DVD-Rezension: “Die Nacht hat tausend Augen”

nachttausendWährend einer seiner Vorstellungen stellt der Varieté-Hellseher John Triton (Edward G. Robinson) fest, dass er tatsächlich in die Zukunft blicken kann. Da er mit den plötzlich auftauchenden Zukunftsvisionen nicht umgehen kann, beschließt er, sich in ein einsames Exil zurückzuziehen. Als Triton nach vielen Jahren nach Los Angeles zieht, sieht er den Tod seines alten Partners und Freundes Whitney Courtland (Jerome Cowan) voraus, welcher durch Tritons Vorhersagen zu großem Reichtum gekommen ist. Triton will Courtland warnen, kommt jedoch zu spät. Courtland stirbt bei einem Flugzeugunglück. Eine weitere Vision zeigt Triton die Ermordung von Courtlands Tochter Jean (Gail Russell). Triton setzt nun alles daran, diesen Mord zu verhindern, doch niemand glaubt seinen Warnungen…

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Dass Cornell Woolrich heutzutage nicht den selben Ruhm wie beispielsweise Raymond Chandler oder auch ein Dashiell Hammett genießt, ist sehr bedauerlich. Sein Werk ist zwar fast lückenlos auch in Deutschland (bei Diogenes, bei denen viele seiner meisterlichen Zeitgenossen ihr Zuhause gefunden haben) erschienen, kann aber nur noch im Antiquariat bezogen werden. Wer weiß heutzutage noch, dass es seine Kurzgeschichte „It Had To Be Murder“, die die Vorlage zu Alfred Hitchcocks unsterblichen „Fenster zum Hof“ lieferte? Oder Francois Truffaut mit „Die Braut trug schwarz“ und „Das Geheimnis der falschen Braut“ gleich zwei seiner Romane verfilmte. Auch „Die Nacht hat tausend Augen“ beruht auf einem Roman von Cornell Woolrich und war 1948 nur eine von gleich drei Adaptionen seiner Werke. Überhaupt waren die 40er Jahre eine gute Zeit für Woolrich-Verfilmungen. „Leopard Man“ von Jacques Tourneur, „Schwarzer Engel“ von Roy William Neill und „Zeuge gesucht“ von Robert Siodmak (Rezension hier) entstanden alle in diesem Jahrzehnt.

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„Die Nacht hat tausend Augen“ mischt recht effektiv Noir- mit Mystery-Elementen. Neben der typischen Story eines Mannes, dessen Leben langsam, aber sicher den Bach runter geht, werden auch übersinnliche Elemente, wie die Fähigkeit des Protagonisten in die Zukunft zu schauen, mit verwoben. Edward G. Robinson spielt diesen unglücklichen Hellseher, der um seine Gabe nie gebeten hatte und nun hilflos mitansehen muss, wie sie einem finstereren Schatten gleich, in sein einst unbeschwertes Leben kriecht. Dabei stellt der Film eine interessante Frage: Kann der von Robinson gespielte John Triton wirklich in die Zukunft blicken, oder ist er selber es, der die zukünftigen Geschehnisse als Art self fulfilling prophecy dadurch in Gang bringt, indem er sie ausspricht. Letzteres würde bedeuten, dass er die Dinge selber steuern könnte. So macht er dann auch die Probe aufs Exempel. Mit tödlichen Konsequenzen, die ihn endgültig in die Einsamkeit treiben. Denn Triton muss auf die harte Tour lernen, dass er seiner Gabe hilflos ausgeliefert ist.

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Man fragt sich, warum er diese Fähigkeit nicht nutzt, um Gutes zu tun, statt sich irgendwo zu vergraben. Der Blick in seine traurigen Augen verrät es: Er will nicht die Verantwortung für das Schicksal fremder Menschen tragen. Robinson spielt diesen traurigen und schwachen Helden mit aller gebotenen Melancholie und Lebensmüdigkeit. Erst als die Tochter seiner einstigen Verlobten und seines besten Freundes in mörderische Gefahr gerät, rafft sich der kleine Mann auf, um einmal in seinem Leben das Schicksal mit aller Macht zu drehen – auch wenn es für ihn den Tod bedeuten sollte. Aber eigentlich sucht er diesen ja auch, um endlich die für ihn so schwere Last des Wissens loszuwerden. Für Robinson ist der einfache Mann, der zum Spielball des Schicksals wird, eine Paraderolle, die er gerade Ende der 40er Jahre häufig spielen sollte. So z.B. in Fritz Langs Noir-Klassikern „Gefährliche Begegnung“ und „Straße der Versuchung“. Diese schwachen Figuren ergänzen perfekt seine harten Gangster-Rollen, mit denen Robinson berühmt geworden ist, und zeigen seine schauspielerische Bandbreite. Später sollte er diese noch durch den väterlichen Typus erweitern.

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Neben Robinson bleiben die anderen Darsteller eher blass. John Lund als Verlobter des potentiellen Opfers wirkt eher borniert und daher recht unsympathisch. Gail Russell, die in „Der unheimliche Gast“ (Kritik hier) noch strahlen konnte, kann sich nicht aus dem Korsett de naiv-hilflosen Mädchens befreien. Ihr großes Charisma kommt in der Rolle der Jean Courtland überhaupt nicht zum Tragen. Möglicherweise ist dies auf ihre übergroße Nervosität vor der Kamera zurückzuführen, die sie mit Alkohol zu bekämpfen versuchte, was letztendlich zu ihrem viel zu frühen Tod mit nur 36 Jahren führte. Ein Schau für sich ist allerdings William Demarest, der hier einen ganz harten Detektiv spielt. Demarest bewegt sich dabei immer am Rande der reinen Parodie, ohne diese Grenze gänzlich zu überschreiten. So kann er sich trotz seiner kleinen Rolle immer wieder in den Vordergrund spielen. Wobei es ihm auch hilft, nicht allzu viele Szenen gemeinsam mit Robinson zu haben.

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Inszeniert wurde „Die Nacht hat tausend Augen“ von John Farrow, Vater von Mia und Tisa. Farrow setzt den Film eher konservativ – größtenteils kammerspielartig – in Szene, immer bemüht, die geringen Produktionskosten zu kaschieren. Große Unterstützung erhält er dabei von dem genialen Kameramann John F. Seitz, der für Billy Wilder unter anderem dessen großartige Film Noirs, „Frau ohne Gewissen“, „Das verlorene Wochenende“ oder „Boulevard der Dämmerung“ fotografierte. Seitz hat ein hervorragendes Gespür für effektive Licht und Schattenspiele, mit denen er auch die kleine Studiokulisse wie einen weitläufigen Garten über den Wipfeln Los Angeles aussehen lässt.

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„Die Nacht hat tausend Augen“ ist eine effektive und spannende Mischung aus Film Noir, Drama und Mystery. Basierend auf einem Roman von Cornell Woolrich, lebt der Film vor allem von der Persönlichkeit des Hauptdarstellers Edward G. Robinson und der atmosphärischen Kameraarbeit von John F. Seitz.

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Koch Media präsentiert diese Veröffentlichung mit einem für das Alter des Filmes bis auf ein paar kleine Kratzer sehr gutem Bild. Auch der englische Originalton ist sehr gut und klar. Die deutsche Synchronisation scheint für das Fernsehen aufgenommen zu sein. Die Sprecher sind gut (insbesondere G.G. Hoffmann, der John Lund spricht), wenn auch der Sprecher Robinsons recht weit weg vom markanten Original ist. Jedoch ist die Atmosphäre recht steril. Bis auf eine hübsche Bildgalerie gibt es keine Extras.

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