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Blu-ray-Rezension: „Stoppt die Todesfahrt der U-Bahn 123“

Von , 11. Dezember 2018 06:32

New York. Vier schnauzbärtige Männer gekleidet mit Mantel, Hut und Brille besteigen die U-Bahn der Linie 6. Während der Fahrt zücken Mr. Blue (Robert Shaw), Mr. Grey (Hector Elizondo), Mr. Green (Martin Balsam) und Mr. Brown (Earl Hindman) plötzlich ihre Waffen und teilen den geschockten Fahrgästen mit, dass sie die U-Bahn entführt haben. Sie verlangen eine Million Dollar Lösegeld. Wenn dieses nicht innerhalb einer Stunde gezahlt wird, werden sie jede weitere Minute eine der 17 Geiseln erschießen. Lieutenant Garber (Walter Matthau) von der U-Bahn-Polizei versucht alles, um das Leben der Geiseln zu retten. Doch schon bald gibt es den ersten Toten…

Anmerkung: Alle Screenshots stammen von der ebenfalls enthaltenen DVD, nicht der Blu-ray.

Solche Filme werden heute nicht mehr gedreht. Zumindest nicht in Hollywood und mit einer derart hochkarätigen Besetzung. Joseph Sargents „Stoppt die Todesfahrt der U-Bahn 1-2-3“ ist ein Meisterwerk der Effektivität. Der Film lebt nicht von großen und spektakulären set pieces – die im deutschen Titel angesprochene Todesfahrt einmal ausgenommen, wobei diese auch eher unspektakulär endet – , sondern von seinen Figuren und der realistischen Darstellung wie eine solche Entführung vonstatten gehen und sich jeder einzelne dabei verhalten würde. Von dem großen Räderwerk, welches in Bewegung gesetzt wird und dem Zuschauer kaum Zeit zum Atmen gibt. Dies mit ruhiger und sicherer Hand zu inszenieren ist der große Verdienst des Regisseurs Joseph Sargent, der vor allem im Fernsehen tätig war und seine Karriere leider mit dem völlig an der Zielgruppe vorbei inszenierten Reife-Leute-Liebesdrama „Der weiße Hai 4 – Die Abrechnung“ abschloss.

„Stoppt die Todesfahrt“ atmet zu jedem Moment eine ganze Menge Lokal- und Zeitkolorit. Sei es Walter Matthaus unfassbar psychedelisches Hemd oder die Graffiti-verschmierte U-Bahn. Heute auch undenkbar: Die Dialoge der „kleinen Leute“, die vor Sexismus, Homophopie und latentem Rassismus nur so triefen. Sich dadurch aber tatsächlich real anfühlen. Denn solch ein rauer Ton herrschte damals (man denke nur daran, womit ein Rainer Brandt in seinen Spaß-Synchros in den 70ern durchgekommen ist – und die Leute fanden das tatsächlich einfach nur lustig). Nur rückblickend zuckt man hier und da schon ziemlich zusammen. Schön, dass sich die Zeiten weiterentwickelt haben, wobei ich nicht meine Hand dafür ins Feuer legen würde, dass bei der U-Bahn-Polizei und den Schalthebel-Bedienern nicht immer noch so gesprochen wird. Besonders fällt dies bei Walter Matthau auf, der mit müden Bulldogen-Gesicht den Chef der Bahn-Polizei gibt. Die verräterischste Szene ist jene, in der er eine Gruppe Japaner herumführen soll und sie im Glauben, sie könnten ihn eh nicht verstehen, mit rassistischen Bemerkungen überzieht. Wenn sich am Ende auflöst, dass die Japaner sehr wohl jedes Wort verstanden haben, war das 1974 vielleicht als Gag gemeint, heute ist es vor allem das interesselose Schulterzucken Matthaus, welches seinen Charakter perfekt charakterisiert. Ein Profi, dem egal ist, wie er wahrgenommen wird und der sich nicht um Sympathie oder Karriere kümmert, sondern einfach seinen Job macht. Weil es das ist, was er kann und was er bereits sein Leben lang getan hat. Auch im Dialog mit den Entführern hat man das Gefühl, dass es ihm weniger um die Geiseln geht, als dass er viel mehr genervt ist, dass jemand seinen schönen U-Bahnbetrieb so massiv stört und ihm den Tag vermiest.

Unterstützt wird Matthau von einer ganzen Reihe hervorragender Charakterdarsteller. Neben dem immer zuverlässigen Jerry Stiller, der hier als Matthaus ebenso zynischer, wie zuverlässiger Partner fungiert, sind das Leute wie Dick O’Neill als Verantwortlicher für den U-Bahnbetrieb und Tom Pedi als Stellwerk-Chef. Vor allem auf den Seiten der Bösen schöpft Sargent aus dem Vollen. Allen voran mit dem großartigen Vollblut-Schauspieler und Charakterkopf Robert Shaw, der in seiner leider viel zu kurzen Filmkarriere, die 1978 durch seinen Tod allzu plötzlich beendet wurde, ein ausgesprochen gutes Händchen für seine Rollen besaß. Sein Mr. Blue mit stark britischen Akzent, absoluter Ruhe und Kontrolle, einer unglaublichen Präsenz und Überlegenheit ist eine der ganz starken Gangsterrollen der 70er Jahre. Neben ihn können Martin Balsam als Mr. Green, Hector Elizondo als Mr. Grey und Earl Hindman („Wilson“ aus „Hör mal wer da hämmert“, der ironischerweise auch hier aufgrund seiner Verkleidung mit Schnauzer, Hut und Brille kaum zu erkennen ist) als Mr. Brown allerdings bestehen. Insbesondere Balsam spielt den eher besonnenen, abgeklärten und dabei stets auch ein wenig resigniert wirkenden Mr. Green erinnerungswürdig. Und Hector Elizondo schafft es als stets unberechenbare Gefahr ausstrahlender Mr. Grey nach lange im Gedächtnis zu bleiben.

„Stoppt die Todesfahrt“ hat weniger mit den Cop-Thrillern der 70er zu tun, zeigt keine einsamen, harte Hunde – sondern lediglich Beamte, die ihren Job tun. Sogar die Gangster haben etwas beamten-mäßiges und wirken jederzeit überlegt und eiskalt. Aber eben nicht psychotisch (selbst Hector Elizondo als „der Typ, der bei der Mafia wegen Unberechenbarkeit raus geflogen ist“) verhält sich im Vergleich zu ähnlichen Figuren in anderen Filmen noch halbwegs professionell. Von der ganzen Stimmung, der Nähe zu den Figuren und dem fast schon dokumentarischen Ansatz her, kann man ihn vielleicht am ehesten mit Sidney Lumets Meisterwerk „Hundstage“ vergleichen. Wo ebenfalls sehr konzentriert der Ablauf einer Geiselnahme, die Mechanismen/Automatismen seitens der Staatsgewalt und der psychologische Druck, der auf allen lastet, untersucht werden.

Ein perfekter, mordsmäßig spannender Thriller, der es gar nicht nötig hat, kräftig auf die Kacke zu hauen und übermäßig viel Lärm zu machen. Unterstützt vom kongenialen, funkigen Soundtrack von David Shire läuft der Film unaufhaltsam voran, wie eine immer schneller werdende U-Bahn.

Das Mediabook von OFDb-Filmworks sieht gut aus und präsentiert den Film in Bestform. Das Bild ist tadellos. Scharf und selbst in den dunklen Szenen im U-Bahnschacht ist alles perfekt zu erkennen. Dabei wurde das Bild auch nicht todgefiltert, sondern wirkt körnig-filmisch. Auch der Ton ist sehr klar und gut zu verstehen. Ein besonderes Lob geht an OFDb Filmworks dafür, dass sie für diese Veröffentlichung drei exklusive Features produziert haben. Einmal ein 16-minütiges Interview mit Hector Elizondo mit dem Titel „Shades of Grey“, sowie „Above and Below“ (13 Minuten), indem Kameramann Owen Roizman zu Wort kommt. „Taking the Ride“ (7 Minuten) zeigt einen Vergleich der Drehorte damals und heute. Eine isolierte Musiktonspur mit Interview mit Komponist David Shire, die „Trailers From Hell“-Ausgabe des Filmes und eine große Bildgalerie runden die Extras ab. Dazu kommt noch ein 16seitiges Booklet mit einem Essay von Torsten Hanisch.

Blu-ray Rezension: „Nackt im Sommerwind“

Von , 24. November 2018 12:44

Mr. Prince (Jeffery Niles), Sohn einer ausgesprochen reichen Familie (in der US-Fassung ein echter Prinz in einem kleinen Land) zieht es in die große Stadt, um wie normale Menschen zu arbeiten. Schnell findet er eine Stelle in leitender Position und zwei Mitarbeiterinnen, die gerade frisch in die Stadt gezogen sind: Die blonde Eve und die brünette Sue (beides Joni Roberts). Mr. Prince verliebt sich in Eve, während sich Sue unsterblich in ihn verliebt. Mr. Prince ist glühender Anhänger der Freikörperkultur und auch Eve ist überzeugte Nudistin. So trifft man sich im Nudisten-Camp, während Sue Pläne schmiedet, wie sie ihren Prinz für sich gewinnen kann…

Doris Wishman ist eine ganz besondere Filmemacherin. Eine, wie es sie so vorher nicht gab und auch nicht wiedergeben wird. Seitdem ich mich für die 22. Ausgabe des 35-Millimeter-Retro-Filmmagazin intensiv mit ihr und ihrem Werk bis 1965 auseinandergesetzt habe, bin ich ihrer sehr individuellen Art des Filmemachens verfallen. Umso größer die Freude, dass die große kleine Frau endlich mit einer ihr gebührenden Veröffentlichung auch hierzulande geehrt wird. Leider zählt „Nackt im Sommerwind“ nicht zu ihren besten Filmen. Auch in ihrer Nudisten-Phase gibt es Filme, die diesem eher unbedeutenden Werk haushoch überlegen sind. Wie ihr Erstling „Hideout in the Sun“ oder der sehr unterhaltsame „Nude on the Moon“, den wir einmal mit großem Erfolg bei unserer Bremer Filmreihe Weird Xperience zeigen durften. Aber man soll trotzdem froh sein, dass dieses Stückchen Zelluloid dem endgültigen Vergessen entrissen wurde.

Wie gesagt, ist „Nackt im Sommerwind“ kein besonderes Ruhmesblatt. Wishman nutzt die arg dünne Geschichte, die vor allem über das Voice-Over und ein paar ungelenke Spielszenen transportiert wird, um einem die immer gleichen Szenen aus einem realen Nudisten-Camp (die, wie ich meine, größtenteils schon in ihren anderen Filmen verwendet wurden) vorzuführen. Nicht, dass ihre anderen Nudisten-Filme gänzlich anders funktioniert hätten. Doch bei jenen gab es dann aber immer noch eine etwas interessantere oder ausgefallenere Handlung, welche die Aufmerksamkeit wachgehalten hat. Hier macht diese in dem eh schon sehr kurz ausgefallenen Film gerade mal die Hälfte aus und wirkt irgendwo lustlos nebenher inszeniert. Dass ein Wohnzimmer als Büro herhalten muss, passt zwar zur seltsamen Parallelwelt, die Wishman in ihren Filmen kreiert. Doch ihr Hauptdarsteller Jeffery Niles bringt in seiner einzigen Filmrolle außer gutem Aussehen rein gar nichts mit, was ihn irgendwo charismatisch erscheinen lässt. Nicht nur, dass der bekennenden Freikörper-Fan der Einzige im Nudisten-Camp ist, der eine Badehose trägt – was niemanden zu verwundern oder stören scheint – , ständig wandert sein Blick in Richtung Kamera, wo er sehnsüchtig auf sein Einsatzzeichen wartet und bei jedem Dialog kann man seinen Augen dabei zusehen, wie sie gerade den Text von einer Karte ablesen. Man kann natürlich argumentieren, dass das einen Teil des Charmes ausmacht. Trotzdem wird man das Gefühl nicht los, dass Wishman hier mit einer gewissen „Egal“-Haltung gefilmt hat, die man in ihren anderen Filmen nicht spürt.

In der weibliche Haupt-(Doppel)-Rolle tritt Joni Roberts auf, die nicht besonders viele Nuancen nutzt, wenn es darum geht, die angeblich so unterschiedlichen Zwillingsschwestern zu spielen. Blonde und brünette Perücke und leicht abgeändertes Make-Up müssen da reichen. Immerhin hat sie den Mut, im Gegensatz zu ihrem Filmpartner, im Nudisten-Camp auch wirklich nackt aufzutreten. Ansonsten ist es nett anzuschauen, wie Wishman hier mit einfachsten Mitteln die Illusion hervorrufen möchte, dass wirklich zwei Personen anwesend seien. Dabei gibt es dann sogar eine einzige Szene, in der beide Schwestern zusammen zu sehen sind – wobei der extrem billige Effekt gar nicht so schlecht geraten ist. Ansonsten arbeitet Doris Wishman, wie man es von ihr kennt. Mit sehr vielen Natur-Aufnahmen (einmal sieht man minutenlang von Wasser umflossene Steine, während der Voice-Over die Handlung weitererzählt) und Schnitten auf Einrichtungsgegenstände (gerne auch mal als Standbilder). Das kennt und schätzt man an ihr, und macht auch ihren besonderen Stil aus. Selten allerdings wurden diese Mittel so inflationär und wahllos eingesetzt wie hier.

Die deutsche Fassung kann durch eine sehr gute, zeitgenössische Synchronisation punkten. Eine bekannte (von mir leider nicht identifizierte) Stimme spricht ironisch-amüsiert den blumigen Voice-Over, während ein sehr junger Christian Bruckner den Helden spricht und somit dessen Darstellung deutlich auswertet. Die englischen Tonspur wurde nachträglich neu erstellt. Da der Film in den USA verloren war, und die deutsche Fassung die einzige noch existierende war, wurde auf der Basis der noch existierenden Zensurkarten neu eingesprochen. Für den Wishman-Afficado ist diese Veröffentlichung natürlich ein Pflichtprogramm, denn dank der Arbeit von LSP, die für den Transfer zuständig waren, sieht der Film besser aus, als alles was man sonst von Doris Wishman sehen kann. Schade nur, dass die Mühe nicht auf ein sehr viel interessanteres Werk wie z.B. „Bad Girls Go To Hell“ aufgewandt wurde. Zudem ist der Film extrem rar und galt – bis im letzten Jahr eine DVD basierend auf der deutschen Kinorolle und mit der neuen englischen Tonspur erschien – lange als verschollen. Wer allerdings erstmals das bizarre Universum der Doris Wishman betreten möchte, dem würde ich zum Einstieg doch einen anderen Film empfehlen.

Trotz des eher schwachen Filmes ist die ausgesprochen liebevolle Veröffentlichung von Forgotten Film Entertainment ein Must-have für alle, die sich für Doris Wishman und/oder die Low-Budget-Filme der 60er interessieren. Die Veröffentlichung entstand im Zusammenarbeit mit dem Geheimnisvollen Filmclub Buio Omega, der Doris Wishman 2001 zu sich nach Gelsenkirchen eingeladen hatte und reichlich Material aus dieser Zeit zur Verfügung stellen konnte. Und allein dieser Schatz ist es wert, sich die BluRay zu besorgen. Zum einen findet man hier viele – ursprünglich nicht für die Öffentlichkeit bestimmte – Aufnahmen von ihrem Besuch 2001 in Gelsenkirchen (27 Minuten). Da ist es nicht nur schön die jungen Gesichter der damaligen Protagonisten zu sehen, auch Doris fühlt sich wohl, redet frei von der Leber weg und inszeniert sogar ein wenig. Hier hat man wirklich das Gefühl, dabei gewesen zu sein und sich Jahre später die alten Aufnahmen anzusehen. Ebenfalls sehr schön ist eine Dokumentation des Besuches von einem „Buio“ und Freundin bei Doris in Florida ein Jahr vorher (18 Minuten). Hier bekommt man ein gutes Gefühl dafür, wie Doris ihren Lebensabend verbrachte und was sie für ein Mensch war. Anekdoten inklusive. Herzstück der Edition ist dann der 97-minütige Film „Better than Sex! Oder: Wie man einen Wishman-Film macht“, der Doris Wishman bei den Dreharbeiten zu ihrem letzten Film zeigt. Am Set werden auch viele interessante Gespräche mit ihren Weggefährten geführt. Insbesondere ihr langjähriger Kameramann hat da viel zu erzählen. Daneben gibt es noch ein 5-minütiges Stück in dem Synchronsprecher-Legende Christian Brückner zeitgenössische Kritiken von „Nackt im Sommerwind“ vorliest, sowie ein knapp 2-minütiges Intro der „Buios“ Ingo Stecker, Jo Steinbeck und Heinz Klett. Die Drei bestreiten dann auch den Audiokommentar und liefern zusammen mit anderen aus dem Buio-Omega-Umfeld (u.a. Christian Keßler) die Texte für das sehr umfangreiche 32-seitige Booklet. Als Schmankerl hat man noch den Originalvorfilm restauriert und auf die BluRay gepackt, der bei der Deutschen Aufführung von „Nackt im Sommerwind“ vorweg lief: „Mädchen in der Sauna“. Dieser hätte jetzt nicht unbedingt eine solch perfekte Restauration (der Film sieht wirklich aus wie neu) benötigt, ist aber ein schönes Zeitdokument. Eine junge Journalistin schreibt einen Bericht über die finnische Sauna, recherchiert vor Ort und probiert die Sauna auch gleich mal selber aus, was dem Zuschauer Gelegenheit gibt, sie im Eva-Kostüm zu sehen. Erotisch ist das nicht direkt und statt „Mädchen“ sieht man allerlei Menschen beiderlei Geschlechts, Alter und Form. Die drei „Herr Weber“ hätte ich jetzt nicht gebraucht. „Herr Weber“ ist scheinbar eine „in der Szene“ bekannte Figur, die ich aber eher nervig fand. „Wie ich den Sommerwind fing“ (20 Minuten) soll davon erzählen, wie er die letzte Kopie von „Nackt im Sommerwind“ fand. Es erschließt mir aber leider nicht, was daran Fakt und was Fiktion ist. Soll wahrscheinlich lustig gemeint sein. Es folgen dann noch zwei 3- bzw. 4-minütige Kurzfilme mit Herrn Weber. Abschließend noch etwas zur technischen Qualität des Hauptfilmes: Diese ist sowohl was Bild als auch Ton angeht superb und so gut hat wahrscheinlich noch nie ein Doris-Wishman-Film ausgesehen.

Blu-ray-Rezension: „Antiviral“

Von , 31. Oktober 2018 13:10

In einer sehr nahen Zukunft. Stars sind die neuen Götter und um ihnen nahe zu sein, lassen sich ihre Fans in Spezialkliniken für teures Geld deren Krankheiten spritzen. Wenn man den Herpes der Vergötterten hat, hat man einen Teil von ihr. Syd March (Caleb Landry Jones) arbeitet in einer solchen Klinik. Aber er arbeitet nebenbei auf eigene Rechnung. Er schmuggelt die Viren aus der Klinik, indem er sie sich selbst injiziert. Dann verkauft sie an einen zwielichtigen Schwarzhändler (Joe Pingue). Als er dies auch mit dem Virus der beliebten Hannah Geist (Sarah Gadon) tut, erlebt er eine böse Überraschung…

Es ist schon mutig, was Brandon Cronenberg da gemacht hat. Der Sohn eines ebenso berühmten, wie insbesondere für sein Frühwerk bei zahlreichen Fans ausgesprochen beliebten Kultregisseurs begibt sich für sein Spielfilmdebüt auf exakt jenes Feld, welches Papa David einst bestellt hat. Kalkül, weil man mit dem Namen Cronenberg möglichst viele Fans anziehen oder zumindest höchst neugierig machen möchte? Oder ist es eher ein klarer Fall von „Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm“ und Cronenberg Jr. treiben nun einmal dieselben Themen um, wie seinen Vater? Vermutlich eher letzteres, den Brandon Cronenberg führte nicht nur Regie, sondern schrieb auch das Drehbuch zu „Antiviral“. Ein merkwürdiger, aber durchaus faszinierender Film, wie ihn auch Cronenberg Sr. in jungen Jahren hätte drehen können. Damit soll es aber nun genug sein, ob der Vergleich der beiden Cronenbergs. Denn Brandon C. hat hier ein eigenständiges Werk geschaffen, welches zwar stilistisch an das Frühwerk des Vaters erinnert, dieses aber noch einmal um ein paar Grad herunter kühlt.

Im Grund ist „Antiviral“ ein tiefschwarze Satire. So schwarz, dass sie komplett humorlos erscheint. Aber natürlich ist der auf die Spitze (und darüber hinaus) getriebene Starkult völlig grotesk und würde in den Händen z.B. eines Quentin Dupieux zu einem Stück absurd-surrealer Komödie werden. Cronenberg wählt aber einen anderen, grimmigeren Ansatz. Der von ihm geschaffenen, sterilen Welt ist jegliche Leichtigkeit, jeder Anflug von Spaß ausgetrieben. Die Fans der (für was eigentlich?) vergötterten Stars zeigen keine echten Gefühle, sondern eine übertriebene Sucht nach dem Kick der totalen Hingabe an ein Traumgeschöpf. Nicht nur, dass sie sich die Krankheiten der Stars spritzen lassen, um ihnen irgendwie nahe zu sein, sie verschlingen sie förmlich in Form von künstlich aus dem Muskelgewebe der Traumgötter hergestellten, gräulichen Fleischlappen. Cronenberg zeigt eine Welt in der die Menschen komplett leer sind. Die Fans als dumme Schafe, die alles dafür tun, damit ihre Stars das eigenen nutzlose Leben irgendwie aufwerten. Die Stars selber, die lediglich Produkte sind. So sehr, dass sie Teile von sich verkaufen lassen. Ihre Krankheiten, ihr Fleisch, ihre Persönlichkeit, welche virtuell den Bedürfnissen der Fans angepasst und jederzeit verfügbar ist. Und dazwischen diejenigen, die das ganze Elend skrupellos zu ihrer eigenen Bereicherung ausschlachten und an nichts anderem als Gewinnmaximierung interessiert sind. Keine der drei Gruppen ist irgendwie sympathisch oder bietet sich zum Mitfühlen an. So ähnelt Cronenbergs Film dann auch mehr eine klinischen Versuchsanordnung und weniger dem SF-Thriller als der er verkauft wird.

Dazu passt dann auch hervorragend die Besetzung der Hauptrolle mit Caleb Landry Jones. Jones hat nicht nur von Natur her ein seltsames, fiebrig-„krankes“ Aussehen, sondern auch eine unangenehme, unterschwellig aggressive, selbstfixierte Aura. So war er bereits die Idealbesetzung für den fiesen Armitage-Sohn im großen Überraschungserfolg „Get Out“, wie auch in „Twin Peaks: The Return“ wo man ihn als drogensüchtigen Freund von Amanda Seyfried sah. Einem Typen der nichts auf die Reihe bekommt, seine Mitmenschen ohne Rücksicht ausnutzt und sie sehenden Auges mit ins Elend zieht. Ein Mensch, dem man liebend gerne den Hals umdrehen würde. Oder „you love to hate“. Sein Syd March passt da in diese Reihe. Skrupellos, immer an der Grenze zur Selbstzerstörung, fast geisterhaft. Zur Identifikation lädt Syd sicherlich nicht ein. Aber er ist der perfekte Führer durch eine eiskalte Welt, der jegliche menschliche Wärme abhanden gekommen ist. Ein Welt, die Liebe und Mitgefühl in einen sinnentleerten Fanatismus pervertiert hat. Jones trägt den Film auf seinen schmalen, ausgemergelten Schultern und spielt locker gegen eine Größe wie Malcom McDowell an, der hier offensichtlich nur wenige Drehtage zur Verfügung stand und professionell, aber auch etwas egal agiert.

Man merkt „Antiviral“ jederzeit an, dass nicht viel Budget zur Verfügung steht. So wirkt er manchmal wie ein ambitionierter Hochschulabschlussfilm. Doch Cronenberg weiß mit dieser Limitation gut umzugehen. Die Welt, die er mit seinen weißen, klinischen Flächen erschafft, wirkt einerseits futuristisch, andererseits in seinem aseptischen Apple-Look auch sehr vertraut. In dieser Welt können auch die kleinen, schmutzigen Make-Up-Effekte für den allgegenwärtigen Ausschlag, dem ausgehusteten -fast schwarzen Blut und die krank-fleckige Haut einen größeren Effekt erzielen. „Antiviral“ mag weit weniger eklig sein, als man bei seiner Prämisse erwarten würde – aber das ständige Blut-Husten, die Großaufnahme, die fast schon dokumentarischen Einstiche der Spritzen, die Close-Ups auf die kranken-fiebrigen Gesichter verfehlen ihre Wirkung nicht. Ebenso wie das schwarz-zynische Ende und die unterkühlt-unangenehme Atmosphäre. Nein, ein mitreißender Film ist „Antiviral“ nicht. Aber ein faszinierender mit Widerhaken. Einer über den man noch lange nachdenkt, und der nicht so einfach aus dem Kopf verschwinden will, wie man das gern hätte. Fast wie ein Virus.

Die Bluray des mir zuvor unbekannten Labels Busch Media weist eine gute Bildqualität auf. Der Ton ist sehr klar. Effekte gibt es keine, sind aber auch vom Film her so nicht vorgesehen. Schade ist es, dass es keine Untertitel gibt, da man in der englischen Tonspur manchmal Probleme hat Caleb Landry Jones, aufgrund dessen Tendenz seine Sätze zu vernuscheln, zu versehen. Auch ist dem „Tech-Talk“ im Original nicht immer einfach zu folgen. Bonus gibt es außer Trailern aus dem Busch Media Programm leider nicht.

Blu-ray-Rezension: „Eiskalte Typen auf heißen Öfen“

Von , 11. Oktober 2018 16:59

Die beiden Polizisten Alfredo (Marc Porel) und Antonio (Ray Lovelock) gehören zu einer Spezialeinheit in Rom an, welche die Straßen vom Verbrechen säubern will. Notfalls auf präventiv durch eine Kugel zwischen die Augen. Als ein Kollege durch die Leute des lokalen Mafiabosses Roberto Pasquini (Renato Salvatori) umgebracht wird, machen sich Antonio und Alfredo daran, Pasquini das Handwerk zu legen und geraten dabei ins Fadenkreuz des Gangsters.

Anmerkung: Alle Screenshots stammen von der ebenfalls enthaltenen DVD, nicht der Blu-ray.

Beim ersten Ansehen von „Eiskalte Typen auf heißen Öfen“ fällt einem erst einmal gepflegt die Kinnlade herunter. Was sich dort von den Augen des unbedarften Zuschauers abspielt ist im Grunde völlig unfassbar. Polizisten benehmen sich wie psychopathische Schulkinder und knallen mit einem frechen Grinsen auf dem Gesicht alles kaltblütig weg, was ihnen vor den Lauf kommt. Ohne Rücksicht auf Verluste unter den Zivilisten, und ohne auch nur einen Gedanken an eine simple Festnahme zu verschwenden. Nein, nur töten macht Spaß. Oder die Autos reicher Bonzen anzuzünden, die sich gerade in dem Spielkasino eines Verdächtigen aufhalten. Warum? Weil! Und wenn da der ein oder andere kleine Handlanger bei draufgeht? Was soll’s? Nebenbei wird die hübsche Kollegin sexuell belästigt oder man rutscht mal hintereinander über die nymphomane Schwester eines Verdächtigen rüber. Lustig ist das Polizisten-Leben!

Dass Regisseur Ruggero Deodato das alles bitterernst gemeint hat und die Taten seiner Protagonisten gut heißt, darf bezweifelt werden. Viel mehr treiben er und sein Drehbuchautor Fernando di Leo das auf die Spitze, was die Poliziotteschi von Leuten wie Lenzi oder Massi vor ihnen schon auf die Leinwand gebracht haben. Der Cop als reinigende Kraft, die auf eigene Faust mit dem Gesocks auf der Straße aufräumt. War Maurizio „Kommissar Eisen“ Merli noch der Watschenverteiler, dem zwar auch der Colt locker an der Hüfte saß, der aber noch ein letztes Bisschen Anstand und Bürgernähe besaß. Das ist hier vollkommen vorbei. Die beiden Posterboys Antonio und Alfredo interessiert eigentlich nur eins, nämlich sie selber. Und da ihnen das Töten solch eine Freude bereitet, sehen sie in ihrem Gegenüber nur das potentielle Opfer ihrer Mordlust. Beide sind Psychopathen reinsten Wassers, was ihr Chef natürlich allzu gut weiß. Halbherzig stellt er sie nach jedem Massaker zur Rede, weiß aber natürlich auch, dass die Beiden für ihn nicht mehr sind als zwei tödliche Waffen, die er bei Bedarf, und ohne mit der Wimper zu zucken einsetzt. So etwas wie Moral kommt in der Welt, wie Deodato sie zeichnet, nicht vor. Da wirkt sogar sein berüchtigter „Cannibal Holocaust“ in dieser Hinsicht etwas sanfter, da es dort mit Prof. Monroe wenigstens eine Figur gibt, die Herz und Gewissen zeigt. So jemanden sucht man in „Eiskalte Typen auf heißen Öfen“ vergebens.

Es wäre interessant herauszufinden, ob es jemanden gibt – heute oder in der Zeit der Filmpremiere – die in Antonio und Alfredo so etwas wie Helden oder gar Vorbilder sieht. Diesem Menschen möchte man allerdings nicht über den Weg laufen. Die gute deutsche Synchro versucht das blutig-misanthropische Treiben mit flotten Sprüchen noch etwas abzumildern, allerdings verstärken diese noch das Unwohlsein nur, welches einen beim Betrachten der Aktionen beider Herren befällt. Wenn beispielsweise Antonio eine Zeugin erst einen Kinnhaken verpasst und dann noch meint „Noch so ’n Scherz und du kannst dein Frühstück aus der Schnabeltasse lutschen“, dann wirkt das nicht cool, sondern im höchsten Maße sadistisch. Und am Ende sind die beiden hübschen Unsympathen nicht nur eitel, selbstverliebt, skrupellos, psychopathisch und übergriffig, sondern auch ziemlich dumm. Ohne das beherzte und ebenso kaltblütige Eingreifen ihres Bosses würden sie nämlich in 1000 Fetzen zerrissen werden. Weshalb? Weil sie lieber eine hübsche Blondine vergewaltigen, als auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, weshalb der Gesuchte nicht zugegen ist.

Aber nicht nur in Bezug auf die (Anti)Helden ihres Filmes, rechnen Deodato und di Leo mit dem klassischen Poliziottesco ab. War dieser bereits durch eine gewisse Epidodenhaftigkeit gekennzeichnet, so zerschlagen die Beiden ihren „Eiskalte Typen auf heißen Öfen“ in einzelne Stücke, die nur notdürftig durch die Suche nach Pasquini als roten Faden zusammengehalten werden, oftmals aber gar nichts mit diesem zu tun haben. Dadurch, dass „Eiskalte Typen auf heißen Öfen“ die typischen Muster eines Poliziottesco gnadenlos übertreibt, legt er dessen Strukturen und oftmals diskussionswürdigen Elemente frei, wie eben gute Satire den Finger auf die Wunde legt, indem sie die Missstände auf die Spitze und darüber hinaus treibt. Dass „Eiskalte Typen auf heißen Öfen“ aber trotzdem hervorragend als Poliziottesco und Actionfilm funktioniert motiviert dazu, hier vielleicht mal genauer hinzuschauen, was diese Filme eigentlich aussagen und welche Methoden sie propagieren. Und – auf den Zuschauer zurückgeworfen – weshalb er das auch gerne mal so richtig geil findet. Natürlich ist es okay, Poliziotteschi oder Actionfilme zu mögen und ihren nicht zu leugnenden Unterhaltungswert sehr zu schätzen. Aber es ist sicherlich nicht verkehrt, sich immer wieder bewusst zu machen, dass das eben eine Fantasiewelt ist, die dort kreiert wird und man solche reaktionären und gewaltgeilen Typen wie einen Merli in der realen Welt eben nicht unbedingt antreffen möchte. Von Antonio und Alfredo ganz zu schweigen.

In seinem schier unfassbaren „Eiskalte Typen auf heißen Öfen“ arbeitet Ruggero Deodato mit einer Technik, die später auch Paul Verhoeven bei „Starship Troopers“ anwenden sollte. Zusammen mit seinem Drehbuchautor Fernando di Leo treibt er unter dem Deckmantel rasanter Action und brachialen Unterhaltung die  „Law & Order“-Mentalität anderer Poliziotteschi auf die Spitze, legt so das darunterliegende Gedankengut frei und stellen es in Frage.

Mit „Eiskalte Typen auf heißen Öfen“ macht filmArt das Dutzend in ihrer Polizieschi Edition voll. Dafür wurde das Bild des Filmes neu abgetastet und ist nun – wie man in diversen Internetforen ließt – dem der englischen Bluray überlegen. Diese liegt mir zwar nicht zum Vergleich vor, doch es besteht wirklich kein Grund zur Beschwerde. Das Bild ist sehr gut, ohne seinen „Filmcharakter“ zu verleugnen. Hier hat der technische Partner LSP-Medien wieder einmal ganze Arbeit geleistet. Auch der Ton ist klar und gut verständlich. Nichtsynchroniserte Stellen liegen auf Italienisch mit deutschen Untertiteln vor. Neben der deutschen ist noch die italienische und die englische Tonspur dabei, sowie ein sehr informativer und kurzweiliger Audiokommentar von Pelle Felsch und Oliver Nöding, der nur zum Ende hin etwas fahrig wird. Eine „unzensierte Deutsche Kinofassung“ ist auch dabei, wobie ich jetzt nicht sagen kann, inwieweit diese sich von dem Hauptfilm unterscheidet – wenn sie doch unzensiert ist. Als Special-Feature gibt es noch die von Ray Lovelock gesungenen Lieder „Maggie“ und „Won’t Take Too Long“, die über einem Foto von ihm abgespielt werden. Englischer Vor- und Abspann und diverse Trailer runden die Extras ab. Hervorzuheben ist noch das wirklich fette Booklet von Martin Beine, welches auch wunderbar bebildert ist.

Blu-ray Rezension: „Rock ’n‘ Roll High School“

Von , 10. Oktober 2018 16:43

Als der Direktor der Vince Lombardi High School aufgrund der rebellischen und Rock’n’Roll-süchtigen Schüler einen Nervenzusammenbruch erleidet und als Wrack in die Psychiatrie muss, übernimmt die strenge und autoritäre Miss Evelyn Togar (Mary Woronov) die Schule und zieht andere Saiten auf. Unterstützt von ihren Schergen Fritz Hansel (Loren Lester) und Fritz Gretel (Daniel Davies) führt sie ein Schreckensregime, um den Schülern wieder Disziplin beizubringen. Doch sie hat die Rechnung ohne Riff Randell (P. J. Soles), dem größten Ramones-Fan der Welt, gemacht…

Es ist durchaus verwunderlich, weshalb um „Rock ’n‘ Roll High School“ solcher frenetischer Kult wie um „The Rocky Horror Picture Show“ entstanden ist. Zwar ist die „Rock ’n‘ Roll High School“ unter Ramones-, wie auch Roger-Corman- und Joe-Dante-Fans durchaus bekannt und beliebt, doch solch ein flächendeckenden Wahnsinn wie um das britische Grusel-Musical gab es leider nie. Dabei ist die unbändige Energie, die gute Laune und die mitreisende Musik eigentlich prädestiniert für jährliche Screenings vor Hunderten von Leuten. Aber in einer nicht so gerechten Welt, rangiert „Rock ’n‘ Roll High School“ leider nur unter den (immerhin umso mehr geliebten) Geheimtipps. Vielleicht ist der verrückte Charme des Filmes und die energiereiche Punkmusik der göttlichen Ramones dann doch nichts für Otto und Ottilie Normalkinogänger.

Aus heutiger Sicht ist allein schon der Soundtrack spektakulär. Gleich zu beginnt schallen einem Paul McCartney & The Wings entgegen. Später folgen Fleetwood Mac, Devo, Alice Cooper, Lou Reed und diverse Brain Eno-Stücke, die als Score genutzt werden. Wie es eine Billigproduktion geschafft hat, all diese Musiker auf dem Soundtrack zu vereinen und damit kein Millionenbudget verbraten zu haben, gehört zu den Firmengeheimnissen der Corman-Schmiede (nein, nicht wirklich. Es wird in einem der Extras ausgeplaudert – man hatte einfach sehr gute Kontakte). Und dann sind da natürlich die Ramones. Ich war immer davon ausgegangen, das Joey, Dee Dee, Johnny und Marky einen Kurzauftritt am Ende des Filmes hätten. Weit gefehlt. Der Film dreht sich nicht nur um einen verrückten Ramones-Fan, sondern auch um die Band selber, die tatsächlich ein weiterer Hauptdarsteller in „Rock ’n‘ Roll High School“ ist. Der Höhepunkt ist dann ein Konzert, welches die Ramones im The Roxy geben und bei dem sie nicht nur ihre größten Hits spielen, sondern auch zeigen, was für eine großartige und mitreißende Bühnenband sie waren.

Aber es ist nicht nur die tolle Musik, die den Film zu dem machen, was er ist. Wenn dem so wäre, könnte man ja auch ein Musikvideo ans andere reihen. Neben der zeitlosen Geschichte von den typischen High-School-Problemen, der ersten Liebe, dem Boy-Wants-(wrong)-Girl, (Right)Girl-Gets-Boy und Jugend-Rebellion, sind es vor allem die frischen und quirligen Schauspieler, die ihren Figuren echtes, sprühendes Leben verleihen. Allen voran die fabelhafte P.J. Soles als Riff Randell (was für ein Name!). Ein Mädel mit dem man gerne tausend Pferde stehlen möchte. Aber auch Dey Young (die später in zwei deutschen Produktionen – „Zärtliche Chaoten“ und „Starke Zeiten“ mitspielen sollte) ist perfekt in der Rolle der „grauen Maus“, die allerdings gar nicht so grau ist, sondern im Gegenteil immer für einen guten Scherz und eine tolle Party zu haben ist. Und bei der immer die Lust an der Subversivität durch das „Braves Mädchen“-Äußere durchscheint. Vor allem stimmte die Chemie zwischen Soles und Young was sich auch eindrücklich auf ihre Figuren überträgt. Zu keiner Zeit denkt man, die Beiden würden nicht zusammen durch Dick und Dünn gehen. An der Lehrerfront ist Paul Bartels als Beethoven-cum-Punkrock-Fan einfach zum Knuddeln. Den Vogel schießt aber die unvergleichliche Mary Woronov als Miss Togar ab. Hochgeschossen, in engem Kostüm und strenger Frisur, dominant, autoritär und dabei auch unglaublich sexy. Auch Clint Howard als „Fonzie“-Verschnitt Eaglebauer macht Spaß.

Allein Miss Togars beiden Schergen Fritz Hansel und Fritz Gretel sind arg drüber, fügen sich aber trotzdem in den generellen Wahnsinn des Filmes ein. Zudem ist Fritz Gretel für eine der schönsten Szenen des Filmes (Stichwort: Papierflieger) zuständig. Dass dann irgendwann noch eine mannsgroße Maus und seine Mutter (!) auftauchen, ist da dann auch schon egal. Wer den Film liebt, der liebt auch den von SFX-Guru Rob Bottin gespielten Mr. Mouse. Was „Rock ’n‘ Roll High School“ zusammenhält und seinen unglaublichen Drive gibt ist der perfekte Schnitt. Man merkt, dass Regisseur Allan Arkush zusammen mit Joe Dante für die Herstellung der spektakulären Trailern der Corman-Produktionen zuständig waren. Da stimmt vom Timing her alles und macht ordentlich Tempo. Besonders gut zu sehen in der Szene in der Riff Randell in der Sporthalle „ihren“ Song „Rock ’n‘ Roll High School“ zum besten gibt und ihre Mitschülerinnen mitreißt. Die Szene wurde wurde von Joe Dante gefilmt, da Arkush erschöpft im Krankenhaus lag. Da gibt es keine großartige Choreographie, aber im Schnitt wirkt das alles authentischer, mitreißender und lebensfroher als… sagen wir mal „Mamma Mia“.

Aber warum schreibe ich hier eigentlich so viel? Man kann das alles auch in drei kurze Sätze zusammenfassen: Die Blu-ray in den Player schieben. Die Lautstärke auf Ramones-Level. Und einfach Spaß haben.

Das Bild der Anolis-Bluray ist dem Alter entsprechend sehr gut und nicht tot gefiltert. Der Ton haut trotz 2.0 Mono mit DTS-HD ordnetlich rein, was bei diesem Film natürlich besonders freut. Ansonsten ist die Bluray randvoll mit spannenden Extras. Das beginnt mit gleich vier (!!!) Audiokommentaren. Es spreche Allan Arkush und Mike Finnell,dann Allan Arkush, P.J. Soles und Clint Howard, gefolgt von Roger Corman und Dey Young, sowie Jörg Buttgereit und Alexander Iffländer. „Back to School“ ist ein 24-minütige Feature in dem sich viele der Beteiligten an die Dreharbeiten zurück erinnern. Es gibt ein 11-minütiges Interview mit Allan Arkush (wo er viele Anekdoten aus „Back to school“ wiederholt). Es gibt einen 4-minütigen Auftritt von Roger Corman bei Leonard Maltin, bei dem Beide über „Rock ‚N‘ Roll High School“ sprechen. „Staying after Class“ ist ein sehr kurzweiliges und sympathische Treffen von P.J. Soles, Dey Young und Vincent van Patten, bei dem sich die Drei gutgelaunt über ihre Erlebnisse am Set austauschen (16 Minuten). Ferner gibt es eine 15-minütige Audioaufnahme, wie die Ramones bei ihrem Roxy-Auftritt wirklich geklungen haben. Eli Roth kommentiert für „Trailers from Hell“ den US-Trailer. Spots, Werberatschläge und eine Bildgalerie runden diese tolle Veröffentlichung ab.

Blu-ray Rezension: „Der wilde Planet“

Von , 28. September 2018 13:40

Auf dem Planeten Ygam leben die riesigen, blauen Draags. Einst brachten sie vom Planeten Terra die im Vergleich zu ihnen winzigen Menschen mit. Diese nennen sie Oms und nutzen sie als Haustiere. Nach dem Tod seiner Mutter wird der Om-Junge Terr von dem Draag-Mädchen Tiwa mitgenommen und dient ihr als Spielzeug, das sie hegt und pflegt. Terr nimmt dabei auch an den Schulstunden Tiwas teil und erlernt so das Wissen der Draags. Eines Tages flieht Terr und trifft auf „wilde“ Oms, die von den Draags wie Ungeziefer behandelt und beseitigt werden. Ausgerüstet mit dem Wissen der Draags führt Terr die wilden Om in eine Rebellion…

Der wilde Planet“ ist ein Kultfilm. Zusammen mit den Werken von Ralph Bakshi gehört er zu einer fast vergessenen Kunst: Einem Animationsfilm für Erwachsene, der weit entfernt von dem ist, was Disney einst in die Kinos pumpte. Nicht auf Perfektion und sauberes Entertainment für die Kleinen getrimmt, sondern rau, subversiv und durchaus brutal. Verankert im Underground und subversiver Kunst. Wenn in „Der Wilde Planet“ ein seltsames Wesen erst sein Junges liebkost und dann auffrisst, oder gleich zu Beginn eine Om-Mutter durch übermütiges Spiel junger Draags vor den Augen seines Kindes getötet wird, dann ist das sicher nichts, was die lieben Kleinen im Nachmittagsprogramm erwarten würden. Aber genau dort wurde „Der wilde Planet“ in den 80er Jahren gezeigt, denn damals galt bei den Rundfunk-Verantwortlichen scheinbar noch die Gleichung Trickfilm = Kinderkram.

Damals hieß der Film bei uns noch „Der phantastische Planet“. Und der Planet Ygam auf dem der Film spielt ist fürwahr phantastisch. Voller seltsamer, bizarrer Wesen, welche der überbordenden Fantasie des französischen Autors Roland Topor entspringen. Voller Farben und Töne. Gefahren und Gewalt. Aber auch Fürsorge und Spiritualität. Der Originaltitel „La Planète sauvage“ bezieht sich jedoch nicht auf Ygam, den Heimatplanet der Draag, sondern auf den Mond des Planeten. Ein geheimnisvoller Sehnsuchtsort der Oms, die dorthin flüchten wollen, um dem von den Draag geplanten Genozid an ihnen zu entkommen. „Der wilde Planet“ birgt allerdings Geheimnisse, die am Ende für die Zukunft sowohl der Oms, als auch der Draags von größter Wichtigkeit werden.

„Der wilde Planet“ wurde vom Rolling Stone zu einem der besten Animationsfilmen aller Zeiten gewählt (Platz 36) und erhielt 1973 den Spezial-Preis der Jury bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes. Entsprungen ist der Film (basierend auf dem 1957 erschienen Roman „Oms en Série“ von Pierre Pairault aka „Stefan Wul“) dem Geist zweier höchst interessanter Menschen. Einmal dem des großen Roland Topor, der hier für das Design des Filmes zuständig war,und der zusammen mit Fernando Arabal und Alejandro Jodorowsky der surrealistischen „Panic Movement“ angehörte. Seine Wurzeln in diesem Umfeld merkt man den eigenartigen Lebewesen an, welche die Parks der Draags bevölkern. Diese erinnern an die bizarren Animation des jungen Terry Gilliam aus seinen frühen Monty-Pythons-Tagen. Dazu trägt aber auch der Stil des zweiten Geistes – dem des Regisseurs René Laloux – bei, welcher eher statisch angelegt ist und oftmals den Eindruck erweckt, hier würden lediglich ausgeschnittene Papierfiguren hin und her bewegt werden. Was zur allgemeinen Seltsamkeit und Verfremdung des Filmes beiträgt. Regisseur René Laloux arbeite ursprünglich in einer psychiatrischen Klinik, wo er auch zusammen mit den Patienten seine ersten Animationsfilme realisierte. Mit Topor bildet er hier ein kongeniales, sich gegenseitig befruchtendes Team, welches eine uns ebenso fremde, wie aber auch irgendwie vertraute Welt schaffen. Denn wenn man den ersten Schock darüber, dass die Mutter des kleinen Terr zu Beginn des Filmes von einer Gruppe Draag-Kinder beim Spiel und aus Versehen getötet wurde, muss man nicht lange nachdenken, um in den Draag-Kindern unschuldig-grausamen Menschenkinder zu erkennen, die aus Neugierde den Fliegen die Flügel ausreißen oder Ameisen mit der Lupe verbrennen.

Jetzt könnte man „Der wilde Planet“ recht einseitig als überdeutlichen Aufruf zu einem verantwortungsvolleren Umgang mit Tier und Natur verstehen, bei dem zur besseren Anschauung die Tiere einfach durch Oms und die Menschen mit Draags ausgetauscht wurden. Doch dies würde zu kurz greifen, denn der metaphernreiche Film arbeitet auch auf anderen Ebenen. Der gedankenlose Genozid der Draags an den Oms, der plakativ als „Säuberung“ verstanden wird, weckt düstere Erinnerungen an den Holocaust, der Unterschied zwischen „Haus-Oms“ und „wilden Oms“ an die Zeit der Sklaverei oder den Völkermord an den amerikanischen Ureinwohnern. Themen wie Freiheit, Rebellion – aber auch die große Macht der Bildung werden angesprochen.

Interessant ist in dieser Hinsicht auch, dass die Draags nicht per se als Bösewichte verteufelt werden, sondern ihr grausames Handeln lediglich einem Nicht-Bewusstsein dafür entspringt, dass andere Lebewesen ebenfalls Gefühle, ja eine Seele haben. Erst als die Oms es schaffen, diesen Gedanken durch Gewalt in die Köpfe der Draags zu pflanzen, begreifen diese, dass es schon ein Unterschied ist, sich einen kleinen Om als Spielzeug zu halten oder beispielsweise eine Blume zu pflücken und in eine Vase zu stecken. Die Aussage des Films, dass einem friedlichen Zusammenleben erst ein Akt der Gewalt voran gehen muss, kann man dabei gewiss kontrovers diskutieren.

Einen wichtigen Beitrag zum Gelingen des Filmes und seiner seltsamen, außerweltlichen Atmosphäre trägt der großartige Soundtrack bei, den der französische Jazzpianist und Chanson-Komponist Alain Goraguer komponierte. Diese langsamen, irgendwie unheimlichen, aber zugleich faszinierend-hypnotischen elektrischen Töne unterstützen bestens diese nicht ganz greifbare, einzigartige Stimmung des Filmes, welche noch lange nach dem Abspann im Zuschauer widerhallt. Insbesondere das Stück „Déshominisation (I)“ wird man so schnell nicht wieder los.

Hätte man eine Soundtrack-CD mit ins vorbildliche Mediabook gelegt, wäre dies das Sahnehäubchen auf einer tollen Veröffentlichung gewesen. Aber auch so kann man Camera Obscura nur loben. Besser geht es (fast) nicht. Das Bild der Blu-ray ist hervorragend. Zudem hat Camera Obscura dem Film noch eine neue Farbkorrektur gegönnt. Neben der eher bläulich angehauchten Criterion-Collection-Version von 2016, kann man jetzt noch eine aktuelle Version von 2018 wählen, die die Farben etwas natürlicher zum Strahlen bringt. Welche man bevorzugt, liegt dann ganz in der Hand des Zuschauers. Man kann auch die Versionen während des Filmes wechseln. Der Ton ist auch kristallklar, was vor allem der oben angesprochen Musik von Alain Goraguer zugute kommt. Auch an Extras mangelt es nicht. Neben einem sehr informativen und interessant zu lesenden 12-seitigen Booklet von Prof. Dr. Stiglegger, befindet sich im Mediabook noch eine Bonus-DVD mit vier Kurzfilme von René Laloux: „Les Escargots“ (1965, mit Topor), „Les Temps Morts“ (1964, ebenfalls mit Topor), „Les Dents du singe“ (1960) und „Comment Wang-Fô fut sauvé“ (1987). Ferner enthält die Bonus-DVD noch die 26-minütige Dokumentation „Laloux Sauvage“ über Regisseur René Laloux und das knapp einstündige Portrait „Topors Träume“ über Roland Topor. Auf einer dritten DVD ist für alle, die keinen Blu-ray-Player ihr eigen nennen noch einmal der Hauptfilm. Leider konnte ich diese DVD bei mir nicht abspielen, weil bei mir scheinbar vergessen wurde, diese mit Inhalt zu füllen. Das dürfte aber auch nur bei meinem Rezi-Exemplar der Fall sein. Deshalb muss ich leider auch auf Screenshots verzichten. Insgesamt also eine ganz tolle Veröffentlichung eines ganz besonderen Films.

Blu-ray Rezension: „Geheimagent Barrett greift ein“

Von , 21. September 2018 19:40

Der ehemalige Geheimagent und jetzige Privatdetektiv Lee Barrett (George Maharis) wird von seinen ehemaligen Arbeitgebern reaktiviert, um sie bei einem geheimnisvollen Fall zu unterstützen. In einem streng geheimen Labor inmitten der Wüste wurde der Sicherheitschef ermordet, und der führende Wissenschaftler Dr. Baxter ist verschwunden. Bald schon findet Barrett heraus, dass Baxter ebenfalls ermordet und ein tödliches Gas, welches die Erde innerhalb weniger Monate komplett entvölkern könnte, gestohlen wurde. Bald schon geht der erste Warnung ein. Der geheimnisvolle Dieb des todbringenden Gases droht, dieses einzusetzen, falls das Geheimlabor nicht zerstört werden würde. Bei einer Machtdemonstration des Unbekannten, gibt es in Florida kurz darauf die ersten Toten…

Dass „Geheimagent Barrett greift ein“ in der Reihe „Phantastische Klassiker“ erscheint, ist etwas irreführend. Denn obwohl der Film mit seinem Killergas, das es schaffen würde, den gesamten Planeten zu entvölkern, ein Sci-Fi-Element besitzt, ist er im Grunde doch „nur“ eine klassische Agentengeschichte ala James Bond. Wie immer muss der unser Held versuchen, einen Superschurken davon abzuhalten, die Weltherrschaft zu übernehmen. Wobei es in diesem im Falle eine ziemlich leere und einsame Welt wäre. Von daher ist es durchaus verständlich, dass der deutsche Verleih damals, auf dem Höhepunkt der Bonditis, den Originaltitel „Der Satanskäfer“ durch ein dynamisches „Geheimagent Barrett greift ein“ ersetzte. Wobei genannter Barrett kein klassischer Geheimagent, sondern eher ein Freelancer ist, der schon lange nicht mehr für die Regierung arbeitet, da er dort durch fortwährende Insubordination auffällig wurde. Nichtsdestotrotz werden sein Rat und Mithilfe von seinen ehemaligen Vorgesetzten nun dringend benötigt. Besonders rebellisch verhält sich unser Held im Folgenden allerdings nicht, sondern macht einen eher braven Eindruck.

Dieser brave Eindruck mag auch an Hauptdarsteller George Maharis liegen. Ein hierzulande eher unbekanntes Gesicht, welches außer gutem Aussehen (er war 1973 Nacktmodell im „Playgirl“) leider nicht besonders viel Charisma mitbringt und es trotz des behaupteten Hanges, immer wieder seinen eigenen Kopf durchzusetzen zu müssen, an Ecken und Kanten vermissen lässt. Die anderen Schauspieler wie Richard Baseheart, Dana Andrews und Anne Francis (die beiden letzteren unsterblich durch ihre Erwähnung im Kult-Song „Science Fiction/Double Feature“) verhalten sich ganz so, wie ihre Figuren: Die agieren sehr professionell und präzise. Allerdings hat man bei keinem das Gefühl, er würde weitaus mehr als als eben nur seinen Job machen. Diese Professionalität färbt positiv auf die handelnden Figuren ab. Denn auch dies verrichten schnörkellos und ohne viel Aufhebens ihren Job, was der Handlung ein gewisses Tempo und angenehm gradlinige Dynamik gibt. Sie hat aber auch zur Folge, dass niemand wirklich nachhaltig im Gedächtnis bleibt.

Professionell und schnörkellos ist auch John Sturges Regie. Man merkt zwar – was auch in dem sehr informativen Booklet näher ausgeführt wird – dass Sturges nicht wirklich bei der Sache war, und sein Interesse schon bei seinem nächsten Projekt lag. Aber Sturges ist nun einmal ein talentierter Profi, der auch mit halber Kraft einen anständigen Film hinbekommt. Viele kleine Mängel lassen sich sicherlich auch auf das niedrige Budget schieben. So wirkt der Film an vielen Stellen so, als ob weitaus größere, aufwändigere Szenen geplant worden seien, dafür dann aber kein Geld zur Verfügung stand. So musste man scheinbar vor Ort „kleine Lösungen“ improvisieren. So fällt gleich zu Beginn auf, dass davon gesprochen wird, wie übel die Leichen zugerichtet sind. Diese werden aber nie gezeigt oder auch nur visuell angedeutet. Tatsächlich sieht man bis weit nach der Hälfte des Filmes keinerlei Tote, sondern nur die Reaktion derjenigen, die die Toten entdecken. Das kann natürlich als narratives Element genutzt werden, um den Horror in den Köpfen der Zuschauer zu formen – wirkt hier aber tatsächlich allein den Umständen geschuldet. Auch dass ständig von einer globalen Bedrohung geredet wird, der Film aber fast ausschließlich in einem überschaubaren Wüstenabschnitt spielt, erweckt mehr den Eindruck eines Kammerspiels und weniger einer Großproduktion, wie es noch Sturges vorangegangenen Erfolge „Gesprengte Ketten“ oder „Die glorreichen Sieben“ waren. Wenn die tödlichen Konsequenzen eines ersten Einsatzes des Killergases gezeigt werden, so sind dies auch nur aus weiter Distanz aufgenommene kleine, schwarz-weiße Fernsehbilder, die ebenso gut einen Stau zeigen könnten.

Trotz all dieser kleinen Mängel und einer etwas übertriebenen Länge von 114 Minuten kommt bei „Geheimagent Barrett greift ein“ nicht groß Langeweile auf. Was an der routinierten, gradlinigen Regie durch Action-Spezialist John Sturges liegt, die sich nicht lange mit Nebensächlichkeiten aufhält. Auch sorgt die Musik des jungen Jerry Goldsmith für die richtige Stimmung. Und in der Szene, in der Barrett in das Labor geht und einen Hamster dabei hat,um zu prüfen, ob der Raum noch kontaminiert ist oder nicht, ist von Sturges unglaublich spannend inszeniert worden. Der Rest des Filmes ist angenehm gemütlich und lässt Erinnerungen an die guten alten Zeiten hochkommen, als Filme wie „Geheimagent Barrett greift ein“ noch regelmäßig Samstags um 22:20 Uhr in der ARD liefen.

Die Bildqualität der Anolis-Bluray verdient die Höchstnote. Kristallklar und messerscharf. Besser geht es meiner Meinung nach nicht. Auch der Ton ist sowohl in der deutschen, wie auch in der englischen Originalfassung vollkommen klar. Ob man jetzt die Originalfassung oder die gelungene deutsche Kinosynchro bevorzugt, bleibt jedem selbst überlassen. Wobei angemerkt werden muss, dass George Maharis in der deutschen Fassung von Gert Günther Hoffmann gesprochen wird, der Figur also ein gehöriges Bond-Flair mitgegeben wird, welches in der Originalfassung in dieser Form fehlt. Nachdem ich bei den letzten Anolis-Veröffentlichungen das Booklet kritisiert habe, freue ich mich diesmal über einen sehr informativen Text, der von Mike Siegel stammt. Davon gerne mehr. Ferner sind als Bonus enthalten: Ein Audiokommentar von Prof. Dr. Stiglegger, Trailer, Radiospots, Werberatschläge und eine Bildgalerie. Auf der beigelegten DVD findet man eine „Grindhouse-Fassung“ des Filmes. D.h. eine unbearbeitete Variante des Hauptfilms inklusive zeitgenössischer Trailer und Kinowerbung (!). Eine sehr schöne Idee, die ich gerne öfter sehen würde.

Blu-ray Rezension: „Ben“

Von , 7. August 2018 21:17

Die Ratte Ben hat die Ereignisse aus „Willard“ überlebt und ist mit seinem Volk in die Stadt geflohen. Der 8-jährige Danny (Lee Montgomery), ein Außenseiter mit einem lebensgefährlichen Herzfehler, entdeckt Ben und freundet sich mit der Ratte an. Diese dankt es Danny, indem sie ihn vor einem größeren Jungen schützt, der ihn gängelt. Auf der Suche nach einem neuem Lebensraum geraten Ben und seine Ratten immer wieder mit Menschen aneinander. Leider gehen diese Begegnungen häufig tödlich für die Zweibeiner aus., was schnell die Polizei auf den Plan ruft. Diese will die bedrohlichen Nager natürlich umgehend vernichten. Kann Danny seinen neuen besten Freund und dessen Familie vor dem Zugriff der Staatsmacht schützen?

Ben“ schließt direkt an seinen Vorgänger an, den Überraschungserfolg „Willard“ (Rezension hier). Während der Vorspann läuft, sehen wir noch einmal Willard Stiles durch die Familien-Villa ziehen und seinen missglückten Versuch, der bösen Ratte Ben und ihrer vielköpfigen Rattenschar den Garaus zu machen. Dann schwenkt die Ansicht nach außen und wir sehen beinahe andächtig die gaffende Menge vor Willards Haus stehen. Mitten unter ihr Beth Garrison mit ihrer Tochter Eve und den jungen Sohn Danny. Als sich das Familientrio letztlich abwendet und nach Hause geht, folgen Kamera und Film ihnen, denn diese Drei sollen das neue Zentrum dieser Fortsetzung werden. Erinnerte „Willard“ noch eine TV-Produktion der 60er Jahre, sind wir bei „Ben“ im typischen B-Film der 70er angekommen. Alles wirkt eine Nummer kleiner und billiger. Um dieses Manko zu übertünchen, erzählt der Film noch einmal in Grundzügen dieselbe Geschichte wie der Vorgänger, diesmal jedoch gespickt mit mehr Sensationsgeheische. Musste man bei „Willard“ lange warten, bis die Ratten in Aktion treten, so machen sie hier gleich zu Anfang kurzen Prozess mit einem Polizisten, der die Stiles-Villa durchsucht.

Diese Szene fasst dann aber gleich auch alle Schwächen der Produktion zusammen. Während der Polizist hysterisch kreischt und sich in unmögliche Postionen krümmt, weilen die paar Ratten, die man ihm auf den Rücken gesetzt hat, dort sehr friedlich und nahezu bewegungslos. Wären es Hunde, würden sie wahrscheinlich noch mit dem Schwanz wedeln. Hinzu kommen Effekte aus der Steinzeit, wenn scheinbar einige attackierende Ratten auf den Film gezeichnet wurden. Beim eher unbeholfen dargestellten Todeskampf fließt auch kein Blut, selbst wenn später behauptet wird, die Leiche sei grauenvoll zugerichtet worden. Alle Ratten-Attacken in „Ben“ folgen diesem Muster. Wenn man nicht gerade eine Rattenphobie hat, wirkt das Ganze eher niedlich, statt furchteinflössend. Ganz besonders jene Szene, in der die Ratten sich in einem Fitnessstudio breit machen, was dazu führt, dass die Statistinnen sich alle gegenseitig mit hysterischen Panikattacken zu überbieten versuchen.

Eine weitere eher unglückliche Entscheidung war es, den Jungen Danny zum neuen Protagonisten zu machen. Zwar schlägt sich Lee Montgomery in seiner zweiten Filmrolle sehr gut und wenn man nicht auf Kinder im Film allergisch reagiert, kann man ihn tatsächlich mögen. Doch Drehbuch (oder Regie) verdammen Danny dazu, gewollt „witzige“ und furchtbare Lieder zu singen, und übertrieben fröhlich mit Marionetten zu hantieren. Alles was auf der einen Seite an Sympathie für den kindlichen Protagonisten aufgebaut wird, wird durch solche Szenen hinten wieder eingerissen. Immerhin stimmt die Chemie zwischen Lee Montgomery und Meredith Baxter, denn beiden nimmt man tatsächlich ab, Bruder und Schwester zu sein und sich umeinander zu sorgen. Rosemary Murphy als immer besorgte und trotzdem seltsam abwesende Mutter hat dagegen einen schweren Stand, füllt sie doch nur Klischees aus. Und dann noch gerade solche, die besonders stark auf die Nerven gehen.

Ohne Klischees kommt auch die Darstellung der Polizisten nicht aus, deren angestrengte „Good Cop/Bad Cop“-Routine nahe am Rande der Parodie angesiedelt ist. Joseph Campanella spielt das immer zornige Steingesicht Cliff Kirtland, Kaz Garas seinen sanften Untergeben Joe Greer, welcher seinem Chef in einem Akt der totalen Unterwerfung zu gerne die Zigarette anzünden würde. Als dritter im Bunde gesellt sich Arthur O’Connell hinzu, der hier mit überraschend langen Haaren auftaucht und den einen oder anderen trockenen Spruch zum Besten geben darf. O’Connell ist ein zuverlässiger Schauspieler aus der zweiten Reihe (den man u.a. aus dem Elvis-Filme „Die wilden Weiber von Tennessee“ und „Ein Sommer in Florida“ oder Otto Premingers Meisterwek „Anatomie eines Mordes“ kennt) und gleichzeitig der bekannteste Name im Cast. Dass er aber höchsten zwei Drehtage gehabt haben dürfte, deutet auf das geringe Budget hin, welches für „Ben“ zur Verfügung stand.

Im Gegensatz zum Vorgänger, bei dem der Außenseiter Willard im Vordergrund stand und die Ratten eher eine Nebenrolle einnahmen, wird diesmal die Ratte Ben in den Fokus herrückt und ihr zudem nahezu übersinnliche Fähigkeiten attestiert. Ben ist schlau, kommuniziert ebenso leicht mit Tausenden von Ratten, wie mit dem Jungen Danny. Ben schmiedet Pläne, kommandiert seine Heerscharen, befreundet sich mit Danny und führt die Polizei an der Nase herum. Das Problem für einen Horrorfilm ist dabei allerdings, dass Ben nicht diabolisch, sondern sympathisch wirkt. Auch wenn die Ratten über die Menschen herfallen, tun sie dies nur zum Selbstschutz. Die Autoren und Regisseur Phil Karlson scheinen auch weniger einen Horrorschocker über Menschen killende Ratten, als vielmehr eine Spartakus-Variante im Sinn gehabt zu haben. So wird Ben zum Heilsbringer der Unterdrückten stilisiert, der sein Volk in eine bessere Zukunft geleiten will. Wenn am Ende die geballte Staatsmacht den Ratten mit Gas und Flammenwerfer den Garaus machen will, fühlt man sich an Bilder aus Filmen über den Holocaust oder Vietnam erinnert.

„Ben“ erscheint direkt nach „Willard“ als dritte Veröffentlichung der neuen „Phantastischen Filmklassiker“ -Reihe aus dem Hause Anolis und als Folge 2 der „Die 70er“-Untergruppe. Allerdings teilt die Veröffentlichung das Schicksal des Films. Im Vergleich zu „Willard“ wirkt sie billiger und kleiner. Dies liegt einerseits an dem Bild, welches scheinbar von einer alten 35mm-Rolle stammt. Da machte „Willard“ einen schärferen, farbenfroheren Eindruck, während „Ben“ dreckiger wirkt und tatsächlich mehr nach alter Kinorolle. Dankenswerterweise wurde aber nicht versucht, diesen Eindruck durch intensive Bildbearbeitung (-verfälschung) glattzubügeln. So passt der Look schon sehr gut zu „Ben“, wird bei Pixelzähler aber sicherlich zu einer kleinen Empörung führen. Auch die Extras fallen eine Nummer kleiner aus. Es gibt einen Audiokommentar mir Hauptdarsteller Lee Montgomery, sowie ein 15-minütiges Interview mit dem sympathischen, nun älteren Herrn. Dazu gibt es deutsches und internationales Werbematerial und diverse Trailern, sowie die deutsche Kinofassung, wobei ich allerdings nicht sagen kann, worin der Unterschied zur „normalen“ Fassung besteht. Das wie immer schön gestaltete, 20- seitige Booklet stammt diesmal allein von David Renske, mit dessen Stil – der sich meiner Meinung nach arg dem Schlefaz-Duktus nähert – ich, wie bereits an anderer Stelle erwähnt, leider gar nichts anfangen kann. Was soll z.B. das halbseitige Michael-Jackson-Gebashe?

Blu-ray-Rezension: „Der Boxer und der Tod“

Von , 20. Juni 2018 06:38

Durch einen Zufall findet der Hobbyboxer und jetzige KZ-Kommandant Kraft (Manfred Krug) heraus, dass der von ihm zum Tode durch Erschießen verurteilte Häftling Komínek (Štefan Kvietik) ebenfalls einmal Boxer war. Kraft setzt Komíneks Exekution aus, um ihn als Sparringspartner für einen kleinen Übungskampf zu nutzen. Der ausgemergelte und kraftlose Komínek hält allerdings keine Runde durch bevor er auf die Bretter geht. Damit unzufrieden und gelangweilt vom einsamen Training gegen den Sandsack gewährt Kraft Komínek in den nächsten Wochen alle Freiheiten, damit dieser zu Kräften kommt und einen ernsthaften Gegner abgibt. Im Lager sorgt Komíneks privilegierter Status allerdings zunehmend für Spannungen…

Mit „Der Boxer und der Tod“ setzt Bildstörung seine Reihe mit Veröffentlichungen von fast vergessenen Meisterwerken fort, die es verdienen von neuen Generationen entdeckt zu werden. Zudem zeigt Bildstörung auch wieder ein großes Herz für das tschechoslowakische Kino, wo noch zahlreiche Juwelen darauf warten, ausgegraben und auf Hochglanz poliert zu werden. „Der Boxer und der Tod“ ist solch ein Juwel. Der slowakische Film basiert auf einer Kurzgeschichte des polnischen Schriftstellers und Dramaturgen Józef Hen, Der multilinguale Film wurde mit deutschen, slowakischen, tschechischen und polnischen Schauspielern realisiert. Der Autor der Vorlage, Józef Hen, schrieb zusammen mit Drehbuchautor Tibor Vichta und Regisseur Peter Solan das Drehbuch. Gedreht wurde vor Ort in einem 1941 errichteten, ehemaligen jüdischen Arbeitslager nahe der slowakischen Stadt Nováky. Etwas, was man dem Film interessanterweise auch anmerkt. Es liegt ein trister Realismus in der Luft, auch ohne dass man weiß, dass die Kulissen echt sind.

Regisseur Peter Solan ist niemand, an den man als erster denkt, wenn es um das Kino der CSSR geht. Da sind seine tschechischen Kollegen wie Miloš Forman, Juraj Herz oder Jiří Menzel sehr viel präsenter. Umso lobenswerter, dass Bildstörung ihn nun wieder entdeckt hat. In dem spannenden Interview welches in den Extras zu finden ist, schwärmt Filmhistoriker Olaf Möller von Solan und seinem Werk, und er lädt dazu ein, sich näher mit dem Werk dieses außergewöhnlichen Regisseurs zu beschäftigen. In „Der Boxer und der Tod“ nutzt Solan einen ebenso minimalistischen, wie präzisen Stil. Da gibt es kein Zierrat. Keine denkwürdigen, besonders aufwändig komponierten Einstellungen. Nichts, was allein dem Auge schmeichelt. Dafür sind seine Bilder unglaublich exakt. Jedes Bild für den Film unverzichtbar und genau auf den Punkt. Und unter den Bildern schafft Solan eine ganze Welt, die sich im Kopf des Zuschauers zusammensetzt. Wenn Komínek zum Kommandanten gerufen wird, kommt er an einem Zaun vorbei, hinter dem eine Gruppe zivil gekleideter Häftlinge wartet. Frauen, Kinder, Alte. Mit ihren Koffern und dem wenigen, was ihnen an Hab und Gut geblieben ist. Kurze Zeit später kommt Komínek wieder an dem Zaun vorbei und die Menschen sind weg. Nur ihre Habseligkeiten liegen verstreut am Boden. Im Hintergrund quillt dicker schwarzer Rauch aus einem Schornstein. Da muss Solan gar nicht das Schicksal der Opfer ausformulieren. In diesen kargen Bildern ist alles gesagt. Und sie hinterlassen einen dicken Knoten im Magen des Zuschauers.

Später wird Solan das Bild der qualmenden Schornsteine noch einmal nutzen. Krafts Ehefrau Helga (Valentina Thielová) lamentiert, wie böse die Menschen doch sein können. Kraft solle das endlich einsehen: „Die Menschen sind so gemein“. Natürlich meint sie damit den Offizier Holder, welcher Intrigen gegen Kraft spinnt und scheinbar dessen Position einnehmen will. Und die Leute Zuhause, die Kraft nicht den Respekt zollen werden, wenn sie von Krafts Verbindung zu Kominek hören. Um Hintergrund verdunkelt sich der Himmel im schwarzen Rauch der armen Seelen, die Kraft in den Tod geschickt hat. Die verbrannten Körper der Kinder, der Frauen, der Schwachen, der Opfer. Vielleicht trägt Solan hier in dieser Szene einmalig etwas dick auf, doch diese grausame Relativierung, dieses Vergessen der Leiden der Opfer und das Bagatellisieren dadurch, dass man seine eigenen, profanen Probleme über das Leben der anderen, der „Fliegen“, wie sie Kraft abwertend nennt, ist ein Thema, welches heute noch aktuell ist. Wenn man sich selber als Opfer stilisiert, weil man keine Arbeit hat und gleichzeitig für den grausamen Tod kleiner Kinder, die hilflos im Mittelmeer ertrinken und deren kleine, leblosen Leiber am Strand angespült werden noch nicht einmal ein Schulterzucken übrig hat. Nein, natürlich hat derjenige, der so reagiert die Kinder nicht eigenhändig ersäuft. Aber auch Krafts Ehefrau hat niemanden in die Gaskammern geschickt. Sie nimmt es aber hin, weil ihr das Leben der anderen nichts wert ist. Weil diese Anderen außerhalb ihrer kleinen Welt, die nur um sich selbst kreist, existieren.

Solans großer Verdienst und die Stärke seines Films ist es, dass er plumpe schwarz-weiß-Malerei vermeidet. Man kann heute nicht mehr nachvollziehen, was die Besetzung des Lagerkommandanten Kraft durch Manfred Krug damals bedeutete. Heute ist Krug natürlich durch seine zahlreichen Rollen im West-TV eine Marke. Schauspieler und Rollen verschwimmen. Daher ist es erst einmal ein kleiner Schock Krug als Nazi zu sehen. Zumal er den Kraft ebenso jovial, kumpelhaft und präsent anlegt, wie später beispielsweise seinen „Liebling Kreuzberg“. Auch diese gewisse Selbstverliebtheit Krafts, ist in Krugs späteren Rollen auch immer präsent. Da Krug heute aber durchweg positiv besetzt ist, strahlt dies auch auf Kraft ab. Der mitnichten wie ein Monster daher kommt, obwohl er ohne mit den Wimpern zu zucken Erschießungen und Folterungen anordnet. Obwohl klar ist, dass er Kominek in erster Linie als privates Spielzeug hält, um sich immer wieder selbst als ach so großer Boxer zu bestätigen. Trotzdem scheint immer wieder der Mensch (oder vielmehr auch der Typ Manfred Krug, wie wir ihn als TV-Figur kennen) unter der Uniform hervor. Einer, der sich unter anderen Umständen vielleicht tatsächlich mit Kominek hätte befreunden können. Der aber jetzt, mit Uniform und Macht versehen, sich in der Rolle des „Übermenschen“ gefällt. Ebenso ambivalent ist der Deutsch-Slowake Willie gezeigt. Der einerseits scheinbar aufrichtige Sympathien für Kominek hegt, freundlich und lustig daher kommt, ihn aber auch gleichzeitig für seine eigenen Zwecke skrupellos ausnutzt und ihn immer wieder in seine „Schranken“ weißt. Allein Gerhard Rachold als Holder, der typischer intriganter Karriere-Nazi und Józef Kondrat als gütig-verschmitzter polnischer Boxlehrer sind eindeutiger den Seiten Gut und Böse zuzuordnen.

Der slowakische Schauspieler Štefan Kvietik ist das heftig pochende Herz des Filmes. Kvietiks ausdrucksstarkes Gesicht, welches tatsächlich einem Boxer gehören könnte, spiegelt gleichzeitig Verzweiflung und Hoffnung, Resignation und Wut, Furcht und Mut. Sein Kominek wird zunächst getrieben von dem bloßen Impuls zu überleben. Später, wenn er zu Kräften kommt, scheint er förmlich zu erwachen. Mit der Kraft kehrt auch der Tatendrang zurück. Doch immer wieder wird er von der Angst niedergedrückt. Er weiß, er könnte Kraft jederzeit besiegen – trotzdem fügt er sich seinem Schicksal und geht klaglos auf die Matte. Gleichzeitig versucht er im Kleinen etwas zu ändern, wohl wissend, dass seine Möglichkeiten sehr begrenzt sind. Immer wieder versucht er schüchtern in gebrochenen Deutsch so etwas wie eine Beziehung zu Kraft aufzubauen, um diesen ebenso zu nutzen, wie Kraft ihn nutzt. Sich als Individuum und nicht nur als „Fliege“ bemerkbar zu machen. Diese Annäherung fängt Solan in seinem Film sensibel ein. Letztendlich weiß Kominek, dass er nur Überleben kann, wenn er es schafft, dass Kraft ihn als seelenverwandten Sportler in seinen von pathetischen Sportsgeist (Fluchtversuche und Widerstand straft Kraft als „Fouls“ mit tödlichen Konsequenzen ab) und verklärter Boxer-Romantik triefenden Weltsicht wahrnimmt. Nie würde Kominek Kraft als „Freund“ bezeichnen und er weiß auch, dass Kraft ihn nie als Freund, wohl aber als „Sportkameraden“ ansehen würde. Und dass jeder Schritt, jedes Wort, jeder Schlag Kraft dazu bringen kann, Kominek fallenzulassen. Wie Kominek vorsichtig versucht Kraft zu manipulieren, und dabei seinen eigenen Stolz, sein eigenes Grauen, sein eigenes Leid herunterschluckt, liest sich eindrucksvoll in Štefan Kvietik subtilere Darstellung.

Wieder einmal hat Bildstörung eine absolute Referenzveröffentlichung vorgelegt. Das schwarz-weiße Bild ist gestochen scharf und klar. Der Ton sauber und sehr klar. Im Film wird Deutsch, Slowakisch und Polnisch gesprochen, wobei die slowakischen und polnischen Dialoge deutsch untertitelt werden. Neben der Blu-Ray mit dem Film ist noch eine DVD beigegeben, die randvoll mit fast zwei Stunden an Extras steckt. Den Hauptanteil macht hier ein einstündiges Interview mit Regisseur Peter Solan aus, welches kurz vor seinem Tod im Jahr 2013 aufgenommen wurde. „Die Woche im Film“ ist ein zeitgenössisches Werbe-Featurette. Solans unter die Haut gehender achtminütiger Kurzfilm „Deutschdorf“ aus dem Jahr 1974 zeigt Handkamera-Aufnahmen von Wiesen an einer Autobahn, unterlegt mit Schilderungen der hier stattgefundenen von Tötungen Unschuldiger aus der Perspektive der Täter. In einem 10-minütigen Feature doziert der aus Bratislava stammende Filmwissenschaftler Martin Kaňuch darüber, wie „Der Boxer und der Tod“ den slowakischen Film in den 60er Jahren verändert hat. Sehr gut hat mir ein weiteres, 24-minütiges filmhistorisches Feature gefallen, in dem Olaf Möller (dem ich sowieso stundenlang zuhören könnte) „Der Boxer und der Tod“ und dessen Wirkung analysiert seine und dabei noch einmal die Qualitäten seines Regisseurs herausstellt. Sehr schön fand ich ferner, dass das umfangreiche, 20-seitige Booklet nicht die Inhalte der beiden Features variiert, sondern einen ganz anderen Weg geht. Hier widmet sich der Sportjournalist Martin Krauss dem heute kaum bekannten Themas „Sport in Konzentrationslagern“. Dieses ist mitnichten eine Erfindung solcher Filme wie „Flucht oder Sieg“ oder eben „Der Boxer und der Tod“, sondern ein ganz reales Kapitel der grauenvollen Geschichte der KZs. Er schreibt hier auch nicht nur über Tadeusz Pietrzykowski, auf dessen Leben „Der Boxer und der Tod“ basiert, sondern auch viele andere Boxer, die ein ganz ähnliches Schicksal erlitten. Für uns Bremer dabei besonders interessant das Schicksal von Rukeli „Gipsy“ Trollmanns, dessen Leidensgeschichte der Bremer Filmemacher Eike Besuden als Doku-Drama verfilmt hat.

Blu-ray Rezension: „Willard“

Von , 13. Juni 2018 09:59

Willard Stiles (Bruce Davison) ist ein 27-jähriger, ebenso stiller, wie zurückgezogener Mann, der noch immer bei seiner nicht minder problematischen Mutter (Elsa Lancaster) in einer Villa lebt, welche auch schon bessere Zeiten gesehen hat. Zudem gibt es im Garten der Villa ein Rattenproblem. Als Willard von seiner Mutter aufgefordert wird, sich um dieses Problem zu kümmern, entwickelt er eine etwas ungesunde Faszination für die pelzigen Nager. Besonders die beiden intelligenten Ratten Sokrates und Ben haben es ihm angetan, und bald schon verbindet Mensch und Nager eine tiefe Freundschaft. Im Berufsleben läuft es für Willard allerdings weniger gut. Er arbeitet in der Firma seines verstorbenen Vaters, welche diesem aber bereits vor Jahren von Mr. Martin (Ernest Borgnine) abgenommen wurde. Mr. Martin duldet Willard zwar in seiner Firma, lässt aber kaum eine Möglichkeit aus, um ihn zu demütigen. Als Willards Rattenfamilie immer größer wird, und er nicht mehr weiß, wie er sie füttern kann, schmiedet er einen Plan, um sich mit Hilfe seiner vierbeinigen Freunde Geld zu beschaffen…

Willard“ war 1971 der Überraschungs-Hit im amerikanischen Kino und gilt als Wegbereiter des Tierhorrorfilms, der in den 70ern so richtig ins Rollen kam und mit „Der weiße Hai“ seinen Höhepunkt fand. „Willard“s enormer Einfluss und Erfolg verwundert etwas, denn rückblickend entpuppt sich „Willard“ als eher wenig spektakulär. Aber vielleicht liegt dies auch daran, dass sich die Sehgewohnheiten doch stark geändert haben und vor allen Dingen „Willard“s Nachfolger weitaus detailverliebter und brutaler zu Werke gingen. Allerdings sind die Szenen in denen sich gefühlt tausend Ratten aus Willards Keller ergießen wahrlich beeindruckend und dürften bei so manchem Ratten-Phobiker viele schlaflose Nächte verursachen. Generell ist es erstaunlich, was die Ratten-Dompteure hier auf die Beine stellen. Wüsste man es nicht besser, könnte man fast auf CGI tippen, so perfekt verhalten sich die schlecht beleumundeten Nager. Trotzdem wird man das Gefühl nicht los, dass hier mehr drin gewesen wäre. Denn egal, ob die Ratten nun im Haus hin und her laufen, Türen zernagen oder über Leute herfallen, so richtig bedrohlich und beängstigend wirkt das alles eher weniger.

Besonders die berühmte „Zerreißt ihn“-Szene mit Ernest Borgnine wirkt unfreiwillig komisch, da man deutlich sieht, wie die Ratten in hohen Bogen auf ihn geworfen werden. Und dass es dann nicht zum angekündigten „Zerreißen“ kommt, enttäuscht dann doch ein wenig die Erwartungen. So ist „Willard“ bezüglich seines Horror-Potentials dann doch ein eher harmloser Film. Wo „Willard“ aber punkten kann, ist die Darstellung der Welt in der die Hauptperson lebt und in der ihre Psyche gewaltsam verbogen wird. So ist die größte Horrorszene dann auch jene, in der Willards Mutter (die großartige Elsa Lancaster in einer ihrer letzten Rollen) ihrem Sohn eine Geburtstagsfeier ausrichtet. Da Willard aber keine gleichaltrigen Freunde (geschweige denn Freundinnen) hat, muss er mit den Freunden seiner Mutter feiern. Die dann auch so tun, als seinen sie auf einem Kindergeburtstag und nicht bei einem erwachsenen, 27jährigen Mann. Wie sie da mit ihren Hütchen und Tröten sitzen ist wahrlich gruselig. Wie auch Elsa Lancasters formidable Darstellung der Mutter. Zwischen krankhaftem Behüten, Verlustängsten, egozentrischen „an-sich-binden“ und beginnendem Schwachsinn. Dass solch ein Umfeld nicht zuträglich für ein gesunde geistige Verfassung ist, dürfte jedem klar sein.

Der junge Bruce Davison zeigt dies sehr deutlich. Manchmal allerdings auch überdeutlich, denn er neigt zum Grimassieren und ist häufig einfach zu sehr drüber. Selbstverständlich soll bei der Figur des Willard dieser tiefe Schmerz darüber, dass es ihm verwehrt wird erwachsen zu werden, er von allen Seiten manipuliert, heruntergemacht und unterschätzt wird deutlich werden. Allerdings wählen weder Regisseur Daniel Mann, noch Hauptdarsteller Davison den dezenten Strich, sondern tragen die Farbe mit der ganz groben Rolle auf. Demgegenüber gelingt es dem Profi Ernest Borgnine spielend, jede Szene an sich zu reißen. Denn obwohl sein Mr. Martin ein widerlicher Schmierlappen ist, besitzt er doch dieses übergroße Borgnine-Charisma und viele seiner Entscheidungen sind zwar durchtrieben, aber klug und erst einmal auf den Vorteil der Firma ausgelegt. Und man muss sich fragen, ob man an seiner Stelle nicht den völlig unzuverlässigen Willard – Versprechen an den Vater oder nicht – rausgeworfen hätte. Sondra Locke, die kurze Zeit später zu Clint Eastwoods Muse wurde, hat hier eine nur kleine Rolle, die sie souverän und sympathisch spielt, wobei ihr allerdings nicht viele Möglichkeiten gegeben werden, um einen nachhaltigen Eindruck zu hinterlassen. Der größte Kritikpunkt ist aber die biedere Regie von Daniel Mann, die recht altbacken wirkt. Die ganze Welt in der „Willard“ spielt, angefangen mit Kostümen und Kulissen, scheint ein paar Jahre älter zu sein, als man beim Produktionsjahr 1971 erwarten würde. So erinnert „Willard“ dann leider allzu häufig an einen Fernsehfilm aus den 60er Jahren.

„Willard“ ist der zweite Titel der neuen Anolis-Reihe „Der phantastische Film“. Wie beim Vorgänger „Mutant – Das Grauen im All“ ist auch „Willard“ eine vorbildliche Veröffentlichung, an der es nichts zu meckern gibt. Vor allem nicht an dem unglaublich klaren und scharfen Bild. Aber auch der Ton ist ausgesprochen sauber und klar. Wobei der englische Originalton etwas kräftiger und vor allem in den Rattenszenen „geräuschvoller“ daher kommt. Als weitere Tonspur kann man einen unterhaltsamen Audiokommentar mit dem Filmhistoriker Nathaniel Thompson (dessen Internet-Blog ich sehr empfehlen kann) und Hauptdarsteller Bruce Davison. Bruce Davison ist auch in einem interessanten 12-minütigen Interview zu sehen. Weiter geht es mit dem US-Trailer, Radiospots, der Super-8-Fassung (16 Minuten), Werberatschläge und Bildergalerie. Das 28-seitiges Booklet enthält Produktionsnotizen, Aushangfotos, sowie die beiden Texte „Die falschen Freunde“ von Ingo Strecker (der mir ausgesprochen gut gefallen hat und all jene Punkte anspricht, die mir auch aufgefallen waren) und „Königreich der Ratten“ von David Renske, mit dessen cool-rotzigen Stil ich allerdings so meine Probleme hatte.

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