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DVD-Rezension: „Die rote Schlinge“

Von , 13. Juli 2017 06:36

Lieutenant Duke Halliday (Robert Mitchum) wurden von dem Betrüger Jim Fiske (Patric Knowles) 300.000 US-Dollar geraubt, die als Lohn für die Soldaten gedacht waren. Da Halliday von seinem Vorgesetzten Captain Blake (William Bendix) beschuldigt wird, sich das Geld selber unter den Nagel gerissen zu haben, reist Halliday nach Mexiko, um dort Fiske zu stellen und seinen Namen wieder reinzuwaschen. Dabei wird er von Blake verfolgt, der Halliday weiterhin für den Täter hält. In Vera Cruz begegnet er Joan Graham (Janet Greer), die auch noch ein Hühnchen mit Fiske zu rupfen hat…

Warum „The Big Steal“ in Deutschland den an Edgar Wallace gemahnenden Titel „Die rote Schlinge“ aufgedrückt bekam, will sich mir nicht partout erschließen. Eine Schlinge kommt hier jedenfalls nicht vor und eine rote erst recht nicht. Auch symbolisch wusste ich nicht, worauf eine „Rote Schlinge“ anspielen soll. Vielleicht fand der deutsche Titeltexter den Klang einfach toll. Der rasante Film ist auch kein Mystery-Krimi, sondern eine verwegene Mischung aus Action, Screwball-Elementen und Film Noir. Im Grunde erzählt „Die rote Schlinge“ in knackigen 71 Minuten von einer Verfolgungsjagd, die für gut die Hälfte der Laufzeit über in Autos ausgetragen wird. Regisseur Don Siegel nahm hier erst zum vierten Mal auf dem Regiestuhl Platz, aber sein Talent für straffe, punktgenaue Inszenierungen ist hier schon gut zu erkennen. Interessant ist auch sein gutes Gespür für Timing, was die Screwball-Elemente angeht. Die schnippischen und immer messerscharfen Bon Mots, die Janet Greer dem in von sich selbst seht überzeugten Robert Mitchum um die Ohren pfeffert, sitzen wie Boxhiebe, welche Mitchum immer wieder seine Deckung verlieren lassen. Das erinnert dann angenehm an solche Gespanne wie Hepburn/Tracy oder Gable/Colbert.

Mitchum und Greer harmonieren perfekt miteinander. Während Mitchum mit einer traumwandlerischen Coolness durch den Film flaniert, spielt Greer eine selbstsichere Frau, die jederzeit Herr über die Lage ist und weiß, dass sie auf keinen Mann angewiesen ist. Dass ihr Charakter dann am Ende doch romantisch veranlagt ist und sich nichts sehnlicher als ein (spieß)bürgerliches Leben mit ihrem Duke Halliday wünscht, ist ein kleiner, wieder dem Zeitgeist geschuldeter Verrat an der Rolle. Allerdings kann man mit etwas guten Willen das Schlussbild, bei dem eine mexikanische Familie mit unzähligen Kindern an dem frisch verliebten Paar vorbei prozessiert, auch als kleiner Triumph für Joan Graham verstanden werden. Da hat sie sich ihren Duke eingefangen und zwingt den Macho in eine Familienrolle, die dieser in seinem ursprünglichen Lebensentwurf sicherlich nicht für sich vorgesehen hat. Nur zwei Jahre zuvor stand das Dream-Team Greer/Mitchum schon einmal in dem brillanten „Über-Noir“ „Goldenes Gift“ als Paar vor der Kamera. Vergleicht man Greers Darstellung als Femme Fatale damals mit ihrer schlagfertigen „Kumpel“-Rolle in „Die rote Schlinge“, mag man kaum glauben, dass man hier dieselbe Schauspielerin vor sich hat. Und noch mehr wundert es einen, dass Greers trocken-komödiantisches Talent nicht in noch mehr Filmen genutzt wurde. Aber 1949 war die hohe Zeit der Screwball-Comedy ja leider auch schon wieder vorbei.

Bemerkenswerterweise konnte Don Siegel seinen Film tatsächlich vor Ort in Mexiko drehen, was der „Roten Schlinge“ eine sonnige Authentizität verleiht, die den finsteren, oftmals im Studio entstandenen Noir-Kollegen oftmals abgeht. Auch wenn die Szenen mit den Hauptdarstellern am Steuer mithilfe von Rückprojektion im Studio zustande kamen, so konnte Siegel für die wilde Jagd doch echte Wagen mit Hochgeschwindigkeit durch die staubige mexikanische Landschaft rasen lassen, was zu vielen „echten“ und damit aufregenden Szenen führt. Ferner behandelt Siegel die Mexikaner hier mit Respekt und denunziert sie nicht als lustige Dritte-Welt-Menschen. Die einzige Person, die in dem ganzen Durcheinander den Überblick behält und allen anderen Figuren immer einen Schritt voraus ist, ist der mexikanische Inspektor General Ortega, der sich sichtlich über die Gringos amüsiert, die ohne Sprachkenntnisse und mit einer gewissen Beherrscher-Mentalität in sein Land kommen, sich dort aufführen, wie die Axt im Wald und sich letztendlich doch nur immer wieder selber aufs Kreuz legen. Dieser ebenso charmante, wie clevere Ortega erinnert ein wenig an Peter Lorres Rolle in dem ein jahr zuvor entstandenen „Casbah – Verbotene Gassen“. Gespielt wird er von einem guten, alten Bekannten: Ramón Novarro, der einst als Ben-Hur in Fred Niblos spektakulären Erstverfilmung von Lewis Wallaces Roman die Herzen reihenweise brach und in den 20er Jahren ein bedeutender Stummfilm-Star und fantastisch aussehender (Leinwand-)Frauenheld war. Leider verlief seine Karriere nach dem Ende der Stummfilmzeit nicht besonders gut. Wozu nicht nur sein starker mexikanischer Akzent beitrug, sondern auch, dass sein Typ nicht mehr besonders gefragt war. Mit seiner Alkoholsucht ruinierte er sich seinen Ruf und sein gutes Aussehen. 1968 endete sein Leben tragisch, als er von jungen Brüderpaar, die sich unter dem Vorwand Novarro sexuelle Dienste anbieten zu wollen, brutal erschlagen wurde.

Don Siegel verbindet in seinem vierten Spielfilm auf rasante Weise Action mit Screwball-Comedy und Film Noir. Unterstützt wird er dabei von seinen hervorragenden Darstellern, die sichtlich Freude an ihren Rollen haben. Bei knackigen 71 Minuten kommt in der episodenhaften Geschichte keine Langweile auf.

„Die rote Schlinge“ ist die Jubiläumsnummer 25 der Film Noir-Reihe aus dem Hause Koch Media. Warum dieser und nicht der populärere „Die Narbenhand“ dafür gewählt wurde, erschließt sich mir nicht, aber wahrscheinlich wurde darüber auch gar nicht nachgedacht. Leider fällt die Qualität der DVD gegenüber anderen Scheiben leicht ab. Das Bild ist in Ordnung, mehr aber auch nicht. Passend zum Jubiläum ist der Extras-Segment diesmal weitaus üppiger als sonst. So gibt es neben einem Audiokommentar von Filmhistoriker B. Jewell noch eine kolorierte Fassung des Filmes als Bonus. Abgesehen von der allgemeinen Fragwürdigkeit der Kolorierung schwarz-weißer Filme, ist die Bildqualität dann aber auch im ganz unteren Bereich des gerade noch annehmbaren angesiedelt. Allerdings ist diese Fassung merkwürdigerweise fast drei Minuten länger als die Schwarz-Weiß-Version. Empfehlenswert ist jedoch das zwar nur viereinhalb-minütige, nichtsdestotrotz aber sehr interessante „Making of“. Da Koch Media nur nackte Check-DVDs für Rezensionen verschickt, kann ich leider wieder nichts zum Booklet von Frank Arnold schreiben.

DVD-Rezension: „Die Narbenhand“

Von , 22. Juni 2017 18:06

Der einzelgängerische Philip Raven (Alan Ladd) ist ein Auftragskiller, der allein mit einer kleinen Katze in einem schäbigen, kleinen Apartment in San Franscisco lebt. Nach dem Mord an einem Erpresserpärchen wird er von seinem Auftraggeber Willard Gates (Laird Cregar), Rechte Hand eines Industriellen und nebenbei Betreiber eines Nachtclubs, mit „schmutzigen“ Geldscheinen bezahlt, die bald schon die Polizei auf Ravens Spur bringen. Die Untersuchung leitet Detective Michael Crane (Robert Preston). Wie es der Zufall so will, wird dessen Verlobte, die singende Magierin Ellen Graham (Veronica Lake) von einem Senator aus Washington angeheuert, um undercover in Gates Nachtclub in Los Angeles anzuheuern und herauszufinden, wer geheime Informationen an die Japaner weitergibt. Auch Raven macht sich auf nach Los Angeles, um Gates zu stellen, und bald schon kreuzen sich ihre Wege…

Die Narbenhand“ ist in zweierlei Hinsicht ein bemerkenswertes Debüt. Zum einen ist erstmals Alan Ladd in einer größeren Rolle zu sehen, der durch diesen Film zu einem der großen Hollywood-Stars der 40er und 50er Jahre aufstieg – zum anderen dürfte „Die Narbenhand“ einer der ersten Filme sein, die die Figur des Profi-Killers in den Mittelpunkt stellen. Der „Gun For Hire“, was auch der Originaltitel dieses Klassikers ist. Laut Wikipedia war „Die Narbenhand“ auch das Vorbild für Melvilles „Der eiskalte Engel“. Ladd erweist sich als Idealbesetzung für den Killer Raven. Man traut ihm eben so zu, jemanden kaltblütig über den Haufen zu knallen, wie einer armen, kleinen Katze Milch zu geben. Auch in seinem Gesicht, welches noch nicht „schön“ in Szenen gesetzt wird, wie in seinen späteren Filmen, spiegelt sich die Zerrissenheit zwischen innerer Abgestorbenheit und der Sehnsucht nach etwas menschlicher Wärme. Ladd ist gleichzeitig heiß und kalt – und damit tatsächlich der Prototyp des „Eiskalten Engels“.

Der nominelle Held des Filmes ist allerdings Robert Preston, der in den Titeln auch groß an zweiter Stelle nach Veronica Lake aufgeführt wird. Alan Ladd muss sich – trotz einiger kleiner Nebenrollen, die er zuvor gespielt hatte – mit einem kleinen „introducing“ am Ende begnügen. Der etwas ungelenk und langweilig wirkende Preston hat auch weitaus weniger Szenen als Ladd. Tatsächlich spielt er eigentlich nur eine größere Nebenrolle. Das ist auch gut so, denn Prestons Det. Lt. Michael Crane wirkt einfach fade. Ein guter Polizist mit konservativer Weltsicht, der freudestrahlend seiner Verlobten ein Leben in der Küche, wo sie auf den tollen Göttergatten wartet, als reinstes Paradies in Aussicht stellt. Eine Rolle, in der man sich die großartige Veronica Lake nicht unbedingt vorstellen kann. Zumal sie hier einen draufgängerischen und unabhängigen Typ spielt. Die Szene in denen sie Preston anhimmelt und davon spricht, dass sie sich nichts schöneres vorstellen kann als ihm abends die Pantoffeln zu bringen, wirken dementsprechend deplatziert und peinlich. An der Seite des sehr viel interessanteren und gefährlichen Ladd fühlt sich die Lake dann auch sichtlich wohler, und ihre unbestreitbar knisternde Chemie führt dazu, dass beide noch in sechs weiteren Filmen ein Paar geben sollten. Insbesondere in „Der gläserne Schlüssel“ funkt es so sehr zwischen den beiden, dass die Leinwand förmlich elektrisiert wird.

„Die Narbenhand“ strotzt nur so vor wundervollen Szenen, die sich einem tief ins Gedächtnis brennen. Wenn Raven am Anfang brutal ein Zimmermädchen schlägt, weil diese eine kleine Katze aus seinem Zimmer jagen wollte. Oder wenn er am Ende in höchster Not eine miauende Katze erstickt, damit diese ihn nicht verraten kann und sein Gesicht widerspiegelt, dass er damit gerade einen Teil von sich selbst getötet hat. Unvergessen auch Veronica Lakes ebenso erschrockenes, abgestoßenes, aber auch mitleidiges Gesicht, wenn sie realisiert, was Raven da gerade getan hat. Besonders intensiv ist der Augenblick in dem Raven kurz überlegt, ob er ein gehbehindertes kleines Mädchen, welches ihn als Zeugin belastet könnte, umbringen soll oder nicht – und wie er sich dann zögernd für Letzteres entscheidet. Hier ist die Summe der Teile mehr als das Ganze, denn zusammengehalten wird dies alles von einem Drehbuch, welches durch ein erhöhtes Maß unwahrscheinlicher Zufälle, konservativen Zeitgeist, langen Musiknummern und patriotischen Aufrufen zusammengehalten wird. Dass Veronica Lakes Charakter gleichzeitig Sängerin, hochtalentierte Show-Magierin, Freundin des ermittelnden Polizisten und Undercover-Agentin sein soll, ist schon sehr hartes Brot. Dass sich dann im Zug ausgerechnet Ladd neben sie setzt, ist ebenfalls im höchsten Grade vom Drehbuch erzwungen. Man mag kaum glauben, dass diese hochgradig konstruierte Geschichte so auch in dem zugrundeliegende Roman des legendären Autoren Graham Greene vorkommt. Doch angesichts der hervorragenden Einzelszenen, nimmt man das mal so dahin.

Während „die Guten“ hier also eine ebenso untergeordnete wie langweilige Rolle spielen, zeichnet sich „Die Narbenhand“ durch seine wundervollen Bösewichte aus. Allen voran der dicke Laird Cregar als Willard Gates, der zwar ohne zu zögern Morde in Auftrag gibt, aber immer wieder betont, wie sehr ihm Gewalt zusetzt und der sich geschickt aus der schmutzigen Seite des Geschäfts heraushält. Und natürlich Marc Lawrence als sein Chauffeur und rechte Hand, Tommy. Ein finsteres Spiegelbild Ravens, der sein tödliches Geschäft nicht eiskalt und effektiv aufführt, sondern heiß und voller Freude. Ein Sadist wie er im Buche steht, der im Mordgeschäft seine Erfüllung gefunden hat. Tommy blitzen die Augen, sobald er daran denkt, jemanden vom Leben in den Tod zu bringen. In einer Szene erzählt er Willard Gates voller Begeisterung und sehr detailliert, was er mit einem potentiellen Opfer vor hat, während sich dieser in Anbetracht der bunt ausformulierten Grausamkeiten in größter Pein windet. Lawrence sollte in seiner langen Karriere noch viele Gangster und Bösewichte spielen und als solcher zweimal gegen James Bond antreten, in „Diamantenfieber“ und „Der Mann mit dem golden Colt“. In den 90er spielte er auch zweimal kleine Rolle unter der Regie von Robert Rodriguez. In „From Dusk Till Dawn“ und „Four Rooms“.

„Die Narbenhand“ ist zurecht ein Klassiker des Film Noir. Der Film glänzt in vielen Momenten, die sich lange ins Gedächtnis brennen und die definierend für das Genre des „Killer-Films“ sind. Als Ganzes ist er dann allerdings doch mit seinen zu lang geratenen Musiknummern und dem zu sehr auf unglaubliche Zufälle bauenden Drehbuch zu zerfasert, um zu den ganz Großen seiner Gattung zählen zu können. Trotzdem sei allen Filmfreunden dieses erste Zusammentreffen der Noir-Ikonen Alan Ladd und Veronica Lake sehr ans Herz gelegt.

Die 24. Ausgabe der Film Noir-Reihe des Hauses Koch Media fällt wieder durch ein gutes, wenn auch diesmal nicht ganz optimales Bild auf. Bei näherem Hinsehen, könnte es an einigen Stellen etwas schärfer sein, was aber den Sehgenuss in keinster Weise schmälert. Der Originalton ist klar und deutlich. Die deutsche Tonspur dementsprechend auch okay, klingt allerdings etwas künstlich, da alle Geräusche ebenfalls neu vertont wurden. Die Synchronisation ist sehr solide und wartet mit bekannten Sprechern auf. Als Extras gibt es den original Kinotrailer und eine Bildergalerie mit Werbematerial.

DVD-Rezension: „Casbah – Verbotene Gassen“

Von , 16. Juli 2016 20:47

casbahIm Schutze der Casbah und ihren engen, verwinkelten Gassen, lebt der berüchtigten Juwelendieb Pepe Le Moko (Tony Martin). Für die Bewohner der Casbah ist er ein Held, für den neue Polizeichef von Algiers (Thomas Gomez) ein Stachel im Fleisch, den er lieber heute als morgen verhaften und seinen Vorgesetzten in Paris präsentieren möchte. Dabei gerät er immer wieder mit seinem Inspektor Silmane (Peter Lorre) aneinander, der ebenfalls schon lange versucht, Pepe Le Moko dingfest zu machen. Doch Silmane weiß, dass dies nur mit Geduld und List möglich ist. Als sich Pepe in die wunderschöne Touristin (Marta Toren) verliebt, scheint für Silmane die rechte Zeit gekommen…

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Gleich zu Beginn des Filmes wird der Begriff „Casbah“ erklärt. Es ist eine große Festung, durchzogen mit „verboten Gassen“, voll von Händlern, Dieben, zwielichtigen Gestalten und neugierigen Touristen. Ein Staat im Staat mit seinen eigenen Gesetzten und einem eigenen König: Pepe Le Moko. Pepe ist eine ebenso charismatische, wie tragische Gestalt. Innerhalb der Casbah ist er der uneingeschränkte Herrscher und weiß die Bewohner der Festung hinter sich. Doch er kann sein Königreich nicht verlassen. Denn nur hier ist er vor dem Zugriff der Staatsmacht sicher. So sitzt er denn in seinem goldenen Käfig. Die Zeit vertreibt er sich mit Gaunereien, der schönen Barbesitzerin Inez und seinen willfährigen Freunden. Ein besonderes Gegenüber ist der Polizist Slimane. Dieser hat sich zur Aufgabe gemacht, Pepe Le Moko zu schnappen. Doch Slimane kennt die Casbah und weiß um die Vorteile, die Pepe im gegenüber ausspielen kann. Statt in blinden Aktionismus zu verfallen, begreift Slimane das Ganze als Schachspiel. Geduldig wartet er auf den richtigen Augenblick, jederzeit bereit, wie ein Schlange die tödlichen Fänge in Pepe Le Moko zu schlagen.

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Slimane ist eine Paraderolle für Peter Lorre. Ihm zuzusehen, wie er ganz cool, manchmal etwas lethargisch, aber hinter jedem Zwinkern jederzeit auch Gefährlichkeit ausstrahlend seine Kreise um Pepe Le Moko zieht, ist ein großartiges Vergnügen. Slimane gleicht einem Hai, der ein potentielles Opfer an der Wasseroberfläche erspäht hat und nun unter diesem gleichmäßig seine Bahnen zieht, immer enger und enger… bis er zupackt. „Cashbah“ zeigt wieder einmal, wie weit Lorre seiner Zeit voraus war, wenn es um seine Art des Schauspiels geht. Hier verschluckt er mal einen Satz, dort nuschelt er gedankenverloren vor sich hin, bricht Sätze einfach ab. Dies verleiht seiner Figur eine Wahrhaftigkeit, die sich stark von der glatten Theaterhaftigkeit des Hauptdarstellers Tony Martin oder den pompösen Auftritten eines Thomas Gomez als Polizeichef Louvain unterscheidet. Und über allem schwebt eine schwere Melancholie, die Slimane in jeder Szene ausströmt. Er weiß, dass er Pepe Le Moko fangen wird, und dies das Ende seines Gegenspielers sein wird. Damit wird auch ein Teil seines Lebens, seiner Persönlichkeit verschwinden. Doch er weiß auch, dass es für ihn hier keine andere Alternative gibt.

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„Casbah“ ist bereits die dritte Verfilmung des Stoffes, Der Roman erschien 1931 und wurde von Henri La Barthe unter dem Pseudonym Détective Ashelbé (H-L-B) geschrieben. Die erste Verfilmung fand in Frankreich statt und die Rolle des Pepe Le Moko im gleichnamigen Film zementierte den Star-Staus des jungen Jean Gabin. Im ersten amerikanischen Remake übernahm sein Landsmann Charles Boyer die Rolle des herzenbrechenden Gauners und startete damit seine Hollywood-Karriere. Die Figur des Pepe Le Moko war so populär, dass es nicht nur Parodien gab, sondern auch das französische Stinktier Pepe Le Pew in den Warner-Brother-Cartoons seinen Namen wegen des anderen Pepe erhielt. In „Casbah“ wird Pepe Le Moko von Tony Martin gespielt, und hier liegt das Problem. Tony Martin ist ein schauspielender Sänger oder singender Schauspieler. Diese wurden in den 40er Jahren gerne eingesetzt, um die Handlung eines Filmes aufzulockern und daraus einen Familienfilm mit Massenappeal zu machen. Man denke nur an die reichhaltigen Gesangsnummern zwischen verliebten Pärchen in den Laurel&Hardy-Langfilmen oder in den späteren Marx-Brothers-Komödien, wie z.B. „Die Marx Brothers im Kaufhaus“, in dem ebenfalls Tony Martin für Romantik und Gesang zuständig war. Obwohl Martin ein durchaus vorhandenes Charisma nicht abzusprechen ist, zerstören seine Gesangsnummern die mühevoll aufgebaute Atmosphäre, und lassen Martin wie einen Operetten-Banditen und weniger wie einen gerissen und unter der anziehenden Oberfläche gefährlichen Gangster wirken. Dies arbeitet dann leider kräftig gegen den Film.

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Abgesehen von dieser künstlerischen Fehlentscheidung ist der Film superb besetzt. Die als Star angekündigte, atemberaubende Yvonne de Carlo tritt zwar nur in einer kleineren Rolle in Erscheinung, schmeichelt den Augen der Zuschauer als exotische Barbesitzerin aber ungemein. Einen größeren Part übernimmt die Schwedin Märta Torén – hier als Marta Toren aufgeführt. Sie spielt die Frau, für die Pepe Le Moko Kopf und Kragen riskiert. Und man kann ihn verstehen. Die damals gerade 21jährige wurde bereits als The Next Ingrid Berman gefeiert. Die Torén bringt eine natürliche, unaufgeregte Schönheit mit, ein unbefangenes Strahlen. Auch wenn ihr der Part der Gaby nicht viel abverlangt, schafft sie es in jeder ihrer Szenen ganz von selbst im Mittelpunkt zu stehen. Märta Torén hätte ein großer Star werden können, wenn es das Schicksal nicht böse mit ihr gemeint hätte. Gelangweilt von Hollywood suchte sie in Italien größere schauspielerische Herausforderungen. Dort lernte sie Regisseur Leonardo Bercovici kennen und brachte eine gemeinsame Tochter zur Welt. Doch das Glück währte nur kurz. Mit nur 31 Jahren starb sie an einem Gehirnschlag. Sieht man „Casbah“, weiß man, was der Filmwelt da für ein hell glänzender Stern verloren gegangen ist.

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„Casbah“ ist bereits die dritte Verfilmung des populären Stoffes um „Pepe Le Moko“. Vor allem funktioniert der Film als Vehikel für einen grandiosen Peter Lorre, doch auch die Damen können hier glänzen. Hauptdarsteller Tony Martin bringt zwar das nötige Charisma für die Hauptrolle mit, allerdings leidet der Film unter dem Versuch der Produzenten ihn durch zahlreiche Gesangsnummern in Richtung exotisches Musical zu drücken. Durch diese Einlagen, sowie die recht konventionelle Inszenierung durch John Berry, bleibt der Film trotz des wunderbar aufgelegten Peter Lorre und der betörenden Schönheit des Duos Yvonne de Carlo/Marta Toren hinter den beiden Vorgängern zurück.

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Die Nummer 23 der Koch Media „Film Noir Collection“ hat ein etwas weiches Bild, welches ansonsten aber ohne weitere Makel ist. Auch der englische Ton ist sauber und angenehm zu hören. Die deutsche Synchro ist zeitgenössisch und sehr schön anzuhören. Die DVD enthält sowohl die kürzere deutsche Kinofassung, als auch die sieben Minuten längere amerikanische Fassung, die 7 Minuten länger läuft. Leider ist der Extras-Bereich ausgesprochen mau ausgefallen. Gerade mal eine Bildgalerie hat es auf die Scheibe geschafft. Empfehlenswert ist aber wieder einmal das informative, 12-seitige Booklet von Frank Arnold.

Blu-ray Rezension: „Der gläserne Schlüssel“

Von , 6. Juli 2016 22:38

schluessel_brFrüher war Paul Madvig (Brian Donlevy) ein Krimineller, heute ist er ein korrupter, aber auch erfolgreicher Politiker. Während er im Vordergrund den charismatischen Bürgerfreund gibt, hält im Hintergrund seine rechte Hand Ed Beaumont (Alan Ladd) die Fäden zusammen. Nachdem sie ihn in aller Öffentlichkeit geohrfeigt hat, setzt sich Madvig in den Kopf, Janet Henry (Veronica Lake), die Tochter des ehrenwerten Senators Ralph Henry (Moroni Olsen) zu heiraten. Um sich bei Henry einzuschmeicheln, lässt Madvig den Nachtclub des Gangster Nick Vama (Joseph Calleia) ausheben, mit welchem er zuvor gemeinsame Sache gemacht hat. Vama sinnt auf Rache. Zeitgleich unterält Madvigs kleine Schwester Opal (Bonita Granville) ein Verhältnis mit Janets Bruder Taylor (Richard Denning). Einem Spieler, der bei Vama große Schulden hat. Als Taylor ermordet wird, fällt der Verdacht auf Madvig. Ed Beaumont hat nun alle Hände voll zu tun, um seinem Chef den Kopf zu retten…

Dashiel Hammett ist einer der ganz großen Wegbereiter der amerikanischen Krimi-Literatur. Als einer der Väter des „Hard-boiled“-Romans, ist sein Schaffen bis heute enorm einflussreich. Wim Wenders hat während seines missglückten Hollywood-Ausflugs versucht, Hammett mit seinem gleichnamigen Film ein Denkmal zu setzen. Aber auch für den amerikanischen Filmgeschichte war Hammett immens wichtig. Seine Romane wurden früh und mehrfach verfilmt. Am Bekanntesten ist sicherlich „Die Spur des Falken“, der Film, welcher Humphrey Bogart zum Star machte. Doch dies war bereits die dritte Verfilmung des Romans. Auch „Der gläserne Schlüssel“ war bereits die zweite Adaption des gleichnamigen Romans. Sieben Jahre zuvor war der Stoff bereits von Frank Tuttle mit George Raft und Edward Arnold in den Hauptrollen verfilmt worden. Ferner schuf Hammett das Screwball-Amateuerdetektiv-Duo Nick und Nora Charles aus den „Der dünne Mann“-Filmen. Und sein Debütroman „Red Harvest“ war Inspiration für Akira Kurosawas „Jojimbo“ (was Kurosawa allerdings bestritt), der wiederum als „Für eine Handvoll Dollar“ und „Last Man Standing“ neu in Szene gesetzt wurde.

„Der gläserne Schlüssel“ erzählt eine komplexe Geschichte, ohne sich dabei in den zahlreichen Handlungsfäden und Nebenfiguren zu verlieren. Nomineller Hauptdarsteller ist der wie immer zuverlässige Brian Donlevy, der den bulligen Politiker Paul Madvig spielt. Madvig kokettiert gerne mit seiner nicht ganz sauberen Vergangenheit und seine Nähe zum Mob. Da ist es nur folgerichtig, wenn Donlevy ihn auch wie einen – durchaus sympathischen – Gangster anlegt. Tatsächlich macht der Film keinen Hehl aus der Korruptheit seines Helden, der auch gerne mal von den Fäusten Gebrauch macht, um seine Meinung durchzuboxen. Man wundert sich, wie der Film durch die engen Maschen des Hays Office geschlüpft ist. Der andere hier auftauchende Politiker ist ein Waschlappen, der sich gerne dorthin neigt, woher der Wind weht. Der Staatsanwalt ist eine lächerliche Gestalt ohne eigenen Willen und ein Zeitungsverleger in der Hand der Mafia. Es ist kein besonders positives Bild, welches Regisseur Stuart Heisler da von Amerika und seinen Würdenträgern zeichnet.

Auch die eigentliche Hauptfigur, Madvigs rechte Hand Ed Beaumont, wird ihn kein positives Licht gestellt. Ed handelt als willfähriges Werkzeug seines Meisters Madvig. Um dessen Unschuld zu beweisen, ist ihm kein Trick zu schmutzig. Er lässt sich auch lieber halb tot prügeln, als gegen die Interessen seines Auftraggebers zu handeln. Woher diese verbissene Loyalität kommt, wird im Film nicht ganz klar. Madvig hat Ed wohl mal aus der Klemme geholfen. Eds bedingungslose Treue, lädt aber diverse Kommentatoren im Netz dazu sein, über eine Liebesbeziehung zwischen Ed und Madvig zu spekulieren. Ein Aspekt, der nicht ganz von der Hand zu weisen ist. Auch in Eds Beziehung zu dem, von dem großartigen William Bendix verkörperten, Schläger Jeff spielt eine homoerotischer Unterton eine tragende Rolle. Jeff behandelt Ed fast zärtlich, gibt ihm Kosenamen, bevor er ihn mit aller Brutalität und Körperlichkeit als Punching Bag benutzt. Bei ihrem letzten Zusammentreffen lädt Jeff Ed zunächst auf eine Flasche Whiskey ein und umarmt ihn liebevoll, während er voller Vorfreude davon spricht, dass er ihn gleich totprügeln wird. Interessantes, wenn auch irrelevantes Detail am Rande: Während der Dreharbeiten freundeten sich Alan Ladd und William Bendix an, und es entwickelte sich eine lebenslange Freundschaft zwischen Beiden.

Eine spannende Rolle spielen auch die eigensinnigen und selbstbestimmten Frauen in diesem Film. Sei es Madvigs kleine Schwester, die durch ihre starrköpfige Liebe zum spielsüchtigen Taylor eine Katastrophe hinauf beschwört. Oder die Ehefrau des Zeitungsverlegers, die sich sobald sie vom Bankrott ihres Mannes erfährt, vor dessen Augen sofort Ed Beaumont an den Hals wirft. Im Mittelpunkt steht aber natürlich die wundervolle Veronica Lake. Hier empfiehlt es sich auch, den Film im Original zu schauen, um die rauchig-verruchte Stimme der Lake genießen zu können. Diese vermutet man bei einem so zierlichen Persönchen gar nicht, aber sie passt hervorragend zu ihrer forschen, fordernden Rolle. Veronica Lake besitzt diesen belustigten, zynischen Unterton in ihrem erotischen Timbre. Das macht sie, neben ihrem wunderschönen und unverwechselbaren Äußeren, zur perfekten Femme Fatale. Ihre Janet Henry ist eine interessante Rolle, denn sie hält selbstbestimmt die Fäden in der Hand und lässt sich nicht vor fremde Karren spannen. Auch wenn Madvig damit prahlt, dass er sie erobert hätte, so ist es doch eher so, dass sie ihm erlaubt hat, in ihre Nähe zu kommen, um ihn in den Abgrund stürzen zu lassen. Mit Ed verbindet sie vor allem die Beziehung zu Madvig, auch wenn man eine unterschwellige, sexuelle Neugierde zwischen ihnen spürt. Dass Beiden dann ein geradezu lächerliches Happy End aufgebrummt wird, ist ausgesprochen ärgerlich. Denn diese Konzession an die Hollywood-Konventionen will so gar nicht zu dem Rest des Filmes passt, und schwächt diesen dadurch vollkommen unnötig.

Die Dashiell-Hammett-Verfilmung erstaunt durch einen hohen Grad an Brutalität und einer generell skeptischen Weltsicht. Das Paar Alan Ladd und Veronica Lake harmoniert perfekt miteinander, auch wenn sie sich eher wie Tiger umkreisen. Hervorgehoben müssen aber auch die Nebendarsteller werden. Allen voran der wie immer großartige William Bendix, der seiner im Grunde eindimensionalen Figur ungeahnte Untiefen verleiht. Allein das unglaubwürdige und auch vollkommen unpassende Ende trübt ein wenigen den ansonsten guten Eindruck.

„Der gläsernen Schlüssel“ ist die 22. Folge aus der „Film Noir Collection“ des Hauses Koch Media. Das Bild ist zwar nicht gerade brillant, macht aber auch nicht den Eindruck einer billigen „Public Domain“-Presse. Etwas körnig, dafür scharf und ohne Verschmutzungen. Der englische Ton ist für sein Alter klar und deutlich und definitiv der deutschen TV-Synchronisation vorzuziehen, da diese recht leblos und mit ihren nachträglich eingefügten Geräuschen sehr künstlich wirkt. Zudem kommt man nur so in den Genuss der wunderbaren Stimme von Frau Lake. Falls man mal etwas nicht versteht, kann man die englischen Untertitel zuschalten. Deutsche gibt es leider keine. Das Bonusmaterial ist lächerlich. Drei kurze Clips, die aus der US-Vorlage stammen und zusammen keine 9 Minuten gehen. Zudem wird hier vor allem oberflächlich auf die anderen Filme eingegangen, die in der amerikanischen „Film Noir Collection“ erschienen, aus der das Master dieser Veröffentlichung augenscheinlich stammt. Sehr viel informativer ist da das sehr gut geschriebene, 12-seitige Booklet von Frank Arnold. Ansonsten gibt es noch eine Bildergalerie und den Trailer.

DVD-Rezension: “Die Nacht hat tausend Augen”

Von , 13. August 2015 21:24

nachttausendWährend einer seiner Vorstellungen stellt der Varieté-Hellseher John Triton (Edward G. Robinson) fest, dass er tatsächlich in die Zukunft blicken kann. Da er mit den plötzlich auftauchenden Zukunftsvisionen nicht umgehen kann, beschließt er, sich in ein einsames Exil zurückzuziehen. Als Triton nach vielen Jahren nach Los Angeles zieht, sieht er den Tod seines alten Partners und Freundes Whitney Courtland (Jerome Cowan) voraus, welcher durch Tritons Vorhersagen zu großem Reichtum gekommen ist. Triton will Courtland warnen, kommt jedoch zu spät. Courtland stirbt bei einem Flugzeugunglück. Eine weitere Vision zeigt Triton die Ermordung von Courtlands Tochter Jean (Gail Russell). Triton setzt nun alles daran, diesen Mord zu verhindern, doch niemand glaubt seinen Warnungen…

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Dass Cornell Woolrich heutzutage nicht den selben Ruhm wie beispielsweise Raymond Chandler oder auch ein Dashiell Hammett genießt, ist sehr bedauerlich. Sein Werk ist zwar fast lückenlos auch in Deutschland (bei Diogenes, bei denen viele seiner meisterlichen Zeitgenossen ihr Zuhause gefunden haben) erschienen, kann aber nur noch im Antiquariat bezogen werden. Wer weiß heutzutage noch, dass es seine Kurzgeschichte „It Had To Be Murder“, die die Vorlage zu Alfred Hitchcocks unsterblichen „Fenster zum Hof“ lieferte? Oder Francois Truffaut mit „Die Braut trug schwarz“ und „Das Geheimnis der falschen Braut“ gleich zwei seiner Romane verfilmte. Auch „Die Nacht hat tausend Augen“ beruht auf einem Roman von Cornell Woolrich und war 1948 nur eine von gleich drei Adaptionen seiner Werke. Überhaupt waren die 40er Jahre eine gute Zeit für Woolrich-Verfilmungen. „Leopard Man“ von Jacques Tourneur, „Schwarzer Engel“ von Roy William Neill und „Zeuge gesucht“ von Robert Siodmak (Rezension hier) entstanden alle in diesem Jahrzehnt.

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„Die Nacht hat tausend Augen“ mischt recht effektiv Noir- mit Mystery-Elementen. Neben der typischen Story eines Mannes, dessen Leben langsam, aber sicher den Bach runter geht, werden auch übersinnliche Elemente, wie die Fähigkeit des Protagonisten in die Zukunft zu schauen, mit verwoben. Edward G. Robinson spielt diesen unglücklichen Hellseher, der um seine Gabe nie gebeten hatte und nun hilflos mitansehen muss, wie sie einem finstereren Schatten gleich, in sein einst unbeschwertes Leben kriecht. Dabei stellt der Film eine interessante Frage: Kann der von Robinson gespielte John Triton wirklich in die Zukunft blicken, oder ist er selber es, der die zukünftigen Geschehnisse als Art self fulfilling prophecy dadurch in Gang bringt, indem er sie ausspricht. Letzteres würde bedeuten, dass er die Dinge selber steuern könnte. So macht er dann auch die Probe aufs Exempel. Mit tödlichen Konsequenzen, die ihn endgültig in die Einsamkeit treiben. Denn Triton muss auf die harte Tour lernen, dass er seiner Gabe hilflos ausgeliefert ist.

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Man fragt sich, warum er diese Fähigkeit nicht nutzt, um Gutes zu tun, statt sich irgendwo zu vergraben. Der Blick in seine traurigen Augen verrät es: Er will nicht die Verantwortung für das Schicksal fremder Menschen tragen. Robinson spielt diesen traurigen und schwachen Helden mit aller gebotenen Melancholie und Lebensmüdigkeit. Erst als die Tochter seiner einstigen Verlobten und seines besten Freundes in mörderische Gefahr gerät, rafft sich der kleine Mann auf, um einmal in seinem Leben das Schicksal mit aller Macht zu drehen – auch wenn es für ihn den Tod bedeuten sollte. Aber eigentlich sucht er diesen ja auch, um endlich die für ihn so schwere Last des Wissens loszuwerden. Für Robinson ist der einfache Mann, der zum Spielball des Schicksals wird, eine Paraderolle, die er gerade Ende der 40er Jahre häufig spielen sollte. So z.B. in Fritz Langs Noir-Klassikern „Gefährliche Begegnung“ und „Straße der Versuchung“. Diese schwachen Figuren ergänzen perfekt seine harten Gangster-Rollen, mit denen Robinson berühmt geworden ist, und zeigen seine schauspielerische Bandbreite. Später sollte er diese noch durch den väterlichen Typus erweitern.

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Neben Robinson bleiben die anderen Darsteller eher blass. John Lund als Verlobter des potentiellen Opfers wirkt eher borniert und daher recht unsympathisch. Gail Russell, die in „Der unheimliche Gast“ (Kritik hier) noch strahlen konnte, kann sich nicht aus dem Korsett de naiv-hilflosen Mädchens befreien. Ihr großes Charisma kommt in der Rolle der Jean Courtland überhaupt nicht zum Tragen. Möglicherweise ist dies auf ihre übergroße Nervosität vor der Kamera zurückzuführen, die sie mit Alkohol zu bekämpfen versuchte, was letztendlich zu ihrem viel zu frühen Tod mit nur 36 Jahren führte. Ein Schau für sich ist allerdings William Demarest, der hier einen ganz harten Detektiv spielt. Demarest bewegt sich dabei immer am Rande der reinen Parodie, ohne diese Grenze gänzlich zu überschreiten. So kann er sich trotz seiner kleinen Rolle immer wieder in den Vordergrund spielen. Wobei es ihm auch hilft, nicht allzu viele Szenen gemeinsam mit Robinson zu haben.

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Inszeniert wurde „Die Nacht hat tausend Augen“ von John Farrow, Vater von Mia und Tisa. Farrow setzt den Film eher konservativ – größtenteils kammerspielartig – in Szene, immer bemüht, die geringen Produktionskosten zu kaschieren. Große Unterstützung erhält er dabei von dem genialen Kameramann John F. Seitz, der für Billy Wilder unter anderem dessen großartige Film Noirs, „Frau ohne Gewissen“, „Das verlorene Wochenende“ oder „Boulevard der Dämmerung“ fotografierte. Seitz hat ein hervorragendes Gespür für effektive Licht und Schattenspiele, mit denen er auch die kleine Studiokulisse wie einen weitläufigen Garten über den Wipfeln Los Angeles aussehen lässt.

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„Die Nacht hat tausend Augen“ ist eine effektive und spannende Mischung aus Film Noir, Drama und Mystery. Basierend auf einem Roman von Cornell Woolrich, lebt der Film vor allem von der Persönlichkeit des Hauptdarstellers Edward G. Robinson und der atmosphärischen Kameraarbeit von John F. Seitz.

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Koch Media präsentiert diese Veröffentlichung mit einem für das Alter des Filmes bis auf ein paar kleine Kratzer sehr gutem Bild. Auch der englische Originalton ist sehr gut und klar. Die deutsche Synchronisation scheint für das Fernsehen aufgenommen zu sein. Die Sprecher sind gut (insbesondere G.G. Hoffmann, der John Lund spricht), wenn auch der Sprecher Robinsons recht weit weg vom markanten Original ist. Jedoch ist die Atmosphäre recht steril. Bis auf eine hübsche Bildgalerie gibt es keine Extras.

DVD-Rezension: “Opfer der Unterwelt”

Von , 4. August 2015 20:12

opferunterweltBevor der Notar Frank Bigelow (Edmond O’Brien) mit seiner Sekretärin Paula (Pamela Britton) den Hafen der Ehe ansteuert, will er es noch einmal krachen lassen. Er fährt für einige Tage nach San Francisco und mietet sich dort in einem Hotel ein. Gleich am ersten Abend wird er von seinem Zimmernachbarn überredet, mit in einen Jazzclub zu kommen. Als Bigelow eine unbekannte Schönheit an der Bar sieht, fängt er an mit ihr zu flirten und man verabredet sich zu einem späteren Treffen. Doch Bigelow überlegt es sich dann doch anders und bleibt im Hotel. Am nächsten Morgen leidet er unter unerklärlichen Magenschmerzen, was er zunächst auf den wilden Abend schiebt. Doch bald schon stellt sich heraus, dass Bigelow vergiftet wurde und nur noch 48 Stunden zu leben hat. Diese Zeit will er nutzten, um seinen eigenen Mörder zu fangen…

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Die spannenden und ungewöhnliche Geschichte, die in „Opfer der Unterwelt“ erzählt wird, bildet die Blaupause für zahlreiche andere Filme und TV-Episoden, welchen den Film entweder direkt nacherzählten (wie „Der leuchtende Tod“ oder „D.O.A: – Bei Ankunft Mord“) oder sich davon auf kreative Weise inspirieren ließen, wie beispielsweise „Crank“. „D.O.A“ – wie der Film im Original heißt wurde von dem Autorenduo Russell Rouse und Clarence Greene geschrieben, welches zwischen 1950 und 1957 eine Serie von sechs kleinen Film Noir-Filmen schufen. “Opfer der Unterwelt” war der Auftakt dieser Serie, die über die große Leinwand hinaus, in er Noir-Fernsehserie namens “Tightrope” mündete. Der berühmteste Film der Beiden gehört jedoch einem gänzlich anderem Gerne an. “Bettgeflüster”, der auf einer Story von Rouse/Greene basierte, startete eine ganze Serie leichter und überaus erfolgreicher Komödien mit Rock Hudson und Doris Day. Für “Opfer der Unterwelt” ließen sie sich von einem deutschen Film inspirieren: Der Heinz-Rühmann-Komödie “Der Mann, der seinen Mörder sucht”, der von Robert Siodmak, einem der großer Meister des Film Noir, inszeniert wurde und an dessen Drehbuch neben seinem früh nach Hollywood immigrierten Bruder Curt, auch Billy Wilder mitschrieb. Wobei dies auf einem Theaterstück beruht, welches seinerseits von einem Roman Jules Vernes inspiriert wurde.

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Besonders interessant an „Opfer der Unterwelt“ ist seinem langsame Eskalation, die den Film mit dem Ablaufen der Lebenszeit seines Protagonisten immer mehr beschleunigt. Zunächst spielt Regisseur Rudolph Maté mit Screwball-Konventionen. Da gibt es die typisch neckischen Dialoge zwischen Frank Bigelow und seiner Sekretärin/Verlobten Paula. Allerdings werden – im Gegensatz zur „echten“ Screwball-Komödie – beide nicht als gleichberechtigte Partner gezeigt. So wie Paula sich an Bigelow klammert, ist sie sie mehr nervigen Klette als selbstbewusste Frau. Kein Wunder, dass Bigelow ausbrechen und noch einmal sein Junggesellenleben genießen will. Seine Ankunft im Hotel in San Francisco und seine dortige Konfrontation mit dem holden Geschlecht, kommentiert Maté mit einem komischen Soundefffekt. Dadurch wird der Zuschauer zunächst einmal etwas eingelullt. Auch wenn Bigelow einfach nur etwas Spaß haben will und dabei gleich von der nächsten Dame – ausgerechnet der Ehefrau seines Zimmernachbarn – umklammert wird, wähnt man sich eher in einer Komödie als in einem finsteren Noir.

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Diese in einem Jazz-Club endende Szene leitet dann auch die Thrillerhandlung des Filmes ein. Die dabei wild aufspielende Jazz-Band mit ihren fast schon psychotisch wirkenden Verrenkungen, gibt dann auch gleich den Beat für die weitere Handlung vorgibt. In dem Moment in dem Bigelow den Nachtclub betritt, macht er auch den Schritt in eine neue Welt. Dass diese für ihn das Fegefeuer sein wird, ahnt er zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal. Hier stirbt sein altes Ich, hier wird sein neues Ich geboren, welches in den nächsten 48 Stunden ausbrennen wird. Aber noch weiß Bigelow nichts davon. Seine Schmerzen am nächsten Tag schiebt er zunächst auf die verbotenen Vergnügen des Vortages. Die Offenbarung, dass er vergiftet wurde und nicht mehr lange zu leben hat, inszeniert Rudolph Maté fast wie in einem Horrorfilm. Der Arzt, der ihm die zweite Meinung übermittelt, lässt die tödliche Substanz im Dunkeln leuchten, wie ein klassischer Mad Scientist. So wird der Horror sichtbar gemacht, den Bigelow durchlebt. In seiner Verzweiflung reagiert er dann zutiefst menschlich. Er rennt davon, immer schneller, immer selbstvergessener. Die Szene, in welcher der Schauspieler Edmund O’Brien durch eine Masse unbeteiligter (echter) Passanten pflügt, fühlt sich echt an, weil sie echt ist. Hier wird der Effekt vorweggenommen, den Abel Ferrara 42 Jahre später in den letzten Bildern seines „Bad Lieutnant“ ebenfalls gesucht hat. Am Ende bleibt Frank Bigelow erschöpft stehen. An einem Zeitungsstand. Zwischen einem „Life“-Magazin und der Überschrift „brighten up your morning“. Und sieht, was er nun nie mehr selber erleben wird. Ein frische verliebtes Paar und eine Mutter mit ihrem Kind.

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Ab diesem Moment ist Frank Bigelow nicht mehr der nette Durchschnittstyp von nebenan. Er reduziert all sein Handeln auf nur noch ein Ziel: Rache für seinen Mord. Wie in einer Gespenstergeschichte, in der ein Geist aus dem Jenseits heraus versucht, seinen Tod zu rächen. Bigelow weiß, dass ihm hierfür nicht viel Zeit auf Erden bleibt. Also lässt er alles weg, was nicht unmittelbar zum Ziel führt. Die trauende Witwe eines anderen Mannes überfällt er mit der Frage, wie ihr Mann Selbstmord beging. Für Smalltalk oder Taktgefühl fehlt ihm einfach die Zeit. Dadurch, dass er bereits weiß, dass er ein toter Mann ist, befreit er sich von sämtlichen gesellschaftlichen Konventionen. Er wird zum harten Antihelden, wie sie vor allem in den 70ern, aber noch heute, die die Leinwand bevölkerten. Was sie so cool und hart macht ist allein das Wissen, dass sie bereits alles verloren haben. Und die unbewusste Sehnsucht nach der nächsten Kugel, die ihrem verkorksten Leben endlich ein Ende bereitet. Der Gangsterboss Majak bringt es auf den Punkt, wenn er sagt: „He’s not afraid…You can tell from a man’s eyes when he is afraid. Look at his eyes.“.

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Regisseur Rudolph Maté wurde im damals österreichischen Krakau geboren und stieg bald zu einem der bedeutendsten Kameramänner Europas auf. So fotografierte er beispielsweise Carl Theodor Dreyers Meisterwerke „Die Passion der Jungfrau von Orléans“ und „Vampyr – Der Traum des Allan Grey“. Seine Erfahrung als Kameramann sieht man deutlich in „Opfer der Unterwelt“. Dies ist einer jener Film Noir, aus dem man sich jeden Screenshot einrahmen und ins Wohnzimmer hängen könnte. Auf diesen erkennt man allerdings auch, dass Edmond O’Brien den ganzen Film über Grimassen schneidet, um seine innere Gedankenwelt deutlich sichtbar nach außen zu kehren. Doch dies stört ebenso wenig, wie das doch sehr durchschnittliche Aussehen O’Briens, gepaart mit einer gewissen Blässe, was seine Persönlichkeit angeht. O’Brien ist hier perfekt besetzt als eben jener vollkommen durchschnittliche Mann, dessen Leben plötzlich und grausam umgekrempelt wird. Die Stadt erweist sich für solch ein Landei wie Bigelow als tödliche Falle. Als Sündenpfuhl ohne Chance, zu entkommen. Ebenfalls nicht gerade subtil spielt Neville Brand in seiner ersten Filmrolle. Brand legt den psychotischen Chester als eine vollkommen übersteigerte Version des von Richard Widmark in „Der Todeskuß“ gespielten Tommy Udo an. Wenn er Bigelow zu dem Ort fährt, an dem er ihn umzubringen gedenkt und sich dabei die grauenvollsten Todesarten ausdenkt, dann scheint ihm fast der Geifer aus dem zahnreichen Gebiss zu tropfen. Aber auch dieses Überdrehen passt zum Film, denn so wird aus Chester ein wahrer Dämon der Hölle, der in dem diffusen Reich zwischen Leben und Tod die frisch Verstorbenen quält.

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Rudolphe Maté hat mit „Opfer der Unterwelt“ einen Klassiker des Film Noir geschaffen, der häufig kopiert wurde. Bemerkenswert ist die sich stetig steigernde Intensität, die brillant mit der unaufhaltsam ablaufenden Lebenszeit seines Protagonisten korrespondiert.

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Die mittlerweile 20. Ausgabe der „Film Noir“-Reihe von Koch Media, wartet mit einem gewohnt gutem, wenn auch nicht perfektem Bild auf. Auch am sehr gut verstädnlichen Originalton lässt sich nichts aussetzten. Die alte deutsche Synchronisation der Kinoaufführung von 1952 war leider nicht mehr auffindbar, weshalb der Film im Original mit deutschen Untertiteln veröffentlicht wurde. Schön wären auch englische Untertitel gewesen, aber die sind bei der Reihe ja generell nicht vorgesehen. Wie leider ebenfalls üblich in der Reihe, gibt es zwar eine interessante Bildgalerie mit diversen Filmplakaten und Aufhangfotos aus aller Herren Länder, aber ansonsten keinerlei Extras.

DVD-Rezension: “Die Killer”

Von , 14. Dezember 2014 17:02

Die KillerIn der Kleinstadt Brentwood treffen zwei Killer (William Conrad und Charles McGraw) ein, um in einem Diner dem „Schweden“, Ole Anderson (Burt Lancaster), aufzulauern. Doch Anderson kommt an diesem Abend nicht ins Diner. Die Killer beschließen ihn Zuhause aufzusuchen. Oles Arbeitskollege Nick Adams (Phil Brown), der an diesem Abend auch im Diner ist, versucht ihn zu warnen, doch Ole schickt ihn wieder weg und geht ohne Gegenwehr in den Tod. Sein Geld hat er einem alten Zimmermädchen in Atlantic City vermacht, was die Neugier des Versicherungsdetektivs Readon (Edmond O’Brien) weckt. Dieser versucht herauszufinden, warum Ole nicht floh, als er die Gelegenheit dazu hatte, und weshalb er ermordet wurde. Readon macht sich auf, Oles Vergangenheit zu erforschen und stößt dabei auf eine Geschichte voller gefährlicher Leidenschaft, Verrat und Verbrechen…

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Neben den anderen Immigranten Fritz Lang, Edgar G. Ulmer, Otto Preminger und Billy Wilder, prägte vor allem Robert Siodmak den Film Noir. Zur Jahrhundertwende in Dresden geboren, Sein erster Film als Regisseur war der halb-dokumentarische Klassiker „Menschen am Sonntag„, bei dem neben den oben bereits erwähnten Edgar G. Ulmer und Billy Wilder, auch der später „12 Uhr Mittags„-Regisseur Fred Zinnemann, sowie der legendäre Kameramann Eugen Schüfftan, dessen Stil Licht und Schatten einzusetzen den Film Noir stark prägte, auch wenn er selber nach seiner Immigration in die USA in diesem Genre nicht tätig wurde. Nach seiner Flucht über Frankreich in die Vereinigten Staaten, drehte Siodmak zunächst für kleinere Gesellschaften bis er mit dem von seinem jüngeren Bruder Curt geschriebenen „Son of Dracula“ 1943 zu Universal wechselte, wo er seine größten Erfolge feiern sollte. 1944 inszenierte er seinen ersten Film Noir, „Zeuge gesucht“ (Kritik hier), und sollte das Genre in den folgenden Jahren weiter prägen und mit „The Killers“ 1948 zu einem Höhepunkt führen. Nach dem grandiosen Piraten-Spaß „Der rote Korsar“ kehrte er nach Europa zurück und drehte hier u.a. das Meisterwerk „Nachts, wenn der Teufel kam“, das Mario Adorfs Karriere startete, sowie drei Filme aus Artur Brauners Karl-May-Orient/Mexiko-Zyklus. Sein letztes Werk war der zweiteilige Monumental-Film „Kampf um Rom“.

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„The Killers“, der bei seiner Kinoauswertung noch „Rächer der Unterwelt“ hieß, beruht auf einer Kurgeschichte von Ernest Hemingway. Diese nutzt Siodmak allerdings nur in den ersten Minuten des Filmes, wenn die Killer in die kleine Stadt Brentwood kommen und im Diner auf ihr Opfer, den Schweden, warten. Hauptfigur in Hemingways Kurzgeschichte ist der einzige Gast des Diners: Nick Adams, der in mehreren Geschichten Hemingsways als Protagonist agiert. Hier ist er nur eine Fußnote, denn der Film konzentriert sich ganz auf die Recherchen des Versicherungsdetektivs Reardon und die Lebensgeschichte des Opfers, Ole Anderson. Die große Frage ist es, wie es zum Mord an dem Schweden kommen konnte und warum er diesen passiv erwartet und keine Anstalten zur Flucht macht, obwohl Adams ihn warnen konnte. Diese Geschichte wird in Rückblenden durch verschiedene Menschen erzählt, die in der Vergangenheit mit dem Schweden zu tun hatten. Fragmentarisch setzt sich so die Geschichte von Ole Anderson und seines Unterganges zusammen. Dies erinnert natürlich stark an Orsen Welles‘ unsterblichen „Citizen Kane“, ist bei genauerer Betrachtung aber sehr viel stringenter und chronologischer als Welles‘ Kaleidoskop.

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Für „The Killers“ arbeitete Siodmak wieder mit Kameramann Elwood Bredell zusammen, mit dem er schon „Zeuge gesucht“ in einprägsame Bilder goss. Auch „The Killers“ lebt von dem Spiel mit hartem Licht und tiefen Schatten. Hier sei vor allem auf die meisterhafte Eingangsszene verwiesen, in der die Killer als unheilvolle Nachtgestalten das ansonsten friedliche Bild des verschlafenen Städtchens Brentwood stören. Hin zu dem entsetzt-resignierten Gesicht Burt Lancasters, welches sich in einer traurigen Gesten aus der Finsternis schält, um sein tragisches Schicksal zu erwarten. Die lange Plansequenz, die den Raub der Lohngelder zeigt oder der überraschend realistisch und brutal eingefangenen Boxkampf wirken noch heute frisch und modern. Diese Mischung aus stilisiert expressionistischer Bildgestaltung und einem realistischem Dekor machen den Reiz dieses Meisterwerks des Film Noirs aus. Lediglich die Figur des ein wenig zu über-engagierten Versicherungsdetektivs, der von Edmond O’Brien eher blass verkörpert wird, wirkt stark konstruiert. Wird er doch nur dazu benötigt, die Teile des Puzzles zusammenzuhalten, wodurch seine enthusiastische Neugier nicht ganz nachvollziehbar wirkt.

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Die Hauptrolle vertraute Siodmak einem Mann an, der zuvor keine Erfahrung als Filmschauspieler hatte: Dem ehemaligen Artisten Burt Lancaster. Der athletische Lancaster ist die Idealbesetzung für die Rolle des Ole Anderson. Seine imposante Figur und die gleichzeitig etwas linkisch-unsichere Art passen perfekt zu dem Schweden und lassen ihn zu einer realen Person werden. Es ist beinahe unmöglich den Schauspieler von der Figur zu trennen, was sicherlich auch mit Lancasters Unerfahrenheit zu tun hat. Die Wirkung muss zum Zeitpunkt der Premiere des Filmes noch größer gewesen sein, da Lancaster damals ein völlig unbekanntes Gesicht – und nicht der Superstar der 50er Jahre war, den wir heute kennen. Auch die damals noch recht unbekannte Ava Gardner ist eine vorzügliche Wahl für die skrupellose Kitty Collins, die ihre große sexuelle Anziehungskraft als tödliche Waffe einsetzt. Mit ihrem leicht exotischen Aussehen ist sie die ideale Verkörperung der katzenhaften Femme Fatale, der die Hauptfigur verfällt und die den Helden ohne mit der Wimper zu zucken in den Abgrund zieht. Auch in den andern Rollen beweist Siodmak ein gutes Händchen, insbesondere in der Besetzung der titelgebenden Killer, die eine furchterregende Professionalität und brutale Kälte ausstrahlen.

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Glänzend besetzt und überragend fotografiert ist „The Killers“ ein Aushängeschild des Film Noir und ein weiterer Beweise für Robert Siodmaks Meisterschaft in diesem Genre. Die fragmentarische Natur des Drehbuchs erinnert an „Citizen Kane“, doch „The Killers“ ist ein ganz eigener Film, der mit einer spannenden Geschichte und glänzenden Schauspielern am Anfang ihrer Karriere glänzt.

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Wie schon „Ministerium der Angst“, wartet auch „Die Killer“ mit einem fantastischen Bild auf. Lediglich während der Anfangs-Titel ist es etwas schlechter, danach erstrahlt es in bestem Glanz. Der Ton liegt auf Deutsch und Englisch (mit englischen Untertiteln) vor. Neben der obligatorischen Bildgalerie mit Werbematerial und dem Trailer, befindet sich auch eine Radioadaption von 1949 auf der DVD. Hier spricht neben Burt Lancaster und William Conrad, noch Shelley Winters mit.

DVD-Rezension: “Ministerium der Angst”

Von , 13. Dezember 2014 21:03

Ministerium der AngstIm zweiten Weltkrieg: Während der deutschen Luftangriffe auf London, wird Stephen Neale (Ray Milland) nach 10 Jahren aus einer geschlossenen Anstalt entlassen. Sein Weg in der neugewonnen Freiheit führt ihn zu einem kleinen Jahrmarkt, auf dem ein Wohltätigkeitsbasar der „Mothers of Free Nations“ abgehalten wird. Hier gewinnt Neale unter mysteriösen Umständen eine Torte, die ihm nach dem Auftauchen einen geheimnisvollen Mannes (Dan Duryea) wieder abgenommen werden soll. Neale weigert sich jedoch, die Torte wieder herauszugeben und macht sich mit dem Zug auf den Weg nach London. Auf dem Weg dahin wird er – als der Zug aufgrund eines Fliegerangriffs stehen bleiben muss – von einem angeblichen Blinden niedergeschlagen, welcher ihm die Torte stiehlt. Neale verfolgt den Dieb, welcher auf ihn schließt, bevor er von einer deutschen Fliegerbombe getroffen wird. In London angekommen versucht Neale auf eigene Faust herauszufinden, was hinter den seltsamen Vorgängen steckt…

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Hört man hierzulande den Namen Fritz Lang, so denkt man sofort an „Metropolis“, vielleicht noch seine beiden „Dr. Mabuse“-Filme aus den 20ern bzw. 30ern (weniger an seine letzte Regiearbeit aus den 60ern), und natürlich „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“. Manchen fallen vielleicht noch „Die Nibelungen“ ein. Generell wird Lang zumeist auf diese Großproduktionen der Weimarer Republik reduziert. Und auch bei seiner Rückkehr in die Heimat 1957 durfte er gleich wieder zwei exotische Großfilme inszenieren: „Der Tiger von Eschnapur“ und „Das Indische Grabmahl“, ein Projekt, an dem er schon in den 20er Jahren interessiert war, welches dann aber von Joe May übernommen wurde. Eher wenig ist von seiner Schaffensphase zwischen Flucht und Rückkehr bekannt, als er in den USA zumeist bei kleinere Produktionen Regie führte, die allerdings zu seinen interessantesten Werken gehören. Vor allem im Film Noir schuf Lang Überdurchschnittliches und es ist sehr schade, dass diese Phase in Langs Karriere in der allgemeinen Wahrnehmung seiner Person bisher recht wenig Beachtung fand. Zumindest in Deutschland, wo er – siehe oben – noch immer hauptsächlich mit seinen deutschen Werken und hier eben „Metropolis“ identifiziert wird.

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In Frankreich hingegen liebte man Lang auch für solche Filme, wie „Ministerium der Angst“. Kleine B-Thriller, in denen er – wie sein Kollegen Robert Sidomak – den deutschen Expressionismus und eine pessimistische Weltsicht in die Welt des amerikanischen Thrillers transportierte und damit dieses Genre entscheidend prägten. Den langen Schatten des Expressionismus findet man in „Ministerium der Angst“ in den harten Schatten, dem Kontrast von Hell und Dunkel, der geometrischen Anordnung der Räume, den künstlichen Kulissen und dem schmalen Grad zwischen Wahn und Wirklichkeit. Der Held der Geschichte wird in ein Abenteuer geworfen, welches anscheint direkt einem verwirrten Geist entsprungen ist. Zu Beginn ist dem Zuschauer nicht klar, ob das, was er sieht, einer gestörten Wahrnehmung der Hauptfigur geschuldet und real ist. Am Anfang wird Stephen Neale aus einer Irrenanstalt entlassen. Warum er dort war, bleibt zunächst im Dunkeln. Somit besteht durchaus die Möglichkeit, dass der als geheilt Entlassene, sich in eine wilde Welt aus Spionen, Verschwörungen und Morden hinein träumt. Tatsächlich sprechen viele Indizien dafür. Der merkwürdig künstliche Jahrmarkt, auf dem die Besucher wie Statisten wirken, die nur den Zweck haben den Jahrmarkt zu füllen. Alle Besucher scheinen nur auf Stephen Neale gewartet haben, um ihm eine vordergründige Wirklichkeit vorzugaukeln, die aber nur wie eine Theaterbühne wirkt. Die bewusst künstlichen Studio-Kulissen, die Lang verwendet, unterstreichen diesen Eindruck noch.

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Ebenso verhält es sich mit dem Blinden, der sich scheinbar im Dampf der Lokomotive materialisiert und dann langsam als Sehender entpuppt, nur um sich später in einer ebenfalls irrealen Situation wieder durch einen Bombeneinschlag wieder zu dematerialisieren. Später sucht Neal die geheimnisvolle Mrs. Bellane, welche sich plötzlich als eine ganz andere Person entpuppt, jedoch behauptet mit der von ihm Gesuchten identisch zu sein. Sie zieht ihn spontan in einen vollbesetzten Raum, in welchen augenblicklich eine unheimliche Séance stattfindet. Diese entpuppt sich dann zwar später als aufwändige Falle, doch zu diesem Zeitpunkt könnte es durchaus auch nur eine paranoide Fantasie in einer unzuverlässig erzählten Geschichte sein, die lediglich die Geisteswelt des paranoiden Protagonisten ist. Verursacht durch sein schlechtes Gewissen. Denn ohne große Not, schreit er hier heraus, dass er am Tod seiner Frau schuld sei. Leider gibt der Film kurz darauf seine Ambivalenz auf. Er erklärt Dinge und verortet sie in einer fiktiven Wirklichkeit. Obwohl Lang später immer wieder zu traumartigen Bildern zurückkehrt – wie bei der überdimensionalen Schwere eines sinisteren Schneiders – wird dem Publikum klar gemacht, dass Stephen Neale sein Abenteuer tatsächlich erlebt und es keine Hirngespinste sind, die ihn bedrohen.

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So wandelt sich der Film nach einem Drittel von einer ambivalenten Albtraum-Situation in einen lupenreinen Paranoia-Thriller. Dabei verharrt Lang jedoch in der von ihm anfangs geschaffenen künstlichen Welt mit ihren stilisierten Überhöhungen und leeren, dunklen Orten, was dem Film eine besonders bedrohliche Stimmung verleiht. Obwohl Lang sich zunächst sehr für die Regie des Filmes, der auf einem Roman des von ihm verehrten Graham Greene beruht, interessierte, soll er später versucht haben, die Regie abzugeben. Grund dafür war das Drehbuch, welches viele dunkle und beklemmende Elemente des Romans eliminierte und die Geschichte massentauglicher machte. Vielleicht verlegte sich Lang darum auf die sorgsame Gestaltung der Bilder, welche dem Film eine Finsternis und Bedrohlichkeit wiedergeben, welche das Drehbuch nur noch bedingt liefert. Ganz nebenbei schuf er dabei einen visuell aufregenden Film, dessen expressionistische Bilder lange im Gedächtnis haften bleiben.

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Mit „Ministerium der Angst“, seinem dritten Anti-Nazi-Propagandafilm hintereinander, kreierte Fritz Lang einen visuell aufregenden, expressionistischen Film Noir, der insbesondere im ersten Drittel durch die Ambivalenz seines Hauptcharakters gewinnt. Aber auch in der Folge kann der Film mit seiner wunderbaren Bildgestaltung als Paranoia-Thriller überzeugen.

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Die DVD, die nun neu als 18. Film in der Reihe „Film Noir“ aus dem Hause Koch Media erschienen ist, weißt eine für das Alter des Filmes hervorragende Bild- und Tonqualität auf. Leider wurde an den Extras gespart. Hier gibt es, neben einer Bildgalerie mit Werbematerial, nur einen Trailer.

DVD-Rezension: “Der unheimliche Gast”

Von , 7. Juni 2014 21:58

unheimliche gast_Die Geschwister Roderick und Pamela Fitzgerald (Ray Milland und Ruth Hussey) entdecken in ihrem Urlaub ein leerstehendes Herrenhaus nahe einer Steilküste. Pamela verliebt sich augenblicklich in das Gebäude. Zusammen mit ihrem Bruder kauft sie es seinem Besitzer, Commander Beech (Donald Crisp), ab. Dieser ist auch gar nicht unglücklich darüber, das Anwesen los zu sein. Es gehörtet einst seiner Tochter, Mary, die dort einst durch tragische Umstände ums Leben kam. Gar nicht erfreut über die neuen Besitzer ist ihre Tochter Stella (Gail Russell), die nach dem Tod der Mutter bei ihrem Großvater aufwuchs. Sie fühlt sich auf besondere Weise zum Haus hingezogen. Bald schon bemerken Roderick und Pamela, dass etwas in ihrem neuen Heim nicht stimmt…

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Konnte man mit gutem Willen die vorherigen Veröffentlichungen der Reihe „Film Noir“ noch halbwegs als „Noirs“ durchgehen lassen, so fällt dies bei „Der unheimliche Gast“ schon schwerer. Denn hierbei handelt es sich um einen lupenreinen Gruselfilm, komplett mit übernatürlichen Erscheinungen und einem alten Fluch. Allerdings orientiert sich Kamera und Set Design deutlich am deutschen Expressionismus, was ja auch bei den „echten“ Noirs der Fall war. Ich meine sogar, dass das unheimliche Atelier des verstorben Künstlers und ehemaligen Herrn des Spuk-Hauses, auch in dem, im selben Jahr entstandenen, Film Noir „Zeuge gesucht“ (ebenfalls in der „Film Noir“-Reihe erschienen, Kritik hier) Verwendung fand.

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Der unheimliche Gast“ mixt auf effektive Weise Screwball-Elemente mit einer handfesten Gruselgeschichte. Dabei unterstreicht der leichte Ton, der vor allem zwischen den Geschwistern Roderick und Pamela Fitzgerald herrscht, die unheimlichen Vorgänge, welche immer wieder in die scheinbar sorgenlose Welt der Beiden einbrechen. Man könnte beinah denken, dass die Geschwister ursprünglich als Ehepaar konzipiert waren, so perfekt werfen sie sich die Bälle zu. Dies kennt man sonst vor allem von legendären Screwball-Paaren wie William Powell und Myrna Loy in der „Dünne Mann“-Serie oder Spencer Tracy/Kathrine Hepburn. Doch die Beiden waren schon in der literarischen Vorlage von Dorothy Macardle nur Bruder und Schwester. Dieses verwandtschaftliche Verhältnis hilft natürlich dabei, die Liebesgeschichte zwischen den weltmännischen Roderick und der blutjungen und unerfahrenen Stella aufzubauen, die im Zentrum der unheimlichen Geistergeschichte steht. So erinnern die unbeschwerten Szenen zwischen ihr und Roderick an die romantischen Komödien dieser Zeit. Umso stärker ist die Kraft, mit der das Übernatürliche, das Ernste und Tragische in die Geschichte einbricht.

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Diese unheimlichen Element wirken niemals aufgesetzt, sondern sind integraler Bestandteil der Geschichte. Und man muss Regisseur Lewis Allen bescheinigen, dass es ihm grandios gelingt, einen wirklich unheimlichen Film zu gestalten. Gerade dadurch, dass die oberflächliche Handlung einen eher heiteren – und damit für den Zuschauer „realistischeren“ – Ton anschlägt, wirkt das finsterer Herz der Geschichte, welches unablässig unterhalb diese Oberfläche pocht, umso angsteinflößender. Eine Taktik, wie sie z.B. auch Stephen King in seinen besten Büchern anwendet. Nicht umsonst setzte ihn Martin Scorsese 2009 auf seine Lister, der, seiner Meinung nach, elf unheimlichsten Filme aller Zeiten. Und nennen ihn Guillermo Del Toro einen der Filme, die ihn geängstigt und beeinflusst haben.

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Zu unheimlichen Stimmung trägt, wie oben erwähnt, auch das Set Design bei. Dieses wurde übrigens von einem waschechten Bremer erstellt. Hans Dreier wurde 1885 in Bremen geboren. Später studierte er in München und begann dann bei der Ufa zu arbeiten. Anfang der 20er Jahre folgte er Ernst Lubitsch und anderen in die Vereinigten Staaten, wo sie sich ein höheres Einkommen versprechen. In der Folgezeit war Dreier zunächst für das Design aller Filme sowohl von Lubitsch, als auch Josef von Sternberg zuständig, in die er seine Expressionistischen Erfahrungen einfließen lies (besonders deutlich zu sehen bei Sternbergs „Die scharlachrote Kaiserin“). Später bestimmte er nicht nur den „Look“ der Produktionen der Paramount Studios, sondern arbeitete eng mit Billy Wilder an all seinen großen Filmen bis „Boulevard der Dämmerung“ zusammen. Des weiteren war Dreier auch an den Filmen von Preston Sturges und zahlreichen „Film Noir“-Klassikern, wie z.B. „Die Narbenhand“ beteiligt. Irgendwann in der Zukunft werde ich mich sicherlich noch einmal eingehend mit diesem Sohn meiner Heimatstadt beschäftigen.

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„Der unheimliche Gast“ gilt als erster ernsthafter „Haunted House“-Film und war damals ein ungeheurer Erfolg. Dies gilt im übrigen auch für die Filmmusik. Das eigenes für diesen Film geschriebene Stück „Stella by Starlight“, welches Roderick der jungen Stella mal eben beiläufig auf dem Klavier vorklimpert und dabei nonchalant meint, er hätte es sich „mal eben so“ ausgedacht, wurde eine ausgesprochen beliebter Jazz-Standard, der von zahlreichen großen Künstlern interpretiert wurde. Ich kannte es z.B. in der Version des großartigen Krzystof Komeda, aber auch Miles Davis, Stan Getz und Dexter Gordon haben ihn gespielt. Ein wenig erinnert „Der unheimliche Gast“ auch an Hitchcocks amerikanisches Debüt „Rebecca“, welches ebenfalls davon erzählt, wie eine zu Beginn des Filmes verstorbene Person, Macht über die Lebenden gewinnt. Die Figur der Miss Holloway erinnert auch ein wenig an Mrs. Danvers aus dem Hitchcock-Film und die riesige Portraits der Mary Meredith, die förmlich in das Filmbild drängen und die junge Stella schier zu erdrücken scheinen, finden sich so ähnlich auch in „Rebecca“. Doch während in „Rebecca“ nur mit dem Gedanken gespielt wird, die Titelheldin könnte noch am Leben sein oder als Geist Manderly heimsuchen, ist die Bedrohung in „Der unheimliche Gast“ von Anfang an ganz klar übersinnlicher Natur. Am Ende erscheint der Geist sogar in einer für die damalige Zeit spektakulären – und auch heute seine Wirkung wahrlich nicht verfehlenden – Weise auf der Leinwand.

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Zwar kann man „Der unheimliche Gast“ nur bedingt dem Genre „Film Noir“ zuordnen, er ist aber mit Fug und Recht ein Klassiker der Horrorfilms. Er verbindet die Leichtigkeit einer Screwball-Comedy mit wirkungsvollen Horrorelementen, die durch den scheinbar realistischen Kontext noch verstärkt werden. Dabei lebt der unheimliche Film auch von seinem expressionistischen Set Design und wartet mit überraschend überzeugenden Special Effects auf.

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Das Bild der DVD aus dem Haus Koch ist gut und der Ton ist für das alter recht klar. Die deutsche Synchronisation geht in Ordnung, allerdings klingt die deutsche Fassung recht steril, da die Geräusche der Originaltonspur ausgeblendet, bzw. durch neue ersetzt wurden. Als Extras sind gleich zwei Radio-Hörspiele des Stücks beigegeben. Einmal eine Aufführung des Screen Guilde Theater von 1944 (mit Ray Milland und Ruth Hassey in ihren Filmrollen) und dann von The Screen Directors Playhouse aus dem Jahre 1949 , wieder mit Ray Milland.  Die DVDs der Reihe „Film Noir“ zeichnen sich in der Regel auch immer durch informative Booklets aus. Da mir hier allerdings nur die DVD an sich ohne Verpackung zur Rezension vorlag, kann ich hierzu leider keine Angaben machen.

DVD-Rezension: „Unter Verdacht“

Von , 6. Juni 2014 19:01

unter verdachtDer gutmütige Geschäftsinhaber Philip Marshall (Charles Laughton) ist mit der schrecklichen Cora (Rosalind Ivan) verheiratet, die ihm das Eheleben zur Hölle macht. Als Philip die junge Mary (Ella Raines) kennenlernt, ist er das erste Mal seit langem wieder glücklich und genießt die Begleitung der jungen Frau, die ihm ebenfalls liebevolle Gefühle entgegen bringt. Philip beschließt, sich von Cora scheiden zu lasen, doch diese lehnt seinen Vorschlag vehement ab. Philip fügt sich in sein Schicksal, beendet seine Treffen mit Mary und versucht mit Cora ein normales Leben zu führen. Doch als aber diese voller Eifersucht ankündigt, Marys Leben zerstören zu wollen, geschieht ein Unglück…

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Wie schon „Das schwarze Buch“ (Kritik hier) scheint „Unter Verdacht“ so gar nicht in eine Reihe, die sich „Film Noir“ nennt zu passen. Handelt es sich hierbei doch um eine Geschichte, die in London um 1902 herum spielt und somit ganz weit entfernt ist von den Gangstern, Hard-boiled Detektiven und Stadtschluchten im Amerika der 40er Jahre. Tatsächlich ist der Film aber zeitlos und könnte genauso – sieht man einmal von den Kostümen und Kutschen ab – auch in jedem anderen Jahrzehnt oder sogar im hier und jetzt spielen. Inszeniert wurde der Film auch von einem ausgewiesenen Noir-Spezialisten, dem Deutschen Robert Siodmak, der kurz zuvor mit „Zeuge gesucht“ (Kritik hier) bereits seinen ersten großen Film Noir abgeliefert hatte.

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„Unter Verdacht“ lebt ganz von der erstaunlich zurückgenommenen Darstellung Charles Laughtons. Laughton hat in seinen Filmen immer einen Hang gehabt, seine Figuren mit dem ganz breiten Pinsel zu malen und sie larger-then-life auszugestalten. Umso mehr verwundert ist, wie still und unaufdringlich er den sympathischen Philip spielt. Anders würde der Film auch gar nicht funktionieren. Der Zuschauer muss Philip in sein Herz schließen. Wie sollte auch sonst glaubhaft vermittelt werden, dass sich die bezaubernde Ella Raines mit der Siodmak schon „Zeuge gesucht“ gedreht hatte, sich in den älteren, fettleibigen Laughton verliebt. Doch Laughton spielt so nett, bescheiden und vor allem liebenswürdig, dass man bereit ist zu glauben, dass die Raines tatsächlich tiefe Gefühle für ihn hegt. Und auch der Zuschauer ist ganz auf der Seite des Mörders, wodurch der Film seine ambivalente Spannung bezieht. Denn hier wird er gezwungen, nicht der Enttarnung des Täters, sondern dessen Davonkommen entgegen zu fiebern. So stellt Siodmak das moralische Grundgerüst eines Hollywoodfilms völlig auf den Kopf. Der Mörder ist unser Held, der Polizist der fast schon manisch versucht, ihn hinter Gitter zu bringen der Bösewicht.

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Um eine optimale Wirkung zu erzielen, muss ein Film wie „Unter Verdacht“ auch in den Nebenrollen bestens besetzt sein, was hier der Fall ist. Philips schreckliche Ehefrau wird von Rosalind Ivan gespielt, die in Fachkreisen den Spitznamen „Ivan the Terrible“ erhielt, da sie auf solche Rollen abonniert war. Auch hier macht sie Philip das Leben zur Hölle und torpediert all seine Versuche, mit ihr ein normales Leben zu führen. Aber aus ihr sprießt nicht reine Bosheit, sondern es liegt einfach in ihrer Natur, durch ihre absolute Egozentrik im Zwischenmenschlichen nicht unbedingt geschickt vorzugehen. Eine wunderbare Leistung erbringt auch der großartige Henry Daniell als Nachbar Philips. Ein trunksüchtiger Tunichgut, der seine liebe Ehefrau schlägt und sich lieber in Tavernen als in einem Job aufhält. Henry Daniell spielt ihn zwar fies, aber irgendwo auch nicht gänzlich unsympathisch. Sein Mr. Simmons weiß, dass er ein schlechter Charakter ist, aber das ist ihm herzlich egal. Er hat aufgeben, so zu tun, als wäre er ein guter Mensch, der zu etwas taugt. Lieber konzentriert er sich auf das, was er kann: Auf krummen Wegen sich sein Stück vom Kuchen zu sichern. Und obwohl Simmons eine verabscheuungswürdige Figur ist, spielt Daniell ihn mit einem Hauch von Melancholie und einer arroganten Eleganz, dass man ihm dabei gerne zuschaut. Interessanterweise stammen fast alle Schauspieler dieser amerikanischen Produktion aus London, wo auch der Film spielt, was den Thriller leicht an die frühen Hitchcock-Filme erinnern lässt.

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Auch wenn „Unter Verdacht“ gerade im Mittelteile ein paar Längen aufweist, so sind es zwei Szenen, die ihn über den Durchschnitt heben und im Gedächtnis verankern. Die erste ist eine Rekonstruktion des Verbrechens. Hier übernimmt der Inspektor die Rolle des Drehbuchautoren. Er erzählt die Vorgänge der unheilvollen Nacht, er sorgt für die richtige Stimmung, indem er eigenhändig die Beleuchtung ändert und er fertigt auch den Schnitt an, indem er in seiner Erzählung bestimmte Einstellungen und Einzelheiten/Großaufnahmen beschreibt. So entsteht vor dem geistigen Auge des Zuschauers eine Szene, die das Verbrechen zeigt, ohne das darin die Akteure tatsächlich auftreten. Dies geschieht so lebhaft, dass es nicht verwundert, dass am Ende Charles Laughton das einzige Mal in diesem Film wirklich die Fassung verliert. Wobei es eine interessante Variante wäre, wenn sich die wahren Ereignisse – die dem Zuschauer vorenthalten werden – sich tatsächlich so abgespielt hätten, wie von Philip ausgesagt. Es also in Wirklichkeit keinen Mord gegeben hätte und – als eine Variation von Victor Hugos „Les Misérables“ – die hier gezeigte Fantasie des starrsinnigen Inspektors die ganze folgende Tragödie und damit auch den zweiten (?) Mord ausgelöst haben.

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Nach besagtem zweiten Mord folgt eine weitere brillante Szene, die scheinbar 30 Jahre später in der Louis-de-Funés-Komödie „Jo – Hasch mich in bin der Mörder“ nochmals neu interpretiert wurde. Philip hat einen Leichnam hinter dem Sofa versteckt. Doch seine Familie nebst Freunden kommt unerwartet zurück. Sein Sohn setzt sich mit seiner Verlobten auf das Sofa, als diese plötzlich aufschreit und behauptet, eine Hand hätte ihren Knöchel berührt. Laughtons Gesicht erstarrt in einem Lächeln und man sieht in seinem Gesicht, wie sich hinter der lächelnden Fassade gerade seinen bisheriges Leben abläuft, von dem er in diesem Augenblick Abschied nimmt. Ganz große Schauspielkunst.

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Obwohl „Unter Verdacht“ im Mittelteil einige Längen aufweist, sind es die hervorragenden Schauspieler und zwei unvergessliche Szenen, die ihn unvergesslich machen. Insbesondere Charles Laughtons ungewöhnlich zurückhaltendes und liebenswertes Spiel ist besonders hervorzuheben, da der Film ohne dieses in sich zusammenbrechen würde. Ebenfalls interessant ist das Spiel mit der Moral und die Möglichkeit, dass der Film auch zeigen könnte, wie ein redlicher Mann durch den übertriebenen Diensteifer eines Polizisten zum Mörder gemacht wurde.

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Die Bildqualität der DVD ist zwar nicht überragend, aber doch immerhin gut. Der Ton liegt in Deutsch und gut verständlichem Englisch vor. Deutsche Untertitel können eingeblendet werden. Ferner befindet sich auch eine knapp einstündige Radio-Hörspielfassung des Filmes mit auf der Scheibe, bei welchem Laughton, Raines und Ivan ihre Rollen aus dem Film wiederholen. Die DVDs der Reihe „Film Noir“ zeichnen sich in der Regel auch immer durch informative Booklets aus. Da mir hier allerdings nur die DVD an sich ohne Verpackung zur Rezension vorlag, kann ich hierzu leider keine Angaben machen.

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