Mein ganz persönlicher Jahresrückblick 2015

Von , 31. Dezember 2015 11:44

2015 geht langsam, aber sicher, seinem Ende entgegen. Endlich, möchte ich ausrufen, denn 2015 war für mich kein gutes Jahr. Ganz im Gegenteil. Viele Dinge, die mein Leben seit vielen Jahren prägten, haben ein abruptes Ende gefunden. Und dies leider nicht nur gegen meinen Wunsch, sondern auch aus heiterem Himmel. Noch weiß ich nicht, wie es 2016 weitergehen soll. Ich hoffe einfach, dass sich meine Regel bestätigt und nach einem schlechten ungeraden Jahr, ein gutes gerades Jahr folgt. Auf jeden Fall wird 2016 ein Jahr der Neuanfänge und Veränderungen. Aber ich habe meine Familie, die mich stärkt, und deshalb bin ich sicher, dass ich irgendwann auf dieses verdammt schwere Jahr zurückblicke und sage: Es sollte wohl alles so sein.

Dass mich die ganzen Einschläge Kraft gekostet haben, wird der ein oder andere Leser wohl daran gemerkt haben, dass ich mir öfter mal Auszeiten vom Bloggen gegönnt habe. Und ich irgendwann auch die O-Ton-Rubrik eingestellt habe, weil mir Stress und Ärger im Beruf keine Zeit mehr gegönnt haben, eine regelmäßige, arbeitsintensive Kolumne zu führen. Auch „Das Bloggen der Anderen“ hat ein ums andere Mal darunter gelitten. Was mich besonders ärgert ist es aber, dass ich Bremen so stark vernachlässigt habe. Ich habe kaum Events angekündigt, sogar die eigenen oftmals viel zu spät nachgeschoben. Dabei sollte dies doch der Kern eines Blogs sein, der sich „Filmforum Bremen“ nennt. Hier muss ich schauen, dass ich im nächsten Jahr eine besser Balance finde.

Dafür habe ich dieses Jahr so viele Filmbücher wie noch nie besprochen. Mit dem Nebeneffekt, dass ich 2015 auch gar nichts anderes mehr gelesen habe. Auch hier muss ich schauen, dass ich das etwas zurückfahre, um auch mal wieder Zeit für andere literarische Interessen zu haben. Na ja, zwei Bücher liegen hier noch, danach sollte es aber erst einmal eine Pause geben.

Schaue ich zurück, was ich vor einem Jahr an dieser Stelle geschrieben habe, dann steht da: „Ich möchte hier ein paar mehr Interviews unterbringen.“. Daraus ist leider nichts geworden. Zwar habe ich ein-zwei Anläufe gestartet, aber das ist irgendwie im Sande verlaufen, und dann hatte ich auch die Lust verloren. Mal schauen, ob da 2016 dann was kommt.

Außerdem schrieb ich: „Generell hoffe ich auch, dass ich 2015 auch etwas mehr Schreibarbeit jenseits des Blogs unter die Leute bringen kann. Vor allem würde ich hier gerne wieder im Bereich „Gedrucktes“ etwas machen.“ Das hat sehr gut geklappt. Ich habe regelmäßig lange Artikel in dem Print-Magazin „35 Millimeter – Das Retro-Filmmagazin“ unterbringen dürfen und bin dort mittlerweile auch in den Kreis der redaktionellen Mitarbeiter geholt worden. Was zwar ein Haufen Mehrarbeit zum Bloggen darstellt, aber auch Freude macht. Ferner habe ich gerade zwei Beiträge für ein Buch fertiggestellt, welches im nächsten Jahr erscheinen soll. Und bin in zwei weitere Buchprojekte aus dem selben Haus involviert. Dieser Vorsatz ist also in Erfüllung gegangen, worüber ich mich wirklich sehr, sehr freue.

Was mich auch sehr glücklich gemacht hat, war unsere Filmveranstaltung „Weird Xperience“ in diesem Jahr. Nicht nur haben wir in der etage 3/Kulturzentrum Lagerhaus eine neue Heimat gefunden, wo wir sehr freundlich und mit vielen Freiheiten aufgenommen wurden, sondern wir waren auch beim Open-Air-Kino am Schlachthof aktiv, wo wir so viele Zuschauer wie noch nie begrüßen konnten, und ebenfalls mit sehr netten und sympathischen Menschen zu tun hatten. Einziger Wermutstropfen war das „Obscure Filmfestival“ im City 46, wo wir es trotz eines tollen Filmprogramms nicht geschafft habe, die Menschen ins Kino zu locken. Bremen ist eben für außergewöhnliche Filme ein verdammt hartes Pflaster und wenn dann noch draußen der Sommer ausbricht, hat man schlechte Karten. Mein Dank geht an dieser Stelle auch noch einmal an meinen großartigen Mitstreiter Stefan!

Meine zwei cineastischen Höhepunkte im Jahr waren wieder das Internationale Filmfest in Oldenburg und das Deliria-Italiano-Forentreffen. Während Oldenburg mir diesmal irgendwie unspektakulär und kühl vorkam (was vielleicht auch daran lag, dass es genau in einer extrem stressigen und frustrierenden Phase auf meiner Arbeit lag, und es mir einfach nicht gelang, richtig abzuschalten), war das Forentreffen, welches in diesem Jahr in Wien stattfand, mal wieder ein Traum. Hervorragende Filme, supernette Leute, viel Spaß, tolle Gespräche und alles wieder viel zu schnell vorbei. Dazu noch eine umwerfende Stadt, die ich das erste Mal richtig besucht habe. Perfekt.

Was meinen Filmkonsum angeht, war dieser in diesem Jahr so niedrig, wie nie zuvor. Meine bisherige Tiefmarke aus dem letzten Jahr, habe ich noch einmal um 14 Filme unterboten und komme nur noch auf magere 132. Das ist weit weniger als die Hälfte von dem, was ich noch vor fünf Jahren in einem Jahr angeschaut habe. Bedenkt man allerdings den Stress und Ärger, den dieses Jahr bot, dann wundert es mich nicht so sehr. Entsprechend „dünn“ fällt dieses Jahr auch meine Top10 aus. Hier unterscheide ich in diesmal wieder zwischen aktuellen und älteren Filmen. Bei den aktuellen Filmen habe ich mal alles rein geworfen, was 2014 und 2015 produziert wurde, ohne nachzuprüfen, ob der Film auch erst 2015 seine Deutschland-Premiere hatte. Im Kino erlebte Filme kommen dabei fast gar nicht vor, da ich es – Festivals außen vor – nur ganze 3x ins Kino geschafft habe. Ja, ich schäme ich. Auch das muss nächstes Jahr anders werden.

Top 10 aktuelle Filme (Produktionsjahr 2014/2015)

 

1. Mad Max: Fury Road (George Miller, 2015)
2. Ich seh, ich seh (Severin Fiala & Veronika Franz, 2014)
3. The Guest (Adam Wingard, 2014) – meine Kritik
4. Birdman or (The Unexpected Virtue of Ignorance) (Alejandro González Iñárritu, 2014)
5. Young Ones (Jake Paltrow, 2014) – meine Kritik
6. The Voices (Marjane Satrapi, 2014) – meine Kritik
7. Dixieland (Hank Bedford, 2015) – meine Kritik
8. Spectre (Sam Mendes, 2015)
9. Among the Living (Alexandre Bustillo & Julien Maury, 2014) – meine Kritik
10. German Angst (Jörg Buttgereit, Michal Kosakowski & Andreas Marschall, 2015)

Da ich Freunde habe, die meine Nr. 3, 4, 5, 8 und 9 so richtig, RICHTIG mistig finden, behaupte ich mal, das meine Liste in diesem Jahr durchaus kontrovers ausgefallen ist. Kann ich aber gut mit leben. Ich habe halt auch nicht viel gesehen.

Top 10 ältere Filme (nur Erstsichtungen)

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1. Love Exposure (Shion Sono, 2008) – meine Kritik
2. Sie sind verdammt (Joseph Losey, 1963) – meine Kritik
3. Miami Blues (George Armitage, 1990) – meine Kritik
4. Der Tod weint rote Tränen (Hélène Cattet & Bruno Forzani, 2013)
5. On the Job (Erik Matti, 2013) – meine Kritik
6. Tag ohne Ende (Anthony Mann, 1957)
7. Coherence (James Ward Byrkit, 2013) – meine Kritik
8. Only Lovers Left Alive (Jim Jarmusch, 2013)
9. Von Pferden und Menschen (Benedikt Erlingsson, 2013) – meine Kritik
10. Welt am Draht (Rainer Werner Fassbinder, 1973)

Die mochte ich alle sehr gerne. Weitaus mehr, als viele der Filme in der „Top10 aktuelle Filme“-Liste. Und ich bin gerade selber ziemlich überrascht, dass die Hälfte aus 2013 ist. War wohl doch ein guter Jahrgang.

Ein „Worst of“ gibt es nicht, denn ich möchte das Jahr auf einer positiven Note enden lassen.

Das war es mit 2015. Ich strecke diesem Jahr den Mittelfinger entgegen und breite meine Arme aus, um 2016 in Empfang zu nehmen.

Ich wünsche allen meinen Lesern einen guten Rutsch ins neue Jahr!

Filmbuch-Rezension: Christian Keßler “Der Schmelzmann in der Leichenmühle – Vierzig Gründe, den Trashfilm zu lieben“

Von , 30. Dezember 2015 18:06

schmelzmannRecht schnell hat Christian Keßler seinem erst vor einem Jahr erscheinen Buch „Wurmparade auf dem Zombiehof“ eine Fortsetzung folgen lassen. Das neue Werk trägt den Titel „Der Schmelzmann in der Leichenmühle“ und bietet dem geneigten Leser wiederum „40 Gründe, den Trashfilm zu lieben“. Dies stellt den Rezensenten vor ein kleines, wenn auch angenehmes Problem. Zum neuen Buch kann man im Grunde nur das wiederholen, was man schon zum ersten Band schrieb. Christian Keßler knüpft nahtlos an den zur Recht erfolgreichen Vorgänger an. Wieder hat er den Schlüssel zu einer ganz wunderbaren Filmwelt in der Tasche. Wieder sind seine Präsentationen manchmal schier unfassbarer Wunderwerke frei von dem galligen Zynismus, mit dem so mancher „Filmexperte“ über den sogenannten Trashfilm herziehen.

Wobei allein ja schon in der Formulierung „Trashfilm“ eine spöttische und herabwürdigende Distanz zu den vorgestellten Filmen steckt. Nicht so bei Keßler, aus denen Zeilen eine aufrichtige Liebe für das Nicht-perfekte, das Buckelige und den riesigen Enthusiasmus der Filmemacher spricht. Dass das Wort „Trash“ trotzdem im Titel auftaucht, hat nur etwas mit einer besseren Vermarktung zu tun. Keßler selber distanziert sich ganz klar davon. Aber wenn es dem Propheten nutzt, mit diesem hässlichen Wort seine Botschaft der Filmliebe unter ein ansonsten vielleicht ignorantes Volk zu streuen – dann bitte.

Liest man die Texte, fühlt man sich gleich gleich wieder in eine andere, vielleicht sogar besser, Welt versetzt. Wem es nicht hinter den Augen juckt, jetzt unbedingt und gleich „Deafula“, den einizgen Vampirfilme von und für Taubstumme, sehen zu wollen, bei dem ist wahrscheinlich sowieso Hopfen und Malz verloren. Der soll ruhig weiter „Transformers“-Materialschlachten ansehen und bei „Sharknado 3“ so richtig volle Kanne ablachen. Alle anderen werden aber vom Zauber einer „Lady Terminator“ oder dem Charme der „2000 Maniacs“ gefangen werden.

Mich freut diesmal besonders, dass sich Keßler auch einiger Lieblingsfilme von mir angenommen hat, die ich bereits im Rahmen unserer Bremer Filmreihe „Weird Xperience“ auf der großen Leinwand zeigen durfte. So den gottgleichen „Die Satansweiber von Titfield“ und dem einzigartigen „Das Stundenhotel von St. Pauli“, das ich sehr in mein Herz geschlossen habe. Aber auch andere, völlig zu unrecht kaum bekannte Filme, werden von Keßler ans Tageslicht gebracht. Wie der schier unglaubliche „Thundercrack!“ und der einfach unfassbare „Terrorgang“. So könnte es jetzt noch seitenweise weitergehen, doch es soll auch nicht unterschlagen werden, dass Christian Keßler in diesem Buch – stärker noch als im Vorgänger – um die Filme kleine Geschichten baut, die einiges über seine Sicht auf die Welt und die Missstände in denen wir leben müssen erzählt. Die Welt ist nicht immer schön und gerecht, auch diese traurige Erkenntnis schmuggelt Keßler in sein Buch. Dass er dabei aber trotzdemimmer einen positiven Grundton beibehält und nie aufsteckt, das verbindet ihn mit vielen der Filmemacher, deren Filme er uns hier ans Herz legt.

Kurzum, wer „Wurmparade auf dem Zombiehof“ verschlungen hat und Christian Keßlers legendären Artikel in der leider eingestellten „Splatting Image“ vermisst, der sollte jetzt sofort und ohne schuldhaftes Zögern den „Schmelzmann“ bestellen. Wer beides nicht kennt, sollte sich zumindest einmal im Leben auf eine wilde und exotische Reise durch die Welt der obskuren Filme einlassen. Vielleicht wird er ja angefixt und schaut dann, wie man an „Incubus“, diesen auf Esperanto gedrehten Film mit William „Cpatain Kirk“ Shatner, heran kommt. Das würde ich mir jedenfalls wünschen. Ebenso, wie einen Auftritt Keßlers in seiner Heimatstadt Bremen. Weihnachten ist ja gerade vorbei, vielleicht klappt es da noch mit den Wünschen.

Christian Keßler “Der Schmelzmann in der Leichenmühle – Vierzig Gründe, den Trashfilm zu lieben“, Martin Schmitz Verlag, 300 Seiten, € 18,80

Blu-ray Rezension: „Ich seh, ich seh“

Von , 29. Dezember 2015 17:58

ichsehichsehDie 10-jährigen Zwillinge Lukas und Elias (Lukas und Elias Schwarz) leben zurückgezogen in einer modernen Villa am Waldrand. Als ihre Mutter (Susanne Wuest) eines Tages von einem längeren Krankenhausaufenthalt zurückkehrt, ist ihr Gesicht aufgrund chirurgischer Eingriffe bandagiert. Den Zwillingen fällt auf, dass sich die vormals so liebende Mutter nun herrisch und fremd verhält. Immer mehr reift in ihnen die Erkenntnis, das die Frau, die dort in ihr Haus gekommen ist, gar nicht ihre Mutter ist, sondern eine Fremde. Nun setzen die beiden Jungen alles daran herauszufinden: „Wo ist die Mama?“.

Es ist schon erstaunlich, was in den letzten beiden Jahren aus unserem Nachbarland Österreich an guter Genre-Ware kam. „Blutgletscher„, „Das finstere Tal„, „Autumn Blood“ und aktuell „Ich seh, ich seh„. Und dass die Österreicher dann noch einen düsteren Horrorthriller zum diesjährigen Oscar-Kandidaten küren, wundert nur diejenigen, die das deutsche „Auf Nummer sicher“ gewohnt sind. Wobei hier nicht angedeutet werden soll, dass es sich hier um eine „Welle“ handelt. Aus Österreich kamen in den letzten Jahrzehnten immer wieder Filme, die ihren deutschen Pendant an Wagemut, an brutaler Ehrlichkeit und menschlichen Abgründen weit überlegen waren. Und Filmemacher, die ihren eigenen, nicht immer geraden, aber gnadenlos konsequenten Weg gehen. Natürlich Michael Haneke, dessen frühen österreichischen Filme wie „Der siebente Kontinent“ wie gezielten Schläge in die Magengrube wirkten. Der großartige Michael Glawogger, der zwischen Dokumentation und Spielfilm mühelos hin- und her wechselt und dabei ein in sich geschlossenes Werk schuf. Eddy Saller und Peter Patzak müssen ebenso genannt werden, wie Franz Novotny und Wolfgang Murnberger. Und selbstverständlich auch Ulrich Seidl, der bei „Ich seh, ich seh“ als Produzent fungiert. Was kein Wunder ist, da Regisseurin Veronika Franz mit ihm verheiratet ist und bei zahlreichen seiner Filme in unterschiedlichen Funktionen tätig war. Was man dem Film durchaus ansieht, da er ähnlich streng komponiert ist wie Seidls Werke, ebenfalls auf Laien zurückgreift und eine merkwürdig, steril-beunruhigende Atmosphäre aufbaut.

Zusammen mit ihrem Co-Regisseur Severin Fiala hat Veronika Franz einen Film geschaffen, der auf unterschiedliche Arten lesbar ist. Die Überforderung der Eltern durch die Kinder, die ihnen den Raum und die Luft zum Leben nehmen. Die Gleichgültigkeit der Eltern gegenüber den emotionalen Bedürfnissen der Kinder. Die unheilvolle Mischung aus beiden, wenn zwei Welten aufeinander prallen, die sich nicht verstehen, aber aufeinander angewiesen sind. Allein durch diese Szenarien wird bereits der blanke Horror erzeugt. Franz und Fiala sind allerdings so klug, sich nicht auf eine Lesart festzulegen, ihre Zuschauer belehren zu wollen, oder eine bestimmt Bedeutung in ihren Film hinein zu prügeln. Im Gegenteil, kommentieren sie nichts und verzichten auch darauf, den Zuschauer durch billige „Kaninchen aus dem Hut“-Tricks zu unterfordern. Die „Pointe“ ist bereits in den ersten Bildern evident. Und wird in der Folge auch gar nicht kaschiert, um am Ende zu zeigen, wie clever man doch sein Drehbuch gestrickt hat. Die Überraschung ist keine und das Wissen um das „Geheimnis“ der Zwillinge macht die Geschichte nur noch verstörender – und auch spannender. Die Hoffnung auf einen guten Ausgang der Geschichte schwindet durch dieses Wissen von den ersten Minuten an immer mehr.

Denn neben den intelligenten Deutungsmöglichkeiten sollte man nicht vergessen, dass Fiala und Franz auch einen guten und spannenden Genrefilm gedreht haben, der auch oberflächlich und ohne den allegorischen Unterbau hervorragend funktioniert. Dazu tragen auch die hervorragenden Hauptdarsteller bei, die den Film als Drei-Personen-Stück tragen. Neben den (realen) Zwillingen Lukas und Elias Schwarz, die hier erstmals vor der Kamera stehen, ist dies natürlich die großartige Susanne Wuest, die nicht nur eine physisch herausfordernde Rolle hat, sondern sich auch die erste Hälfte des Filmes hinter Bandagen verstecken muss und nur mit den Augen und den Körper agieren kann. Wenn die Bandagen fallen, ist es ihr ausdrucksstarkes, schönes und doch auch irgendwo seltsamen Gesicht, welches den Verdacht, die Frau im Haus könnte nicht die geliebte Mutter sein, durchaus anfeuert. Aber wie erwähnt, ist „Ich seh, ich seh“ kein Film, der von einem clever konstruierten Geheimnissen lebt. Diese werden dann auch eher nebenbei aufgelöst und man meint die Macher im Hintergrund: „Aber das war doch eh klar, oder?“ flüstern zu hören. Zu diesem Zeitpunkt interessieren diese Enthüllungen auch gar nicht mehr, weil man schon zu tief in den Strudel aus Trauer, Wut und die Unfähigkeit beides aufzulösen hingezogen wurde. Fiala und Franz ergreifen auch keine Partei und auch der Zuschauer wird hin und her gerissen, da beide Seiten gute und nachvollziehbare Gründe so zu handeln, wie sie es tun. Und das macht einen ebenso hilflos wie traurig. Fiala und Franz ersparen ihren Zuschauer nichts. Die Gewaltdarstellungen sind extrem unangenehm und geht Richtung „Audition„. Obwohl ich in einer Szene gar nicht richtig erkennen konnte, was genau vor sich geht, reichten doch die Andeutungen aus, das Kopfkino soweit anzuheizen, dass ich wegschauen musste. Man darf gespannt sein, welche Chancen „Ich seh, ich seh“ bei den Oscars 2016 hat. Wir schicken mit „Im Labyrinth des Schweigens“ mal wieder eine Geschichts-Aufbereitung und was mit Nazis. Wie gehabt. Felix Austria.

Der österreichischer Horror-Thriller von Severin Fiala und Veronika Franz bietet mehrere Lesarten an, ohne den Zuschauer im Nacken zu packen und auf das Offensichtliche zu stoßen. Der „große Plottwist“ ist dann auch keiner, sondern es ist von Anfang an klar, was los ist. Das macht aber gar nichts, weil es die Geschichte noch verstörender macht, als wenn die „Pointe“ wie ein Kaninchen aus dem Hut gezaubert würde. Der Gewaltlevel ist extrem unangenehm und geht Richtung „Audition“. Ein packender Film und zu recht Österreichs Oscar-Kandidat.

Das Bild der Blu-ray (der Film wurde in „glorious 35mm“ gefilmt) ist sehr gut. Gestochen scharf ohne dabei digital und leblos zu wirken. Die durchkomponierten Bilder des grandiosen Kameramann Martin Gschlacht erhalten so den würdigen Rahmen. Die Tonspur ist klar und sehr frontlastig. Auf Toneffekte wird fast gänzlich verzichtet. Erfreulicherweise werden deutsche Untertitel mitgeliefert, denn manchmal ist das österreichisch für norddeutsche Ohren schwer zu verstehen. Die Extras sind eher Durchschnitt. die knapp acht Minuten „Deleted Scences“ bringen keinen wesentlichen Erkenntnisgewinn. Das Making Of ist ein B-Roll, welches das Team vor allem bei der Ausführung der Effekte zeigt. Das Casting-Tape der Zwillinge ist nett anzusehen, aber nicht mehr. Dafür ist das knapp 13-minütige Interview mit den beiden sympathischen Filmemachern Severin Fiala und Veronika Franz sehr interessant. Und wenn Veronika Franz dann auf die Frage nach ihren Vorbildern zuerst Dario Argento nennt, dann von Nicolas Roeg schwärmt und am Ende noch Jess Franco erwähnt – dann möchte man sie gleich in den Arm nehmen.

„35 Millimeter“-Magazin: Ausgabe 12 erhältlich

Von , 28. Dezember 2015 15:35

35-MILLIMETER-Magazin-Cover-Ausgabe-12Hinweis in eigener Sache. Für die aktuelle Ausgabe des „35 Millimeter“-Magazins, welches sich diesmal schwerpunktmäßig mit dem Genre „Horror“ beschäftigt, habe ich wieder einen Artikel beigesteuert.  Diesmal habe ich mich intensiv mit dem „Godfather of Gore“, Herschell Gordon Lewis, auseinandergesetzt. Aber natürlich gibt es noch mehr lesenswerte Artikel im neuen Heft. Hier ein Auszug aus dem Inhaltsverzeichnis:

DIE GOLDENEN JAHRE – Eine Reise durch den Universal-Horror der 30er-Jahre

DER BLANKE HORROR IN BILD UND TON – Die kurze Blüte der Pre-Code-Schocker

VAL LEWTON – Der große Produzent mit der kleinen Filmografie

NOW YOU SEE ME? – Vom imaginativen Horror und voyeuristischer Angstlust

AUGEN OHNE GESICHT – Horror Made in France

PSYCHO & DIE VÖGEL – Ein Meister widmet sich dem Horror

MARIO BAVA – Bilder in allen Farben der Dunkelheit

DER KLASSISCHE HORRORFILM – Ein interview mit Prof. Dr. Marcus Stiglegger

AMICUS – DIE FRÜHEN JAHRE – Die Todeskarten des Dr. Schreck

HERSCHELL GORDON LEWIS – Der „Godfather of Gore“ und der Beginn eines neuen Zeitalters

DEUTSCHE SYNCHRONSPRECHER – Gisela Trowe

DIE RETTUNG DES FILMERBES UND DiE FACHWiSSENSCHAFTEN – Nachbericht zur Fachtagung

Kolumne: Lichtblicke mit braunem Ton – zwischen Kunst und Ideologie – Teil 6 – ROMANZE iN MOLL

DAS WERK EINES MEISTERS IST ZU ENTDECKEN – Mikio Naruse – Teil 2

DIE 57. NORDISCHEN FILMTAGE IN LÜBECK – Eine Reise in den hohen Norden – Nachbericht

Rubrik: Regie-Legenden – JULES DASSIN – TEiL 3: Stadt ohne Maske

 

Heft #12 kann man HIER für € 4,00 zzgl. Versand beziehen.

DVD-Rezension: „Die Todeshand des schwarzen Panthers“

Von , 22. Dezember 2015 20:37

todeshandpantherYuen Hsiao Liang (Kuan Tai Chen) reist nach Shanghai, um dort seinen Patenonkel, den Gangsterkönig Fan Chi Yu, zu besuchen. Gleich nach seiner Ankunft wird Yuen Hsiao Liang Zeuge eines brutalen Mordes. Ein Mann wird vor seinen Augen mit einer Axt umgebracht. Wie es sich herausstellt, war das Opfer Fan Chi Yu und Yuen Hsiao Liang gilt plötzlich als Hauptverdächtiger. Nur knapp kann sich Yuen Hsiao Liang von den Vorwürfen befreien und kündigt an, sich auf die Suche nach dem Mörder seines Onkels zu machen. Doch immer, wenn Yuen Hsiao Liang bei seinen Ermittlungen einen Schritt weiter kommt, fällt ein weiterer Verdächtiger dem geheimnisvollen Axtmörder zum Opfer…

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Taiwan war lange Zeit für die großen und kleinen Hongkong-Studios der Ort, wo sie preisgünstige Produktionen auf die Beine stellen konnten. Zudem hatte man in Taiwan den Vorteil, im Gegensatz zum doch räumlich arg begrenzten und zugebauten Hongkong, die weiten Landschaften für eindrucksvolle Außenaufnahmen verwenden zu können. Wang Yu drehte hier, Jackie Chan wurde hier von Lo Wei immer wieder in Filmen eingesetzt, die ihn als Bruce-Lee-Nachfolger aufbauen sollten und viele der heute fast vergessenen Billig-Klopper für die unersättliche Bahnhofskino- und spätere Videothekenwaren wurde hier hergestellt. Vor allem unbekanntere Regisseure konnten sich hier ihre ersten Sporen verdienen. Unbekannt war Hsueh Li Pao nicht gerade, da er zuvor dem großen Chang Che bei Filmen wie „Die sieben Schläge des gelben Drachen“, „Der Pirat von Shantung“ oder dessen ebenfalls kürzlich erschienenen Quasi-Fortsetzung „Die Mann mit der Tigerpranke“ als Co-Regisseur zur Verfügung stand. Daher kannte er auch Shaw-Brothers-Superstar Kuan Tai Chen, mit dem er auch für die Shaw Brothers einige Filme in Eigenregie gedreht hatte, bevor sie 1977 nach Taiwan gingen, um für eine kleine Produktionsgesellschaft „Die Todeshand des schwarzen Panthers“ zu drehen.

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„Die Todeshand des schwarzen Panthers“ wurde von Shu Mei Chin geschrieben, einer der wenigen Drehbuchautorinnen, die sich Genrekino aus Hongkong der 70ern durchsetzen konnte. Shu Mei Chin war auch für einige Shaw-Brothers-Produktionen verantwortlich und arbeitete häufig mit Hsueh Li Pao zusammen, mit dem sie einigen Quellen nach auch verheiratet war. In „Die Todeshand des schwarzen Panthers“ strickt er aus vielen verschiedene Fäden einen bunten Pulli, doch von Zeit zu Zeit scheint er die eine oder andere Masche zu verlieren. Die im Grunde recht simple Detektiv-Geschichte wird durch eine Vielzahl von Charakteren und Drehbuchwendungen unnötig verkompliziert. Da die Namen der unzähligen Haupt- und Nebenfiguren für die ungeübten westlichen Ohren alle sehr ähnlich klingen, fällt es sehr schwer, bei den vielen Dialogen den Überblick zu behalten. Dabei ist die Prämisse eines geheimnisvollen Fremden, der Stück für Stück einen Mordfall lösen will und dabei in ein Wespennest aus Intrigen stößt, sehr reizvoll. Zunächst erinnert der von Kuan Tai Chen gespielte Held Yuen Hsiao Ling mit seinem schwarzen Mantel und breitkrempigen Hut an die klassische Figur des Privatdetektivs, doch dieser nette Ansatz wird recht schnell aufgegeben.

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Da das Drehbuch mit seinen vielen Handlungsfäden und den unter einer hohen Mortalitätsrate leidenden Figuren es dem Zuschauer nicht einfach macht, der sich immer wieder windenden Handlung zu folgen, kann sich dieser auch zurücklehnen, die Geschichte Geschichte sein lassen und sich ganz auf die actionreiche Inszenierung und bunten Kulissen konzentrieren. Die von Mu Chuan Chen choreographierten Kämpfen sind sehr brutal und blutig in Szene gesetzt. Wobei gerade die favorisierte Waffe des geheimnisvollen Mörders, eine Axt, dafür sorgt, dass das Blut reichlich fließt. Überraschend ist gerade am Ende die gnadenlose Härte, mit der gegen unschuldige Frauen vorgegangen wird. Vielleicht landete der Film aus diesem Grunde 1984 auf dem Index. Generell verstört die mitleidlose Art und Weise, wie der Film mit seinen Figuren umspringt. Da wird selbst eine als lustige Sympathieträger aufgebaute Figuren skrupellos über die Klinge springen gelassen oder eine positiv gezeichnete Figur stellt seine Prinzipien störrisch über das leibliche Wohl seiner Tochter und sieht scheinbar ungerührt ihrer Verstümmlung zu. Harter Tobak, den man so anfangs nicht erwartet hätte.

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Am Besten fährt man mit „Die Todeshand des schwarzen Panthers“, indem man gar nicht erst versucht, der sich in unzähligen Wendungen verirrenden und mit seiner Überzahl an Figuren schwer durchschaubaren Geschichte zu folgen, sondern sich ganz auf die Schauwerte konzentriert. Diese sind sehr solide, überraschend brutal und mitleidslos in Szene gesetzt.

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FilmArt veröffentlicht den bereits bei einigen Billiglabels herausgekommenen Film ungeschnitten und im originalen Breitwand-Format veröffentlicht. Leider stand dafür keine wirklich gut erhaltenen Kopie zu Verfügung. Das verwendete Bildmaterial erweckt wirklich starke Assoziationen mit dem Bahnhofskinoprogramm für das er einst gedacht war. Die Kopie wimmelt nur so vor Laufstreifen und Verschmutzungen. Besonders den rechten Bildabschnitt scheint es ziemlich schlimm erwischt zu haben. Aus dem vorhandenen Ausgangsmaterial wurde dann das Beste gemacht, für Freunde glasklarer Restaurierungen ist die vorliegende DVD aber sicherlich nicht akzeptabel, für Grindhouse-Nostalgiker aber wohl ein Traum. Wer sich zwischen diesen beiden Polen befindet, muss sich selber eine Meinung bilden. Auch die deutsche Tonspur passt sich dem Bild an, ist aber trotzdem gut verständlich. Im Gegensatz zur ebenfalls beigefügten englischen Variante. Als Extras gibt es den deutschen Trailer, den US-Trailer und dem zuvor nicht erhältlichen deutsche Kinotrailer „Jen Ko – In seinen Fäusten brennt die Rache“. Im 12-seitiges Booklet fehlt der Name des Verfassers, die dort verbreiteten Informationen sind durchaus interessant, auch wenn der zwischen gewollt seriös und kumpelhaft pendelnde Stil nicht so meins ist.

Blu-ray-Rezension: „Die Mörderklinik“

Von , 18. Dezember 2015 11:39

moerderklinikDie junge Krankenschwester Mary (Barbara Wilson) hat eine Stelle in der Nervenheilanstalt des Dr. Robert Vance (William Berger) angenommen. Bald schon stellt sie fest, dass einige Patientinnen auf geheimnisvolle Weise verschwinden. Sie ahnt allerdings nicht, das sich ein vermummter Killer im alten Gemäuer herumtreibt, der seine Opfer mit einem Rasiermesser tötet. Wer könnte der Mörder sein und was hat die unheimlich Gestalt damit zu tun, die auf dem Dachboden der Klinik haust?

Anmerkung: Alle Screenshots stammen von der DVD, nicht der Blu-ray.

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1966 steckte das Genre des Giallo noch in seinen Kinderschuhen. Wobei dies allerdings nur für die Definition von Giallo stimmt, die später jene Filme charakterisierten, welche im Gefolge des großen Erfolges von Dario Argentos Regiedebüt „Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe“ auf den Markt kamen. Eigentlich bezeichnet der Begriff „Giallo“ ganz normal einen Krimi. Einer, dessen Werke in Italien früh in den charakteristischen Büchern mit den gelben („giallo“) Umschlägen erschien, war beispielsweise Edgar Wallace. Und die deutschen Verfilmungen seiner Bücher werden ja auch oftmals als eine Wurzel des Giallo-Genres genannt. Elio Scardamaglias „Die Mörderklinik“ fühlt sich wie eine wilde Mixtur aus eben jenen „Gruselkrimis“ ala Wallace (das Setting in einer Irrenanstalt, der vermummte Mörder, die unschuldige Heldin, das Zehn-kleine-Negerlei-Prinzip) und einer britischen Hammer-Produktion (das Kostümdrama aus dem 19. Jahrhundert, der Wald, die Kutsche, das Monster auf dem Dachboden und ebenfalls der Irrenhaus-Schauplatz) an. Entfernt man aber die „Gothic horror“-Elemente, bleibt tatsächlich ein ziemlich lupenreiner Giallo nach moderner Definition übrig.

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Regisseur Elio Scardamaglia firmiert hier unter dem englischen Namen Michael Hamilton. Zwei der Darstellerinnen haben ebenfalls englische Namen, sollen aber laut IMDb lediglich in diesem einen Film mitgespielt haben. Dies deutet stark darauf hin, dass es sich bei „Mary Young“ und „Barbara Wilson“ um englische Pseudonyme zweier italienischer oder französischer Schauspielerinnen handelt. Leider konnte ich nicht herausfinden, wer sich dahinter verbirgt, da sowohl im Internet als auch in einschlägiger Literatur nur die beiden englischen Namen auftauchen. Für Scardamaglia war dies aber tatsächlich der einzige Film, bei dem er Regie führte. Und es war überraschenderweise auch der einzige Giallo, bei dem er involviert war. Von Hause aus war Elio Scardamaglia als Produzent von Sandalenfilmen und Italowestern, in späteren Jahren auch einiger Bud-Spencer-Solo-Filme aktiv. Für seinen einzigen Versuch auf dem Regiestuhl schlägt sich Scardamaglia aber sehr wacker. In einigen Szenen – wie beispielsweise jene, in der Gisèle de Brantome Dr. Vance in einer Höhle bei der Beseitigung eines Leichnams beobachtet, gelingt es ihm sogar, an die Filme des großen Mario Bava zu erinnern. Ansonsten ist bei seiner Inszenierung eine merkwürdige Tendenz zu beobachten, dass sich Figuren nur sehr selten direkt ansprechen, sondern sich beim Dialog voneinander ab- und der Kamera zu wenden, als ob sie auf einer Theaterbühne ins Publikum sprechen würden. Vielleicht wollte Scardamaglia damit einen dramatischen Effekt erzeugen, sorgt mit dieser Marotte aber eher für Irritationen.

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Im Gegensatz zu Elio Scardamaglia sollten die beiden Drehbuchautoren noch eine zentrale Rolle für die Entwicklung des Giallo – so wie wir ihn heute kennen – spielen. Angeblich adaptierten sie für ihr Drehbuch den Roman „The Knife in the Body“ eines gewissen Robert Williams. Da sich allerdings nirgendwo Spuren dieses Schriftstellers, geschweige denn des Buches, finden lassen, kann man dies sicherlich in das Reich der Fabeln verweisen. Wahrscheinlich ist die Geschichte für „Die Mörderklinik“ also ganz alleine Ernesto Gastaldi und Luciano Martino eingefallen. Gastaldi ist dann auch derjenige, der das Giallo-Genre in den 70er fast im Alleingang zur Blüte brachte. Nachdem er bei vielen wichtigen Italo-Western das Drehbuch beisteuerte, schrieb er für den dann als Produzenten tätigen Luciano Martino und dessen Bruder Sergio einige der schönsten Gialli überhaupt, wie beispielsweise „Der Killer von Wien“ oder „Die Farben der Nacht“. Danach wandte er sich dem Polizieschi zu, wo er ebenfalls zahlreiche Meisterwerke, hauptsächlich für Umberto Lenzi, schrieb. In den 80ern war er dann an einigen italienischen Endzeitfilm beteiligt, bevor er sich 1998 aus dem Filmgeschäft zurückzog. Sieht man sich Gastaldis spätere Giallo-Arbeiten an, so kann man in „Die Mörderklinik“ schon einige wiederkehrende Muster erkennen. So steht bei ihm in den meisten Fällen eine „unschuldige“ Frau im Mittelpunkt, die zum Spielball finsterer Intrigen wird und sich in den undurchschaubaren und höchst verdächtigen Hauptdarsteller verliebt. Eine „klassische“ Detektivgeschichte, in der jemand versuchen muss den Fall zu lösen, wie sie bei Argento im Zentrum steht, gibt es bei ihm nur selten.

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Der undurchschaubare und höchst verdächtige Hauptdarsteller ist in diesem Falle William Berger. Der Österreicher Berger war über den Umweg US-Fernsehen im Jahre 1965 nach Italien gekommen und „Die Mörderklinik“ gehörte zu seinen ersten großen Rollen dort. Danach sollte er zunächst einmal hauptsächlich im Italo-Western tätig sein. Berger ist die perfekte Wahl für den verzweifelten, viktorianischen Arzt mit dunklem Geheimnis. Er spielt die Rolle zwar etwas steif und gleichzeitig distinguiert kühl, doch man spürt seine unterdrückte Leidenschaft. Auch die Französin Françoise Prévost macht als böse und berechnende Gisèle de Brantome eine guten Eindruck. Daneben fallen die restlichen Darsteller ab. Gerade „Barbara Wilson“ Heldin Mary bleibt höchst blass und auch „Mary Young“ als immer in Schwarz gekleidete Ehefrau des Arztes kann kein wirkliches Charisma entwickeln. Erschwerend kommt hinzu, dass der Film recht vorhersehbar ist und man den Täter von Anfang an erahnen kann. Nichtsdestotrotz verströmt der Film eine gemütliche Gediegenheit und altmodischen Flair, der ihn zu einem sympathischen Vertreter der typischen 60er Jahre Horrorfilme bzw. Gruselkrimis macht.

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Mit seinem einzigen Film als Regisseur hat der erfolgreiche Produzent Elio Scardamaglia vieles richtig gemacht und mit seinen beiden Drehbuchautoren einen gediegenen Gruselkrimi erschaffen, der schon einige Muster der höchst erfolgreichen Gialli beinhaltet, die Ernesto Gastaldi und Luciano Martino später zusammen mit Sergio Martino schaffen sollten.

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Mit „Die Mörderklinik“ liegt nun schon die Nummer 7 der filmArt-Giallo-Reihe vor. Grundlage scheint eine 35mm-Kopie aus dem Fundus des Nürnberger KommKinos zu sein. Diese war in einem eher schlechten Zustand, wie man an der unrestaurierten Fassung sehen kann, die dem Film als Bonus beigefügt wurde. Sieht man das Resultat nach der Restaurierung kann man nur staunen, was alles aus dem Bild rausgeholt wurde. Da ist es nur ärgerlich, dass ein paar schwarze Lauffäden nicht entfernt wurden, die eigentlich nicht auffallen würden, würden sie sich nicht so häufig bei Großaufnahmen über die hellen Gesichter der Figuren legen. Einige Filmrisse gibt es leider auch. Dafür wurden diese Szenen, ebenso wie Szenen in dem der Nachtfilter nicht genutzt wurde, in nicht „sprunghafter“ Form aus einer anderen (schlechteren) Quelle im Bonusbereich beigefügt. So liegt der Film nun erstmals in Deutschland ungeschnitten und im korrekten 2,35:1 Breitwandformat vor. Dem Ton merkt man sein Alter an, doch dies ist nicht störend. Desweiteren gibt es noch den Trailer zum Film, sowie ein schönes Booklet mit dem kompletten Kinoaushang und anderen schönen Werbematerial vor.

Blu-ray-Rezension: „Die Teuflischen von Mykonos“

Von , 13. Dezember 2015 16:59

die_teuflischen_von_mykonos_mb_aDas britische Pärchen Christopher (Robert Behling) und Cecile (Jane Lyle) kommen auf die griechische Insel Mykonos. Angeblich, um hier Ferien zu machen, tatsächlich aber, weil sie in London von der Polizei gesucht werden. Auf Mykonos ist Christopher von den „einfachen und guten“ Menschen der Insel fasziniert und will diese darum radikal von den „perversen Sündern“ säubern. Was das schwer gestörte Pärchen gleich in die Tat umsetzt…

Anmerkung: Alle Screenshots stammen von der DVD, nicht der Blu-ray.

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Es gibt einen Film der beiden Sleaze-Meister Joe D’Amato und Bruno Mattei, der sich „Alle Perversionen dieser Welt“ nennt. Dies wäre auch ein höchst treffender Titel für „Die Teuflischen von Mykonos“. Als ich diesen griechischen Film vor ungefähr 17 Jahren das erste Mal sah, verfasste ich umgehend eine erste Besprechung, in der ich meiner großen Verstörung Ausdruck verlieh. Diese Besprechung ist mittlerweile aus dem Netz verschwunden, was mich ziemlich erleichtert hat. Ursprünglich sollte diese uralte Besprechung nämlich das Rückgrat der hier nun vorliegenden neuen Rezension sein. Doch als ich sie in den Tiefen meines PCs wiederfand, war ich doch recht beschämt, da ich feststellen musste, dass diese alten Texte sprachlich ungeheuer unausgereift waren. Vor allem fiel mir auf, dass ich damals mehrmals das Unwort „krass“ benutzte. Wobei „krass“ den Inhalt von Nico Mastorakis‘ Film im Grunde recht gut beschreibt.

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Nico Mastorakis gibt an, zu „Die Teuflischen von Mykonos“ durch eine Kinovorstellung des damals gerade frisch angelaufenen „Texas Chain Saw Massacre“ inspiriert worden zu sein. Nun hat „Die Teuflischen von Mykonos“ recht wenig mit Tobe Hoopers Klassiker zu tun, doch es ging Nico Mastorakis auch gar nicht so sehr darum, eine Kopie des Terrorstreifens zu produzieren, sondern vielmehr einen Film, der die in „Texas Chain Saw Massacre“ gezeigten Brutalitäten und Schockmomente noch übertrifft. Aus diesem Grunde dachte er sich eine Story aus, in die er alles packte, was nur irgendwie kontrovers war und Tabus brach. Homosexualität zwischen Männern oder Frauen, Inzest, Drogenkonsum, Voyeurismus, Sodomie, Vergewaltigung (sowohl einer Frau als auch eines Mannes), Blasphemie, Pinkeleinlagen und Sex mit reiferen Frauen. Und natürlich Morde, Morde, Morde. Männer, Frauen und Tiere müssen in mehr oder weniger expliziten Szenen dran glauben. Es verwundert (und erleichtert), dass Nico Mastorakis zumindest Kinder außen vor lässt.

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Nico Mastorakis macht keine Gefangenen und arbeitet mit einer Technik der ständigen Eskalation. Interessanterweise stumpft man durch das Gezeigte nicht irgendwann ab, sondern wird immer wieder aufs Neue von den Aktionen des mörderischen Pärchens überrascht und abgestoßen. Nico Mastorakis inszeniert dies alles auf den größtmöglichen Effekt hin und erschafft eine Welt, in der es keine Hoffnung auf ein normales Leben mehr gibt. Der Knalleffekt mit dem er seinen Film beschließt ist da ebenso konsequent, wie logisch. In einer zynischen Form ist das Ende von „Die Teuflischen von Mykonos“ ein ebenso vergiftetes Happy End, wie beispielsweise das Finale des koreanischen „OldBoy“. Interessant ist es, wie Nico Mastorakis die Opfer des Pärchens Christopher und Celia in Szene setzt. Jeder von ihnen geht einem Laster nach. Sündigt also, wenn man eine erzkonservative Bibelauslegung zugrunde legt. Dafür werden sie von Christopher, der sich als eine Art „Zorn Gottes“ versteht, bestraft. Der Trick, den Nico Mastorakis anwendet, besteht darin, dass sich die „Sünden“ der Opfer im Vergleich zu den Taten des „Bestrafers“ nur als völlig harmlos herauszustellen, ja in einer aufgeklärten Gesellschaft auch nicht als „Sünden“ aufgefasst werden sollten. Christophers erzkonservative, bibelgestärkte Rechtfertigung seines Mordtriebes bei gleichzeitig maximalen Verstoß gegen alle christlichen Gebote macht eine Identifikation mit ihm (hoffentlich) unmöglich, ist aber auch gleichzeitig ein parodistisch überzogener Kommentar auf die abgrundtiefe Heuchelei jener, die immer mal wieder gerne mit dem Finger auf „die da“ zeigen.

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Christophers Geisteskrankheit wird ganz offen zur Schau gestellt. Bei Cecila geht Mastorakis etwas subtiler vor. Sie unterstützt Christopher bei seinem Blutrausch, doch ihr Motiv ist dem Christophers entgegengesetzt. Christopher tötet aus Frustration über sein eigenes sexuelles Unvermögen. Seinen größten Kick erhält er, wenn er Cecila oder jemand anderes beim Sex beobachten kann. Seine durch Voyeurismus kompensierte Impotenz wird durch das Motiv der Kamera, welche er als eine Verlängerung des eigenen Blickes benutzt, symbolisiert. Er selbst kommt entweder gar nicht erst zum Zuge oder wird abgewiesen, was seine Raserei noch mehr entfacht und ihm erst im ultimativen Tabubruch (Inzest, Sodomie, Mord) soweit stimuliert, dass er den Akt vollziehen kann. Er ist der sadistische Teil des Pärchens. Cecila hingegen wird mehrschichtiger gezeichnet. Generell wird sie durch Unterwerfung sexuell stimuliert. Dies kann entweder ihre eigene oder die eines der Opfer sein. Somit gibt es für sie am Ende ein Happy End, wenn der „impotente“ Christopher entsorgt wird und sie jemanden trifft, der einerseits mit seiner Primitivität und Gewalttätigkeit ihre submissiven Bedürfnisse befriedigt, sich gleichzeitig aber auch von ihr manipulieren lässt. So genießt sie es deutlich, sich gegenüber des leicht schwachsinnig wirkenden Schäfers zunächst in die Rolle des Opfers zu begeben, um den einfachen Mann dann dahingehend zu manipulieren, dass er ihre Rollenspiel mitmacht. Daher könnte man „Die Teuflischen von Mykonos“ fast schon als schmierige Ergänzung zu Peter Stricklands aktuellen Film „The Duke of Burgundy“ ansehen.

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„Die Teuflischen von Mykonos“ ist einer jener völlig unfassbaren Filme, die scheinbar nur in den 70er Jahren entstehen konnten. Ein Film, der nach feuchtem Keller riecht und nach dessen Sichtung man am liebsten eine lange und gründliche Dusche nehmen möchte. Ob man dies nun als Empfehlung oder Warnung (oder beides) verstehen möchte, muss jedem selber überlassen bleiben.

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Die Aufbereitung die OFDb filmworks diesem Film hat zukommen lassen ist sowohl vorbildlich als auch definitiv. Das Mediabook ist vollgepackt mit Extras, die keine weiteren Wünsche mehr offen lassen. So finden sich auf der Blu-ray und der DVD jeweils folgende Features: Ein Vorwort von Nico Mastorakis (1:15 min.), ein Audiokommentar von Marcus Stiglegger und Kai Naumann, das Essay „Return to ‚Island of Death’“ (16:55 min.) in dem Mastorakis nach Mykonos zurückkehrt, die Originalschauplätze zeigt und zu allen ein paar Anekdoten bereit hat, das Feature „Exploring ‚Island of Death’“ (38:24 min.) in dem Exploitation-Filmexperte Stephen Thrower (der Standardwerke über Fulci, Franco und den US-Indie-Horrorfilm schrieb) über den Film referiert. Es gibt den deutschen und englischen Trailer und zwei alternative Vorspänne. Unter „Island Sounds“ findet man fünf Musikstücke aus dem Score mit einer Laufzeit von insgesamt rund 24 Minuten. Weiter geht es auf der Bonus-DVD mit der unglaubliche 152 Minuten laufenden Doku „Die Filme von Nico Mastorakis“, einem Interview mit Nico Mastorakis (22:04 min.) und einem mehr als halbstündigen Mastorakis Trailer Reel. Laut Cover wurde eine „brandneue 2K-Restaurierung, erstellt in Zusammenarbeit mit Regisseur Nico Mastorakis“ verwendet und der Film sieht wirklich fantastisch aus. Fast schon zu gut, denn „Die Teuflischen von Mykonos“ ist einer jeder Filme, die man sich eigentlich nur als verschlissene und nach Essig riechende 35mm-Kopie vorstellen kann, die irgendwann mal hinter das Real gefallen ist und beim Aufräumen zufällig wiedergefunden wurde. Das Bild der OFDb filmworks-Fassung ist aber ,wie gesagt, brillant und mit kräftigen Farben. Nur im letzten Akt gab es scheinbar kein adäquates Filmmaterial mehr. Dort pulsiert das Bild manchmal leicht und scheint an der rechten Ecke etwas entfärbt. Das Bildformat ist ein korrektes 1:1,33. Der Ton liegt auf Deutsch und Englisch in 2.0 Mono vor. Ein fest im Mediabook eingeklebtes Booklet gibt es auch. Dieses enthält einen interessanten Artikel von Thorsten Hanisch, der sich gar nicht so sehr um „Die Teuflischen von Mykonos“ dreht, sondern den Schwerpunkt auf das weniger bekannte griechische Exploitationkino der 70er Jahre legt. Abgerundet wird dies durch eine „Jagdliste“ von Vrasidas Karalis, der neun griechsiche Sexploitation-filme vorstellt, die man seiner Meinung nach gesehen haben sollte.

Blu-ray Rezension: „Die Zärtlichkeit der Wölfe“

Von , 11. Dezember 2015 18:02

zaertlickeitKurz nach dem zweiten Weltkrieg kommt es in Gelsenkirchen immer wieder zu geheimnisvollen Morden an jungen Männern. Täter ist der Kleinkriminelle Fritz Haarmann (Kurt Raab), der junge Stricher in seine Wohnung holt, diese dort ermordet und ihre sterblichen Überreste als Fleisch an die umliegenden Wirtschaften verkauft. Die Polizei kommt dem Mörder allerdings nicht auf die Spur, sondern heuert Haarmann im Gegenteil sogar als Polizeispitzel an. Dies bringt diesen auf die Idee, sich als Polizist auszugeben und am Bahnhof weitere junge Männer in seine Wohnung zu locken. Gleichzeitig leidet er darunter, dass sein Geliebter Hans (Jeff Roden) seit Neustem mit dem Zuhälter Wittowski (Rainer Werner Fassbinder) um die Häuser zieht…

1973 erhielt Ulli Lommel nach „Haytabo„, den er zusammen mit Peter Moland inszenierte,  erstmals die Gelegenheit bei einem Film allein Regie zu führen. Der Schauspieler, der zuvor in neun Fassbinder-Filmen zu Weltruhm gelangt war, sollte diese Erfahrung so gut gefallen, dass er die Schauspielerei kurz danach aufgab und sich ganz auf die Regie konzentrierte. Der Erfolg seines Erstlings „Die Zärtlichkeit der Wölfe“ in den Arthaus-Kinos der USA, brachte ihn mit Andy Warhol zusammen, der daraufhin in Lommels Filmen „Blank Generation“ und „Cocaine Cowboys“ auftrat. Der finanzielle Erfolg des kleinen Horrorfilms „The Boogeyman“ ließ Lommel dann endgültig in die USA übersiedeln. Seitdem ist sein filmisches Werk kontinuierlich von schlechten Kritiken begleitet, und die meisten seiner Direct-to-video Werke, die sich vornehmlich wie „Die Zärtlichkeit der Wölfe“ um Serienkiller drehen, haben es dann auch gar nicht mehr in sein Heimatland geschafft. Zweifelhaften Ruhm erlangte er 2004 noch einmal mit dem legendären „Daniel – der Zauberer“, der zeitweilig die IMDb von unten anführte.

Obwohl Lommel zurecht stolz auf „Die Zärtlichkeit der Wölfe“ ist und von seinem „Meisterwerk“ spricht, so gehört der Film doch vornehmlich seinem Hauptdarsteller Kurt Raab. Dieser hat nicht nur auch das Drehbuch beigesteuert hat, sondern war auch für das Set Design verantwortlich. So prägt Raabs Arbeit in mehr als einer Hinsicht den Film. Raab ist phantastisch als Haarmann. Ein zutiefst trauriger Mensch, der seinen Platz in der Welt nicht finden kann. Der seine Leidenschaften nicht unter Kontrolle hat und einsam bleibt, auch wenn er sich unter seinen Mitmenschen bewegt. Der von seinem geliebten Hans schamlos ausgenutzt und betrogen wird, obwohl er doch die dominante Rolle in der Beziehung spielen möchte. Der glatzköpfige, kleine Mann, der die melancholischen Augen eines Peter Lorre besitzt und doch gleichzeitig in den erschreckendsten Momenten des Filmes an Max Schreck in seiner Rolle des Nosferatu erinnert. Raab lässt seinen Haarmann zwischen der Opfer- und der Täterrolle pendeln. Gleichzeitig entwickelt der Zuschauer ein Gefühl des Mitleids für ihn, welches aber aufgrund seiner abscheulichen Taten nicht zu rechtfertigen ist. Am Ende bleiben zwei Gesichter Raabs im Gedächtnis. Jenes des freundlichen Herren mit den sehnsüchtigen Augen und der aufgerissene, blutverschmierte Mund des Mörders. Raab dominiert den Film so sehr, dass dabei die Auftritte von Rainer Werner Fassbinder oder Brigitte Mira in Vergessenheit geraten.

Die Verbindung zu Fassbinder ist ganz offensichtlich, auch wenn er selber – so Ulli Lommel – nur drei Tage am Set war und sich ansonsten um nichts weiter gekümmert hat. Lommel hat seinem Mentor genug abgeschaut, um den Film in dem für Fassbinder typischen, traumwandlerischen Groove zu halten. Unterstützt wird er dabei von Raab, der ebenfalls ein Fassbinder-Veteran ist und dessen Drehbuch die selbe leicht gestelzte Theater-Sprache der Fassbinder-Film nutzt. Zudem ist Fassbinders Stammcrew mit von der Partie: Neben Raab und der Mira sind dies Fassbinders Geliebter El Hedi ben Salem (der mit der Mira ein Jahr später die Hauptrolle in dem famosen „Angst essen Seele auf“ spielte), Irm Herrman, Margit Carstensen, Ingrid Caven, Rosel Zech und einige mehr. Neu ist der großartige Kameramann Jürgen Jürges, der hier erstmals im Fassbinder-Umfeld die Kamera führte, zuvor aber schon mit dem außergewöhnlichen „Fussball wie noch nie“ für Furore gesorgt hatte. Fassbinder war von Jürges beeindruckender Arbeit bei „Die Zärtlichkeit der Wölfe“ so begeistert, dass Jürgens anschließend dessen Filme „Angst essen Seele auf“ und „Fontane Effi Briest“ fotografieren durfte.

Die Kameraarbeit ist auch eines der herausragenden Merkmale von „Die Zärtlichkeit der Wölfe“. Sie hält den Film in einem Dämmerzustand, der an die expressionistische Künstlichkeit eines Film noir erinnert. Sie lässt den Film zudem in einem zeitlosen Raum spielen. Zwar hat Lommel die Handlung von den 20er Jahren – in denen der reale Haarmann sein Unwesen trieb – in die direkte Nachkriegszeit verlegt, doch der Film könnte zu jeder Zeit spielen. Allein der amerikanische Polizeichef und der französische Soldat verorten den Film eindeutig am Ende der 40er Jahre. „Die Zärtlichkeit der Wölfe“ profitiert auch ungemein von der Umgebung, in der der Film spielt. Die heruntergekommenen, verfallenden Häuser eine Gelsenkirchener Vororts und die karge Industrielandschaft spiegeln die Trostlosigkeit der Seelen wieder, die hier umhergehen. Und das von Raab persönlich ausgestattete, enge und staubig Dachkämmerlein in dem Haarmann haust, hinterlässt einen unangenehmen Eindruck, der einen noch lange verfolgt.

„Zärtlichkeit der Wölfe“ ist ganz Kurt Raabs Film. Er prägt dieses melancholische Portrait eines zwanghaften Serienmörders nicht nur durch seine Darstellung der Hauptfigur und das von ihm verfasste Drehbuch, sondern auch in der kongenialen Gestaltung der Drehorte. Mit seiner Hilfe und der großartigen Kameraarbeit des damals noch fast unbekannten Jürgen Jürges hat Ulli Lommel hier tatsächlich ein Regiedebüt geschaffen, welches er zu Recht als sein Meisterwerk bezeichnet.

Die bei CMV erschienene Blu-ray des Filmes kann nur mit den Worten „vorbildlich“ beschrieben werden. Das Bild erstrahlt in einem Glanze, welcher deutlich zeigt, was bei einer guten Restaurierung noch aus altem Filmmaterial herausgeholt werden kann. Auch der Ton ist recht gut und deutlich. Vorbildlich auch die zahlreichen Extras. Hier wurde scheinbar eng mit Ulli Lommel zusammengearbeitet. Dieser führt in einem fast 4-minütigen Intro in den Film ein, steuert den von Uwe Huber moderierten Audiokommentar bei und steht im Zentrum eines 22-minütigen Interviews, in dem er noch mal die wichtigsten Punkte des Audiokommentars in kürzerer Form wiedergibt. Ferner wird Rainer Will in einem 15-minütigen Interview über seine Rolle als eines der sehr jungen Opfer Haarmanns befragt. Damit sind die Extras fast identisch mit der englischen Blu-ray von Arrow. Allerdings fehlt hier das 25-minütige Interview mit Kameramann Jürgen Jürges und vor allem ein 41-minütiger Vortrag von Stephen Thrower über den Film. Schade. Dafür ist auf der CMV-Scheibe noch eine 16-minütigge Doku über den echten Fritz Haarmann, die allerdings den Charme eine YouTube-Tutorials besitzt.

Das Bloggen der Anderen (07-12-15)

Von , 7. Dezember 2015 21:33

bartonfink_type2In eigener Sache: Das ist hier die letzte Ausgabe von „Das Bloggen der Anderen“ für dieses Jahr. Ich bin momentan in eine Vielzahl anderer Projekte eingebunden, die alle mit einer Deadline versehen sind.  Zudem bin ich auch auf meiner „normalen Arbeit“ gerade am Schwimmen und zwischendurch möchte ich für meine Familie da sein. Daher kann ich zwar noch ein paar Reviews, Termine und News schreiben, aber möchte mir bis zum Ende des Jahres keine regelmäßige Rubrik ans Bein binden. Zudem machen ja auch mittlerweile eine paar andere Blogs einen ganz ähnlichen Job (siehe ganz unten), so dass ich mir ohne schlechtes Gewissen eine Auszeit gönnen kann. Mit „Das Bloggen der Anderen“ geht es dann erst im Januar weiter.

– Letzte Woche verstarb Synchronsprecher Nobert Gastell. Im Netz fand ich lediglich auf filmosophie einen Nachruf, der sich dann auch auf seine berühmteste Rolle, Homer Simpson, konzentriert. Dabei hat Norbert Gastell uns auch viele Exploitationfilme der 70er versüßt, wo er häufig den Handlanger des Bösewichts sprach.

– Der von mir sehr geschätzte Herr Woody Allen aus New York feierte hingegen seinen 80. Geburtstag (man mag es kaum glauben). Ihm zu Ehren gibt es auf film-rezensionen.de ein Special.  Außerdem bespricht Oliver Armknecht mit „Tag“ einen von gleich vier neuen Sion-Sono-Filmen.

– Auf critic.de führt Michael Kienzl ein Interview mit Apichatpong Weerasethakul. Johannes Bluth berichtet vom Heimspiel Filmfest 2015 in Regensburg und auch in diesem Jahr wird eine liebgewordene Tradition fortgeführt: Eine Textreihe widmet sich einem Kino, dass das Fest der Liebe mit Füßen tritt.

– Sarina Lacaf war für Negativ zwei Tage auf dem Dokfest in Kassel.

– Rajko Burchardt schreibt auf B-Roll kluge Worte über die Rolle der Filmkritik.

Hard Sensations macht auf den 15. Hofbauerkongress aufmerksam, welcher zwischen dem 7. und 11. Januar in Nürnberg stattfindet.

– Sven Safarow stellt auf Eskalierende Träume einen von 10 Deutschen Lieblingsfilmen vor: Fritz Langs Abschied „Die 1000 Augen des Dr. Mabuse“.

– Patrick Holzapfel schreibt auf Jugend ohne Film über die Liebe im Kino. Nicht die Liebe auf, sondern vor der Leinwand. Schön.

– Juli stellt im Rahmen einer Blogparade auf Pieces of Emotions Filme vor, die vor ihrer Geburt veröffentlicht wurden, und die sie für großartig hält. Mein Gott, jetzt fühle ich mich alt. Einige davon habe ich bei ihrer Premiere im Kino gesehen.

– Sebastian hat auf Nischenkino eine Liste mit „10 Relevante Politische Filme“ erstellt, über die man sicherlich diskutieren kann.

– Alles, was man schon immer über einen DER Weihnachtsfilm-Klassiker wissen wollte, verrät Marco auf Duoscope: „Schöne Bescherung“ mit den Griswolds.

Yzordderrexxiii kümmert sich um einen Film, den kaum jemand kennt, obwohl der Regisseur das Prädikat „Kult“ trägt: „Elvis“ von John Carpenter. Ich teile seine positive Meinung übrigens und hoffe, damit stehen wir nicht allein.

– Das hoffe ich übrigens auch bei Jess Francos „La mansión de los muertos vivientes“, der Schlombie auf Schlombies Filmbesprechungen ganz arge Bauchschmerzen bereitet. Ich finde den ja klasse. Besser kommt bei Schlombie da „Der Todesrächer von Soho“ an, während die wunderbare Krimi-Verweigerung „Der Teufel kam aus Akasava“ ganz heftig unten durch fällt. Ich finde die Besprechungen immer höchst interessant – auch wenn ich häufig ganz anderer Meinung bin – denn man hat als langjähriger Franco-Fan schon vergessen, wie seine Filme auf „normale Leute“ wirken.

„Ein Toter lacht zuletzt“ war viele Jahre eine ausgesprochen rare Angelegenheit. Von diesem spanischen Horrorfilm von 1973 wurde zwar immer geschwärmt, doch zu sehen war er nur sehr, sehr selten. Dem hilft eine neue DVD ab, was wahrscheinlich besonders Mauritia Mayer freut, die den Film auf Schattenlichter in den höchsten Tönen lobt.

– Noch ein Geheimtipp aus Spanien: „Das Versteck“ wird auch von fuxton sehr gelobt und ist ebenfalls seit Kurzem auf DVD erhältlich. Bei Enzo Castellaris Spät-Western „Die Rache des weißen Indianers“ mit Franco Nero weiß ich das gar nicht, meine aber, dass der unter „Keoma 2“ verwurstet wurde. Wie dem auch sei, bei fuxton kommt das Werk auch gut weg.

– Bleiben wir in Italien. Die Ehre der mit Abstand ungewöhnlichste Argento-Film zu sein, kann die Tragikkomödie „Die Halunken“ mit Adriano Celentano, die während der Märzrevolution 1848 spielt, für sich verbuchen. Ich mag den Film ja sehr und würde daher jedes Wort, welches totalschaden auf Splattertrash über den Film schreibt unterstreichen.

– Viele Jahre später hat Argento dann „Sleepless“ gedreht, der JackoXL von Die drei Muscheln schwer enttäuscht hat. Dafür wird von stu Peter Stricklands „The Duke of Burgundy“ gelobt.

– Oliver Nöding schaut sich auf Remember It For Later gerade durch Lucio Fulcis Spätwerk. Startend mit „The Devil’s Honey“ (den ich für dasselbe Projekt auch gerade am Wickel habe) bis „The Door to Silcence“.

– Den Ozploitation-Klassiker „Turkey Shoot“ müsste ich auch mal wieder gucken. Gerade, wenn mir Sascha von Die seltsamen Filme des Herrn Nolte den Mund wässerig macht.

– Großes Kino aus Deutschland: „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ von Schlöndorff/von Trotta. Jan Noyer von Kuleschow-Effekt ist begeistert.

– Apropos begeistert. Das war ich auch, als ich erstmals Jacques Tourneurs „The Leopard Man“ gesehen habe, den ich sogar mehr schätze als sein „Katzenmenschen“. Volker Schönenberger hat den Film im Rahmen der Recherche zu einem Artikel in „35 Millimeter – Das Retro-Filmmagazin“ gesehen und nun auf seinem Blog Die Nacht der lebenden Texte besprochen. „35 Millimeter“-Redakteur Ansgar Skulme setzt sich eingehend mit „Dschingis Khan – Die goldene Horde“ auseinander.

– Quentin Dupieux‘ neuer, „Reality“ bekommt bei Going to the movies 9 von 10 Punkten. Sehr gut.

– Auch Takeshi Kitano meldet sich zurück. “Ryuzo and his Seven Henchmen“ gehört für Michael Schleeh von Schneeland zu den besten japanischen Filmen, die er dieses Jahr gesehen hat.

– Ungelesen weitergereicht: Auf Whoknows presents schreibt Manfred Polak über den dänisch-schwedisch-norwegischen Film „Hunger“, den Henning Carlsen 1966 inszenierte. Ich hatte bisher keine Zeit Manfreds umfangreichen Artikel zu lesen, aber aus der Erfahrung empfehle ich ihn mal blind.

– Mittlerweile hat „Das Bloggen der Anderen“ Schule gemacht und immer mehr Blogs haben eine entsprechende Rubrik. Hier einige Beispiele aus dieser Woche: „Die Besprechungen der Anderen“ auf Schlombies Filmbesprechungen, „Real Virtualinks“ auf Real Virtuality und „Beiträge von anderen Nerds“ auf Leons Filmreviews.

Filmbuch-Rezension: Jörg Buttgereit “Besonders wertlos – Filmtexte“

Von , 4. Dezember 2015 19:24

besonders_wertlos_jbEs ist eine wahre Schande, dass Jörg Buttgereit oftmals noch immer auf sein filmisches Frühwerk reduziert wird. Zugegeben, „Nekromantik“ besitzt seinen Kultstatus völlig zurecht, „Nekromantik 2“ ist der bessere Film, „Der Todesking“ eine bedrückende Auseinandersetzung mit dem Tod und „Schramm“ eine böse Reise in die Seele eines gestörten Menschen. Doch man sollte nicht vergessen, dass „Schramm“ bereits 22 Jahre alt ist und sich Buttgereit seitdem – bis auf Ausflüge ins TV-Geschäft (eine Folge der deutsch-kanadischen SF-Serie „Lexx“, sowie drei Folgen der wunderbaren Arte-Sendung „Durch die Nacht mit…“), einem Drittel des „German Angst“-Projekts aus diesem Jahr, sowie einer Doku zum japanischen Monsterfilm – aus dem Filmgeschäft zurückgezogen hat.

Die andere Seite des „Kult-Regisseurs“ ist heute leider noch viel zu unbekannt. Neben großartigen und wagemutigen Hörspielen für den WDR, in denen er sich frei austobt und seine Filmleidenschaft mit skurrilen, oftmals wahren, Geschichten verknüpft, ist da auch seine erfolgreiche Theaterarbeit, die in Dortmund immer wieder für ein ausverkauftes Haus sorgt. Diese ist häufig – aber nicht nur – eine Verlängerung der Hörspiele in ein anderes Medium, wie sein Stück „Kannibale und Liebe“, welches zuerst als „Ed Gein“ in Hörspielform existierte. Nebenher spricht Jörg Buttgereit zahlreiche Audiokommentare für japanische Monsterfilme ein, hat seinen „Captain Berlin“ in die Welt der Comics überführt und schreibt für einige Filmzeitschriften, wie der österreichischen „ray“.

Eben jene Kolumnen bilden die Basis für sein neues Buch „Besonders wertlos“, welches beim tollen Martin Schmitz Verlag veröffentlicht wurde. In 50 kurzen, oftmals nur 1,5 Seiten langen Kolumnen widmet sich Buttgereit seinen Lieblingsthemen oder empfiehlt zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung gerade aktuelle DVD-Veröffentlichungen. Dabei ist es der Form der Kolumne geschuldet, dass bei diesen kurzen Texten kein Raum besteht, um tiefer in die Materie einzudringen. So reißt Buttgereit zwar einige interessante Themen und Gedanken an, kann sie aber nicht zu Ende bringen. Hier ist es am Leser, neugierig zu sein und selber aktiv zu werden, denn die Kolumnen können in erster Linie Denkanstöße sein, um selber einen umfassenderen Blick in unbekannte Welten zu werfen. Auch wenn die „Liebhaber des unterschlagenen Films“ hier nicht viel Neues entdecken werden, ist es doch schön hier von Jörg Buttgereit noch einmal an die Hand genommen zu werden. Seine Texte sind so unterhaltsam und aus dem Herzen heraus geschrieben, dass man sie gerne liest, auch wenn einem der Inhalt teilweise bekannt ist.

Der „Anhang“ des Buches zeigt dann, was man von Jörg Buttgereit erwarten kann, wenn ihm genug Raum gegeben wird, sein Wissen zu entfalten. Diese acht Texte stammen wahrscheinlich aus der epd Film und sind deutlich länger als die „ray“-Kolumnen. Hier schreibt Buttgereit sehr fundiert u.a. über das Grindhouse-Kino, natürlich immer wieder Godzilla und Konsorten, japanische Horrorfilme und führt ein Interview mit George A. Romero. Dabei kann er auch „Fortgeschrittene“ noch überraschen. Insgesamt ist „Besonders wertlos“ ein Sammelsurium an Texten, welche nicht immer Neues erzählen oder bisher unbekannte Hintergründe enthüllen, aber Jörg Buttgereit hat eine unterhaltsame Schreibe und allein um den sympathischen Martin Schmitz Verlag zu unterstützten, sollte an sich das Buch zulegen. Bereuen wird man es nicht.

Jörg Buttgereit “Besonders wertlos – Filmtexte“, Martin Schmitz Verlag, 200 Seiten, € 17,80

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