Das Bloggen der Anderen (30-09-13)

Von , 30. September 2013 20:15

bartonfink_type2– Ursprünglich hatte ich „UMMAH – Unter Freunden“ als Multi-Kulti-Komödie abgespeichert, bei der nur der von mir sehr geschätzte Frederick Lau ein ansehen lohnen würde. Weit gefehlt, wie Jamal Tuschick auf Hard Sensations schreibt. Der ohne Förderung von Cüneyt Kaya in Szene gesetzte Film wird hier wärmstens empfohlen.  Silvia Szymanski widmet sich einem der ungewöhnlichsten Phänomen im deutschen Amateurfilm, dem mittlerweile 86-jährigen Aachener Animationsfilmer Bruno Sukrow, der seine Spielfilme im Second Life herstellt. Silvia schreibt: „Gerade aber die Verfremdungen verstärken den Eindruck einer eigenen Welt, mit einer anderen ästhetischen Grammatik und unorthodoxen Naturgesetzen, deren sanfte Abgedrehtheit bezaubert und hypnotisiert.“ Spannend. Alex Klotz wiederum bringt in seiner „Frankenstein’s Army“ Besprechung das, was ich in meiner mit vielen Worten beschrieb, mit ein paar Sätzen auf den Punkt.

– Auch Schlombie schreibt auf Schlombies Filmbesprechungen über „Frankenstein’s Army“. Den findet er zwar auch mittelmäßig, aber lange nicht so ärgerlich, wie Alex und ich.

– Auf unserem letztjährigen Phantastival war Hitoshi Matsumotos „Symbol“ ein heimlicher Hit. Darum bin ich schon sehr gespannt auf Matsumotos Nachfolgefilm „Saya-zamurai“. Robin Schröder von Mise en Cinéma hat ihn gesehen und ist sehr angetan.

– Dank der einer Box mit seinen überragenden Western von Koch Media, erlebte Sergio Sollima vor einigen Jahren eine wahre Wiederentdeckung. Dass Sollima nicht nur großartige Western, sondern auch tolle Gangsterfilme gemacht hat, beweist Udo Rotenberg auf L’Amore in cittá, wo er den Film „Brutale Stadt“ mit Charles Bronson vorstellt.

– Auf seinem anderen Blog Grün ist die Heide, nimmt er sich dann „Fährmann Maria“ mit der unvergessenen und tragischen Sybille Schmitz vor. Der steht auch schon lange auf meiner „Will-sehen“-Liste.

– Noch mehr deutsche Filme. Sano Cestnik bricht in seiner Reihe „100 Deutsche Lieblingsfilme“ auf Eskalierende Träume eine Lanze für Franz Marischkas „Laß jucken, Kumpel 5“. Das macht Spaß zu Lesen.

– Bleiben wir beim Thema. Ich werde nun NICHT wieder sehnsüchtig vom Hofbauer-Kongress in Nürnberg schreiben. Jener geschlossenen Veranstaltung, der ich auch gerne einmal beiwohnen würde. Dafür verlinke ich hier Oliver Nödings detaillierte Besprechungen der dort gezeigten Filme auf Remember it for later.

– Einer meiner Lieblingsregisseure macht eine Doku über einen meiner Lieblings-Komponisten: Peter Greenways „Four American Composers: Philip Glass“. Des weiteren: Erst kürzlich bin ich auf das SEHR wilde Kino des Alberto Cavallone aufmerksam gemacht worden. Erst durch „Salvatore Baccaro“ im Deliria-Italiano-Forum, dann durch einen Splatting-Image-Artikel des geschätzten Herrn Keßler. Auf Stubenhockerei kann man jetzt einiges über sein „Blue Movie“ lesen, was einen entweder sehr neugierig auf den Film macht… oder das Gegenteil.

– Gar nicht neugierig wird man auf den jetzt schon „legendären“ „Sharknado“, den Ronny Dombrowski für cinetastic erleiden musste. Don’t believe the hype.

– Der Außenseiter beginnt auf Final Frontier Film mit einer Reise durch letzte Jahrhundert und beginnt folgerichtig im Jahre 1901 bei Edwin S. Porter.

– gabelingeber hat auf Hauptsache Stummfilm die Warner Archive Collection für sich entdeckt, bei der DVDs „on demand“ auf DVD-R vertrieben werden. Die DVDs der Collection sind alle R0, d.h. auf allen Playern weltweit spielbar. Seine erste Entdeckung ist Mervyn LeRoys Anti-Nazi-Film „Escape“ von 1940.

– Nicht nur für Fans der Disney-Version, sondern auch für die des großartigen Cocteau-Films interessant: Die Quellen der Disneyfilme: „Die Schöne und das Biest“ auf Sir Donnerbolds Bagatellen.

– Seitdem ich neulich „Das Grab des Dr. Caligari“ bei dem tollen „Monster machen mobil“-Wochenende in Hamburg sah, ist mein Interesse an mexikanischen Horrorfilmen der 50er und 60er wieder stark angewachsen. Da trifft es sich gut, dass man auf Whoknowspresents von david eine ganze Menge über den Film „El Vampiro“ von 1958 erfährt. Der liegt bei mir noch ungesehen daheim. Aber das mit dem „ungesehen“ wird sich jetzt hoffentlich bald erledigt haben.

– Ungeduldig erwarte ich die deutsche Heimkino-Premiere von Rob Zombies neustem Film „Lords of Salem“. Michael Fleigs Kritik auf critic.de macht das Warten nicht einfacher. Vielleicht greife ich nun vorab doch zu mittlerweile sehr günstig zu habenden UK-Variante.

– Sascha regt sich auf PewPewPew über Star-Wars-Fans auf, die den Machern der neuen Trilogie per Video gute Ratschläge erteilen wollen.

– Gute Idee: Alex geift unter dem Stichwort „Nachhaltigkeit“ noch einmal einige Themen auf, die er kürzlich auf seinem Blog real virtuality behandelt hat und schaut nach, was in der Zwischenzeit passiert ist.

– Und zu guter Letzt: Rainer Knepperges. „Karten, Pläne (Väter, Söhne)“. Anschauen, durchlesen, genießen. Auf new filmkritik.

DVD-Rezension: “Frankenstein’s Army“

Von , 30. September 2013 06:36

ChineseZumMitnehmen_DVDIm 2. Weltkrieg. Der sowjetische Kameramann Dimitri hat von oberster Stelle den Auftrag bekommen, eine kleine Einheit der Roten Armee zu begleiten und ihre Erlebnisse auf Film festzuhalten. Bald schon fängt die Truppe einen Notruf auf und macht sich auf den Weg, ihren Kameraden beizustehen. Doch der Notruf entpuppt sich als Falle und bald schon stehen die Männer den bizarren Kreaturen des wahnsinnigen Viktor Frankenstein gegenüber…

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Als wir am Anfang unserer Planung für das Bremer „Phantastival 2013“ standen, wollten wir unbedingt den niederländischen Horrorstreifen „Frankenstein’s Army“ im Programm haben. Bis dahin hatten wie nur vage etwas von dem Film gehört, aber was da zu uns durchgedrungen war klang sehr vielversprechend. Regisseur Richard Raaphorst hatte 2008 bereits den Promo-Trailer zu einem Film namens „Worst Case Scenario“ ins Netz gestellt und damit für etwas Aufsehen gesorgt, ging es doch um Nazi-Zombies. Allerdings kam die Finanzierung nicht zustande und nun kehrte Raaphorst (vermutlich auch unter dem Eindruck des zwischenzeitlich Furore machenden „Iron Sky“) fünf Jahre später wieder zu dem Thema zurück. Hier baut nun Frankensteins Enkel im Auftrag der Nazis Supermonster. Dann mussten wir erst allerdings zunächst feststellen, dass auch das Fantasy Filmfest „Frankenstein’s Army“ zeigen würde, und schließlich lasen wir, dass der Film lange vor dem im Dezember stattfindenden „Phantastival“ bereits auf DVD veröffentlicht sein würde. Damals haben wir uns darüber etwas geärgert.

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Heute, nachdem ich „Frankenstein’s Army“ gesehen habe, ist dieser Ärger verflogen und ich kann im Gegenteil aufatmen, dass wir Raaphorsts Film nicht zeigen werden. Der Hype im Vorfeld und die markigen Sprüche auf dem Cover, können nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Film leider ziemlich in die Grütze gefahren wurde. Dies beginnt bereits mit der unseligen Entscheidung der Macher, das Ganze in die „Found-Footage“-Ecke zu schieben, was überhaupt nicht funktioniert. Laut Drehbuch handelt es sich beim Filmmaterial um „Originalaufnahmen“ eines sowjetischen Kriegsberichterstatters. Um das Material „alt“ aussehen zu lassen, wurden dem Film erst einmal Farbe und Schärfe entzogen und das Ganze mit einem leicht blau-grünlichen Anstrich versehen. Leider sieht das nicht im Geringsten authentisch aus. Auch die angeblich benutzte Kamera müsste ein wahres Wunderding gewesen sein, wird sie doch wie eine moderne Videokamera eingesetzt und sorgt mit viel Gewackel für gereizte Nerven.

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Auch die Darsteller sehen zu keiner Sekunde so aus, als wären sie sowjetische Soldaten. Eher wie ein Haufen Nerds, die sich am Wochenende die selbst genähten Uniformen überziehen, und damit über die Heide stapfen. Hinzukommen mit vorgetäuschtem russischem Akzent auf Englisch vorgetragenen Dialoge, die an Plattheit nur noch von dem gnadenlosen Overacting einiger Charakter überboten wird. So schaut man dann auch eher gelangweilt zu, wie dieser traurige Haufen eine Farm überfällt, sich betrinkt und gegenseitig anpöbelt. Ab und an werden merkwürdige Entdeckungen gemacht, die aber auch nicht besonders spektakulär sind, zieht man die wahren Gräuel in Betracht, die Nazi-Deutschland damals über die Welt brachte.

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Irgendwann erreicht der Trupp dann eine mysteriöse Kirche, in der sie eine angekettete, groteske Gestalt finden. Hier nun kann „Frankenstein’s Army“ seine einzige Stärke voll ausspielen. Das Design der bizarren Monster ist nicht nur ausgezeichnet gelungen, sondern auch ausgesprochen einfallsreich. Auch hat gegen Ende die „Found-Footage“-Ästhetik durchaus einen kleinen Mehrwert, denn man fühlt sich leibhaftig in einen PC-Ego-Shooter geworfen, und wenn plötzlich hinter jeder Tür und in jedem Gang die groteske Monster auftauchen, entsteht kurzzeitig tatsächlich so etwas wie Spannung. Vielleicht aber nur deshalb, weil man sich spontan an besonders schwierige Passagen aus „Doom“ erinnert fühlt. Leider hält dies nicht lange an und am Ende wird alles wieder einer schwachen Schluss-Pointe geopfert.

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„Frankenstein’s Army“ macht trotz der reizvollen Prämisse alles falsch. Die Idee, den Film als „Found-Footage“-Vehikel in Szene zu setzten, erweist sich schon nach wenigen Minuten als völlig missglückter Einfall, der gegen den Film arbeitet. Besonders in der drögen ersten Hälfte, erinnert der Film an ähnlich gelagerte Werke aus dem Amateur und semiprofessionellen Bereich. Das Monsterdesign ist allerdings sehr originell und hervorragend umgesetzt. Aber dies kann den Film leider nicht mehr retten.

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Wie immer bei „Found-Footage“-Geschichten, kann man zur Bildqualität dieser DVD nicht viel sagen, da diese extra „schlecht“ gemacht wurde, um Authentizität zu suggerieren. Als Extras ist ein 30-Minütiges „Making Of“ enthalten, welches recht interessant ist und zeigt, wie angestrebter Anspruch und finale Wirklichkeit auseinander klaffen. Man erhält auch noch einmal gute Einblicke in die schönen Monster-Designs, die im Film nur kurz oder verwackelt zu sehen sind.

Zur Abwechslung etwas Avantgarde: „Gilz“

Von , 29. September 2013 23:05

Vor einigen Tagen erreichte mich eine Nachricht von Joris J, dem Kopf hinter dem Noise-Projekt Genus Inkasso. Er machte mich auf den Avantgarde -Kurzfilm „Gilz“ aufmerksam, den er zusammen mit Gavin Gamboa kreiert hat. Gavin Gamboa ist ein Labelbetreiber, Pianist, Video-Artist und Filmemacher, der sich zurzeit er sich zudem stark im Video-Autoren-Kollektiv Teaching Machine engagiert, wo man noch mehr ähnliche Videos findet.

Ich mochte den 19:30-Minuten langen Film, der bei mir einen beinah hypnotischen Sog entwickelte.

Daher möchte ich ihn hier gerne einmal vorstellen, habe aber gleichzeitig Joris J gebeten, noch etwas zu dem Projekt zu sagen. Hier seine Antwort:

Der Gedanke bzw. rote Faden, der hinter dem Video steckt ist, dass die auf dem Wert beruhende Produktionsweise sich selbst (z)ersetzt. Die Bilder und Sequenzen wurden von Gavin Gamboa erstellt. Er ist hauptsächlich dafür verantwortlich, dass das Video in seiner jetzigen Art und Weise steht. Am Anfang ging es nur darum einfach Projektionen zu der Musik von Genus Inkasso (mein Projekt) und Lobster Zorn zu finden. Schnell merkten wir aber alle, dass das Potential für einen Film vorhanden ist. Assoziative Bilderreigen sind nichts neues, aber diese Überakkumulation von Ideen und diese Verdichtung auf unter 20 Minuten ist mit aller Bescheidenheit wohl selten. 🙂 Thematisch wird angerissen: die zunehmende urbane Stereotypie, Somnambulie, die Liebe zum Medium Film im Allgemeinen.

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Bericht vom 20. Internationalen Filmfest Oldenburg – Teil 2

Von , 24. September 2013 23:07

Der zweite Tag begann mit einer kleinen Enttäuschung. Die hatte aber nichts mit dem Filmfest zu tun, sondern damit, dass ich beim tollen DVD-Laden B-Movie mal wieder vor verschlossenen Türen stand. Die Öffnungszeiten sind irgendwie Filmfest inkompatibel. Schade, aber ein Grund mehr, Oldenburg demnächst mal wieder einen Besuch abzustatten.

Los ging es dann mit einer Wiederholung des Eröffnungsfilmes, der ja im Vorfeld von den Veranstaltern über den grünen Klee gelobt wurde. Klappern gehört ja bekanntlich zum Handwerk, aber bei Vergleichen mit den großen Meistern wie Hitchcock hätte ich schon stutzig werden sollen. Erwartungsgemäß wurde es hier sehr voll und die Exerzierhalle war bis auf den letzten Platz ausverkauft. Von den Gästen, die ihren Film noch bei der Eröffnung vorgestellt hatten, war keiner mehr da. Das war schade, aber die sehr gute Einführung machte diesen Umstand schnell vergessen. Gehalten wurde diese nur scheinbar von einem Mitarbeiter des Filmfests, der sich auch nicht vorstellte, mir aber sehr bekannt vorkam. Beim genauen Hinhören, konnte man aber feststellen, dass es sich hier um den Filmemacher RP Kahl („Bedways“) handelte. Da er die verstorbene Hauptdarstellerin des Filmes Maria Kwiatkowsky gut kannte, war die Einführung natürlich dementsprechend emotional.

Vorab gab es noch die letzte vollständige Arbeit bei der Maria Kwiatkowsky mitgewirkt hatte. Einen Kurzfilm mit dem Titel „Preis“, in dem sie eine Obdachlose spielt. Und dies so lebensecht, dass man fast denken könnte, man schaue eine Dokumentation. Toll gespielt, inhaltlich etwas viel Zeigefinger, aber lebensnah und mit einer deutlichen Aussage.

Die Erfindung der Liebe – Leider war der Film dann doch auf dem von mir im Vorfeld befürchteten TV-Niveau. Aber immerhin bot er einer ganzen Reihe arrivierter Schauspieler, wie der ätherischen Sunnyi Melles, der wie immer überzeugenden Irm Hermann und einem sichtbar gut aufgelegtem Mario Adorf viel Platz. Und es gab durchaus auch Entdeckungen, wie Bastian Trost und insbesondere Marie Rosa Tietjen, die ihre eigentlich blasse und undankbare Rolle mit soviel Leben und kleinen, ehrlichen Gesten füllte, dass man hier von einer heimlichen Hauptdarstellerin sprechen kann. Vor allem funktioniert der Film aber als Erinnerung an die plötzlich während der Dreharbeiten, viel zu jung verstorbene Maria Kwiatkowsky und daran, was ist dem Kino (und Theater, da war sie ja auch Zuhause) mit ihrem überraschenden Tod verloren gegangen ist. Welche Energie.

Als sie während der Dreharbeiten zu „Die Erfindung der Liebe“ verstarb, blieb der Film zunächst unfertig in der Schublade liegen. Doch Regisseurin Lola Randl holte die bereits gefilmten Fragmente in einer Art Trauerbewältigungsprozess wieder hervorgeholt und baute einen Film-im-Film darum herum. Dieser handelt nun davon, dass bei den Dreharbeiten zu einem Film die Hauptdarstellerin verstirbt. Doch oftmals werden die Fragmente zu bemüht in die neue Handlung gequetscht, was dann zu inhaltlichen Fehlern führt und die Szenen mit Maria Kwiatkowsky zu Fremdkörpern in werden lässt. Trotz der oben angesprochen darstellerischen Leistungen wirkt das manchmal etwas schlampig zusammengefügt, und die Idee plötzlich den Drehbuchautoren zur allmächtigen Figur zu etablieren, die sich nach belieben in und aus den Film schreibt, ist auch recht holprig ausgeführt. Man hätte aus diesem Film sicherlich weitaus mehr machen können. Wenn man sehen möchte, wie es besser geht, sollte man sich lieber Andrzej Wajdas kleines Meisterwerk „Alles zu verkaufen“ zum gleichen Thema anschauen.

Autumn Blood – Eine Familie (Vater, Mutter, Tochter, Sohn) wohnt abgelegen auf einer Alm in Tirol. Erst wird der Vater erschossen, Jahre später stirbt die Mutter und die Tochter wird von den jungen Männern des Dorfes mehrfach vergewaltigt. Als eine Sozialarbeiterin im Dorf erscheint, um nach den Kindern zu schauen, beschließen die Vergewaltiger ihre Spuren auf radikale Art und Weise auszulöschen. Ein österreichischer Film, der in Tirol spielt, aber auf Englisch mit internationalen Schauspielern gedreht wurde. Dass die Tiroler Dorfbewohner nun plötzlich alle Englisch sprechen, stört zunächst dann doch etwas. Da im Film aber maximal 20 Sätze fallen, lenkt es aber auch nicht allzu sehr ab. Die Entscheidung den Film fast ausschließlich über Bilder zu erzählen, ist durchaus mutig für einen Debütfilm. Allerdings muss man anmerken, dass die Geschichte jetzt nicht so kompliziert ist, dass es hier viele Worte braucht.

Im Programmheft einerseits als „Mischung aus Sergio Leone und Michael Haneke“ (!!!), andererseits als Sozialdrama angekündigt, ist er natürlich nichts von alledem. Eher ein gut gefilmter Rape&Revenge-Streifen, mit nur ganz wenige Revenge, dafür einer spannenden Flucht vor den bösen Buben. Da diese durch eine überwältigen schöne Landschaft führt und die Schauspieler eine überzeugende Leistung zeigen, verzeiht man gerne einige handwerkliche Fehler (so ist z.B. die Mutter ist viel zu jung besetzt und die Tochter eigentlich schon viel zu alt, wenn man dem Prolog als Grundlage nimmt). Insbesondere Gustaf Skarsgård überzeugt als fiesen Charakter, aber auch die junge Sophie Lowe und Maximilian Harnisch als ihr kleiner Bruder, machen ihre Sache mehr als ordentlich. Außerdem gibt es ein Wiedersehen mit Peter Stormare in Räuber-Hotzenplotz-Verkleidung.

In der nachfolgenden Q&A wurde Regie-Debütant Markus Blunder nach einer etwas unnötig erscheinenden Nacktszene mit seiner schönen, jungen Hauptdarstellerin gefragt. Seine niedliche Antwort war, dass es symbolisieren sollte, dass das Mädchen und die Natur eine Einheit sind. Nun ja, das kann man mal so sagen. Man kann aber auch behaupten, dass hier ein willkommenes Exploitation-Motiv mit in den Film genommen wurde. Denn so anspruchsvoll, wie der Film sich gerne geben würde, ist er natürlich nicht. Aber als spannendes Genre-Kino funktioniert er tadellos.

Regisseur Markus Blunder und Schauspieler Gustaf Skarsgård

Regisseur Markus Blunder und Schauspieler Gustaf Skarsgård

Markus Blunder

Markus Blunder

Gustaf Skarsgård

Nach dem Film musste man ran halten, um es pünktlich ins Staatstheater zu schaffen, wo in diesem Jahr erstmals eine Spielstätte eingerichtet worden war. Das Ergebnis erinnert etwas an die Exerzierhalle, nur sehr viel kleiner. Dass der Saal eigentlich für kleine Theaterarbeiten vorgesehen ist, kann nicht unbedingt verheimlicht werden. Auch scheint die Leinwand etwas zu klein für die Größe des Raumes. Immerhin ist es dort aber stimmungsvoller und bequemer als in der Alten Fleiwa.

The Act of Killing – Eine 2,5-stündige Doku, die einen nicht ungeschoren davon kommen lässt. Es geht darin um Angehörige eines Todesschwadron, das Mitte der 60er in Indonesien tausende „Kommunisten“ (um „Kommunist“ zu gelten, reichte es schon chinesischer Staatsangehöriger zu sein, oder dass jemanden die Nase nicht gepasst hat) auf bestialische Art und Weise gefoltert und getötet hat. Der Film handelt vor allem von einem Projekt, in welchem Veteranen der Todeskommandos ihre damaligen Taten heute noch einmal für einen Film nachspielen. Und zwar so, wie die Veteranen es möchten. Dabei entstehen fast schon surreale Szenen, wenn sich die Männer als Cowboys, Film Noir Gangster oder als Dämonen inszenieren. Dabei wird allerdings nicht klar, wer dieses Projekt initiiert hat. War es der Regisseur des Films Joshua Oppenheimer oder – wie es der Film suggeriert – die Veteranen selber, die ihre Taten glorifiziert sehen möchten. Dies tut für die Aussage des Films aber auch nichts zur Sache.

Wer an das Gute in der Welt glaubt, geht vielleicht davon aus, dass die alten Männer heute unter ihren Taten leiden oder im Laufe ihres Lebens in irgendeiner Form ihre gerechte Strafe erhalten haben. Doch weit gefehlt. Die Männer leben heute in Saus und Braus, werden als Helden gefeiert und protzen mit ihren Untaten. Einer sagt z.B. dass das, was Kriegsverbrechen sind, immer von den Gewinnern definiert wird. Er sei ein Gewinner und könne deshalb für sich definieren, dass er keine Verbrechen begangen hätte. Und so sieht man ihn glücklich und zufrieden mit seiner Familie durch eine luxuriöses Einkaufscenter schlendern. Überraschenderweise – oder sollte man eher sagen erschreckenderweise? – sind die alten Leute gar nicht so unsympathisch. Und das ist es, was einen erst zu richtig Angst macht. Sie erzählen von ihren grausamen Hinrichtungen so, wie andere in Erinnerungen von tollen Partynächten schwelgen. Tatsächlich scheinen sie ihre unmenschlichen Verbrechen auch als so etwas ganz ähnliches zu begreifen. Sie haben Spaß und Lachen gemeinsam, wenn sie sich erzählen, wie sie jemanden gefoltert und massakriert haben. Dem Zuschauer aber bleibt bei ihren Schilderungen mehr als einmal ein dicker Kloß im Hals stecken. Einmal setzten sich die Männer auf einen Tisch und scherzen und singen gemeinsam. Das hätten sie früher auch so gemacht und dabei das Tischbein einem Delinquenten auf den Kehlkopf gestellt.

Einmal wird ein Massaker an einem Dorf nachgespielt und einer der Rädelsführer prahlt damit, wie toll es war, damals die Frauen zu vergewaltigen und welch ein Glück man doch hatte, wenn eine 14jährige darunter gewesen ist. Es sind Szenen wie diese, die einem den Magen umdrehen. Nun kann man dem Film sicherlich vorwerfen, dass einige Szenen gestellt aussehen (insbesondere die letzte Szene, in der einer der Männer ein zweites Mal an den Ort seiner Morde zurückkehrt und sich bei der Erinnerung an seine Taten vor der Kamera übergibt) und er natürlich seine Geschichte nicht in einen größeren geschichtlichen Kontext stellt. Über die Hintergründe der damaligen Situation erfährt man nur wenig, ebenso darüber, ob die Schilderungen der Männer zur Gänze der Wahrheit entsprechen.

Doch darum geht es auch nicht. Es geht um die absolute Banalität des Bösen. Diese Männer sind eben keine Monster. Es steht ihnen nicht ins Gesicht geschrieben, dass sie eiskalt die grausamsten Tötungen vorgenommen haben. Im Gegenteil. Und im heutigen Indonesien gehören sie sogar zu den geachteten Gesellschaftsmitgliedern und werden für ihre Taten gelobt. Das zeigt auch, wie es vielleicht in Deutschland ausgesehen hätte, wenn Nazi-Deutschland den Krieg gewonnen hätte. Wer eine Bestie ist und wer ein Held, dass ist immer ein Sache derjenigen Definitionssache derjenigen, die am Ende noch da sind, um die Geschichte schreiben. Daher sollte, nein muss man, die Geschichte der Sieger immer auch hinterfragen. Aber der Film hat noch so viele andere interessante und erschütternde Aspekte, die ich jetzt hier gar nicht alle aufführen will. Ich möchte nur jeden einladen, sich diesen Film ebenfalls anzusehen, denn es ist ein wichtiger Film. Purer Horror, der wirklich Angst macht vor der Bestie Mensch, und der mir noch lange im Kopf herum spuken wird. Kein Wunder also, dass Werner Herzog und Errol Morris, nachdem sie ihn gesehen hatten, ihre guten Namen als Executive Producers zur Verfügung stellten, um ihm eine größere Öffentlichkeit zu verschaffen.

„The Act of Killing“ wurde u.a. von arte und ZDF co-finanziert, daher wird der dort wohl irgendwann einmal ausgestrahlt werden. Es gibt allerdings auch eine auf knapp zwei Stunden gekürzte Fassung – und wie ich die Öffentlich-Rechtlichen kenne, werden die dann wohl diese zeigen. Was schade ist, denn von den 156 Minuten fand ich jede einzelne wichtig.

Meine Begleitung und ich sind ziemlich benommen aus dem Film gewankt und haben noch lange drüber gesprochen. Auch dem Rest des Publikums ging es danach nicht wirklich gut. Für mich ein würdiger Abschluss unter zwei Tage Internationales Filmfest in Oldenburg. Ich freue mich schon jetzt auf die 21. Auflage und hoffe, dass die Stadt Oldenburg endlich mal erkennt, welch großartiges Pfund sie mit dem Filmfest hat, und dann 2014 wieder etwas mehr Geld zur Verfügung steht. Aber so oder so ist es wieder einen großen Beifall wert, was die Verantwortlichen auch dieses Jahr, trotz der widrigen Umstände, auf die Beine gestellt haben.

Bericht vom 20. Internationalen Filmfest Oldenburg – Teil 1

Von , 19. September 2013 12:41

Wider Erwarten habe ich es auch dieses Jahr geschafft, dem Internationalen Filmfest in Oldenburg zumindest an zwei Tagen einen Besuch abzustatten. Zwar ohne Übernachtung im Hotel Sprenz (was mir ein liebgewordenes Ritual geworden war), aber dank meines freundlichen Fahrers, war ich immerhin auch nicht auf den letzten Zug nach Bremen angewiesen. Wobei sich da scheinbar etwas getan hat, denn die Nordwestbahn fährt im Gegensatz zur Deutschen Bahn noch nach 22:35 und man hat um 0:06 noch die Chance nach Hause zu kommen.

Nach den lautstarken Querelen im letzten Jahr, bei denen das Filmfest auf der Kippe stand und auch eine Verlegung nach Bremen kolportiert wurde, war es diesmal im Vorfeld sehr, sehr ruhig. Kein Streit, keine Protestaktionen, nichts. Was einerseits sehr gut ist, denn Streit ist immer schlecht und lässt am Ende nur Verlierer zurück. Andererseits merkte man dieses Jahr auch sehr deutlich, das das Filmfest starke finanzielle Einschnitte hinnehmen musste. So fiel einerseits auf, dass es nicht so viele Filme wie in den Vorjahren gab und diese dann häufig auch an zwei Terminen liefen. Was mir sehr entgegen kommt, denn so konnte ich – im Gegensatz zu den Vorjahren – fast mein gesamtes Wunschprogramm durchziehen. Auch wenn ich den Gewinnerfilm „Our Heroes Died Tonight“ zwar von Anfang an auf dem Zettel hatte, aber es aus zeitlichen Gründen nicht geschafft habe, mir eine der beiden Vorstellungen anzusehen. Somit hat die Serie dann auch gehalten. Noch nie habe ich in Oldenburg einen der Filme gesehen, die am Ende einen Preis mit nach Hause genommen haben.

Des Weiteren musste in diesem Jahr auf die drei Kinosäle verzichtet werden, die bisher das Cinemaxx zur Verfügung stellte. Was schon einen großen Einschnitt darstellt, da somit nur zwei „echte“ Kinos (das Casablanca und das winzige Cine K) zur Verfügung standen. Ausgeglichen wurde dies, indem die Exerzierhalle (die letztes Jahr nicht bespielt wurde) wieder als Abspielstätte hinzukam und im Staatstheater eine Raum zum Kino umfunktioniert wurde. Allerdings muss man sagen, dass es sowohl Exerzierhalle, als auch Staatstheater vom Komfort und vor allem der Anzahl der zur Verfügung stehenden Plätze, nicht mit dem Cinemaxx-Sälen aufnehmen können. Die Anzahl der Vorstellungen in der JVA wurde deutlich erhöht und es stand auch wieder die fürchterliche EWE Forum Alte Fleiwa zur Verfügung. Letztere habe ich bewusst gemieden, denn obwohl ein Shuttle-Service angeboten wurde, war mir die Sache zu unsicher, von der weit entfernten Alte Fleiwa pünktlich zum nächsten Film wieder in die Innenstadt zurückzukommen. Zudem finde ich Atmosphäre in der Alte Fleiwa auch nicht besonders verlockend.

Los ging es für mich am Freitag um 16:30 im sehr kleinen Cine K. In die Vorstellung von „The Boy Eating the Bird’s Food“ hatten sich gerade mal 8 Leute verirrt. Dies sollte allerdings eine Ausnahme bleiben. Die anderen Filme war entweder sehr gut besucht oder gar bis auf den letzten Platz ausverkauft.

The Boy Eating the Bird’s Food – Dieser griechische Film von Ektoras Lygizos handelt um einen jungen Mann, der erst ohne Arbeit und bald auch in seiner Wohnung ohne Wasser ist. Zu Essen hat er schon lange nichts mehr, weshalb er seinem Vogel das Futter wegnimmt. Ohne jegliche Vorwarnung wird direkt man sofort in das Leben des Jungen geworfen. Dialoge gibt es kaum, Hintergründe kann man nur erahnen. Dadurch bleibt vieles im Dunkeln, was für die Empathie mit dem Jungen doch wichtig gewesen wäre.

Tatsächlich könnte man ohne vorherige Konsultation des Programmheftes, zunächst glauben, er würde nur unter einer extremen Nahrungsobsession leiden. Warum er ständig auf der Suche nach Essen ist und sich sein ganzes Denken darum dreht, wird aufgrund der Bilder nämlich nicht klar. Zumal der weil der (sehr gute) Hauptdarsteller Yannis Papadopoulos im Grunde zu gut und nicht fertig genug aussieht, als dass man ihm den Hungernden abnehmen würde. Christian Bale in „The Machinist“ oder Michael Fassbender in „Hunger“ sind da schon ein anderes Kaliber. Auch dass er den Film über fast immer am Essen ist, macht es schwer mit ihm mitzufühlen. Nun ist Hunger auf der Leinwand schwer über Bilder zu vermitteln, und man muss leider sage, dass Lygizos daran auch scheitert. Provozierende Szenen, wie die in der der Protagonist vor der Kamera masturbiert und dann sein Ejakulat verspeist, wirken nicht schockierend, sondern zu gewollt und auf Skandal gebürstet. Der Handlung hilft sie nicht weiter.

Vor allem aber ärgert die Passivität des Protagonisten. Nie hat man das Gefühl, dass er an seiner Situation wirklich etwas ändern will und sein Leben in die Hand nimmt. Er wirkt weinerlich und seine Gründe, warum er z.B. keine Hilfe von seiner Familie annimmt oder seinen Job schmeißt, bleiben unklar oder zumindest nicht nachvollziehbar, da er doch knapp vor dem Hungertod stehen soll. Daher lässt einen der Film leider kalt. Denn trotz der intensiven Kameraführung, die immer ganz dicht am Protagonisten klebt, bleibt man doch als Zuschauer die ganze Zeit über distanziert.

Dark Around the Stars – Eigentlich aber ich die Nase voll von US-Indie-Roadmovies, die doch immer derselben Formel folgen. Die Fahrt durch das Land wird zum Symbol des Erwachsenenwerdens oder die Hauptfigur wird sich bewusst, was in seinem Leben wichtig ist/fehlt. Am Ende der von viel Indie-Rock-Pop untermalten Fahrt, steigt dann ein besserer Mensch aus dem Wagen, als eingestiegen ist.

Auch Derrick Bortes „Dark Around the Stars“ verfährt nach dieser Formel. Ein junger Mann, dessen Frau und ungeborenes Kind umgekommen sind, beschließt sich an seinem Geburtstag von einer Brücke in den Grand Canyon zu stürzen und sich auf dem Weg dorthin ständig volllaufen zu lassen. Natürlich trifft er auf dem Weg dann viele Leute, die ihm seinen Entscheidung schwer machen und das Ende ist dann auch vorhersehbar.

Trotzdem hat mir der Film merkwürdigerweise gefallen, obwohl er doch sehr durchsichtig und dünn ist. Vielleicht lag es an dem sympathischen Hauptdarsteller Mark Kassen, der allerdings auch dann noch, wenn er einen fürchterlichen Kater haben soll, wie ein Modell im Alternative-Look aussieht. Vielleicht an dem alten Hund, der eine kurze Rolle in dem Film hat. Möglicherweise waren es die tollen Landschaftsaufnahmen und generell das spontane Bedürfnis nach einem Film, der einem mit der simplen Botschaft, dass man die Schönheit der Sterne ohne die Finsternis Drumherum war nicht wahrnehmen könnte, einen aufmunternden Klaps auf den Rücken gibt.

Regisseur Derrick Borte mit der besten Ansagerin des Filmfests Oldenburg

Regisseur Derrick Borte mit der besten Ansagerin des Filmfests Oldenburg

Derrick Borte mit Produzent Scott Floyd Lochmus

Derrick Borte mit Produzent Scott Floyd Lochmus

Kiss of the Damned – Was kommt dabei heraus, wenn eine junge Frau (naja, mittlerweile ist sie 48) mit berühmten Papa (John Cassavetes) zu viel Eurohorror geguckt hat und jetzt das erste Mal selber einen Film drehen darf? Ein Film, der aus lauter Versatzstücken anderer Filme besteht. Mal ist es ihr gut gelungen, diese in ihre Geschichte um Vampire und ihre familiären Schwierigkeiten einzubauen, mal weniger. Man sieht deutlich, welche Filme Xan Cassavetes im Hinterkopf hatte, als sie ihr Debüt inszenierte. Da werden Jess Francos „Entfesselte Begierde“ zitiert, immer wieder Harry Kümels „Blut an den Lippen“, aber auch Tony Scotts „The Hunger“. Dadurch entstehen einige sehr schöne Szenen, die allerdings immer eine Gradwanderung zwischen Hommage und übertriebenen Gepose sind. Leider wird das Ganzen auch noch mit einem penetranten Sound-Design überkleistert, das sehr schnell auf die Nerven fällt.

Die erste Hälfte erinnert in seinem Bemühen, aus bekannten Bildern und Motiven eine besondere Stimmung zu erzeugen, etwas an den belgischen „Amer“ Allerdings ist „Amer“ dies sehr viel besser gelungen. Das alles ist zwar schön gefilmt und zeigt auch schöne Frauen.. aber irgendwie fehlt das gewisse Etwas. Es ist sozusagen Eurohorror ganz durch die US-amerikanische Brille gesehen. Wozu leider auch gehört, dass der Film eine klinische Erotik aufweist, die ganz im Gegensatz zu den Inspirationen steht. Zwar wird hier mit Sex in Ketten gespielt, lesbische Spielchen inszeniert und hier und da blitzt eine Brust auf – doch das wirkt alles eher gewollt und wie für verklemmte Hausfrauen, statt mit wirklich dampfender Erotik, inszeniert.

Die zweite Hälfte, die sich stärker auf die Handlung konzentriert und auf einmal Intrigen innerhalb der Vampir-Gesellschaft einführt, ist dann auch stärker ausgefallen, auch wenn das Thema „Gute Vampire, die mit alternativen Ernährungsmethoden leben gegen böse Vampire, die den altmodischen Weg der Blutentnahme bevorzugen“ auch schon ziemlich durchgekaut und gut abgehangen ist. Auch darstellerisch fällt der Film in zwei Hälften. Die erste konzentriert sich auf die schöne, aber etwas gekünstelt agierende Joséphine de La Baume und den gutaussehenden, aber blassen Milo Ventimiglia, während die weit Hälfte mit der charismatischen und leicht an Barbara Steele erinnernden Roxane Mesquida (die bereits in dem Schweizer Horrorfilm „Sennentuntschi“ die Titelrolle spielte) und der tollen Anna Mouglalis, die weitaus stärkeren Darsteller in den Vordergrund schiebt. Zwischendurch gibt es noch ein willkommenes, aber viel zu kurzes Wiedersehen mit Michael Rapaport.

Xan Cassavetes

Xan Cassavetes

Xan Cassavetes

Xan Cassavetes

Damit ging der erste Tag zu Ende. Den Spätfilm um 23:45 (das wäre dann „Our Heroes Died Tonight“ gewesen), sparte ich mir, da auch mein Fahrer nach Hause musste. Wie immer war es wieder schön in Oldenburg zu sein. Ein Wort noch zu der mir unbekannten Ansagerin vor „Dark Around the Stars“. Bravo! Sie hat witzig und sehr lebendig in den Film eingeführt und auch beim anschliessenden Q&A den Regisseur gleich für sich eingenommen. So muss das sein.

Blu-ray Rezension: „Singapore Sling“

Von , 18. September 2013 10:06

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Ein Detektiv (Panos Thanassoulis) sucht nach der verschwundenen Laura. Seine Suche führt ihn in einer regnerischen Gewitternacht, schwer verletzt und erschöpft, in ein abseits gelegenes Anwesen. Dort leben zwei geheimnisvolle Frauen (Michele Valley und Meredyth Herold) leben, die sich gegenseitig als Mutter und Tochter bezeichnen. Gerade haben die Beiden ihren Chauffeur umgebracht und überhaupt besteht ihr Leben darin, sich sexuellen Rollenspielen hinzugeben und dann und wann einen Besucher umzubringen. Auch der Detektiv droht Opfer der Beiden zu werden. Doch bevor sie sich seiner endgültig entledigen, soll er ihnen noch als Spielzeug für ihre bizarren Obsessionen dienen

Wichtige Anmerkung: Da es mir leider (noch?) nicht möglich ist Screenshots von Blu-ray-Filmen zu machen, stammen die hier verwendeten Bilder NICHT von der bei „Bildstörung “ erschienenen Blu-ray, sondern von der amerikanischen DVD von Synapse.

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Der 2007 leider viel zu früh verstorbene, griechische Regisseur Nikos Nikolaidis ist hierzulande einer der großen Unbekannten des internationalen Kinos. Obwohl seine zwischen 1975 und 2005 entstandenen acht Spielfilme in seinem Heimatland immer wieder mit Preisen überschüttet wurden, gab es doch bis heute keine Heimkino-Auswertungen in Deutschland. Und auch international sind keine DVDs mit englischen Untertiteln zu finden. Die einzige Ausnahme bildet sein bekanntester Film „Singapore Sling“, der in Kennerkreisen Kult-Status genießt. Und dies völlig zurecht, verbindet er doch die Optik eleganten Arthaus-Kinos mit den obskuren Fetischen des Mitternachtskinos. Dank des großartigen Labels „Bildstörung“ ist dieses dunkle und auf bizarre Art und Weise schwarz-humorige Meisterwerk nun auch in Deutschland erhältlich.

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Wie die meisten Filme Nikolaidis‘, entstand auch dieses Werk wieder in seinem eigenen Haus, einem geräumigen Anwesen in dem er vor den Dreharbeiten auch mit den Darstellern seiner Filme lebte. Sieht man „Singapore Sling“, kann man verstehen warum ihm dies wichtig war. Sie mussten ein großes Vertrauen zu ihrem Regisseur finden, denn dieser verlangte ihnen während des Drehs eine ganze Menge ab. So muss sich Hauptdarsteller Panos Thanassoulis ankotzen und anpissen lassen, während Meredyth Herold explizit mit einer Kiwi masturbiert. Allerdings erwartet einen kein trashiger Underground-Film. Damit hat „Singapore Sling“ rein gar nichts zu tun. Obwohl Nikolaidos kein großes Budget zur Verfügung stand, schaffte er es, eine elegante, sehr stylische Optik entstehen zu lassen, die nach großem, klassischem Hollywood-Kino aussieht. Vergleicht man z.B. „Singapore Sling“ mit Curt McDowells „Thundercrack!“, an den er teilweise erinnert, dann fällt auf, wie viel Sorgfalt Nikos Nikolaidis in seine Inszenierung legt. Kuchars Film ist eine wilde Melange aus expressionistischem Horrorfilm der 20er und 30er, Sex, Körperflüssigkeiten und Wahnsinn. Letztere drei genannten Komponenten kommen auch in „Singapore Sling“ in großer Vielzahl vor, doch ist die Wirkung bei Nikolaidis ungleich verstörender, da diese Elemente hier durch die schönen Bilder umso fremdartiger und surrealistischer erscheinen.

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Nikos Nikolaidis orientiert sich am amerikanischen Film Noir, dessen Stimmung und expressionistische Schattenspiele er perfekt wieder auferstehen lässt. Der andere Film, der dabei über allem schwebt, ist Otto Premingers „Laura“ von 1944. In diesem Film geht es um einen Polizisten, der den Mord an eben jener Laura aufklären soll. Während seiner Ermittlungen verliebt er sich in die Tote, die er nur von einem großen Portrait kennt, welches in ihrer Wohnung hängt (dieses Portrait taucht auch in „Singapore Sling“ wieder auf). Relativ schnell kommt aber heraus, dass Laura lebt und eine andere Frau an ihrer Stelle ermordet wurde. Auf dem ersten Blick scheint „Laura“ so etwas wie die Vorgeschichte zu „Singapore Sling“ darzustellen, allerdings nutzt Nikolaidis „Laura“ weniger als Blaupause für seinen Film, sondern der Film selber scheint von „Laura“ zu träumen. Immer wieder werden Bruchstücke des einen in den anderen Film geworfen. Personen rezitieren aus dem Zusammenhang gerissene Dialoge aus „Laura“, stellen Fragen, sie sich auf Premingers Film und nicht auf die eigentliche Handlung beziehen. Der gleichnamige, vom Film inspirierte Song wird nicht nur immer wieder gespielt und hallt als traurig-unheimliches Echo durch die Räume des Anwesens, sondern wird von den Charakteren in ihre Dialoge eingeflochten. So fragt das Mädchen, wann Laura den Zug genommen hat – womit sie sich auf eben dieses Lied, nicht auf den Film bezieht. „Laura“ ist die Schicht, die unter „Singapore Sling“ liegt und an manchen Stellen dringt sie wieder an die Oberfläche durch.

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Merkwürdigerweise wirkt „Singapore Sling“ geradezu prophetischer Kommentar auf die heutige Situation Griechenlands. Der formale Held wird von einem Griechen gespielt, der auch ausschließlich Griechisch spricht, und sich seinen beiden Peinigern nicht verständlich machen kann. Zudem jagt er einem idealisierten Traum einer besseren Zeit – eben seiner Laura – nach. Die beiden Frauen sind dekadente, reiche Ausländer, die den Griechen zu ihrem Spielzeug machen. Die ihn erniedrigen und bereits seine Entsorgung planen, die sich nur deshalb hinauszögert, weil sie ihn vorher noch ausgiebig für ihre perversen Zwecke nutzen wollen. Nun sprechen die Beiden hier Englisch, aber möglicherweise würde Nikolaidis sie heutzutage Deutsch sprechen lassen. Denn so wie der Mann, den sie Singapore Sling nennen, von den dekadenten Reichen ausgenutzt und erniedrigt wird, so fühlen sich sicherlich viele Griechen in Anbetracht der Eurokrise und der Rolle der reichen EU-Geber-Länder. Und dass sich Singapore Sling, am Ende sein eigenes Grab schaufelt, kann man ebenfalls als recht hellseherisch begreifen.

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Lässt man diese höchst spekulative Interpretation außen vor, geht es in „Singapore Sling“ vor allem um Sex, und man darf die vertauschten Rollen (hier sind die Frauen sexsüchtig bis über den Wahnsinn hinaus und kennen keine Skrupel, ihr Opfer wie ein Ding zu behandeln, während der Mann romantischen Vorstellungen von der Liebe über den Tod hinaus nachhängt) auch als direkten Kommentar darauf lesen, wie sich in der Regel die Männer den Frauen gegenüber verhalten. Eben wie skrupellose Tiere. Das Viehische wird auch in den ekligen Dinner-Szenen betont, wo die beiden Frauen ihre Freude daran haben, ihr Essen immer wieder auszukotzen. Diese spielerische Freude, mit der sie männliche Verhaltensweisen ins Extreme überzeichnen, lässt einen auch an Marie und Marie aus (dem ebenfalls bei „Bildstörung“ erschienen) „Tausendschönchen“ denken, wo ebenfalls zwei Frauen bzw. Mädchen, aus der Rolle fallen und ihre zugewiesenen Rollenklischees nicht mehr erfüllen. Besonders wenn die beiden Frauen Laurel & Hardy zitieren (z.B. doch den berühmten „Soft Shoe Dance“ aus „Zwei ritten nach Texas“ und dem Öhrchen-Kniechen-Spiel aus „Die Teufelsbrüder“) oder die eine einen tödlichen Herzinfarkt vortäuscht, um dann unter lautem Gelächter wieder zum Leben erweckt zu werden, sind diese Parallelen offensichtlich.

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Endlich ist Dank „Bildstörung“ dieses bizarre Meisterwerk des hierzulande sträflicherweise weitgehend unbekannten griechischen Regisseurs Nikos Nikolaidis in Deutschland erschienen. „Singapore Sling“s provokante Mischung aus eleganter Film-Noir-Optik, Gedärm, Körperflüssigkeiten, nacktem Wahnsinn und bösem Humor sichert ihm Kultfilm-Status. Aber auch darüber hinaus hat der Film viel Hintersinniges, nicht nur zum Rollenspiel zwischen Männlein und Weiblein, zu sagen.

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Im obigen Text wurde das Label „Bildstörung“ schon so oft gelobt, dass es beinahe unangenehm ist, hier weiterhin die Arbeit in höchsten Tönen zu preisen, die das Label in ihre vorbildliche Veröffentlichung gesteckt hat. Das Bilder der Blu-ray ist gestochen scharf und bringt die wunderschöne Fotografie des Filmes noch mehr zum Strahlen. Im Gegensatz zur US-DVD sind auch die Untertitel ausblendbar. Da der Film allerdings auf Englisch, Französisch und Griechisch gedreht wurde, sind diese für nicht Multi-Linguisten unverzichtbar. Da für den Film das Sprachgewirr ungemein wichtig ist, ist es nur selbstverständlich, dass keine deutsche Synchronfassung angefertigt wurde. Auch in Sachen Extras stellt die „Singapore Sling“-Veröffentlichung eine Referenz dar. Auf einer zweiten DVD (der Film ist auf Blu-ray, die Extras auf der DVD) wird sich eingehend mit Nikos Nikolaidis beschäftigen. Zentral ist hier die 77-minütige Dokumentation „Directing Hell – A film about Nikos Nikolaidis“, die scheinbar bei den Dreharbeiten zu seinem letzten Film entstand. Hier zeichnen Schauspieler und Weggefährten ein differenziertes Bild des im Grunde sympathischen und einfühlsamen Regisseurs, der bei den Dreharbeiten aber scheinbar zum Despoten mutierte. Ferner findet sich ein 22-minütiges Interview mit Nikolaidis unter den Extras. Da Nikolaidis seine Brötchen auch mit Werbefilmen verdiente, finden sich einige dieser Spots ebenfalls auf der DVD. Unbedingt erwähnenswert ist auch wieder das, diesmal von Gerd Reda verfasste, 12-seitige Booklet, welches bei „Bildstörung“ nie ein bunter Werbe-Flyer, sondern immer ein profundes Essays ist.

Reise-Tipp: “Deliria Italiano” – 4. öffentliches Forentreffen in Magdeburg

Von , 12. September 2013 21:33

deliria4cWer im letzten Jahr beim 3. öffentlichen Forentreffen von Deliria-Italiano.de in unserer schönen Heimstadt Bremen dabei war, wird sich sicherlich an den bunten und liebenswerten Haufen erinnern, der damals das Kommunalkino City 46 stürmte. Gezeigt wurden als 35mm Kopien „The Riffs – Die Gewalt sind wir“ und „The Riffs 2 – Flucht aus der Bronx„. Und so mancher fragte damals: „Wenn ihr schon Teil 1 und 2 zeigt, warum nicht auch Teil 3“? Nun, einerseits gehört dieser eigentlich nicht zur Reihe, da er nur in Deutschland den „Riffs“-Titel aufgedrückt bekam, anderseits wurde dieses *hust* „Meisterwerk“ noch aufgespart.

Und nun ist es soweit: Beim 4. öffentlichen Forentreffen – welches diesmal in Magdeburg stattfindet – werden am 5. Oktober „The Riffs 3 – Die Ratten von Manhattan“ im Rahmen eines Bruno-Mattei-Double-Features gezeigt. Passend zum ersten Film des Tages, dem schamlosen „Zombie“-Rip-Off mit deliria4bKannibalenfilm-Einlagen „Die Hölle der lebenden Toten„, können sich die ganz Beinharten am Abend zuvor noch das Original dazu anschauen: „Zombie“ von George R. Romero im europäischen Argento-Cut. Natürlich alles auf 35mm Filmkopien.

Wer schon einmal bei einem der Forentreffen von (dem übrigens sehr empfehlenswerten) Internet-Forum „Deliria Italiano“ dabei war, weiß dass das alles sehr nette Leute sind, die jeden Gast herzlich willkommen heißen. Wer also noch überlegt, was er am 4./5. Oktober machen möchte, der sollte sich auf den Weg nach Magdeburg machen. Ab Bremen fährt auch ein Intercity direkt nach Magdeburg und man ist in noch nicht einmal drei Stunden am Ziel.

 

 

The Beast in the East – Zombies, Ratten, Viren…

Im Osten geht bekanntlich die Sonne auf – und bei George A. Romeros DAWN OF THE DEAD unter. Direkt aus der Hölle erwachen die untoten delirierenden Filmfreaks zum Leben, wenn wir den Klassiker (Argento-Cut) zusammen mit einer bunt gemischten Trailershow am Freitag um 20:00 Uhr wiederaufführen!

Letztes Jahr hatten wir euch mit THE RIFFS I + II in die Bronx mitgenommen. Trash, heiße Feuerstühle, wilde Gangs und skrupellose Immobilienhaie. Dieses Mal entführen euch Samstag um 15:00 Uhr die RIFFS ohne ihren berüchtigten Frontmann nach Manhattan.

Ein Film gleichzeitig mit und ohne Trash: Wir zeigen euch wahrhaft rattenscharfen Endzeithorror, wenn die letzten Überlebenden Manhattans sich im Kampf gegen die Invasion der Nagetiere behaupten müssen. Vergesst Helm und Lederkluft nicht. Die Regie führte niemand Geringerer als Bruno Mattei – oder sollten wir besser sagen: Vincent Dawn? Wir schließen nicht nur den Kreis zum ausnahmsweise US-amerikanischen Eröffnungsfilm, sondern servieren euch ein reinrassiges VINCENT-DAWN-DOUBLE-FEATURE!

VIRUS alias DIE HÖLLE DER LEBENDEN TOTEN flimmert ab 17:00 Uhr ebenfalls in der deutschen Kinofassung über die Leinwand. Ein Film für alle DAWN-Liebhaber (ganz gleich, welcher nun genau gemeint ist), Hobby-Sondereinsatzkommandanten und fleischfressenden Pflanzen.

Aufnehmen wird uns diesmal der wunderschöne Moritzhof in Magdeburg mit seinem gemütlichen Kino!

Zwei Tage volles Programm – also erscheint zahlreich, pünktlich und am besten selber oder doch gleich persönlich.

Das Forentreffen ist natürlich öffentlich und ein Jeder ist gern gesehener Gast.

Die deliria-italiano-Crew freut sich auf euch. 😉

Preise: EUR 6,– / Freitag bzw. EUR 10,– / Samstag (2 Filme)
Einlass nur für Personen ab 18 Jahren

Weitere Informationen:
http://www.deliria-italiano.de/

http://deliria-italiano.phpbb8.de/post98264.html#p98264

Filmbuch-Rezension: „Dario Argento – Anatomie der Angst“

Von , 10. September 2013 16:40

Bertz+Fischer_Dario_ArgentoUm eventuelle Enttäuschungen schon im Vorfeld auszuräumen, möchte ich darauf hinweisen, dass es in dem exzellenten Buch „Dario Argento – Anatomie der Angst“ nicht um die Person Dario Argento geht, sondern allein um sein filmisches Werk. Natürlich steckt darin auch der Regisseur und Drehbuchautor Argento, aber wer sich ein Buch, welches den Untertitel „Sein Leben – seine Filme“ tragen könnte, erhofft hatte, wird zwangsläufig enttäuscht werden. „Anatomie der Angst“ ist keine Biographie und auch Anekdoten von Dreharbeiten oder gar Erinnerungen vom Maestro persönlich, sind hier nicht zu finden.

Im Mittelpunkt von „Anatomie der Angst“ stehen Argentos Filme, und wie die Opfer der unheimlichen Killer mit den scharfen Messern, die seine Werke bevölkern, werden diese von fast drei Dutzend Filmwissenschaftlern und -journalisten feinsäuberlich aufgeschnitten und in ihre Bestandteile zerlegt. Wie immer, wenn sich eine Vielzahl an Personen einem Thema widmet, sind die Beiträge sehr unterschiedlich ausgefallen und reichen von mitreißender Begeisterung (Dominik Graf) bis hin zu nahezu kryptischen, streng wissenschaftlichen Fremdwortungetümen (Ivo Ritzer). Ein kleines Manko ist es vielleicht, dass Argento nicht selber zu Wort kommt, um über seine Filme zu sprechen. Vielleicht würde dies einiges wieder relativeren, denn oftmals fällt eine Tendenz zum Überinterpretieren auf und es werden Dinge in die Filme hinein gelesen, von denen es einem sehr schwerfällt zu glauben, dass Argento sie bei den Dreharbeiten tatsächlich so im Sinn hatte. Trotzdem fördert die intensive Beschäftigung mit einem bestimmten Aspekt, wie z.B. die Kunst in Argentos Filmen oder die Bedeutung der Architektur, viele interessante Perspektiven und Einsichten zutage. Und vor allem macht es auch Lust, Argentos Filme wieder einmal zu sehen. Auch – oder vielleicht grade – sein bei den Fans sehr unbeliebtes Spätwerk.

Die Idee zu dem Buch entstand beim letztjährigen Cinestrange-Festival in Dresden, bei dem Dario Argento Stargast war und ihm eine Retrospektive gewidmet wurde. Die Laudatio – die nun in verlängerter Form die Einleitung des Buches bildet – hielt Marcus Stiglegger, der zusammen mit dem Festival-Gründer Michael Flintrop auch als Herausgeber von „Dario Argento – Anatomie der Angst“ fungiert. In der Folge lieferten dann die halbe Autorenmannschaft des legendären – und für eine ganze Generation von Filmfans prägenden – Filmmagazins „Splatting Image“ (für das auch Stiglegger schreibt), aber auch bekannte Liebhaber des italienischen „Trivialfilms“, wie der Regisseur Dominik Graf (der mit „Der scharlachrote Engel“ selber schon einen Giallo-mäßigen „Polizeiruf 110“ inszeniert hat) oder Leonard Elias Lemke, der eine regelmäßige Kolumne über italienisches Genrekino in dem Filmmagazin „Deadline“ hat, vor allem aber Geisteswissenschaftler mit unterschiedlichsten Schwerpunkten, Essays, Aufsätze und Filmbesprechungen ab. Durch diese bunte Mischung ist das Buch naturgemäß recht inhomogen, aber gerade die große Bandbreite an unterschiedlichen Autoren macht das Projekt auch sehr spannend.

Der erste Teil des Buches beginnt mit der oben angesprochen Laudatio, welche etwas über die Hintergründe von Argentos Filmen, ihre Einordnung in den filmgeschichtlichen Kontext und Argento selber berichtet. Man merkt deutlich, dass der Text ursprünglich als Laudatio – also Lobrede zur Ehren einer Person – gedacht war, denn an einigen Stellen droht sich dadurch der Beigeschmack unkritischer Heldenverehrung breitzumachen. Doch davon abgesehen, eignet sich der Text sehr gut, den Leser auf den Weg zu schicken, die filmischen Welten des Dario Argento zu entdecken.

Kunstwissenschaftlerin Joanna Barck schreibt dann zunächst über die Rolle, die Gemälde und Kunstgegenstände in Argentos Werk einnehmen. Dies ist sehr interessant und nachvollziehbar, nur wenn Frau Barck anfängt, dies auch noch psychoanalytisch zu fundamentieren, ist dies ein wenig zu viel des Guten und führt in Sphären, denen man nicht mehr so recht folgen mag. Theaterwissenschaftler Jörg von Brincken zeigt die Verbindung zwischen Argentos Filmen und dem legendären Grand Guignol Theater in Paris auf, dessen Geschichte er auch näher ausführt. Um Räume und die Architektur in Argentos Filmen geht es bei Johannes Binotto. Ein sehr interessanter Artikel, der noch einmal den Blick auf das unheimliche und durchdachte Set-Design bei Argento schärft.

Dr. phil. Ivo Rizer beschäftigt sich mit „Genre und Gender bei Dario Argento“. Ein spannendes Thema, welches hier leider mit einer derart hochgestochenen Wissenschaftssprache abgehandelt wird, dass man selbst als Absolvent eines eines anderen Studienzweiges oftmals das Wörterbuch zu Rate zieht, oder glaubt ein Medientheoretisches Studium absolvieren haben zu müssen, um den Text nachvollziehen zu können. Das macht ein flüssiges und genussvolles Lesen recht unmöglich und nervt auch schnell. Als rein wissenschaftliche Arbeit sicherlich ohne Fehl und Tadel, aber man sollte zur Diskussion stellen dürfen, ob man in einem Buch, welches sich auch an Leser wendet, die nicht in dem selben Fachbereich wie Dr. Rizer habilitiert haben, diesen ständig solche Satzungetüme wie „…,wie es sich geradezu paradigmatisch ausnimmt für Mechanismen der Doppelcodierung im postklassischen Kino. Derselbe Signifikant besitzt multiple Signifikanten, er produziert mehrere Bedeutungsketten, die eine semantische Ambivalenz auslösen, um mit de Genrebewusstsein zu spielen“ zumuten muss. Schade um das interessante Thema.

Demgegenüber versöhnt Dominik Grafs leidenschaftlicher Artikel über die Musik in Argentos Filmen. Wer Grafs Buch „Es schläft ein Lied in allen Dingen“ gelesen hat, weiß bereits, wie begeisternd Graf über Filme schreibt. Der Titel seines Textes „Der wildeste Rausch von allen“ gibt das gut wieder. Folgerichtig gibt es darauf ein (leider recht kurzes) Interview von Marc Fehse mit Claudio Simonetti, der zu insgesamt 13 Argentos die Filmmusik, allein oder mit der Gruppe „Goblin“, beigesteuert hat.

Sebastian Selig begibt sich auf die Spur von Argentos Meisterwerk „Suspiria“, besucht die Drehorte in München und Freiburg und vergleicht einst mit jetzt. Ein schöner, gut zu lesender Text, der allerdings etwas nach Füllmaterial aussieht, da er sich im Gegensatz zu den andern Essays, nicht tiefer mit einem besonderen Aspekt Argentos Arbeit widmet. Der Text wurde auch in der „Splatting Image“ wiederverwendet und die Vermutung liegt nahe, dass er ursprünglich auch dafür geschrieben wurde, da er im Buch wie ein Fremdkörper wirkt.

Der Journalist Ingo Knott räumt, indem er beide Regisseure gegenüberstellt, mit dem Vorurteil auf, Argento wäre ein „Schüler“ des großen Mario Bava. Etwas, was Argento scheinbar auch selber immer vehement – und in jüngerer Zeit immer verärgerter – bestritten hat. Ein anderer Regisseur mit dem Argento häufig – und das nicht ganz zu unrecht – verglichen wird, ist Brian de Palma. In einem der schönsten Artikel des Buches, vergleicht Medien – und Literaturwisenschaftler Heiko Nemitz die unterschiedlichen Herangehensweisen der Beiden an ihre Themen und entdeckt dabei sowohl Gemeinsamkeiten, wie auch bedeutende Unterschiede. Zudem führt er an die Wurzeln ihrer Filmleidenschaft und betont, dass Argento zwar – wie de Palma – immer mit Hitchcock in Zusammenhang gebracht wird, seine Wurzeln aber bei Lang und Antonioni liegen. Der Text macht nicht nur Lust auf Argentos Filme, sondern auch auf eine Neuentdeckung von De Palmas Werken.

Filmwissenschaftler Harald Steinwender wiederum widmet sich einem in der Regel leider wenig beleuchteten Kapitel, nämlich Argentos, zumeist im Italo-Western verorteten, Drehbucharbeiten für andere Regisseure. Zu guter Letzt informiert Mit-Herausgeber und Cinestrange-Gründer Michael Flintrop – der „im wahren Leben“ als Strafverteidiger arbeitet – nicht nur über die Probleme, die Argentos Filme mit den deutschen Behörden hatten, sondern gibt auch einen fundierten und interessanten Einblick in die, gerade in der Vergangenheit oftmals willkürliche, Praxis der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien.

Im zweiten Teil des Buches werden sämtliche Filme, bei denen Argento als Regisseur tätig war – dies umfasst auch seine TV-Arbeiten – vorgestellt und analysiert. Dabei wird mir für meinen Geschmack vor allem in den späteren Filmen teilweise etwas zu unkritisch mit dem Gegenstand der Betrachtung umgegangen und scheinbare Schwächen als gewollte Mittel des Regisseurs interpretiert, sich durch das Unterlaufen von Erwartungen, aus dem Korsett der eigenen ruhmreichen Vergangenheit zu befreien und dabei das Genre bewusst zu dekonstruieren. Hier könnte sich der Verdacht einschleichen, dass hier krampfhaft nach Elementen gesucht wurde, die durch eine Überhöhung aus einem eher misslungen, dann doch noch ein gelungenes Werk gemacht wird. Interessant ist an dieser Stelle z.B. der Text von Beatrice Behn über den bis dato letzten Argento-Film “Dracula 3D“, den man mit jenem vergleichen kann, den sie auf kino-zeit.de zum selben Film geschrieben hat. Während sie dort recht deutlich mit dem Film abrechnet, wird im Buch daraus die Intention Argentos, eine Persiflage abzuliefern und alles nicht ernst, sondern ironisch zu meinen. Etwas, was sich aus Argentos eigenen Äußerungen zum Film, nicht unbedingt herauslesen lässt. Hier wäre es vielleicht angebracht gewesen, auch einmal auf die Schwächen und Missratens hinzuweisen, wie es z.B. Ulrich von Berg seiner Analyse von „Torn Curtain“ in dem ebenfalls bei Bertz+Fischer erschienen Buch über Alfred Hitchcock getan hat.

Ebenfalls schade ist es, dass Jochen Werners Analyse zu „Giallo“ nun schon die dritte Auswertung des Textes darstellt, nachdem er bereits in der „Splatting Image“ und im Internet auf f.lm – Texte zum Film erschienen ist. Hier hätte man vielleicht darüber nachdenken können, einen frischen Text von einem anderen Autoren zu nehmen. Aber dies sind nur kleine Kritikpunkte an einem ansonsten rundum gelungenen Projekt, welches einerseits wissenschaftlichen Ansprüchen genügt, als auch den interessierten Laien und Filmfreund wertvolle Denkanstöße und spannende Blickwinkel auf das Werk eines der interessantesten (und in der „seriösen“ Filmwissenschaft schmerzlichst unterschlagenen) Regisseure offenbart.

Eine umfangreiche Filmo- und Biblographie runden diese vorbehaltlos empfehlenswerte Veröffentlichung des Bertz+Fischer-Verlages ab. Das Werk hat 304 Seiten und 204 schwarz-weiß Abbildungen. Es ist zum Preis von Euro 25,00 erhältlich, und wer etwas Gutes tun möchte, bestellt es direkt beim Verlag und umgeht damit die hohen Provisionen, die Amazon & Co einsacken, und die am Ende diesem kleinen Verlag fehlen.

DVD-Rezension: “Flesh+Blood”

Von , 8. September 2013 10:50

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Westeuropa, 1502: Nachdem Arnolfini (Fernando Hilbeck) mit Hilfe von Söldnern seinen ehemaligen Besitz wieder in seine Gewalt bringen konnte, zwingt er den Anführer der Söldner, Hawkwood (Jack Thompson) , diese zu verraten und aus der Festung zu treiben. Aus Rache überfallen einige der Söldner, unter der Führung von Martin (Rutger Hauer), eine Eskorte. Dabei verletzten sie Arnolfini schwer und entführen unwissentlich die hübsche Agnes (Jennifer Jason Leigh), die Arnolfinis Sohn Steven (Tom Burlinson) heiraten sollte. Steven beginnt, zusammen mit dem widerwillig folgendem Hawkwood, die Söldner durch das pestverseuchte Land zu jagen. Diese erobern eine Burg und schwelgen im erbeuteten Luxus. Agnes hingegen muss sich ihrer Haut wehren und tut dies, indem sie Martin verführt. Doch liebt sie ihn wirklich, oder versucht sie nur zu überleben? Währenddessen nähern sich Steven und seine Männer der Burg…

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Als ich das erste Mal „Flesh+Blood“ sah, hatte mich der Film nachhaltig beeindruckt. Insbesondere die Szenen mit der Alraune und dem pestverseuchten Hundekadaver im Brunnen hat mich lange beschäftigt. Paul Verhoevens Intention, keine romantisierte Version des Mittelalters zu zeigen, sondern den Schmutz, die Unmoral und die Gewalt, war voll aufgegangen. Verhoevens Filme haben immer eine sehr brachiale Wucht, was auch für „Flesh+Blood gilt, der allen Hollywood-Konventionen mit Schmackes gegen das Knie tritt. Da sterben Kinder und Hunde, die hübsche Hauptdarstellerin zeigt sich mit Vorliebe nackt, die Menschen sind nicht schön, die „Helden“ vergewaltigen und morden Unschuldige. Unter den nominellen Helden gibt es ein homosexuelles Pärchen, was angenehmerweise gar nicht spekulativ, sondern völlig normal in Szene gesetzt wird. Allerdings ist Verhoeven auch nicht der erste, der das Mittelalter auf diese Art und Weise porträtiert. Das hatten vor ihm schon Monty Pythons mit „Ritter der Kokosnuss“ und nochmal Terry Gilliam mit „Jabberwocky“ getan. An diese Filme erinnert „Flesh+Blood“ dann auch irgendwie, ist ihnen gegenüber aber bitterernst und äußerst brutal in Szene gesetzt.

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Ist der Film aber gut gealtert, und besitzt er immer noch seine Sprengkraft wie früher? Bedingt. Mittlerweile haben ja beinahe alle Filme, welche im Mittelalter spielen, den Anspruch eben dieses besonders dreckig und grausam zu zeigen. Auch wenn heute kaum jemand auf den Gedanken kommen würde, eine Liebesszene vor den zerfetzten Kadavern zweier Gehenkten zu inszenieren, so wie Paul Verhoeven es hier tut. Auch muss man sagen, dass die handelnden Personen noch immer einen Tick zu sauber und gut aussehen. Doch für die Zeit, in der „Flesh + Blood“ entstand, war diese Inszenierung durchaus ein Novum, auch wenn – wie bereits geschrieben – Terry Gilliams frühe Mittelalter-Komödien „Flesh+Blood“ in Punkto Hässlichkeit, Dreck und Scheiße weit übertrafen. Auch die Brutalität wirkt heute nicht mehr ganz so brachial, wie beim ersten Mal. Obwohl Verhoeven sie ohne jegliche Zurückhaltung filmt und Gewalt erschreckend beiläufig eingesetzt wird. Auch hier ist man heute – auch durch Verhoevens spätere Filme – anderes gewohnt. Doch in Zusammenspiel all dieser Elemente weiß „Flesh+Blood“ noch immer zu packen, auch wenn die einzelnen Teile für sich genommen, vielleicht nicht mehr so grenzüberschreitend wirken, wie noch vor 30 Jahren.

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Dafür sind die Anspielungen, die Verhoeven einbaut, noch immer aktuell. So kleiden sich Martins Männer allesamt in kommunistisches Rot, um ihre Gleichheit hervorzuheben. Doch schon bald versucht jeder Erster unter Gleichen zu werden. Vor allem Martin macht kein Hehl daraus, dass er sich als Anführer der unterprivilegierten Truppe sieht. So streift er dann bei der erstbesten Gelegenheit mit den lakonischen Worten, seine Kleidung wäre schmutzig geworden, das Rot ab, um im strahlendem Weiß seine Einzigartigkeit zu betonen. Die Heuchelei der Kirche wir durch den leicht irre wirkende Geistlichen verkörpert, der keine Skrupel kennt, den Gegner wie Vieh abzuschlachten und dabei noch fromme Worte auszustoßen. In allem und jeden sieht er ein Zeichen Gottes, wodurch er die Gruppe nach seinem Gutdünken lenken kann und hofft, Martin zu seiner Strohpuppe machen zu können. Ihm stellt Verhoeven den jungen, idealistischen Steven entgegen, der an die Wissenschaft glaubt, dessen skurrilen Erfindungen mehr Unglück als Gewinn bringen. Beide Seiten, Wissenschaft und Kirche, bringen niemanden voran und führen nur in die endgültige Niederlage. Erst als sich Steven in eine geschundenes Tier verwandelt, seine hehren Ansprüche ablegt und allein seinem Instinkt folgt, kann er etwas ändern.

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Unter den Schauspielern zeigt Jennifer Jason Leigh eine starke Leistung. Nicht nur wird ihr von Verhoeven so einiges abverlangt, sie muss auch einen Großteil der Zeit ihre Rolle im Evas-Kostüm spielen. Doch dies tut sie mit einer großen Natürlichkeit und Ambivalenz. Einerseits zuckersüß und naiv, kann sie im Bruchteil einer Sekunde in bösartig und durchtrieben wechseln. Nie kann man sich wirklich sicher sein kann, woran man bei ihr ist. Hat sie sich tatsächlich in den rücksichtslosen Abenteurer Martin verliebt, oder tut sie nur so und leidet still, um ihr Leben zu retten? Im Inneren weiß sie es wohl selbst nicht so genau, und gerade diese Zerrissenheit bringt Leigh durch ihr Schauspiel wunderbar zum Ausdruck. Demgegenüber wirkt Rutger Hauer in der Rolle des Martin eher gelangweilt. Oftmals hat man das Gefühl, dass er auf Autopilot spielt und an der Motivation seiner Figur nicht wirklich interessiert ist. Es fällt auch auf, wie uneinheitlich Martin inszeniert ist. Mal eindeutig Held und selbstsicherer Haudrauf, mal wieder niederträchtiger Schurke. Besonders deutlich wird dies dann im Schlussbild, welches sich nicht wirklich in die zuvor gezeigten Szenen einfügen möchte. Vielleicht liegt diese Inkonsequenz in der Inszenierung auch an dem großen Streit, den er mit Verhoeven über den Film führte und der die Partnerschaft so stark beschädigte, dass sie nach fünf gemeinsamen Filmen, nie wieder zusammen arbeiteten.

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Zwei weitere Faktoren arbeiten gegen den Film und Verhoevens Plan ein realistisches Bild des Mittelalters zu zeigen. Einmal wenn Steven für seine Befreiung so mir nichts, dir nichts einen Blitzeinschlag nutzt (wahrscheinlich gewinnt er ebenso spielend auch im Lotto) und dann die überdramatische Musik des großen, und leider viel zu früh verstorbenen, Basil Poledouris, die in der Tat so stark an den parodistisch-pathetischen Soundtrack von „Ritter der Kokosnus“ erinnert, dass es schwer fällt, bei den Schlachtszenen nicht zu grinsen. Schade auch, dass Verhoevens ursprüngliche Intention, den Film um die verratene Freundschaft zwischen Martin und dem von Jack Thompson souverän gespielten Hawkwood kreisen zu lassen, aufgrund Intervention der Produktionsgesellschaft, nicht realisiert wurde. Dies ist nur noch in rudimentärer Form zu erahnen und allein aus dem Grunde traurig, als das Hawkwood neben Agnes die interessanteste Figur des Filmes ist und ein weitaus größeres Potential mitbringt, als in dieser finalen Version von „Flesh+Blood“ genutzt wird. Vielleicht liegt es auch in diesem frühen Einmischen der Produktion, die darauf bestand, die Liebesgeschichte in den Vordergrund zu rücken, dass die Figur des Martin so inkonsequent gezeichnet ist.

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Doch sieht man von diesen Schwächen ab und betrachtet „Flesh + Blood“ im Kontext seiner Zeit, macht es große Freude Verhoeven dabei zuzusehen, wie er auf unkonventionelle Art auf Moral und „political correctness“ pfeift. Zusammen mit Jenifer Jason Leighs schauspielerischen Leistung und der Fülle an guten Ideen, wirkt „Flesh + Blood“ noch immer kräftig und unterhaltsam. Es ist ein typischer Verhoeven und ein wichtiges Puzzleteil auf seinem Weg von Holland nach Hollywood und zurück. Getragen wird der Film auch von Jan de Bonts dynamischer Kamera, die den Bildern eine ganz eigene Wucht verleiht.

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Die DVD aus dem Hause Koch Media hat zwar kein brillantes, aber auch kein schlechtes Bild, was den rauen Charakter des Filmes betont. Der Original Stereo-Ton ist in HD remastert. An Extras muss der Käufer der normalen DVD mit dem Audiokommentar des Regisseurs vorlieb nehmen. Wer allerdings das dreifache investiert, kann mit dem Media-Book glücklich werden, welches den Film auf DVD und Blu-ray enthält (eine absolut schwachsinnige Kombo, da der Blu-ray-Besitzer die DVD als Bierdeckel nehmen kann und, wer nur einen DVD-Player sein eigenen nennt, nichts mit der Blu-ray anfangen kann). Ferner enthält das teure Mediabook noch eine Bonus-DVD, die mit tonnenweise interessanten Extras gefüllt ist.

Originalfassungen in Bremen: 05.09.13 – 11.09.13

Von , 4. September 2013 20:55

Die aktuelle Woche finde ich persönlich jetzt recht fade. Bis auf den japanischen Klassiker im City 46 lockt mich jetzt nichts hinter dem Ofen hervor. Die Action-Fans werden aber sicherlich froh sein, dass das Cinemaxx Roland Emmerichs „White House Down“ zeigt. Übrigens: Wie schon bei „Das Bloggen der Anderen“ erwähnt, wird es die nächsten drei Wochen keine Übersicht der O-Fassungen geben. Ich habe Urlaub und gönne es mir dort, keine regelmäßigen Rubriken zu führen, sondern nur etwas online zu stellen, wenn ich dafür Zeit und Muße habe. Ansonsten wird sich jetzt erst einmal ganz auf die Familie konzentriert. Ab dem 26. geht es dann aber wieder weiter mit den wöchentlichen Übersichten.

White House Down – Cinemaxx, Do.-Sa./Mo./Di. immer 19:45 – Die Roland-Emmerich-Version des „Das-Weiße-Haus-wird-angegriffen“-Themas, welches bereits Antoine Fuqua in „Olympus Has Fallen“ verwurstet hat. Der Emmerich soll aber demgegenüber der besser Film sein, wenn man auf so etwas steht.

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Wir sind die Millers . Cinemaxx, So. 08.09. um 19:45 – US-Komödie um einen kleinen Dealer, der in Schwierigkeiten gerät und deshalb nun eine Ladung Marihuana über die Grenze schmuggeln muss. Dabei tarnt er sich mit einigen Mitstreitern als Familie. Höhepunkt im Trailer: Jennifer Aniston als Stripperin, die die Mutter mimen muss.

Vijay & Ich – Meine Frau geht fremd mit mir – Schauburg, So. 08.09. um 21:00 – Belgische Komödie, die in den USA spielt und um einen deutschen Auswanderer geht. Moritz Bleibtreu spielt diesen, der nach einem Autounfall für tot gehalten wird und in Verkleidung eines indischen Gentlemans seiner eigenen Ehefrau – immerhin Patricia Arquette! – schöne Augen macht.

The Look of Love – Schauburg, Mi., 11.09. um 19:30 – Der neue Film von Michael Winterbottom ist – wie sein Durchbruch „24 Hour Party People“ – das Biopic über eine britische Szenefigur. Hier geht es um Paul Raymond, dem König von Soho, der in den 60ern ein Nachtclub und Porno-Imperium aufbaute. Im „Weser Kurier“ wurde der Film abgefeiert, auf Spiegel Online in der Luft zerrissen.

Mr. Morgan’s Last Love – Gondel, 8.9. um 18:45 – Eine Liebesgeschichte, die Sandra Nettelbeck mit dem großen Michael Caine gedreht hat. Er spielt einen Amerikaner in Paris, der seit sich seit dem Tod seiner Frau von der Welt zurückgezogen hat. Die Begegnung mit der jungen Pauline (Clémence Poésy) reißt ihn aus seiner Lethargie.

Portugal Mon Amour – Gondel, Mo., 09.09. um 14:45 – Maria und José sind zwei herzensgute und bei den Nachbarn ausgesprochen beliebte Menschen. Als das Paar ein Haus eines Tages in ihre portugiesische Heimat zurückkehren möchte, setzen Freunde und Bekannten alles daran, ihnen den Abschied so schwer wie möglich zu machen.

Oben ist es still – City 46, Do.-So. und Mi. immer 20:30 – Niederländischer Film um einen Bauern, der an seinem 50. Geburtstag den bettlägerigen Vater ins Obergeschoss verbannt und das Haus neu renoviert. Als der pubertierende Sohn seines Verstorbenen Zwillingsbruder hinzu kommt, spannt sich die Situation an.

Dharavi, Slum for Sale – City 46, Do.+Mi. immer 20:00 – Doku über den größten Slum der Asiens Dharavi, der Mitten in der 20 Millionen Metropole Mumbai liegt.

Okoto und Sasuke – City 46, Di., 10.09. um 20:30 – Japanisches Drama von 1935 um eine blinde Musikerin, die zur Lehrerin und Geliebten ihres Hausdieners wird. Eintritt frei!

Rivers and Tides – City 46, Sa./So. um 18:00 und Mo. um 20:30 – Doku über den Künstler Andy Goldsworthy.

Sneak Preview – Cinemaxx, Mo., den 09.09. um 20:00

Sneak Preview – Schauburg, Mo., den 09.09. um 21:45

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