DVD-Rezension: “7th Floor – Jede Sekunde zählt”

Von , 29. November 2014 18:06

7th floorAls der ebenso erfolgreiche, wie skrupellose Anwalt Sebastián (Ricardo Darín) eines Morgens seinen Sohn und seine Tochter von seiner Ex-Frau Delia (Belén Rueda) abholt, spielen sie wie so oft das „Treppenspiel“. Dabei liefern sich Kinder ein Vater ein Wettrennen. Während er langsam mit dem Lift fährt, rasen die Kinder durch das Treppenhaus vom 7. Stock ins Erdgeschoss. Doch diesmal kommen sie nicht unten an. Obwohl Sebastián, der vor einem wichtigen Gerichtstermin steht, verzweifelt nach ihnen sucht, bleiben die Beiden verschwunden. Sebastiáns Panik wächst…

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Für ein Elternteil ist es der absolute Albtraum: Eben noch hat man fröhlich mit seinen geliebten Kindern gespielt, dann sind sie auf einmal spurlos verschwunden. Aus dieser Prämisse zimmert Regisseur Patxi Amezcua in seinem zweiten Spielfilm „7th Floor“ einen ungemein spannenden und intensiven Thriller. Zumindest in der ersten Hälfte. Hier zieht er zusammen mit seinem Hauptdarsteller Ricardo Darín alle Register. Ricardo Darin ist spätestens nach seiner Hauptrolle in dem oscar-prämierten „In ihren Augen“ (der damals „Das weiße Band“ als bester fremdsprachiger Film im Rennen um den Goldjungen schlug) ein Star. Durchaus zu recht, wie er hier beweist. Trotz seines nicht unbedingt Filmstar-gemäßen Aussehens (er erinnert mich immer etwas an eine ältere Mischung aus Scooters H.P.Baxxter und Tobias Moretti) wirkt er vor allem authentisch und besticht durch großes Charisma. Interessant ist auch, dass seine Figur Sebastián nicht unbedingt ein Sympathieträger ist. Als Anwalt zwielichtiger, aber finanzstarker, Mandanten hat er sein Gewissen schon lange am Gerichtsempfang abgegeben. Zudem hatte er keine Skrupel, seine Frau mit ihrer besten Freundin zu betrügen. Doch die Liebe zu seinen Kindern ist größer als sein persönliches Ego. Auf der verzweifelten Suche nach ihnen zerbröckelt Stück für Stück die Fassade.

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Sebastiáns Verzweiflung nimmt immer mehr paranoide Züge an. Irgendwann verdächtigt er einfach jeden, etwas mit der Sache zu tun zu haben. Er bedroht die Bewohner des Hauses, dringt in fremde Wohnungen ein und schreckt auch vor körperlicher Gewalt nicht zurück. Gleichzeitig ruiniert er seine Karriere, da er erkannt hat, dass das Wohl seiner Kinder ihm wichtiger ist. Zunächst beschwichtigt er noch seine Kollegen und bittet sie, mit dem Beginn eines wichtigen und lukrativen Prozesses noch ein wenig auf ihn zu warten. Glaubt man zunächst noch, er könne sich jeden Moment entscheiden, doch zum Gericht zu fahren, so ist er am Ende bereit, für seine geliebten Kinder alles zu opfern. Wie dieser selbstbewusste Machtmensch immer mehr zerfällt und ganz auf das Einzige zurückgeworfen wird, das ihm an Ende noch wichtig ist, wird von Ricardo Darin überaus überzeugend gespielt. Dabei gelingt ihm das Kunststück, Sebastián trotzdem nicht unbedingt zu einem strahlenden Helden aufzubauen. Seine Figur bleibt real, weil ambivalent gezeigt wird. Ein Mann, mit dem man mitfiebert, den man aber nicht unbedingt auf ein Bier einladen würde.

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Die Nebenfiguren haben dabei eher weniger zu tun. Insbesondere ist dies bei der ansonsten immer hervorragend agierenden Belén Rueda auffällig. Hatte sie in „Das Waisenhaus“ und erst vor Kurzem in dem spanischen Thriller „The Body“ (Kritik hier) strahlen können, so bleibt sie hier blass und unglaubwürdig. Was möglicherweise auch an ihrer Rolle liegt, die zunächst sehr wenig präsent und wenn, zumeist negativ besetzt ist. Sie steht Sebastián bei seiner verzweifelten Suche eher im Weg, als dass sie ihn wirklich unterstützt. Am Ende bekommt sie zwar mehr zu tun, geht aber mitsamt der Geschichte unter. Womit hier schon auf die große Schwäche des Filmes eingegangen werden muss. Während es Amezcua in der ersten Hälfte perfekt gelingt, eine dichte Spannung und allgemeine Stimmung der Bedrohung zu schaffen, geht der Geschichte in dem Moment, in dem sich das Geheimnis um die beiden Kinder als simple Entführung herausstellt, schlagartig die Luft aus. Zwar gelingt es Amezcua auch hier noch, mit einigen Spannungssequenzen, in denen der zunehmend irrational handelnde Vater den scheinbar ausweglosen Versuch unternimmt, das Lösegeld zu beschaffen, seinen Film weiter voranzutreiben. Die Faszination und Angespanntheit, die den Zuschauer zu Beginn noch fest im Griff hatte, hat sich da aber in Luft aufgelöst und wurde durch einen routinierten, aber unspektakulären Thriller von der Stange getauscht.

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Macht sich hier schon erste Enttäuschung breit, so muss der finale Twist dann als ein Schlag ins Gesicht gewertet werden. Als ob Amezcua keine Idee mehr gehabt hätte, wie er seine anfangs so packende Story zu einem befriedigenden Ende führen könnte, setzt er auf eine Auflösung, die ebenso banal, wie haarsträubend unlogisch ist, und völlig ohne Not gewaltige Löcher in den Film reißt. Dass dies dann auch noch schlecht gespielt ist, wirkt in diesem Zusammenhang beinahe schon konsequent. Trotzdem sollte man Patxi Amezcua im Auge behalten, denn zumindest teilweise kann er mit „7th Floor“ beweisen, dass er es versteht, eine fieberhafte Spannung zu erzeugen. Wie er das Apartmenthaus als ganz eigenen Kosmos voller Geheimnisse und Fallen inszeniert, erinnert entfernt an Polanskis Meisterwerk „Der Mieter„, auch wenn „7th Floor“ natürlich einige Ligen darunter agiert. Vielleicht gelingt es ihm in seinem nächsten Langfilm, diesen dann auch über die Zeit zu bringen.

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Leider geht dieser spanisch-argentinischen Koproduktion in der zweiten Hälfte deutlich die Luft aus und das Finale enttäuscht dann endgültig durch seine unlogische Banalität. Bis dahin ist es Regisseur Patxi Amezcua allerdings gelungen, einen überaus spannenden und packenden Thriller zu inszenieren, der vor allem durch seinen wunderbaren Hauptdarsteller Ricardo Darín getragen wird. Umso ärgerlicher ist es, dass Amezcua zum Ende hin, den Karren immer tiefer in den Dreck fährt.

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Die Ascot-Elite DVD gibt keinen Anlass zu Beanstandung. Bild und Ton sind sehr gut, und diese Veröffentlichung weist auch einige Extras auf. So befindet sich ein 27-minütiges „Making Of“, welches allerdings mit zahlreichen Filmausschnitten gespickt ist. Auch sonst ist das Making Of eher nichtssagend, da die Darsteller ihre Figuren erklären und der Regisseur vor allem die Story erzählt. Kennt man den Film bereits, lädt dies – in Kombination mit dem ständigen sich gegenseitig auf die Schulter klopfen aller Beteiligten – eher zum Gähnen ein, da hier nur wiedergekäut wird, was man vorher gerade gesehen hat. Einige wenige interessante Einblicke in die Dreharbeiten sind aber ganz aufschlussreich. So wird z.B. verraten, dass das Apartmenthaus gar keine 7. Etage hatte und diese digital erzeugt wurde. Drei jeweils 2-minütige Featurettes fügen dem nicht wirklich viel hinzu.

Zwei Veranstaltungshinweise für Freunde des „Unterschlagenen Films“

Von , 26. November 2014 20:45

Wer sich für die merkwürdigen Gewässer jenseits der bekannten cineastischen Handelsrouten interessiert, der kann in dieser Woche froh sein, in Bremen zu wohnen. denn für die Freunde des Abseitigen, stehen gleich zwei Veranstaltungen auf dem Programm.

Am Donnerstag, den 27.November heißt es im Kommunalkino City 46 wieder „Willkommen bei Weird Xperience“. In dieser Reihe – dich ich selber mit betreue – wird diesmal David Cronenbergs seltsamer Klassiker „Videodrome“ gezeigt. Da dieses Werk nie in deutschen Kinos lief, greifen wir hier auf eine digitale HD-Projektion zurück. Gezeigt wird der Film in Originalfassung und im Unrated-Director’s Cut.

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Mehr Infos gibt es unter http://weird-xperience.de

Am Freitag, den 28. November stellt Christian Keßler um 21:00 uhr im Lagerhaus sein neues Buch „Wurmparade auf dem Zombiehof – Vierzig Gründe, den Trashfilm zu lieben“ vor. Versprochen ist keine einfache Lesung, sondern quasi eine Multimedia-Show mit zahlreichen Filmausschnitten. Meine buch-Rezension findet ihr hier. Mehr zur Veranstaltung findet man unter http://www.kulturzentrum-lagerhaus.de

Update 27.11.: Heute auch in der taz.

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Originalfassungen in Bremen: 27.11.14 – 03.12.14

Von , 26. November 2014 20:43

Eine recht langweilige Woche steht den Freunden der O-Fassung bevor. Aber immerhin: Der neue Woody Allen und ein Cronenberg-Klassiker stehen auch auf dem dünnen Programm.

Kill the Boss 2 – Cinemaxx, So./Mo./Mi. jeweils 19:00 – Fortsetzung der US-Mainstream-Komödie mit den meisten Darstellern aus dem ersten Teil (Jennifer Aniston, Jason Bateman, Kevin Spacey), aber neuem Regisseur. Diesmal machen die getriezten Angestellten eine eigene Firma auf, die ihnen flugs wieder abgegaunert wird. Das schreit nach Rache.

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Interstellar – Cinemaxx, Fr. 28.11. um 19:30 – Der neue Film von Christopher Nolan wird so ziemlich überall abgefeiert. Auf der Suche nach alternativen Lebensräumen wird ein Raumschiff in den Weltraum geschickt. Mit Matthew McConaughey und Anna Hathaway.

Deliha – Cinemaxx, Do.-Mo. Immer 20:30 – Türkische Komödie um eine chaotische junge Frau auf der Suche nach der großen Liebe.

Birlesen Gönüller – Cinemaxx, So., 30.11. um 20:00 – Türkisches Drama um ein nordkaukasischen Türkenpaar, welches sich in den Schrecken des 2. Weltkrieges verliert.

Die Tribute von Panem – Mockingjay Teil 1 – Cinemaxx, Do.-Sa. Und Di./Mi. immer 19:00 & CineStar, So., 30.11. um 20:00  – Da man mit zwei Filmen mehr Geld macht als mit einem, wurde der letzte Roman der Panem-Trilogie nun kurzerhand auf zwei Filme aufgeteilt.

Magic in the Moonlight – Atlantis, So. 30.11. um 20:00 & Schauburg, Mo. 1.12. um 12:00 – Unseren jährlichen Woody Allen gib uns heute. Diesmal lässt der Meister seine Geschichte an der Cote d’Azur in den 20er Jahren spielen. Mit Colin Firth und Emma Stone.

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Happy New Year – City 46, Fr. 28.11. um 17:30 und So. 30.11. um 20:00 – Einer neuer Bollywood-Film mit Shah Rukh Khan. Inszeniert von der großartigen Bollywood-Regisseurin und -Choreographin Farah Khan. Um einen spektakulären Raub zu begehen, muss eine Gaunerbande einen Tanzwettbewerb gewinnen.

Concerning Violence – City 46, Mo./Mi. um 18:00 und Di. um 20:30 – Reportage von Göran Hugo Olsson über die Aufständen, die zwischen 1966 und 1984 zur Entkolonialisierung Afrikas führen.

The Green Prince – City 46, Do., Sa.-Mi. immer 20:00 – Dokumentarfilm über den Sohn eines der sieben Gründungsmitglieder der Hamas, welcher zehn Jahre lang unter dem Namen „The Green Prince“ ein Spion Israels war.

Tru Love – City 46, Fr. 28.11. um 20:45 – Kanadischer Queerfilm um das Liebesdreick zwischen einer lesbischen Frau, ihrer Freundin und deren attraktiven Mutter.

Videodrome – City 46, Do., 27.11. um 20:30 – David Cronenbergs SF-Paranoia-Horror-Satire. Das Meisterwerk wird in unserer Reihe Weird Xperience im Unrated-Director’s Cut gezeigt. http://weird-xperience.de/

Sneak Preview – Cinemaxx, Mo., den 1.12. um 19:00

Sneak Preview – Schauburg, Mo., den 1.12. um 21:45

Filmbuch-Rezension: Christian Keßler “Wurmparade auf dem Zombiehof – Vierzig Gründe, den Trashfilm zu lieben“

Von , 25. November 2014 19:39

Cover_TrashChristian Keßler dürfte jedem, der sich für das europäische Exploitation-Kino interessiert, ein Begriff sein. Ich würde sogar so weit gehen zu behaupten, dass er mit seinen enthusiastischen und humorvollen Artikeln in der legendären „Splatting Image“ viele Leser erst dazu gebracht hat, sich mit diesem Sujet zu beschäftigen. So hat er geholfen die Saat für die zahlreichen Blogs und Foren zu legen, in denen sich heute lebhaft über den italienischen oder spanischen Genrefilm der 60er und 70er Jahre ausgetauscht wird.

Ich erinnere mich noch sehr genau an meine erste Begegnung mit einem Christian-Keßler-Text. Es war in der „Splatting Image“ Nummer 29, und es ging um italienische Polizeifilme. Für jemanden wie mich, der mit Filmbüchern von Georg Seesslen und Joe Hembus aufgewachsen war, ist der lockere Plauderton und die zahlreichen Wortspiele zunächst sehr befremdlich gewesen. Nein, ich konnte damit nichts anfangen und fand es erst einmal albern, so „unernst“ über Film zu schreiben. Doch nach einer kurzen Eingewöhnungsphase schlug mich der „Keßler-Slang“ immer mehr in seinen Bann. Bald schon waren seine Artikel immer das Erste, was ich aufschlug, wenn mir die nächste „Splatting Image“ ins Haus flatterte. Man spürte in seinen Texten nur nicht ein Lächeln und eine tiefe Liebe zu seinen Themen, sondern auch eine ungeheure Lust am Spiel mit der Sprache, welches stark an Max Goldt erinnert. Und an der Verschleierung ernster Themen durch einen nur scheinbar harmlos-lustigen Satz.

Gerade Letzteres kennzeichnet auch sein nun im Martin-Schmitz-Verlag erschienenes Buch „Wurmparade auf dem Zombiehof – Vierzig Gründe, den Trashfilm zu lieben“. Wie viele der nur scheinbar simplen, und auf vordergründiges Spektakel gebürsteten „Trash“-Filme, die er hier vorstellt, schmuggelt Christian Keßler durchaus ernste Themen, die ihm ans Herz legen,mit seinen humorvollen Texten ins Unterbewusstsein seiner Leser. So entpuppt sich manch lockere dahin geworfene Pointe beim näheren Hinsehen, als durchaus manchmal bitterer Kommentar auf die Missstände des Lebens. Aber hier liegt natürlich nicht der Schwerpunkt des Buches. Tatsächlich steht der Spaß und die Freude am sogenannten „Trashfilm“ im Vordergrund. Alles andere liest wahrscheinlich nur diejenigen zwischen den Zeilen, die Christian Keßlers pointierten Einträge auf seinem Facebook-Profil kennen, wo auch manchmal unter der Maske des Hofnarren eine unbequeme Wahrheit ausspricht.

Ein Wort zum Begriff „Trashfilm“, den Christian Keßler selber nicht mag, wie er in der Einleitung schreibt. Einen Film als Müll zu bezeichnen, hätte etwas abwertendes, nichtssagendes, was den in seinem Buch vorgestellten Filmen nicht gerecht wird. Man solle doch bitte mit ihnen Lachen und nicht über sie. Mich selber erinnert eben dieses immer an den berühmten Vergleich mit dem Baby, das laufen lernt. Dieser wird zwar in erster Linie immer herangezogen, wenn es um Motivation geht, aber ich finde, er kann auch hier angebracht werden. Wenn ein Baby sich bemüht zu laufen, es dies aber noch nicht kann und darum ständig auf den Hintern plumpst, lacht man es ja auch nicht aus, weil es zu blöde für so eine einfache Sache wie laufen ist, sondern man muntert es auf, lobt die Anstrengungen, und wenn man lacht, dann weil es so niedlich aussieht, wie es immer wieder „bums“ macht. So sollte man es auch mit dem „Trashfilm“ halten, auch wenn einige davon – wie „Mosquito, der Schänder“ – ganz bestimmt nicht „niedlich“ sind.

Christian Keßlers Buch ist in 10 Abschnitte unterteilt. 10 exotische Inseln im Zelluloid-Ozean, zu denen uns ein alter Seebär auf seinem Kahn mitnimmt. So zumindest die anfängliche Idee, die dann am Ende des Buches wieder aufgenommen wird. Zunächst geht es zu den „Eisbrechern“. Jenen Filmen, die Sonnenstrahlen ins verknöcherte Herz der Mainstream-Gucker werfen sollen. Hier begegnen uns Hermann Umgar aus „Die Wurmfresser“, die Ratten von Manhattan aus Bruno Matteis „Riffs 3“, die legendären „Mad Foxes“ und der unfassbare „Türkisch Star Wars“. Wer hier schon abwinkt, der kann die Reise auch gleich abbrechen, denn er ist ein hoffnungsloser Fall.

Weiter geht es mit „Klassiker“, wo man dann auch auf Ed Wood stößt, über „Monsterfilme“, „Männerfilme“ (hauptsächlich Söldnerware, aber auch „Django und die lüsternen Mädchen von Porno Hill“), „Frauenfilme“ u.a. mit Doris Wishman und ihrer Entdeckung Chesty Morgan, „Bauernfilme“ (mit dem titelgebenen „Zombiehof“), „Kirchenfilme“, bei denen selbstverständlich auch Wenzel Storch zugegen ist, „Mutantenfilme“ und hin zu – last but not least – „Penisfilme“. Gerne macht sich Christian Keßler ein Spaß daraus, Filme in den jeweiligen Kategorien vorzustellen, die auf den ersten Blick nicht unbedingt etwas mit dem jeweiligen Abschnitt zu tun haben. Warum zum Beispiel John Waynes ultra-konservativer „The Green Berets“ unter „Mutantenfilme“ zu finden ist, darüber möge sich jeder selber seine Gedanken machen. Schön auch, wie Keßler hier und da alte Freunde mit einem Text bedenkt und deren Filme den verdienten Kontext gibt. Wie „Operation Dance Sensation“ von Thilo Gosejohann oder „Der Glanz dieser Tage“ von Wenzel Storch. Der Hinweis auf seinen Verlags-Kollegen Jörg Buttgereit und dessen Buch „Die Monsterinsel“ fehlt da natürlich auch nicht.

„Wurmparade auf dem Zombiehof“ ähnelt in vielerlei Hinsicht einem stream of consciousness, als einem lange recherchiertem Werk, an dem der Autor Jahre gesessen hat. Christian Keßler besitzt eine umfangreiches Wissen über die Filme, die er hier beschreibt und so wirken die Texte oftmals wie eine launige Plauderei aus dem Stehgreif, die gerne auch mal hier oder dorthin driften kann. Da wird dann auch schon mal ein Gespräch in einer 80er-Jahre Ruhrpott-Videothek simuliert. Das soll aber nicht den Informationsgehalt des Buches schmähen. Trotz des lockeren Tones und den lustigen Scherzen werden dem Leser auch zahlreiche Anekdoten und Informationen über die Filmemacher mitgegeben. Z.B. was mit dem Huhn aus „Pink Flamingos“ geschah, dem das Buch gewidmet ist.

Wer Christian Keßlers bisherige Arbeiten – vor allem für die Splatting Image“ – kennt, dem wird hier einiges bekannt vorkommen, er wird aber auch viel Neues entdecken können. Denn der Ozean ist weit und niemand kann bereits jede Insel angefahren haben. Und Neuland zu betreten, sei hiermit ausdrücklich jedem alten Skipper, und vor allem den vielen neuen Leichtmatrosen da draußen empfohlen.

Wer Christian Keßler gerne einmal persönlich erleben möchte, der hat am Freitag, den 28. November um 21:00 Uhr im Bremer Lagerhaus die Gelegenheit. Ich werde auf jeden Fall da sein und freue mich auch schon auf die Filmausschnitten, welche die Lesung begleiten sollen.

Christian Keßler “Wurmparade auf dem Zombiehof – Vierzig Gründe, den Trashfilm zu lieben, Martin Schmitz Verlag, 288 Seiten, € 18,80

Das Bloggen der Anderen (24-11-14)

Von , 24. November 2014 21:12

bartonfink_type2-Am 19. November verstarb der Regisseur Mike Nichols, der hierzulande vor allem mit seinen Filmen „Die Reifeprüfung“ und „Catch-22“ bekannt wurde. Der Kinogänger hat Nichols mit einem informativen Nachruf bedacht. Als einziger Blog übrigens. Ferner gibt es hier auch wieder Neues aus Hollywood.

– Auf Trickfilmstimmen.de kann man die spannende Geschichte über die erste Synchronisation von Walt Disneys „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ nachlesen, welche im Jahre 1938 entstand.

– David Cronenberg ist unter die Romanautoren gegangen und hat ein gar seltsames Werk abgeliefert, welches unter dem Titel „Verzehrt“ nun auch auf Deutsch erschienen ist und von LZ auf screen/read besprochen wird.

– Manfred Polak stellt in einem höchst lesenswerten Artikel auf Whoknows presents einige „Großstadt-Kammermusikstücke“ vor. Also, die „Großstadt-Sinfonie“ in Miniatur. Einige davon kannte ich schon, andere sind mir neu und hübscherweise werden auch gleich die entsprechenden Video-Links dazu geliefert.

– Bemerkenswerter Weise erwähnt auch Lukas Foerster in seiner Vorstellung des Filmes „Aufruhr des Blutes“ von 1929 auf Dirty Laundry die „city-symphony-montage“.

– Auf dem Filmfest Regensburg ist Mike Hodges eine Retrospektive gewidmet, was Michael Fleig auf critic.de zum Anlass nimmt, diesen heute eher unbekannteren Regisseur (der immerhin mit dem wunderbaren Pop-Comic-Trash „Flash Gordon“ einen meiner Lieblingsfilme drehte) näher vorzustellen.

– Joachim Kurz thematisiert auf B-Roll noch einmal den langsamen Niedergang des Internationalen Filmfestivals Mannheim-Heidelberg. Anlässlich seines neuen Films „Einer nach dem Anderen“ wird Regisseur Hans Petter Moland interviewt und Lucas Barwenczik stellt das legendäre Anime-Studio Ghibli und seine weniger bekannte Musikvideo-Arbeit vor.

– Einen wichtigen und vielbeachteten Artikel hat Rüdiger Suchsland auf Negativ über die stillschweigende Vertragsverlängerung mit Berlinale-Direktor Dieter Kosslick geschrieben.

– Auf Hard Sensations ist es in letzter Zeit leider ausgesprochen ruhig geworden. Nun hat Jamal Tuschick seine Gedanken zu „Am Sonntag bist Du tot“ und Christian Petzolds „Phoenix“ niedergeschrieben. Beide scheinen ihm gefallen zu haben.

– Udo Rotenbergs Artikel über „Frankfurt Kaiserstrasse“ auf Grün ist die Heide, beweist einmal mehr, wie interessant die deutsche Filmlandschaft der 70er und frühen 80er Jahre war – und wie viel davon heute zu Unrecht vergessen. Den Namen Roger Fritz merke ich mir auf jeden Fall. h

– Oliver Nöding nimmt auf Remember It For Later eine persönlichen Quentin-Tarantino-Retrospektive vor. In dieser Woche arbeitet er sich von „Pulp Fiction“ über „Jackie Brown“ bis „Django Unchained“ vor. Besonders schön finde ich dabei, dass er genau die Gedanken, die ich zu diesen Filmen hatte – insbesondere meinen Lieblings-Tarantino „Kill Bill Vol. 2“ – , in griffige und kluge Worte packt und dazu noch einige weitere Denkanstöße liefert. Von daher habe ich die Texte allesamt sehr genossen. Ich bin also nicht ganz allein mit meiner noch immer anhaltenden Begeisterung – und gleichzeitiger Skepsis, was die „Fanboys“ und Trittbrettfahrer angeht.

– Patrick Holzapfel schreibt auf Jugend ohne Film über „expanded cinema“ und den Versuch der diesjährigen Viennale, dieses in einen Kinosaal zu sperren.

– Cutrin hat für filmosophie den neuen Film des von mir hochverehrten Roy Andersson gesehen und stellt fest :“Tatsächlich gibt es in den Bildern so viel zu entdecken, dass sich der Film trotz der langsamen Erzählweise kaum in die Länge zieht.“

– Ein neuer Woody Allen? Ja, wurde ja auch Zeit. Schließlich kommt mit schöner Regelmäßigkeit jedes Jahr ein Film von ihm in die Kinos. Von „Magic In the Moonlight“ hatte ich im Vorfeld gar nichts mitbekommen. Wahrscheinlich bin ich darum so überrascht. Frank Schmidtke von cinetastic.de mochte ihn.

Going to the movies schreibt über den neuen Film des unberechenbaren James Franco: “Child of God“, der ihn wieder verwirrt zurücklässt und ihn fragen lässt, „ob Franco nun einfach nur eine coole Rebellen-Sau ist, der einfach auf alles scheißt oder ob der gute Mann nicht mehr ganz rund läuft.“

– Oliver Armknecht hat auf film-rezensionen.de ebenfalls „Child of God“ besprochen, der ihn sehr mitgenommen hat, dem seiner Meinung nach, aber auch der Spannungsbogen fehlt. Mit „Graceland“ (meine Kritik hier) geht er ebenfalls härter ins Gericht, auch wenn er findet, dass der Film als Milieustudie großen Eindruck hinterlässt. Und dann gibt es wieder eine Animationsfilm-Empfehlung. Diesmal „Technotise“ aus Serbien (!).

– YP und PD haben sich für ihren Film im Dialog diesmal einen Klassiker ausgesucht: John Fords „Früchte des Zorns“.

– Auch ein Film von meiner stetig wachsenden „Muss-ich-noch-gucken“-Liste: Bob Rafelsons Drogen-Trip „Head“ mit den Monkees. Sascha Nolte hat ihn gesehen und auf Die seltsamen Filme des Herrn Nolte besprochen.

– Ich liebe Jean Rollins Filme. Yzordderrexxiii wird mit seinem „Requiem for a Vampire“ nicht ganz warm, räumt aber auch ein, ihn unter nicht optimalen Umständen gesehen zu haben: „Rollins Filme sind nicht dafür gemacht, sie auf einem kleinen Computerbildschirm zu sehen. Sie gehören ins Kino.“. Genau!

– Auf Mehrfilm hat Christian Gertz ausführlich mehrere Streaming-Dienste (für mich ja der Teufel in digitaler Gestalt, aber wohl leider auch die Zukunft des Filmeanschauens – siehe ein Punkt weiter oben) getestet und seine Erfahrungen, Pros und Contras zusammengefasst.

– Und zum Schluss: Auf Schlombies Filmbesprechungen gibt es wieder eine Folge von „Die Filmbesprechungen der Anderen“.

DVD-Rezension: “Das Mädchen von Triest”

Von , 23. November 2014 19:47

Mädchen von TriestDer Comic-Zeichner Dino Romani (Ben Gazzara) lernt am Strand die wunderschöne, junge Nicole (Ornella Muti) kennen, die gerade von zwei Männern vor dem Ertrinken gerettet wurde. Nicole sucht ihn kurze Zeit später in seinem Haus auf, wo sie gleich miteinander schlafen. Fortan treffen sie sich immer wieder, wobei Nicole einen Hang zu provozierenden Eskapaden und Märchengeschichten über ihr Leben auffällt. Romani versucht daraufhin herauszufinden, was hinter allem dem steckt und wer Nicole wirklich ist. Seine Recherchen offenbaren ihm, dass Nicole an schwerwiegenden psychischen Störungen leidet und in einer offenen Anstalt lebt…

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Regisseur Pasquale Festa Campanile hat sich vor allem mit Sex-Komödien und dem harten Meisterwerk „Wenn Du krepierst, lebe ich“ (kommt demnächst von OFDb Filmworks) einen Namen gemacht. Nebenbei hat er scheinbar auch Zeit gehabt, Romane zu schreiben. So verfilmte er 1981 mit „Das Mädchen von Triest“ sein eigenes Buch. Man kann wohl davon ausgehen, dass er der Figur des Dino Romani, eines alternden Künstler, der sich von seiner Arbeit ein prächtiges Haus leisten kann, durchaus biographische Züge gegeben hat. Sollte dem so sein, hat Herr Campanile ein gesundes Selbstempfinden. Der Comic-Zeichner Dino Romani ist nämlich einer, dem die jungen Frauen reihenweise verfallen, auch wenn er nicht unbedingt den sympathischsten Eindruck hinterlässt. Solche Altherren-Fantasien sind ja in Literatur und Film nicht gerade selten, hinterlassen aber häufig einen muffigen Nachgeschmack. Hier ist es eine blutjunge und überirdisch schöne Ornella Muti, die dem alten Künstler mit Haut und Haar verfällt.

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Diese nicht unbedingt realistische, aber von vielen älteren Herren sicherlich gerne herbei geträumte, Geschichte, mündet dann für Dino Romani in dem Luxusproblem, dass er die sich nach ihm verzehrende Nicole nicht mehr los wird. Gleichzeitig ist er aber auch zu sehr von ihr fasziniert, um sich von ihr lösen zu können. Und gerade als ihm klar wird, dass Nicole extreme, psychische Störungen hat, überkommt ihn ein Helfer-Syndrom welches – so ist zumindest der Eindruck – aber vor allem dazu dient, vor sich selbst in einem guten und edlen Licht zu stehen. Den Endruck, das ier eine innige Liebe entstanden ist, erweckt Romani nämlich nicht. Als ihm die Hintergründe für Nicoles mysteriösen Verhalten noch nicht klar sind, ist er über ihre Eskapaden amüsiert, lässt sie aber auch jederzeit spüren, dass er sich ihr intellektuell überlegen fühlt. Sein oftmals süffisantes Lächeln verrät ihn dabei. Als ihre Aktionen immer extremer werden, wendet er sich zunächst angeekelt ab. Nur um dann das geheimnisvolle, und dadurch für ihn erst begehrenswerte, Wesen, wieder mit seiner Gegenwart zu bedrängen.

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In der IMDb ist der Film u.a. mit dem Schlagwort „Thriller“ codiert, was allerdings übertrieben ist. Zwar gibt es einen Plot, in dem Romani wie eine Detektiv versucht, die Identität Nicoles aufzudecken, doch dieser ist sekundär und auch nicht besonders spannend, sondern eher beiläufig inszeniert. Komponist Riz Ortolani hat einen schönen Score verfasst, der ebenfalls Thriller-Elemente aufnimmt und sehr bedrohlich tönt, wenn offenbar wird, dass Nicole psychisch krank ist und Romani verfolgt. Die Szene, in der Nicole um Romanis Haus schleicht, während dieser sich drinnen versteckt, ist sogar recht effektiv geworden. Auch Nicoles finales Gleiten in den Wahnsinn gerät sehr überzeugend. Insbesondere, wenn sie sich einbildet, von Kakerlaken bedroht zu werden, oder am Strand einen jungen Mann verführt, spürt man deutlich die Verwirrtheit ihres Geistes. Hier wird der Film nach langem Vorgeplänkel dann wirklich interessant, endet dann aber auch recht abrupt.

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Ornella Muti macht ihre Sache sehr gut und wird von Campanile überaus begehrenswert ins Bild gesetzt. Man kann gut verstehen, weshalb Dino Romani nicht von ihr los kommt, obwohl er wissen sollte, dass er damit zum Teil ihres Problems wird. Wie man aufgrund des Covers schon früh vermuten kann, beweist die Muti auch Sinn für Drastik, indem sie sich für die Rolle der Nicole den Kopf rasieren lässt. Ich gehe zumindest davon aus, dass dies kein Make-Up-Trick ist, auch wenn die Muti dadurch eine merkwürdige Kopfform offenbart, die ein wenig an die Coneheads erinnert. Möglicherweise hat sie ihr Haupthaar ja unter einer Gummiglatze verborgen. Vielleicht aber auch nicht. Zur Freude des männlichen Zuschauers, scheut sie sich auch nicht, nackt vor der Kamera zu agieren. Dies tut auch Mimsy Farmer. Zumindest von hinten. Mimsy Farmer spielte in den 70er und 89er Jahren in vielen italienischen Genrefilmen mit, wo sie aber häufig durch ein hysterisches Gehabe auffiel. Hier hält sie sich angenehm zurück und ist von Campanile auch ungewohnt weiblich und attraktiv inszeniert worden.

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Ben Gazzara als Dino Romani hat nicht wirklich viel mehr zu tun, als abwechselnd arrogant-überlegen oder in sich gekehrt und grübelnd zu schauen. Demgegenüber freut man sich darüber, einige beliebte Gesichter in den Nebenrollen zu sehen. Wie Romano Puppo, der einen Strandkiosk-Besitzer spielt. Oder Andréa Ferréol die eine arg überschminkte, und an eine Puffmutter erinnernde, Freundin von Nicole spielt. Der immer zuverlässige und sympathische Ex-Western-Star William Berger wird auf dem Cover der DVD zwar an erster Stelle aufgeführt, sein Auftritt dauert aber leider weniger als 30 Sekunden. Nouvelle-Vague-Star Jean-Claude Brialy als Psychiater hat allerdings eine sehr undankbare Rolle, da ihm vom Drehbuch einige sehr ungelenke Sätze in den Mund gelegt wurden und seine Figur nicht wirklich durchdacht ist. Auf der technischen Seite ist Alfio Contini Kameraarbeit unaufdringlich, aber präzise und mit viel Sinn für Bildkomposition.

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„Das Mädchen von Triest“ in ein langsam erzähltes Psychogramm einer ungleichen Beziehung, die von dem, sich langsam steigernden, Wahnsinn der jungen, von einer bildschönen Ornella Muti souverän gespielten, Nicole geprägt ist. Ihr deutlich älterer, männlicher Gegenpart zeichnet sich vor allem durch eine unsympathische Egozentrik aus. Kompetent von Regisseur Pasquale Festa Campanile nach seinem eigenen Roman in Bilder gesetzt, nimmt diese Altherren-Fantasie erst gegen Ende Fahrt auf.

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Der Film ist eine weitere Veröffentlichung der Ascot-Elite-Reihe „Cinema Treasures“. Wie so oft, erreicht das Bild hier einen guten Durchschnitt, aber nicht mehr. Der Ton liegt auf Deutsch und Italienisch vor. Da der Film in der alten deutschen Fassung offenbar geschnitten war, sind die fehlenden Stellen im Original mit deutschen Untertiteln eingefügt. Extras gibt es leider wieder keine.

DVD-Rezension: “Ein Sarg aus Hongkong”

Von , 21. November 2014 18:27

Sarg aus HongkongAls der Privatdetektiv Nelson Ryan (Heinz Drache) eines Abends nach Hause kommt, wartet dort eine unangenehme Überraschung in Form einer attraktiven, aber toten asiatischen Frau auf ihn. Schon bald taucht der Schwiegervater der Dame mitsamt Sekretärin auf und bittet Ryan, die mysteriösen Umstände des Todes seines Sohnes zu untersuchen. Ryan sagt zu und macht sich mit seinem Kumpel Bob Tooly (Ralf Wolter) auf den Weg nach Hongkong, wo der Verstorbene zuletzt gelebt hat. Dort geraten beide prompt in tödliche Gefahr…

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Ein Sarg aus Hongkong“ ist eine Co-Produktion zwischen Erwin C. Dietrich und Wolf C. Hartwig. Dies ist von daher bemerkenswert, als die beiden nur wenige Jahre später die größten Konkurrenten auf dem sich explosionsartig entwickelnden Sexfilm-Markt werden sollten. Erwin C. Dietrich mit Filmen wie „Mädchen, die am Wege liegen“ oder „Blutjunge Verführerinnen“, Hartwig mit seinen Report-Filmen, die 1970 mit dem „Schulmädchen-Report“ begannen. In „Die Stewardessen“ hat Dietrich auch einen schönen Seitenhieb auf den Kollegen eingebaut (siehe in der Besprechung des Filmes hier). Ursprünglich sollte Dietrich den Film für die Constantin allein produzieren, kam aber vor Ort in Hongkong mit der Crew des Filmes gar nicht zurecht und wurde dann gegen Hartwig ausgetauscht, der bereits vorher mit dem Regisseur Manfred R. Köhler zusammengearbeitet hatte. Allerdings war Köhler zuvor nur als Syncho-Regisseur und Drehbuchautor aufgefallen. Und sieht man sein Regiedebüt „Ein Sarg aus Hongkong“, merkt man leider deutlich, dass der Regiestuhl nicht unbedingt das passenden Mobiliar für ihn war.

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Mit „Ein Sarg aus Hongkong“ versuchten die Macher gleich zwei populäre Wellen des deutschen Unterhaltungskinos der frühen 60er abzugreifen. Einmal natürlich die zu diesem Zeitpunkt immens erfolgreichen Edgar-Wallace-Filme und andererseits die Abenteuer- und Spionagefilme, die im exotischen Asien – gerne auch in Hongkong – spielten. Gerade Wolf C. Hartwig hatte bereits eine ganze Reihe dieser „Asien-Reißer“ erstellt, wie „Heißer Hafen Hongkong“, „Weiße Fracht für Hongkong“ oder „Die Diamantenhölle am Mekong“. Wie bei den Wallace-Filmen wurde auch bei „Ein Sarg aus Hongkong“ ein populärer Autor prominent auf dem Filmplakat erwähnt. In diesem Falle James Hadley Chase, ein britischer Autor, der es auf fast 100 Romane brachte. Hauptdarsteller Heinz Drache ist der offensichtlichste Bezug zur Wallace-Reihe. Hatte er doch dort bereits die Hauptrolle in „Das indische Tuch“ und „Der Hexer“ gespielt. In „Ein Sarg als Hongkong“ ist er allerdings ein Schwachpunkt. Vielleicht liegt es nur an einer unvorteilhaften Ausleuchtung, aber er wirkt hier wächsern und aufgequollen. So gar nicht der smarte und fesche Hans Dampf, wie ihn das Drehbuch vorgibt. Hinzu kommt, dass Drache als Nelson Ryan nicht gerade sympathisch wirkt. Eher arrogant und ein Tick zu selbstverliebt.

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Erstaunlich – oder in Hinblick auf die beiden Produzenten vielleicht auch gerade nicht – ist der für 1964 recht offene Umgang mit Sex und Prostitution. Während in den Wallace-Filmen die Prostituierten erst einmal als Bar-Damen bezeichnet werden, ist hier völlig klar, dass sie Sex gegen Geld anbieten. Höhepunkt dürfte eine Speisekarte sein, aus der die Herren die passende Dame auswählen können. Aber der Film spielt ja auch in Hongkong und nicht in London, und dort ist alles etwas exotischer, bedrohlicher und „unzivilisierter“. Denn wie so oft, werden auch hier wieder alle rassistischen Klischees vom verschlagenen Asiaten und seinen „merkwürdigen“ Gebräuchen hervorgeholt, denen die überlegenen und „zivilisierten“ Westeuropäer gegenüberstehen. So stellte man sich in Deutschland eben den unbekannten – und damit auch ein wenig bedrohlichen – asiatischen Raum vor und dies wurde dann auch – illustriert von bunten Urlaubsbildern – bedient. Mit dem netten Nebeneffekt, dass man auch die sittlichen Grenzen etwas verschieben konnte.

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Manfred R. Köhler hat zu „Ein Sarg in Hongkong“ auch das Drehbuch geschrieben. Leider ist dieses ebenso unbefriedigend, wie seine Inszenierung. Für das Drehbuch wurde viele mittlerweile aus den Wallace-Filmen und ihren Epigonen bekannte Situationen variiert. Der maskierte Bösewicht, der lustige Sidekick des coolen Helden, die exotischen Tötungsmethoden. Dazwischen gelingt es Köhler aber nicht, eine halbwegs spannende Handlung zu bauen. Vielmehr springt diese recht unmotiviert von einem Ort zu anderen, und schert sich dabei nur wenig um einen gelungenen Spannungsbogen. Die Londoner Geschichte mit der Leiche in Ryans Wohnung wird nicht wieder aufgegriffen und alle dort auftauchenden Figuren verschwinden auf Nimmerwiedersehen aus der Handlung. Noch schlimmer: Die Auflösung der Londoner Episode wird am Ende recht lustlos und vollkommen unfilmisch erzählt, aber nicht gezeigt. Ähnlich sieht es mit der Lee-Lai-Episode aus. Nachdem Lee Lai – die immerhin als „love interest“ des Helden aufgebaut wird – verschwunden ist, gibt es auf einmal ein riesiges Loch in der Geschichte, welches weder gefüllt und erklärt wird. Plötzlich fährt Ryan mit Stella durch die Gegend, ohne dass darauf Bezug genommen wird, wie sie sich kennengelernt haben. Die Szene, in der sie ihn auf einen Berg lockt, wo zwei Killer auf ihn warten, ist auch ebenso sinnlos und überflüssig. Da sie zwar etwas Action zeigt, aber keinerlei Konsequenzen für die Handlung hat.

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Immerhin ist der Film tatsächlich vor Ort gedreht worden, was durch schöne authentische Bilder aus dem Hongkong der frühen 60er Jahre belegt wird, in denen sich die deutschen Hauptdarsteller tummeln dürfen. Neben diesen Schauwerten hat der Film aber leider nicht sonderlich viel zu bieten. Alles wirkt hölzern und wenig enthusiastisch. Als hätten die Beteiligten so gänzlich die Lust an dem Film verloren. Selbst die Musik von Karl Barthel und Fred Strittmatter, die immer wieder mit lauten Fanfaren vermeintliche Höhepunkte unterstreicht, wirkt aufdringlich und wenig einfallsreich. Die Identität des Schurken dürfte der erprobte Krimi-Gucker eh schon erraten haben, bevor die Figur überhaupt das erste Mal auftritt. Da helfen auch Ralf Wolters müde Sprüche nicht mehr weiter. Immerhin bieten die attraktiven Damen – allen voran Elga Andersen – und der fesche Pierre Richard dem männlichen, wie weiblichen Zuschauer etwas für’s Auge. Und die Filmnerds können neben dem deutliche gealterten Willy Birgel, noch den Namen Walter Boos in den Credits entdecken, der hier für den Schnitt verantwortlich war und in den 70ern dann für Wolf C. Hartwig einig Schulmädchen-Episoden, sowie später auch die deutschen „Exzorzist“-Variante  „Magdalena, vom Teufel besessen“  inszenierte.

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„Ein Sarg aus Hongkong“ ist leider eine Edgar-Wallace-Rip-Off der schnarchigen Art, welches zu gleichen Teilen unter einem formelhaften, wenige aufregenden und vor allem lückenhaftem Drehbuch, wie einer uninspiriert-hölzernen Regie leidet. Schade, besonders wenn man bedenkt, dass die beiden legendären Produzenten des Filmes auch für ganz andere, aufregendere Filme verantwortlich waren.

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Das Bild der Ascot-Elite-DVD, die im Rahmen der „Cinema Treasures“-Reihe herausgekommen ist, kann man als guten Durchschnitt bezeichnen. Hier und dort macht sich ein leichter Hauch Rotstich bemerkbar, der aber nicht weiter auffällt. Ansonsten ist das Bild recht klar und farbintensiv. Extras gibt es – bis auf eine Bildergalerie – keine, dafür liegt der DVD ein hübscher Mini-Nachdruck des damaligen Programmheftes bei. Eine wirklich schöne und charmante Idee. Bei „Filmjuwelen“ ist der Film ebenfalls kürzlich erschienen. Angeblich in einer 7 Minuten längeren Fassung. Aber ob diese den Film noch raus reißen oder noch zäher machen, ist mir nicht bekannt.

Originalfassungen in Bremen: 20.11.14 – 26.11.14

Von , 19. November 2014 19:16

Diesmal ist es etwas ruhiger als in den Vorwochen. Auch fehlen – bis auf den dritten Teil der „Tribute von Panem“ – die großen Blockbuster. Vielleicht eine gute Gelegenheit, sich auch mal im Programm- und Kommunalkino umzusehen. Dort gibt es z.B. den neuen Film von John Michael McDonagh und einen Leckerbissen für alle Bollywood-Fans.

Die Tribute von Panem – Mockingjay Teil 1 – Cinemaxx, Do.-Mi. immer 19:30 & CineStar, So., 23.11. um 20:00 – Da man mit zwei Filmen mehr Geld macht als mit einem, wurde der letzte Roman der Panem-Trilogie nun kurzerhand auf zwei Filme aufgeteilt.

Interstellar – Cinemaxx, Fr., So. und Di. immer 19:40 – Der neue Film von Christopher Nolan wird so ziemlich überall abgefeiert. Auf der Suche nach alternativen Lebensräumen wird ein Raumschiff in den Weltraum geschickt. Mit Matthew McConaughey und Anna Hathaway.

Birlesen Gönüller – Cinemaxx, Do.-Mi. immer 17:00 und 22:45 – Türkisches Drama um ein nordkaukasischen Türkenpaar, welches sich in den Schrecken des 2. Weltkrieges verliert.

Deliha – Cinemaxx, Do.-Mi. immer 20:30 – Türkische Komödie um eine chaotische junge Frau auf der Suche nach der großen Liebe.

Am Sonntag bist du tot – Schauburg, So., 23.11. um 19:00 – Der zweite Spielfilm von John Michael McDonagh nach „The Guard“. Wieder mit dem Brendan Gleeson in der Hauptrolle. Dieser spielt den irischen Pater James, dem im Beichtstuhl seine Ermordung angekündigt wird.

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20.000 Days on Earth – Schauburg, Mi., 26.11. um 21:30 – Verspielte Doku, die Nick Cave an seinem 20.000sten Tag auf Erden begleitet.

Das Verschwinden der Elenor Rigby – Schauburg, Mo., 24.11. um 12:00 & Atlantis, So., 23.11. um 20:00 – Drama mit Jessica Chastain und James McAvoy um das Auseinanderbrechen einer Ehe und dem, was danach folgt. Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive des Ehemannes und der Ehefrau. In weiteren Rollen: Isabelle Huppert und William Hurt.

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Ageroland – City 46, Do., 20.11. um 20:00 – Italienischer Dokumentarfilm über ein Tabakwarengeschäft in Agerola, einem kleinen Dorf bei Neapel.

Die Kraft der Schwachen – City 46, Mi., 26.11. um 20:00 – Dokumentarfilm um einen körperlich schwer behinderten Jungen aus Kuba, der zu einem politischen Kämpfer reift. Gäste: Regisseur Tobias Kriele und Protagonist Jorge Jérez

Happy New Year – City 46, Mo. und Di. jeweils um 20:00 – Einer neuer Bollywood-Film mit Shah Rukh Khan. Inszeniert von der großartigen Bollywood-Regisseurin und -Choreographin Farah Khan. Um einen spektakulären Raub zu begehen, muss eine Gaunerbande einen Tanzwettbewerb gewinnen.

Sturmland – City 46, Fr. 21.11. um 20:30 – Ungarischer Queerfilm um einen jungen Fußballspieler, der in sein kleines Dorf zurückkehrt und sich dort in einen anderen Mann verliebt.

Tour du Faso – City 46, Do. und Mo. um 20:30 und Sa. um 18:00 – Dokumentarfilm über Afrikas größtes Radrennen.

Sneak Preview – Cinemaxx, Mo., den 24.11. um 19:00

Sneak Preview – Schauburg, Mo., den 24.11. um 21:45

Französische Sneak Preview – Gondel, Mi, den 26.11. um 21:00

Das Bloggen der Anderen (17-11-14)

Von , 17. November 2014 21:49

bartonfink_type2– Hofbauer, Hofbauer, Hofbauer. Bei vielen der von mir beobachteten Blogs ist der 1. Auswärtigen Sondergipfel des Hofbauer Kommando in Frankfurt/Main vom 07. bis 09.11.2014 das Thema Nr. 1. Leider konnte ich aus familiären Gründen auch dieses Mal nicht teilnehmen (was sich aber ja sicherlich irgendwann ändern wird – und hoffentlich nicht erst, wenn ich den Nachwuchs gleich mitbringen kann). Dafür waren aber Andere dort, die fleißig berichten. Wie z.B. Udo Rotenberg auf Grün ist die Heide, der über einen Film mit dem gar reißerischen Titel „Tanja – die Nackte von der Teufelsinsel“ und einen Schlagerfilm des Namenspatrons, Ernst Hofbauer, „Tausend Takte Übermut“ berichtet.

– Und auch Oliver Nöding waren anwesend und schreibt auf Remember It For Later ausführlich über Otto Retzers „Babystrich im Sperrbezirk“; den dänischen „Nordische Nächte – Verschwiegene Parties“ von Poul Nyrups , dem Nicholas Winding Refn seinen dritten „Pusher“-Film widmete; „Sünde mit Rabatt“ von Rudolf Lobowski; dem ziemlich schmierig betitelten „Pornospiele mit Stock und Peitsche“ von Joe Sarno; ebenfalls „Tanja – Die Nackte von der Teufelsinsel“, sowie dem Kultfilm der Hofbauers „Herzromanze“ von Jürgen Enz (den ich noch immer nicht gesehen habe).

– Ich weiß nicht, ob Sebastian in Frankfurt dabei war oder dies nur ein passender Zufall ist, aber in Das Magazin des Glücks befasst er sich mit gleich drei Ernst-Hofbauer-Filmen.

– Auf Zeilenkino findet man den 2. Teil mit Kurzkritiken zu den Filmen, die auf den Nordischen Filmtagen in Lübeck liefen.

– Ebenfalls mit dem 2. Teil wurde das Essay „Der neue Kannibalismus in Kino und TV | Eine Annäherung.“ von LZ auf screen/read fortgesetzt. Ferner wird der Film „Coherence“ besprochen, der Dank des rührigen Filmverleihs Drop-Out und dem vorzüglichen Label Bildstörung demnächst auch in einigen ausgewählten Kinos zu sehen ist.

– Mauritia Mayer hat für uns Helmut Bergers Autobiographie „Ich“ gelesen und ihre Gedanken dazu auf Schattenlichter niedergeschrieben.

– Udo Rotenberg war auch anwesend, als wir mit dem 5. Öffentlichen Forentreffen von Deliria-Italiano.de in Nürnberg zu Gast waren. Auf L’amore in città schreibt er über unseren Abschlussfilm „Geisterstadt der Zombies“.

– Sascha Nolte bespricht auf Die seltsamen Filme des Herrn Nolte einen japanischen Gangsterfilm von Seijun Suzuki; „Branded to kill“. Ein irgendwie höchst merkwürdiger Film, der mich einst bei einer TV-Sichtung tief beeindruckt hat. Sascha erging es scheinbar ähnlich.

Nicht ganz so enthusiastisch, aber immerhin positiv hat Oliver Armknecht „Branded to kill“ auf film-rezensionen.de aufgenommen. Desweiteren empfiehlt er den Anime „Mind Game“ und Oliver Frost ist vom neuen Werk des „Amer“-Gespanns Hélène Cattet & Bruno Forzani, „Der Tod weint rote Tränen“ sehr angetan.

– Zum Anschauen ist es leider zu spät, aber trotzdem sei darauf hingewiesen, dass man auf B-Roll in der neuen Rubrik Doc Blog einige Dokumentarfilme vom CPH-DOX-Festival in Kopenhagen ansehen konnte. Am 21.11. soll es aber Nachschub geben. Ferner gibt es ein Interview mit dem Belgier Geoffrey Enthoven, der beim Internationalen Filmfestival Mannheim-Heidelberg mit dem „New Master of Cinema“-Award ausgezeichnet wurde. Und Lucas Barwenczik porträtiert das Wunderkind und neuen Darling der Filmkritik Xavier Dolan.

– Apropos Mannheim-Heidelberg. Auf critic.de geht Frédéric Jaeger mit diesem Filmfestival sehr hart ins Gericht.

– Sehr viel Gutes hörte ich schon über den deutschen Psycho-Horror-Thriller „Ich seh, ich seh“ von Veronika Franz und Severin Fiala der gerade auch auf dem Filmfest in Braunschweig lief. Theodor Frisorger reiht sich auf Daumenkino in die Menge der Begeisterten ein. Nicht ganz so begeistert war Miriam Eck von dem Film „Brazilian Western“. Sie schreibt: „Eben weil die Figuren so unnahbar bleiben, ist die Zurschaustellung der Folter so fehl am Platze. Der Zuschauer ist Schaulustiger aber nicht betroffen. Höchstens Ekel aber keine Tragik entsteht.“

– Patrick Holzapfel leitet auf Jugend ohne Film seine Besprechung des Filmes „Al doilea joc“ von Corneliu Porumboiu wie folgt ein: „Wenn einer der besten Filme des Kinojahres ohne Kameramann und Drehbuchautor entsteht, dann sollte man darüber nachdenken.“ Danach macht er sich anhand einiger Filmbeispiele lesenswerte Gedanken über Techniken, das Vergehen der Zeit zu filmen.

– Auf Negativ kann man ein schönes Interview mit dem höchst sympathischen Till Kleinert über seinen sehenswerten Film „Der Samurai“ lesen. Außerdem berichtet Amos Borchert über das Dokumentarfilm-Festival in Leipzig.

– Ein ebenso merkwürdiger, wie sehenswerter und fordernder Film scheint „Masked and Anonymous“ von Larry Charles zu sein, der mit ungewöhnlich großem Staraufgebot ein Drehbuch von Bob Dylan (der selber die Hauptrolle spielt) umsetzt. Sven Safarow legt ihn uns auf Safarow schreibt ans Herz.

– Sir Donnerbold macht sich auf SDB-Film Gedanken über die Vorverurteilung von Filmen.

– Was James Bond angeht bin ich zwar seit klein auf ein großer Fan, allerdings etwas langweilig. Ich halte weiterhin Sean Connery für den besten Bond und „Im Geheimdienst Ihrer Majestät“ ist mein Lieblings-Bond-Film. Totalschaden von Splattertrash mag den auch.

– Recht häufig stimme ich ja mit Schlombies Filmbesprechungen nicht ganz überein. Bei „Die Tollwütigen“ alias „I Drink Your Blood“ sind wir uns aber ziemlich einig.

– Ich bin schon recht gespannt auf die DVD von „The Young Ones“, die hier hoffentlich auch bald eintrudelt. Bis dahin hält die Kritik von quadzar auf filmosophie das Interesse weiterhin am Köcheln.

– Und auf Wiederaufführung gibt es das Neuste von den Filmpodcasts.

Blu-ray-Rezension: “Graceland”

Von , 15. November 2014 20:32

graceland bluMarlon Villar (Arnold Reyes) arbeitet als Fahrer für den korrupten Politiker Changho (Menggie Cobarrubias), der eine ungesunde Schwäche für minderjährige Mädchen hat. Als diese an die Öffentlichkeit dringt, verdächtigt Changho Marlon geplaudert zu haben und entlässt ihn nach vielen Jahren treuer Dienste. Als letzte Amtshandlung holt Marlon noch Changhos Tochter Sophia (Patricia Gayod) und seine eigene Tochter Elvie (Ella Guevara) von der Schule ab. Da passiert die Katastrophe: Marlon gerät in eine Entführung. Sophia wird erschossen und Elvie an ihrer Stelle gekidnappt. Verzweifelt versucht Marlon Sophias Tod zu vertuschen, um die Lösegeldzahlung für Elvie zu sichern. Dabei gerät er schnell ins Visier der Ermittler, die ihn für einen Mittäter halten…

Mit „Graceland“ hat der auf den Philippinen geborene, aber in New York lebende Regisseur Ron Morales seinen zweiten Langfilm abgeliefert. Wie sein Erstling „Santa Mesa“ von 2008 spielt auch dieser wieder auf ARNOLD-DUMPden Philippinen. Morales hat ein scharfes Gespür für die Missstände in seinem Geburtsland und nimmt auch kein Blatt vor den Mund, was die gesellschaftlichen Fehlentwicklungen dort angeht. Zwar erreicht er nicht die radikale Wut, die sein Landsmann Khvan in seinem Wutschrei „Mondomanila“ auszudrücken vermochte, doch Morales‘ Blick ist eine ebenso pessimistischer. Keine seiner Figuren taugt zur Identifikation Auch der „Held“ Marlon Villar nicht. Zwar fiebert man anfangs mit ihm mit und erfährt fast schon körperlich sein Verzweiflung, doch auch er ist ein Täter. Denn bei den perversen Taten seines Vorgesetzten schaute er nicht nur weg, sondern war auch direkt daran beteiligt, auch wenn er nicht selber die jungen Mädchen schändet. Doch er sorgte dafür, dass die „Ware“ an den richtigen Ort kommt und dann von dort auch wieder verschwindet. Möglicherweise hat er auch einmal geholfen, eine Leiche verschwinden zu lassen. Marlon mag also ein guter Vater und treusorgender Ehemann sein, doch moralisch hat er sich seinem Umfeld angepasst.

ARNOLD_MENGGIE_GRACELAND_OVERPASS_NIGHT„Graceland“ macht keine Gefangenen. Gleich zu Beginn wird auf das Elend der minderjährigen Mädchen, die Freiwild für reiche Pädophile sind, aufmerksam gemacht. Dabei scheut sich Ron Morales auch nicht, die Opfer nach dem perversen Akt auch nackt zu zeigen (Ron Morales nutzt hier ein Body-Double, was der Szene aber nichts von ihrer verstörenden Wirkung nimmt). Menschenleben zählen in dieser Vorhölle namens Manila nichts. Selbst unschuldige Kinder werden ohne mit den Augen zu zwinkern kaltblütig erschossen. Nach Szenen wie diese muss man erst einmal erst tief durchatmen. Wer immer bei der FSK für eine Freigabe dieses Films „ab 12 Jahren“ zuständig war, muss sehr tief geschlafen haben. Neben oben angeführten Szenen, werden auch die (echten) Kinderbordelle Manilas gezeigt, korrupte Polizisten prügeln auf Verdächtige ein und auch Organhandel wird am Rande thematisiert. Dies alles zwar relativ unblutig, doch die physische und psychische Gewalt in dieser menschenverachtenden Umgebung frisst sich tief ins Bewusstsein. Das ist definitiv kein Stoff, aus dem Kinderträume sein sollten.

INT-ROOMGerade in der ersten Hälfte erzählt Ron Morales eine aufwühlende und sehr gradlinige Geschichte, in der er die Ausweglosigkeit der Situation für den Zuschauer greifbar macht. Man kann Marlons Angst und Verzweiflung beinahe schmecken. Wozu auch der junge Arnold Reyes, der den Marlon spielt, schauspielerisch einen großen Teil beiträgt. Er bleibt jederzeit glaubhaft und überträgt seine Gefühle so intensiv auf den Zuschauer, dass dieser sich bald selber in einem ausweglosen Netz aus Lügen gefangen glaubt. Umso bedauerlicher ist es, dass Ron Morales in seine zuvor simpel, aber ausgesprochen effektiv erzählten Geschichte, gerade in der zweiten Hälfte einige Tricks und überraschende Plotwendungen einbaut, die zwar die Handlung noch ambivalenter machen, dem Film aber insgesamt auch einiges von seiner rohen, unmittelbaren Kraft einbüßen lassen. Insbesondere die Entscheidung aus dem Entführer letztendlich auch „nur“ ein Opfer zu machen, ihm also ein Motiv für seine schreckliche Tat und somit etwas Menschliches, „Gerechtes“, statt nur egoistischer Geldgier, unterzuschieben, ist etwas unglücklich. Denn es erlaubt es dem Zuschauer, sich des Griffes des Filmes zu entziehen. Die Ursache der Gewalt wird „vermenschlicht“ und damit relativiert.

RIVERTrotz dieser Kritikpunkte ist Ron Morales ein intensiver, packender Film gelungen, der unter die Haut geht. In vielen Kritiken wird auf die Ähnlichkeit mit den Filmen „Sympathy for Mr. Vengeance“ und Akira Kurosawas „Zwischen Himmel und Hölle“ hingewiesen. Dies mag stimmen, und im Falle Kurosawa hat Morales diesen auch als Inspiration für seinen Film genannt, doch Morales formt daraus etwas ganz Eigenständiges. Etwas sehr „Philippinisches“. Und so nimmt die Hauptstadt Manila in diesem Film beinahe die Rolle eines eigenständigen Charakters an. Morales zeigt die dunklen, hässlichen Seiten. Die von Armut geprägten Viertel der Stadt, die gigantische Müllkippe, die heruntergekommenen Straßen, das Krankenhaus, welches eher an ein Gefängnis erinnert, die Bordelle. Selbst das Büro eines mächtigen Mannes wie Changho sieht recht erbärmlich aus und auch seine Prunkvilla wirkt kalt, ungemütlich und irgendwie ärmlich. Dies mag dem mickrigen Budget geschuldet sein, fügt sich aber nahtlos ins Bild, welches der Film von Manila zeichnet.

LEON_GRACELAND_INT_DAYAm Ende scheint es dann doch fast so etwas wie ein Funken Hoffnung zu eben. Doch es spricht für Ron Morales, dass er hier nicht den einfachen Weg geht und den Zuschauer auf einer positiven Note entlässt. Sondern dass er auch dies vage hält und sich die Waage des Schicksals durchaus in die eine oder andere Richtung senken kann. Auf der Blu-ray befindet sich noch ein alternatives Ende, welches allerdings ebenso ausgelutscht, wie vorhersehbar ist. Mit dem nun gewählten Schlusspunkt hat Morales nicht nur den richtigen Ton getroffen, sondern er gibt dem Film noch eine weitere – für den, der zwischendrin gut aufgepasst hat – beängstigende Ebene.

In seinem zweiten Spielfilm „Graceland“ zeichnet Ron Morales ein deprimierend-freudloses Bild seines Geburtslandes, den Philippinen. Neben der realistischen Beschreibung einer bis ins Mark korrupten und menschenverachtenden Gesellschaft, in der die Reichen sich alles erlauben können und die Armen zu Handlangern ihrer Verbrechen werden, erzählt Morales auch eine spannende Thriller-Geschichte, die zwar in der zweiten Hälfte durch einige plötzliche Wendungen etwas an Durchschlagskraft einbüßt, den Zuschauer aber bis zum Ende nicht mehr loslässt.

„Graceland“ ist erst die sechste Veröffentlichung des jungen Bremer Labels OFDb Filmworks. Und wie bei den bisherigen Titeln, haben die Macher wie ein gutes Händchen für einen interessanten Film bewiesen. Auch technisch ist nichts an der Blu-ray auszusetzen. Zwar wirkt das Bild etwas blass, doch dies ist eine künstlerische Entscheidung, um die von Armut und Verfall geprägte Umgebung visuell zu entsprechen. Der Ton liegt auf Deutsch und Tagalog mit ausblendbaren, deuuschen Untertiteln vor. Als Bonus gibt es ein Making-Of, welches vor allen Dingen aus Interviews mit dem Regisseur, seinem Kameramann und den beiden amerikanischen Produzenten besteht. Hier wird leider nur auf die schwierigen und zum Teil abenteuerlichen Drehbedingungen und dem täglichen Kampf mit dem geringen Budget eingegangen. Hier hätte ich lieber etwas über die Hintergründe des Filmes und die Beweggründe, gerade dieses Thema so zu verfilmen erfahren. Doch dies bleibt leider außen vor. Möglicherweise wird darauf aber im Audiokommentar (den ich bisher aus zeitlichen Gründen nicht anhören konnte) eingegangen, den Regisseur/Drehbuchautor Ron Morales, die Produzenten Rebecca Lundgren und Sam Rider, Kameramann Sung Rae Cho und Gaffer Blaise Miller bestreiten. Ferner gibt es noch einen Audio-Kurzkommentar mit Sound Mixer Nikola Chapelle und eine Handvoll entfernter Szenen, die dem Film aber auch nichts weiter hinzufügen. Das alternative Ende ist wie oben erwähnt, enttäuschend und dem letztendlich genommenen Ende weit unterlegen.

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