DVD-Rezension: “7th Floor – Jede Sekunde zählt”

7th floorAls der ebenso erfolgreiche, wie skrupellose Anwalt Sebastián (Ricardo Darín) eines Morgens seinen Sohn und seine Tochter von seiner Ex-Frau Delia (Belén Rueda) abholt, spielen sie wie so oft das „Treppenspiel“. Dabei liefern sich Kinder ein Vater ein Wettrennen. Während er langsam mit dem Lift fährt, rasen die Kinder durch das Treppenhaus vom 7. Stock ins Erdgeschoss. Doch diesmal kommen sie nicht unten an. Obwohl Sebastián, der vor einem wichtigen Gerichtstermin steht, verzweifelt nach ihnen sucht, bleiben die Beiden verschwunden. Sebastiáns Panik wächst…

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Für ein Elternteil ist es der absolute Albtraum: Eben noch hat man fröhlich mit seinen geliebten Kindern gespielt, dann sind sie auf einmal spurlos verschwunden. Aus dieser Prämisse zimmert Regisseur Patxi Amezcua in seinem zweiten Spielfilm „7th Floor“ einen ungemein spannenden und intensiven Thriller. Zumindest in der ersten Hälfte. Hier zieht er zusammen mit seinem Hauptdarsteller Ricardo Darín alle Register. Ricardo Darin ist spätestens nach seiner Hauptrolle in dem oscar-prämierten „In ihren Augen“ (der damals „Das weiße Band“ als bester fremdsprachiger Film im Rennen um den Goldjungen schlug) ein Star. Durchaus zu recht, wie er hier beweist. Trotz seines nicht unbedingt Filmstar-gemäßen Aussehens (er erinnert mich immer etwas an eine ältere Mischung aus Scooters H.P.Baxxter und Tobias Moretti) wirkt er vor allem authentisch und besticht durch großes Charisma. Interessant ist auch, dass seine Figur Sebastián nicht unbedingt ein Sympathieträger ist. Als Anwalt zwielichtiger, aber finanzstarker, Mandanten hat er sein Gewissen schon lange am Gerichtsempfang abgegeben. Zudem hatte er keine Skrupel, seine Frau mit ihrer besten Freundin zu betrügen. Doch die Liebe zu seinen Kindern ist größer als sein persönliches Ego. Auf der verzweifelten Suche nach ihnen zerbröckelt Stück für Stück die Fassade.

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Sebastiáns Verzweiflung nimmt immer mehr paranoide Züge an. Irgendwann verdächtigt er einfach jeden, etwas mit der Sache zu tun zu haben. Er bedroht die Bewohner des Hauses, dringt in fremde Wohnungen ein und schreckt auch vor körperlicher Gewalt nicht zurück. Gleichzeitig ruiniert er seine Karriere, da er erkannt hat, dass das Wohl seiner Kinder ihm wichtiger ist. Zunächst beschwichtigt er noch seine Kollegen und bittet sie, mit dem Beginn eines wichtigen und lukrativen Prozesses noch ein wenig auf ihn zu warten. Glaubt man zunächst noch, er könne sich jeden Moment entscheiden, doch zum Gericht zu fahren, so ist er am Ende bereit, für seine geliebten Kinder alles zu opfern. Wie dieser selbstbewusste Machtmensch immer mehr zerfällt und ganz auf das Einzige zurückgeworfen wird, das ihm an Ende noch wichtig ist, wird von Ricardo Darin überaus überzeugend gespielt. Dabei gelingt ihm das Kunststück, Sebastián trotzdem nicht unbedingt zu einem strahlenden Helden aufzubauen. Seine Figur bleibt real, weil ambivalent gezeigt wird. Ein Mann, mit dem man mitfiebert, den man aber nicht unbedingt auf ein Bier einladen würde.

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Die Nebenfiguren haben dabei eher weniger zu tun. Insbesondere ist dies bei der ansonsten immer hervorragend agierenden Belén Rueda auffällig. Hatte sie in „Das Waisenhaus“ und erst vor Kurzem in dem spanischen Thriller „The Body“ (Kritik hier) strahlen können, so bleibt sie hier blass und unglaubwürdig. Was möglicherweise auch an ihrer Rolle liegt, die zunächst sehr wenig präsent und wenn, zumeist negativ besetzt ist. Sie steht Sebastián bei seiner verzweifelten Suche eher im Weg, als dass sie ihn wirklich unterstützt. Am Ende bekommt sie zwar mehr zu tun, geht aber mitsamt der Geschichte unter. Womit hier schon auf die große Schwäche des Filmes eingegangen werden muss. Während es Amezcua in der ersten Hälfte perfekt gelingt, eine dichte Spannung und allgemeine Stimmung der Bedrohung zu schaffen, geht der Geschichte in dem Moment, in dem sich das Geheimnis um die beiden Kinder als simple Entführung herausstellt, schlagartig die Luft aus. Zwar gelingt es Amezcua auch hier noch, mit einigen Spannungssequenzen, in denen der zunehmend irrational handelnde Vater den scheinbar ausweglosen Versuch unternimmt, das Lösegeld zu beschaffen, seinen Film weiter voranzutreiben. Die Faszination und Angespanntheit, die den Zuschauer zu Beginn noch fest im Griff hatte, hat sich da aber in Luft aufgelöst und wurde durch einen routinierten, aber unspektakulären Thriller von der Stange getauscht.

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Macht sich hier schon erste Enttäuschung breit, so muss der finale Twist dann als ein Schlag ins Gesicht gewertet werden. Als ob Amezcua keine Idee mehr gehabt hätte, wie er seine anfangs so packende Story zu einem befriedigenden Ende führen könnte, setzt er auf eine Auflösung, die ebenso banal, wie haarsträubend unlogisch ist, und völlig ohne Not gewaltige Löcher in den Film reißt. Dass dies dann auch noch schlecht gespielt ist, wirkt in diesem Zusammenhang beinahe schon konsequent. Trotzdem sollte man Patxi Amezcua im Auge behalten, denn zumindest teilweise kann er mit „7th Floor“ beweisen, dass er es versteht, eine fieberhafte Spannung zu erzeugen. Wie er das Apartmenthaus als ganz eigenen Kosmos voller Geheimnisse und Fallen inszeniert, erinnert entfernt an Polanskis Meisterwerk „Der Mieter„, auch wenn „7th Floor“ natürlich einige Ligen darunter agiert. Vielleicht gelingt es ihm in seinem nächsten Langfilm, diesen dann auch über die Zeit zu bringen.

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Leider geht dieser spanisch-argentinischen Koproduktion in der zweiten Hälfte deutlich die Luft aus und das Finale enttäuscht dann endgültig durch seine unlogische Banalität. Bis dahin ist es Regisseur Patxi Amezcua allerdings gelungen, einen überaus spannenden und packenden Thriller zu inszenieren, der vor allem durch seinen wunderbaren Hauptdarsteller Ricardo Darín getragen wird. Umso ärgerlicher ist es, dass Amezcua zum Ende hin, den Karren immer tiefer in den Dreck fährt.

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Die Ascot-Elite DVD gibt keinen Anlass zu Beanstandung. Bild und Ton sind sehr gut, und diese Veröffentlichung weist auch einige Extras auf. So befindet sich ein 27-minütiges „Making Of“, welches allerdings mit zahlreichen Filmausschnitten gespickt ist. Auch sonst ist das Making Of eher nichtssagend, da die Darsteller ihre Figuren erklären und der Regisseur vor allem die Story erzählt. Kennt man den Film bereits, lädt dies – in Kombination mit dem ständigen sich gegenseitig auf die Schulter klopfen aller Beteiligten – eher zum Gähnen ein, da hier nur wiedergekäut wird, was man vorher gerade gesehen hat. Einige wenige interessante Einblicke in die Dreharbeiten sind aber ganz aufschlussreich. So wird z.B. verraten, dass das Apartmenthaus gar keine 7. Etage hatte und diese digital erzeugt wurde. Drei jeweils 2-minütige Featurettes fügen dem nicht wirklich viel hinzu.

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