich Gebrauch. Brandon ist sexsüchtig. Hat er mal keinen One-Night-Stand, dann bestellt er sich Prostituierte oder sieht sich Pornos im Internet an. Als eines Tages seine Schwester, die emotional labile Sängerin Sissy, vor der Tür steht und ein paar Tage in seiner Wohnung bleiben möchte, beginnt Brandon die Kontrolle über sein perfekt getaktetes Leben zu verlieren…

Nach dem großen Erfolg des Gefängnisdramas „Hunger“ ist „Shame“ nun bereits die zweite Kollaboration des britischen Regisseurs Steve McQueen und des in Heidelberg geborenen Deutsch-Iren Michael Fassbender. Wieder ist es eine Geschichte über Extreme, die den Schauspieler Fassbender – nachdem er sich für „Hunger“ bis auf die Knochen abmagerte – wieder psychisch und physisch fordert.

„Hunger“ war der große Durchbruch Fassbenders, der ihm die Türen zu Großproduktionen wie „Inglourious Basterds“, „X-Men: First Class“ oder – aktuell im Kino – „Prometheus“ aufstieß. In „Shame“ spielt er einen Sexsüchtigen. Und was McQueen hier seinem Darsteller abverlangt, ist – wie gesagt – extrem. Nicht nur körperlich zeigt sich Fassbender nackt, er offenbart auch seine Seele. Bis in die tiefsten Abgründe seiner Figur lässt er den Zuschauer blicken. Oftmals vergisst man, dass man hier „nur“ einem Schauspieler zusieht, so natürlich, kontrolliert und ungeniert zeigt sich Fassbender dem Publikum.

Auf den reißerischen Zitaten auf dem Cover wird „Shame“ mit „American Psycho“ verglichen und dieser Vergleich ist gar nicht so weit hergeholt. Ähnlich wie Patrick Bateman, lebt auch Brandon ein leeres Leben. Und wie Bateman, hat auch er sich ein Ventil für seine Begierden geschaffen, die jeden seiner Gedanken, jeden seiner Pläne, jede seiner Handlungen bestimmen. Zwar bringt Brandon niemanden um, aber die Art und Weise, wie er seine „Opfer“ aussucht und ihnen Fallen stellt, hat schon etwas von einem Serienkiller. Auch Brandon hat sein System über die Jahre perfektioniert. Dies wird am deutlichsten, wenn er mit seinem Chef loszieht, der in der Manier eines Schmalspur-Casanovas versucht, mit billigen Sprüchen attraktive Frauen aufzureißen. Brandon beobachtet dieses Spiel mit einem amüsierten, siegesgewissen Lächeln. Er weiß, sein Boss hat keine Chance. Und tatsächlich ist er es, der wenig später Sex mit einer der Auserkorenen hat, während sein Boss schon allein auf dem Weg zu seiner Familie ist.

Auch für die Zeit zwischen seinen One-Night-Stands und den Prostituierten hat Brandon minutiös geplant. Der Laptop mit den Pornoseiten, die Mastrubationsrituale am Morgen und im Büro. All dies geschieht mechanisch ohne jegliche Leidenschaft. Brandon ist ein Getriebener seiner Sucht, der keine Lust, sondern nur noch Befriedigung erfahren kann. Als dann einmal echte Gefühle dazwischen kommen, und er tatsächlich mal so etwas wie Sympathie für einen Mitmenschen entwickelt, muss er zwangsläufig versagen. Diese Situation überfordert ihn dann derartig, das sie zu einem sexuellen Amoklauf führt, bei dem er mehr zu verlieren droht, als nur seine Potenz.

Brandons sorgfältig auf seine Sucht ausgelegtes Leben erfährt einen radikalen Schock, als sich seine Schwester Sissy – äußert lebendig und explosiv von Carey Mulligan gespielt, die auch gerade in „Drive“ eine hervorragende Figur macht – bei ihm einquartiert. Sie ist das genaue Gegenteil des kühl berechnenden und gefühlskalten Brandon. Sissy ist impulsiv, hoch emotional und dabei doch genauso verloren wie er. Während Brandon alles tut, um seine Umwelt an seiner äußeren Schale abprallen zu lassen, sucht Sissy ständig den Kontakt zu ihren Mitmenschen, um ihnen ihr Innerstes zu offenbaren. Damit stellt sie für Brandons Welt eine Gefahr dar. Durch sie kommen die Menschen zu nah an ihn heran.

Einmal stimmt Sissy in einer wunderbaren, in Echtzeit und ohne große Schnitte gedrehten, Szene, in einer Edel-Lounge eine sehr langsame, jazzig und höchst gefühlvolle Version von „New York, New York“ an. Man sieht wie unangenehm es Brandon ist, mit den Gefühlen dieses ihm nahestehenden Menschen konfrontiert zu werden. Er windet sich und möchte am liebsten davon laufen. Als Sissy sich dann noch von den plumpen Verführungsversuchen seines Chefs beeindrucken lässt und in Brandons Wohnung mit diesem schläft, bricht seine Welt ein Stück weit zusammen. Doch wieder sucht er nicht die Konfrontation, sondern läuft lieber einsam durch die Nacht (wieder eine eindrucksvoll gefilmte Szene). Anders kann er seinen Gefühlen, seiner Wut, seiner Enttäuschung keinen Ausdruck verleihen. Brandon ist ganz Körper, was in ihm brodelt, lässt er auch nur durch seinen Körper hinaus. Die Kamera unterstützt diese abweisende Einsamkeit. Die Bilder sind grün-bläulich, kalt. Auch Brandons Wohnung ist karg bis auf die wenigen Accessoires seiner Ablenkung. Seinen Fernseher, die Plattensammlung und natürlich der immer griffbereite Laptop.

Für einen Film, der viel nacktes Fleisch und wüsten Sex zeigt, ist er merkwürdig unerotisch. Sex ist nur eine automatisierte Handlung, wie Bügeln oder Kaffeekochen. Die einzige Ausnahme ist die Szene zwischen Brandon und seiner Arbeitskollegin, für die er vorsichtige Gefühle hegt. Diese endet für ihn in einer gewaltigen Frustration, die einen wahrhaft selbstzerstörerischen Sex-Amoklauf nach sich zieht. Hier zeigt sich überdeutlich die Botschaft des Filmes: Ohne Liebe und Zuneigung kannst Du kein glücklicher Mensch sein. Hab den Mut, Dich Deinen Gefühlen zu stellen.

Mit „Shame“ ist Steve McQueen nach „Hunger“ ein weiterer großer Wurf gelungen, der nicht nur technisch überzeugt, sondern auch von einem grandiosen Schauspielerensemble (allen voran Fassbender und Mulligan) getragen wird. Man darf gespannt sein, was sein nächster Film „Twelve Years a Slave“ bringen wird, der von einem Mann handelt, der im 18. Jahrhundert in New York gekidnappt wird und sich auf einer Sklavenfarm im Süden wiederfindet. Fassbender ist auf jeden Fall wieder an Bord.

Leider kann ich die DVD von Prokino wieder nicht richtig besprechen, da mir nur ein Pressemuster  mit reduzierter Bild- und Tonqualität vorliegt, bei dem das Bild zusätzlich noch links durch ein riesiges Prokino-Logo und rechts durch einen gewaltigen Timecode-Balken verunziert ist (darum diesmal auch keine Screenshots, sondern nur offizielle Pressebilder). Ich hoffe aber, dass sich die Tonabmischung beim finalen Produkt noch verbessert, denn die Musik ist gegenüber den Dialogen viel zu laut abgemischt. Als Extras gibt es zwei ultrakurze Interview-Vignetten (3:13 und 2:34 Minuten), die in dieser kurzen Zeit natürlich keinen wirklichen Erkenntnisgewinn bringen können und daher, meiner Meinung nach, überflüssig sind. Allerdings kann man hier kurz den O-Ton hören (die Presse-DVD hatte nur deutschen Ton) und dieser ist unbedingt vorzuziehen. Allein schon wegen Carey Mulligans toller rauchig-rauer Stimme.

Die DVD und BluRay sind ab dem 13. September im Handel erhältlich.

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Das Bloggen der Anderen (17-08-12)

Es ist ja immer sinnvoll, auch mal über den eigenen Tellerrand zu schauen. Daher starte ich eine neue Reihe innerhalb des „Filmforum Bremen“. Unter dem Titel „Das Bloggen der Anderen“ suche ich die – subjektiv – interessantesten Artikel aus den anderen deutschsprachigen Filmblogs zusammen. Mein Ziel ist es, diese Link-Sammlung immer am Ende der Woche online zu stellen. Da das Ganze allerdings recht zeitintensiv ist, weiß ich nicht, ob ich diese, mir selbst gestellte, Vorgabe immer einhalten kann. Ich gucke jetzt erst einmal, wie es so läuft und wie die Resonanz ist.

– Auf  „Die seltsamen Filme des Herrn Nolte“ wird einer meiner liebsten polnischen Filme, nämlich „Die Handschrift von Saragossa“ von Wojciech Has besprochen.

– Das „Magazin des Glücks“ stellt fünf Filme des großen russischen Regisseurs Michail Kalatosow und noch einmal drei von Grigori Tschuchrai vor.

– Nette Idee: 28 Jahre Martin Scorsese in 25 Bildern auf filmspoons.de. Desweiteren: Die besten 10 Filme aller Zeiten, nach Ansicht von Francis Ford Coppola und Guillermo del Toro.

– Auf „Eskalierende Träumebespricht Robert in der Reihe „100 Deutsche Lieblingsfilme“ den  1987 von Eva Hiller gedrehten Film „Aquaplaning“. Und auch ein älterer Eintrag vom 5. August soll hier erwähnt werden: Der große alte Mann des europäischen Exploitationkinos, Jess Franco, hat scheinbar letzten Monat zwei neue Filme abgedreht und zudem einen bisher unveröffentlichten Film von 2007, namens LA CRIPTA DE LAS MUJERES MALDITAS, zu zwei weiteren Filmen umgeschnitten.

– Auf „Reihe Sieben“ gibt es einen Pitch-Trailer für ein (mittlerweile leider abgelehntes) „Daredevil“-Projekt  von Joe Carnahan, dem Regisseur von „The Grey“, zu sehen.

– In der „filmgazette“ ist eine ernüchternde Vorabkritik des nächste Woche in Deutschland anlaufenden „Total Recall“-Remakes zu lesen.

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DVD-Rezension: “Tausendschönchen”

Die Welt ist verdorben, also beschließen die beiden jungen Mädchen Marie und Marie, ebenfalls so verdorben wie möglich zu sein. Sie nehmen ältere Herren aus, stopfen sich mit Essen voll, machen sich über andere lustig und einmal zerschneiden sie sich auch gegenseitig. Die Welt von Marie & Marie ist vollkommen aus den Fugen, kann das ein gutes Ende mit den beiden nehmen?

Im Film „Tausendschönchen“ der tschechischen Regisseurin Vera Chytilová regieren Anarchie und Chaos. Doch anders als in Filmen mit einem männlichen Blickwinkel, drücken sich diese nicht durch Hass und Gewalt aus, sondern durch einen verspielten Zerstörungstrieb, der auf merkwürdige Art positiv und lebensbejahend wirkt.

In einigen Reviews werden Marie I (Ivana Karbanová als eine Mischung aus Kobold und Elfe) und Marie II (die niedliche Jitka Cerhová, die entfernt an die sehr junge Claudia Cardinale erinnert) mit Pippi Langstrumpf und ihrem anarchistischen Motto „Ich mach mir die Welt wie sie mir gefällt“ verglichen. Viel mehr aber noch erinnern die beiden an ein, ebenfalls gegen die gesellschaftlichen Konventionen aufbegehrendes, Pärchen aus deutschen Landen: Wilhelm Buschs Max & Moritz, Wie diese denken sich Marie & Marie ständig Schabernack, nur um des Schabernacks willen, aus. „Die Welt ist verdorben, also wollen wir es auch sein“. Das ist ihr Motto. Eine andere Agenda haben sie nicht. Keine politischen Ideale, nur der eigene Spaß ist ihr Antrieb. Somit ist der Film auf interessante Weise ambivalent und lässt sich gleich auf zwei Arten lesen. Sind Marie & Marie Revoluzzer? Rebels without a cause? Revoltieren sie gegen die Moralvorstellungen und Werte der Gesellschaft und nehmen sich, was ihnen zusteht, aber von der Obrigkeit verweigert wird? Oder sind sie, im Gegenteil, rücksichtslos hedonistische Kapitalisten, denen ihre Umwelt egal ist, solange sie nur das bekommen, was sie in zügelloser Gier verschlingen können (man denke hier nur an die zahlreichen Ess-, ja Fressszenen). Gerade die Schlussszene, in der sie minutenlang Essen in sich hineinstopfen, damit herumwerfen und es schließlich lustvoll zertreten, würde solch einen, eher konsumkritischen, Ansatz durchaus bestätigen. Am Ende ergeht es ihnen dann, wie den bereits angesprochenen Max & Moritz. Sie werden zwar nicht zerschreddert und von Hühnern aufgepickt, aber ihr Ende ist doch ähnlich konsequent. Aufruf zur Rebellion gegen Moral und Werte oder gerade Kritik daran, das kann jeder für sich entscheiden.

Ebenso, ob er die beiden jungen Protagonisten nun amüsant oder nervig findet. Auch hier sind beide Lesarten erlaubt. Worüber aber Einigkeit herrschen sollte, ist, dass „Tausendschönchen“ ein vor Lebensfreude und verrückten Einfällen übersprudelnder Film ist. Denn Anarchie und Chaos regieren nicht nur in der Welt von Marie & Marie, sondern auch die Bildsprache Vera Chytilovás. In „Tausendschönchen“ probiert sie alle denkbaren und auch undenkbaren Filmtechniken aus. Das kann in einem Moment an ihren großen Landsmann Jan Svankmajer erinnern, in dem nächsten dann an Buñuel. An den filmtheoretischen Godard Mitte/Ende der 60er oder Louis Malles grandiosen „Zazie“. Auch vor Experimentalfilmtechniken scheut Frau Chytilová nicht zurück. Überbelichtung, Super8, Farbmanipulationen. Was immer Vera Chytilová gerade in dem Kopf kommt, wird in explosive Bilder umgesetzt. Und nicht nur im Bild, sondern auch auf der Tonspur schöpft Vera Chytilová aus dem Vollen und kommentiert einige Szenen durch verfremdete, überlaute oder ironische Geräusche und Musik. Sie agiert hier ebenso sprunghaft, provozierend und mit der gleichen „Lass-uns-mal-machen“-Attitüde wie ihre beiden Heldinnen. Sie zerschmettert mit einer kindlich-diabolischen Freude konventionelle Erzähltechniken und ersetzt sie durch ein Feuerwerk an intuitiven Experimenten.

Neben Marie & Marie gibt es keine anderen Hauptcharaktere in diesem Film. Ab und zu werden alternde Galane gezeigt, die von den Beiden skrupellos ausgenommen werden. Einmal verliebt sich ein Schmetterlingssammler in Marie I, nur um von den Beiden umgehend lächerlich gemacht zu werden. Und in einer eindrucksvollen Slapstick-Szene verderben die Zwei einem Tänzer-Pärchen den Auftritt, indem sie sich hemmungslos betrinken und durch ihr Geblödel die Aufmerksamkeit des Publikums allein auf sich lenken.

Am Ende treffen sie auf einen Bauern und auf mehrere ältere Arbeiter, die mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren. Für Marie & Marie unfassbar, werden sie von diesen Menschen vollkommen ignoriert. Stehen diese Menschen für das Alter, die Konservativen? Diejenigen, die mit den Bedürfnissen und Wünschen der Jugend nichts anfangen können und für die diese somit unsichtbar bleiben? Oder – wiederum denkbar – für die Menschen, die täglich um ihren Lohn kämpfen müssen und schon von daher mit dem Egoismus und der Verdorbenheit um der Verdorbenheit willen nichts anzufangen wissen. Wiederum lässt der Film beide Deutungen zu. Marie & Marie – Helden des Protests oder verantwortungslose Übertäter. Genauso wie einst bei Wilhelm Busch, bleibt das dem Zuschauer und seiner Einstellung überlassen. Und wie bei Max & Moritz ist nur eins gewiss: Alles Handeln hat seine Konsequenzen.

Wieder einmal kann man das Label „Bildstörung“ nicht genug in den Himmel loben. Nicht nur bringen sie ein weiteres Juwel der tschechischen Nouvelle Vague (nach „Der Leichenverbrenner“ und „Valerie – Eine Woche voller Wunder“ nun schon der dritte Titel!) endlich auch in Deutschland Markt. Nein, der Film wird auch in solch einer hervorragenden Bildqualität präsentiert, dass ich oftmals dachte, ich hätte die BluRay eingelegt. Um das Paket dann noch perfekt abzurunden, gib es, neben einem Audiokommentar von Daniel Bird und Peter Hames, noch eine sehr informative, 27-minütige Dokumentation mit dem Titel „Ungezogene junge Leute“ und ein 24-seitiges Booklet mit zwei höchst informativen Essays von Martin Gobbin und Daniel Bird. Wahlweise kann man den Film im Original mit deutschen Untertiteln oder in einer deutschen Synchronfassung sehen. Wobei die Untertitel vorzuziehen sind, auch wenn diese zeitweise leicht vom Originaltext abweichen – soweit ich das mit meinen nur sehr begrenzten Tschechisch-Kenntnissen beurteilen kann. Die deutsche Synchronfassung ist solide, klingt aber etwas „künstlich“.

Die Amaray steckt wieder in einem stabilen Schuber, der mit einem wunderhübschen Covermotiv verziert ist. Das verunstaltende FSK Logo kann man dadurch loswerden, dass man die äußere Hülle des Schubers entfernt. Darunter befindet sich das Motiv noch einmal in ganzer Pracht und ohne störendes FSK16-Siegel. Wer ein paar Euro mehr für die Limited Edition auf den Tisch legt, erhält noch die Soundtrack-CD dazu. Diese enthält auf 33:33 Minuten verteilte 17 Tracks, die ebenso eigenwillig sind, wie der Film selber. Zu hören sind zumeist zirkusartige Melodien, die an Fellini-Filme erinnern oder experimentelle Stücke. Bravo, Bildstörung und danke. Ich hoffe, dieses Nischen-Label bleibt und noch lange erhalten und versorgt den Filmliebhaber weiterhin mit solch interessanten Fundstücken der Filmgeschichte. Als nächste Veröffentlichungen sind der französische „Don’t Deliver Us From Evil“ und „Henry – Portrait of a Serial-Killer“ angekündigt.

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