Bericht vom 24. Internationalen Filmfest Oldenburg – Teil 1

Und wieder Oldenburg! Das ganze Jahr schon habe ich mich auf die tollen Tagen auf dem Internationalen Filmfest Oldenburg gefreut, die ich dieses Jahr erstmals auf ganze drei (Freitag, Samstag und Sonntag) ausgedehnt hatte. Freitag ging es frühzeitig mit meinem Weird-Xperience-Kollegen Stefan los. Bloß nicht wieder so in Stress kommen, wie in den Vorjahren. Wie immer hatte ich mir im Vorfeld einen ausgeklügelten Plan erstellt, welche Filme ich wann schauen wollte, damit man ein Maximum an interessanten Filmen ohne irgendwelchen Leerlauf mitnehmen konnte. Ein besonderes Augenmerk legte ich dieses Jahr dabei auf die Spielstätten, um einen nächtlichen Dauerlauf vom Casablanca ins cineK möglichst zu vermeiden. Wie oben geschrieben: Es sollte diesmal alles ruhig und entspannt vonstatten gehen.

Aber wie das immer so ist: Am Ende kommt es dann doch wieder alles ganz anders. So war der Start ins 24. Internationale Filmfest Oldenburg nicht nur ausgesprochen holprig, sondern auch extrem frustrierend, was am unglücklichen Zusammenspiel mehrerer Faktoren lag. Als ich im Möbelhaus Rosenbohm welches nun schon zum dritten mal als Pressezentrum des Filmfests diente, die Karten für die vor mir liegenden Tage holen wollte, musste ich erfahren, dass es für den Film „Never Here“, auf den ich mich sehr gefreut hatte, online zwar keine Karten mehr gäbe, ich aber noch Karten in der Filmfestzentrale im Café Käthe bekommen könnte. Also flugs auf den Weg gemacht. Da ich auf dem Weg zum Café Käthe eh an der Kulturetage (wo das cineK mit zwei Sälen beheimatet ist) vorbei kam, versuchte ich zunächst dort mein Glück. Allerdings teilte man mir dort mit, dass die Kasse noch nicht geöffnet sei und eh noch niemand vom Filmfest-Team da sei. Ich könne aber warten. Na, da also eben zum Café Käthe, wo mich gleich zwei große Ernüchterungen erwarteten: Zum einen gab es auch dort keine Karten für „Never Here“ (die gäbe es nur in der Kulturetage und man wunderte sich, weshalb mir beim Pressecenter gesagt wurde, ich solle mir die Karten hier holen) und zum anderen musste ich erfahren, dass der Film „A Thought of Ecstasy“ von R.P. Kahl, den wir auf seine Eignung für Weird Xperience abklopfen wollten, in der unzensierten Fassung bereits ausverkauft war. Das brachte dann meinen ausgeklügelten Plan mal eben zum Einsturz. Nun im Galopp zurück zur Kulturetage.

Dort angekommen ging erst mal gar nichts, weil der Laptop für den Kartenverkauf nicht funktionierte. Naja, da noch gut eine ¾ Stunde Zeit war, war das ja nicht so schlimm. Doch bald begann die Uhr dann doch langsam runter zu ticken. Die zunächst sehr freundliche, wenn auch in dieser Situation recht hilflose junge Dame vom Filmfest, rief sogar auf meine Bitte irgendwo an, um festzustellen, ob es überhaupt noch Karten gäbe. Ja, es gäbe noch ein Kontingent von sechs Karten, aber da käme sie noch nicht ran – weil ja der Laptop kaputt wäre. Also beschloss ich weiter zu warten und nicht kurzfristig umzudisponieren, was da noch möglich gewesen wäre. Als ein neuer Laptop gebracht und angeschlossen wurde, hieß es dann, diese sechs Karten wären noch nicht freigeben. Dann hieß es plötzlich, die Karten wären für Schauspieler und die Macher des Filmes reserviert, falls die kommen würden. Da ich mir nicht vorstellen konnte, dass plötzlich sechs Leute, die an „Never Here“ beteiligt waren, auftauchen, geschweige denn so viele überhaupt in Oldenburg wären, war ich noch guter Dinge. Fünf Minuten vor der Vorstellung waren immer noch keine Karten freigeben. Fünf Minuten NACH Vorstellungsbeginn, kam dann ein junger Mann und meinte, das kleine cineK Muvi sei jetzt voll, und es würde keiner mehr reingelassen. Für meinen Wutausbruch möchte ich mich an dieser Stelle entschuldigen, aber das musste da einfach raus, nachdem ich fast eine Stunde geduldig gewartet hatte. Die Leute in der Schlange hinter mir waren über diese Entwicklung der Dinge ebenfalls nicht sonderlich erfreut und recht missmutig. Immer noch stark verärgert nahm ich ein Ticket für den einzigen Film, der nun noch machbar war zu gucken: Der mir gänzlich unbekannte „Morgen“, den ich bei meinen Planungen scheinbar sehr frühzeitig ausgeschlossen hatte und der jetzt im größeren cineK Studio lief.

MORGEN – Nach dieser für mich doch sehr frustrierenden und auch nervenaufreibenden Vorgeschichte, hatte „Morgen“ natürlich erst einmal schlechte Karten. Zumal ich durch den ganzen Ärger auch noch den Filmbeginn verpasst hatte. „Morgen“ wurde von einem fünfköpfigen Regiekollektiv (Amina Krami, Angela Queins, Felix Giese, Jan Gilles und Nola Anwar) gedreht und hat ein ziemlich interessantes Thema. Ein Dorf soll dem Erdboden gleichgemacht werden, da das Gebiet zum Braunkohleabbau gebraucht wird. Das kommt im Ruhrpott wohl tatsächlich häufiger mal vor. Die Bewohner werden dann auf Staatskosten umgesiedelt. Der Film begleitet nun einige Bewohner dieses Dorfes. Das alles ist natürlich auch eine große, kraftvolle Metapher auf das Thema Abschied als solches. Abschied von geliebten Menschen, von Erinnerungen, von der Kindheit, von der Familie.

Die mir bislang unbekannten Schauspielern machten ihre Sache ausgesprochen gut und spielten sehr authentisch. Teilweise fanden die Filmemacher (von denen jeder für einen Erzählstrang verantwortlich war, erst im Schnitt kamen wieder alle zusammen) starke Bilder, die wirklich Kino und kein verkapptes Fernsehen sind. Vor allem muss man hervorheben, dass der Film sehr unaufgeregt und nicht überambitioniert, sondern souverän inszeniert wurde. Allerdings gibt es in „Morgen“ leider auch ein eklatantes Manko. Die Filmemacher scheinen so tief drin in ihren Geschichten und Figuren gewesen zu sein, dass oftmals vergessen haben zu erklären, wer die Figuren sind, denen man hier folgen soll. Auch ihr Verhältnis zueinander wird, ebenso wie ihre Sorgen Weiterlesen

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Das Bloggen der Anderen (23-10-17)

– Der Grund, weshalb es letzte Woche kein „Bloggen der Anderen“ gab war, dass ich mich erst einmal vom Deliria-Italiano-Forentreffen in München erholen musste. Mauritia Mayer vom Blog Schattenlichter war auch dabei und hat einen kleinen Bericht über die Sause geschrieben. Und ferner geht sie auch noch mal etwas detaillierter auf unseren „Überraschungsfilm“ ein.

– Eines der Hauptthemen der letzten Wochen war das ekelhafte Verhalten von Herrn Weinstein. Jetzt melden sich auch die Weinstein-Nutznießer zu Wort und geben sich natürlich betroffen. LZ von screen/read hat sich Quentin Tarantinos Statement vorgekommen und zeigt sich ziemlich angewidert.

– Auch Sonja Hartl von B-Roll beschäftigt sich mit dem Fall Weinstein. Andreas Köhnemann nimmt das Gerne des Bio-Pics näher unter die Lupe und Lucas Barwenczik analysiert das Phänomen des „Kinos gegen politische Korrektheit“.

– Patrick Holzapfel von Jugend ohne Film hat die Viennale besucht und war hingerissen von Valeska Grisebachs „Western“, während Rainer Kienböck – bis auf ein, zwei Kritikpunkte – Barbara Alberts „Licht“ sehr mochte.

– Letzte Woche lief auf das Filmfest in Braunschweig, zu dem ich es entgegen anderer Pläne dann doch nicht geschafft habe. In der von meinem 35-Millimeter-Kollegen Clemens toll kurierten Reihe „Witches at Midnight“ liefen zwei Filme, die ich bereits letztes Jahr in Oldenburg sehen konnte. Michaline Saxel vom Blog Daumenkino waren da und hat „The Love Witch“ und „The Noonday Witch“ gesehen und war ähnlich angetan, wie ich damals.

– Frédéric Jaeger und Till Kadritzke haben für critic.de auf dem Filmfest Hamburg ein Interview mit Eliza Hittman über ihren Film „Beach Rats“ gesprochen.

– Bald ist Halloween und daher sind Horrorfilme und Horrorthemen auf den Filmblogs sehr präsent. Filmlichtung hat sich wieder einmal in die Filmgeschichte bekannter Gruselgestalten eingearbeitet. Diesmal „Hexen“ und „Zombies“.

– Auf film-rezensionen.de hat Oliver Armknecht viele gute Worte über „The Autopsy of Jane Doe“, der auch anderswo immer wieder gelobt wird.

Robert Zion stellt auf seinem Blog Gordon Hesslers „Cry of the Banshee“ (deutscher Titel: Der Todesschrei der Hexen) von 1970 mit Vincent Price vor.

– Im Rahmen des Horrorctober 2017 schreibt Allesglotzer über den deutschen Vampirfilm „Wir sind die Nacht“, den ich auch immer mal recht gerne schauen wollte. Allerdings ist er nicht besonders begeistert von dem Film.

– Einen absoluten Klassiker des deutschen Horrorfilmes hat sich Schlombies Filmbesprechungen ausgesucht: Murnaus „Nosferatu“.

– Nach so viel Schrecken etwas Sex: Oliver Nöding schreibt auf Remember It for Later über Claude Mulots „Le sexe qui parlé“. Außerdem führt er seine Reihe mit Besprechungen klassischer Godzilla-Filme fort. Diesmal u.a. mit „Frankenstein und die Monster aus dem All“.

– Sascha Schmidt stellt auf Okaeri einen der – wie ich finde – schönsten japanischen Filme überhaupt vor: Takeshi Kitanos „Kikujiros Sommer“.

Vier Films noirs von Joseph H. Lewis gibt es auf dem Magazin des Glücks.

Short Cuts Totale führt seine Ingmar-Bergmann-Retrospektive fort. Diesmal mit „An die Freude“ und „Einen Sommer lang“ von 1950 bzw. 1951.

– Einen Film, den ich in meiner Kindheit sehr geliebt – wenn auch nur einmal gesehen – habe ist „Little Big Man“. Sebastian von Nischenkino kann diese Begeisterung leider nicht so ganz teilen.

– Kein Kino, aber fast. Zeilenkino schreibt über die Stuttgart-Tatorte von Dietrich Brüggemann und Dominik Graf.

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Nachruf: Umberto Lenzi (1931-2017)

Vor einigen Wochen hatte ich eine Idee. Ich lasse mir beim Copy Shop um die Ecke ein T-Shirt mit einem Filmplakat-Motiv machen. Meine Wahl fiel auf „Die Viper“, die ich sogar als VHS-Kassette bei mir herumstehen hatte und deren Cover ich leicht scannen und aufhübschen konnte. Die Idee dazu hatte ich, als wir von Weird Xperience im Juni auf dem Schlachthof Open-Air „Die Gewalt bin ich“ gezeigt haben, und ich mir da schon ähnliches als Gag für unsere Einführung gewünscht hätte. „Die Viper“ und „Die Gewalt bin ich“ haben zwei Gemeinsamkeiten: Die Regie führt Umberto Lenzi und die Rolle des Antagonisten hat der Anfang des Jahres verstorbene Tomas Milian übernommen. Als ich mir das T-Shirt dann das erste Mal überstreifte, wusste ich nicht, dass es recht bald ein Gedenken an zwei meiner Helden werden sollte. Nur sieben Monate nach Milian ist gestern, am 19.10.2017 auch Umberto Lenzi gestorben.

Lenzi, der ewig Unterschätzte. Lenzi, dessen Name vor allem für die Filme bekannt ist, die er selber am meisten verabscheute: Seine beiden Kannibalen-Schocker „Lebendig gefressen“ und „Die Rückkehr der Kannibalen“. Ich freue mich sehr, dass Lenzi in den vielen, teils sehr persönlichen, Nachrufen im sozialen Netz nicht auf diese beiden Filme reduziert wird. Sondern, dass vor allem auf seine actionbetonten, mitreißende Polizeifilme hingewiesen wird. Oder seine eleganten Gialli, die immer etwas mehr Bodenhaftung hatten, als die bahnbrechenden Werke von Bava, Argento oder Martino. Am meisten Stolz war Lenzi selber – wie ich einmal aus sehr gut informierter Quelle hörte – auf seine Kriegsfilme, die er Ende der 60er mit großer, internationalen Starbesetzung inszenierte.

Lenzi war ein großartiger Handwerker, der für den Film brannte, wie man nun immer wieder von Leuten ließt, die ihn persönlich kennenlernen durften. Jemand, der in allen Genres daheim war und historische Abenteuerfilme, ebenso wie Eurospy-Filme und Italowestern drehte. Jemand, der in seinen Filmen auch mal etwas wagte – wie bei der 1970 entstanden „Der Mann, den sie Pferd nannten“-Variante „Mondo Cannibale“, dem bitterbösen und tabu-brechenden „Der Berserker“ oder dem in seiner Überdrehtheit schon ins Parodistische gleitende „Labyrinth des Schreckens“. Und jemand, der ein verdammt gutes Auge für rasante Actionsequenzen, vor allem Autoverfolgungsjagden hatte, wie in seinem Polizeifilmen immer wieder eindrucksvoll bewiesen wird.

Dass Lenzi nie denselben Status wie seine seine Kollegen Fulci oder Martino (die je ebenfalls in unterschiedlichen Genres Zuhause waren) erreichte mag einerseits daran liegen, dass seine bekanntesten (weil berüchtigtsten) Filme eben seine späten Kannibalen-Filme (ein Genre, welches selbst unter Horrorfans umstritten ist) und der seltsame Actionfilm-Zombie-Hybrid „Großangriff der Zombies“ war. Letzterer irritiert durch seine sehr eigenwillige Interpretation des Zombie-Mythos (bzw. der „Infizierten“), die allerdings bereits 1980 einen Film wie „28 Days Later“ vorweg nimmt. Aber auch daran, dass Lenzi in der Regel auf viel Schnickschnack und Zierrat verzichtete und seine Geschichten lieber rau und mit Tempo vorantrieb. Er selbst sah sich dabei in der Tradition eines Sam Fuller oder Raoul Walsh.

In den späten 80ern war er ebenso wie sein Kollegen vom Niedergang der italienischen Filmindustrie betroffen. Da reichte es dann nur noch zu einigen niedrig budgetierten TV- und DTV-Produktionen, in denen nut selten das Feuer loderte, welches Lenzis‘ besten Filme ausmachten. Trotzdem gelangen ihm noch einige solide Werke, die sich durchaus sehen lassen konnten, wie „Return of the Hitcher“ oder „Black Zombies“. 1992 drehte er mit „Mean Tricks“ seinen letzten Film, zog sich aus dem Filmgeschäft zurück und begann Kriminalromane zu schreiben, die im Cinecitta der 30er und 40er Jahre spielen. Leider hat es von diesen Büchern bisher keines nach Deutschland geschafft hat. Ein leidenschaftlicher Filmliebhaber ist er aber dem vernehmen nach bis ins hohe Alter geblieben. So schrieb er eine regelmäßige Kolumne in der italienischen Filmzeitschrift „Notturno“, wie Wikipedia weiß. Nun ist er mit 86 Jahren in Rom verstorben.

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Blu-ray-Rezension: „The Eyes of My Mother“

Die kleine Francesca (Olivia Bond, später Kika Magalhães) lebt mit ihrer Mutter (Diana Agostini) und ihrem Vater (Paul Nazak) auf einer Farm irgendwo im Nirgendwo, als eines nachmittags – der Vater ist gerade unterwegs – plötzlich ein Fremder (Will Brill) vor dem Haus steht. Was an diesem Nachmittag passiert ist unfassbar grausam. Aber mit diesem Nachmittag fängt alles erst an…

Mit „The Eyes of My Mother“ hat Regie-Debütant Nicolas Pesce auf dem Sundance Festival einen recht anständigen Erfolg gehabt. Kein Wunder, ist doch „The Eyes of My Mother“ einer amerikanischer Indie-Film par excellence. Sehr künstlerisch gemacht, mit dem Blick für schöne Bilder und dem Willen zur Provokation, wobei diese aber nur zartere Gemüter wirklich auf der Bahn werfen dürfte. Nicolas Pesce hält immer die Balance aus einer gewissen Wildheit und einem Hang, es dem Zuschauer dann doch irgendwie erträglich zu machen. Das ist alles nicht schlecht, aber man hat das Gefühl, dass hier mit Blick auf ein typisches Arthouse-Klientel, welches zwar gerne mal schockiert, aber nicht in seinen Grundfesten verstört werden möchte. Da kann man sich dann des Eindrucks der angezogenen Handbremse nicht gänzlich erwehren. Vielleicht hätte etwas weniger Stilwillen und etwas mehr Mut zu einer völligen Befreiung seiner schönen Bilder gut getan. So bleibt der Film zwar trotz seinen teilweise recht unangenehmen Bilder merkwürdig keusch.

Nicolas Pesce arbeitet bei „The Eyes of My Mother“ viel mehr Leerstellen, die immer wieder Unaussprechliches andeuten, es aber vor dem Blick des Zuschauers verstecken. Manche Schnitte überspringen dann auch größere Zeitraume, was zu einem Gefühl der Desorientierung führt. Trotzdem hat man immer das Gefühl, Pesce hätte – vielleicht unbewusst – beim Dreh die Schere im Kopf gehabt, um ein Sektglas-schwenkendes Arthouse-Publikum nicht zu verprellen. Ähnlich wie Danny Boyle bei seinem „wasch mich, aber mach mich nicht nass“-Melodram „Slumdog Millionaire“. Vielleicht hätte sich Pesce da etwas mehr von dem jungen mexikanischen Bilderstürmer Emiliano Rocha Minter abgucken sollen, der gerade mit „We Are the Flesh“ für Furore sorgt und gerade nicht irgendwelche Kompromisse eingeht. Ein echter Tabu-Brecher ist „The Eyes of My Mother“ jedenfalls nicht geworden. Auch wenn der größte Horror immer im Kopf entsteht, hat man dann doch das Gefühl, dass Pesce seine Auslassungen, Andeutungen immer auch als Schlupfwinkel nutzt, um es „nicht so schrecklich schlimm“ werden zu lassen. Stichworte: Kannibalismus, Nekrophilie und sexuelle Ausbeutung. All dies kann man sich denken – oder eben in einer Art Abwehrmechanismus auch nicht. Ideales Futter für Leute, die sich mal hübsch schockieren lassen möchten – aber bloß nicht zu viel.

Man muss Pesce aber zugestehen, dass er am Ende seines Filmes einige bemerkenswerte Bilder findet, die nicht nur an guten J-Horror (den modernen japanischen Horrorfilm seit „Ring“) erinnert, und seine Geschichte zu einem konsequenten Ende zu führen. Gerade in den Momenten, in denen Pesce nicht halbherzige Geschmacklosigkeiten ausprobiert, sondern sich ganz auf seine umwerfende Hauptdarstellerin Kika Magalhães konzentriert und in ihre Gefühlswelt eintaucht, wird „The Eyes of My Mother“ sehr stark. Und selbstverständlich muss man Pesce und seinem Kameramann Zach Kuperstein attestieren, dass sie einen sehr guten Blick für Bilder und vor allem Ausstattung haben. Das zeitlose Haus in dem Francesca lebt, ist ein förmlich der zweite Hauptdarsteller in diesem Film. Optisch sieht „The Eyes of My Mother“ einfach wunderschön aus, auch wenn vielleicht eine grobschlächtigere, realistischere Bildgestaltung eine noch stärkere Wirkung erzählt hätte. Hier stehen die attraktiven Bilder zwar in einem angenehmen Kontrast zum Inhalt, schwächen diesen aber auch etwas ab, da der Zuschauer auf eine artifizielle Ebene gelockt wird.

Am Ende dieser Besprechung möchte ich noch etwas ergänzen. Diese Review der Blu-ray hatte ich schon vor einigen Wochen geschrieben und lasse sie auch so stehen, da sie meinen ersten Eindruck des Filmes widerspiegelt. Vor einigen Tagen hatte ich allerdings das Vergnügen „The Eyes of My Mother“ ein zweites Mal, diesmal im Kino, zu sehen und muss diesen ersten Eindruck leicht revidieren. Im dunklen Saal und auf der großen Leinwand entwickelt der Film noch einmal eine ganz andere Kraft, die einen – im Zusammenspiel mit einem fantastischen Sounddesign – doch weitaus mehr in den Sitz drückt, als es bei der „Sofa-Session“ der Fall war. Auch kam mir der Film hier sehr viel unangenehmer vor, als bei der ersten Begutachtung vor dem Fernseher. Ob es nun daran liegt, dass man als Zuschauer dem Film im dunklen Kinosaal sehr viel mehr „ausgeliefert“ ist, dass man auf der Leinwand mehr garstige Details entdeckt oder generell die Erwartung aufgrund des Vorwissens eine andere war, kann ich nicht sagen. Tatsache ist aber, dass „The Eyes for My Mother“ ein Film ist, den man unbedingt im Kino gesehen haben sollte. Schade, dass bei uns in Bremen gerade mal eine Handvoll Zuschauer diese Chance wahrnahmen.

„The Eyes of My Mother“ ist ein in prächtig-elegante Bilder gehüllter Film, bei dem man allerdings das Gefühl hat, dass einiges an Potential auf der Strecke bliebt, da er sich eher nach dem typischen Indie-Sundance-Publikum ausrichtet, anstatt ungebremst durchzuziehen. Nichtsdestotrotz hat der Film einige erinnerungswürdige Momenten, die vor allen vor der wundervollen Hauptdarstellerin Kika Magalhães und den eleganten, wenn auch künstlichen Bilderwelten des Kameramanns Zach Kuperstein getragen werden.

Die Bluray aus dem Hause Bildstörung lässt das Bild in all seiner Pracht erstrahlen. Die Qualität der schwarz-weiß Bilder ist makellos. Auch der Ton ist klar und sehr gut verständlich, die Untertitel hervorragend lesbar und gut übersetzt. Auch im Bonusbereich wird der von Bildstörung gesetzte hohe Standard gehalten. Neben einem Audiokommentar mit Regisseur Nicolas Pesce gibt es noch ein einstündiges, hochspannendes Interview mit dem Regisseur. Weitere Extras sind die dreiminütige „Behind the Scenes Galerie“ und das Musikvideo „Out of Touch“ von Iyves, bei dem Pesce bereits 2014 mit Kika Magalhães und Zach Kuperstein zusammenarbeitete. Nicht zu vergessen: Es gibt auch ein 16-seitiges Booklet mit einem Text von Thorsten Hanisch.

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Das Bloggen der Anderen (09-10-17)

– Für jemanden wie mich, der eine immer wieder unter Zuschauermangel leidende Filmreihe mitbetreut ist der Artikel über Chancen und Risiken eines „Abo-Systems“ der Kinos, den Lucas Barwenczik auf B-Roll veröffentlicht hat, ausgesprochen interessant. Für andere aber sicherlich auch. Olga Galicka hingegen nimmt sich des neuen russischen Kinos an.

– Patrick Holzapfel setzt sich sehr persönlich und ausführlich auf Jugend ohne Film mit Hong Sang-soos Film „On the Beach at Night Alone“ auseinander, während sich Rainer Kienböck weiterhin mit dem Werk Ruth Beckermanns auseinandersetzt.

– Der Kinogucker erinnert kurz an die 1980 erstmals erschienene „Filme – Neues und Altes vom Kino“, die es nur 13 Ausgaben lang gab.

– Gute und empfehlenswerte Kinderfilme zu finden ist gar nicht einfach. Darum freue ich mich immer, wenn Rochus Wolff auf seinem Blog Kinderfilmblog einen neuen Film vorstellt. Diesmal zeigt er sich begeistert von: „Captain Underpants – Der supertolle erste Film“.

Filmlichtung hat sich sehr viel Mühe gegeben und eine Geschichte des Vampirs im Film zusammengetragen.

– Apropos Horror: Volker Schönenberger bespricht auf Die Nacht der lebenden Texte einen meiner liebsten und merkwürdigsten Horrorfilme der frühen 70er: „Die lebenden Leichen des Dr. Mabuse“ – garantiert ohne Mabuse, dafür mit Vincent Price, Peter Cushing und Christopher Lee.

– Endlich mal etwas Neues von Sascha. Seine Seltsamen Filme des Herrn Nolte widmen sich diesmal einem recht unbekannten und raren Horrorfilm des französischen Pornofilm-Regisseurs Francis Leroi: „Der Dämon der Insel“, immerhin mit Jean-Claude Brialy. Interessanterweise wurde mir der Film kürzlich auch an anderer Stelle sehr ans Herz gelegt.

– Lukas Forester beschäftigt sich auf Dirty Laundry mit dem Hongkong—Kino jenseits der bekannten Martial-Arts-Filme. „The Lady Hermit“ vom großartigen Ho Meng Hua hat es postendend auf meine „Suchliste“ geschafft. Und „The Boxer’s Omen“ von Kuei Chi Hung, hat ja vor kurzem auch Oliver Nöding empfohlen.

– Oliver selber setzt sich auf Remember It For Later weiterhin mit Hisayasu Satō auseinander und bespricht dessen berüchtigten „Lolita vib-zeme“ aka „Lolita Vibrator Torture“.

– Sebastian schreibt auf Nischenkino über „The Prisoner“, der hier als Jackie-Chan-Film beworben wird, obwohl der Superstar nur eine kleine Rolle hat. Trotzdem gehört „The Prisoner“ seit eher zu meinen liebsten guilty pleasures.

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Das Bloggen der Anderen (02-10-17)

– Vor zwei Wochen war ich auf dem Internationalen Filmfest Oldenburg (Bericht folgt noch). Auf film-rezensionen.de habe ich ja jetzt einige Filme gefunden, die in Oldenburg liefen. Der tolle „Spit ’n‘ Split“ lief auch auf dem /slash-Filmdestival, „Winter Brothers“ auf dem Film Festival Colonge und „The Nile Hilton Affäre“ erhält demnächst einen deutschen Kinostart. Ferner empfiehlt Oliver Armknecht den österreichisch-deutschen Horrorfilm „Hagazussa“, der im 15. Jahrhundert spielt. Der ist schon mal vorgemerkt.

– Derzeit findet auch das Filmfestival San Sebastián statt, wo Andreas Köhnemann für B-Roll einige interessante Filme sehen konnte. U.a. den lang erwarteten „The Disaster Artist“ von und mit James Franco über die Dreharbeiten zum legendären „The Room“. Von dem sehr vielversprechend klingenden „Marrowbone“ von Sergio G. Sánchez, Barbara Albrechts „Licht“ und Robert Schwentkes Deutschland-Comeback „Der Hauptmann“ („ein kinematografisches Biest in Schwarz-Weiß“), ist Andreas Köhnemann ebenfalls sehr begeisterte. Lucas Barwenczik schreibt über Hollwoods ewige Krise, seine teuren Flops und wie sich die junge Talente für teure Blockbuster zu verpflichten, sich wieder umgekehrt hat.

– Sascha Schmidt stellt Okaeri das Ghibli Museum Tokio vor.

Filmlichtung hat einen Artikel über die Geschichte des „Filmen übers Filme“ geschrieben.

– Simon Wiener fragt auf Jugend ohne Film: „Mögen wir Filme nur dann, wenn wir uns selbst darin wiedererkennen? Gibt es überhaupt Filme, in denen wir uns nicht wiedererkennen?“

– Morgen Luft legt auf Cinematographic Tides dar, weshalb Ingmar Bergmans „Persona“ für sie ein ganz besonderer Film ist.

– Mauritia Mayers erste Sichtung von „The Vvitch“ stand unter keinem guten Stern. Beim zweiten Mal war es schon erfolgreicher und da erinnert sie der Film an Brunello Rondis „Il demonio“, wie sie auf Schattenlichter berichtet.

– DeDavid von den Drei Cineasten bespricht den Film „A Ghost Story“, dessen Trailer bereits meine Neugier geweckt hatte.

– Auf critic.de hat sich Michael Kienzl dem Film „Raw“ angenommen, über den ich auch schon anderswo gelesen hatte und der mir ein bisschen Angst macht.

– Achtung! Schmuddelalarm! Totalschaden schreibt auf Splattertrash über den zweiten Teil der „Lass jucken, Kumpel“-Saga und ist begeistert, wie „Das Bullenkloster“ mit „Bravour, Lokalkolorit und Schmuddelei zu einem schwungvollen Ganzen verbindet“.

– Bluntwolf bezeichnet auf Nischenkino den mir bisher unbekannten „König der Shaolin“ als „einen der besten Shaw Brothers-Filme“. „Spaßig, effizient in Punkto Tempo und letztlich höchst beeindruckend“. Meine Neugier ist geweckt.

– Oliver Nöding von Remember It For Later hat einen schönen Text über den ersten „Godzilla“-Film geschrieben. Dann ist er gleich in Japan geblieben und stellt das Kino Hisayasu Satōs vor.

– Eine kurze Geschichte noch. Ich habe ja nichts dagegen, wenn Blogs Werbung auf ihrer Seite platzieren, aber was ich diese Woche gesehen habe, das geht gar nicht. Ohne jetzt einen Namen zu nennen, muss ich mal eben Luft ablassen. Ein Filmblog, den ich regelmäßig beobachte und wohl bestimmt irgendwann mal verlinkt habe, machte mich mit einem Artikel über Videopiraterie und deren Einfluss auf die Filmwirtschaft neugierig. Nach einigem oberflächlichen Blah-blah-blah wurden ohne Übergang im zweiten Absatz plötzlich Online Casinos gelobt – inklusive Link natürlich – bevor es dann weiter mit irgendwelchem völlig belanglosen Krams bezüglich der Umsätze der Filmindustrie weiterging. Ziemlich offensichtlich hatte der Blogger hier von jenen Angeboten Gebrauch gemacht, die auch mir regelmäßig das Postfach verstopfen und dann umgehend gelöscht werden. Solche nämlich, die gegen Geld irgendwelche von einer Agentur geschriebenen Artikel inklusive Links zum Kunden bei einem platzieren wollen. Kann jeder halten wie er will, aber solche von irgendwelchen Agenturen schnell zusammen geschusterten Werbedinger dann als „echten“ Blogger-Artikel zu verkaufen, finde ich schlimm. Ich habe dann auf dem besagten Blog noch weiter geguckt und weitere Artikel gefunden, die nur scheinbar filmrelevant sind, dann aber doch (mehr oder weniger) versteckt für Online-Spielautomaten oder Pizza-Bringdienste warben. Ich habe den Blog jetzt von meiner Liste gestrichen und werde das in ähnlichen Fällen auch in Zukunft so halten. Wie gesagt: Nix gegen Werbung – aber das so etwas für mich in erster Linie grobes Verarschen der Leser.

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Filmbuch-Rezension: Robert Lorenz „Heartland. Der US-amerikanische Südwesten im Film“

Robert Lorenz führt die, mir bisher unbekannte, Seite Filmkuratorium.de, auf der sich zahlreiche Film- und Serienbesprechungen, aber auch „Movie-Walks“ – also Drehortbegehungen, finden. Jetzt hat Robert Lorenz auch ein Buch als Print-On-Demand veröffentlicht. Dieses besteht ebenfalls aus Filmbesprechungen, die allerdings durch eine gemeinsame Klammer zusammengehalten werden. Das Buch heißt „Heartland. Der US-amerikanische Südwesten im Film“, was die Eingrenzung der Besprechungen vorgibt. Es handelt sich hier ausnahmslos um Filme, die in den südwestlichen US-Bundesstaaten zwischen Mississippi und Kalifornien spielen. Den heißen, ländlichen Gebieten, wo Gottesfurcht, Armut und Patriotismus hoch im Kurs stehen. Wo Dinge noch „selber geregelt“ werden, und der Rassismus seine hässliche Fratze zeigt. Aber auch ein Sehnsuchtsland, welches das Bild vom „Wilden Westen“ und dem „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ ebenso geprägt hat, wie den Mythos der Grenze. Und hier blühen einige der besten Geschichten, die das US-Kino zu bieten hat. Geschichten von Liebe, Rache, Verrat, Enttäuschung und Betrug.

Einige der großen und kleinen Filme, die in dieser mythischen Gegend spielen, hat Robert Lorenz in seinem sehr gut lesbaren Buch „Heartland“ versammelt. Insgesamt 30 Stück, die sich über 200 Seiten erstrecken, was für jeden Film vier bis acht Seiten bedeutet. Auf diesen Seiten stellt Lorenz den Film kurz vor, arbeitet heraus, was ihn so großartig und sehenswert macht, und spannt den großen Bogen zu dem einem Thema, welches alle Filme verbindet: Den Südwesten der USA. Dabei geht er chronologisch vor – was die Zeit angeht, in der die Filme spielen. Der erste von vier Teilen, in die das Buch gegliedert ist, beschäftigt sich mit dem „alten Westen“, die anderen Teile mit der Zeit der großen Depression, die „verspätete Moderne“ (den 50er-60er Jahren) und den „amerikanischen Träumen“ (die Zeit ab 1970). Dabei reicht die Bandbreite von dem Burt-Lancaster-Film „Apache“ von 1954 über Peckinpahs „Ballad of Cable Hogue“ und Walter Hills „Hard Times“ bis Peter Bogdanovics „Last Picture Show“ und „Der elektrische Reiter“ mit Robert Redford.

Wer tiefschürfende, psychologische, historische oder soziologische Analysen erwartet, der ist hier fehl am Platze. Darum geht es Lorenz auch gar nicht. In einem ausgesprochen angenehmen Plauderton schreibt er über die Filme, lobt hier und dort Crew und Schauspieler, arbeitet heraus, warum ihm dieser Film wichtig ist und wie er mit dem Thema Südwesten umgeht. Dies aber nie oberflächlich, sondern fundiert und jederzeit nachvollziehbar. Hat man erst einmal drei-vier dieser Besprechungen gelesen, fällt es einem schwer das Buch aus der Hand zu legen, sondern man ist versucht, den Band in einem Rutsch durchzulesen, was bei 224 Seiten auch nicht schwer fällt. Man hat das Gefühl, als ob einem in einer gemütlichen Bar ein netter und sympathischer Mensch gegenüber sitzt und bei einem kühlen Glas Bier von seinen liebsten Filmen erzählt. Da hört man gerne zu, nimmt hier und dort neue Information mit, schärft den Blick für das große Ganze und geht am Ende mit einer langen Liste von Filmen nach Hause, die man jetzt unbedingt mal sehen/wiedersehen möchte.

Bilder gibt es leider keine, das wäre bei Print-On-Demand auch kaum möglich. Es stört aber auch nicht. Abgerundet wird die Veröffentlichung mit einem Anhang, auf dem auf 20 Seiten noch Kurzbesprechungen aller vorgestellten Filme in alphabetischer Reihenfolge zu finden ist.

Robert Lorenz „Heartland. Der US-amerikanische Südwesten im Film“, epubli, 224 Seiten, € 12,80

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Blu-ray-Rezension: „Krieg im Weltenraum“

Auf der Erde geschehen seltsame Dinge. Eine Brücke schwebt in die Luft als gerade ein Zug angerauscht kommt, Venedig wird überflutet und eine Raumstation zerstört. Rasch stellt sich heraus, dass Außerirdische dahinterstecken und die Macht über die Erde übernehmen wollen. Die UN schickt daraufhin zwei Raumschiffe zum Versteck der Außerirdischen, welches sich auf dem Mond befindet…

Anmerkung: Alle Screenshots stammen von der ebenfalls enthaltenen DVD, nicht der Blu-ray.

Ishirō Honda ist nicht nur der „Vater“ von Godzilla, sondern hat in seiner langen Karriere auch zahlreiche andere Filme realisiert, die entweder den kaíju – den japanischen Monsterfilmen – oder dem Science-Fiction-Genre zugeordnet werden können. Während seine kaiju hierzulande recht bekannt sind und eine unglaubliche Fangemeinde hinter sich wissen, so laufen seine Science Fiction Filme bisher noch etwas unter dem Radar. Und dies obwohl in den 50er und 60er Jahren die meisten dieser Werke den Weg in den Westen und zumeist über den Umweg USA auch nach Deutschland fand. Trotzdem sind Filme wie „Weltraumbestien“ oder „UFOs zerstören die Erde“ trotz eines Kinostarts noch recht unbekannt. Anolis hat innerhalb seiner Reihe „Rache der Galerie des Grauens“ bereits Hondas „Das Grauen schleicht durch Tokyo“ veröffentlicht, nun folgt der zweite Schlag mit „Krieg im Weltenraum“. Es bleibt zu hoffen, dass zukünftig auch weitere Filme aus Hondas eher unbekannteren Schaffen in solch liebevollen Editionen in Deutschland erscheinen.

Dass der Film nicht bekannter ist und kein großer Fankult um ihn herum entstanden ist, kann aus heutiger Sicht nur schwer nachvollzogen werden. Kinder und Jugendliche, die ihn 1959 im Kino gesehen haben, müssten eigentlich förmlich weggeblasen worden sein von den Spezialeffekten, die ihrer Zeit weit voraus waren. Zwar ist noch lange kein „2001“-Standard erreicht worden (der ja auch erst neun Jahre später mit weitaus größeren finanziellen Ressourcen entstand), vergleicht man „Krieg im Weltenraum“ aber mit zeitgleich entstandenen US-Produktionen oder den italienischen Science-Fiction-Filmen eines Antonio Margheriti (an die man stellenweise stark erinnert wird) aus den 60er Jahren, dann liegen dazwischen Welten. Bunt und einfallsreich geht es bei „Krieg im Weltenraum“ zu, und was man von Raumschiffen, Raumstationen und Mondbasen zu sehen bekommt, sieht einfach verdammt gut aus. Da sieht man keine Fäden im Bild hängen, keine Glühlämpchen die Sterne simulieren. Natürlich wirkt auch „Krieg im Weltenraum“ zu keinem Zeitpunkt übermäßig realistisch, aber so professionell und kompetent gemacht, dass es einfach eine große Freude ist, die wunderhübschen Modelle zu betrachten.

Ein Grund, weshalb „Krieg im Weltenraum“ nicht der vielgeliebte Klassiker wurde, den alle Welt kennt, mag an der Handlung liegen, die auf viele Personen verteilt wird, so dass man keinen eindeutigen Helden ausmachen kann, dem die ungeteilte Sympathie gilt. Auch wirken die Szenen, in der UNO-Mitglieder bei einer großen Konferenz in Tokio große Reden halten, im Gegensatz zu den Weltraumszenen eher unfreiwillig komisch. Auch das insbesondere in den späteren Godzilla-Filmen immer wieder auftauchende Motiv der außerirdischen Geisteskontrolle, kann nicht unbedingt überzeugen und wirkt eher bemüht, um etwas Schwung in den Mittelteil zu bekommen. Wie auch seltsame Szenen, in denen Crewmitglieder der Raumschiffe plötzlich anfangen durch das Schiff zu schweben, weil sie unachtsam mit der Schwerkraft waren (also ob man diese einfach besiegen kann, indem man sich vernünftig konzentriert) sorgt eher für hochgezogene Augenbrauen. Sind die irdischen Raketen aber erst einmal auf dem Mond gelandet, darf man all dies aber wieder vergessen, denn die Expedition auf dem Erdtrabanten ist wunderbare Science-Fiction, so wie sie Spaß macht. Da gibt es überall was zu entdecken, knallbunte, blinkende und leuchtende Raumbasen, überdimensionierte Strahlenwaffen und bizarre Außerirdische.

Sobald sich die Action dann wieder auf die Erde verlagert wird, geht dem Filmfreund erst recht das Herz auf.Dann dürfen sich Tohos Trickspezialisten so richtig austoben und ein Zerstörungsfeuerwerk abfackeln, gegen das Ray Harryhausens Arbeit an „Fliegende Untertassen greifen an“ fast schon unspektakulär wirkt. Mit großer Freude werden da Gebäude in die Luft gesprengt, die Freiheitsstatur zerpulvert und generell alle Sehenswürdigkeiten der Welt platt gemacht, während Raketen durch den Himmel sausen.Wer ein Herz für solch kindliche Zerstörungswut hat, der ist hier genau richtig. Untermalt wird dies alles mit einem typischen Akira-Ifukube-Soundtrack, der vor allem für seinen herrlichen „Godzilla“-Marsch und generell für die meisten Soundtracks der klassischen „Godzilla“-Reihe und zahlreiche andere kaijun-Klassiker verantwortlich war. Hier trifft seine immer leicht swingend klingende Militärmusik wieder einmal perfekt den Ton des Filmes.

„Krieg im Weltenraum“ ist ein knallbuntes, durchaus spektakuläres Science-Fiction-Abenteuer vom „Godzilla“-Vater Ishirō Honda, welches mit liebevollen Spezialeffekten und viel Toho-typischer Zerstörung aufwartet. Da drückt man gerne eine Auge zu, wenn die Zeichnung der Figuren recht oberflächlich geraten ist.

Der achte Teil der „Rache der Galerie des Grauens“ ist wieder ein Doppel-Disc-Set mit einer Blu-ray und einer DVD. Die Bildqualität der Blu-ray ist sehr gut, die Farben sehr kräftig, das Bild klar oder „klinisch“ auszusehen. So müssen Filme aus den 50er Jahren in HD aussehen. Dadurch sind die Trickeffekte natürlich einfach zu durchschauen, was sich aber nicht vermeiden lässt. Der Ton liegt in deutsch (mit einer wundervollen zeitgenössischen Kinosynchronisation), japanisch und englisch vor. Man kann zwischen der japanische Fassung, sowie amerikanische bzw. deutsche Kinofassung wählen. Als Extras sind wieder zwei Audiokommentare mit an Bord, einer mit Dr. Rolf Giesen und Jörg M. Jedner (der auch zusammen mit Jo Steinbeck das informative, schön bebilderte 20-seitige Booklet verfasste), und ein weiterer mit Steve Ryfle und Ed Godziszewski, die gemeinsam an der Dokumentation „Bringing Godzilla Down To Size: The Art Of Japanese Special Effects“ gearbeitet haben. Daneben gibt es Filmtrailer, eine etwa 8-minütige Super-8-Fassung, Werberatschläge, Filmprogramme und Bildergalerien.

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Am Sonntag: Weird Xperience zeigt „Opera“

Juchu! Am Sonntag, den 10. September starten Stefan und ich mit unserer Filmreihe Weird Xperience endlich wieder durch! Nach einem kurzen Zwischenspiel in der Schwankhalle und zwei wunderbaren Abenden beim Open-Air-Kino am Schlachthof, zieht es uns endlich wieder dorthin, wo wir uns am Wohlsten fühlen: In einen Kinosaal!

Ab September sind wir erst einmal für vier Vorstellungen (an jedem zweiten Sonntag des Monats zur besten Sendezeit um 20:45 Uhr) im Cinema Ostertor zu Gast und hoffen auf große Unterstützung, damit wir dort auch 2018 bleiben dürfen. Dafür haben wir ein feines Programm zusammengestellt, welches wir in Kürze vorstellen werden.

Beim ersten Film der „neuen Saison“ handelt es sich um Dario Argentos „Opera“, der einst bei uns in Deutschland nur auf VHS in einer fürchterlichen Vollbildversion und obendrein brutal geschnitten seine Premiere hatte. Wir zeigen ihn natürlich in seiner ganzen Breitwand-Pracht und selbstverständlich ungekürzt!

Die junge Opernsängerin Betty bekommt die weibliche Hauptrolle in einer Aufführung der Verdi Oper „Macbeth“, nachdem die ursprüngliche Hauptdarstellerin von einem Auto überfahren wurde. Die Oper wird von Marco, einem ehemaligen Horrorfilmregisseur inszeniert. Wie in seinen Filmen, wird die Oper auch hier zu einem Ort des Grauens. Ein unbekannter Verehrer Bettys entpuppt sich als mörderischer Psychopath, der seine grausigen Morde so arrangiert, dass die Sängerin dabei zusehen muss…

Der ebenso bildgewaltige, wie blutrünstige Psychothriller des italienischen Großmeisters Dario Argento zieht mit seinen eleganten Kamerafahrten und blutigen Morden den Zuschauer von Anfang an in seinen Bann. Andreas Köhnemann schreibt anlässlich der Wiederaufführung auf kino-zeit.de: „(Dieser) Giallo-Klassiker (…) ist ein filmisches Poem, das mindestens so viel Herz- wie Kunstblut aufbietet und daher bis heute nichts von seiner Wucht und seiner herrlich-obskuren Faszinationskraft verloren hat“. Und Prof. Markus Stiglegger bringt es auf den Punkt, wenn er in dem Standardwerk „Dario Argento: Anatomie der Angst“ schreibt: „Wenn letztlich nur ein Bild von Dario Argentos Kino bleiben sollte, dann müsste es dies sein: die in purem Terror aufgerissenen Augen von Cristina Marsillach, die in ‚Opera‘ durch Nadeln unter den Augenlidern gezwungen wird, der Ermordung ihres Liebhabers beizuwohnen – die Neugier zu sehen weicht dem Zwang zu sehen. Ein Entkommen ist unmöglich. Und ebenso ist es unmöglich, die Augen von Argentos Leinwand abzuwenden, so erschreckend seine Bilder auch sein mögen.“

Ein Film, gemacht für das Kino!

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„35 Millimeter“-Magazin: Ausgabe 22 erhältlich

Die neue „35 Millimeter – Retro-Filmmagazin“ ist da! Mein Gott, d.h. ich bin jetzt schon seit Ausgabe 7 dabei und seit Ausgabe 11 – jetzt also genau der Hälfte aller Ausgaben – in der Redaktion! Wie rasend schnell die Zeit vergeht. Ich weiß noch genau, wie ich die Idee hatte, unseren Herausgeber Jörg Matthieu zu fragen, ob ein Artikel über Pola Negri für das Magazin interessant sei und im Hinterkopf natürlich immer ein mögliches „Nein“ grummelte. Seitdem ist viel passiert und die ganze Sache hat sich, wie ich finde, hervorragend entwickelt. Immer wieder ist es mir ein Genuß, durch unsere Zeitschrift zu blättern und zu schauen, was die Kollegen da wieder alles an faszinierendem Material beigetragen haben. In der Nummer 22 ist das große Titelthema „Filmpionierinnen“ und ich habe eine längeren Artikel über die großartige Doris Wishman beigesteuert, welche mir bei der Recherche sehr ins Herz gewachsen ist, sowie zwei DVD-Reviews. Ferner gibt es noch ein großes Affen-Special vom Kollegen Markus Nowak, besser bekannt als Doc Acula, Betreiber von badmovies.de. Aber auch die anderen Autoren und Autorinnen haben wieder tolle Texte geschrieben.

TITELSTORY: FILMPIONIERINNEN

TITELSTORY – LOIS WEBER – Missionarin des Lichts
TITELSTORY – ALICE GUY-BLACHÉ – „Erlauben Sie mir, Ihnen meinen ‚Traumprinzen‘ vorzustellen…“
TITELSTORY – LENI RIEFENSTAHL – Eine Filmpionierin unter Beschuss
TITELSTORY – MAYA DEREN – Die Macht des Amateurs
TITELSTORY – DORIS WISHMAN – Die wundersame Welt der Doris Wishman – „After I die, I will be making movies in hell!“
TITELSTORY – ALICE O’FREDERICKS – Farcen, Familie und Frauen
TITELSTORY – DOROTHY ARZNER – Von der Kellnerin zur Filmpionierin
TITELSTORY – HENNY PORTEN – Eine vom Film
TITELSTORY – SHIRLEY CLARKE – Der Kampf gegen die Konventionen
TITELSTORY – MARY PICKFORD – The First

KOLUMNE: QUOD ERAT MONSTER! – HOW TO MAKE A MONSTER

SPEZIAL – DER AFFENFILM – Der Siegeszug der Stop-Motion
SPEZIAL – DER AFFENFILM – GORILLAWOOD – Das große Buch der Hollywood-Gorillas + Interview mit Ingo Strecker
SPEZIAL – DER AFFENFILM – Ein kurzer Blick auf den Affenfilm
SPEZIAL – DER AFFENFILM – Da laust einen der Affe – Sieben Affen-Filme, die sie wahrscheinlich nicht kennen

REZI-SPEZIAL: ZEUGIN DER ANKLAGE

DER FREMDE BLICK – Michelangelo Antonioni und seine Filme – Teil 5: Meisterwerke

INDIA CINEMA – V. SHANTARAM – Ein indischer Pionier

KOLUMNE: CINEMAZZURRO – DIE DREI GESICHTER DER FURCHT

KOLUMNE: DER VERGESSENE FILM – SEARCH FOR BEAUTY (1934)

Heft #22 kann man HIER für € 4,00 zzgl. Versand beziehen.

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