Filmbuch-Rezension: “Weimarer Kino – neu gesehen“

Von , 26. Juni 2018 12:26

Vom 15. bis 25. Februar 2018 fand auf der Berlinale die Retrospektive „Weimarer Kino – neu gesehen“ statt. 28 deutsche Filme aus den Jahren 1918 bis 1933 wurden gezeigt. Berlinale-Direktor Dieter Kosslick beschrieb den Ansatz der Retro wie folgt: „Quer durch die Genres dokumentiert die Retrospektive den Zeitgeist der Weimarer Republik und reflektiert Identitätsfragen. Das Spektrum reicht von der schwungvollen Tonfilmoperette über wortwitzige Komödien bis hin zu sozial und politisch engagierten Filmen. Die Filme sind von enormer Frische und Aktualität“. Die gezeigten Filme wurden grob in die drei thematische Schwerpunkte: „Exotik“, „Alltag“ und „Geschichte“ gegliedert.

Das gleichnamige Buch zur Retrospektive hätte jetzt diese Struktur übernehmen können, hat sich aber scheinbar ganz bewusst dagegen entscheiden. Zwar tauchen die genannten Schwerpunkte in den einzelnen Kapiteln wieder auf, doch das Buch spannt einen sehr viel größeren Bogen. Statt sich auf die gezeigten 28 Filme zu konzentrieren, wird versucht, die 15 Jahre des Weimarer Kinos in größeren Blöcken zu beleuchten. Zwangsläufig werden dabei dann nicht nur die unbekannteren Filme erwähnt, sondern auch Klassiker wie „Metropolis“, „Nosferatu“, „Berlin – Symphonie der Großstadt“ oder „Madame Dubary“. Diese stehen allerdings einmal nicht im Fokus, sondern dienen nur der Illustrierung des übergeordneten Themas.

Das erste Essay wurde von Jörg Schöning verfasst und untersucht auf spannende Weise die Historienfilme des Weimarer Kinos, welche zunächst die Französische Revolution, später dann die Zeit nach der deutschen Revolution behandeln. Hierbei ist besonders interessant, wie sich der Fokus über die Jahre verschiebt, und diese Großfilme zum Spiegelbild der politischen Lage in der Weimarer Republik werden. Ebenfalls ausgesprochen lesenswert ist der Beitrag von Philipp Stiasny, der sich den „lebenden Toten, Verlorenen und Heimkehrer des Weimarer Kinos“ widmet. Stiasny arbeitet heraus, wie beherrschend das Thema des aus dem Krieg Zurückkehrenden nach dem ersten Weltkrieg war und wie es auch in Filmen wie „Nosferatu“ Einzug findet, die man nicht unbedingt als Heimkehrer-Metapher im Blick hat.

Annika Schaefer nimmt sich recht nüchtern der Arbeitswelten im Weimarer Spielfilm an. Natürlich werden hier zunächst einmal die Klassiker des kommunistischen Films, wie „Kuhle Wampe“ oder „Mutter Krausens Fahrt ins Glück“, vorgestellt. Aber das Thema wird umfassender angegangen und Schaefer untersucht auch die Darstellung von Arbeitslosigkeit (für die Menschen der Weimarer Republik ein Albtraum) und die romantisierten Darstellung von Arbeit, beispielsweise in Tonfilm-Operetten. Ioana Crăciuns Kapitel handelt von der Darstellung von Kindheit und Jugend im Weimarer Kino. Der Text ist etwas trocken und erfordert vom Leser eine größere Konzentration. Schwerpunkt ist hier vor allem das Thema Pubertät, weshalb auch Pabsts „Tagebuch einer Verlorenen“ mit Louise Brooks einen größeren Platz einnehmen kann.

Ganz besonders spannend ist Tobias Nagls Abschnitt über Orientalismus und (Post)Kolonialismus, der sich zunächst mit den großen Abenteuer-Serials des Weimarer Kinos beschäftigt, die ihre Heldinnen und Helden in mehrteiligen Spielfilmreihen um die ganze Welt schicken. Aber auch „Opium“ von Robert Renert erweckt Neugier. Die stereotype und rassistische Darstellungsweise exotischer Kulturen, der verklärte Blick in die Kolonien und vor allem die Geschichte „exotischer“ Gesichter im Weimarer Kino, wie der chinesisch-amerikanischen Schauspielerin Anna May Wong und dem afrodeutschen Schauspieler Louis Brody, sind weitere Themen dieses spannenden Kapitels. Ein Höhepunkt des Buches.

Thomas Tode widmet sich dem experimentellen und avantgardistischen Film, der vor allem aus der linken Künstlerszene kam, dessen moderne Filmmethoden dann aber auch im Werbefilm und Mainstream Einzug hielt. Ein interessanter Überblick über ein Feld, welches normalerweise zu oft unter den Tisch fällt. Kai Nowaks schließt das Buch mit dem Kapitel „Umkämpfte Filme – Skandal und Zensur im Kino der Weimarer Republik“ ab. Der Ansatz, die Entwicklung des gesellschaftlichen und politischen Klimas in der Weimarer Republik anhand der Zensurgeschichte des Films nachzuzeichnen, ist ausgesprochen spannend. Wobei die „Skandale“ scheinbar immer „von oben“ zu solchen gemacht wurden. Das zeitgenössische Kinopublikum findet bei dieser Betrachtung weniger Erwähnung. Einiges von dem, was man hier lesen kann, wurde auch bereits in dem vor vier Jahren erschienenen “Verboten! Filmzensur in Europa” abgehandelt.

Neben den acht Hauptkapiteln gibt es noch sechs kurze Abschnitte, in denen jeweils ein/e zeitgenössische/r Filmemacher/in sich einen Film der Weimarer Zeit vornimmt und sich dazu einen analytischen oder einfach persönlichen Text verfasst. Andreas Veiel schreibt über Gerhard Lamprechts „Der Katzenstieg“ (1927), Wim Wenders über „Heimkehr“ (Joe May, 1928) und „Song“, Richard Eichberg, 1934), Dietrich Brüggemann über „Ihre Majestät die Liebe“ (Joe May, 1931), Philipp Stölzl über „Der Favorit der Königin“ (Franz Seiz, 1922), Ulrike Ottinger über „Im Auto durch zwei Welten“ (1927-1931) und Jutta Brückner über die Filme von Ella Bergman-Michel.

Insgesamt ein sehr lesenswertes, facettenreiches Buch, welches weit über einen Retrospektiven-Katalog hinausgeht – ja, die Retrospektive mehr zum Aufhänger für eine eingehende Beschäftigung mit dem Kino in der Weimarer nutzt. Für jeden, der sich für den Film jenseits des bekannten Kanons in dieser Zeit (oder für die Zeit der Weimarer Republik an sich) interessiert, unverzichtbar.

Karin Herbst-Meßlinger, Rainer Rother, Annika Schaefer (Hrsg.) Weimarer Kino – neu gesehen, Bertz+Fischer, 252 Seiten, € 29,00

Das Bloggen der Anderen (25-06-18)

Von , 25. Juni 2018 21:14

– Nein, der Name Léonide Moguy hat mir zuvor auch nichts gesagt. Obwohl Quentin Tarantino einen Charakter in „Django Unchained“ nach ihm benannte. Und 2013 auf dem Festival Lumière in Lyon eine Einleitung in den Film „Je t’attendrai“ von 1939 gehalten hat. Aber die war bestimmt nicht so lang und informativ wie die von Manfred Polak auf Whoknows presents.

– Christian Keßler hat seinem neuen Blog Urlaub im Schrank einen ausführlichen Artikel über den von ihm (und auch mit) höchst verehrten Shinya Tsukamoto spendiert.

Filmlichtung kümmert sich um die kuriose und wenig bekannte Geschichte des Geruchskinos.

– Andreas Köhnemann beschreibt auf kino-zeit.de was einen Horrorfilm für ihn zu einem guten Film macht. Und Sonja Hartl erklärt, warum die RomCom einfach nicht tot zu bekommen ist.

– Maël Mubalegh lebt in Paris und hat dort den raren Film „Simone Barbès ou la Vertu“ von der Regisseurin Marie-Claude Treilhou gesehen. Darüber, den Umstände und über Paris an sich macht er sich auf Jugend ohne Film so seine Gedanken.

– Lukas Foerster schreibt im Rahmen seines Siegfied-Kracauer-Stipendiums auf Dirty Laundry über James Bennings dieses Jahr auf der Berlinale wiederentdecktes Frühwerk „11 x 14“ aus dem Jahr 1977 und über „Abba – Der Film“, mit dem er – wie mit der Musik – wenig anfangen konnte.

– Mauritia Meyer kümmert sich auf Schattenlichter um einen meiner liebsten Italo-Gruseler: Der seltsame „Zeder“ von Pupi Avati.

– Wir bleiben in Italien, wechseln aber das Genre. Auf Die Nacht der lebenden Texte findet sich ein längerer Artikel über den grandiosen Polit-Thriller „Die Macht und ihr Preis“ von Francesco Rosi.

– Lustig, wenn man einen Text liest und erst nach und nach merkt, dass man den besprochenen Film ja kennt und im Regal stehen hat. So erging es mir bei Schlombies Filmbesprechungen zum Vogelscheuchenhorror „ Kakashi“ von Norio Tsuruta.

– Auch gar nicht mehr in Erinnerung hatte ich, dass die wunderbare Pam Grier ja bei „Scream, Blacula, Scream“ dabei ist. Robert Zion hat mich wieder daran erinnert. Jetzt muss ich den Film auch endlich mal gucken.

– Noch mehr Blaxploitation: Oliver Nöding auf Remember It for Later über den ikonischen “Superfly”.

– Auf Eskalierende Träume gibt es die Nummer 63 der 100 Deutschen Lieblingsfilme: „90 Minuten nach Mitternacht“ von 1962. Ausgesucht von André Malberg.

– Dr. Wily hat einen interessanten Text zu „The Last Jedi“ auf Wilsons Dachboden platziert.

Blu-ray-Rezension: „Der Boxer und der Tod“

Von , 20. Juni 2018 06:38

Durch einen Zufall findet der Hobbyboxer und jetzige KZ-Kommandant Kraft (Manfred Krug) heraus, dass der von ihm zum Tode durch Erschießen verurteilte Häftling Komínek (Štefan Kvietik) ebenfalls einmal Boxer war. Kraft setzt Komíneks Exekution aus, um ihn als Sparringspartner für einen kleinen Übungskampf zu nutzen. Der ausgemergelte und kraftlose Komínek hält allerdings keine Runde durch bevor er auf die Bretter geht. Damit unzufrieden und gelangweilt vom einsamen Training gegen den Sandsack gewährt Kraft Komínek in den nächsten Wochen alle Freiheiten, damit dieser zu Kräften kommt und einen ernsthaften Gegner abgibt. Im Lager sorgt Komíneks privilegierter Status allerdings zunehmend für Spannungen…

Mit „Der Boxer und der Tod“ setzt Bildstörung seine Reihe mit Veröffentlichungen von fast vergessenen Meisterwerken fort, die es verdienen von neuen Generationen entdeckt zu werden. Zudem zeigt Bildstörung auch wieder ein großes Herz für das tschechoslowakische Kino, wo noch zahlreiche Juwelen darauf warten, ausgegraben und auf Hochglanz poliert zu werden. „Der Boxer und der Tod“ ist solch ein Juwel. Der slowakische Film basiert auf einer Kurzgeschichte des polnischen Schriftstellers und Dramaturgen Józef Hen, Der multilinguale Film wurde mit deutschen, slowakischen, tschechischen und polnischen Schauspielern realisiert. Der Autor der Vorlage, Józef Hen, schrieb zusammen mit Drehbuchautor Tibor Vichta und Regisseur Peter Solan das Drehbuch. Gedreht wurde vor Ort in einem 1941 errichteten, ehemaligen jüdischen Arbeitslager nahe der slowakischen Stadt Nováky. Etwas, was man dem Film interessanterweise auch anmerkt. Es liegt ein trister Realismus in der Luft, auch ohne dass man weiß, dass die Kulissen echt sind.

Regisseur Peter Solan ist niemand, an den man als erster denkt, wenn es um das Kino der CSSR geht. Da sind seine tschechischen Kollegen wie Miloš Forman, Juraj Herz oder Jiří Menzel sehr viel präsenter. Umso lobenswerter, dass Bildstörung ihn nun wieder entdeckt hat. In dem spannenden Interview welches in den Extras zu finden ist, schwärmt Filmhistoriker Olaf Möller von Solan und seinem Werk, und er lädt dazu ein, sich näher mit dem Werk dieses außergewöhnlichen Regisseurs zu beschäftigen. In „Der Boxer und der Tod“ nutzt Solan einen ebenso minimalistischen, wie präzisen Stil. Da gibt es kein Zierrat. Keine denkwürdigen, besonders aufwändig komponierten Einstellungen. Nichts, was allein dem Auge schmeichelt. Dafür sind seine Bilder unglaublich exakt. Jedes Bild für den Film unverzichtbar und genau auf den Punkt. Und unter den Bildern schafft Solan eine ganze Welt, die sich im Kopf des Zuschauers zusammensetzt. Wenn Komínek zum Kommandanten gerufen wird, kommt er an einem Zaun vorbei, hinter dem eine Gruppe zivil gekleideter Häftlinge wartet. Frauen, Kinder, Alte. Mit ihren Koffern und dem wenigen, was ihnen an Hab und Gut geblieben ist. Kurze Zeit später kommt Komínek wieder an dem Zaun vorbei und die Menschen sind weg. Nur ihre Habseligkeiten liegen verstreut am Boden. Im Hintergrund quillt dicker schwarzer Rauch aus einem Schornstein. Da muss Solan gar nicht das Schicksal der Opfer ausformulieren. In diesen kargen Bildern ist alles gesagt. Und sie hinterlassen einen dicken Knoten im Magen des Zuschauers.

Später wird Solan das Bild der qualmenden Schornsteine noch einmal nutzen. Krafts Ehefrau Helga (Valentina Thielová) lamentiert, wie böse die Menschen doch sein können. Kraft solle das endlich einsehen: „Die Menschen sind so gemein“. Natürlich meint sie damit den Offizier Holder, welcher Intrigen gegen Kraft spinnt und scheinbar dessen Position einnehmen will. Und die Leute Zuhause, die Kraft nicht den Respekt zollen werden, wenn sie von Krafts Verbindung zu Kominek hören. Um Hintergrund verdunkelt sich der Himmel im schwarzen Rauch der armen Seelen, die Kraft in den Tod geschickt hat. Die verbrannten Körper der Kinder, der Frauen, der Schwachen, der Opfer. Vielleicht trägt Solan hier in dieser Szene einmalig etwas dick auf, doch diese grausame Relativierung, dieses Vergessen der Leiden der Opfer und das Bagatellisieren dadurch, dass man seine eigenen, profanen Probleme über das Leben der anderen, der „Fliegen“, wie sie Kraft abwertend nennt, ist ein Thema, welches heute noch aktuell ist. Wenn man sich selber als Opfer stilisiert, weil man keine Arbeit hat und gleichzeitig für den grausamen Tod kleiner Kinder, die hilflos im Mittelmeer ertrinken und deren kleine, leblosen Leiber am Strand angespült werden noch nicht einmal ein Schulterzucken übrig hat. Nein, natürlich hat derjenige, der so reagiert die Kinder nicht eigenhändig ersäuft. Aber auch Krafts Ehefrau hat niemanden in die Gaskammern geschickt. Sie nimmt es aber hin, weil ihr das Leben der anderen nichts wert ist. Weil diese Anderen außerhalb ihrer kleinen Welt, die nur um sich selbst kreist, existieren.

Solans großer Verdienst und die Stärke seines Films ist es, dass er plumpe schwarz-weiß-Malerei vermeidet. Man kann heute nicht mehr nachvollziehen, was die Besetzung des Lagerkommandanten Kraft durch Manfred Krug damals bedeutete. Heute ist Krug natürlich durch seine zahlreichen Rollen im West-TV eine Marke. Schauspieler und Rollen verschwimmen. Daher ist es erst einmal ein kleiner Schock Krug als Nazi zu sehen. Zumal er den Kraft ebenso jovial, kumpelhaft und präsent anlegt, wie später beispielsweise seinen „Liebling Kreuzberg“. Auch diese gewisse Selbstverliebtheit Krafts, ist in Krugs späteren Rollen auch immer präsent. Da Krug heute aber durchweg positiv besetzt ist, strahlt dies auch auf Kraft ab. Der mitnichten wie ein Monster daher kommt, obwohl er ohne mit den Wimpern zu zucken Erschießungen und Folterungen anordnet. Obwohl klar ist, dass er Kominek in erster Linie als privates Spielzeug hält, um sich immer wieder selbst als ach so großer Boxer zu bestätigen. Trotzdem scheint immer wieder der Mensch (oder vielmehr auch der Typ Manfred Krug, wie wir ihn als TV-Figur kennen) unter der Uniform hervor. Einer, der sich unter anderen Umständen vielleicht tatsächlich mit Kominek hätte befreunden können. Der aber jetzt, mit Uniform und Macht versehen, sich in der Rolle des „Übermenschen“ gefällt. Ebenso ambivalent ist der Deutsch-Slowake Willie gezeigt. Der einerseits scheinbar aufrichtige Sympathien für Kominek hegt, freundlich und lustig daher kommt, ihn aber auch gleichzeitig für seine eigenen Zwecke skrupellos ausnutzt und ihn immer wieder in seine „Schranken“ weißt. Allein Gerhard Rachold als Holder, der typischer intriganter Karriere-Nazi und Józef Kondrat als gütig-verschmitzter polnischer Boxlehrer sind eindeutiger den Seiten Gut und Böse zuzuordnen.

Der slowakische Schauspieler Štefan Kvietik ist das heftig pochende Herz des Filmes. Kvietiks ausdrucksstarkes Gesicht, welches tatsächlich einem Boxer gehören könnte, spiegelt gleichzeitig Verzweiflung und Hoffnung, Resignation und Wut, Furcht und Mut. Sein Kominek wird zunächst getrieben von dem bloßen Impuls zu überleben. Später, wenn er zu Kräften kommt, scheint er förmlich zu erwachen. Mit der Kraft kehrt auch der Tatendrang zurück. Doch immer wieder wird er von der Angst niedergedrückt. Er weiß, er könnte Kraft jederzeit besiegen – trotzdem fügt er sich seinem Schicksal und geht klaglos auf die Matte. Gleichzeitig versucht er im Kleinen etwas zu ändern, wohl wissend, dass seine Möglichkeiten sehr begrenzt sind. Immer wieder versucht er schüchtern in gebrochenen Deutsch so etwas wie eine Beziehung zu Kraft aufzubauen, um diesen ebenso zu nutzen, wie Kraft ihn nutzt. Sich als Individuum und nicht nur als „Fliege“ bemerkbar zu machen. Diese Annäherung fängt Solan in seinem Film sensibel ein. Letztendlich weiß Kominek, dass er nur Überleben kann, wenn er es schafft, dass Kraft ihn als seelenverwandten Sportler in seinen von pathetischen Sportsgeist (Fluchtversuche und Widerstand straft Kraft als „Fouls“ mit tödlichen Konsequenzen ab) und verklärter Boxer-Romantik triefenden Weltsicht wahrnimmt. Nie würde Kominek Kraft als „Freund“ bezeichnen und er weiß auch, dass Kraft ihn nie als Freund, wohl aber als „Sportkameraden“ ansehen würde. Und dass jeder Schritt, jedes Wort, jeder Schlag Kraft dazu bringen kann, Kominek fallenzulassen. Wie Kominek vorsichtig versucht Kraft zu manipulieren, und dabei seinen eigenen Stolz, sein eigenes Grauen, sein eigenes Leid herunterschluckt, liest sich eindrucksvoll in Štefan Kvietik subtilere Darstellung.

Wieder einmal hat Bildstörung eine absolute Referenzveröffentlichung vorgelegt. Das schwarz-weiße Bild ist gestochen scharf und klar. Der Ton sauber und sehr klar. Im Film wird Deutsch, Slowakisch und Polnisch gesprochen, wobei die slowakischen und polnischen Dialoge deutsch untertitelt werden. Neben der Blu-Ray mit dem Film ist noch eine DVD beigegeben, die randvoll mit fast zwei Stunden an Extras steckt. Den Hauptanteil macht hier ein einstündiges Interview mit Regisseur Peter Solan aus, welches kurz vor seinem Tod im Jahr 2013 aufgenommen wurde. „Die Woche im Film“ ist ein zeitgenössisches Werbe-Featurette. Solans unter die Haut gehender achtminütiger Kurzfilm „Deutschdorf“ aus dem Jahr 1974 zeigt Handkamera-Aufnahmen von Wiesen an einer Autobahn, unterlegt mit Schilderungen der hier stattgefundenen von Tötungen Unschuldiger aus der Perspektive der Täter. In einem 10-minütigen Feature doziert der aus Bratislava stammende Filmwissenschaftler Martin Kaňuch darüber, wie „Der Boxer und der Tod“ den slowakischen Film in den 60er Jahren verändert hat. Sehr gut hat mir ein weiteres, 24-minütiges filmhistorisches Feature gefallen, in dem Olaf Möller (dem ich sowieso stundenlang zuhören könnte) „Der Boxer und der Tod“ und dessen Wirkung analysiert seine und dabei noch einmal die Qualitäten seines Regisseurs herausstellt. Sehr schön fand ich ferner, dass das umfangreiche, 20-seitige Booklet nicht die Inhalte der beiden Features variiert, sondern einen ganz anderen Weg geht. Hier widmet sich der Sportjournalist Martin Krauss dem heute kaum bekannten Themas „Sport in Konzentrationslagern“. Dieses ist mitnichten eine Erfindung solcher Filme wie „Flucht oder Sieg“ oder eben „Der Boxer und der Tod“, sondern ein ganz reales Kapitel der grauenvollen Geschichte der KZs. Er schreibt hier auch nicht nur über Tadeusz Pietrzykowski, auf dessen Leben „Der Boxer und der Tod“ basiert, sondern auch viele andere Boxer, die ein ganz ähnliches Schicksal erlitten. Für uns Bremer dabei besonders interessant das Schicksal von Rukeli „Gipsy“ Trollmanns, dessen Leidensgeschichte der Bremer Filmemacher Eike Besuden als Doku-Drama verfilmt hat.

Das Bloggen der Anderen (18-06-18)

Von , 18. Juni 2018 17:30

– Kürzlich fand in Nürnberg das dritte „Morbid Movies“ Festival statt. Oliver Nöding war dabei und berichtet auf Remember It For Later von „Gesichter des Todes“ bis „Henry: Portrait of a Serial Killer“.

– „Fegefeuer der Eitelkeiten – neun peinliche Prestigeprojekte“ nennt Filmlichtung seinen unterhaltsamen Artikel über Millionenflops. Wobei ich „Heaven’s Gate“ und „Peinlich“ irgendwie nicht überein bringe. Auch schön zu lesen: Sein Essay über einen meiner absoluten Lieblingsfilme: Den großen Bonbon „Flash Gordon“.

– Sonja Hartl wirft auf kino-zeit.de einen Blick auf Drehbuchautorinnen in Hollywood.

„Visages Villages“ von Agnès Varda und JR lässt Rainer Kienböck auf Jugend ohne Film ebenso ratlos wie fasziniert zurück.

– Floh Lieb von symparanekronemoi ist vor 35 Jahren, also 1983 geboren. Aus diesem Anlass wirft er einen ausführlichen Blick auf das Filmjahr 1983. Und ich denke mir: Man bin ich alt. Einiges davon habe damals tatsächlich schon im Kino gesehen.

– Auf Schlombies Filmbesprechungen ist derzeit Nippon-Time! Christian empfiehlt hier u.a. „TAMALA 2010 – A Punk Cat in Space“ und „Yo-Yo Girl Cop“, die ich beide noch nicht kenne. Sowie den wundervoll bizarren „Uzumaki„.

Der Kinogänger erfreut mit einer Klassiker-Rezension und zwar „Adieu, Bulle“ mit dem unvergleichlichen Lino Ventura.

– Passend dazu gibt es auch bei Die Nacht der lebenden Texte einen Klassiker mit einem alten Haudegen. „Ein Mann wie Dynamit“, eine der berüchtigten Bronson-Cannon-Kollaborationen.

– Hui, John Woos aktueller Film „Manhunt“, der gerne als Comeback vermarktet wird, hat Sebastian von Nischenkino aber so gar nicht gefallen.

Neues Kulturfestival: dreizehn° in Bremen-Blumenthal (31.8.-2.9.)

Von , 15. Juni 2018 06:40

Vom 31.8. bis 2.9. wird es in Bremen ein neues Kulturfestival geben. Das dreizehn°-Festival wird auf dem Gelände der Bremer Wollkämmerei (BWK) in Blumenthal stattfinden. Unglücklicherweise zeitgleich mit dem Übersee-Festival am 31.8./1.9 was ich extrem ärgerlich finde, da es auch thematisch einige Überschneidungen gibt und ich nicht ganz verstehe, warum sich zwei Festivals, die beide auch Bremer Künstlern/Musikern einen Bühne bieten wollen, sich gegenseitig torpedieren.

Für das dreizehn°-Festival haben haben die Macherinnen Katrin Windheuser vom neu gegründeten Verein Haikultur und Anne Angenendt laut Weser Kurier rund 250 Künstlerinnen und Künstler überregionaler Herkunft ebenso wie aus Bremen angefragt. Das Festival soll in zwei große Hallen: die sogenannte Fliegerhalle nahe der Weser und die Halle 221, sowie rund 20.000 Quadratmeter Außenfläche stattfinden. Es wird eine große Musikbühne, zwei Theaterbühnen, eine Kinobühne, eine Literaturbühne und eine Experimentalbühne, die abends zum Club wird geben. Außerdem Getränke- und Imbissstände.

Musikalisch soll das Spektrum von Jazz über kleinere klassische Konzerte bis zu Indie-Bands, Hip-Hop und elektronischer Musik reichen. Also – nochmal – ganz ähnlich zum Übersee-Festival. Ferner soll es Debatten, Stadtteilführungen und Workshops in Buchbinden, Siebdruck oder ein Film geben.

Bei den Kinoaufführungen bin ich natürlich hellhörig geworden und diese sind auch der Grund dafür, warum ich hier im Blog drüber berichte. Leider habe ich noch nirgendwo konkret etwas über genau diesen Programmpunkt gefunden, bin aber gespannt, was sich die Macherinnen da ausgedacht haben. Ich hoffe nur, es werden keine ausgelutschten Crowd-Pleaser wie die „Rocky Horror Picture Show“, sondern es geht eher in den Bereich gewagter Underground. Dann schaue ich auch mal vorbei. Nur nicht am 31.8./1.9. 😉

Hier noch der Link zur Facebook-Seite, die etwas aussagekräftiger als die normale Webseite ist: https://www.facebook.com/pg/dreizehngradfestival/

Blu-ray Rezension: „Willard“

Von , 13. Juni 2018 09:59

Willard Stiles (Bruce Davison) ist ein 27-jähriger, ebenso stiller, wie zurückgezogener Mann, der noch immer bei seiner nicht minder problematischen Mutter (Elsa Lancaster) in einer Villa lebt, welche auch schon bessere Zeiten gesehen hat. Zudem gibt es im Garten der Villa ein Rattenproblem. Als Willard von seiner Mutter aufgefordert wird, sich um dieses Problem zu kümmern, entwickelt er eine etwas ungesunde Faszination für die pelzigen Nager. Besonders die beiden intelligenten Ratten Sokrates und Ben haben es ihm angetan, und bald schon verbindet Mensch und Nager eine tiefe Freundschaft. Im Berufsleben läuft es für Willard allerdings weniger gut. Er arbeitet in der Firma seines verstorbenen Vaters, welche diesem aber bereits vor Jahren von Mr. Martin (Ernest Borgnine) abgenommen wurde. Mr. Martin duldet Willard zwar in seiner Firma, lässt aber kaum eine Möglichkeit aus, um ihn zu demütigen. Als Willards Rattenfamilie immer größer wird, und er nicht mehr weiß, wie er sie füttern kann, schmiedet er einen Plan, um sich mit Hilfe seiner vierbeinigen Freunde Geld zu beschaffen…

Willard“ war 1971 der Überraschungs-Hit im amerikanischen Kino und gilt als Wegbereiter des Tierhorrorfilms, der in den 70ern so richtig ins Rollen kam und mit „Der weiße Hai“ seinen Höhepunkt fand. „Willard“s enormer Einfluss und Erfolg verwundert etwas, denn rückblickend entpuppt sich „Willard“ als eher wenig spektakulär. Aber vielleicht liegt dies auch daran, dass sich die Sehgewohnheiten doch stark geändert haben und vor allen Dingen „Willard“s Nachfolger weitaus detailverliebter und brutaler zu Werke gingen. Allerdings sind die Szenen in denen sich gefühlt tausend Ratten aus Willards Keller ergießen wahrlich beeindruckend und dürften bei so manchem Ratten-Phobiker viele schlaflose Nächte verursachen. Generell ist es erstaunlich, was die Ratten-Dompteure hier auf die Beine stellen. Wüsste man es nicht besser, könnte man fast auf CGI tippen, so perfekt verhalten sich die schlecht beleumundeten Nager. Trotzdem wird man das Gefühl nicht los, dass hier mehr drin gewesen wäre. Denn egal, ob die Ratten nun im Haus hin und her laufen, Türen zernagen oder über Leute herfallen, so richtig bedrohlich und beängstigend wirkt das alles eher weniger.

Besonders die berühmte „Zerreißt ihn“-Szene mit Ernest Borgnine wirkt unfreiwillig komisch, da man deutlich sieht, wie die Ratten in hohen Bogen auf ihn geworfen werden. Und dass es dann nicht zum angekündigten „Zerreißen“ kommt, enttäuscht dann doch ein wenig die Erwartungen. So ist „Willard“ bezüglich seines Horror-Potentials dann doch ein eher harmloser Film. Wo „Willard“ aber punkten kann, ist die Darstellung der Welt in der die Hauptperson lebt und in der ihre Psyche gewaltsam verbogen wird. So ist die größte Horrorszene dann auch jene, in der Willards Mutter (die großartige Elsa Lancaster in einer ihrer letzten Rollen) ihrem Sohn eine Geburtstagsfeier ausrichtet. Da Willard aber keine gleichaltrigen Freunde (geschweige denn Freundinnen) hat, muss er mit den Freunden seiner Mutter feiern. Die dann auch so tun, als seinen sie auf einem Kindergeburtstag und nicht bei einem erwachsenen, 27jährigen Mann. Wie sie da mit ihren Hütchen und Tröten sitzen ist wahrlich gruselig. Wie auch Elsa Lancasters formidable Darstellung der Mutter. Zwischen krankhaftem Behüten, Verlustängsten, egozentrischen „an-sich-binden“ und beginnendem Schwachsinn. Dass solch ein Umfeld nicht zuträglich für ein gesunde geistige Verfassung ist, dürfte jedem klar sein.

Der junge Bruce Davison zeigt dies sehr deutlich. Manchmal allerdings auch überdeutlich, denn er neigt zum Grimassieren und ist häufig einfach zu sehr drüber. Selbstverständlich soll bei der Figur des Willard dieser tiefe Schmerz darüber, dass es ihm verwehrt wird erwachsen zu werden, er von allen Seiten manipuliert, heruntergemacht und unterschätzt wird deutlich werden. Allerdings wählen weder Regisseur Daniel Mann, noch Hauptdarsteller Davison den dezenten Strich, sondern tragen die Farbe mit der ganz groben Rolle auf. Demgegenüber gelingt es dem Profi Ernest Borgnine spielend, jede Szene an sich zu reißen. Denn obwohl sein Mr. Martin ein widerlicher Schmierlappen ist, besitzt er doch dieses übergroße Borgnine-Charisma und viele seiner Entscheidungen sind zwar durchtrieben, aber klug und erst einmal auf den Vorteil der Firma ausgelegt. Und man muss sich fragen, ob man an seiner Stelle nicht den völlig unzuverlässigen Willard – Versprechen an den Vater oder nicht – rausgeworfen hätte. Sondra Locke, die kurze Zeit später zu Clint Eastwoods Muse wurde, hat hier eine nur kleine Rolle, die sie souverän und sympathisch spielt, wobei ihr allerdings nicht viele Möglichkeiten gegeben werden, um einen nachhaltigen Eindruck zu hinterlassen. Der größte Kritikpunkt ist aber die biedere Regie von Daniel Mann, die recht altbacken wirkt. Die ganze Welt in der „Willard“ spielt, angefangen mit Kostümen und Kulissen, scheint ein paar Jahre älter zu sein, als man beim Produktionsjahr 1971 erwarten würde. So erinnert „Willard“ dann leider allzu häufig an einen Fernsehfilm aus den 60er Jahren.

„Willard“ ist der zweite Titel der neuen Anolis-Reihe „Der phantastische Film“. Wie beim Vorgänger „Mutant – Das Grauen im All“ ist auch „Willard“ eine vorbildliche Veröffentlichung, an der es nichts zu meckern gibt. Vor allem nicht an dem unglaublich klaren und scharfen Bild. Aber auch der Ton ist ausgesprochen sauber und klar. Wobei der englische Originalton etwas kräftiger und vor allem in den Rattenszenen „geräuschvoller“ daher kommt. Als weitere Tonspur kann man einen unterhaltsamen Audiokommentar mit dem Filmhistoriker Nathaniel Thompson (dessen Internet-Blog ich sehr empfehlen kann) und Hauptdarsteller Bruce Davison. Bruce Davison ist auch in einem interessanten 12-minütigen Interview zu sehen. Weiter geht es mit dem US-Trailer, Radiospots, der Super-8-Fassung (16 Minuten), Werberatschläge und Bildergalerie. Das 28-seitiges Booklet enthält Produktionsnotizen, Aushangfotos, sowie die beiden Texte „Die falschen Freunde“ von Ingo Strecker (der mir ausgesprochen gut gefallen hat und all jene Punkte anspricht, die mir auch aufgefallen waren) und „Königreich der Ratten“ von David Renske, mit dessen cool-rotzigen Stil ich allerdings so meine Probleme hatte.

Das Bloggen der Anderen (11-06-18)

Von , 11. Juni 2018 17:53

– Heute beginne ich gleich mal mit einer – wie ich finde wunderbaren – Meldung: Der bekannte und beliebte Filmgelehrte Christian Keßler ist unter die Blogger gegangen. Wenigstens so ein wenig. Er hat seine 2001 erstellte Homepage eingestampft und stattdessen alle Inhalte auf seinen neuen Blog Urlaub im Schrank gezogen, den ich hiermit uneingeschränkt zu Stöbern und Staunen empfehle. Besonders schön ist dabei die neue Rubrik „“Der explodierte Bildschirm“ in (bisher?) acht Kapiteln die von seiner Früherfahrungen als Filmfan handeln.

– Den für mich interessanteste und lesenswerteste Artikel der Woche findet man auf kino-zeit.de Dort hat Katrin Doerksen einen Rückblick auf 4 Jahre Netflix, die Veränderungen die dies für die Art Filme zu schauen mit sich brachte und wie sich Streaming von der klassischen Videothek unterscheidet geschrieben. Seit Jahren wollte ich auch mal was über die mittlerweile allesamt untergegangenen Videotheken bei mir im Viertel schreiben, von daher war die Lektüre für mich ausgesprochen spannend und inspirierend. 25 Jahre nach „Jurassic Park“ und kurz vor der Premiere des neusten Beitrags dieses Franchise blickt Rajko Burchardt auf Spielbergs Initialzündung und seine zahlreichen Nachfolger und Rip-Offs zurück.

– Einer meiner absoluten Lieblingsfilme ist „Kikujiros Sommer“ von und mit Takeshi Kitano. Filmlichtung bespricht den Film im Detail. Dabei kommt er trotz aller Liebe zum Film zu einem vielleicht etwas nüchterneren Urteil als ich.

– Michael Schleeh von Schneeland war auf der Nippon Connection 2018 und fasst kurz zusammen, was er dort alles gesehen hat.

– Maël Mubalegh schreibt auf Jugend ohne Film über den neuen Film von Ulrich Köhler: „In My Room“.

– Endlich auf Silberling zu bekommen: „Paul“ von Klaus Lemke. Karsten Munt liefert auf critic.de gute Argumente, warum man sich diesen Film nicht entgehen lassen sollte.

– Ebenfalls endlich, endlich auch hierzulande erhältlich: Damiano Damianis grandioser „Das Verfahren ist eingestellt – Vergessen Sie’s!“. Mehr darüber auf Die Nacht der lebenden Texte.

– Mal wieder Lebenszeichen von Duoscope. Bianca analysiert den „Skandalfilm“ „Augen der Angst“ von Michael Powell.

– Zwei neue Beiträge zur Pam-Grier -AIP-Retro bei Robert Zion. „Bucktown“ und „Foxy Brown“.

– Oliver Nöding schreibt auf Remember It for Later über (den mir bisher unbekannten) „The Perfect Weapon“ und erläutert, warum er den so gerne mag.

Enzo Castellaris „Tuareg – Die tödliche Spur“ fehlt mir noch in meinem italophilen Sehtagebuch. Splattertrash meint allerdings, dass der auch nicht so recht lohnt.

Blu-ray-Rezension: „Die Schreckenskammer des Dr. Thosti“

Von , 6. Juni 2018 22:26

England 1872. In der Nacht vor seiner Hinrichtung wird der zu unrecht des Mordes beschuldigte Dr. Gordon Ramsay (Herbert Rudley) von seinem Kollegen Dr. Thosti (im Original Sir Joel Cadman, gespielt von Basil Rathbone) in der Gefängniszelle besucht. Thosti verabreicht seinem jungen Kollegen eine Droge namens Nind Andhera, Diese bewirkt, dass man in so tiefes Koma fällt, dass man für tot gehalten wird. Cadman nennt diese Droge den „schwarzen Schlaf“. Der vermeintlich tote Ramsay wird Thosti überstellt, der ihn wiederbelebt und zu seinem Assistenten macht. Thosti nimmt Ramasy mit in eine alte Burg, welche ihm als geheimes Labor dient, Hier führt Thosti illegale Experimente an mit Nind Andhera betäubten Opfern durch, die anschließend schwer degeneriert oder stark verstümmelt die Flure der Burg bevölkern. Unter ihnen auch sein einstiger Mentor Dr. Monroe (Lon Chaney Jr.), der nun als grunzendes Wesen Mungo immer wieder über die junge Krankenschwester Laurie (Patricia Blake) herfällt. Oder der stumme Diener Casimir (Bela Lugosi). Als Ramsay hinter die finsteren Geheimnisse Thostis kommt und noch weitere Opfer (u.a John Carradine und Tor Johnson) entdeckt, versucht er, dem Spuk ein Ende zu bereiten…

Anmerkung: Alle Screenshots stammen von der ebenfalls enthaltenen DVD, nicht der Blu-ray.

Mit „Die Schreckenskammer des Dr. Thosti“ hat Anolis‘ Reihe „Die Rache der Galerie des Grauens“ einen mehr als würdigen Abschluss gefunden. Und man muss sich die Frage stellen, warum dieser Film nicht weitaus bekannter ist. Wahrscheinlich weil er schon zu seiner Entstehung wie aus der Zeit gefallen schien. Man schrieb das Jahr 1956. Der Rock’N’Roll war geboren, Teenager-Filme übernahmen die Leinwand und wenn schon Horror, dann waren das mutierte Rieseninsekten. Die goldenen Jahre des „Universal-Horrors“ lag mehr als 10 Jahre zurück. Und die Protagonisten dieser Zeit fanden sich in kleinen Gastrollen und ultra-billig produzierten C-Filmen wieder. Und dann waren sie plötzlich alle in diesem Film aus der zweiten Hälfte der 50er Jahre wieder versammelt: Lon Chaney, Bela Lugosi, John Carradine – und natürlich der großartige Basil Rathbone. Während dieser große Mime, der genau zehn Jahre zuvor das letzte Mal in seiner Paraderolle als „Sherlock Holmes“ zu sehen war, gerade als Gegenspieler Danny Kayes in „Der Hofnarr“ ein Comeback erleben konnte, erging es seinen Kollegen weniger gut. Auch in „Die Schreckenskammer des Professor Thosti“ sind sie lediglich Staffage. Leider, denn so ist aus dem großen Horror-Revival nur ein Kuriositätenkabinett geworden, welches belegt, dass die große Zeit dieser wundervollen Darsteller vorbei war.

Besonders traurig ist der Anblick Lugosis, der gerade von einem Drogenentzug zurück gekommen war und durch die Gänge schleicht, als könne er keinen Fuß mehr vor den anderen setzten. Schwerfällig und mit hängenden Schultern ist er nur noch ein Schatten jenes Schauspielers, der 36 Jahre zuvor die Frauen als Dracula in Ohnmacht fallen ließ. Selbst bei seinem letzten Auftritt für Ed Wood in „Plan 9 From Outer Space“ wirkte er ein wenig fitter. Leider sollte „Die Schreckenskammer des Dr. Thosti“ Bela Lugosis letzter echter Auftritt in einem Film werden. Für „Plan 9“ nutzte Wood dann Probeaufnahmen mit dem Kult-Schauspieler. Auch seinen Kollegen geht es wenig besser. Lon Chaney hat als monströser Mungo zwar etwas mehr zu tun – was sich allerdings auf das Erschrecken und Würgen junger Frauen beschränkt. John Carradine und Tor Johnson (der ein Jahr zuvor eine ähnliche Rolle in Ed Woods „Bride of the Monster“ spielte, in dem Bela Lugosi den Mad Scientist gab) kann man eher unter “Statisten“ verbuchen. Dafür glänzt der großartige Basil Rathbone als Sir Joel Cadman. So heißt die Figur zumindest in der Originalfassung. Wieso man Cadman in der deutschen Fassung zu „Professor Thosti“ machte, wird wohl auf ewig ein Geheimnis bleiben.

Rathbone ist brillant als verblendeter und verbissener Chirurg, der für den Erfolg seiner Arbeit über Leichen geht. Zwar wird hier seine durch einen Tumor ins Koma gefallene Frau als Motiv für seinen skrupellosen Wissens- und Tatdrang angeführt, doch man spürt zu jeder Zeit, dass Cadman/Thosti auch ohne diese zusätzliche Motivation das Skalpell gewetzt hätte. Er nimmt hier bereits die ebenso aristokratische, wie von Ehrgeiz und dem Wunsch Gott zu spielen zerfressene Dr.-Frankenstein-Figur vorweg, die Peter Cushing in den Hammer-Filmen unsterblich machen sollte. Rathbone kontrolliert jede seiner Szenen. Er ist das absolute Zentrum dieses Filmes und mischt die coole Arroganz seines Sherlock Holmes mit dem tragischen Sadismus seines Richard in „Der Henker von London“. Die Schauspieler um ihn herum geben eine gute und durchaus überzeugende Figur im Rahmen der Möglichkeiten des Drehbuchs ab. Denn natürlich sind sie zu allererste zweckmäßige Stereotypen. Mit einer großen Ausnahme: Akim Tamiroff als Odo, der dem Professor stets neue Subjekte für seine Forschung zuführt. Tamiroff legt seinen Odo irgendwo zwischen Witzfigur und eiskalten Soziopath an. Immer wieder schwankt er zwischen diesen Extremen, lässt aber auch bei seinem untertänigsten, schleimigsten Heranwalzen durchblicken, dass hier jemand lauert, dem sämtliches menschliche Mitgefühl abgeht. Dass Odo ein Sinti&Roma ist, stößt heute natürlich etwas auf, da Tamiroff auch sämtliche Vorurteile und Klischees gegenüber den Sinti&Roma bedient. Das muss aber wohl im zeitlichen Kontext gesehen werden. In den 50er Jahren gehörten diese Karikaturen zum Standard, ohne dass jemand darüber nachdachte, was solche Darstellungen für eine Volksgruppe bedeutete.

Eine besondere Erwähnung verdient die Musik von Les Baxter, der hier seinen ersten Horrorfilm-Soundtrack vorlegt und dies mit viel Kraft und Gespür für dramatisch-unheimliche Untermalung. In den 60ern sollte er dann Roger Cormans ersten Poe-Verfilmungen vertonen und besonders berüchtigt dafür werden, dass er die Scores für die US-Versionen zahlreicher italienischer Horrorfilm schrieb, mit denen dann leider die wunderbaren Kompositionen der Original-Komponisten ausgetauscht wurden. In Szene gesetzt wurde „Die Schreckenskammer des Dr. Thosti“ von einem Veteranen des guten, alten Universal-Horrors. Der gebürtige Wiener Reginald Le Borg hatte am Beginn seiner Karriere zahlreiche Horrorfilme mit Lon Chaney inszeniert. So die populäre Inner-Sanctum-Serie, wie auch “The Mummy’s Ghost”. Er war also eine gute Wahl, um einen Film zu drehen, welcher sich ganz dem Geist dieser alten Filme verschrieben hat. Der wirkt, als wäre er Anfang der 40er irgendwo im Archiv der Universal vergessen worden und dann mehr als ein Jahrzehnt später doch noch aufgeführt worden. Allein die deutlich gealterten Stars verraten, dass “Die Schreckenskammer des Professor Thosti” tatsächlich erst 1956 geöffnet wurde. Die wienerische Herkunft Le Borgs ist wahrscheinlich auch dafür verantwortlich, dass Le Borg in die recht klassische Inszenierung immer wieder expressionistische Sprenkel einfließen lässt. Wie in der beeindrucken Szene in der der tot geglaubte Gordon in seinem Sarg erwacht und sich mühsam aufrichtet. Aber wie mag der Film wohl damals auf das Publikum gewirkt haben? Für uns heute, verwischt es irgendwie, ob ein Film nun 70 oder 60 Jahre alt ist. Damals müssen zwischen den aktuellen Filmen der Saison und einem altmodisch inszenierten Grusler mit Mad-Scientist-Einschlag bereits Welten gelegen haben. Aus heutiger Sicht reiht er sich jedenfalls gut in die Reihe der Universal-Filme der 30er und 40er Jahre ein, und nicht zwischen den Jack-Arnold- und Ray-Harryhausen-Produktionen.

“Die Schreckenskammer des Professor Thosti” ist ein sympathischer, irgendwie aus der Zeit gefallener Film, der zu seiner Entstehungszeit 1956 schon hoffnungslos altmodisch gewirkt haben muss. Trotzdem unterhält der preisgünstige Gruseler ganz famos, auch wenn seine Alt-Stars wie Lugosi und Chaney sich mit Mini-Rollen begnügen müssen. Dafür ist es ein Genuss Basil Rathbone als Mad Scientist zu sehen.

„Die Schreckenskammer des Dr. Thosti“ ist ein sehr guter Abschluss hat Anolis‘ Reihe „Die Rache der Galerie des Grauens“. Nicht nur der recht rare Film passt vorzüglich, auch die Präsentation muss einmal mehr lobend erwähnt werden. Das Schwarz-Weiß-Bild ist sehr klar und frei von Schäden. In der Originalfassung klingt die Tonspur sehr sauber und gut abgemischt. Vor allem die Musik kommt hervorragend zur Geltung. Die alte deutsche Kinosynchro klingt demgegenüber leicht blechern, ist jedoch mit sehr guten Sprechern besetzt (u.a. Sigfried Schürenberg als Basil Rathbone). Bei den Extras wurde auch hier wieder alles gegeben. Es gibt einen informativen und anekdotenreichen Audiokommentar mit Dr. Rolf Giesen, Uwe Sommerlad und Volker Kronz. Laut der Webseite Evel Ed soll sich auch noch eine halbstündige Einleitung für internationale Käufer von Kronz und Giesen auf der Scheibe befinden. Diese habe ich allerdings nicht gefunden, und sie wird auch sonst wo nicht erwähnt.Neben dem US- und Deutsche Kinotrailer („Der Film mit dem Pfiff!“) ist auch wieder eine „Trailers from Hell“-Episode mit Joe Dante und die Werberatschläge mit auf der Disk. Zusätzlich ist noch eine sogenannte „Deutsche Grindhousefassung“ im 4:3-Format (welches das korrekte zu sein scheint), mit Kratzern, Laufstreifen, Schmutz und dem alten deutschen Verleihvorspann in die Veröffentlichung inkludiert. Und letztendlich findet sich noch ein ausführliche, 32-seitige Booklet mit jeweils einer Filmvorstellung von Ingo Strecker und einer von Uwe Sommerlad in der Packung. Da beide unabhängig voneinander über den Film schreiben (es scheint beide hätten den Auftrag bekommen und am Ende hat Anolis nicht ein Booklet-Text ausgewählt, sondern beide zusammengepackt) gibt es ein paar Dopplungen, aber das macht im Rausch der Details und infos gar nicht aus.

Das Bloggen der Anderen (04-06-18)

Von , 4. Juni 2018 17:30

– Sebastian von Nischenkino hat ein ausführliches Interview mit Explosive-Media-Chef und Gründer Ulrich P. Bruckner geführt.

– Lars Dolkemeyer hat auf kino-zeit einen interessanten Artikel darüber geschrieben, dass es heute kein politisches Kino mehr gibt, und wie er über Umwege und ein Messengerspiel neue Möglichkeiten für politische Filme gefunden hat. Maria Wiesner hat sich lange mit der nun 90jährigen Agnes Varda, der Grand Dame des französischen Kinos, unterhalten. https://www.kino-zeit.de/news-features/interviews/ich-bin-als-feministin-geboren

Film-rezensionen.de stellt kurz das Filmfest Emden-Norderney 2018 (6. – 13. Juni 2018) vor.

Filmlichter fragt sich, welche Horrorfilme ein Remake gebrauchen könnten. Hmmm… ich weiß nicht.

– Lukas Foerster von Dirty Laundry ist der diesjährige Inhaber des Siegfried-Kracauer-Stipendiums und hat in dieser Funktion auf seinem Blog „Lady Bird“ und Luchino Viscontis „La Terra Trema“.

– Björn Schneider zeigt sich auf Filme Welt absolut begeistert von „Hagazussa“, einem Horrorfilm des 32-jährigen gebürtigen Wiener Lukas Feigelfeld, der damit seine Ausbildung an der Deutschen Film- und Fernsehakademie in Berlin beendete.

– Michael Schleeh bespricht auf Schneeland zwei japanische Dokumentarfilme: „Trace of Breath“ über das Leben nach der Katastrophe von 2011 und „Danchi Woman“ über eine 85jährige Frau, die gezwungen wird aus ihrer Wohnung auszuziehen.

– Oliver Nöding schreibt auf Remember It For Later über „Moneyball“ von Bennett Miller. Ein Film über Baseball und moderne Methoden der Spielerbeurteilungen. Klingt so hingeschrieben dröge, ist aber mit Brad Pitt, Jonah Hill und Philipp Seymour Hoffman groß besetzt und hat meine Neugierde geweckt. Nicht nur als alter Baseballspieler. Etwas weniger anspruchsvoll geht es scheinbar in Lee Frosts Exploitation-Reißer „Sadomona – Die Insel der teuflischen Frauen“ zu.

– Christian von Schlombies Filmbesprechungen nimmt sich gleich zwei Beispiele des modernen französischen Horrorfilms vor: „Saint Ange – Haus der Stimmen“ von Pascal Laugier und „Vinyan“ von Fabrice Du Welz. Beide konnten ihn allerdings nicht überzeugen.

– Wieder eine Woche mit größerer Argento-Besprechung. Heiko Hartman von Allesglotzer hat sich dessen Regie-Debüt „Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe“ vorgenommen.

– Sascha von Die seltsamen Filme des Herrn Nolte erklärt, weshalb er Mike Nichols‘ „Wolf“ mit dem tierischen Jack Nicholson für unterbewertet hält.

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