DVD-Rezension: “Das Mädchen von Triest”

Mädchen von TriestDer Comic-Zeichner Dino Romani (Ben Gazzara) lernt am Strand die wunderschöne, junge Nicole (Ornella Muti) kennen, die gerade von zwei Männern vor dem Ertrinken gerettet wurde. Nicole sucht ihn kurze Zeit später in seinem Haus auf, wo sie gleich miteinander schlafen. Fortan treffen sie sich immer wieder, wobei Nicole einen Hang zu provozierenden Eskapaden und Märchengeschichten über ihr Leben auffällt. Romani versucht daraufhin herauszufinden, was hinter allem dem steckt und wer Nicole wirklich ist. Seine Recherchen offenbaren ihm, dass Nicole an schwerwiegenden psychischen Störungen leidet und in einer offenen Anstalt lebt…

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Regisseur Pasquale Festa Campanile hat sich vor allem mit Sex-Komödien und dem harten Meisterwerk „Wenn Du krepierst, lebe ich“ (kommt demnächst von OFDb Filmworks) einen Namen gemacht. Nebenbei hat er scheinbar auch Zeit gehabt, Romane zu schreiben. So verfilmte er 1981 mit „Das Mädchen von Triest“ sein eigenes Buch. Man kann wohl davon ausgehen, dass er der Figur des Dino Romani, eines alternden Künstler, der sich von seiner Arbeit ein prächtiges Haus leisten kann, durchaus biographische Züge gegeben hat. Sollte dem so sein, hat Herr Campanile ein gesundes Selbstempfinden. Der Comic-Zeichner Dino Romani ist nämlich einer, dem die jungen Frauen reihenweise verfallen, auch wenn er nicht unbedingt den sympathischsten Eindruck hinterlässt. Solche Altherren-Fantasien sind ja in Literatur und Film nicht gerade selten, hinterlassen aber häufig einen muffigen Nachgeschmack. Hier ist es eine blutjunge und überirdisch schöne Ornella Muti, die dem alten Künstler mit Haut und Haar verfällt.

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Diese nicht unbedingt realistische, aber von vielen älteren Herren sicherlich gerne herbei geträumte, Geschichte, mündet dann für Dino Romani in dem Luxusproblem, dass er die sich nach ihm verzehrende Nicole nicht mehr los wird. Gleichzeitig ist er aber auch zu sehr von ihr fasziniert, um sich von ihr lösen zu können. Und gerade als ihm klar wird, dass Nicole extreme, psychische Störungen hat, überkommt ihn ein Helfer-Syndrom welches – so ist zumindest der Eindruck – aber vor allem dazu dient, vor sich selbst in einem guten und edlen Licht zu stehen. Den Endruck, das ier eine innige Liebe entstanden ist, erweckt Romani nämlich nicht. Als ihm die Hintergründe für Nicoles mysteriösen Verhalten noch nicht klar sind, ist er über ihre Eskapaden amüsiert, lässt sie aber auch jederzeit spüren, dass er sich ihr intellektuell überlegen fühlt. Sein oftmals süffisantes Lächeln verrät ihn dabei. Als ihre Aktionen immer extremer werden, wendet er sich zunächst angeekelt ab. Nur um dann das geheimnisvolle, und dadurch für ihn erst begehrenswerte, Wesen, wieder mit seiner Gegenwart zu bedrängen.

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In der IMDb ist der Film u.a. mit dem Schlagwort „Thriller“ codiert, was allerdings übertrieben ist. Zwar gibt es einen Plot, in dem Romani wie eine Detektiv versucht, die Identität Nicoles aufzudecken, doch dieser ist sekundär und auch nicht besonders spannend, sondern eher beiläufig inszeniert. Komponist Riz Ortolani hat einen schönen Score verfasst, der ebenfalls Thriller-Elemente aufnimmt und sehr bedrohlich tönt, wenn offenbar wird, dass Nicole psychisch krank ist und Romani verfolgt. Die Szene, in der Nicole um Romanis Haus schleicht, während dieser sich drinnen versteckt, ist sogar recht effektiv geworden. Auch Nicoles finales Gleiten in den Wahnsinn gerät sehr überzeugend. Insbesondere, wenn sie sich einbildet, von Kakerlaken bedroht zu werden, oder am Strand einen jungen Mann verführt, spürt man deutlich die Verwirrtheit ihres Geistes. Hier wird der Film nach langem Vorgeplänkel dann wirklich interessant, endet dann aber auch recht abrupt.

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Ornella Muti macht ihre Sache sehr gut und wird von Campanile überaus begehrenswert ins Bild gesetzt. Man kann gut verstehen, weshalb Dino Romani nicht von ihr los kommt, obwohl er wissen sollte, dass er damit zum Teil ihres Problems wird. Wie man aufgrund des Covers schon früh vermuten kann, beweist die Muti auch Sinn für Drastik, indem sie sich für die Rolle der Nicole den Kopf rasieren lässt. Ich gehe zumindest davon aus, dass dies kein Make-Up-Trick ist, auch wenn die Muti dadurch eine merkwürdige Kopfform offenbart, die ein wenig an die Coneheads erinnert. Möglicherweise hat sie ihr Haupthaar ja unter einer Gummiglatze verborgen. Vielleicht aber auch nicht. Zur Freude des männlichen Zuschauers, scheut sie sich auch nicht, nackt vor der Kamera zu agieren. Dies tut auch Mimsy Farmer. Zumindest von hinten. Mimsy Farmer spielte in den 70er und 89er Jahren in vielen italienischen Genrefilmen mit, wo sie aber häufig durch ein hysterisches Gehabe auffiel. Hier hält sie sich angenehm zurück und ist von Campanile auch ungewohnt weiblich und attraktiv inszeniert worden.

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Ben Gazzara als Dino Romani hat nicht wirklich viel mehr zu tun, als abwechselnd arrogant-überlegen oder in sich gekehrt und grübelnd zu schauen. Demgegenüber freut man sich darüber, einige beliebte Gesichter in den Nebenrollen zu sehen. Wie Romano Puppo, der einen Strandkiosk-Besitzer spielt. Oder Andréa Ferréol die eine arg überschminkte, und an eine Puffmutter erinnernde, Freundin von Nicole spielt. Der immer zuverlässige und sympathische Ex-Western-Star William Berger wird auf dem Cover der DVD zwar an erster Stelle aufgeführt, sein Auftritt dauert aber leider weniger als 30 Sekunden. Nouvelle-Vague-Star Jean-Claude Brialy als Psychiater hat allerdings eine sehr undankbare Rolle, da ihm vom Drehbuch einige sehr ungelenke Sätze in den Mund gelegt wurden und seine Figur nicht wirklich durchdacht ist. Auf der technischen Seite ist Alfio Contini Kameraarbeit unaufdringlich, aber präzise und mit viel Sinn für Bildkomposition.

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„Das Mädchen von Triest“ in ein langsam erzähltes Psychogramm einer ungleichen Beziehung, die von dem, sich langsam steigernden, Wahnsinn der jungen, von einer bildschönen Ornella Muti souverän gespielten, Nicole geprägt ist. Ihr deutlich älterer, männlicher Gegenpart zeichnet sich vor allem durch eine unsympathische Egozentrik aus. Kompetent von Regisseur Pasquale Festa Campanile nach seinem eigenen Roman in Bilder gesetzt, nimmt diese Altherren-Fantasie erst gegen Ende Fahrt auf.

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Der Film ist eine weitere Veröffentlichung der Ascot-Elite-Reihe „Cinema Treasures“. Wie so oft, erreicht das Bild hier einen guten Durchschnitt, aber nicht mehr. Der Ton liegt auf Deutsch und Italienisch vor. Da der Film in der alten deutschen Fassung offenbar geschnitten war, sind die fehlenden Stellen im Original mit deutschen Untertiteln eingefügt. Extras gibt es leider wieder keine.

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