DVD-Rezension: “Drug War”

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Nach einer fatalen Explosion in seinem Drogenlabor, wird der Drogenproduzent Timmy Choi Tin-ming (Louis Koo) schwer verletzt von der Polizei festgenommen. Da ihm in China wegen Drogenhandels die Todesstrafe droht, bietet er an, mit der Polizei zu kooperieren. Zusammen mit dem eiskalten Polizisten Zhang (Sun Honglei), macht er sich daran, seine Partner in eine Falle der Polizei zu locken…

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Ende der 90er hatte Johnnie To zusammen mit seiner Produktionsfirma Milkyway einen unglaublichen Lauf. Hintereinander weg wurde ein Meisterwerk nach dem anderen produziert. „The Longest Nite„, „Expect the Unexpected„, „A Hero Never Dies„, „Where A Good Man Goes„, „Running Out Of Time„, „The Mission„. Einige davon von Johnnie To, der zuvor mit seinen beiden „Heroic Trio„-Filmen bereits sehr positiv aufgefallen war, persönlich inszeniert. Johnnie To und Milkyway wurden kurzzeitig zum Synonym für intelligente, hochspannende Actionfilme. In einer Zeit, in der gerade die Großen der alten Garde – wie John Woo, Tsui Hark oder Ringo Lam – nach Hollywood ausgewandert waren, stand Milkyway für die Zukunft des Hongkong-Actionkinos. Auch heute noch ist das Studio für großartige, konzentrierte Actionfilme, aber noch mehr für romantische Komödien (die schon immer das zweite und stetig kräftiger werdende Standbein waren) bekannt. Doch der Action-Output fing an, nicht immer von vornherein eine sichere Sache zu sein. Zwar inszenierte To mit „PTU„, „Breaking News“ und „Election“ weiterhin Klassiker, aber mit „Fulltime Killer“ auch ein Werk, welches mit seiner „Best-Of“-Attitüde etwas hinter dem gewohnten hohen Milkyway-Standard hinterher hinkte. Und mit „Vengenace“ fabrizierte To einen echten Stinker. „Vengeance“ lief 2009 auf dem Internationalen Filmfest in Oldenburg, und zählt dort für mich zu den ganz großen Enttäuschungen. Der Film war albern, dramatisch am Rande der Parodie und mit Johnny Hallyday schrecklich fehl besetzt. Mit „Drug War“ hat Johnnie To nun aber wieder einmal gezeigt, dass man ihn besser nicht abschreiben sollte.

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„Drug War“ ist der erste Action-Film (vorher hatte er dort schon die romantische Komödie „Romancing in Thin Air“ gedreht), den To außerhalb Hongkongs in China drehte. Wo er dann auch prompt Probleme mit der staatlichen Zensur bekam. Einige Szenen wurden in zwei Versionen gedreht, so dass mindestens eine bei einem staatlichen Eingriff „gerettet“ werden könnte (1). Auch das Ende war so nicht vorgesehen, aber mit dem ursprünglich intendierten wäre Johnnie To nie durchgekommen, und so wurde es schon früh verworfen (2). Überhaupt ist das Drehbuch schon mit dem Blick auf die chinesische Zensur verfasst worden. Ganz bewusst blendete man sämtliche Hintergrundgeschichten und das Privatleben der Polizisten konsequent aus, was dem Film aber durchaus zum Vorteil gereicht. So zeigt er konzentriert und ohne irgendwelche Ablenkungen die Arbeit des Polizeiapparats, der wie eine gut geölte Maschine funktioniert. Zwar ist es nicht möglich, sich mangels ausführlicher Charakterisierung mit einem der Beamten zu identifizieren, und oftmals fällt es sogar schwer, sie auseinanderzuhalten, aber gerade dadurch, dass die Polizei als anonyme Masse dargestellt wird, ist die Handlung ganz auf das Wesentliche reduziert. Den Drogen-Krieg zwischen Polizei und Gangstern.

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Nur die beiden Protagonisten werden als Individuen gezeigt. Wobei Honglei Sun als Polizist Zhang Lei keinerlei Vorgeschichte oder überhaupt irgendwelche privaten Gefühl zugestanden wird. Zhang Lei bekommt dadurch etwas maschinenhaftes. Seine einzigen Gefühlsausbrüche gönnt er sich, wenn er als Undercover-Cop in eine Rolle schlüpft. Wenn er wieder in sein wahres Selbst zurückkehrt, erstarrt er förmlich und seine Mine wird mit einem Schlag undurchdringlich. So hat es fast etwas unheimliches, wenn Zhang Lei gute Laune simuliert, denn man spürt dahinter immer noch den eiskalten Profi, der sich keine Emotionen leistet. Der interessanteste Charakter ist allerdings der von Louis Koo gespielte Timmy Choi Tin-ming. Wobei auch Timmy Choi allein auf eine Sache fokussiert ist: Seinen eigenen Vorteil. Dafür passt er sich chamäleongleich seiner Umgebung an und ähnelt dabei seinem Gegenüber, dem Polizisten Zhang Lei. Timmy Choi versteht es zu jammern, wenn es ihn weiterbringt oder skrupellos seine ehemaligen Freunde zu verraten, wenn er dadurch mit dem Leben davon kommt. Als er Zhang Lei anbietet, mit ihm zusammenzuarbeiten, wenn er dadurch der Todesstrafe entgehen kann, würde sich in einem amerikanischen Film sicherlich eine Katze-Hund-Freundschaft zwischen den Beiden entwickeln. Ähnliche Fälle gab es ja in Walter Hills „Nur 48 Stunden“ und seinen Epigonen. Doch hier nicht. Zwar tanzt Timmy Choi scheinbar unterwürfig nach Zhang Leis Pfeife, doch sein eiserner Wille und seine unbedingte Skrupellosigkeit, den eigenen Vorteil durchzusetzen, bleibt sets spürbar. Im Gegensatz zu Zhang Lei, wird Timmy Choi mit etwas spärlichen Hintergrund ausgestattet und darf sogar einmal seine Ehefrau beweinen. Wobei auch hier die Frage bleibt, ob die Tränen echt sind oder doch nur dazu dienen, sein Umfeld zu manipulieren.

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Interessanterweise – und, wie Johnnie To in einem Interview (3) betont, ganz bewusst, um die Zensoren milde zu stimmen – werden alle guten Charaktere von Chinesen gespielt, während die Bösen allesamt von Schauspielern aus Hongkong gegeben werden. Dies führt am Ende des Filmes dazu, dass eine eine Vielzahl von Tos Stammschauspielern aus Hongkong-Tagen aufmarschieren. U.a. Suet Lam und Michelle Ye. Ebenfalls ist bei Tos „chinesischem“ Film auffällig, wie kalt er das Festland in Szene setzt. Die Bilder sind in einem blass-blauen Ton gehalten, wirken farblos und ungemütlich. Kein Vergleich zu den warmen, farbenreichen Bildern, die man aus Tos Hongkong-Filmen kannte. Die kühle Emotionslosigkeit der Handelnden wird dadurch visuell noch verstärkt. So wirkt es dann bezeichnend, dass der Ort, in dem dann doch warme, kräftige Farben eingesetzt werden, ausgerechnet ein Nachtclub ist, in dem sich die Leute aus Hongkong treffen.

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Beim Einsatz von Action-Sequenzen und Brutalitäten ist To relativ zurückhaltend. Aber wie schon bei „The Mission“, wirken die gewalttätigen Eruptionen dadurch nur noch intensiver. In der Tat gibt es im Film nur zwei große Shoot-Outs, die aber mit einer großen Kraft und inszenatorischen Finesse umgesetzt wurden. Und beide sind in der Konsequenz drastisch. Gewalt ist kein Spaß, sondern vernichtet Leben. Und so geht – wie so häufig in seinen Actionfilmen – bei To dann auch die Welt in einem unglaublichen Kugelhagel unter. In Tos Welt gibt es keine Platz für Gewinner. Das Ende hätte noch zynischer ausfallen sollen, doch aufgrund der Zensoren ist nun noch eine „Verbrechen lohnt sich nicht“-Botschaft mit angeklatscht, die allerdings nicht besonders störend wirkt und sich in das Gesamtbild einfügt.

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Mit „Drug War“ hat Johnnie To einen minimierten, ganz auf die Konfrontation Polizei-Gangster reduzierten, Actionfilm geschaffen, der über weite Strecken auf Gewalt verzichtet, um diese dann umso intensiver auf den Zuschauer einprasseln zu lassen. „Drug War“ ist spannend und wie eine unaufhaltsame Maschine in Szene gesetzt. Tiefergehende Charakterzeichnungen werden dabei jedoch außen vor gelassen, so dass, bis auf die beiden Protagonisten, die meisten Figuren eigenschaftslos bleiben.

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Das Bild der Koch-Media-DVD ist gut, aber nicht ausgezeichnet. Die Schwarztöne wirken etwas zu blass. Der Ton ist sehr gut und liegt auf Mandarin mit deutschen Untertiteln und deutsch synchronisiert vor. Als mageres Extra befindet sich ein gerade mal 3,5 Minütiges „Making Of“ auf der Scheibe, welches allerdings ein mit Filmausschnitten gespickter Werbe-Clip ist.

(1) http://www.hollywoodreporter.com/news/cannes-johnnie-anxiety-censors-challenges-523270
(2)+(3) http://www.film.com/movies/johnnie-to-interview-drug-war

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Originalfassungen in Bremen: 23.01.14 – 29.01.14

Die O-Ton-Liste in dieser Woche sieht wirklich sehr traurig aus. Zwei Neuzugänge, der klägliche Rest Wiederholungen. Mal schauen, was die nächsten Wochen so bringen. Ansonsten bleibt mir nicht viel mehr, als auf einen der Oscar-Favoriten, „12 Years a Slave“, hinzuweisen. Ach so, und die französische Sneak Preview scheint es jetzt nur noch in der Gondel, und nicht wie früher auch noch im Atlantis, zu geben.

The Wolf of Wall Street – Cinemaxx, Do.-Mi. immer 19:15 – Der aktuelle Film von Regie-Altmeister Martin Scorsese basiert auf einer wahren Geschichte und erzählt von geldgierigen Börsenmaklern, Koks und Sex. Die Hauptrolle spielt der überaus talentierte Herr DiCaprio.

Dügün Dernek – Der Hochzeitsverein – Cinemaxx, Do.-Mi. immer 23:00 – Türkische Komödie um einen Drehbuchautor, der beim Schreiben einer romantischen Komödie eine Schreibblockade erleidet und dann selber in eine Liebesgeschichte stolpert.

Only Lovers Left Alive – Schauburg, So./Mi. 21:15 – Jim Jarmusch erster Spielfilm nach vier Jahren spaltet die Gemüter. Scheinbar gibt es bei diesem Vampir-Drama mit der großartigen Tilda Swinton und Tom “Loki” Hiddleston nur zwei Fraktionen: Die einen sind von ihm entsetzt, die anderen lieben ihn.

12 Years a Slave – Schauburg, So./Mi. um 18:45 & Gondel, Do./Mo. um 12:00 – Nach „Hunger“ und „Shame“ der dritte Spielfilm von Steve McQueen. Wieder mit Michael Fassbender in einer der Hauptrollen. Der film spielt 1841 und handelt von dem freien Afroamerikaner Solomon Northup, der aus New York entführt und im Süden der USA 12 Jahre lang als Sklave gefangen gehalten wird. Die Hauptrolle spielt Chiwetel Ejiofor. Ferner mit Brad Pitt, Paul Dano und Benedict Cumberbatch.

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Bonjour Sagan – City 46, Do., Sa.-Mi. immer 20:00 – Französisches Bio-Pic über das Leben von Françoise Sagan. In der Titelrolle: Die bezaubernde Trägerin des Bremer Filmpreises 2014,  Sylvie Testud.

Sneak Preview – Cinemaxx, Mo., 27.01. um 20:00 Uhr

Sneak Preview – Schauburg, Mo., 27.01. um 21:45 Uhr

Französische Sneak Preview –  Gondel, Mi., 29.01. um 21:00

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DVD-Rezension: “Odd Thomas”

Odd-ThomasOdd Thomas (Anton Yelchin) ist ein junger Mann, der als Schnellimbiss-Koch arbeitet und außerdem über übersinnliche Kräfte verfügt. So kann er mit den Toten sprechen, in die Zukunft schauen und die sogenannten „Bodachs“ sehen. Dies sind unsichtbare Monster, die sich vom Leid der Menschen ernähren und deshalb immer dann auftauchen, wenn eine große Katastrophe bevorsteht. Eines Tages tauchen in seiner Heimatstadt Pico Mundo eine große Anzahl der „Bodachs“ auf, zusammen mit einem mysteriösen Fremden. Odd Thomas spürt, dass ein gewaltiges Unglück bevorsteht und der Fremde dabei eine wichtige Rolle spielt. Zusammen mit seiner Freundin Stormy (Addison Timlin) macht sich Odd daran, herauszufinden, was in Pico Mundo vor sich geht und was in einigen Tagen dort Schreckliches passieren wird…

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Stephen Sommers Meeresmonster-Spektakel „Octalus“ war 1998 eine der schönsten Überraschungen auf dem deutschen Videomarkt. Mit einem moderaten Budget ausgestattet, gelang es Sommers nicht nur, ein überzeugendes Monster zu erschaffen, sondern er beherzigte auch die Regel, das Monster bloß nicht zu früh zu zeigen, und mangelndes Budget mit einer spannenden Handlung ausgleichen. Und so lebte der Film nicht so sehr von seinem CGI-Monster, sondern vor allem von seinen sympathischen Charakteren, um die man tatsächlich bangen konnte. Ein Jahr später wiederholte er das Kunststück mit einem weitaus größeren Budget. Da ließ er „Die Mumie“ los und stellte uns mit Brendan Fraser einen netten Indiana-Jones-Verschnitt und mit Rachel Weisz einen liebenswerte Heldin zur Seite. Zwar waren hier die Effekte weitaus ausgeklügelter, aber im Zentrum standen immer noch die Helden und nicht der Computer. Bei „Die Mumie kehrt zurück„, einem einfallslosen Quasi-Remake des Vorgängers, gelang Sommers diese Balance schon nicht mehr so gut, und sein fürchterlich seelenloser „Van Helsing“ ließ dann alle Tugenden vermissen, die „Octalus“ noch ausgezeichnet hatten. Völlig zu recht floppte der Film an der Kinokasse. Fünf Jahre verschwand Sommers daraufhin in der Versenkung und kehrte 2009 mit dem ersten „G.I . Joe„-Film zurück, der seiner Reputation aber auch keine neuen Schwung gab. Nun, wiederum vier Jahre später, probiert er sich an der Verfilmung eines Romans von Dean Koontz: „Odd Thomas„. Und siehe da, er hat über die Jahre nicht alles verlernt und knüpft erfreulicherweise dort an, wo er nach „Die Mumie“ aufgehört hatte.

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Natürlich strotzt auch „Odd Thomas“ nur so vor Computer-Effekten, was auch offensiv auf dem Cover der DVD beworben wird. Diese sind auch größtenteils sauber ausgeführt und eine Peinlichkeit wie der animierte „Scorpion King“ aus „Die Mumie kehrt zurück“, bleibt einem erspart. Doch trotz des digitalen Aufwandes, ist Sommers Film wunderbar „analog“. Er stellt nicht seine Schauwerte, sondern seine Figuren in den Mittelpunkt der Geschichte. Und es macht Freude, diesen sympathischen Gestalten dabei zuzusehen, wie sie sich gemeinsam dem Bösen entgegenstellen, als sei es das Normalste von der Welt. Vor allem Hauptdarsteller Anton Yelchin ist eine gelungene Wahl. Der gebürtige Russe ist vor allem als Chekov im „Star Trek“-Reboot einem größeren Publikum bekannt geworden. Als Odd Thomas hilft ihm schon seine große Ähnlichkeit mit einem jungen Brad Dourif, den Odd gleichzeitig etwas seltsam, und wie der nette Kumpel von nebenan wirken zu lassen. Auch wenn die Eröffnungsequenz zunächst etwas zu physisch inszeniert wird, und Odd Thomas dadurch mehr wie ein klassischer, testosterongesteuerter Actionheld, statt ein normaler Junge in einer ungewöhnlichen Situation wirkt. Aber dieser Ansatz wird recht schnell fallengelassen und Odd als netter Hamburger-Brater vorgestellt, der aufgrund seiner Gabe auf andere etwas „odd“, also seltsam, wirkt. Trotzdem wird auf ausgelutschte Story-Mätzchen wie „Aussenseiter-verliebt-sich-in hübsches-Mädchen“ oder quälerische Selbstzweifel dankenswerterweise verzichtet. Odd ist bereits mit der bildhübschen Stormy Llewellyn zusammen, die perfekt mit ihm harmoniert harmoniert. Newcomerin Addison Timlin spielt diese Rolle mit einem unbeschwerten, liebenswerten Charme und trockenen Humor. Die Chemie zwischen den beiden Hauptdarstellern stimmt und die beiden spielen sich die Bälle wie in einer gelungenen Sitcom zu.

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Auch die Nebenrollen sind gut besetzt. Allen voran der immer zuverlässige Willem Dafoe. Dieser darf hier endlich einmal wieder eine durchweg sympathische Rolle spielen und verkörpert den verständnisvollen Polizeichef des Ortes. Normalerweise wäre diese Rolle dafür prädestiniert, so etwas wie der „gute Antagonist“ zu sein, der Odd nicht glaubt und ihm das Leben schwer macht. Auch dieses Klischee wurde weggelassen. Chief Wyatt Porter verhält sich klug und arbeitet mit Odd im Team. Auch der Running Gag, dass Porter dabei ständig bei einem Techtelmechtel gestört wird, wirkt nicht albern, sondern nett. Neben Dafoe schaut auch Patton Oswald (bekannt aus „King of Queens„) vorbei. Seine Rolle ist zwar winzig, aber scheinbar in Koontz‘ Roman-Serie sehr wichtig. Shuler Hensley gibt einen überzeugenden und wirklich creepy aussehenden Fungus Bob, und sogar der Mumie persönlich, Arnold Vosloo, wird von Sommers ein kleiner, humoriger Kurzauftritt gegönnt. Eine wichtige Rolle spielt auch die gitarrenlastige Filmmusik, die entfernt an ZZ Top erinnert und dem sommerlich, staubigen Pico Mundo den rechten Groove verleiht.

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Wie häufig bei Koontz‘ Romanen, lässt sich „Odd Thomas“ nicht richtig in ein Genre einordnen. Am Ehesten wird man ihm wohl mit der Bezeichnung „fantastischer Krimi“ gerecht, denn Odd muss herausfinden, wer wann welches Verbrechen begehen wird und sucht dafür wie ein guter Detektiv Spuren und Indizien. Der übernatürliche Anteil am Verbrechen spielt dann auch nur eine untergeordnete Rolle. Die Täter sind durchaus menschlich, und obwohl nur einmal wird kurz angedeutet wird, sie könnten besessen, scheinen sie doch eher nur gelangweilt zu sein. Das große Geheimnis hinter allem ist allerdings nicht besonders schwer zu enträtseln. Tatsächlich dürfte jeder halbwegs mit Krimi- und Thrillerkonventionen Vertrauter recht schnell herausfinden, wer der Drahtzieher ist. Auch erscheint das Finale etwas abrupt, und – für den Aufwand der im Film getrieben wird – relativ unspektakulär zu enden. Die schlecht animierte CGI-Explosion in der alles endet, hinterlässt ebenfalls keinen guten Eindruck. Andererseits sind die restlichen Effekte sehr gelungen und CGI-Spielereien spielen hier sowieso keine übermäßig wichtige Rolle. Besonders gelungen sind allerdings die fast transparenten „Bodachs“, die der Fantasie genug Freiraum lassen, um die Leerstellen auszufüllen.

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Koontz 2003 begonnene Romanreihe um „Odd Thomas“ ging letztes Jahr in die mittlerweile sechste Runde, und es sieht wohl so aus, als ob noch einige Romane um den jungen Mann folgen würden. Das würde man sich durchaus auch für diesen Film wünschen. Leider wurde „Odd Thomas“ durch einen Rechtsstreit der beteiligten Produktionsfirmen torpediert und konnte erst nach einiger Verzögerung ohne Kinoauswertung gestartet werden. Es bleibt aber zu hoffen, dass er im Heimkino genug Geld einfahren kann, dass über eine Fortsetzung nachgedacht wird. Gerne auch wieder mit Anton Yelchin in der Titelrolle und Sommers hinter der Kamera.

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„Odd Thomas“ ist ein Horror-Fantasy-Krimi-Hybrid, der durch eine lockere und unbeschwerte Inszenierung gefällt. Getragen wird er durch seine glänzend aufgelegten und sympathischen Hauptdarstellern, zwischen den die Chemie stimmt. Obwohl recht vorhersehbar und ohne großen Ansprüche, unterhält der Film trotzdem prächtig. Weitere „Odd-Thomas“-Verfilmungen mit dem selben Team wären durchaus wünschenswert.

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Die DVD verfügt über ein ausgezeichnetes Bild und einen sehr guten Ton. Als Extras werden dem Zuschauer ein eher nichtsagendes10-minütiges „Making Of“, sowie drei Interviews mit Addison Timlin (16 Min), Anton Yelchin (10 Min) und Willem Dafoe (12 Min) angeboten. Die Interviews haben aber eher Werbecharakter und die Interviewten erklären erst einmal lange, welche Rolle sie spielen.

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Das Bloggen der Anderen (20-01-14)

bartonfink_type2– Ein Jahr ist es nun her, dass Alexander Matzkeit auf real virtuality über die deutsche Filmblogosphäre, bzw. deren scheinbares nicht Vorhandensein geschrieben hat, was einige Wellen geschlagen hatte. Nach einem Jahr zieht er Bilanz, was bisher geschehen ist. Dabei schreibt er u.a., dass er sich jemanden wünschen würde, der die Blogs liest und eine Liste mit empfehlenswerten Artikeln zusammenstellen würde. Ähem…

– DAS große Thema in dieser Woche ist Martin Scorseses neuer Film „The Wolf of Wall Street“. Hierzu gibt es ein sehr spannendes Streitgespräch auf cargo, in dem Lukas Foerster (pro) und Ekkehard Knörer (contra) ihre gegenteiligen Meinungen zum Film verteidigen. Ebenfalls auf cargo gibt auch Simon Rothöhler seine Meinung zum Film kund, der den Film relativ positiv aufnimmt und intellektuell durchleuchtet.

– Gar nicht angetan vom „Wolf of Wall Street“ ist Sophie Charlotte Rieger auf B-Roll, die den Film vom feministischen Standpunkt aus, als überaus frauenfeindlich empfindet.

– Ganz anders Patrick Holzapfel von Jugend ohne Film, der „The Wolf of Wall Street“, „ein großartiges Stück Kino“ nennt.  Ferner gibt es einen Gastbeitrag von Rainer Kienböck, der sich zwei Filme von Kon Ichikawa vorgenommen hat: „Biruma no Tategoto“ („Freunde bis zum letzten“),und „Nobi“ („Feuer im Grasland“). Und Patrick Holzapfel sinniert anhand von „12 Years A Slave“ über einen Satz “The worst is McQueen: he is the devil, an absolute devil, because he is making people believe he is making artistic films, and it’s bullshit.” des letztjährige Locarno Gewinner Albert Serra.

– Ein wunderschöner Film ist Jacques Demys „Les Parapluies de Cherbourg“, den Annika Stelter auf Die Filme, die ich rief für sich entdeckt hat.

– Kim Ki-Duk ist ein hervorragender, immer spannender Filmemacher, der nach einigen Arthouse-Crowdpleasern nun seit einiger Zeit zu seinem alten rebellisch, verstörenden Wesen zurückgefunden hat. Zuletzt mit extrem kontroversen „Moebius – Die Lust, das Messer“, über den Ronny Dombrowki auf cinetastic.de schreibt.

– Zwei völlig unterschiedliche deutsche Filme bespricht Oliver Armknecht auf film-rezensionen.de. Einmal die harmlose, aber scheinbar recht unterhaltsame Komödie „Nicht mein Tag“ mit einem dünnen Axel Stein und Moritz Bleibtreu in einer dieser Rollen, die er im Schlaf spielt. Und dann das Resozialisierungs-Drama „Schuld sind immer die Anderen“, welches trotz einer gewissen Konstruiert- und Oberflächlichkeit recht intensiv sein soll.

– Oliver Nödings große Edgar-Wallace-Retrospektive auf Remember It For Later geht zu ende. Mit drei Filmen, die wie ich finde, immer etwas zu unrecht vergessen werden. Die erste Italo-Co-Produktion „Das Gesicht im Dunkeln“, dem wirklich tollen „Der Mann mit dem Glasauge“ von Alfred Vohrer und den meiner Meinung nach recht guten, aber fast völlig unbekannten Nachklapp „Die Tote aus der Themse“.

– Bei Hard Sensations setzen Silvia Szymanski & Maria Wildeisen ihre hochspannende Reihe „Forced Entry – Vergewaltigung im Film“ weiter fort. Diesmal mit einem Film, den ich gar nicht mochte (hauptsächlich aus den Gründen, die auch die beiden Damen ansprechen): „Twentynine Palms“ von Bruno Dumond. Dafür liebe ich aber Orson Welles „Im Zeichen des Bösen“ abgöttisch. Ebenso wie es scheinbar auch Jamal Tuschick tut. Michael Schleeh wiederum empfiehlt Jia Zhangkes „A Touch of Sin“ als „ganz klar unverzichtbar, (und) jetzt schon einer der ersten Höhepunkte im noch jungen Kinojahr 2014.“

– Udo Rotenberg stellt auf L’Amore in cità Joe D’Amatos ersten Spielfilm als Regisseur vor: „Sollazzevoli storie di mogli gaudenti e mariti penitenti – Decameron nº 69“ oder wie er in Deutschland kurz, aber treffend, hieß: “Hemmungslos der Lust verfallen“.

– Da ich letzte Woche ankündigte, dass ich nichts mehr über den Hofbauer-Kongress schreibe, verschweige ich jetzt mal ganz dreist, dass Alex Klotz auf hypnosemaschinen noch einen letzten Bericht getippt hat.

– Nachdem Ilsa schon eine deutsches Kriegsgefangenenlager geführt hat und bevor sie die Tigerin aus Sibirien wurde, war sie die Harmeswächterin der Ölscheichs. Wovon totalschaden auf Splattertrash zu berichten weiß.

– Lukas Foerster hat für Dirty Laundry einen Film gesehen, den es eigentlich gar nicht mehr geben dürfte: Den DEFA-Film „Die Taube auf dem Dach“ von Iris Gusner. 1973 verboten und vernichtet, ist jetzt eine schwarz-weiße Arbeitskopie aufgetaucht, die in Berlin gezeigt wurde.

– Letztes Mal schon in einigen Blogs erwähnt und gelobt: Robert Redfords existentielle One-Man-Show „All is lost“, den auch Christian Gertz auf mehrfilm empfiehlt.

– Einen sehr schönen Text von Werner Sudendorf über deutsche Filmliteratur findet man auf new filmkritik.

– Neben Film waren auch Comics eine lange Zeit eine große Leidenschaft von mir in die viel, viel Geld floss. Aber die Zeiten ändern sich und das Portemonnaie ist heute schmaler, weshalb ich aufhörte Comics zu sammeln. Allerdings denke ich oft darüber nach, zwei Gebiete zu beackern, die damals in meiner Amerika-lastigen Sammlung etwas unterrepräsentiert war: Deutsche und franco-belgische Comics. Vielleicht inspiriert mich ja die Doku Tardi – Schwarz auf Weiß”, der eine Tardi-Ausstellung in Berlin begleitet und von franzöischerfilm.de vorgestellt wird.

– Ein wunderschönes Kinoerlebnis war es einmal Fritz Langs „Der müde Tod“ in der Kulturkirche St. Stephanie mit Musikbegleitung auf der Orgel zu sehen. Das hatte Schmock von Stubenhockerei sicherlich nicht, fand den Film aber trotzdem schön.

– Matthew McConaughey erlebt in letzter Zeit ein beeindruckendes Comeback als Charakterschauspieler. So auch im viel gelobten AIDS-Drama „Dallas Buyers Club“, das dennis für Filmosophie gesehen hat.

– Mal eine andere Meinung. Die Eule kann auf Filmtagebuch der Eule mit dem Goldene-Palme-prämierten und auf vielen Jahresbestenlisten zu findenden „Blau ist eine warme Farbe“ nicht viel anfangen und erklärt wieso.

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Bericht von der Verleihung des 16. Bremer Filmpreises an Sylvie Testud

Gestern wurde in der Oberen Rathaushalle zum nunmehr 16. Mal der Bremer Filmpreis vergeben. Seit sechs Jahren bin ich regelmäßig bei der Verleihung dabei – aufgrund meiner Fördermitgliedschaft im Kommunalkino – und konnte so schon zwei meiner ganz großen Helden hautnah erleben: Ulrich Seidl und Belá Tarr. Eigentlich drei – denn nachdem Lars Von Trier 2008 abgesagt hatte (worüber ich heute noch traurig bin), sprang als Ersatz Udo Kier ein, der ja auch immer wieder ein Ereignis ist. Bisher kam es aber nie vor, dass ich von den Geehrten noch überhaupt gar kein Werk gesehen habe. Dieses Jahr war es aber soweit. Von der bezaubernden Sylvie Testud kannte ich zwar „Lourdes“ – weil dieser aufgrund der Regisseurin Jessica Hausner noch auf meiner „Muss-ich-noch-gucken“-Liste steht – und „Jenseits der Stille“ ist mir natürlich auch bekannt, wenn ich ihn auch nie gesehen habe. Das restliche Werk der Schauspielerin, Buchautoren und seit Neustem auch Regisseurin hat es zum überwiegenden Teil allerdings nicht über die französische Grenze zu uns geschafft. Somit ist Frau Testud eine eher ungewöhnlich Wahl, da sie außerhalb Frankreichs eben kaum stattfindet, bis auf die beiden oben genannten Filme.

Wobei ich beim Recherchieren Zuhause dann nachträglich festgestellt habe, dass ich doch EINEN Film mit Sylvie Testud gesehen habe. Ich wäre allerdings die auf die Idee gekommen, dass sie dort mitgespielt haben könnte. Und zwar „Vengeance“ vom Hongkong-Actiongroßmeister Johnnie To. Eine Hongkong-Frankreich-Co-Produktion mit Johnny Hallyday. Dort spielt sie dessen Tochter, was aber nur eine sehr kleine Rolle ist. Weshalb dem so ist, deutet der Titel an. Leider ist das auch der schwächste To, den ich bisher gesehen habe, und daher habe ich den ganz gut verdrängt.

Dass Frau Testud kein großer oder bekannter Name in Deutschland ist, machte sich dann auch bei den Besuchern der Preisverleihung bemerkbar. Im Vergleich zu den vorherigen Jahren, war wohl knapp die Hälfte da. Da half es scheinbar auch nichts, mit Regisseurin und Oscar-Preisträgerin Caroline Link eine zugkräftige Laudatorin eingeladen zu haben. Trotzdem war die diesjährige Preisverleihung eine der schönsten, was u.a. auch an dem unschlagbaren, französischen Charme der Preisträgerin lag. Aber dazu später mehr. Wie immer sorgte eine Musikgruppe für die richtige Untermalung des feierlichen Preisvergabe, und das wie immer auf hohem Niveau. Diesmal war es das Bremer „Metropol Ensemble„, welches für die richtige Stimmung sorgte. Könnte ich mir auch wieder hervorragend als Begleitung zu einem Stummfilm vorstellen.

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Carmen Emigholz

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Ensemble Metropol

Ein großer Pluspunkt in diesem Jahr war die Zügigkeit, mit der die Veranstaltung durchgeführt wurde. Das kannte man aus vergangenen Jahren auch anders, als die Reden viel zu lang und repetitiv waren. So konzentrierte sich jeder auf das Wesentliche und man hörte gerne zu. Den Anfang machte wie immer die Staatsrätin für Kultur, Carmen Emigholz, die mal wieder den Kultursenator und Bürgermeister Jens Böhrnsen vertrat, dem diese Veranstaltung wohl nicht mehr wichtig genug ist. Zumindest glänzte er nun schon das vierte Mal in Folge durch Abwesenheit. Aber Frau Emigholz ist ja eine würdige Vertreterin. Ihre Rede war zwar zeitweise etwas fahrig, aber immerhin hatte man das Gefühl, sie käme vom Herzen und nicht vom Blatt. Danach führte Karl-Heinz Schmid in bewährter Form in die drei Filmausschnitte ein, die er für diesen Anlass ausgesucht hat. Das waren dann „Jenseits der Stille“, „Lourdes“ und „Bonjour Sagan„. „Lourdes“ muss ich wirklich jetzt mal gucken. Die strenge, tableauartige Inszenierung, die man in diesem Ausschnitt sah, hat mich durchaus begeistert.

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Caroline Link

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Sylvie Testud (Mitte)

Darauf folgte die Laudatio durch Caroline Link. Und das war nun wirklich eine gelungene Überraschung, da Sylvie Testud bis kurz vor der Veranstaltung keine Ahnung hatte, wer denn die Laudatio halten wird und sichtlich gerührt war. Auch von dem sehr schönen und emotionalen Text, den Frau Link geschrieben hatte. Mehr als einmal sah man Frau Testud heimlich eine Träne wegwischen und auch das Publikum war von den warmen, herzlichen Worten, die ganz tief aus dem Herzen kamen, begeistert.

P1080851Dann schritt Sparkassen-Vorstandsvorsitzender Tim Nesemann für die Sparkassen-Stiftung „Gut für Bremen“, die den Bremer Filmpreis stiftet, zur Übergabe des Filmpreises, der wieder individuell von einem Bremer Künstler gestaltet wurde. In diesem Jahr war es Milena Tsochkova, die für die Gestaltung zuständig war. Schade, dass man die Preise in der Regel nie zu Gesicht bekommt, da ja gerade als Besonderheit des Bremer Filmpreis hervorgehoben wird, dass die „Wundertüte“ speziell für den zu ehrenden Künstler gefüllt wurde. Da könnte man ja locker mal ein Bild des Preises über den (eh vorhandenen) Beamer an die Wand werfen oder den Künstler ein paar Worte dazu sagen lassen. Aber wie dem auch sei, Herr Nesemann ist in den letzten Jahren wirklich in seine Rolle hineingewachsen. Waren die ersten Reden, die ich hörte, noch sehr steif und lang, so sind sie nun locker, spritzig, ein wenig ironisch und wirken angenehm knapp aus der Hüfte geschossen. Da hört man gerne zu.

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Sylvie Testud und Dr. Tim Nesemann

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Sylvie Testud

Dann der Auftritt der Preisträgerin, die wahrscheinlich im Nu die Herzen der Anwesenden erobert hat. Meines auf jeden Fall. Am Überraschendsten war ihre eindrucksvolle Stimme. Die Ausschnitte waren synchronisiert gezeigt worden, und da klangt ihre Stimme eher hell und eben schon 1.000x gehört. Und das wird Sylvie Testud einfach nicht gerecht, denn ihre „echte“ Stimme ist tief, voll und ein wenig rauchig. Frau Testud freute sich sichtlich über den Preis und die gelungene Überraschung mit Caroline Link. Da sie eigentlich über ihre Zusammenarbeit mit Frau Link bei „Jenseits der Stille“ sprechen wollte, diese ihr aber nun“zuvorgekommen“ war, improvisierte sie auf unglaublich charmante Art und Weise, mit viel Humor und Leidenschaft ihre Dankesrede, die sie auf Französisch hielt – was von einer ausgezeichneten Übersetzerin auf Deutsch wiederholt wurde – und mit einigen Sätzen auf Deutsch abschloss. Wer sich nicht spätestens hier ein klein wenig in Sylvie Testud verliebt hat, der hat ein Herz aus Stein.

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Dolmetscherin und Sylvie Testud

Danach ging es zum Empfang, wo sich wieder reichlich Gelegenheiten boten, mit netten Menschen zu plaudern. Von dem Ratskeller-Wein hätte ich allerdings die Finger lassen sollen. Das bin ich nicht mehr gewohnt und für die kleine Zügellosigkeit durfte ich mir dann Zuhause auch ganz schön was anhören. Da habe ich es mal lieber unterlassen, allzu sehr von Sylvie Testud zu schwärmen – mit deren filmischen Werk ich mich jetzt mal näher beschäftigen werde.

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DVD-Rezension: “Die Zukunft heißt Frau”

Die-Zukunft-heisst-Frau_dvd_coverDie Werbefrau Anna (Hanna Schygulla) und der für städtische Gärtnereiprojekte zuständige Gordon (Niels Arestrup) führen eine recht harmonische Ehe, in der Anna allerdings von der Leidenschaft ihres Ehemannes eher gelangweilt ist. Eines Tages begegnet Anna der schwangeren Malvina (Ornella Muti), die gerade Schwierigkeiten mit einigen jungen Männern hat. Sie nimmt sie mit nach Hause, wo sich Malvina bald in die Ehe von Anna und Gordon drängt….

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Anfang der 80er Jahr beschloss Erwin C. Dietrich, sich ein wenig seriöse Reputation durch die Produktion von Arthouse-Filmen zuzulegen. Zu diesem Zwecke schloss er mit dem italienischen Skandal-Regisseur Marco Ferreri einen Vertrag über zwei Filme ab. Ferreri eilte der Ruf eines deftigen Provokateurs voraus, was ja recht gut mit dem Haupt-Output der Dietrich-Schmiede korrespondierte. Der erste Film war „Die Geschichte der Piera„, der auch in Cannes gezeigt wurde. Dort kam es zum Eklat, als Ferreri seinem Produzenten – so das empfehlenswerte Buch „Mädchen, Machos und Moneten – Die unglaubliche Geschichte des Schweizer Kinounternehmers Erwin C. Dietrich“ von Benedikt Eppenberger und Daniel Stapfer – mit falschen Informationen über die Anfangszeit der Filmpremiere versorgte, so dass Dietrich zu spät kam und sich durch den Hintereingang ins Kino quetschen musste, statt über den roten Teppich zu flanieren. Dietrich war sauer und enttäuscht, musst aber trotzdem Geld für die zweite Zusammenarbeit „Die Zukunft heißt Frau“ zur Verfügung stellen. Vielleicht erklärt das die recht stiefmütterliche Behandlung des Filmes innerhalb der „Cinema Treasures“-Reihe der Firma Ascot.

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Verglichen mit seinen exzentrischen Exzessen wie „Das große Fressen“ oder „Affentraum“ ist „Die Zukunft heißt Frau“ für Ferreris Verhältnisse beinah schon zahm. Wieder einmal geht es um die Beziehung Mann – Frau, in welcher der Mann das schwächste Glied der Kette darstellt und allein die Frau – wie der Titel hier schon verrät – die Zukunft ist. In „Die Zukunft heißt Frau“ treibt Ferreri diese Anschauung auf die Spitze und prophezeit eine Welt, in der der Mann nicht mehr gebraucht wird. Die perfekte Familie besteht aus Müttern. Einer biologischen und einer spirituellen. Der zwischen zwei Frauen stehende Gordon, wird von Anfang an als sich selbst überschätzender Schwächling gezeigt. Gleich zu Beginn gibt er sich als leidenschaftlicher Romantiker aus, der seine geliebte Frau auch mit verbundenen Augen findet, da er ohne sie nicht leben kann. Bei ihr sieht das aber gleich ganz anders aus. Anna mag sich die Augen nicht verbinden lasse. Sie möchte den klaren Blick bewahren. Als sie sich mit der Begründung weigert, sie könne ihren Gordon mit verbundenen Augen sowieso nicht finden, beklagt dieser sich, dass er für sie gar nicht existieren würde, wenn sie ihn nicht sehen würde.

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Anna lebt ihr Leben unabhängig und entscheidet selber, was sie tun möchte und was nicht. Dadurch wirkt der klammernde Gordon wie ein lästiges, nervendes Anhängsel. Als die schöne Malvina in ihr Leben tritt, sieht Gordon dies zunächst einmal als Möglichkeit zu einer heißen Menage-a-trois, in der er die Hauptrolle einnimmt. Dabei realisiert er aber erst sehr spät, dass er doch nur das fünfte Rad am Wagen ist. Konsequenterweise bleibt Niels Arestrup als Gordon dann auch gegenüber den beiden Hauptdarstellerinnen blass und wirkt hilflos. Ferreri scheint diese Wirkung noch unterstützen zu wollen, den ständig fällt Arestrups eher geringe Körpergröße auf und sein Abgang aus der Geschichte wird ebenso grotesk, wie beiläufig inszeniert. Wie unwichtig er für die Frauen geworden ist, sieht man, wenn Anna stauresque vor dem Schornstein eines Krematoriums fotografiert wird und von Gordon im wahrsten Sinne des Wortes nur noch heiße Luft geblieben ist.

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Auf Seiten der Frauen sich – die hier erschreckend mager aussehende – Hanna Schygulla und die wunderschöne Ornella Muti ein. Die Muti soll scheinbar eine geheimnisvolle Mischung aus Engel und Verführerin darstellen. Oftmals wird angedeutet, dass mehr hinter ihrer Figur steckt. Die Rolle der Malvina erinnert an den schönen Fremden aus Pasolinis „Teorema“ (Kritik hier), der ebenfalls in eine Familie eindringt und durch seine Verführung die Familienmitglieder aus ihren erstarrten Rollen befreit,ins Unglück oder in die Freiheit entlässt. Nur erreicht Ferreris Werk nie die hohe Komplexität des Pasolini-Films. Was auch daran liegt, dass die Muti hier zu oft wie ein rein dekoratives Beiwerk wirkt. Zwar erfährt man auch über sie nichts, und so sie bleibt sie eine geheimnisvolle Figur, doch von einer mysteriösen Aura ist zumeist nichts zu spüren. Die Schygulla spielt so, wie man es von ihr gewohnt ist, immer etwas viel Theater in Stimme und Geste, aber voller Hingabe. Sie ist der emotionale Kern der Geschichte. Hin- und hergerissen zwischen ihrem alten Leben mit Gordon, in dem sie sich gemütlich eingerichtet hatte, und der für sie faszinierende Anziehungskraft Malvinas. Trotzdem will der Funke zwischen den Beiden auf der Leinwand nicht überspringen. Auch wen sie gemeinsam durch das Nachtleben bummeln und in einer Disco eine große Show abziehen, wirkt das Ganze immer wie eine Folge der sehenswerten TV-Doku-Serie „Durch die Nacht mit..“ in der die Chemie der beiden Nachtschwärmer nichts stimmt und beide nur durch das Konzept der Sendung und die eigene Professionalität zusammengehalten werden.

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Als Zeitdokument der 80er Jahre wirkt „Die Zukunft heißt Frau“ fast schon erschreckend. Alle modischen Sünden dieser Dekade werden zelebriert. Beginnend bei den hoch gestylte Haaren der Schygulla, über die enormen Schulterpolster der Muti (bei denen man immer Angst hat, dass sie nicht durch die nächste Tür passt), hin über das kalte Neonlicht der Discos, den Muscle-Shirts und der schrecklich synthetischen Italo-Plastikpop-Musik. Dadurch wirkt der Film weitaus älter, als Ferreris Werke aus dem 70ern, die sich etwas Zeitloses bewahrt haben. Auch die sehr plakative Art und Weise, wie Männer dargestellt und die Frauen zu überlegenen Wesen stilisiert werden, hat einen eher plumpen Touch. Es passt auch nicht ganz zum doch eher realistisch-ernsten Ansatz des Filmes, wenn Anna und Malvina in einer Disco plötzlich von einem Rudels scheinbar durch die eigene Geilheit völlig unzurechnungsfähig gewordenen jungen Männern gejagt werden. Oder sich bei einem Konzert des italienischen Folksängers Pierangelo Bertoli die Masse plötzlich in einen tödlichen Mob verwandelt. Das soll wohl verstören, wirkt aber in diesem Fall zu gewollt und aufgesetzt. Immerhin kleidet Ferreri seine Botschaft in erlesene Bilder, die von Tonino Delli Colli eingefangen wurden.Dieser war nicht nur Pasolinis-Stammkameramann, sondern stand auch bei den späten Fellinis und bei Leones „Zwei glorreiche Halunken“ hinter der Kamera. Für das Production-Design wiederum war der großartige Dante Ferretti  (der ebenfalls viel mit Fellini und Pasolini, aber auch Scorsese zusammenarbeitete) zuständig. Leider zollt das Bild der Ascot DVD dem nicht unbedingt Respekt.

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In „Die Zukunft heißt Frau“ beschäftigt sich Marco Ferreri wieder einmal mit seinem Lieblingsthema: Der Überlegenheit der Frau und die Lächerlichkeit des Mannes. Im Gegensatz zu früheren Werken fehlt hier aber das Radikale, deftig Groteske. Der Film ist für Ferreris Verhältnisse beinahe zahm. Erschwerend kommt die mangelnde Chemie der Darsteller hinzu. Interessant ist vor allem der Zeitkolorit und die kunstvollen Bilder.

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„Die Zukunft heißt Frau“ ist der bisher der anspruchsvollste Film, der in der „Cinema Treasures“-Reihe – die bisher vor allem Actionware beinhaltete – veröffentlicht wurde. Leider ist die DVD auch die mit weitem Abstand technisch schwächste. Das Bild ist unterdurchschnittlich und scheint aus einer VHS-Quelle zu stammen. Im Original soll der Film laut filmportal.de ein Format von 1:1,66 besitzen, welches für die DVD auf 1:1,33 beschnitten wurde – was fairerweise nicht auffällt. Manchmal sieht man mal am oberen, mal am unteren Bildrand einen dunklen Streifen, der das 4:3-Bild möglicherweise annähernd in Richtung 1:1,66 drücken soll. Insgesamt ist das Bild blass, gräulich und nicht besonders scharf. Zudem neigt es bei kräftigen roten oder blauen Farben zum Flimmern. Da passt es dann, dass auch nur der deutsche Ton vorhanden ist, und es bis auf eine Trailershow keinerlei Bonus gibt. Schade.

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Originalfassungen in Bremen: 16.01.14 – 22.01.14

Holla, das ist aber diesmal eine kurze Liste. Na ja, sie gibt immerhin den Blick auf das Highlight der Woche frei: Den neue Scorsese. Wieder mit dem Leonardo DiCaprio, der nun schon das fünfte Mal unter dem Meister spielt. Noch drei Mal und er hat mit DeNiro gleichgezogen. Ansonsten gibt es in dieser Woche nicht viel zu berichten.

The Wolf of Wall Street – Cinemaxx, Do.-So. und Di. um 20:30 – Der aktuelle Film von Regie-Altmeister Martin Scorsese basiert auf einer wahren Geschichte und erzählt von geldgierigen Börsenmaklern, Koks und Sex. Die Hauptrolle spielt der überaus talentierte Herr DiCaprio. Würde ich liebend gerne sehen. Mal gucken, ob ich es zeitlich irgendwie einrichten kann.

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Dügün Dernek – Der Hochzeitsverein – Cinemaxx, Do.-Mi. immer 23:15 & CineStar Do.-Sa. immer 23:30 – Türkische Komödie. Drei Freunde entdecken, dass sich der Sohn des einen heimlich trauen lassen will.

Patron Mutlu Son Istiyor – Cinemaxx, Do./Sa./Di. um 23:00 – Türkische Komödie um einen Drehbuchautor, der beim Schreiben einer romantischen Komödie eine Schreibblockade erleidet und dann selber in eine Liebesgeschichte stolpert.

Only Lovers Left Alive – Schauburg, So. um 21:00 und Mi. um 21:45 – Jim Jarmusch erster Spielfilm nach vier Jahren spaltet die Gemüter. Scheinbar gibt es bei diesem Vampir-Drama mit der großartigen Tilda Swinton und Tom “Loki” Hiddleston nur zwei Fraktionen: Die einen sind von ihm entsetzt, die anderen lieben ihn.

Matterhorn – Wo die Liebe hinfällt – City 46, Do., 16.1. um 18:00 – Niederländischer Film um einen Witwer, dessen langweiliges und geregeltes Leben auf den Kopf gestellt wird, als er den geistig zurückgeblieben Theo bei sich aufnimmt und diesen beibringt, wie man sich benimmt.

Lourdes – City 46, Fr./Sa. um 18:00 und So./Mo. um 20:30 – Im Rahmen der Verleihung des Bremer Filmpreises an Sylvie Testud, läuft dieser französischsprachige Film von Jessica Hausner, die auch für den schönen „Hotel“ verantwortlich war. „Lourdes“ handelt von der Reise der an den Rollstuhl gefesselten Christine zum Wallfahrtsort und den Leuten, die sie dabei trifft.

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Sneak Preview – Schauburg, Mo., 20.01. um 21:45 Uhr

Sneak Preview – Cinemaxx, Mo., 20.01. um 20:30 Uhr

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DVD-Rezension: “King of New York“

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Nach einem langjährigen Gefängnisaufenthalt kehrt Frank White zu seiner Gang zurück. Augenblicklich beginnt er damit, seine alte Vormachtstellung im Drogengeschäft wieder zurückzuerobern, indem er seine Konkurrenten umbringen lässt. Schnell bringt White auch die italienische und chinesische Mafia unter seine Kontrolle. Auch zur Politik knüpft White beste Beziehungen. Allein Detective Bishop und seine Leute wollen White das Handwerk legen, wozu ihnen jedes Mittel recht ist.

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Nach seinem eher kruden, aber effektiven Spielfilm-Debüt (zumindest das offizielle, über „9 Lives of a Wet Pussy“ sprechen wir mal nicht) „Driller Killer“ entwickelte sich Abel Ferrera mit „Die Frau mit der 45er Magnum“ und „China Girl“ schnell zum Kult-Regisseur. Nach einigen TV-Arbeiten und unmittelbar vor seinem epochalen und zutiefst erschütternden „Bad Lieutenant“ drehte er „King of New York„, eine Gangstergeschichte, die – wie er im Interview behauptet – von der Brutalität in „The Terminator“ inspiriert worden sei, und an dessen Drehbuch er und sein Schulfreund Nicholas St. John fünf Jahre saßen. Neben seinem „Body Snatchers„-Remake ist „King of New York“ sicherlich einer seiner für ein breites Publikum zugänglichsten Filme. Was auch an der grandiosen Optik liegt, in welche Kameramann Bojan Bazelli die Filmbilder kleidet. Mit Bazelli sollte Ferrera dann noch einmal bei „Body Snatchers“ zusammenarbeiten, bevor er Ken Kelsch zu seinem Stammkameramann machte. Bazellis Arbeit besticht mit aufwändiger und ausgeklügelter Lichtsetzung, die die Bilder zum Teil wie Gemälde aussehen lassen, und ästhetischen Gegenlichtaufnahmen. Hier scheint sich ein Einfluss von Michael Mann bemerkbar zu machen, für den Ferrera einige Episoden der TV-Serien „Miami Vice“ und „Crime Story“ abgedreht hatte. Besonders an „Crime Story“ scheint sich „King of New York“ optisch zu orientieren.

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Obwohl „King of New York“ über die Jahre seine Fans gefunden hat und zum Kultfilm avancierte, war er zur Zeit seiner Premiere 1990 nicht gerade wohlgesonnen aufgenommen worden. Während der Premiere auf dem New Yorker Filmfestival verließen etliche Zuschauer den Saal, bei der zweiten Vorführung wurden Drehbuchautor St. John und Darsteller Laurence Fishburne ausgebuht. Kritikerpapst Roger Ebert schimpfte auf das Drehbuch und nannte den Film „half-written“. Für Kontroversen sorgten sicherlich auch die exzessive Gewalt; die Tatsache, dass ein Weißer sich schwarzer Gangster bedient und der ambivalente Charakter der Hauptfigur. Dem von Christopher Walken brillant gespielten Frank White wird kein Hintergrund gegönnt. Man weiß nicht wo er herkommt, und wie er zu seiner Macht kam. Warum halten seine Getreuen nach so langer Zeit im Gefängnis noch zu ihm? Und was ist seine Motivation? Frank White wird als eiskalter, gefährlicher Killer gezeigt, gleichzeitig will er sich um die Kranken in „seinem“ Viertel kümmern und treibt mit allen Mitteln den Bau eines Krankenhauses voran. Wenn er am Ende erklärt, er wisse gar nicht, warum die Polizei ihn jage, sie solle doch froh sein, dass er die „schlimmeren“ Gangster beseitigt habe, und der Rauschgifthandel auch ohne ihn florieren würde, möchte man ihm fast zustimmen.

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Christopher Walken versinkt ganz in dieser Rolle. Er spielt nicht, er ist Frank White. Und da dieser keine Geschichte hat, die ihn mit Tiefe und Substanz verleiht, ist es ganz Walkens Schauspiel, welches dieser Figur Leben einhaucht. Wenn White sich durch New York bewegt ist er ein Wolf, der weiß, dass er allen anderen Tieren im Wald überlegen ist. Sein Lächeln ist das einer giftigen Schlange, sein Lachen das einer Hyäne. Walken tropft die Gefährlichkeit und das überzogene Selbstbewusstsein aus jeder Pore.Durch ihn besitzt White soviel Präsenz, dass man sich gar nicht erst fragt, wie es sein kann, dass ein weißer Junge die schwarzen Gangs in New York befehligt, wieso die Handlanger der italienischen Mafiosi sofort zu ihm überlaufen und wo seine hervorragenden Kontakte herkommen. Ferrera verrät in dem Interview, welches als Bonus auf der DVD enthalten ist, dass er ein Prequel plante, welches die hier komplett ausgeblendete Vorgeschichte erzählt. Das wäre auch ein interessanter Film, aber eben nicht „King of New York“. „King of New York“ zeigt eine Figur von der man nicht wissen kann, ob man sie hassen oder bewundern soll. Am Besten sollte man Frank White fürchten, gerade weil er nicht zu fassen ist.

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Neben dem beeindruckenden Christopher Walken, spielen mit David Caruso, Wesley Snipes und Laurence Fishburne noch drei junge, damals aufstrebende, Schauspieler in „King of New York“ mit, die kurze Zeit später die Karriereleiter nach oben klettern sollten. Sogar ein sehr junger Steve Buscemi taucht einmal kurz im Bild auf. Caruso spielte zunächst enorm erfolgreich einen Polizisten in der TV-Serie „NYPD Blue“ und feierte nach einem Tief, welches seinem Ausstieg aus der Serie folgte, ein sehr erfolgreiches Comeback in „CSI: Miami“. Wesley Snipes, der hier nur eine kleine, aber markante Rolle als Carusos Partner inne hat, sollte kurz danach mit „New Jack City“ seinen Durchbruch feiern und zu einem gefragten Actionstar der 90er werden, bevor billige B-Filme und ein Gefängnisaufenthalt wegen Steuerhinterziehung ihn aus der Spur warfen. Fishburne war bereits ein gefragter Nebendarsteller, der heute – um einiges schwerer – vor allem für seine Rolle als Morpheus in der „Matrix“-Trilogie bekannt ist. Fishburne ist dann auch die große Entdeckung des Filmes. Mit Leib und Seele spielt er Whites obersten Handlanger Jimmy Jump. Vom schlendernd-tänzelnden Gang und das breite Lachen, über die große Klappe und demonstrativ zur Schau gestellte Selbstbewusstsein bis hin zu den Goldzähnen- und Ketten, verschmilzt er mit dieser Figur, die wie eine kraftvolle Parodie auf die damals aufkommenden Gangster-Rapper wirkt.

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In der Tat spielt Rap in „King of New York“ eine wichtige Rolle und untermalt auf der Soundtrackspur das Geschehen. Damit war Ferrara einer der Ersten, die Rap bewusst als Stilmittel einsetzten. Einige Szenen, in denen die Gangster in Begleitung leicht bis gar nicht bekleidetet Damen vor allem sich selbst feiern, scheinen auch Vorlage für unzählige einschlägige Musikvideos zu bilden. Vielleicht hat dies dem Film daher in der Gangster-Rap-Szene zu einiger Reputation verholfen, denn er war nicht nur ein Lieblingsfilm der Ostküsten-Rap-Legende „Notorious B.I.G.“, sondern dieser benutzte auch den Namen „Frank White“ als Pseudonym. U.a. wohl auch, als er sich am Tag seiner Ermordung in einem Hotelzimmer einmietete.

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Ähnlich ambivalent, wie der Charakter Frank Frank, ist auch die Rolle der Polizei, die ebenfalls selbstherrlich und über dem Gesetz stehend agiert. Wobei Ferrara die ermittelnden Polizisten über weite Strecken des Filmes völlig vernachlässigt. So gibt es im Film nur zwei große Szenen, in denen sie näher charakterisiert werden. Zunächst auf einer Hochzeitsfeier in einer typische irischen Bar und dann später an selber Stelle, wenn sie über das weitere Vorgehen in Streit geraten. Die Szene mit der Hochzeitsfeier steht von der Bildgestaltung und dem allgemeinen Ton her, in solch einem krassen Gegensatz zu der Welt Frank Whites, dass sie beinahe wie ein Fremdkörper im Film wirkt, was von Ferrara wohl auch durchaus beabsichtigt ist. Die zweite Szene dient augenscheinlich nur dazu, die weitere Handlung voranzutreiben und die Motivation hinter der folgenden Selbstjustiz-Aktion zu erklären. Dazwischen tauchen Caruso und Snipes so gut wie nicht mehr auf. Man hat das Gefühl, dass es ihre Figuren ursprünglich mehr Spielraum hatten, dieser aber dann heraus gekürzt wurde. So bleibt der Fokus auf ihrem Vorgesetzten, der von Victor Argo – nach „King of New York“ Stammschauspieler bei Ferrera – mit großer Melancholie und Müdigkeit gegeben wird. Mit seinem ruhigen unterspielen der Rolle, bildet er einerseits ein Gegengewicht zu dem charismatischen Walken und ergänzt andererseits kongenial dessen extrovertierten Frank White.

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Mit „King of New York“ hat Abel Ferrara seinen optisch opulentesten und auch einen seiner brutalsten Filme inszeniert, der einem glänzend agierenden Christopher Walken eine ideale Plattform für seine Schauspielkunst bietet. Der Film verweigert sich einer klassischen Gut/Böse-Darstellung und lässt seine Figuren ambivalent agieren. Einige Ungereimtheiten im Drehbuch werden durch eine stilvolle, temporeiche Inszenierung und eine hervorragend aufgelegte Besetzung wieder wettgemacht.

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Die DVD besitzt eine gute Bild- und Tonqualität. Als Extras ist ein fast halbstündiges Interview mit Ferrara enthalten, welches scheinbar für das französische Fernsehen entstand. Dieses ist sehr aufschlussreich in Hinblick auf „King of New York“ und bietet viele zusätzliche Informationen.

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Das Bloggen der Anderen (13-01-14)

bartonfink_type2– Das „Bloggen der Anderen“ beginnt in dieser Woche gleich mit einem „Spezial“ zum 12. Hofbauerkongress in Nürnberg. Viel habe ich schon zu diesem cineastischen Ereignis, zu dem nur ausgewählte Teilnehmer zugelassen sind, schon geschrieben. Und wenn ich die vielen Artikel, die in der letzten Woche dazu geschrieben wurden, mal wieder so durchlese, dann wird einem das Herz schon schwer, nicht dabei sein zu dürfen. Aber diesmal haben so viel Blogger darüber berichtet, dass man schon fast ein klein wenig das Gefühl haben kann, irgendwie dabei gewesen zu sein. Hier also nun ein Überblick. Michael Kienzl von critic.de war dabei und hat drüber geschrieben. Alex Klotz von hypnosemaschinen hat drei Artikel verfasst. Für jede Nacht einen. Lukas Foerster von Dirty Laundry war ebenfalls anwesend, berichtet von der 3. und 4. Nacht und macht ein Rating aller gesehener Filme. Für Negativ berichtet Michel Brodski über den Film OTTO LARA REZENDE OU…BONITA, MAS ORDINARIA.  „Soviel nackte Zärtlichkeit“ gibt es bei Udo Rotenberg auf Grün ist die Heide, und Thomas Groh auf Filmtagebuch. Weitere „Pärchen“: „Vulkan höllischer Triebe“ bei Udo und Thomas. „Das Paradies“ bei Udo und Thomas. „Die Ernte der sündigen Mädchen“ bei Udo auf L’Amore in cita  und Thomas. Den Rest findet man bei Oliver Nöding auf Remember It For Later und wieder bei Thomas Groh auf filmtagebuch. So, jetzt reicht’s aber auch mit Hofbauerkongress. Ich komme mir ja schon vor wie diese Typen, die ständig über Sex sprechen, aber noch nie mit jemanden… na, ihr wisst schon. Also, 12. Kongress hier und heute abgehakt.

– Der neue Scorsese ist da! Am 16. Januar startet „Wolf of Wall Street“ in Deutschland. Einige Blogger haben ihn schon vorab gesehen. So gesteht Alexander Matzkeit auf real virtuality dem Film eher skeptisch gegenüber und gesteht „Nach „Wolf of Wall Street“ habe ich ich schmutzig gefühlt“.

– Ronny Dombrowski ist auf Cineastic.de allerdings recht angetan und hält „The Wolf of Wall Street“ für Scorseses lustigsten Film.

– Apropos Scorsese. Dieser hat einen offenen Brief an seine Tochter geschrieben, in dem er einerseits auf das Kino zurückblickt, andererseits aber auch nach vorne schaut und dort nicht alles schlecht findet. Lesen kann man ihn auf PewPewPew, wo Sascha auch eine flammende Verteidigung für Michael Bay geschrieben hat, der gerade aufgrund eines völlig verunglückten Promo-Auftritts gerade überall mit Häme und Spott überschüttet wird.

– Auf Stubenhockerei wird es russisch. Vorgestellt werden zwei experimentelle Kurzfilme von Igor & Gleb Aleinikow. „Cruel Illness of Men“ und „I’m cold, so what?„. Sehr spannend.

– Wo wir gerade in Russland sind. Von dort kommt auch der Film, den Manfred Polack auf Whoknows presents vorstellt: „KHROUSTALIOV, MEIN WAGEN!“ vom bereits verstorbenen und mir bisher unbekannten Alexej German. Der klingt auch interessant.

– Philipp Stroh von Wieistderfilm?de verreißt den mir schon an anderer Stelle sehr empfohlenen „Leviathan“. Allerdings macht mich sein Verriss nur noch gespannter auf den Film. Ich glaube, der wird mir sehr gefallen.

– Wo wir gerade beim Verriss sind: Cinekie.de warnt ausdrücklich vor „Die Pute von Panem“. Und ich werde dieser Warnung gerne folgen.

– „Der Tod in Venedig“ ist ein wunderschöner Film, den ich immer wieder mit dem größten Genuss anschauen kann. Patrick Holzapfel von Jugend ohne Film geht es scheinbar ähnlich, denn er hat eine lange Liebeserklärung an Viscontis Meisterwerk verfasst. Dann möchte ich unbedingt auf Patricks Text über Martin Scorsese hinweisen, der meine alte und nicht immer unproblematische Liebe zu diesem Mann wieder neu entfacht hat – so sie denn mal erkaltet sein gewesen sein sollte. Danke für diese Analyse. Ferner hat er J.C. Chandors „All Is Lost“ gesehen und ist von diesem existentiellen Drama sehr angetan.

– „All Is Lost“ hat auch luzifus von the-gaffer.de gesehen und empfiehlt diesen ebenfalls ausdrücklich.

– Vor Kurzem ging mit viel Bohei die Meldung durch die Presse, ein bisher unveröffentlichter Hitchcock-Film sei entdeckt worden. Was es damit wirklich auf sich hat, wird auf B-Roll erklärt.

– Derrick!!!!! Michael Schleeh auf nachtsichtgeräte über die 3. Episode „Stiftungsfest“, die von Regie-Legende Helmut Käutner inszeniert wurde. Oliver Nöding auf Remember It For Later über die Episoden 13-18, bei denen u.a. Alfred Vohrer und Zbynek Brynych Regie führten.

– Beim letztjährigen Internationalen Filmfestival in Oldenburg lief auch der deutsche Film „Staudamm“, doch durch seine nichtssagende Beschreibung hatte ich den nicht auf dem Zettel. Wohl ein Fehler, denn nun wird er auch von dennis auf filmosophie sehr gelobt.

– Jennifer Ament hat für Daumenkino Steve McQueens „12 Years A Slave“ gesehen und resümiert: „Am Ende bleibt das paradoxe Gefühl, den Film noch einmal und gleichzeitig nie wieder sehen zu wollen.“

– Den späten Stummfilm/frühen Tonfilmstar Anna May Wong finde ich ja hoch interessant. Leider weiß man viel zu wenig von dieser Dame, die auch „Die Tochter des Dr. Fu Manchu“ war. Ein Film, den totalschaden auf Splattertrash bespricht.

– Mal eine andere Meinung: Guido Rohm kann auf Hard Sensations nichts mit Nikos Nikolaidis tollem „Singapore Sling“ anfangen und versucht zu erklären warum. Alex Klotz stellt einen weiten Second-Life-Animationsfilm von Bruno Sukrow vor: „Dracula in Afrika“.  Jamal Tuschick hat, den lange Zeit aufgrund eines Verbotes seitens der Witwe von Berthold Brecht nicht aufführbaren, „Baal“ von Volker Schlöndorff mit dem jungen Rainer Werner Fassbinder gesehen. Sein Bericht. Und die Jahresbestenlisten der Hard-Sensations-Mitarbeiter, die mir allerdings in der Mehrzahl viel zu umfangreich und dadurch leider etwas nichtssagend ausgefallen sind.

– Einen Klassiker des neuen britischen Films haben sich Die drei Cineasten vorgenommen: „Kess“ von Ken Loach. Den habe ich damals sogar in der Schule gesehen.

– Schlombie haut auf Schlombies Filmreviews weiterhin Reviews im Dutzend raus. Interessant: Ein scheinbar arg missglückter „Tatort“ von Kult-Regisseur Buddy Giovinazzo und ein Knet-Animation Kurzfilm aus Australien.

– Noch ein sehr schöner Rückblick auf die Nordischen Filmtage von Peer Kling und Silke Möller-Wenghoffer gibt es auf Filmlandschaft.

– Sven Safarow beschäftigt sich auf Negativ mit den Politkino ala Hollywood aus den letzten Jahren. Teil 1 hier und Teil 2 dort.

– Harald Steinwender bricht auf Themroc eine Lanze für Ridley Scotts „The Counselor“, den er zwar auch insgesamt als gescheitert, aber immerhin recht interessant ansieht.

– Der Intergalatic Ape-Man stellt sich auf Intergalaktische Filmreisen die Frage: „Sharknado“ – Trash oder Müll?

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Zombie-Kurzfilm aus Bremen: „Spread and Infect: The Escape“

In Bremen gibt es einige sehr aktive und dabei auch recht erfolgreiche Genre-Filmemacher, wie z.B. Daniel Flügger, dessen „Zombie Warrior“ wir vorletztes Jahr im Rahmen unserer Reihe „Weird Xperience“ als Vorfilm gezeigt haben, und der auch auf dem vorletzten Phantastival mit einem Beitrag präsent war. Doch der großen Allgemeinheit bleiben deren Werke leider oftmals vorenthalten. Morgen hat man im City 46 die Gelegenheit, mal wieder einen Bremer Zombiefilm auf der großen Leinwand zu sehen.

Wie im „Weser Kurier“ zu lesen war, haben Andreas Schmitz und Sven Nienaber in und vor der Capri-Bar im Viertel einen Zombie-Kurzfilm mit dem Titel „„Spread and Infect: The Escape“ gedreht. Dieser war ursprünglich für das Super-8-Festival des Bremer Filmbüros geplant, doch aufgrund eines technischen Defekts war das Super-8-Material unbrauchbar geworden, so dass nun morgen die Videofassung bei der 49. Young Collection im Kommunalkino City 46 seine Premiere feiert (Sonnabend, den 11. Januar, 20.30 Uhr).

Mehr darüber auf der Seite des Weser Kuriers: http://www.weser-kurier.de/

Pssst… wer’s gar nicht erwarten kann, hat auch die Möglichkeit, den knapp 3,5-minütigen, schön gemachten Film auf YouTube zu sehen.

[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=-OW4DVMM6P0[/youtube]

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