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DVD-Rezension: „Kosmische Reise“

Von , 27. März 2019 21:59

Moskau. 10 Jahre in der Zukunft. 1946. Der alte Wissenschaftler Pavel Sedikh (Sergei Komarov) hat zwei Raketen gebaut und plant nun, mit einer von ihnen als erster Mensch zum Mond zu fliegen. Sein Vorgesetzter Professor Karin (Vasili Kovrigin) versucht diesen Plan in letzter Sekunde zu verhindern, da vorherige Testflüge für ihn ergaben, dass ein Mensch diese Belastung nicht aushalten würde. Sedikh sieht das aber anders und es gelingt ihm mit Hilfe des 10-jährigen Andryusha (Vassili Gaponenko) und seiner Mitarbeiterin Marina (Ksenya Moskalenko) an Bord zu kommen. Zu dritt starten sie die Rakete und machen sich auf den Weg zum Mond…

Als ich im Oktober 2015 meinen ersten Artikel als Redakteur der 35 Millimeter Retro-Filmmagazin schrieb, unterlief mir ein kleiner Fehler, der sogleich von einem Leser aufgegriffen wurde. Ich schrieb über den Film „Aelita“ und nannte ihn „den einzigen sowjetischen Science-Fiction-Film der Stummfilmzeit “. Was denn mit „Kosmische Reise“ sei, fragte daraufhin ein kundiger Leser nach. Nun, ich musste zugeben, dass mir dieser Film bis dato vollkommen unbekannt war, und ich auch bei meinen Recherchen nicht drüber gestolpert bin, da ich der Annahme war, dass ein Film von 1936 kein Stummfilm mehr sein könne. Vor Kurzem ist „Kosmische Reise“ bei der edition filmmuseum erschienen, und ich konnte mich selbst davon überzeugen, dass ich nicht nur falsch lag, sondern auch ein Werk verpasst hatte, welches mich nun stark beeindruckte. In „Aelita“ wird die Raumfahrt nur in einer Nebenhandlung abgewickelt und entpuppt sich zudem als Fantasie. Der Film bleibt durch die im wahrsten Sinne des Wortes phantastischen Dekors, sowie der ausgefallen Kleidung im Gedächtnis und erinnert stark an einen expressionistischen Traum erinnert. Demgegenüber beeindruckt „Kosmische Reise“ durch seinen Realismus. Das Moskau einer damals nicht allzu fernen Zukunft wirkt nicht gänzlich übertrieben, sondern scheint sich an einer leicht futuristischen Version amerikanischer Metropolen zu orientieren. Auch das Raumschiff, die Schwerelosigkeit, die Raumanzüge und das „Springen“ bei der Fortbewegung auf dem Mond sind nicht soweit von dem entfernt, was man 1969 beim ersten realen Flug zum Mond zu sehen bekam. Dass die Crew den Flug in einer Art Schlafkammer verbringt, ist spätestens seit „Alien“ ein beliebtes Motiv und wird noch heute teilweise 1:1 so in anderen Science-Fiction-Filmen verwendet. Lediglich die bergige Mondlandschaft sieht – zumindest in den Bildern, die ich kenne – in Realität sehr viel flacher und trostloser aus.

In „Kosmische Reise“ steht auch tatsächlich die Wissenschaft im Vordergrund. Auf Firlefanz wie Außerirdische Lebensformen wird komplett verzichtet. Für einen sowjetischen Film ungewöhnlich: Es wird nicht ständig mit dem Ideologie-Hammer auf einen eingedroschen. Zwar heißt die Rakete zum Mond „Joseph Stalin I“ und am Ende darf der Professor noch eine pathetischen Rede halten. Aber generell hat man nicht das Gefühl, dass man indoktriniert werden soll. Was bei „Aelita“ mit seiner Mars-Revolution nicht unbedingt der Fall war. In dem sehr lesenswerten Booklet-Text von Alexander Schwarz wird zwar darauf hingewiesen, dass der Film durchaus stalinistischen Geist atmet und hier die Überlegenheit der sowjetischen Wissenschaft und deren Aufgabe innerhalb einer kommunistischen Weltrevolution herausgestellt werden soll. Bis auf die Tatsache, dass die Protagonisten Sowjets sind, die Namen der Raumschiffe und die rote Fahne, die auf dem Mond gehisst wird, ist dieser Aspekt mit dem Abstand mehrere Jahre (und dem Tod des Kommunismus als Klassenfeind) aber nicht mehr besonders auffällig oder stößt einem auf. Außerdem sind die amerikanischen Produktionen der 50er in Sachen Patriotismus kein Deut besser. Im Gegenteil. So kann man „Kosmische Reise“ heute als überraschend realistischen, in seinen Trickaufnahmen für die Zeit beeindruckenden Sciene-Fiction-Film genießen. Die Tricktechnik ist für einen Film der 30er Jahre makellos (wenn die Kosmonauten schwerelos im Raumschiff hin und her fliegen) oder erinnert teilweise an Ray Harryhausen (wenn sie auf dem schwerelosen Mond spazieren gehen, kleine Figuren im Stop-Motion-Verfahren meterhoch hüpfen und sich Abgründe hinunterstürzen). An den liebevollen und aufwändigen Details mag man sich kaum satt sehen. Dass diese so viel von dem vorwegnehmen, was man bei echten Raumfahrtmissionen sehen konnte, liegt an dem Wissenschaftler Konstantin Tsiolkovsky, auf dessen Roman „Vne Zemlider“ sich der Film als Vorlage beruft und bei den zwei-jährigen Dreharbeiten beratende zur Seite stand. Der Autodidakt setzte sich bereits seit 1885 (!) intensiv mit der Möglichkeit und technischen Durchführung von Raumfahrten auseinander und gilt als Wegbereitern der Raumfahrt und Begründer der modernen Kosmonautik. Leider erlebte er die Premiere von „Kosmische Reise“ nicht mehr.

Obwohl Regisseur Vasili Zhuravlyov es immer bestritten hat, ist „Kosmische Reise“ sehr deutlich von Fritz Langs „Die Frau im Mond“ inspiriert, welcher eine recht ähnliche Geschichte mit mehr oder weniger identischer Figurenkonstellation erzählt. Im Vergleich werden aber auch die Unterschiede sehr deutlich. Während Langs Film bei der Gestaltung des Mondes weniger Wert auf akkurate Wissenschaft legte, so hatte seine Geschichte doch etwas, was „Kosmische Reise“ deutlich fehlt: Einen Bösewicht. In „Kosmische Reise“ ist die einzige Figur, welche die Reise zum Mond vereiteln will, die des Professor Karin. Dieser handelt aber nicht aus niederen Beweggründen, sondern weil er sich ernsthaft Sorgen um die Sicherheit der Mission macht. Zwar kann man argumentieren, dass es eben im Weltbild des Sozialismus eben keine bösen Sowjets gibt, aber man hätte da ja dann einen Amerikaner oder Deutschen als Antagonist einbauen können. Da (natürlich) auch keine gefährlichen Mondbewohner auftauchen, fehlt es dem Film hier etwas an Spannung. Zwar gibt es das Problem mit Sauerstoff und Brennstoff, um zur Erde zurückzukehren, dieses wird aber auch eher unspektakulär abgehandelt und man hat nicht das Gefühl, hier könnte es zur lunaren Katastrophe kommen. Nichtsdestotrotz bietet „Kosmische Reise“ über seinen filmgeschichtlichen Wert und die beeindruckende Tricktechnik hinaus gute Unterhaltung mit eben ein wenig Spannung, etwas Action und einer Priese Humor (besonders die Szenen zwischen Sedikh und der ihm warme Wäsche für die Mondreise einpackende Ehefrau sind absurd-komisch).

Die DVD aus der edition filmmuseum ist wieder einmal ein Traum. Zwar birst sie nicht – wie die kürzlich besprochene Doppel-DVD „Liebelei“/“Lola Mondez“ – vor Extras, trotzdem hat man das Gefühl, dass man mit dieser Veröffentlichung alles in der Hand hat, was man zum Verständnis und der filmhistorischen Einordnung des Filmes braucht. Neben dem sehr ausführlichen und informativen 20-seitigen zweisprachigen Booklet mit einem Essay von Alexander Schwarz ist das der 10-minütige, avantgardistische Kurzfilm „Meplanetnaja revoljucija“ (Interplanetarische Revolution) von 1924, den Zenon Komissarenko, Jurij Merkulov und Nikolaj Chodataev umsetzten. Dieser propagandistischer Science-Fiction-Kurzfilm spielte eine wichtige Rolle auf dem Weg zu „Kosmische Reise“, wie man im Booklet nachlesen kann. Die Musik hier stammt von Masha Khotimski. Beim Hauptfilm kann man sich zwischen einem vollen, epischen Orchestersound (der mich leicht an Goldsmiths „Star Trek – The Motion Picture“-Score erinnerte) von Neil Brand und einem sehr viel sparsamere, live eingespielte Klavierbegleitung durch Richard Siedhof entscheiden. Hier hat mir der Brand-Score deutlich besser gefallen, da er die Wucht der Bilder besser komplementierte. Aber das ist Geschmackssache. Das Bild ist bis auf wenige altersbedingte Schwächen gut. Die Edition wurde übrigens von der Filmdienst-Redaktion mit dem Silberling 2018 ausgezeichnet.

Zuletzt ein Tipp: Bei meiner Recherche bin ich auf diesen englischsprachigen Artikel gestossen: https://scifist.wordpress.com/2014/11/21/cosmic-voyage/ in dem sehr ausführlich auf den Film und seine Produktionsgeschichte eingegangen wird. Überhaupt ist die Seite Scifist für Freunde des Science-Fiction-Films ausgesprochen informativ.Schade, dass der letzte Artikel hier aus dem März 2017 stammt, und die Seite scheinbar nicht mehr fortgeführt wird.

Blu-ray Rezension: „Es ist schwer ein Gott zu sein“

Von , 16. Januar 2016 16:54

schwergottDer Planet Arkanar ähnelt der Erde in der Zeit vor 800 Jahren. In der Erwartung, hier die Geburt einer Renaissance mitzuerleben, wird von der Erde eine Gruppe Wissenschaftler nach Arkanar geschickt. Sie geben sich als adlige Nachkommen lokaler Gottheiten aus und leben unerkannt unter den Einwohnern Arkanars. Ihre Aufgabe ist es, die dortige Entwicklung aufzuzeichnen und ihre Berichte zur Erde zu übertragen. Dabei dürfen sie aber niemals in das Geschehen eingreifen, sondern müssen unter allen Umständen passive Beobachter bleiben. Doch es kommt anders als gedacht. Die Mitglieder der Universität werden ermordet, die Renaissance findet nicht statt. Stattdessen werden die Bücherfreunde und Intellektuellen von den grauen Truppen verfolgt und niedergemetzelt. Dem als Don Rumata getarnten Wissenschaftler Anton (Leonid Yarmolnik) fällt es unter diesen Umständen immer schwerer, seine Neutralität zu wahren…

Es ist schwer ein Gott zu sein“ gehört zu jenen Filmen, die einen erst einmal sprachlos, ja sprach-unfähig machen. Was soll man schreiben, wenn der Kopf noch vollgestopft ist mit Bildern, sich der Körper gerädert anfühlt und man nicht sagen kann, ob das Grummeln im Bauch nun die Begeisterung und das Unwohlsein ist. Aleksei German hat mit seinem letzten Film ein Monster geschaffen und wenn man prosaisch sein möchte – und sich ein wenig die Tatsachen zurechtbiegt – könnte man behaupten, es wäre ein Monster, welches ihn schließlich umgebracht hat. Seit dem Ende der 60er Jahre hatte German vor, die Geschichte der beiden russischen Science-Fiction-Autoren Arkadi und Boris Strugatzki zu verfilmen. Er hat dann in den 70ern und 80ern immer wieder neue Anläufe genommen, und immer wieder schien das Projekt kurz vor dem Beginn zu stehen, bis dann das Schicksal oder die Weltpolitik zuschlugen und die Pläne zunichte machten. Einmal war er sogar drauf und dran, Peter Fleischmann bei dessen Version der Geschichte abzulösen. Dann war es endlich soweit und wider allen Erwartungen konnte German mit der Verfilmung beginnen. Am Ende sollte es 7 lange Jahre dauern, bis die Arbeiten an dem Film abgeschlossen waren. German selber erlebte die Fertigstellung seines Filmes, die dann sein Ehefrau Svetlana Karmalita und sein Sohn Aleksei German Jr., übernahmen, nicht mehr. Er starb am 21. Februar 2013, nur knapp neun Monate vor der Weltpremiere seines Film auf dem Filmfestival in Rom.

Für den Zuschauer ist „Es ist schwer ein Gott zu sein“ kein einfacher Film, aber ein intensives Erlebnis. Drei stunden lang wartet man durch Dreck, Schleim, Blut und Scheiße. German hat eine Welt entworfen, die einerseits natürlich an das Mittelalter und die Darstellungen eines Pieter Breugel, dem Jüngeren oder Hieronymus Bosch erinnern, andererseits dem modernen Menschen so fremd erscheint, als wäre er tatsächlich auf einem fernen Planeten. Die Akribie mit der German zu Werke geht, seinen Film bis ins kleinste Detail kontrolliert und dabei eine ebenso realistische, wie abstoßende Welt kreiert, ist bewundernswert. Schön ist es nicht, was wir sehen. Gleich in der ersten Szene streckt uns jemand den nackten Arsch entgegen und entleert seinen Darm. Es wird gerotzt, gekotzt, geschissen, geblutet. Eingeweide kullern zu Boden, schleimiges Blut wird sich ins Gesicht geschmiert, hab verdautes ausgespien. Man fragt sich unwillkürlich was gewesen wäre, hätte German seinen Film nicht in betörendem schwarz-weiß, sondern in Farbe gedreht. Hätte man das ausgehalten? Oder sind es gerade die wunderbaren monochromen Bilder, die einem den Boden unter den Füssen wegziehen?

Die Menschen sind hässlich, voller Defekte. Man riecht den Gestank dieser Welt förmlich, als ob er aus dem Bildschirm kriechen würde. Das Gewusel der Menschen macht einen schwindelig. Immer wieder schauen Gesichter direkt in die Kamera, als würde sie überrascht und skeptisch auf den Zuschauer ins einem gemütlichen Heim blicken. Dies hat einen merkwürdigen, unangenehmen Effekt. Man fühlt sich nicht sicher, hat den Verdacht, die Menschen auf der anderen Seite des Bildschirmes könnten einen sehen, wollten mit einem interagieren. Etwas, was man im Angesicht der hier gezeigten Greuel unter keinen Umständen möchte. German schenkt uns nichts. Diese Welt ist grausam. Hinter der nächsten Ecke könnte schon der tödlich Axthieb oder die einen durchbohrenden Pfeile lauern. Zwischen den Figuren gibt es keine positiven Gefühle. Allein unser „Held“ Don Rumata scheint so etwas wie Zuneigung empfinden zu können. Doch es ist für ihn keine Erleichterung, sondern eine Qual.

Man liest überall, dass German keine Geschichte erzählen würde. Tatsächlich ist es extrem schwer, der Handlung zu folgen und zu verstehen, was vor sich geht. Obwohl scheinbar Fans der Autoren Strugatzki dem Film attestieren, die Handlung des Romans gut – wenn oftmals auch nur durch die Kenntnis der Vorlage erkennbar – wiederzugeben. Es spielt aber auch keine Rolle, ob man eine klar strukturierte, einfach zu verstehende Geschichte hat oder nicht. So ist Germans Film auch gar nicht konzipiert. Er wirft ein gerade dadurch, dass man nicht auf Anhieb alles versteht in die Rolle, die die Besucher von der Erde einnehmen. Man ist hier fremd, man versteht nicht was vorgeht. Man ist verwirrt, versucht an dem Wenigen, was man hat, Halt zu finden. Man torkelt mehr durch den Film, als dass man schreitet. Man fühlt, schmeckt, riecht ihn. Germans Film wird häufig mit denen Andrei Tarkovskys, speziell „Andrej Rubljow“ verglichen. Dieser Vergleich ist nicht ganz von der Hand zu weisen, doch viel mehr noch erinnert er an den großen Ungarn Bela Tarr, der mit seinen Filmen ebenfalls eine merkwürdige, bekannte – aber doch auch verstörend andere Realität erschuf. Der sich ebenfalls viel Zeit nimmt, den Zuschauer in diese Welt zu ziehen. Der, ebenso wie German, seine Film in schwarz-weiß und mit vielen sehr langen Plansequenzen erschafft. Wie bei Tarr ist man in „Es ist schwer ein Gott zu sein“ ganz, ganz nah dran an den Figuren, den Gesichtern. Den Leibern und der Bewegung.

German hat seinen Film als Gleichnis auf die heutigen Verhältnisse in Russland gesehen. Tatsächlich ist er eine Allegorie auf die heutigen Verhältnisse überall auf der Welt. Auf Missstände, die die Menschen schon seit Jahrhunderten begleiten. Und die Ohnmacht derer, die unter den Verhältnissen leiden und doch nichts ändern können. Obwohl sie vielleicht die Mittel dazu hätten – doch sie wissen, dass ein Übel immer nur wieder von einem andern abgelöst wird.

German hat seinen Film als Gleichnis auf die heutigen Verhältnisse in Russland gesehen. Tatsächlich ist er eine Allegorie auf die heutigen Verhältnisse überall auf der Welt. Auf Missstände, die die Menschen schon seit Jahrhunderten begleiten. Und die Ohnmacht derer, die unter den Verhältnissen leiden und doch nichts ändern können. Obwohl sie vielleicht die Mittel dazu hätten – doch sie wissen, dass ein Übel immer nur wieder von einem andern abgelöst wird.
Für die bei Bildstörung erschiene Blu-ray gibt es nur ein Wort: Perfekt. Wieder einmal hat Bildstörung seinen hervorragenden Ruf bestätigt und eine ultimative Fassung dieses Meisterwerks vorgelegt. Das Bild ist gestochen scharf, der wuchtige Ton liegt auf Russisch mit ausblendbaren deutschen Untertiteln vor. Da in einer der vielen Dokumentationen zum Film betont wird, wie wichtig German das Sounddesign und Sprache war, ist die Entscheidung, hier keine deutsche Synchronisation nachzuschieben, absolut nachvollziehbar. Auch das Bonusmaterial lässt keinerlei Wünsche offen. Neben einem hochinformativen und 40 Seiten starken Booklet von Anton Dolin platzt die beiliegen Bonus-DVD nur so vor hochwertigen Extras, die zusammen genommen die epische Länge des Hauptfilmes noch einmal schlagen. Neben einem filmbegleitenden Gespräch mit Barbara Wurm und Olaf Möller, finden sich hier folgende Dokumentationen: “Aleksei German” – Ein Interview von 1988 (45:18 Min.), “Jenseits der Kamera”, ein weiteres Interview mit Alexei German aus dem Jahr 2009 (51:59 Min.), “Germans Blutdruck ist heute 122/85”, quasi ein Making Of (42:41 Min.) und “Die Geschichte des Arkanar-Massakers”, hier liefert Daniel Bird einige Erklärungen und Hintergrundinfos zur Verfilmung und der Unterschiede gegenüber des zugrundeliegenden Romans (Englisch mit dt. UT, 27:14 Min.). Ferner gibt es noch Interviews mit der Drehbuchautorin und Witwe des Regisseurs Svetlana Karmalita (37:00 Min.), sowie Aleksei German Jr., dem Sohn des Regisseurs (9:35 Min.). Weiterhin gibt es noch den Kinotrailer zum Film und Bildergalerien.

DVD-Rezension: “Faust”

Von , 1. Juli 2012 15:22

Dr. Heinrich Faust ist auf der Suche nach Wissen und der Seele des Menschen, von der er allerdings mittlerweile überzeugt ist, dass sie nicht existiert. Ebenso wie Gott. Frustriert von der ihm zu engen Welt und geplagt von Geldsorgen, will er sich vergiften. Doch da durchkreuzt ein geheimnisvoller Wucherer seine Pläne, der ihm im Austausch für seine Seele zu Diensten sein will.

Aleksandr Sokurov ist einer der bedeutendsten gegenwärtigen Regisseure Russlands. In seiner seit Ende der 70er Jahre andauernden Karriere ist er bei uns vor allem durch sein Experiment „Russian Arc“ von 2002 bekannt geworden. Sein 90-minütiger Film besteht aus einer einzigen Plansequenz. In den letzten Jahren arbeitete er an seiner sogenannten „Macht“-Tetralogie, dessen Abschluss nun die Literaturverfilmung „Faust“ darstellt.

Wobei man hier mit dem Prädikat „Literaturverfilmung“ vorsichtig umgehen sollte. Wer eine wort- und szenengetreue Adaption von Goethes Meisterwerk erwartet, wird zwangsläufig enttäuscht werden. Denn Sokurov adoptiert das Stück nicht, sondern interpretiert es ganz nach seinen eigenen Vorstellungen. Es tauchen zwar die bekannten Figuren auf, wie Wagner und Gretchen, und auch der Faden der Geschichte hangelt sich an der Goethe’schen Geschichte entlang, aber Sokurov nimmt sich sehr viele inhaltliche Freiheiten, um seine Vision einer faust‘schen Geschichte auf die Leinwand zu bannen. Dabei bringt er auch Motive aus dem – leider weniger bekannten und gespielten – epischen zweiten Teil der Tragödie mit ein (z.B. Wagner und sein Homunculus).

Optisch überrascht der Film zunächst durch die Entscheidung Sokurovs, den Film ganz klassisch im Seitenverhältnis 1:1,33 zu drehen. Dieses bis in die 60er Jahr als Standard genutzte Format wird heute fast gar nicht mehr verwendet. Sokurov unterstreicht dieses „Altmodische“ noch dadurch, dass die Ecken des Bildes leicht abgerundet sind, wie man es von Super8 oder Stummfilmen kennt. Will Sokurov hier eine Brücke zu Murnaus fantastischer „Faust“-Verfilmung (die allerdings auf der deutschen Sage, nicht auf Goethes Stück beruhte) von 1926 schlagen? Verwendet er ein „klassisches“ Format für einen klassischen Stoff? Wahrscheinlicher ist, dass er dieses Stilmittel benutzte, um eine gewisse Enge zu erzeugen. Denn die Enge des Raumes und der Welt in der Heinrich Faust lebt, wird immer wieder thematisiert. Sei es durch Menschenmassen, die sich durch einen schmalen Tunnel drängen müssen oder in Dialogen, in denen Faust immer wieder betont, dass ihm diese Welt zu eng ist. Eine hübsche Metapher für das Suchen nach Erkenntnis und Wissen über die Grenzen der eigenen, kleinen Welt und über das Sichtbare hinaus. Dieses Streben ist ja letztendlich in diesem Film auch Fausts innerer Antrieb, der ihn zum Pakt mit dem Teufel Mephistopheles verführt.

Mit seinem Symbolismus übertreibt es Sokurov aber auch gerne mal. Wenn z.B. Fausts Vater, ein Arzt, in der Vagina einer älteren Patientin ein Ei findet, welches diese inbrünstig verspeist, so ist dies schon etwas dick aufgetragen. Leider muss man Sokurov für seinen ganzen Film unterstellen, dass er dazu neigt, ihn mit Symbolen und Metaphern förmlich zuzukleistern. Einige gute Ideen, wie das Verzerren des Bildes, wenn die bösen Mächte ins Spiel kommen und Fausts Sinne und Verstand ebenfalls verzerren werden. Leider wird diese im Grunde feine Idee immer und immer gebracht, was schnell zu Abnutzungserscheinungen führt. Die durchaus beeindruckenden Bilder des Films erscheinen oftmals vollgestopft mit Ideen und Details zu sein, was einerseits die oben angesprochene Enge unterstreicht, andererseits den Film aber auch völlig überfrachtet.

Auch in seinen Themen scheint es bei Sokurov keine wirkliche Konstanz zu geben. Es wird förmlich von Idee zu Idee, Interpretationsansatz zu Interpretationsansatz gesprungen, ohne das ein wirklicher roter Faden sichtbar wird. Dementsprechend wirkt dann auch das Finale, welches mit Goethe nun gar nichts mehr zu tun hat, konstruiert und nicht unbedingt stimmig.

Im Großen und Ganzen wirkt der Film wie die Inszenierung des Theaterstückes durch einen typischen Vertreter des berühmt-berüchtigten Regie-Theaters. Nur, dass statt auf einer leeren, schwarzen Bühne, die Figuren hier in einer wunderbar gestalteten und liebevoll ausgestatteten realistischen Kulisse agieren. Dennoch benehmen sie sich in keinster Weise natürlich, sondern spielen weiterhin Theater. Mit all den kleinen Ticks und Irritationen, die man aus modernen Aufführungen kennt. So wälzen sich Mephistopheles und Faust auf dem Bett und tasten sich ab, während sie ihren Text deklamieren. Das kann bei einer Laufzeit von über 2 Stunden hier und dort nervig, im besten Falle langweilig wirken. Vor allem, wenn man keine Motivation hinter dieser Art der Inszenierung erkenne kann, außer den Ursprung des Stoffes als Theaterstück zu betonen.

Der Film wurde auf Deutsch mit deutschen und österreichischen Schauspielern gedreht. Lediglich Mephistopheles (der Russe Anton Adasinsky) und Fausts Vater (der Isländer Sigurður Skúlason) werden von nicht-deutschsprechenden Schauspielern dargestellt und nachsynchronisiert. Ob es eine glückliche Entscheidung war, als Stimme Mephistopheles‘ Santiago Ziemer zu engagieren, die deutsche Synchronstimme von Steve Urkel und SpongeBob, mag jeder für sich selber entscheiden. Ich fand die Wahl ausgesprochen unglücklich, da sie einerseits viel zu jung klingt und man andererseits unweigerlich diese beiden Figuren vor Augen hat. Mephistopheles heißt in Sokurovs Version Maurizius. Er wird von Anton Adasinsky gespielt, der von Beruf eigentlich Clown ist. Was man in einigen Szenen leider auch deutlich merkt, weil sein Mephistopheles hier weniger diabolisch, sondern eher lächerlich anlegt ist.

Dabei bringt Adasinsky genau die richtige Physionomie für eine diabolische Rolle mit. Sein Gesicht ist ausgemergelt, die großen Augen pechschwarz und das Haar hängt schüttern über dem fast kahlen Schädel. Trotzdem setzt Sokurov noch einen drauf, indem er Adasinsky in einen unförmigen Bodysuit steckt und ihn sich in einer Szene in einem Wäschereihaus entkleiden lässt. Zur Schau gestellt wird dabei ein entstellter Körper ohne Genitalien, aber mit kleinem Schweineschwanz. Nein, ein charismatischer Verführer ist dieser Mephistopheles wahrlich nicht. Seine Versprechen nach Geld und Macht sind es, die ihn, den deformierten Kretin, der sich auch gerne mal vor der Kirche erleichtert, für seine Mitmenschen – wie die Frauen in dieser Wäschereiszene -, begehrenswert machen. Das kann man so natürlich inszenieren, es wirkt aber, wie so vieles andere auch, einfach zu direkt und unelegant.

Ebenfalls unverkennbar ist, dass Sokurov Mephistopheles platt mit dem Kapitalismus gleichsetzt, welcher die Macht über die Welt besitzt und die Menschen verführt. Dies wird nicht nur dadurch überdeutlich, dass er aus dem Teufel einen Pfandleiher und Wucherer gemacht hat, sondern auch zur stereotypen Karikatur eines jüdischen Kaufmanns. Auch hier gilt: Das feine Schnitzmesser wäre angebrachter gewesen als die Axt.

Nahezu jede Figur steht symbolisch für etwas und wird dadurch in ein Korsett gepresst, welches eine Charakterentwicklung – wie sie im Stück durchaus gegeben ist – nicht zulässt. Zudem stellt sich ein gewisses Gefühl der Bevormundung durch den Regisseur ein.

Eine Begründung hierfür liefert vielleicht das aufschlusseiche 3SAT-Interview, welches sich als Extra auf der DVD befindet. Hier erklärt Sokurov, dass er den Film gegenüber der Literatur als weit unterlegen empfindet. Vielleicht rührt hierher der Drang, den Zuschauer permanent auf die eigenen Symbolismen und Metaphern zu stoßen.

Über die schauspielerischen Leistungen kann man streiten, da sie bewusst theatralisch und damit „gekünstelt“ angelegt sind.

Aller Kritik zum Trotz muss aber festgehalten werden, dass Sukurow einen genialen Kameramann (Bruno Delbonnel, “Die fabelhafte Welt der Amélie“, „Harry Potter und der Halbblutprinz“) zur Hand hatte, der es versteht, wunderschöne, sich ins Gedächtnis des Zuschauers grabende, Bilder zu erschaffen. Die Art und Weise wie er Gretchen (die aus vielen deutschen TV-Produktionen bekannte Isolda Dychauk) in überirdischer Schönheit während der Verführungsszenen mit Faust einfängt, sind atemberaubend schön.

An der DVD von Ascot Elite gibt es nicht viel auszusetzten. Das Bild ist überzeugend und dankenswerterweise im Originalformat von 1:1,33 belassen. Nur der Ton weiß nicht gänzlich zu gefallen. Er ist in den Dialogen viel zu leise, bzw. dann in den wenigen Szenen mit Geräuscheffekten wiederum viel zu laut. Außer der originalen deutschen Tonspur werden keine anderen angeboten, ebenso sind Untertitel Fehlanzeige. Als Extras gibt es einige Impressionen vom Dreh (6:33 Minuten) und das schon oben erwähnte, hochspannende Interview (7:10 Minuten) mit Sokurov, bei dem das 3SAT-Logo noch oben links ins Bild ragt. Sokurov gibt einige Statements von sich, die man auf jeden Fall kontrovers diskutieren kann. Ich für meinen Teil würde ihm bei vielem, was er sagt, energisch widersprechen, aber gerade das macht die Sache ja auch interessant. Die DVD besitzt ein Wende-Cover, um das dicke FSK-Zeichen verschwinden zu lassen und beinhaltet eine Postkarte mit einem Motiv des Filmes.

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