DVD-Rezension: “Der unheimliche Gast”

unheimliche gast_Die Geschwister Roderick und Pamela Fitzgerald (Ray Milland und Ruth Hussey) entdecken in ihrem Urlaub ein leerstehendes Herrenhaus nahe einer Steilküste. Pamela verliebt sich augenblicklich in das Gebäude. Zusammen mit ihrem Bruder kauft sie es seinem Besitzer, Commander Beech (Donald Crisp), ab. Dieser ist auch gar nicht unglücklich darüber, das Anwesen los zu sein. Es gehörtet einst seiner Tochter, Mary, die dort einst durch tragische Umstände ums Leben kam. Gar nicht erfreut über die neuen Besitzer ist ihre Tochter Stella (Gail Russell), die nach dem Tod der Mutter bei ihrem Großvater aufwuchs. Sie fühlt sich auf besondere Weise zum Haus hingezogen. Bald schon bemerken Roderick und Pamela, dass etwas in ihrem neuen Heim nicht stimmt…

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Konnte man mit gutem Willen die vorherigen Veröffentlichungen der Reihe „Film Noir“ noch halbwegs als „Noirs“ durchgehen lassen, so fällt dies bei „Der unheimliche Gast“ schon schwerer. Denn hierbei handelt es sich um einen lupenreinen Gruselfilm, komplett mit übernatürlichen Erscheinungen und einem alten Fluch. Allerdings orientiert sich Kamera und Set Design deutlich am deutschen Expressionismus, was ja auch bei den „echten“ Noirs der Fall war. Ich meine sogar, dass das unheimliche Atelier des verstorben Künstlers und ehemaligen Herrn des Spuk-Hauses, auch in dem, im selben Jahr entstandenen, Film Noir „Zeuge gesucht“ (ebenfalls in der „Film Noir“-Reihe erschienen, Kritik hier) Verwendung fand.

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Der unheimliche Gast“ mixt auf effektive Weise Screwball-Elemente mit einer handfesten Gruselgeschichte. Dabei unterstreicht der leichte Ton, der vor allem zwischen den Geschwistern Roderick und Pamela Fitzgerald herrscht, die unheimlichen Vorgänge, welche immer wieder in die scheinbar sorgenlose Welt der Beiden einbrechen. Man könnte beinah denken, dass die Geschwister ursprünglich als Ehepaar konzipiert waren, so perfekt werfen sie sich die Bälle zu. Dies kennt man sonst vor allem von legendären Screwball-Paaren wie William Powell und Myrna Loy in der „Dünne Mann“-Serie oder Spencer Tracy/Kathrine Hepburn. Doch die Beiden waren schon in der literarischen Vorlage von Dorothy Macardle nur Bruder und Schwester. Dieses verwandtschaftliche Verhältnis hilft natürlich dabei, die Liebesgeschichte zwischen den weltmännischen Roderick und der blutjungen und unerfahrenen Stella aufzubauen, die im Zentrum der unheimlichen Geistergeschichte steht. So erinnern die unbeschwerten Szenen zwischen ihr und Roderick an die romantischen Komödien dieser Zeit. Umso stärker ist die Kraft, mit der das Übernatürliche, das Ernste und Tragische in die Geschichte einbricht.

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Diese unheimlichen Element wirken niemals aufgesetzt, sondern sind integraler Bestandteil der Geschichte. Und man muss Regisseur Lewis Allen bescheinigen, dass es ihm grandios gelingt, einen wirklich unheimlichen Film zu gestalten. Gerade dadurch, dass die oberflächliche Handlung einen eher heiteren – und damit für den Zuschauer „realistischeren“ – Ton anschlägt, wirkt das finsterer Herz der Geschichte, welches unablässig unterhalb diese Oberfläche pocht, umso angsteinflößender. Eine Taktik, wie sie z.B. auch Stephen King in seinen besten Büchern anwendet. Nicht umsonst setzte ihn Martin Scorsese 2009 auf seine Lister, der, seiner Meinung nach, elf unheimlichsten Filme aller Zeiten. Und nennen ihn Guillermo Del Toro einen der Filme, die ihn geängstigt und beeinflusst haben.

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Zu unheimlichen Stimmung trägt, wie oben erwähnt, auch das Set Design bei. Dieses wurde übrigens von einem waschechten Bremer erstellt. Hans Dreier wurde 1885 in Bremen geboren. Später studierte er in München und begann dann bei der Ufa zu arbeiten. Anfang der 20er Jahre folgte er Ernst Lubitsch und anderen in die Vereinigten Staaten, wo sie sich ein höheres Einkommen versprechen. In der Folgezeit war Dreier zunächst für das Design aller Filme sowohl von Lubitsch, als auch Josef von Sternberg zuständig, in die er seine Expressionistischen Erfahrungen einfließen lies (besonders deutlich zu sehen bei Sternbergs „Die scharlachrote Kaiserin“). Später bestimmte er nicht nur den „Look“ der Produktionen der Paramount Studios, sondern arbeitete eng mit Billy Wilder an all seinen großen Filmen bis „Boulevard der Dämmerung“ zusammen. Des weiteren war Dreier auch an den Filmen von Preston Sturges und zahlreichen „Film Noir“-Klassikern, wie z.B. „Die Narbenhand“ beteiligt. Irgendwann in der Zukunft werde ich mich sicherlich noch einmal eingehend mit diesem Sohn meiner Heimatstadt beschäftigen.

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„Der unheimliche Gast“ gilt als erster ernsthafter „Haunted House“-Film und war damals ein ungeheurer Erfolg. Dies gilt im übrigen auch für die Filmmusik. Das eigenes für diesen Film geschriebene Stück „Stella by Starlight“, welches Roderick der jungen Stella mal eben beiläufig auf dem Klavier vorklimpert und dabei nonchalant meint, er hätte es sich „mal eben so“ ausgedacht, wurde eine ausgesprochen beliebter Jazz-Standard, der von zahlreichen großen Künstlern interpretiert wurde. Ich kannte es z.B. in der Version des großartigen Krzystof Komeda, aber auch Miles Davis, Stan Getz und Dexter Gordon haben ihn gespielt. Ein wenig erinnert „Der unheimliche Gast“ auch an Hitchcocks amerikanisches Debüt „Rebecca“, welches ebenfalls davon erzählt, wie eine zu Beginn des Filmes verstorbene Person, Macht über die Lebenden gewinnt. Die Figur der Miss Holloway erinnert auch ein wenig an Mrs. Danvers aus dem Hitchcock-Film und die riesige Portraits der Mary Meredith, die förmlich in das Filmbild drängen und die junge Stella schier zu erdrücken scheinen, finden sich so ähnlich auch in „Rebecca“. Doch während in „Rebecca“ nur mit dem Gedanken gespielt wird, die Titelheldin könnte noch am Leben sein oder als Geist Manderly heimsuchen, ist die Bedrohung in „Der unheimliche Gast“ von Anfang an ganz klar übersinnlicher Natur. Am Ende erscheint der Geist sogar in einer für die damalige Zeit spektakulären – und auch heute seine Wirkung wahrlich nicht verfehlenden – Weise auf der Leinwand.

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Zwar kann man „Der unheimliche Gast“ nur bedingt dem Genre „Film Noir“ zuordnen, er ist aber mit Fug und Recht ein Klassiker der Horrorfilms. Er verbindet die Leichtigkeit einer Screwball-Comedy mit wirkungsvollen Horrorelementen, die durch den scheinbar realistischen Kontext noch verstärkt werden. Dabei lebt der unheimliche Film auch von seinem expressionistischen Set Design und wartet mit überraschend überzeugenden Special Effects auf.

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Das Bild der DVD aus dem Haus Koch ist gut und der Ton ist für das alter recht klar. Die deutsche Synchronisation geht in Ordnung, allerdings klingt die deutsche Fassung recht steril, da die Geräusche der Originaltonspur ausgeblendet, bzw. durch neue ersetzt wurden. Als Extras sind gleich zwei Radio-Hörspiele des Stücks beigegeben. Einmal eine Aufführung des Screen Guilde Theater von 1944 (mit Ray Milland und Ruth Hassey in ihren Filmrollen) und dann von The Screen Directors Playhouse aus dem Jahre 1949 , wieder mit Ray Milland.  Die DVDs der Reihe „Film Noir“ zeichnen sich in der Regel auch immer durch informative Booklets aus. Da mir hier allerdings nur die DVD an sich ohne Verpackung zur Rezension vorlag, kann ich hierzu leider keine Angaben machen.

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