Blu-ray-Rezension: „Krieg und Frieden“

1805, Sankt Petersburg: auf einer Soiree der Hofdame Anna Pawlowna trifft sich die Gesellschaft zum Plausch über die politische Lage. Napoleon hält Europa weiter in Atem, während Russland sich rüstet, um an der Seite Österreichs schließlich in die Schlacht bei Austerlitz zu ziehen. Und so beginnt eines der größten Historienepen der Literatur- und Filmgeschichte, das uns vom Kaiserpalast bis in eine Bauernhütte und von den großen europäischen Schlachtfeldern über eine weihnachtliche Schlittenfahrt bis hinein ins brennende Moskau führt und uns dabei vom russischen Leben und der russischen Seele in all ihren Facetten erzählt. (Quelle: Bildstörung)

Als Bildstörung ankündigte Sergei Bondartschuks „Krieg und Frieden“ als Nummer 40 ihrer Drop-Out-Reihe zu veröffentlichen, war ich erst einmal überrascht. Passt das? Normalerweise zeichnet sich diese Reihe ja durch ungewöhnliche Filme jenseits des Mainstreams aus. Mit Namen wie Borowczyk, Zulawski, Jodorowsky oder Magenschwingern wie „Komm und Sieh“ oder „Der Boxer und der Tod“. Ein 7-stündiges, großbudgetiertes, Oscar-prämiertes Epos nach einem berühmten Bestseller der Literaturgeschichte passt da erst einmal nicht ins Bild. Doch vertrauend auf die Kuratoren dieser Reihe, welche mich bisher nie enttäuscht haben, habe ich mich dann doch an dieses gewaltigen Brocken gewagt. Und mir wurden die Augen geöffnet, was für ein Meisterwerk ich ohne den Einsatz der Bildstörung-Macher verpasst hätte. Auch, was „geöffnet“, neun, aufgerissen ist das besser Wort. Von der ersten Sekunde an habe ich mich in diesen ungewöhnlichen Monumental-Film verliebt. Daher mag meine Rezension hier an manchen Stellen nicht mehr objektiv sein (aber welche ist das schon?) und mein enthusiastischer Überschwank hier und da mit mir durchgehen. Um es kurz zu machen: Über die seine ganze Länge von 422 Minuten marschierte „Krieg und Frieden“ unaufhaltsam in die ganz oberen Regionen meiner Allzeit-Lieblingsfilme.

Was macht „Krieg und Frieden“ so besonders? Zum einen ist es das schiere Ausmaß des Aufwands, der hier betrieben wurde. Sergei Bondartschuk konnte sichtlich aus dem Vollen schöpfen. Ich zitiere hier mal das Label: „Sieben Jahre Produktionszeit, vier Jahre Dreharbeiten, hunderte Schauspieler, über 12.000 Statisten, tausende Kostüme und 23 Tonnen Schwarzpulver lassen das monumentale Ausmaß der teuersten Filmproduktion der Sowjetunion, die Sergei Bondartschuk 1962-67 als Regisseur, Autor und Hauptdarsteller verantwortete, dennoch nur erahnen. Allein die Schlacht bei Borodino, bei der Bondartschuk seinen ersten von zwei Herzinfarkten während der Dreharbeiten erlitt, verschlang zwei Jahre Drehzeit.“ Der Film war also oberste Staatssache. Die sowjetische Armee unterstützte ihn, Geld schien keine Rolle zu spielen. Da würde man befürchten, dass das Ergebnis glatt und staatshörig würde. Ein Werbefilm für die UdSSR unter dem Banner „Tolstoi“. Doch weit gefehlt. „Krieg und Frieden“ hat Ecken und Kanten und hält sich sehr dicht an die literarische Vorlage von Leo Tolstoi, die in ihrer endgültigen Form 1869, also mitten in der zaristischen Zeit, erschien. Natürlich singt „Krieg und Frieden“ eine Hohelied auf den russischen (nicht sowjetischen, das ist ein Unterschied) Geist. Nun könnte man argumentieren, dass das Projekt den sowjetischen Machthabern schon von daher gut gefallen haben muss, weil es ja zeigt, dass Russland sich nie vom mächtigen Westen (Napoleon) einnehmen lässt. Vielleicht auch, weil die Abwehr des napoleonischen Feldzuges auch Assoziation zum Sieg über Nazideutschland weckt. Wie man liest war der Hauptgrund aber, dass Tolstoi auch in der UdSSR ein hochverehrter Dichter der Nation blieb und Hollywood in den Augen der Sowjets mit seiner Version der Geschichte von „Krieg und Frieden“ 1958 vieles falsch gemacht hat. Nun wollte man zeigen, dass man es besser kann.

Obwohl mir die US-Fassung von King Vidor mit Audrey Hepburn, Mel Ferrer und Henry Fonda (immerhin auch mit 208 Minuten von beachtlicher Länge) bei meiner bisher einzigen und nunmehr über 30 Jahre zurückliegenden Sichtung gut gefallen hatte, verblasst sie doch gegen Bondartschuks Vision. Das Faszinierende an seinem „Krieg und Frieden“ ist, welche Experimentierfreudig Bondartschuk an den Tag legen durfte. Wenn die Kamera in die Wolken aufsteigt oder wie ein Irrwisch über Schlachtfelder oder Ballsäle rauscht. Wenn seine Farbgestaltung häufig Erinnerungen an die in Italien zu selben Zeit entstehenden Gothic-Horror-Filme erinnert. Oder an das japanische Kino dieser Zeit. Bondartschuk nutzt auch das Split-Screen-Verfahren, wie man es später dann bei Brian de Palma sieht. Wenn Figuren nächtens durch kalte, leere Paläste wandern, dann ist das manchmal schon ein ganz eigener Film. Stanley Kubrick muss sich den Film sehr genau angeschaut haben, auch wenn er in einem Interview in dem Buch „The Filmdirector as Superstar“ über Bondartschuks „Krieg und Frieden“ harsch urteilt: „It was a cut above the others, and did have some very good scenes, but I can’t say, I was overtly impressed. (…) It was a disappointing film, and doubly so because it had the potential to be otherwise.“ Dabei entdeckt man in „Krieg und Frieden“ zahlreiche Bilder, die auch vom späteren Kubrick hätten stammen können. Von der Detailbesessenheit und der akkuraten Nachbildung von Schlachten in „Barry Lyndon“ als offensichtlich seelenverwandten mal abgesehen. Aber Bondartschuk nutzt, wie Kubrick, häufig geometrisch exakte Einstellungen. Beim Spiel mit den Distanzen zwischen den Figuren oder die Einsamkeit von Personen in großen, kahlen, abweisenden Räumen ist man häufig an die später entstandenen „2001“ oder „The Shining“ erinnert. Vielleicht spricht Kubrick deshalb so herablassenden von Bondartschuks Film, damit niemand auf die Idee kommt, das Genie hätte sich von jemand anderem inspirieren lassen.

Neben seinen perfekt komponierten Bildern, weiß Bondartschuk aber auch Emotionen und Wärme in seinen Film zu bringen. Unvergesslich die Szene, in der Natascha Rostowa in einer Jagdhütte zum Spiel der Musik beginnt zu tanzen und ihr alter Onkel sie auf der Geige begleitet. Soviel Lebensfreude, soviel Liebe und Intimität traut man einem Film, in dem die Menschen zu tausenden auf dem Schlachtfeld massakriert oder böse manipuliert werden, gar nicht so. Eine Szene für die Ewigkeit. Was auch an der fantastischen Darstellerin der Natascha, der wundervollen Ljudmila Saweljewa, liegt. Kaum zu glauben, dass diese junge Frau zuvor nur als Ballerina gearbeitet hatte und so gut wie keine Filmerfahrung besaß. Wie sie Natascha als naiv-romantischen Wildfang, später dann als heißblütige Geliebte und am Ende als von Schicksalsschlägen gezeichnete Frau spielt ist großes Kino. In ihrer Art und Ausstrahlung ähnelt sie sehr der US-Natascha Audrey Hepburn, behält dabei aber immer etwas zerbrechlich-enthusiastisch-kindliches. Regisseur Bondartschuk schlüpft selber in die wichtige Hauptrolle des Pierre Besuchow und wirkt mit seiner massigen, aber doch etwas linkischen Gestalt, den traurig-zweifelnden Augen und der verdrucksten Art sehr viel überzeugender in seiner Rolle als es der etwas zu gut aussehenden, ein Tick zu selbstsichere Henry Fonda in King Vidors Film tat. Wjatscheslaw Tichonow kann es als kühler, etwas steifer und zu verkniffener Fürst Andrei Bolkonski locker mit Mel Ferrer aufnehmen, der allerdings als Bolkonski ebenfalls sehr gut besetzt war. Auch wenn ihn nicht so sehr der innere Zwang ansieht, den Tichonow in jeder Szene verströmt. Aber auch die anderen Darsteller reihen sich mühelos in die Riege großartiger Verkörperungen der vielen, vielen wichtigen Rollen ein. Jeder Einzelne hätte seinen eigenen Film verdient.

Trotz seiner enormen Länge verfliegt die Zeit bei „Krieg und Frieden“ wie im Fluge. Mit offenem Mund starrt man die aufwändigen Massenszenen an, staunt über die bildgestalterischen Experimente, genießt die perfekte Choreographie der zahlreichen atemberaubenden Plansequenzen, lässt sich von Wjatscheslaw Owtschinnikow gewaltiger und trotzdem intimer Musiker mitreißen. Und die Schlachtszenen gehören eh mit zum intensivsten und mitreißensten, aber auch gleichzeitig desillusionierensten was die Filmgeschichte hier zu bieten hat. Kein Wunder also, dass Bondartschuk 1970 für Dino de Laurentiis‘ Produktion „Waterloo“ unter Vertrag genommen wurde. Doch auch jenseits dieser beeindruckenden Kriegsaufnahmen, bleibt so manches für immer im Gedächtnis haften: Nataschas erster Ball, Besuchows Duell im Schnee mit Dolochow, die bereits angesprochene Szene in der Jagdhütte und vor allem das brennende Moskau. Wenn die heiße Glut für einen unheimlichen Sturm sorgt, der schwarzen Ruß durch die Luft wirbelt, das Chaos herrscht und Besuchow verzweifelt versucht das Leben eines Kindes zu retten. Oder die Hinrichtungen, die bei der bloßen Erinnerung einen Kloß im Hals verursachen. Diese Liste könnte noch immer weiter und weiter fortgeführt werden. Ich möchte aber hier mit der unbedingten Empfehlung enden, sich dieses monumentale Meisterwerk selber anzuschauen. Wenn es irgendwie geht, dann auf der großen (je größer, je besser) Leinwand (der großartige Verleih Drop-Out bringt ihn noch einmal in einige wenige Kinos). Denn da gehört er eigentlich hin. Aber diese äußerst gelungene Blu-ray von Bildstörung ist eine durchaus wirksame Ersatzdroge.

Wie gewohnt, ist auch diese Veröffentlichung durch Bildstörung eine Rundum-Sorglos-Paket. Der Film ist in die vier Teile aufgeteilt, die zwischen 1965 und 1967 in die Kinos kam, und die auch so in der DDR liefen. Teil Teil 1: Andrej Bolkonski (146 Minuten) und Teil 2: Natascha (97 Minuten) befinden sich auf der ersten Blu-ray. Teil 3: Das Jahr 1812 (81 Minuten) und Teil 4: Pierre Besuchow (96 Minuten) auf der zweiten Blu-ray. Alle Teile haben einen Vor- und Abspann. Vor dem ersten Teil ertönt noch vor schwarzem Bild eine 2,5-minütige Ouvertüre. Die Restaurierung ist sehr gut gelungen. Nur bei ganz schwarzen Bildern (meistens nach dem Titel) gibt es leichte Wolkenbildung. Sonst sieht das alles sehr gut aus. Der Ton ist auch großartig, besonders in der russischen Originalfassung, die ich empfehlen würde um das russisch-französisch-deutsche Sprachgewirr (welches wichtig ist) mitzubekommen. Höchst interessant sind die Extras, die auf einer Bonus-DVD zu finden sind. Gleich am Anfang gibt es einen schwarz-weißen, 47-minütigen zeitgenössischen Dokumentarfilm des WDR, bei dem ein deutsches Team die Dreharbeiten zum zweiten Teil begleitet. Im Team u.a. Thomas Schamoni. Der Ton ist etwas herablassend und „Krieg und Frieden“ wird auch schon mal als „Kostümschinken“ bezeichnet, doch der Blick von außen ist recht spannend. Die 29-minütige russische „Making-Of Doku“ (überwiegend schwarz-weiß) ist reinste Propaganda und erzählt davon wie grandios und enorm wichtig der Film ist. Da sich die Macher des Filmes gleich zu Beginn als Vertreter des Studios, welches „Krieg und Frieden“ dreht, vorstellen, ist das aber auch zu erwarten. Interessanterweise tauchen hier Material aus der WDR-Doku auf, was die Frage aufwirft, wer sich bei wem bedient hat. Der vierteilige Dokumentarfilm „Sergei Bondartschuk“ ist mit 104 Minuten das längste Extra. Auch dieses ist eine russische Produktion. Man erfährt viel über Bondartschuk und vor allem auch seine politischen Probleme in den späten 80ern. Allerdings ist die Doku von seiner Tochter mitgedreht worden, die auch viel über ihn erzählt. Das Ganze nimmt eine solche übersteigerte Form der Heldenverehrung an, dass man denkt, der gute Sergei hätte mindestens eine Heiligsprechung verdient. Das stört etwas. Dann folgen noch Interviews mit dem genialen Kameramann Anatoli Petrizki (25 Minuten), Co-Drehbuchautor Wassili Lanowoi (9 Min.) und schließlich ein kürzeres Essay über Sergei Bondartschuk, indem er selber zu Wort kommt (14 Min.) Abgeschlossen werden die Extras mit einer älteren, russischen Doku über Lew Tolstoi (22 Min.). Unbedingt erwähnt werden sollte aber auch das exzellente 24-seitige Booklet mit einem Essay von Christine Engel. Hier schreibt sie über Tolstoi, sein Leben und seine philosophischen Ansichten und bettet dies in die Zeit ein, in der Tolstoi lebte und die jene in der sein Mammut-Roman spielt. Und wie das eine durchaus das andere beeinflusst. Eine höchst spannende und aufschlussreiche Lektüre.

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