Blu-ray Rezension: „Orion 3000 – Raumfahrt des Grauens“ und „Dämonen aus dem All“

Von , 28. Februar 2015 19:10

Mitte der 60er Jahre war Italiens Filmindustrie fleißig dabei, Filme erfolgreicher Genres in hoher Schlagzahl auf den Markt zu werfen. Neben den immens erfolgreichen Italo-Western waren dies vor allem Eurospy-Filme, die sich an den Erfolg der James-Bond-Reihe hängten. Auch Horrorfilme und Thriller wurden regelmäßig produziert – doch an Science Fiction wagten sich die emsigen Italiener nicht. Wahrscheinlich waren den preisbewussten Südeuropäern hierfür die Kosten zu hoch. Trotzdem gab es zwischen 1965 und 1967 den Versuch, mit ausgesprochen kostengünstig produzierten Weltraum-Filmen einen neuen Markt zu generieren.

Regisseur Antonio Margheriti, der bereits mit einigen Gothic-Horror-Filmen Erfolge aufweisen konnte und in den 70er Jahren zu einem der führenden italienischen Action- und Abenteuerfilm-Spezialisten aufstieg, übernahm die Aufgabe, vier Science-Fiction-Filme zu inszenieren, denen neben dem geringen Budget, vor allem der Schauplatz gemein war: Die Raumstation Gamma 1. Lange Zeit hatten die Fans gehofft, dass Margheritis „Gamma Uno“-Quadrologie gesammelt in einer DVD-Box erscheinen würde. Doch da die Rechte zu den Filmen bei unterschiedlichen Anbietern lagen, ist es dazu leider nicht gekommen. Nachdem der erste Film „Raumschiff Alpha – Der Planet der Verdammten“ bei X-Rated bzw. in einer preisgünstigere Variante später bei VZM erschien, wurde der zweite Film, „Tödliche Nebel“, in einer teuren Edition der Reihe „Kino Trivial“ aus dem Hause Media Target veröffentlicht. Nun sind die beiden letzten Filme der Reihe bei CMV erschienen.

orion3000Der Titel des ersten Filmes „Orion 3000 – Raumfahrt des Grauens“ spielt auf die erfolgreiche deutsche TV-Serie „Raumpatrouille – Die phantastischen Abenteuer des Raumschiffes Orion“ an, die ebenfalls 1966 startete. Doch mit der „Orion“ hat der Film ebenso wenig gemeinsam – sieht man einmal von der improvisierten Ausstattung ab – wie mit einer „Raumfahrt des Grauens“. Hier geht es zunächst um merkwürdige Katastrophen, die die Erde heimsuchen. Die Ursache liegt in geheimnisvollen kosmischen Winde, die von einem Planeten kommen, der aus seiner Umlaufbahn ausgebrochen und auf Kurs zur Erde ist. Commander Rod Jackson von der Raumstation Gamma 1 macht sich mit einigen Männern auf, den Planeten aufzuhalten.

Nachdem in den ersten beiden Filmen noch der Amerikaner Tony Russel als Commander Mike Halstead das Kommando über die Raumstation Gamma 1 hatte, und ihm kein geringerer als Franco Nero in der Rolle des Lt. Jake Jacowitz assistierte, tritt nun der Italiener Giacomo Rossi-Stuart als Commander Rod Jackson diese Stelle an. Sein Sidekick heißt hier Perikson und wird von Italo-Urgestein Goffredo Unger alias Freddy Unger gespielt. Rossi-Stuarts Commander Jackson kann nicht unbedingt als Sympathieträger bezeichnet werden. Unter seiner turmhohen Stahlbeton-Frisur verbirgt sich ein strenger und unsagbar von sich eingenommener Geist, der keine Kritik an seinem autoritären Führungsstil duldet. Nicht unbedingt der Stoff aus dem die Helden sind, zumal er auch noch ein Techtelmechtel mit der Kommunikationsoffizierin Lt. Terry Sanchez (Ombretta Colli) unterhält, während er noch mit der Tochter seines Vorgesetzten Gen. Norton (Enzo Fiermonte) verlobt ist. Diese wird von der Polin Halina Zalewska ebenfalls recht unfreundlich und zickig gespielt. Da versteht man durchaus, warum es den Commander zu der warmherzigen Terry hinzieht.

Ebenfalls mit an Bord ist der Südtiroler Pietro Martellanza alias Peter Martell in einer sträflich vernachlässigten Rolle als Jacksons Untergebener Dubrowski, dem dieser kurzerhand den lang ersehnten Urlaub streicht und Dubrowski somit die Möglichkeit nimmt, noch einmal seine Familie zu sehen. Als Dubrowski dann später die Nachricht ereilt, seine Frau wäre auf der Erde umgekommen, reicht es bei Jackson gerade mal zu einem Nicken und halbherzigen „Tut mir leid“, während Dubrowski in Tränen aufgelöst ist. Überhaupt gibt Martell den dynamischeren und sympathischeren Raumfahrer und bringt weitaus mehr Leben in den Film, als sein steifer Vorgesetzter. Dieser darf ihn bei einem Streit auf die Bretter schicken und später wird Martells Dubrowski dann unspektakulär entsorgt.

Unspektakulär sind auch die „Weltraumwinde“, die auf der Erde für (aus schwarz-weißem Archivmaterial zusammengesuchte) Naturkatastrophen sorgen, und die Besatzung der Gamma 1 in- und außerhalb der Raumstation durch pusten. Verursacher dieser Winde ist ein scheinbar lebender Planet, der dann in der letzten Viertelstunde von den Raumfahrern aufgesucht wird und zugleich das visuell spektakulärste Element dieses Filmes darstellt. Wobei nicht verhehlt werden darf, dass auch der lebende Planet ganz offensichtlich aus Schaumstoff und Gummischläuchen besteht, aber immerhin stimmungsvoll ausgeleuchtet wird. Bis die Helden aber dort ankommen, muss der Zuschauer viel Leerlauf und umständliche Dialoge über sich ergehen, welche vor sich vor allem um irgendwelchen pseudo-wissenschaftlich klingenden Quatsch drehen. Hier lässt sich Margheriti – der in seinen späteren Filmen immer ein flotten Vorwärtsdrang besaß – mit der Inszenierung viel Zeit. So als wolle er sagen, dass das Leben auf einer Raumstation eben zum überwiegenden Teil aus Warten und Knöpfchen drehen besteht – und man dies auch ruhig einmal so zeigen könne.

Tricktechnisch bewegt sich „Orion 3000“ schon beinahe schmerzlich am ganz unteren Rand. Dass Schwerlosigkeit mithilfe kräftigen Ruderns der Arme dargestellt wird, nimmt noch so hin. Dass die Modell nun überhaupt keine Ähnlichkeit mit einer realen Kulisse haben und wie grob aus Holz geschnitzt aussehen – Schwamm drüber. Aber dass man sich so überhaupt gar keine Mühe gab, die zahlreichen Seile zu verbergen, die Modelle und Astronauten munter durch das Studio ziehen, hat zunächst noch einen gewissen Charme, der dann aber mit fortschreitender Laufzeit immer mehr verpufft und am Ende nur noch auf die Nerven fällt. Dass die Schauspieler an ihren dicken Drähten dann noch wie nasse Säcke hängen, setzt dem Ganzen dann die Krone auf.

daemonenausdemallEin Jahr später kam dann die Fortsetzung „Dämonen aus dem All“ in die Kinos, der die Fallstricke der Tricktechnik im Augsburger Puppenkisten-Stil zunächt umging, indem er die Handlung kurzerhand auf die Erde verlegte. Dort wird in einer Eröffnungssequenz zunächst eine Station im Himalaja zerstört, woraufhin dann über die Gebirgsmassive, untermalt von einem wunderbar beatigen Score von Francesco Lavagnino die Titel laufen. Dann wird erst einmal Commander Jackson gesucht. Der Held aus „Orion 3000“, der sich gerade mit seinem Kumpel Captain Frank Pulasky (wieder gespielt Goffredo Unger, dessen Figur in „Orion 3000“ noch auf den Namen Perkinson hörte) im Urlaub befindet. Die Erde, auf der er seine freien Tage verbringt, hat so gar nichts futuristisches an sich und bis auf die lustigen Uniformen und Telekommunikatoren sieht alles so aus, wie man es von 1966 erwartet.

Dafür hat sich aber auf Gamma 1 etwas getan, denn die aus „Orion 3000“ bekannte Lt. Terry Sanchez wird nun plötzlich von Halina Zalewska gespielt, die im Vorgänger noch Jacksons Verlobte Janet Norton war, während die ursprüngliche Terry Sanchez, Ombretta Colli, nun Lisa Nielson heißt und die Verlobte des während der Eröffnungsequenz in tödliche Gefahr geratenen und nun verschwundenen Lt. Jim Harris (Renato Baldini) ist. Was etwas verwirrt, wenn man beide Film hintereinander sieht. Ombretta Colli hat eine interessante Karriere gemacht. Die ehemalige Vize-Miss-Italien, war von 1967 bis Mitte der 80er als Schlagersängerin erfolgreich. Danach wand sie sich in die Politik und saß für die rechtspopulistische Berlusconi-Partei Forza Italia von 1994 bis 1999 im Europaparlament. 1999 wurde sie Präsidentin der Provinz Mailand, bis gegen sie 2004 Anklage wegen Korruption erhoben wurde. Nichtsdestotrotz war sie von April 2006 bis Mai 2012 wieder Mitglied des Senats.

Statt ins All, fliegen Jackson und Pulasky erst einmal in die Berge, wo der Film viel Zeit mit der Vorbereitung ihres Aufstiegs zur zerstörten Bergstation und dem Stapfen durch den Schnee verbringt. Ihr Führer Sharu wird augenrollend von dem Afroamerikaner Wilbert Bradley gegeben, der neben eines ekstatischen Ausdruckstanz noch den Standardspruch aller farbigen Safari-Führer zum Besten geben darf: „Die Träger sind geflohen!“. Dass tagelang niemand bemerkt hat, dass sich in die kleine Gruppe noch Lisa Nielson auf der Suche nach ihrem Lt. Harris eingeschlichen hat, nimmt man mal so hin. Als die Viererbande Jackson, Pulasky, Nielson und Sharu eine Höhle entdecken und kurz darauf von grünen Zottelmonstern entdeckt und gefangengenommen werden, wird der Film interessanter. Vor allem, weil Margheriti es versteht etwas aus dem Höhle zu machen, und das Make-Up der Yeti-ähnlichen Außerirdischen (als solche entpuppen sie sich recht schnell) auf charmante Weise gelungen ist. Dass eine hochentwickelte Rasse, die Raumfahrten beherrscht und die Erde unterjochen will, sich dann aber so tapsig und ungeschickt anstellt, stört dann nicht weiter, da es eh egal ist und zum Unterhaltungswert des Filmes beiträgt.

Nachdem das Himalaja-Abenteuer mit Hilfe einiger sehr unwahrscheinlicher Zufälle überstanden ist, verschwindet Ombretta Colli einfach so aus der Handlung. Dann geht es doch noch einmal in den Weltraum, wo eine Basis der „Dämonen aus dem All“ zerstört werden muss. Dies gibt Margheriti die Gelegenheit, einiges an älterem Material zu recyceln, und wieder Menschen und Raumschiffe an deutlich sichtbaren Drähten durch das abgedunkelte Studio ziehen zu lassen. Dieses Finale ist dann auch nicht übermäßig spektakulär oder spannend inszeniert, sondern wirkt eher wie die Erfüllung einer lästigen Pflichtaufgabe.

Im direkten Vergleich zu „Orion 3000 – Raumfahrt des Grauens“ hat „Dämonen aus dem All“ leicht die Nase vorne, da es die Helden hier mit richtigen Gegnern zu tun bekommen, die obendrein hübsch gestaltet sind. Trotzdem offenbart er die selben Schwächen wie der direkte Vorgänger, da er zu viel Leerlauf, unwichtige Dialoge und hanebüchene Zufälle produziert. Die billigen, und selbst für Kleinkinder zu durchschauenden, Trickeffekte kann man entweder unter nervige Schlamperei oder nostalgischen Charme verbuchen. Wirkliche Kracher sind leider beide Filme nicht, und man muss schon ein großes Herz für das italienische Trivialkino besitzen, um an ihnen seine Freude zu haben.

CMV hat beide Filme auf Blu-ray herausgebracht. Die Bildqualität ist bei beiden Filmen in Ordnung, wenn auch nicht berauschend, was am Ursprungsmaterial liegt, welches vermutlich auch bei seiner Premiere nicht viel besser ausgesehen hat. Der Ton liegt nur auf Deutsch vor. Die Kino-Synchronisation von „Orion 3000“ ist sehr gelungen. Bei „Dämonen aus dem All“ hört sich das Ganze, trotz bekannter Stimmen, weitaus preisgünstiger und dünner an. Insbesondere Enzo Fiermontes Synchronsprecher fällt hier durch sehr viele unnatürliche Pausen auf. Scheinbar wurde diese für eine Pay-TV-Premiere 2005 erstellt. Extras sind nicht wirklich vorhanden. Beide Blu-rays beinhalten eine Bildergalerie und einen Trailer. „Orion 3000“ den deutschen und „Dämonen aus dem All“ den italienischen.

Blu-ray-Rezension: “Tödliche Umarmung“

Von , 26. Februar 2015 20:37

toedliche_umarmungNachdem seine Ehefrau bei einem seiner Einsätze ums Leben kam, musste Geheimagent Harry Hannan (Roy Scheider) einige Zeit in psychiatrischer Behandlung verbringen. Nun ist er als geheilt entlassen und möchte gleich wieder ins einem alten Job anfangen. Doch man lässt ihn nicht, Hannan gilt als Risiko. Als ein Mordanschlag auf ihn ausgeführt wird, glaubt Hannan, seine ehemaligen Kollegen wollten ihn aus dem Weg räumen. Doch bald schon entdeckt Hannan, das etwas ganz anders hinter der Sache steckt, und er auf der Todesliste, eines geheimnisvollen Killers steht, der bereits des Öfteren zugeschlagen hat…

Nachdem Jonathan Demme die Roger-Corman-Schmiede verlassen hatte, wand er sich seriöseren Produktionen zu. Mit „Tödliche Umarmung“ kehrte er kurz vor seinem Durchbruch mit der preisgekrönten Komödie „Melvin und Howard“ noch einmal zum Thriller-Genre zurück, bevor er dann 1992 mit „Das Schweigen der Lämmer“ das Genre sogar zu Oscar-Weihen führte. Mit letzterem Werk sollte man „Tödliche Umarmung“ allerdings nicht vergleichen. „Tödliche Umarmung“ steigt einerseits tief ins Pulp-Gebiet ein, andererseits versucht sich Demme mit diesem Film auch an einer recht deutlichen Hitchcock-Hommage. Damit steht „Tödliche Umarmung“ in einer Reihe mit Filmen wie „Charade“, „Höhenkoller“ und diversen Brian de Palma-Produktionen. Tatsächlich hat der Film dann auch etwas von „Hitchcock gefiltert durch die Brille diverser B-Filme“. Besonders ernst sollte man Demmes Film nicht nehmen, dazu fährt er einfach zu schwere Geschützte auf. Auch wenn diese sich am Ende zu keinem einheitlichen Ganzen fügen wollen, kann man „Tödliche Umarmung“ einen angenehmen Unterhaltungswert nicht absprechen. Munter mischt Demme Zitate aus „Psycho“, „Der unsichtbare Dritte“, „Familiengrab“ und vor allem und immer wieder „Vertigo“.  Aber auch andere Thriller, wie „Der Marathon-Man“ und „Niagara“ kommen einem während des Filmes immer wieder  in den Sinn.

Die vorgebliche Spionage-Handlung, die gleich am Anfang etabliert wird und Harry Hannans Trauma auslöst, ist – so viel darf verraten werden – eine falsche Spur, die aber immerhin Christopher Walken und den immer wieder gern gesehen Charles Napier einen Auftritt garantiert. Die kurze Szene in der ein noch sehr junger Walken den Chef des alten Hasen Roy Scheider gibt, gehört dann auch zu einem der Höhepunkte des Filmes. Es ist jammerschade, dass Walkens Rolle nicht größer ist. Auch Napiers Charakter dient allein der Verwirrung des Zuschauers und hat keine weitere Funktion, als Scheiders Figur hier und dort in Gefahr, und den Zuschauer auf eine falsche Spur zu bringen. Der dieser letztendlich nur der Ablenkung dienende Geheimdienst-Komplex nimmt in der ersten Hälfte des Films einen nicht gerade kleinen Raum ein. Neben der viel zu kleinen Rolle Walkens und der Verschwendung des großartigen Napiers, muss auch festhalten, dass hier viele kleine und interessante Fäden aufgenommen werden – wie Scheiders verzweifelte Versuche wieder einen Job zu bekommen, und sein „normales“ Leben weiterzuführen oder der Geheimdienst, der seine nicht mehr voll funktionstüchtige Waffe entsorgen will – die dann aber am Ende nie miteinander verknüpft, geschweige denn zu Ende geführt werden. So zerfällt der Film in zwei Hälften, die beide viel zu viele unbefriedigende Löcher aufweisen und den Film obendrein unnötig zerfasern.

Ähnliches gilt auch für die zweite Hälfte, in der Scheider langsam auf die Spur der Bedrohung kommt, und ihm mit Sam Levene  als Sam Urdell ein kauziger Sidekick zur Seite gestellt wird. Auch hier wimmelt es von falschen Fährten und verpassten Gelegenheiten. Letztere betreffen zum Beispiel den von John Glover wunderbar eingebildet und versponnen gespielte Professor Peabody  dessen Figur  viel Potential zeigt, welches aber nie voll entfaltet wird. Nachdem das Drehbuch dem Zuschauer allerlei „rote Heringe“ hingeworfen hat, ist dann der Schnitt auf den wahren Täter so hart und aus dem Nichts kommend, dass man für kurze Zeit vollständig aus dem Film geworfen wird, und dadurch die großartigste Szene des ganzen Films ganz an Durchschlagskraft verliert, da  man noch vollkommen damit beschäftigt ist, sich zu fragen, was das da alles plötzlich soll. Da lohnt es sich dann den Film später noch einmal zurück zu spulen und sich in Ruhe den Mord durch Koitus in der Badewanne anzusehen, in der die Todeszuckungen des Opfers sein Gegenüber zu höchsten Orgasmusfreuden bringt. Das zwar passt nicht zu Motiv und Charakter der Person hinter den Morden, ist aber ein wunderbar schmieriger Griff ins Bahnhofskino, aus dem Demme ja auch stammt. Der Bruch nach der – zugeben vollkommen überraschenden – Enthüllung der Identität und des Motivs des Täters, ist dann auch so hart, dass es dem Film nicht gut tut. Dass das Motiv darüber hinaus auch nur ein sehr schwaches und nicht unbedingt nachvollziehbares ist, macht es auch nicht leichter. Immerhin führt dies dann gleich zum großen Finale vor dem Hintergrund der Niagara-Fälle.

Um den Hitchcock-Effekt noch zu erhöhen wurde Altmeister Miklós Rózsa für den Soundtrack engagiert. Der hat zwar nie für Hitchcock komponiert, soll aber scheinbar ein Bernard-Herrman-Gefühl in den Film einbringen. Was allerdings nicht gelingt, da Rózsas Musik für sich genommen zwar hörenswert ist, aber sich weniger an Herrman Hitchcock-Scores, als vielmehr an seinen Film-Noir-Filmen oder viel mehr noch den Dramen der 40er Jahre orientiert und die dramatischen Orchestermelodien in einem starken Kontrast zum doch sehr 70er-mäßigen Gestaltung von „Tödliche Umarmung“ steht. Demgegenüber muss die sehr dynamische und einfallsreiche Kameraarbeit Tak Fujimotos hervorgehoben werden. Fujimotos arbeitete regelmäßig mit Demme zusammen und fotografierte für ihn auch seine Hits „Das Schweigen der Lämmer“ und „Philadelphia“, später wurde er dann auch Stammkameramann M. Night Shyamalans. Besonders eine Szene ganz am Anfang, in der die Kamera wie wild Scheiders im Grunde ereignislosen Gang zur U-Bahn begleitet und dabei über den Bahnsteig fegt wie ein wilder Derwisch lässt das Herz höher schlagen. Diese Szene endet dann auch in einer lupenreinen Hommage an einen anderen Regisseur, dem in jungen Jahren auch Tendenzen zur Hitchcock-Nachahmung unterstellt wurden: Dario Argento. Vielleicht ist „Tödliche Umarmung“ ja auch weniger eine lupenreine Hitchcock-Hommage, als vielmehr eine Hommage an diejenigen, die in ihrem Werk Hitchcock ihre Ehre erweisen.

Obwohl nicht makellos und an insgesamt ausgefranst und überladen, kann man „Tödliche Umarmung“ einen Unterhaltungswert nicht absprechen. Die souveränen Darsteller, eine schöne Kameraarbeit und der ein oder andere gute Einfall können das schlecht konstruierte, unentschlossene Drehbuch welches sich immer wieder Vorlagen liefert, dies es dann doch nicht verwandelt, dann doch noch ausgleichen.

Die Blu-ray des Hauses OFDb Filmworks präsentiert den Film in einer guten Bildqualität, die allerdings ihr Alter auch nicht leugnen kann. Der Ton liegt in Stereo vor, wahlweise Deutsch oder Englisch, zudem können gute deutsche Untertitel zugeschaltet werden. Bei den Extras herrscht – bis auf den Trailer – leider völlige Ebbe.

Stummfilm mit Live-Musik: „Die Frau, nach der man sich sehnt“ am Samstag

Von , 25. Februar 2015 21:50

frau_dietrichAm Samstag, den 28.2. um 20:30 Uhr, gibt es wieder einen Stummfilm mit Live-Musikbegleitung auf der großen Leinwand des Kommunalkinos City 46. Gezeigt wird „Die Frau, nach der man sich sehnt“ den Kurt Bernhardt 1929 mit einer sehr jungen Marlene Dietrich in der (stummen) Hauptrolle inszenierte. Die Dietrich gibt hier erstmals und noch vor ihrem großen Durchbruch mit „Der blaue Engel“ die Femme fatale.

Henri Leblanc, Erbe eines bankrotten Fabrikantenclans, soll die Tochter eines reichen Industriellen heiraten und so das eigene Werk sanieren. Der Coup scheint perfekt, doch auf der Hochzeitsreise begegnet Leblanc der mysteriösen Stascha (Marlene Dietrich). Durch das gemeinsame Wissen um ein Verbrechen ist Stascha an Dr. Karoff gebunden, doch Leblanc verfällt ihr dennoch, verlässt seine Frau und will mit Stascha fliehen. Karoff versucht, sie durch Drohungen daran zu hindern. Als Leblanc die Polizei einschaltet, eskaliert der Kampf um Stascha.

Die_Frau__nach_der_man_sich_sehntBegeleitet wird der Film, wie immer, von Ezzat Nashashibi, der in seinem Newsletter über seine Musik zum Film schreibt: „Ich habe vor, die Musik an bestimmten Stellen eng am Film zu halten. Neben dem Innenleben und den unterschiedlichen Beweggründen für die Handlungen der Figuren bieten auch die verschiedenen Spielorte des Films dafür reichlich Anregung. Damit die Geschichte emotional erlebbar wird, müssen außerdem einige dramaturgisch wichtige Aktionen und Details (z.B. zaghaftes Klopfen an die Tür nach innerem Kampf) eine akustische Entsprechung finden. (Ein bloßes Beschränken auf eine verhängnisvolle Grundstimmung würde den Spannungsbögen der Geschichte nicht gerecht.)“

Originalfassungen in Bremen: 26.02.15 – 04.03.15

Von , 25. Februar 2015 21:33

Nach einigen sehr schwachen Wochen melden sich die Originalfassungen in Bremen mit einem lauten Knall zurück. Viele neue, interessante Filme und…. der Film, der die IMDb von unten anführt und somit der (momentan) schlechteste Film aller Zeiten ist. Was für Superlativen!

American Sniper – Cinemaxx, Fr./So./Di. immer 19:30 & CineStar, So., 1.3. um 19:45 – Der neue Film von Clint Eastwod ist die Verfilmung der Biographie des U.S. Navy SEAL Chris Kyle, der als Scharfschütze im Irak unter seinen Kameraden einen legendären Ruf genießt, mit dem Zivilleben aber nicht mehr klar kommt. Eastwood wurde von einigen Seiten unreflektierter Patriotismus vorgeworfen. Bei den Oscars ging der Film trotz zahlreicher Nominierungen fast leer aus.

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Fifty Shades of Grey – Cinemaxx, Do./Mi. um 19:30, Fr. 22:30 und Sa. 16:30 – US-Verfilmung des Bestsellers von E.L. James, um eine junge Frau, die sich in einen sadistischen Geschäftsmann verliebt und von diesem in die Welt des SM eingeführt wird. Ein Film wie Radley Metzgers wunderbarer “The Image” wird nach 40 Jahre in Deutschland verboten und die Hausfrauen-Fantasie “Fifty Shades” wird im Kino als Sensation verkauft. Verrückte Welt.

Yapisik Kardesler – Cinemaxx, Fr./So. um 23:10 – Türkische Komödie über siamesische Zwillinge aus der Provinz, die in der großen Stadt ihr Glück suchen.

Kod Adi: Koz – Code-Name: Operation Maulwurf – Cinemaxx, Do.-Mi. immer 23:00 – Türkischer Film und – wow – laut IMDb der schlechteste Film aller Zeiten! Meine Güte! 94% (=4.612 Voter) haben den Film mit einer 1/10 bewertet.

Inherent Vice – Natürliche Mängel – Schauburg, So., 1.3. um 20:45 – Paul Thomas Andersons neuer Film ist eine Thomas-Pynchon-Verfilmung mit Joaquin Phoenix als drogensüchtiger Privatdetektiv in den 70ern. Ferner mit Josh Brolin und Owen Wilson.

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Whiplash – Schauburg, Mi., 4.3. um 18:45 – J.K. Simmons gewann den Oscar als bester Nebendarsteller für seine Rolle des unbarmherzigen Schlagzeuglehrers in diesem Film, der von dem 19-jährigen Andrew erzählt, der ein berühmter Jazz-Schlagzeuger werden will.

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Verstehen Sie die Béliers? – Schauburg, Mo., 2.3. um 12:00 & Atlantis, So., 1.3. um 20:00 – Französische Komödie über eine gehörlose Familie, die einen Laden besitzt und von der Tochter „gedolmetscht“ wird. Gerade als sich der Vater anschickt mit Hilfe seiner Übersetzerin Bürgermeister zu werden, will die zum Gesangstudium in die Ferne ziehen.

Selma – Gondel, Do., 26.2. um 12:00 – Amerikansiches Bio-Pic über den farbigen Bürgerrechtler Martin Luther King.
1001 Gramm – City 46, Do., Sa.-Mi. immer 20:00 – Norwegische Komödie von Bent Hamer, über einen sehr genaue und akribische Mitarbeiterin des norwegischen Eichamtes, die sich bei einer Geschäftsreise nach Paris in einen Kollegen verliebt.

52 Tuesdays – City 46, Fr., 27.2. um 20:30 – Australischer Queerfilm um eine 16-jährige, deren Mutter sich in einen Mann umoperieren lässt und die selber ihre Sexualität entdeckt.

Bethlehem – Wenn der Feind dein bester Freund ist – City 46, Do./Di. um 20:30 und Sa./So. um 18:00 – Israelischer Politthriller um einen israelischen Geheimdienstoffizier, der einen 15jährigen Palästinenser anwirbt, woraufhin sich zwischen beiden eine Vater-Sohn-Beziehung entwickelt.

Das Verschwinden der Elenor Rigby – City 46, Do./Fr., Mo-Mi. immer 18:00 und So. um 20:30 – Drama mit Jessica Chastain und James McAvoy um das Auseinanderbrechen einer Ehe und dem, was danach folgt. Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive des Ehemannes und der Ehefrau. In weiteren Rollen: Isabelle Huppert und William Hurt.

Platform – City 46, Mo./Mi. um 20:30 – Chinesischer Spielfilm, der 1979 in einer kleinen Provinzstadt spielt, wo sich die Dinge nach dem Tode Maos fast unmerklich ändern.

Sneak Preview – Cinemaxx, Mo., den 02.03. um 19:30

Sneak Preview – Schauburg, Mo., den 02.03. um 21:45

Das Bloggen der Anderen (23-02-15)

Von , 23. Februar 2015 21:55

bartonfink_type2– Sex sells. Darum beginne ich diesmal mit einer Blogger—Aktion, die scheinbar gerade durch die deutsche Blogosphäre rauscht. Blogger verraten, welche sechs Filmszenen sie am Erotischen fanden. Hier die Aufzählung vom Intergalactic Ape-Man von Intergalaktische Filmreisen und die von buillon bei Tonight is gonna be a large one. 

– Letzte Berlinale-Splitter: Cutrin mit einem umfassenden, nicht nur die Filme betreffenden Fazit auf filmosophie  Frédéric Jaeger stellt auf critic.de fest :“Ich habe alles verpasst“. Sarina Lacaf zieht auf Negativ ein Resümee.

– David berichtet auf Deep Red Radio über die Berlinale Gegenveranstaltung Genrenale, die sich für einen neuen deutschen Genrefilm einsetzt.

-Patrick Holzapfel kreiert aus den englischen Untertiteln des Filmes „Damnation“ des großartigen Bela Tarr, einen Liebesbrief an selbigen. Nachzulesen auf Jugend ohne Film. Rainer Kienböck beschäftigt sich mit der Schauspieler-Vita Vittorio De Sicas.

– Zwar nicht unbedingt mit Filmbezug, aber Alexander Matzkeit hat auf real virtuality einen schönen Text darüber geschrieben, wie wichtig es ist, beim Schreiben seiner Texte man selbst zu bleiben und vorzugeben, jemand zu sein, der man nicht ist. Etwas, was wie ich finde, nicht nur für das Schreiben von Texten gilt – und was ich daher hier sehr gerne verlinke.  Des weiteren hat er sich mit dem Werk zweier „Missverstandener“ beschäftigt: Den Wachowskis.

– Das Magazin des Glücks setzt seine Serie über deutsche Genrefilme der 80er fort mit einem Schwerpunkt diesmal auf Carl Schenkel.

– Drei deutsche Filme hat sich auch Oliver Nöding auf Remember It For Later vorgenommen und ist von allen dreien schwer begeistert. In Reihenfolge ihrers Erscheinungsjahres: „Sieben Tage Frist“ von Alfred Vohrer, der großartige „Engel, die sich die Flügel verbrennen“ (mit einem wunderbaren Titel-Song-Ohrwurm von Peter Thomas) von Zbynêk Brynych und der leider damals grandios gefloppte „Die Sieger“ von Dominik Graf.

– Einen ganz frischen deutschen Film hat Jamal Tuschick auf Hard Senstations besprochen. Über „Wir sind jung, wir sind stark“ schreibt er: „. Mich bügeln die Bilder. Als übertrügen sie live den Herzschlag einer zeitgenössischen Finsternis.“

– Auf seinem deutschen Film bis 1980 gewidmete Blog Grün ist die Heide schreibt Udo Rotenberg über „Der Tag als der Regen kam“, den Gerd Oswald 1959 inszenierte. Zufälligerweise war ich gerade in einem anderen Zusammenhang auf Oswald, der bis zu seiner Rückkehr nach Deutschland Ende der 50er in Hollywood arbeitete, gestoßen und habe mich über die weiterführenden Infos sehr gefreut.

– Auf seinem anderen Blog L’amore in città, hat er sich den italienischen Episodenfilm „Die Gespielinnen“ vorgenommen, den er auf dem 14. Hofbauer-Kongress sah.

– Eben von jenem Hofbauer-Kongress erzählt auch Alex Klotz auf hynosemaschinen.

– Bleiben wir in Italien. Mauritia Mayer stellt auf Schattenlichter den mir bisher unbekannten „La Donna Del Largo“ von Luigi Bazzoni und Franco Rossellini vor und schreibt: „“La donna del lago“ kommt auf leisen Sohlen, verbreitet Gefühle von Beklemmung und Unbehagen und hinterlässt seine Fußabdrücke auf unserer Seele.“

– totalschaden von Splattertrash hat „Lady Frankenstein“ gesehen und findet: „ Eine gehörige Portion an Sex und Gewalt in tollen Kulissen sorgen für gute Genre-Unterhaltung“.

– Auf Wilsons Dachboden liegen einige weniger bekannte Italo-Schwarten aus den nicht ganz so tollen Jahren herum. Wie der nicht wirklich gelungene Spät-Giallo „Fashion Crimes“ von 1989, der immerhin Miles O’Keeffe und Giancarlo Prete aufweisen kann. Und Joe D’Amatos Sexfilm „The Hyenna“ über den er schreibt: „Vielleicht bin ich durch übermäßigen Massaccesi-Konsum schon lustig im Kopf geworden, aber irgendwie entwickelt selbst LA IENA immer wieder diesen hübschen D’Amato-Schmuddelreiz.“

– Dann doch lieber den zwar extrem exploitiv betitelten, aber durchaus ernsthaften, intelligenten und elegant gefilmten „Nonnen bis aufs Blut gequält“ von Gianfranco Mingozzi, den Bluntwolf auf Nischenkino bespricht.

– Auch wenn ich seine Worte über Jess Franco, zwar nachvollziehen kann, interessant finde und im Kern auch viel Wahres drinsteckt, ganz kann ich nicht teilen, was reda auf Der breite Grad da schreibt. Mit seiner Review des Franco Films „Das Frauenhaus“ gehe ich aber d’accord.

– PD und YP unterhalten sich auf Film im Dialog diesmal über einen der für den Psycho-Thriller (und insbesondere William Castle, der die Grundidee, zahllose Male variierte) enorm wichtigen – und auch sonst ganz hervorragenden – „Les Diaboliques” von Henri-Georges Clouzot.

– Anlässlich des 90. Geburtstages Robert Altmans hat Harald Steinwender auf filmgazette eine Reise durch das Werk des großen Meisters unternommen.

– Lukas Foerster hat sich auf Dirty Laundry schon öfters mit dem Werk Phil Karlsons auseinandergesetzt. Dass dieser 1972 die „Willard“-Fortsetzung „Ben“ gedreht hat, überraschte mich jetzt.

– Die Geschichte um David O. Russells „Nailed“, der nun als „Accidental Love“ herausgekommen ist, scheint sehr viel spannender als der Film selber, wie Christian Witte auf Cereality schreibt. Wenn „Fifty Shades of Grey“ etwas Gutes hat, dann, dass man plötzlich auch wieder von dem ganz ausgezeichneten „Secretary“ spricht.

– Neulich haben auf deliria-italiano.de einige User ihre Liebe zu der Agatha-Christie-Verfilmung „Tod auf dem Nil“ zum Ausdruck gebracht. Oliver Armknecht von film-rezensionen.de mag den Film auch.

– Miriam Eck von Daumenkino ist sehr erbost über den Fantasy-Film „Seventh Son“. Dieser ist für sie „so offensichtlich frauenfeindlich und rassistisch, dass es einem die Sprache verschlägt.“

– Die Oscars sind vorbei und „American Sniper“ ist nicht der große Gewinner, was viele sicherlich beruhigen wird, ist Clint Eastwoods Film doch als radikales patriotisches Machwerk bekannt. LZ von screen/read zeichnet ein etwas differenzierteres Bild.

– Drop-Out Cinema bringt in seiner „Obscure Cinema“-Reihe gerade „Let Us Prey“ in einige Kinos. Und der Film ist durchaus lohnenswert, wie yzordderrexxiii findet.

– Olive Sunshine hat auf Pieces of Emotions einmal ihre fünf liebsten Johnny-Depp-Rollen aufgelistet. Mit Filmauschnitten.

– Wer Freude an Statistik hat, der findet bei Whoknows presents in dieser Woche sein Nirwana. Einfach mal rein gucken und nicht erschrecken. Da ich aus beruflichen Gründen viel mit Zahlen und statistischen Modellen zu tun habe, finde ich es sehr faszinierend, was Manfred Polak da zusammengetragen und auch selbst berechnet hat.

– Sehr schöne Sache. Thomas Groh listet in seinem filmtagebuch einige lesenswerte Fundstücke auf, über die er in der Welt der Sozialen Medien gestolpert ist.

– Und wer wissen möchte, was in den Podcasts los war, klickt bitte auf Wiederaufführung.

DVD-Rezension: „Schoolgirl Apocalypse“

Von , 21. Februar 2015 10:53

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Eines Abends wird das junge Mädchen Sakura (Rino Higa) unvermittelt von ihrem Vater attackiert. Dieser kann zwar von ihrer Mutter unschädlich gemacht werden, doch diese kommt bei dem Angriff ums Leben. Sakura flieht von Zuhause und findet sich in einer apokalyptischen Welt wieder, in der sich die Männer aus unbekanntem Grund in rasende Bestien verwandelt haben. Auf ihrer Flucht trifft sie in einem heruntergekommen Krankenhaus auf eine blinde Ärztin und ihren geheimnisvollen Patienten Billy (Max Mackenzie). Neben den Angriffen der „Rasenden“ muss sich Sakura jetzt auch noch gegen die scheinbar wahnsinnige Aoi (Mai Tsujimoto) wehren, die sich zum Ziel gesetzt hat, Billy umzubringen…

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Es geschieht nicht häufig (mir zumindest), dass man von einem Verleih eine E-Mail geschickt bekommt, ob man einen ihrer Filme besprechen möchte. Was mir da, von dem mir bis dahin unbekannten Verleih „Midori Impuls“, angeboten wurde, lass sich auf den ersten Blick dann auch gar nicht so vielversprechend. Bei einem japanischer Film mit dem Titel „Schoolgirl Apocalypse“ erwartete ich zunächst Gore-Exzesse mit niedlichen Schulmädchen. Etwas, was meinen Geschmack nicht unbedingt trifft. Zwar hatte mir „Vampire Girl Vs. Frankenstein Girl„, den wir 2012 auf dem Phantastival Bremen gezeigt hatten, überraschend gut gefallen, doch schon ein Jahr später folgte an selber Stelle ein harscher Rückschlag, als wir „Red Sword“ zeigten. Ein Film, an dem einer der Macher von „Vampire Girl Vs. Frankenstein Girl“ beteiligt war und von dem wir uns billigen, aber unterhaltsamen Trash erwarteten. Aber der von uns, aufgrund des vielversprechenden Trailers, vollmundig als „Rotkäppchen gegen Werwölfe an der Schule“ angekündigte Streifen, erwies sich als langweiliger Schnarcher, der mit sehr, sehr langgezogenen Sexszenen und übelsten, sexistischen Dialogen halbwegs auf Spielfilmlaufzeit kam. Ein frauenfeindlicher Mist, der uns als Veranstalter vor Scham immer tiefer in die Sitze versinken ließ. Ob die Tatsache, dass die Kopie, die uns kurzfristig erreicht hatte, dann auch noch die ganze Zeit über einen fetten und überaus ablenkenden Timecode in der oberen Bildschirmhälfte aufwies, das Ganze nun besser oder schlechter machte, kann ich gar nicht sagen. Danach hatte ich von japanischem Billig-Splatter erst einmal die Nase gestrichen voll. Aber zwei Dinge weckten meine Neugier an „Schoolgirl Apocalypse“. Zum einen die durchweg positiven Kritiken im Netz, die betonten, dass der Film gerade nicht mit den überdrehten, billig auf Video gedrehten Gore-Filmen verwechselt werden dürfe, und zum Zweite Midori Impuls selber, die schrieben, ihr Ziel wäre es, „die Filmindustrie in Japan zu fördern und den Fokus auch wieder auf Filme zu richten, die z. B. in Deutschland nicht ausreichend publiziert worden sind“. Ein schönes Ziel. Und als meine Internet-Recherche dann noch ergab, dass man sich hier scheinbar im Umfeld das tollen Japan Filmfest Hamburg bewegt, war ich endgültig überzeugt, dass „Schoolgirl Apocalypse“ es Wert sei, einen Blick zu riskieren.

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Und das war auch gut so, denn „Schoolgirl Apocalypse“ entpuppte sich als ausgesprochen angenehme und sympathische Überraschung. Tatsächlich hält sich der Film mit over-the-top-splatter und aufreizenden, albern kichernden oder cool posierenden Schulmädchen stark zurück. Seine Hauptfigur Sakura trägt ihre Schulmädchen-Uniform nicht, um die Fetisch-Gelüste geifernder Zuschauer zu befriedigen, sondern weil sie eben ein Schulmädchen ist und durch die merkwürdige „Apocalypse“ aus ihrem natürlichen Umfeld herausgerissen wurde. Dazu passt es dann auch, dass „Schoolgirl Apocalypse“ ein kaum kaschierter Coming-of-Age-Film und weniger einer blutrünstiger Zombie-Schocker ist. Tatsächlich handelt es sich hier bei den Aggressoren auch nicht um Zombies, sondern – wie bei „28 Days Later“ – um „Rasende“. Dass dabei nur Männer der Raserei anheimfallen und mit ihrer aggressiven Fresslust eine tödliche Gefahr für das junge Mädchen darstellen, macht das Allegorische des Filmes nur noch deutlicher und rückt ihn in die Nähe von Neil Jordans „Die Zeit der Wölfe“. Sakura befindet sich auf der Schwelle zum Erwachsenwerden. Ist sie zunächst noch ein scheues Kind, welches vor der, für sie unbegreiflichen, Gefahr die Flucht ergreift, nimmt sie später ihr Leben in die Hand, besiegt ihre Angst und schafft es, dass die Männer am Ende keine Gefahr mehr darstellen. Ihr Entwicklungsprozess wird auch noch einmal dadurch gespiegelt, dass es ihr zu Beginn nicht gelingt, mit ihrem Bogen einen Pfeil ins Ziel zu bringen, sie sich im Verlauf des Filmes aber zur Meisterschützin mausert. Mit Rino Higa besitzt Regisseur John Cairns eine perfekte Hauptdarstellerin, die ebenso überzeugend das naiv-schüchterne Mädchen, als auch die entschlossen-selbstbewusste Frau darstellen kann. Rino Higa ist in ihrer Heimat scheinbar unter dem Namen Higarino als J-Pop-Sängerin bekannt und Schoolgirl Apocalypse“ ist ihr Debüt als Schauspielerin.

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Für Regisseur und Drehbuchautor John Cairns ist „Schoolgirl Apocalypse“ der erste Spielfilm. Der Amerikaner lebt seit l5 Jahren mit seiner Familie in Japan, wo er Werbung und Kurzfilme dreht. Sein Film ist auch stark vom japanischen Kino und den Mangas eines Kazuo Umezu. So entsteht eine interessante Mixtur aus japanischen Motiven und Symbolen, gesehen durch die Brille eines Ausländers mit tiefem Verständnis für das Land. Aber nicht nur aus japanischen Filmen zieht Cairns seine Inspiration. Wenn nachts im Nebel unheimliche Gestalten durch den Wald huschen oder plötzlich ein junges, blutverschmiertes Mädchen auftaucht, denkt man auch an den späten Jean Rollin, der es ja in seiner späten Phase auch gelang, trotz eines billigen Videolooks atmosphärischen Bilder zu schaffen. Cairns besitzt auch ein gutes Auge für Landschaften und passende Drehorte. So ist das verlassen und verfallene Liebeshotel der perfekte Hintergrund für den unheimlichen Mittelteil seines Filmes. Und auch sonst macht Cairns sehr viel richtig. Am Ende versteigt er sich dann gar noch in Lovecraftsche Dimensionen, was im Kontext des Filmes dann auch überraschend gut funktioniert. Zwar schießt Cairns manchmal auch über das Ziel hinaus, so wirken die immer wieder eingestreuten Zeichentrick-Sequenzen in denen Figuren aus einem Englisch-Lehrbuch zum Leben erweckt werden etwas befremdlich und ihre etwas krude Umsetzung mag sich nicht recht einfügen, aber im Nachhinein machen diese Szenen durchaus Sinn und sind integraler Bestandteil der Handlung.

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„Schoolgirl Apocalypse“ stellt eine sehr angenehme Überraschung dar. Statt Gore-Exzesse und Schuldmädchen-Fetisch, konzentriert sich Regisseur auf seine Geschichte, die er als Coming-of -Age-Allegorie ruhig und unaufgeregt erzählt, ohne allerdings genretypische Stilelemente zu vernachlässigen.

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Die DVD aus dem Hause Midori Impuls überzeugt mit einer guten Bildqualität. Das Bild verfügt über eine gute Schärfe. Der preisgünstige Digital-Look kann allerdings nicht vollständig kaschiert werden, auch wenn man er mit fortschreitender Laufzeit immer weniger ins Auge fällt. Auch der Ton ist klar und voll. Auf eine (Billig-)Synchronisation wurde dankenswerterweise verzichtet, so liegt der Film in Japanisch mit gut lesbaren deutschen Untertiteln vor. Auch auf Seiten der Extras weiß diese Veröffentlichung zu überzeugen. Neben einem interessanten, 4-teiligen, von John Cairns selbst produzierten Making-Of, in dem aus Mangel an Bildmaterial auch schon mal nette Animationen einfügt, gibt es noch zwei Interviews. Das erste mit John Cairns ist sehr informativ, das zweite mit Hauptdarstellerin Rino Higa hat weniger Informationswert, zeigt die Schauspielern aber von ihrer sympathischen Seite. Sehr schön auf ein „Special“ über die Aufführung des Streifens auf dem Japan Filmfest Hamburg 2012, welches neben einigen Bildcollagen (da habe ich sogar bekannte Gesichter wiedergesehen), auch eine, wieder von Regisseur John Cairns animierte, Anekdote enthält, in der er sich u.a. darüber wundert, dass in Deutschen Kinos ständig Bierflaschen umfallen und lautstark bis zur Leinwand rollen – aber niemanden dies zu stören scheint. Die DVD kommt in einer limitierten großen Hardbox mit wahlweise einem von vier Cover-Artworks.

Originalfassungen in Bremen: 19.02.15 – 25.02.15

Von , 18. Februar 2015 21:42

Man muss es leider sagen: Auf eine langweilige Woche folgt – noch eine langweilige Woche. Einziger Lichtblick: Xavier Dolans „Mommy“ im Kommunalkino.

Into the Woods – Cinemaxx, Fr. um 23:00 und So. um 17:00 – US-Musical nach Motiven der Gebrüder Grimm. Von Musical-Spezialist Rob Marshall („Chicago“) mit Meryl Streep (Oscar-Nominierung als beste Nebendarstellerin) als Hexe und Johnny Depp als Wolf. Musik: Stephen Sondheim.

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Yapisik Kardesler – Cinemaxx, Do.-Mi. immer 23:00 – Türkische Komödie über siamesische Zwillinge aus der Provinz, die in der großen Stadt ihr Glück suchen.

Ask Sana Benzer – Cinemaxx, Do./Fr. um 23:10 – Türkischer Liebesfilm um einen jungen Mann, der sich in einem kleinen Fischerdorf in eine fremde Frau verliebt.

Sevimli Tehlikeli – Cinemaxx, Sa./So. um 23:00 – Türkische, romantische Komödie um eine Frau, die kurz vor der Hochzeit mit einem von ihr ungeliebten Mann mit einem Einbrecher durchbrennt.

Fifty Shades of Grey – Cinemaxx, So./Sa./Mo. um 20:30 und Fr. um 20:10 & CineStar, So., 22.2. um 20:00 & Schauburg, Do.-Mi. immer 21:30 – US-Verfilmung des Bestsellers von E.L. James, um eine junge Frau, die sich in einen sadistischen Geschäftsmann verliebt und von diesem in die Welt des SM eingeführt wird. Ein Film wie Radley Metzgers wunderbarer “The Image” wird nach 40 Jahre in Deutschland verboten und die Hausfrauen-Fantasie “Fifty Shades” wird im Kino als Sensation verkauft. Verrückte Welt.

Dancing in Jaffa – Do./Mo./Di. um 20:30, Sa./So./Mi. um 18:00 – Doku über den Tänzer Pierre Dulaine, der in seine Heimatstadt Jaffa zurückkehrt, um hier israelisch-palästinensischen sowie die israelisch-jüdischen Kindern gemeinsam Tanzen zu lehren.

Familia rodante – Argentinisch reisen – Sa./So. um 20:00 – Spielfilm der als Beginn der Neuen Welle im argentinischen Kino gilt. Die vier Generationen einer Großfamilie machen sich im altersschwachen Gefährt auf die Reise durch die Landschaft Argentiniens.

Heute gehe ich allein nach Hause – City 46, Fr., 20.2. um 20:30 – Brasilianischer Queerfilm über einen blinden Jungen, der von einem Neuen in der Klasse nicht nur das Tanzen, sondern auch das Küssen beigebracht wird.

Mommy – City 46, Do./Fr./Mo./Di. um 18:00 und Sa./So./Mi. um 20:30 – Der aktuelle Film des kanadischen Wunderkinds Xavier Dolan über eine außergewöhnliche Mutter-Sohn-Beziehung.

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Sneak Preview – Cinemaxx, Mo., den 23.02. um 19:30

Sneak Preview – Schauburg, Mo., den 23.02. um 21:45

Französische Sneak Preview – Gondel, Mi, den 25.02. um 21:00

DVD-Rezension: „Borgman“

Von , 17. Februar 2015 19:35

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Eines Tages steht vor der Tür des gut situierten Ehepaares Richard (Jeroen Perceval) und Marina (Hadewych Minis) ein Landstreicher (Jan Bijvoet), der sie bittet, bei ihnen ein Bad nehmen zu dürfen. Als er dann noch behauptet, Marina zu kennen, rastet Richard aus und verprügelt den Mann. Am Abend findet Marina den verletzten Landstreicher, der sich nun Camiel Borgman nennt, in ihrem Gartenhaus. Sie pflegt ihn und lässt ihn heimlich weiter im Gartenhaus wohnen. Bald schon nimmt Borgman auch Kontakt zu den Kindern des Ehepaares auf, die ihm scheinbar vertrauen. Gleichzeitig kontaktiert er seine Freunde Pascal (Tom Dewispelaere) und Ludwig (Alex van Warmerdam), später kommen noch Brenda (Annet Malherbe) und Ilonka (Eva van de Wijdeven) hinzu. Gemeinsam räumen sie zunächst den Gärtner des Anwesens und dessen Ehefrau aus dem Weg. Frisch frisiert nimmt Borgman daraufhin die Stelle als neuer Gärtner bei Richard und Marina an und holt umgehend seine Freunde als angebliche Helfer mit ins Haus…

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Alex van Warmerdams Film „Borgman“ lief im letzten Jahr auf einigen Filmfestivals, neben Cannes waren es vorzugsweise jene, die sich dem fantastischen Film verschrieben haben. Ob „Borgman“ nun dahin passt oder nicht, kann man mit ja und nein beantworten. Zwar werden in „Borgman“ immer wieder übernatürliche Dinge angedeutet, aber sie spiele keine große Rolle. Scheinbar besitzt die Titelfigur Camiel Borgman die Fähigkeit, die Träume anderer zu beeinflussen. Immer wieder wird gezeigt, wie er des nachts nackt auf der Brust der Protagonistin sitzt, die sich unter ihm in Albträumen windet. Selbstverständlich zitiert van Warmerdams dabei Johann Heinrich Füslis „Nachtmahr“, aber ist Borgman dieser Dämon? Gleich zu Beginn wird gezeigt, wie sich drei Männer aufmachen, Borgman in seinem unterirdischen Versteck zu vernichten. Einer davon ist ein Priester, dessen verbrämter Gesichtsausdruck zeigt, dass er sich auf einer heiligen Mission wähnt. Doch bis auf diese Szene und eine kurze Sequenz, in der plötzlich zwei abgemagerte Wundhunde scheinbar aus dem Nichts im Hause der Familie auftauchen (ob diese nur Borgmans Freunde Ludwig und Pascal oder Brenda und Ilonka in anderer Gestalt sind, bleibt der Fantasie des Zuschauers überlassen), hält sich Van Warmerdam mit übersinnlichen Phänomenen stark zurück. Seine Bande an merkwürdigen Außenseitern, die da in das Leben einer gut situierten Mittelklasse-Familie eindringt, braucht auch keine Hilfe von „unten“, sondern nur einen festen Willen und eiskalte Skrupellosigkeit, um ihren Plan (welcher zunächst diffus bleibt) in die Tat umzusetzen. Dabei gehen sie mit einer emotionslosen Professionalität vor, wie man sie aus caper-movies kennt. Jeder kennt seinen Platz im Geflecht und führt mit größter Präzision seine Aufgaben durch. Es ist aber nicht so, dass hier eine Maschine in Gang gesetzt wird, die sich nicht aufhalten ließe. Natürlich könnte sich die Familie gegen die perfiden Manipulationen wehren, doch Borgman kennt ihre Natur zu gut, und Marina und Richard agieren zu dumm und zu egozentrisch, um das große Bild zu erkennen.

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Die Geschichte des Fremden, der plötzlich in das Leben einer Familie tritt, um diese kräftig durcheinander zu rütteln, kennt man aus Renoirs „Boudu – Aus den Wassern gerettet„, Pasolinis „Teorema“ oder Miikes „Visitor Q„. Zwar gehen diese Geschichte in der Regel nicht immer gut aus, doch steht am Ende zumeist ein manchmal schmerzhaftes Selbsterkennen der Beteiligten, die sich ihrer wahren Natur oder zumindest einer lohnenswerten Alternative gegenüber stehen sehen. Doch in „Borgman“ bleibt der Familie diese Erleuchtung vorenthalten. Bis zum Schluss begreifen sie ihr eigenes Wesen nicht, verstehen nicht, was sie in den Abgrund führt und dass ihr Verhalten, ihre Egozentrik und Arroganz es waren, die den Angreifern ein so leichtes Spiel gemacht hat. Ja, sie verstehen noch nicht einmal, dass sie Opfer eines Angriffs geworden sind, so borniert gehen sie von ihrer Unfehlbarkeit aus. Das moderne Designer-Haus, welches mitten in die Natur geklotzt wurde, ist ein Sinnbild für Richard und Marina. Auf den ersten Blick beeindruckend und vielleicht sogar begehrenswert, will es bei näherer Betrachtung gar nicht in seine Umwelt passen. Dort wirkt es wie fetter, kalter und unpersönlicher Brocken, ein alles dominierender und einnehmender Fremdkörper, der alles andere mit kalter Brutalität verdrängt. Auch innerhalb des Hauses wirkt alles steril und ungemütlich. Erst wenn am Ende das Haus ganz von Borgman und seinen Mitstreitern vereinnahmt wurde, scheint es sich zu verändern. Dann wirkt das Wohnzimmer plötzlich wie ein Lounge-Bar aus den 70er Jahren, und das auch das elterliche Schlafzimmer bekommt eine schwül-barocke Note. Nein, einladend ist es immer noch nicht, aber immerhin zeigt es Charakter. ebenso wie Borgman und Genossen, die man auch nicht gerne zu sich nach Hause einladen würde, die aber sich aber immerhin bewusst sind, was sie sind und was sie wollen. Im Gegensatz zu Richard und seiner Frau Marina, die ein Scheinleben führen, bei dem Selbst- und Fremdwahrnehmung gehörig auseinander klaffen.

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Marina hält sich für eine liberale Frau mit künstlerische Ambitionen und eine gute Mutter. Doch tatsächlich erfüllt sie keine dieser Kriterien. Nicht nur, dass sie den rassistischen Äußerungen ihres Ehemanns nicht entschlossen entgegen tritt, sie selbst verhält sich dem dänischen Dienstmädchen gegenüber, wie eine strenge Herrin gegenüber der Dienstmagd und betont immer wieder, dass diese nicht den sozialen Stand besitzt, wie ihre Familie. Ihren künstlerische Ambitionen geht sie eher gelangweilt und planlos nach, statt mit Leidenschaft. So als wenn diese eben zum guten Ton dazu gehören. Und als Mutter versagt sie, wenn sie die Aufsicht und Erziehung ganz ohne Not an das Kindermädchen abgibt und dabei völlig den Kontakt zu ihren Kindern verliert, die sich dann auch schnell anderen Bezugspersonen zuwenden. Richard ist der simpelste und damit auch langweiligste Charakter in diesem Film. Cholerisch verprügelt er Obdachlose, knallt afrikanischen Arbeitssuchenden die Tür vor der Nase zu und hintergeht in seiner Firma scheinbar auch seinen Partner. An seiner Frau ist er ebenso wenig interessiert, wie an seinen Kindern, die er schnell mal an ihm Unbekannte abschiebt, als es ihm lästig ist, sie zur Schule zu fahren. Und so bereiten den Boden für den eigenen Untergang. Während Jeroen Perceval als Richard seine Rolle recht offen und eindimensional als aggressives Ekelpaket anlegt, gelingt Hadewych Minis als Marina der Spagat zwischen verbitterter Erkenntnis, dass ihr Leben nicht so ist, wie sie es sich vorgestellt hat und gleichzeitigem arroganten Stolz auf darauf, wie man finanziell und sozial dasteht. Diese Ambivalenz zeichnet sich auch im ganzen Auftritt Hadewych Minis‘ – die entfernt an Julianne Moore erinnert – ab, der sie mal als attraktiv-mondäne Frau und manchmal als ein leicht übergewichtiger Trampel erscheinen lässt. Eine faszinierende Schauspielerin von der mehr gerne mehr sehen würde.

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Ebenfalls faszinierend ist Jan Bijvoet in der Titelrolle. Schon zu Beginn, lässt er unter der Zottelfrisur und dem wilden Bart einen distinguierten Gentleman durchscheinen. Seine Art sich zu bewegen und auszudrücken passt dann auch gar nicht zu seinem Waldschrat-Outfit. Vielleicht ist es dann auch genau das, was Marina dazu bringt, ihm zu helfen und eine immer stärker werdende Faszinationen für diesen geheimnisvollen Typen zu entwickeln. Ohne übertriebene Gesten, mit fast unbewegtem Gesicht, füllt Bijvoet den Film ganz mit seiner Persönlichkeit aus und sein Borgman liegt wie ein bedrohlicher Schatten über jeder Szene. Kongenial sind auch seine Partner besetzt. Tom Dewispelaere als Pascal und Regisseur und Drehbuchautor Alex van Warmerdam in der Rolle des Ludwig, wirken zunächst wie ein Komiker-Pärchen, offenbaren aber bald, dass sie unter ihrer scheinbar harmlose-lustigen Fassade ebenso kaltblütig und gefährlich sind, wie Borgman selber. Auch die großartige Annet Malherbe als Brenda und Eva van de Wijdeven als Illonka vermitteln einem mit ihrer scheinbaren Normalität, und verwundert auch nicht, dass die mollige Malherbe mühelos und sehr glaubwürdig die Rolle einer fürsorglichen Ärztin annehmen kann. Da man der Zuschauer aber schnell lernt, dass diese scheinbare Fürsorge jederzeit in tödliche Aktionen umschlagen kann, entsteht ein unangenehmes Gefühl.

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„Borgman“ wird häufig mit Michael Hanekes „Funny Games“ verglichen. Aber obwohl eine thematische Verwandtschaft mit diesem besteht, erinnert „Borgman“ doch vielmehr an die „stillern“ Filme eines Michael Hanke und weniger mit dem sehr plakativen, „lauten“ „Funny Games“. Vor allem erinnert er an „Caché“ und „Das weiße Band„, die auch dieses unheilvolle Vibrieren unter den Bildern besaßen, welches von einer diffusen, noch nicht greifbaren Gefahr zeugt. Auch die blasse Farben und die oftmals in Tableaus angeordneten Szenen, in denen sich die Figuren verlieren, erinnern an die Werke des Österreichers. Doch während dieser dem Zuschauer die Auflösung seiner filmischen Rätsel absichtlich verweigert, ist Alex van Warmerdam nicht ganz so grausam. Zwar wählt auch er bewusst nicht den einfachen Weg und erklärt dem zuschauer seinen Film bis ins Letzte, aber er gibt mit einigen wenigen Hinweisen und vor allem aber dem Eingangszitat und dem Schlussbild, dem Zuschauer genug Futter, um die Puzzleteile zu einem – wenn auch noch unvollständigen, letztendlich aber doch recht eindeutigen Bild zusammenzusetzen.

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Alex van Warmerdams Film erzählt in (beun)ruhigen(den) Bildern davon, wie eine Gruppe Fremder sich mit eiskalter Professionalität in das Leben einer finanziell gutgestellten, aber arroganten und egoistischen Familie einschleicht, und diese durch perfide Intrigen vernichtet. Die kühle und stilbewußte Erzählweise erinnert dabei an die Filme Michael Hanekes, erweist sich aber als zugänglicher. Getragen wird der Film von einem faszinierenden Jan Bijvoet in der Titelrolle und sehr guten Nebendarstellern.

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Das Bild der bei Pandastrom erschienen DVD wirkt an vielen stellen etwas zu hell. Dass die Farben in vielen Szenen eher blass und kontrastarm sind, mag einem visuellen Konzept folgen, doch insbesondere die Schwarztöne wirken oftmals eher dunkelgrau. Der Ton ist sehr klar, auf irgendwelche Effekte wird verzichtet. Leider ist das Bonusmaterial nur sehr spärlich. Neben dem Trailer gibt es lediglich 6 Minuten nicht verwendeten Materials, welches allerdings von daher interessant ist, dass hier dem Freund des dänischen Kindermädchens ein gänzlich anderes Schicksal als im fertigen Film widerfährt.

Das Bloggen der Anderen (16-02-15)

Von , 16. Februar 2015 21:45

bartonfink_type2– Und noch ein wenig Berlinale: critic.de verfasst Studierende des Seminars „Schreiben über Film – Berlinale 2015“ Rezensionen über Berlinale-Filme, hier z.B. „End of Winter“ von Kim Dae-Hwan. cutrin hat auf filmosophie den neuen Film von Peter Greenaway, „Eisenstein in Guanajuato“, gesehen und findet der Film „funktioniert auf intellektueller sowohl als auf emotionaler Ebene oder auch schlicht als clevere Unterhaltung.“ Ferner nervt es sie, dass in vielen Filmen immer wieder Sex und Gewalt ohne große Not miteinander vermischt werden. Das möchte sie nicht sehen. Michael Sennhauser hat ebenfalls den neuen Greenaway gesehen und meint auf Sennhausers Filmblog, Greenaway sei „noch einmal ein meisterlicher Film gelungen, der wohl einige der alten Fans seiner frühen Werke wieder für ihn einnehmen wird“. Von Alexey German Jr.s „Under Electric Clouds“ ist er weniger angetan. Sehr viel mehr mochte er den neuen Film von Andreas Dresen denn, „Als wir träumten erzeugt dieses Soggefühl der Unausweichlichkeit mit den klassischen Mitteln der Filmdramaturgie – einfach dermassen gekonnt, dass es einen nicht mehr loslässt.“ Auch schwanenmeister von Movies&Sports ist auf der Berlinale gewesen und hat einen schönen Bericht über seine Filmerlebnisse geschrieben. Weniger um die Filme als vielmehr um ihre Kritiker geht es Patrick Holzapfel auf Jugend ohne Film, der einen sehr erhellenden, aber auch irgendwo deprimierenden Artikel über eine gewisse Attitüde vieler Filmkritiker geschrieben hat, welchen ich zu Teilen (leider) auch bestätigen kann. Thomas Groh war auf der Berlinale sehr fleißig und vielseitig unterwegs, eine Link-Sammlung zu seinen diversen Berlinale-Artikel für unterschiedliche Medien hat er auf seinem filmtagebuch veröffentlicht. Theodor Frisorger war in der Retrospektive und schreibt auf Daumenkino über den Technicolor-Film „Scaramouche“, den ich als Kind sehr gerne mochte. Auf Revolver berichtet Katrin Eissing weiterhin von der Alternativveranstaltung „Woche der Kritik“ und Christoph Hochhäuslers neuen Film „Die Lügen der Sieger“. Sarina Lacaf hat auf Negativ über den von mir mit großer Spannung erwarteten neuen Film von Joshua Oppenheimer, „The Look of Silence“ geschrieben und Rüdiger Suchsland fasst die Berlinale 2015 noch einmal aus seiner Sicht zusammen.

– Apropos Technicolor: Reda schwärmt auf Der breite Grad von dem Technicolor-Film „Die schwarze Narzisse“ und meint der Film „fällt auf jeden Fall in die Kategorie “Filmerbe der Menschheit” und sollte nicht in Vergessenheit geraten.“. Die wunderbaren Screenshots sprechen da auch eine deutliche Sprache.

– Der deutsche Film, das unbekannte Wesen. Jamal Tuschnik stellt auf Hard Sensations den Film „Flucht aus Berlin“ des großartigen Will Tremper vor, den dieser 1960 inszenierte.

– Weiter geht es in den 80ern, als „Baby“ und „Die Drücker“, beide von Uwe Frießner und geradezu euphorisch vom Intergalactic Ape-Man auf Intergalaktische Filmreisen empfohlen.

– Dazu passen dann ganz hervorragend auch zwei 80er Filme von Eckhart Schmidt, die Sebastian auf Das Magazin des Glücks vorstellt. Den bekannten „Der Fan“ und den etwas weniger bekannten „Alpha City“. Und das Tolle: Die Reihe ist auf Fortsetzungen mit weiteren Filmen, „an die sich die Filmgeschichtsschreibung (noch) nicht erinnern will“ angelegt. Ich freue mich!

– Ebenfalls zum deutschen Filmerbe der 80er Jahre, gehören zwei Filme, die Oliver Nöding auf Remember It For Later bespricht, die Gottschalk/Krüger-Komödie „Die Einsteiger“ und das Mike-Krüger-Solo-Abenteuer „Geld oder Leber“, welches Oliver schwer begeistert hat.

– Bleiben wir in Deutschland, bleiben wir bei den 80ern. Denn mehr 80er als in dem unglaublichen „Macho Man“ geht einfach nicht, wie auch totalschaden auf Splattertrash feststellt. Dort geht es dann auch in die 70er und zu einem meiner Lieblingsfilme :“Vampyros Lesbos“, den ich immer noch einmal auf 35mm und der großen Leinwand sehen will.

– Ebenfalls in den 70ern, aber in Spanien entstand „La Semana del Asasinio“, der in Deutschland den marktschreierischen Titel „Cannibal Man“ trägt, was bei manch einem Videokunden zu einem langen Gesicht geführt haben mag. Tatsächlich aber ist der Film eine beeindruckende Psycho – und Sozialstudie des zu unrecht viel zu unbekannten Eloy de la Iglesia. David hat sich auf Whoknows presents eingehend mit dem Film beschäftigt. http://whoknowspresents.blogspot.de/2015/02/dosensuppen-und-faschismus.html

– In Italien drehte währenddessen Lucio Fulci einen (viele sagen den) besten seiner Filme „Non si sevizia un paperino“, den auch Mauritia Mayer auf Schattenlichter sehr schätzt.

– Aus Italien stammen auch der seltene Giallo „Satan ohne Gesicht“ und der Gangsterfilm „Provinz ohne Gesetz“. Beide sind gerade bei X-Rated erschienen und Bluntwolf hat auf Nischenkino die entsprechenden Rezensionen veröffentlicht.

– Auf einer nostalgischen Reise befindet sich Annika Stelter. Auf Die Filme, die ich rief hat sich sich mit Martin Scorseses „Die letzte Versuchung Christi“ beschäftigt, dessen Soundtrack einst zu ihren viel gespielten Lieblingen gehörte. Den Film dazu sieht sie aber das erste Mal.

– Dienst am Kunden. Wiederaufführung vergleicht die „Ultimate Collector’s Edition“ von 2012 und neue „Turbine Steel Collection #1“ des Filmes „The Texas Chainsaw Massacre“.

– Zurück in die Gegenwart. Deep Red Radio hat den Horrorfilm „Banshee Chapter“ gesehen und findet diesen – im positiven Sinne – ziemlich gruselig.

– YP und PD unterhalten sich auf Filme im Dialog wieder über einen Film, den sie gerade im Kino gesehen haben. In diesem Fall „The Imitation Game“.

– Auf Cereality stellen die Autoren die Filme des amerikanischen Regisseurs J.C. Chandor vor.

– Und ab in die Zukunft: Neues zu den Plänen aus Hollywood gibt es bei Der Kinogänger.

DVD-Rezension: „Frankensteins Kampf gegen die Teufelsmonster“

Von , 13. Februar 2015 21:16

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Die Küste vor Tokio ist vollkommen durch Müll und Industrieabfälle verdreckt. Aus dieser Suppe entsteigt ein gigantisches Ungeheuer namens „Hydrox“ (im Original Hedora), welches sich von der Umweltverschmutzung ernährt und eine tödliche Gefahr für die Menschen darstellt. Der Wissenschaftler Dr. Yano ist der erste, der mit dem Monster direkten Kontakt hat. Obwohl er bei der Begegnung schwere Verbrennungen erleidet, macht er sich fieberhaft dran, ein Mittel gegen das stetig wachsende Monster zu entwickeln. Sein kleiner Sohn wiederum scheint eine telepathische Verbindung zu einem anderen Monster zu besitzt: Godzilla. Als Godzilla plötzlich auf der Bildfläche erscheint, um Hydrox zu bekämpfen, wird offenbar, dass Hydrox sogar dem mächtigen Godzilla überlegen ist. Wird es Dr. Yano trotzdem gelingen, die Menschheit vor Hydrox zu retten?

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Ende der 60er Jahre hatten sich die Godzilla-Filme in eine Sackgasse manövriert. Sie hatten den ernsthaften Grundton des Erstlings aufgegeben und sich zu harmloser Kinderunterhaltung entwickelt, die zu allem Übel noch mit reichlich Archiv-Material aufgemöbelt wurde. Als Tiefpunkt gilt „Attack all Monsters“ aus dem Jahre 1969, der als Traum eines kleinen Jungen, vor allem aus Szenen älterer Filme zusammengestellt wurde. Danach machte die Serie erst einmal Pause, um 1971 mit „Frankenstein im Kampf gegen die Teufelsmonster“ zurück zu kehren. Der deutsche Titel ist natürlich ziemlicher Quatsch. Ein Frankenstein taucht hier selbstverständlich nicht auf, und die „Teufelsmonster“ sind in Wirklichkeit nur eins. Wobei, zugeben, noch ein paar Ableger zu sehen sind und in den Raum gestellt wird, dass es noch ein zweites Monster gäbe. Im Original heißt das Monster Hedorah, was vom japanischen Wort von Schlamm oder Schlick abgeleitet wird. In Deutschland hieß es Hydrox und in den USA „the Smog-Monster“. Hedorah wirkt auf den ersten Blick ganz lustig, ist aber für Godzilla ein schier unbesiegbarer und gefährlicher Gegner. Zudem ist Hedorah auch die Materie gewordene Umweltverschmutzung und somit Godzilla nicht unähnlich, der ja einst ebenfalls eine Inkarnation einer von Menschen geschaffenen Gefahr darstellte: Der Atombombe.

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Das Thema Umweltverschmutzung wird dann auch sehr massiv in „Frankensteins Kampf gegen die Teufelsmonster“ angegangen. Es wird geradezu mit dem Zaunpfahl auf das Publikum eingeprügelt. Hedorah ist keine leise Metapher, sondern ein auf Krawall gebürstet Demonstrant mit Megaphon. Dies führt immer wieder dazu, dass der Film bei den Fans nicht besonders gut gelitten ist. Tatsächlich spaltet er das Publikum enorm. Wobei die negativen Argumente nicht von der Hand zu weisen sind. Der Kinderhauptdarsteller, der Bruch etablierter Franchise-Regeln und natürlich die Botschaft, die mit dem Holzhammer daher kommt. Doch löst man sich davon, einen konventionellen Godzilla-Film sehen zu wollen, offenbart sich eine schier wahnsinnige Kraft, die einen mit all ihrem Irrsinn und den beinahe avantgardistischen Einfällen mitreißen kann. Es stimmt, als Godzilla-Film funktioniert „Frankensteins Kampf gegen die Teufelsmonster“ eher weniger. So wird Godzilla auch irgendwie in den Film hineingepresst. Warum er überhaupt auftaucht, wird nicht wirklich erklärt. Er ist einfach plötzlich da und prügelt auf Hedorah ein. An einer Stelle wird dies beiläufig und arg fadenscheinig mit einer telepathischen Verbindung des Jungen mit dem grünen Monster erklärt, aber letztendlich ist dies doch nur reine Willkür der Autoren und kein zwingendes Motiv.

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Verabschiedet man sich also von traditioneller Kaiju-Konvention, explodiert einem die Experimentierfreude förmlich vor den Augen. Da wird der Film mit einer beinahe nach James Bond schmeckender Titelsequenz eingeläutet, in der die Sängerin Keiko Mari einen Ohrwurm über die Gefahren der Umweltverschmutzung schmettert, der fast vollständig aus der Aufzählung diverser Giftstoffe besteht. Immer wieder auch werden auf dem Meer treibende Mülllandschaften gezeigt, deren Zentrum eine zerstörte Kleiderpuppe einnimmt. Später führt der Film in eine psychedelisch ausgeleuchteten Discothek, wo ebenfalls eine Version des Liedes zum Besten gegeben wird und einer der Darsteller auf die anderen Besucher Fischköpfe halluziniert. Zwischendurch werden Zeichentricksequenzen wie aus der „Sendung mit der Maus“ eingeblendet, Dia-Vorträge über das Weltall abgehalten und wenn Hedorah über die Stadt fliegt fallen links und rechts skelettierte Körper zu Boden (ein no-go im Godzilla-Franchise, wo sonst nie Tote gezeigt wurden). In einer der schönsten Szenen, gerät eine Protagonist am Fuße des Fuji zu einem spontanen Happening junger Leute mit Musik und Tanz, während die Alten wie Geister hinter den Büschen hocken und das Treiben mit toten Augen beobachten. Und wenn Hedorah wieder Schlamm auf seine Gegner spritzt, erinnert dies an eine heftige Ejakulation.

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Für Regisseur Yoshimitsu Banno, der zuvor als Regie-Assistent bei Ishiro Honda und drehte den Film „Birth of the Japanese Islands“ für die Weltausstellung in Osaka 1970. Dabei lernte er Tomoyuki Tanaka kennen, der den jungen Regisseur mit dem neuen Godzilla-Film beauftragte. Was er bekam gefiel ihm allerdings gar nicht. Am heftigsten missfiel ihm die Szene, in der sich Godzilla plötzlich mit Hilfe seines Atomatmens in die Lüfte erhob. Für Banno sollte es dann auch sein erster und letzter Spielfilm bleiben. Was sehr schade ist, denn die übersprudelnde Fantasie und naive Kreativität hätte man gerne noch in einem weiteren Kontext gesehen. Immerhin taucht Bannos Name 43 Jahre später unter den Produzenten des amerikanischen „Godzilla“-Films von Garth Edwards auf. Doch dieser ist vom enthemmten Irrsinn eines „Teufelsmonster“ denkbar weit entfernt. So aber blieb „Frankenstein in Kampf gegen die Teufelsmonster“ der einzige Blick auf Bannos Fähigkeiten als Regisseur und gleichzeitig der polarisierenste Godzilla-Film der ganzen Reihe, der von der einen Fraktion ebenso vehement abgelehnt, wie von einer kleineren hemmungslos geliebt wird. Trotz und gerade wegen seiner Fehler und der Weigerung nach den Regeln zu spielen.

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Als konventioneller „Godzilla“-Film funktioniert „Frankenstein im Kampf gegen die Teufelsmonster“ nur sehr bedingt, aber als wagemutiges Experiment am Rande des Irrsinns, ohne Rücksicht auf irgendwelche Regeln oder den Geschmack des Publikums, ist er für ein dafür empfängliches Publikum eine sehenswerte, stellenweise fast avantgardistische, Entdeckung. Allerdings sollte man darauf gefasst sein, dass Yoshimitsu Banno einem seine ökologische Botschaft mit dem Dreschflegel einprügeln möchte.

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Mit seiner nunmehr 10. „Kaijun Classics“-Ausgabe hat Anolis wieder einmal einen sehr hohen Standard gesetzt. Von außen nicht ersichtlich, enthält das edle Steelcase nicht nur eine, sondern gleich zwei DVDs, die jeweils mit hochinformativen Extras aufgewertet wurden. Disc 1 enthält die Japanische Fassung des Filmes in einer hervorragenden Bildqualität. Neben der deutschen Synchronisation (fehlende Stellen werden im Original mit Untertiteln belassen), kann der geneigte Zuschauer noch wahlweise einen Audiokommentar mit den renommierten Experten Jörg Buttgereit und Bodo Traber oder Florian Bahr zuschalten. Des weiteren an Bord, ein 11-minütiges Interview mit Yoshimitsu Banno, welches Jörg Buttgereit 2002 geführt hatte. Der japanische und us-amerikanische Trailer sowie schönes internationales Werbematerial sind ebenfalls enthalten. Das Bild der deutschen Fassung auf Disc 2 ist einen Tick schlechter, aber immer noch sehr gut. Hier findet man neben japanischer und deutschen Tonspur, einen Audiokommentar von Monster-Fan Thorsten Rosemann, der schon zu „Frankenstein – Zweikampf der Giganten“ einen AK beisteuerte. Wer es kurz und nostalgisch mag, der kann die – leider rotstichige – 33-minütige deutsche Super-8-Fassung bestaunen. Der deutsche Trailer und deutsches Werbematerial runden die Disc ab. Nicht unterschlagen sollte man auch das sehr schön gewordene, 20-seitige Booklet, welches von Ingo Strecker verfasst wurde. Alles in allem, eine wunderschöne Veröffentlichung, die keine Wünsche übrig lässt.

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