DVD-Rezension: “Stolen”

Will Montgomery (Nicolas Cage) ist einer der größten Bankräuber der USA. Doch eines Tages geht ein großer Coup schief und Will wandert für acht Jahre hinter Gitter. Die Beute allerdings bleibt verschwunden. Wieder in Freiheit, will er dem kriminellen Leben abschwören, doch sein ehemaliger – inzwischen vollkommen irre gewordener – Kollege Vincent (Josh Lucas) entführt Wills Tochter Alison (Sami Gayle ) und fordert das Geld aus ihrem letzten Raubzug: 10 Millionen Dollar. Dummerweise hat Will das Geld einst verbrannt. Als er die Polizei um Hilfe bittet, glaubt diese an einen Trick. Allein auf sich gestellt, setzt Will Himmel und Hölle in Bewegung, um seine Tochter aus den Klauen des wahnsinnigen Vincent zu befreien…

Nun also ist Nicolas Cage endgültig in der Welt der „DVD-Premieren“ angekommen. Wobei „Stolen“ in den USA scheinbar einen begrenzten Kinostart hatte. Hierzulande hat sich Splendid des Filmes angenommen und ihn ohne Umschweife auf DVD veröffentlicht. Auch wenn Nu Image hinter der Produktion steckt, die so manchen ihrer B-Filme mit abgehalfterten A-Stars aufwerten (z.B. den grässlichen „Righteous Kill“), kann man sich bei „Stolen“ auf das solide Handwerk seines Regisseurs Simon West verlassen. West ist kein Meisterregisseur, aber ein guter Handwerker, und das merkt man „Stolen“ auch an. Der Film steht in der Tradition der kleinen B-Thriller, die früher auch gerne mal als „Double Features“ liefen und sich vor allem dadurch hervortaten, dass sie grundehrliche Unterhaltung ohne großen Anspruch ablieferten.

Dankenswerterweise scheint Nicolas Cage nicht so recht Lust auf den Film gehabt zu haben, denn er spielt – im Vergleich zu anderen Produktionen – mit angezogener Handbremse. Was gut ist, denn so müssen wir auf sein legendäres Overacting verzichten. Ich wage sogar zu behaupten, dass Cage hier eine seine besten Leistungen der letzten Jahre zeigt (den sehr schönen „Bad Lieutenant: Port of Call“, wo er dem Affen richtig Zucker gibt, mal außen vor gelassen). Auch die anderen Darsteller fallen nicht negativ auf und spielen ihren Stiefel routiniert runter. Danny Huston gibt den harten Cop mit einem heimlichen Herz für den bankenausraubenden Cage und hat ein lustiges, kleines Popeye-Doyle-Hütchen auf dem Kopf, welches ihm recht gut steht. Sami Gayle als Cages Tochter erfüllt ihre Standard-Rolle unauffällig, was auch für Malin Åkerman als Cages alter Kollegin und love interest gilt. Richtig aufs Gas drückt allein Josh Lucas als irrer Antagonist mit wirrem Blick, ebensolcher Haarpracht und natürlich vielen Tattoos. Dass er statt eines Beines eine Stahlschiene trägt, ist ein nettes Accessoire, aus dem der Film aber nicht besonders viel macht. Josh Lucas hat merklich Spaß daran, den Wahnsinnigen zu geben, und das färbt durchaus auch auf den Zuschauer ab. Also der Spaß, nicht der Wahnsinn.

Innovativ ist „Stolen“ beileibe nicht. Die gleiche Geschichte hat man so oder so ähnlich schon unzählige Male gesehen. Wenn man nett ist, spricht man von einem klassischen Stoff, wenn man es nicht ist, nennt man das ausgelutscht. Simon West scheint sich dessen durchaus bewusst zu sein, und so legt er gleich von Anfang an ein so hohes Tempo vor, dass einem der Gedanke, man habe die Geschichte schon mal gesehen, ebenso wenig kommt, wie die zahlreichen Logiklöcher auffallen. Die Zeit vergeht wie im Fluge, und da der Film es schafft, Tempo und Spannung über die volle Distanz zu halten, fühlt man sich bestens unterhalten. Etwas mehr hätte aus dem Drehort New Orleans und dem dort stattfindenden Mardi Gras gemacht werden können, aber anders als im bereits erwähnten „Bad Lieutenant: Port of Call“ spielt die Stadt hier nur eine untergeordnete Rolle.

93 rasante und sehr unterhaltsame Minuten lassen einen kurzfristig vergessen, dass die Geschichte unoriginell und schon dutzende Male erzählt worden ist. Ein angenehm zurückhaltend spielender Nicolas Cage; auf CGI verzichtende, „echte“ Stunts und routinierte Nebendarsteller machen dieses B-Movie interessant für regnerische Nachmittage, an denen man einfach nur mal gut gemachte Action sehen möchte. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Die von Splendid veröffentlichte DVD lässt von Bild- und Tonqualität her keine Wünsche offen. Die Extras erschöpfen sich in der üblichen B-roll (10:28 Minuten) , einem „Behind the scenes“ (6:27 Minuten) und mal mehr, mal weniger langen Interviews. Insgesamt also die übliche Packung, in der sich alle ordentlich auf die Schulter klopfen.

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DVD-Rezension: “Maximum Conviction – Keiner kann sie stoppen“

Die beiden Söldner Tom Steele (Steven Seagal) und Manning (Steve Austin) überwachen die Schließung eines streng geheimen Hochsicherheitsgefängnisses. Sechs Häftlinge sollen dabei von FBI-Agenten abgeholt und in ein anderes Gefängnis überführt werden. Doch die Männer vom FBI führen ganz etwas anderes im Schilde. Sie wollen eine, erst kürzlich ins Gefängnis eingelieferte Gefangene in ihre Hände bringen und töten, da sie über brisante Informationen verfügt. Aber Steele, Manning und ihre Männer stellen sich ihnen entgegen…

Es gibt da Tage, an denen steht einem der Sinn nach ausgeschaltetem Hirn und anspruchslosem Krach. Für diese Tage ist „Maximum Conviction“ ein idealer Film. Obwohl das ganze Set-Up unnötig kompliziert ist, geht es dann doch recht schnell nur noch darum, dass die Guten gegen die Bösen kämpfen und das war’s. Auf beiden Seiten stehen den Akteuren schwere Handfeuerwaffen, Granaten und – zumindest im Falle der Guten – Martial-Arts-Fähigkeiten zur Verfügung. Kostengünstig wird auf zu viele Außenaufnahmen verzichtet, und die Schlacht findet in den engen Gängen des Gefängniskomplexes statt. D.h. Schleichen durch Korridore, unterbrochen durch einige heftige Gefechte. Der Grund für das ganze Tohuwabohu ist nicht weiter wichtig. Es geht um ein Mädel, das zur falschen Zeit am falschen Ort war und nun zu viel Wissen in sich trägt. Dass sie ausgerechnet in das Gefängnis eingeliefert wird, welches von den beiden Söldnern Steven Segal und Steve Austin geräumt werden soll (man fragt sich kurz, warum die Regierung für ihr ultrageheimes Projekt auf die Hilfe zweier „externer Dienstleister“ zurückgreift, die auch prompt das Kommando über das Militärpersonal haben, – aber im Grunde ist das auch egal), ist natürlich hanebüchen. Dem Drive der Geschichte kommt zugute, dass Segals Söldnertruppe gerade in der Gegend ist, um dem Meister unter die Arme zu greifen. Damit kann der Spaß beginnen.

Nicht erst seit den „Expendables“ ist es Mode, zwei Action-Stars zusammenzukoppeln. Zwar sind Segal und Austin nicht Stallone und Schwarzenegger, aber als B-Movie-Team-Up funktioniert die Sache ganz gut. Große Chemie entwickeln die beiden zwar nicht, dafür haben sie auf dem Bildschirm auch viel zu wenig Zeit miteinander, aber wegen ihrer abgeklärten und ruhigen Art nimmt man ihnen durchaus ab, dass sie seit Jahren zusammenarbeiten. Steve „Stone Cold“ Austin war mir aus seligen „Super Channel“-Zeiten noch als WWF-Wrestler bekannt. Dass er mittlerweile auch als Actionheld seine Rente aufbessert, hatte ich nur am Rande mitbekommen. Steven Segal ist natürlich eine Legende, auch wenn ich gestehen muss, dass ich ihn das letzte Mal bewusst in „Alarmstufe: Rot“ gesehen hatte, als er noch halb so breit war wie heute. Von seinem Auftritt in dem – meiner Meinung nach völlig misslungenen, aber von den Fans geliebten – „Machete“ einmal abgesehen. Segal lebt von seinem Ruf, der ihm seit seinen ersten Filmen Mitte der 80er vorangeht. Dass dieser große, schwerfällige und völlig aus dem Leim gegangene Mann noch zu blitzschnellen Aktionen und körperlich anspruchsvollen Kämpfen fähig ist, dürfte keiner so recht glauben. Aber es ist die Ikone Steven Segal, die hier kämpft und von daher reicht die Behauptung, dass es so wäre, vollkommen aus. Es ist ein wenig wie bei Bud Spencer, dessen mörderischen Dampfhammer in seinen späten Filmen auch niemand hinterfragte, nur weil er sichtbar alt und schwerfällig geworden war.

Eine Schau ist der alten Haudegen Michael Paré, der Anfang der 80er kurz vor einer großen Karriere stand, bevor er plötzlich von der Bildfläche verschwand und nur noch in B- und C-Ware auftauchte. Man merkt ihm an, dass es ihm durchaus Freude bereitet, den Bösen zu spielen und er hat immer noch genug Präsenz, um ein würdiger Gegenspieler für die beiden, sehr physisch agierenden, Hauptdarsteller zu sein. Immerhin ist er das, was Seagal und Austin nie sein werden: Ein Schauspieler. Seagal und Austin sind Seagal und Austin. Mehr nicht. Und mehr müssen sie in diesem Film auch nicht sein. In den Nebenrollen kann niemand wirklich glänzen. Alles bleibt klischeehaft und vorhersehbar. Allein Bren Foster weiß durch einige flott-akrobatische Martial-Arts-Einlagen für hochgezogene Augenbrauen zu sorgen. Der Rest tut das, wofür er bezahlt wird: Ballern und sterben.

Maximum Conviction ist ein kleines, kostengünstiges Ballerfilmchen, das nichts Neues zeigt und es auch mit der Logik nicht so ernst nimmt. In erster Linie ist es ein Vehikel, um seine beiden Stars in Szene zu setzen. Permanente Action und laute Explosionen lassen keine Langweile aufkommen, die Wirkung ist allerdings mit einem Big Mäc vergleichbar. Kurz gesättigt, dann vergessen.

Die Splendid DVD überzeugt mal wieder mit einem brillanten Bild. Der Ton könnte – zumindest in der Originalfassung – besser ausgewogen sein. Dialoge sind zu leise, die Actionszenen hingegen verwandeln das Wohnzimmer in ein Kriegsgebiet. Die Extras sehen zwar nach viel aus, bringen aber keinen wirklichen Erkenntnisgewinn. Mir lag zur Rezension die ungeschnittene „Black Edition“-Ausgabe (SPIO JK / keine schwere Jugendgefährdung) vor. Es scheint noch eine geschnittene FSK 18-Fassung zu geben. Also Vorsicht!

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Originalfassungen in Bremen: 08.11.12 – 14.11.12

Wer den – im Übrigen sehr empfehlenswerten – neuen Bond noch nicht im Original gesehen hat, der hat in der kommenden Woche noch einmal die Gelegenheit dazu. Für alle anderen sieht es eher trübe aus. Viel Altbekanntes. Da bleibt als Tipp eigentlich nur der Talking-Heads-Konzertfilm „Stop Making Sense“ übrig.

Skyfall – Cinemaxx, Do.-Mo. um 20:00, Di. um 20:30 – Grandioses Comeback für James Bond. Kritik folgt.

Çanakkale 1915 – Cinemaxx, Do.-Mi. immer 22:45 – Patriotischer türkischer Film um zwei Freunde im ersten Weltkrieg.

Angels’ Share – Ein Schluck für die Engel – Schauburg, Mi., 14.11. um 19:00 – Der neue Film von Ken Loach. Er handelt von einigen kleinkriminellen Jugendlichen, die sich auf die Suche nach einem Fass mit dem teuersten Whiskey der Welt machen. Ken Loach ist eigentlich immer eine Bank für typisch britische Filme. Sollte man ruhig einen Blick riskieren.

Sag, dass Du mich liebst – Parlez-moi de vous – Atlantis, So., 11.11. um 20:00 – Französische „Dramödie“ über eine Frau, die in Paris als Radiomoderatorin arbeitet, privat aber von ihren Neurosen und Ängsten gepeinigt wird.

Stop Making Sense – City 46, So., 11.11. um 20:30 – Wegweisender Konzertfilm mit den Talking Heads. Regie führt Jonathan Demme, der einst in der Roger-Corman-Fabrik seine ersten Sporen verdiente und später mit „Schweigen der Lämmer“ und „Philadelphia„, Anfang der 90er gleich zweimal hintereinander abräumen konnte. Vorgestellt von Tom Gefken.

[youtube width=“630″ height=“344“]http://www.youtube.com/watch?v=9P6Pi1JaIm8[/youtube]

Codependent Lesbian Space Alien Seeks Same – City 46, Fr. und Sa. um 20:30 – US-amerikanischen Komödie, die ihre Handlung schon im Titel trägt. Die Abenteuer zwei lesbischer Ausserirdischer auf der Erde, von denen eine eine Beziehung mit einer schüchternern Grußkartenverkäuferin eingeht.

Sushi – The Global Catch – City 46, Do. und So.-Di. immer 20:00 – Dokumentation über Sushi.

Under the Stars – City 46, Mi. 14.11. um 20:00 – Nachdem sein Vater gestorben ist, kehrt ein in der Großstadt lebender Club-Musiker zu seinem Bruder in sein kleines Dorf zurück. Aus der Filmreihe: “Spanische Filme 2012 – Neueste Titel” präsentiert vom Instituto Cervantes Bremen.

[youtube width=“630″ height=“299″]http://www.youtube.com/watch?v=4LSufPW-F-Y[/youtube]

Sneak Preview – Schauburg, Mo. 12.11. um 21:45

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Premiere des neuen Films von Eike Besuden mit Gästen im City 46

Am morgigen Donnerstag, den 08. November um 20:30 Uhr, hat im City 46 der Film „Aufgeben? – Niemals! – Die Geschichte der Familie Bamberger“ des Bremer Filmemachers Eike Besuden Premiere. Der Film handelt vom jüdischen Kaufmann Julius Bamberger und seinen Kindern Anneliese und Egon.

Julius Bamberger gehörte das erste moderne Kaufhaus (zudem das erste mit Rolltreppe!) in Bremen. Es befand sich in dem Gebäude in der Faulenstraße, wo heute die VHS ihren Sitz hat, gegenüber von Radio Bremen.

Julius Bamberger ist zu Beginn der 30er Jahre ein überaus erfolgreicher und angesehener Geschäftsmann, der das modernste Kaufhaus in der Stadt Bremen führt. Aber dann nimmt die Katastrophe ihren Lauf: Antisemitische Drohungen, die Weltwirtschaftskrise und schließlich der 30. Januar 1933.

Nachdem Bamberger aus Deutschland verjagt worden war, hatte er nur ein Ziel: Seine beiden Kinder irgendwann in eine Lebenssituation zu bringen, in der sie in Ruhe und Frieden leben können. Dieser Weg führt ihn innerhalb von sechs Jahren über die Schweiz, nach Frankreich, nach Spanien und nach Portugal, um dort ein Schiff in die USA zu besteigen. Eine Odyssee, an deren Ende die kleine Familie erst im Exil dem Terror entkommt.

Für die Premiere morgen sind Gäste angekündigt. Es steht zwar nicht dabei, wer alles kommt – aber Regisseur Eike Besuden dürfte bestimmt darunter sein.

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DVD-Rezension: „Henry – Portrait of a Serial Killer“

Henry (Michael Rooker) ist ein Serienmörder. Er fährt durch das Land und tötet wahllos. Zusammen mit seinem alten Knastbruder Otis (Tom Towles) wohnt er in einer kleinen Wohnung in Chicago. Eines Tages zieht Otis Schwester Becky (Tracy Arnold) bei ihnen ein. Becky ist fasziniert von dem stillen, schweigsamen Henry. Sie ahnt nicht, was hinter dessen gutaussehender Fassade vor sich geht.

Als „Henry – Portrait of a Serial-Killer“ im Jahre 1990, nach drei Jahren im Regal der Produktionsfirma und einem Jahr im Festival-Zirkus, endlich ins Kino kam, löste er einen Schock aus. In unbehauenen, fast dokumentarisch anmutenden Bildern musste man den Taten des titelgebenden Henry zusehen, für den das Töten so normal ist, wie sich im Geschäft um die Ecke, einen Schokoriegel zu kaufen. Dabei ist der Film – bis auf wenige Ausnahmen – nicht besonders explizit. Aber die Bilder der Opfer, unterlegt mit einer verstörenden Tonspur auf denen verzerrt ihr Todeskampf zu hören ist, macht das Zusehen schwer erträglich. Henry ist kein Monster wie Freddy oder Jason. Er ist der unscheinbare Mann von nebenan. Ein nicht mal unsympathischer, gutaussehender Typ – aber innen drin ein Fleischwolf auf zwei Beinen. Immer bereit in der nächsten Sekunde einen weiteren, bestialischen Mord zu begehen. Gerade dies macht „Henry“ so unangenehm. Er zieht einem die Sicherheit unter den Füßen weg. Normalerweise sehen Killer in Filmen auch wie Killer aus. Dadurch entsteht eine Barriere zwischen ihnen und dem Publikum. Bei Henry ist das anders. Henry könnte auch der Typ, der neben Dir im Kino sitzt, sein und Du sein nächstes Opfer.

Verstärkt wird diese Wirkung noch durch die Figur des Otis. Otis ist ein Proll, wie er im Buche steht und man sieht ihm deutlich an, dass mit ihm etwas nicht stimmt. Er ist nicht nur äußerlich ein eher unangenehmer, ungepflegter Zeitgenosse, sondern er benimmt sich auch so, wie man es von solch einer Type erwartet. Mit Otis würde man kein Bier trinken gehen und träfe man ihn auf der Straße, würde man darüber nachdenken, die Seite zu wechseln. Nicht so bei Henry. Henry wirkt demgegenüber vollkommen normal, was es für das Publikum noch weitaus unheimlicher und verstörender macht. Man erkennt das Böse nicht mehr, es kann überall sein.

Durch seine ruhige Art, die im krassen Gegensatz zu Otis‘ aufbrausendem Temperament steht, wirkt Henry im Vergleich fast schon sympathisch. Man ist unwillkürlich auf seiner Seite, auch weil der Film keine andere Alternative anbietet. Da ist noch Becky, aber durch ihre naive Art taugt auch sie nicht zur Identifikation. Becky ist auch deutlich als Opfer stigmatisiert, und wer will sich schon mit einem Opfer identifizieren? Nein, der stille, aber höchst charismatische Henry ist es, der uns durch die Geschichte führt. Und gerade darum wirkt die Brutalität und Beiläufigkeit seiner Taten so grenzenlos schockierend. Man lechzt förmlich danach, dass der böse Henry sich besinnt und vielleicht die Liebe seinen Taten ein Ende setzt. Dass Regisseur John McNaughton einem diesen Ausweg verweigert, deprimiert einerseits und macht andererseits Angst. Henry könnte überall und jeder sein. Was kann ihn aufhalten? Nach diesem Film sieht man seine Umwelt mit anderen Augen und dürfte ein ganzes Stück paranoider sein.

Getragen wird McNaughtons Spielfilmdebüt durch eine überzeugende Darsteller-Riege. Allen voran Michael Rooker, der später auf die Rolle des besten Kumpels des Helden abonniert war. Während der Zeit, in der „Henry“ noch auf eine Veröffentlichung wartete, kursierten bereits Filmausschnitte mit Rooker, welche ihm die Türen zu größeren Rollen in größeren Filmen öffneten. Rooker verschmilzt so sehr mit Henry, dass man Mühe hat, den „Henry“ aus dem Kopf zu bekommen, wenn man ihn einmal in anderen Rollen sieht. Er spielt Henry nicht nur, er ist Henry. Auch Tom Towles in der Rolle des Otis weiß zu gefallen, auch wenn seine Psychopathen-Rolle etwas konservativer angelegt ist und Towles dem Affen ordentlich Zucker gibt. Doch er schafft es, dieser irgendwo auch komischen Figur so viel Schmierigkeit und dumpfes Proletentum zu verpassen, dass man sich unangenehm dabei fühlt, ihm zuzusehen. Tracy Arnold als Becky kann ebenfalls vollends überzeugen. Mit ihrer zögerlichen Haltung, der Flucht vor Verantwortung und dem naiven Glauben, dass alles gut wird, gibt sie ein glaubwürdiges Portrait eines „White Trash“-Girl, bei dem Gewalt in der Familie an der Tagesordnung ist und die trotzdem (oder gerade deswegen) immer wieder zu den falschen Männern Vertrauen fasst.

„Henry“ zeichnet ein düsteres, trostloses Bild einer Welt, in der es kein Regulativ gibt (Polizei oder sonstige Ordnungskräfte sucht man vergeblich). Eine Welt aus den Fugen, ohne Moral, in der der Tod blitzschnell und brutal um die Ecke kommen kann und niemand etwas dagegen tun kann. Wo jeder Schritt vor die Tür bedeutet, dass ein Irrer einen ins Visier nehmen kann und auch das eigene Heim keine Sicherheit mehr bietet. Eine Welt ohne Hoffnung, die einerseits wie ein böser Traum, andererseits aber auch sehr real wirkt.

Mit „Henry – Portrait of a Serial-Killer“ ist John McNaughton ein erschreckendes Debüt gelungen, welches, getragen durch starke Schauspieler und einem dreckig-realistischen, manchmal fast dokumentarischen Look, eine brutale Welt ohne jegliche Hoffnung zeigt. Obwohl die Gewalt häufig nur im Off oder aus der Distanz gezeigt wird, geht jede dieser Szenen doch unter die Haut. Unterstützt von einem eindringlichen Sounddesign ist „Henry“ ein gnadenloser Albtraum, den man mit offenen Augen erlebt.

Die Doppel-DVD von Bildstörung ist eine wahre Offenbarung. Hier bleiben keine Wünsche offen, die Edition ist vollgestopft mit interessanten Extras (die das Bonusmaterial der US-amerikanischen Veröffentlichung von MPI/Dark Sky und der britischen von Optimum zusammenfassen) und dürfte als die beste Veröffentlichung dieses Filmes weltweit gelten. Das Bild (in 4:3) ist dem Thema des Filmes angemessen unschön, was aber die Intention des Regisseurs war. Der Look ist rau und blass, und wurde nicht künstlich aufgehübscht, wofür man Bildstörung nur dankbar sein kann.

Die Extras erschlagen einen förmlich: Da ist zunächst ein höchst informatives 53-minütiges „Making Of“, das alle Aspekte der Produktion und der Rezeption des Filmes abdeckt. Zwei lange, zu unterschiedlichen Zeitpunkten aufgenommene Interviews mit John McNaughton (30 und 22 Minuten) ergänzen dieses perfekt. Deleted Scenes und Outtakes (20 Minuten) lassen den interessierten Zuschauer einen noch tieferen Blick in den Film und ursprüngliche Intentionen (wie die homoerotische Beziehung zwischen Otis und Henry, welche für den fertigen Film fallen gelassen wurde) werfen. Um Henrys Vorbild im wahren Leben, Henry Lee Lucas, geht es in einer etwas älteren Dokumentation von 1995 für das US-Fernsehen (26 Minuten). Des Weiteren gibt es noch ein Featurette über die britische Zensurgeschichte des Filmes (15 Minuten), Storyboards (5 Minuten) und einen Audiokommentar von John McNaughton. Nicht unerwähnt bleiben soll auch das – mal wieder – umfangreiche, 23-seitige Booklet, welches einen Beitrag von Stefan Höltgen (ein Auszug aus seinem Buch „Schnittstellen – Serienmord im Film“), die Akte aus dem deutschen Indizierungsverfahren von 1994 und das Schreiben mit der Begründung der Listenstreichung von 2012 enthält. Die Limited Edition enthält darüber hinaus noch eine CD (22 Tracks, 45:30 Minuten) mit dem intensiven, manchmal an John Carpenter erinnernden Soundtrack. Mit anderen Worten: Die perfekte Veröffentlichung! Ich ziehe meinen Hut vor dem Label „Bildstörung“!

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Das Bloggen der Anderen (02-11-12)

Die letzten beiden Wochen lag diese Rubrik brach, da ich zunächst beruflich, danach durch das große Deliria-Italiano-Forentreffen in Bremen stark eingespannt war. In der Zwischenzeit stapelten sich die Einträge in den Blogs, die ich so mal mehr, mal weniger verfolge. Somit war es diesmal wirklich eine Heidenarbeit, einen Überblick der – meiner Meinung nach – wichtigsten Artikel zu erstellen. Zumal die Anzahl der Blogs, die ich im Überblick habe, in letzter Zeit merklich gewachsen ist. Was mich daran erinnert, dass ich meine Link-Liste rechts endlich mal aktualisieren sollte. Viele spannende Reviews der Kollegen und so manches Lesenswerte ist diesmal auf der Strecke geblieben, aber irgendwo muss man mal kürzen, und es bringt ja nichts, seitenweise Links zu posten. Von daher hoffe ich, dass die rigide Auswahl Euren Geschmack trifft.

– Zur Erinnerung an den großen Filmkritiker Michael Althen hat die F.A.Z. einen nach ihm benannten Preis ausgeschrieben. Dadurch gewürdigt werden soll eine Form der Kritik, in der analytische Schärfe und Emotion einander bedingen und ergänzen. Die erste Preisträgerin ist Sarah Khan, die in dem Magazin „Cargo“, Heft Nr. 13, einen Artikel über die TV-Serie „Dr. House“ schrieb. Aus diesem Grunde hat der „Cargo“-Blog diesen unbedingt lesenswerten, gefühlvollen und trotz aller Tragik wundervollen Text noch einmal online gestellt.

– Auf Revolver schreibt die Schauspielerin Evi Rejeki über Stereotypen-Casting und welche Probleme ihr dies bereitet.

– In seinem Filmtagebuch ärgert sich Thomas Groh darüber, dass dem neuen Film von William Friedkin, „Killer Joe“, die FSK-Freigabe verweigert wurde.

– Einige interessante Artikel gibt es wieder auf „Eskalierende Träume„; hier eine kurze Auswahl: Christoph schreibt einen langen und persönlichen Text zu dem – mir übrigens völlig unbekannten – „The Appaloosa“ von 1966 mit Marlon Brando. Titel: „Filme, an denen ich schriftlich scheitere, Teil 1„. Und Alexander S. beginnt eine Reihe über einen meiner absoluten Lieblingsregisseure: Andrzej Zulawski. Als erstes ist natürlich dessen Spielfilm-Debüt „Ein Drittel der Nacht“ von 1971 dran.

– Der revolutionäre japanische Regisseur Koji Wakamatsu ist gestorben. Wakamatsu hat in seiner fast 40-jährigen Karriere über 100 Filme inszeniert, von denen einige für immer als Beispiele für radikales Filmemachen im Gedächtnis bleiben werden. Zuletzt erregete er mit „Caterpiller“ Aufsehen, der 2010 für den Goldenen Bären nominiert war und dessen Hauptdarstellerin einen Silbernen Bären mitnahm. Auf Eskalierende Träume und Revolver gibt es Nachrufe.

– Sehr schön und absolut lesenswert: Auf the gaffer hat vannorden einen schönen, persönlichen Text über seine Top 100 Filme geschrieben. Seine Top 100 Liste findet sich dann hier.

– Weiter geht es mit Listen. Auf L’Amore in cittá findet sich eine Auflistung aller italienischen, neorealistischen Filmen von 1942-1953.

– Zwei Kurzfilme: Martin Beck empfiehlt auf Reihe Sieben den 9-minütigen Horrorfilm „No Way Out“ und Leon stellt auf seinem Blog Leons Filmreviews und Buchrezenionen den todtraurigen „Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern“ von Disney vor.

Gordon Gernand empfiehlt auf Mann beißt Film den deutsch-österreichischen Thriller „Die Muse“ von Christian Genzel.

– Beim Magazin des Glücks geht die Reihe über Berlin-Filme weiter, und ich werde daran erinnert, dass ich unbedingt noch den neuen Film von Alain Resnais schauen muss.

– Immer wieder für eine überraschende Empfehlung gut ist der Blog Hypnosemaschine. Diesmal wird Appetit auf den niederländischen Film „Besessen – Das Loch in der Wand“ und den Österreicher „Tod im November“ gemacht. Bei letzterem spielen Europloitation-Lieblinge John Phillip Law und die unvergleichliche Florinda Bolkan mit.

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Cinemarkt 2012: Am 11. November im “Modernes”

Das ist er wieder: Der Bremen-Vier-Cinemarkt im „Modernes„.

Auch in diesem Jahr öffnen die Bremer Kinos ihre Schatzkammern und bieten Film-Plakate, lebensgroße Papp-Aufsteller, Banner und Merchandise-Aufsteller aus dem aktuellen Kinojahr zum Verkauf an.

Am Sonntag, 11. November, von 13 bis 17 Uhr , kann man wieder nach Herzenslust wühlen und sammeln, kaufen und ersteigern!

Das eingenommene Geld kommt wieder der Aids-Beratungsstelle im Rat & Tat Zentrum in Bremen zugute. Im letzten Jahr kamen über 7.000 Euro zusammen. Das soll in diesem Jahr natürlich überboten werden.

Der Eintritt zum Bremen-Vier-Cinemarkt ist frei.

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Originalfassungen in Bremen: 01.11.12 – 07.11.12

Bond, Bond, Bond… Das Cinemaxx zeigt die O-Fassung täglich. Da soll sich niemand beschweren, er hätte keine Chance gehabt, den Film im Original (also Daniel Craig ohne Adam Sandlers Stimme) zu sehen. Für mich Pflichtprogramm. Genauso wie „Holy Motors“ im City 46. Von daher: Für mich eine perfekte Woche, auch wenn die Liste diesmal eher kurz ist.

Skyfall – Cinemaxx, Do.-Mi. immer 20:00 – Bond No. 23. Meine Vorfreude war schon ziemlich groß und wird durch die sich vor Begeisterung überschlagenen Kritiken noch mal einen Ticken gesteigert. Der Titelsong von Adele geht mir eh schon nicht mehr aus dem Kopf. Es ist fast so wie früher…

Çanakkale 1915 – Cinemaxx, Do.-Mi. immer um 22:30 – Patriotischer türkischer Film um zwei Freunde im ersten Weltkrieg.

Sag, dass Du mich liebst – Parlez-moi de vous – Atlantis, So., 4.11. um 20:00 – Französische „Dramödie“ über eine Frau, die in Paris als Radiomoderatorin arbeitet, privat aber von ihren Neurosen und Ängsten gepeinigt wird.

Holy Motors – City 46, Fr./Sa. um 18:00 und 22:30, So./Mo./Mi. immer 20:30 – ein Film, auf den ich mich wahnsinnig gefreut habe. „Holy Motors“ ist der erste lange Spielfilm des legendären Leos Carax („Die Liebenden von Pont -Neuf„) seit 13 Jahren. Sein Lieblingsschauspieler Denis Lavant spielt Monsieur Oscar, der in einer weißen Limousine durch Paris gleitet und dabei in immer wieder neue Persönlichkeiten schlüpft. Mit von der Partie: Edith Scob (das Mädchen hinter der Maske aus „Augen ohne Gesicht„), Kylie Minouge, Michel Piccoli und Eva Mendes. Tipp!

[youtube width=“640″ height=“344″]http://www.youtube.com/watch?v=EULfOYn8-cw[/youtube]

Lluvia – Im Regen des Südens – City 46, Sa., Mo.-Mi. immer 20:00 – In diesem argentinischen Film treffen sich unvermittelt zwei Menschen, als Roberto im strömenden Regen einfach bei Alma ins Auto steigt. Beide wissen nicht wohin. Alma hat vor ein paar Tagen ihren Mann verlassen und Roberto kehrt nach 30 Jahren in Europa zurück in sein Land, fühlt sich aber heimatlos.

Diese alten Liebesbriefe – City 46, Di., 6.11. um 18:00 – Estnischer Spielfilm über das Leben des Komponisten Raimond Valgre, dem „estnischen Cole Porter“, in den 30er und 40er Jahren, die dramatischen, politischen Veränderungen in seinem Heimatland und die Zeit nach dem Krieg, als seine Lieder bei den Sowjets als unerwünscht galten.

Sneak Preview – Cinemaxx, Mo. 05.11. um 20:00

Sneak Preview – Schauburg, Mo. 05.11. um 21:45

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BluRay-Rezension: “Der Mann mit der Stahlkralle”

Nach sieben Jahren Kriegsgefangenschaft kehrt Major Rane (William Devane) in seine Heimatstadt zurück. Dort wird er zwar als Held gefeiert, doch in der Familie ist nichts mehr wie es vorher war. Seine Frau hat einen Liebhaber, den sie heiraten will, und sein zehnjähriger Sohn hat sich vollkommen von ihm entfremdet. Da er von der Stadt eine stattliche Summe als Wiedergutmachung für seine in Gefangenschaft erlittenen Qualen erhalten hat, dringen Gangster in sein Haus ein, foltern und verstümmeln ihn, dann töten sie seine Familie. Obwohl er weiß, wer die Täter sind, verschweigt er der Polizei diese Information und begibt sich zusammen mit der ahnungslosen Schönheitskönigin und Kellnerin Linda Forchet (Linda Haynes) auf einen Rachefeldzug.

Nur ein Jahr nach „Taxi Driver“ entstand 1977 dieser „Vietnam-Veteran“-Film, ebenfalls nach einem Drehbuch von Paul Schrader. Ursprünglich ein Low-Budget-Film eines Major Studios (20th Century Fox), wurde der fertige Film von den Produzenten aufgrund seiner Gewalttätigkeiten abgelehnt und an Samuel Z. Arkoffs „American International Pictures“ verkauft, wo er gut aufgehoben war. Der B-Movie-Produzent hatte keine Skrupel, den Film mit all seinen Brutalitäten ins Kino zu bringen.

Dabei ist „Der Mann mit der Stahlkralle“ (dessen weniger marktschreierischer Originaltitel „Rolling Thunder“ lautet) kein blutrünstiger Actionfilm, sondern ein konsequentes, überraschend ruhiges Drama, welches nur in den letzten fünf Minuten in einem Blutbad explodiert. Dies hat der Film mit dem bereits angesprochenen „Taxi Driver“ gemein. Doch dies ist nicht die einzige Parallele. Hier wie dort geht es um einen Vietnam-Veteranen, der in der zivilen Welt nicht mehr zurecht kommt und weiterhin den Krieg in sich trägt, der sich am Ende gewalttätig seine Bahn bricht. Sowohl Travis Bickle als auch Major Charles Rane haben es verlernt, sich als soziale Wesen zu verhalten. Während Travis aber allein bleibt, hat Charles Rane noch eine Familie, zu der er glaubt, zurückkehren zu können. Aber glaubt er das wirklich? Von Anfang an geht er auf Distanz und verschanzt sich mit Vorliebe hinter seiner großen Sonnenbrille vor der Umwelt. Für seinen Sohn ist er ein Fremder, der es auch nicht schafft, eine Nähe zu ihm aufzubauen. Eine symbolische Szene zeigt Rane dabei, wie er seinen Sohn beim Baseball-Training beobachtet – beide werden von einem unüberwindlichen Maschendrahtzaun getrennt. Als seine Frau ihm offenbart, dass sie ihn während seiner Kriegsgefangenschaft in Vietnam betrogen hat und nun gedenkt, ihren Liebhaber zu heiraten, bleibt er ganz ruhig. Ja, fast scheint er erleichtert.

Charles Rane gehört dem Krieg. Die Folter hat ihn physisch und psychisch abstumpfen lassen. Als die Einbrecher ihn quälen, genießt er es augenscheinlich und imaginiert sich zurück in seine Zelle im Kriegsgefangenenlager. Die Gewalt, die ihm in seiner eigenen Wohnung angetan wird, bringt ihn dorthin zurück, wo nun seine eigentliche Heimat ist. Wo der alte Charles Rane gestorben ist und sein Geist freigesetzt wurde, um als Gespenst nach Amerika zurückzukehren. Daher bezeichnen er und sein Kamerad und Leidensgenosse Johnny Vohden sich auch als „Tote“. Als er seine Familie und seine Hand verliert, nimmt er dies mit stoischer Gelassenheit hin. Er weiß, dass die Rache an den Mördern ihm endlich einen Grund gibt, seinen Krieg in die Heimat zu bringen. Sich hier nun die Welt zu schaffen, in die er mittlerweile gehört: Die Hölle des Krieges.

Dass er seine Familie noch geliebt hat, darf bezweifelt werden. Dieser Mann ist zu keinen Gefühlen mehr fähig. Weder Liebe, noch Hass. All dies hat er sich während der Folter abtrainiert. Er lebt nur noch für den Krieg, der noch immer in ihm tobt.

So entwickelt sich zwischen ihm und der weiblichen Hauptrolle, Linda Haynes, keine Liebesbeziehung. Obwohl sie Gefühle für ihn hegt, nutzt er sie nur als Lockvogel. Am Ende wird er sie, ohne mit der Wimper zu zucken, allein zurücklassen. Ob er dies tut, um sie zu schützen oder weil sie ihre Aufgabe für ihn erfüllt hat, bleibt dem Zuschauer überlassen. Die einzige Person, die Rane nahe steht, ist allein sein Kamerad Johnny Vohden, der eindrucksvoll von einem sehr jungen Tommy Lee Jones gespielt wird. Auch Vohden kann sich in der Heimat nicht mehr zurecht finden und wirkt im Kreise seiner Familie wie ein Fremdkörper. Er hat seinen Zweck in der Gesellschaft verloren. Als Rane ihm anbietet, ihn auf seinem Rachefeldzug zu begleiten, muss er daher keine Sekunde nachdenken. Der Mann, der zuvor wie ein unliebsames Möbelstück im Haus seiner Familie gewirkt hat, wird plötzlich agil und glüht förmlich von innen. Tommy Lee Jones gibt hier eine eindrucksvolle Kostprobe seines großen Talents, welches ihn dann erst spät im reifen Alter von 47 Jahren (in „Auf der Flucht“) zu einem großen Star gemacht hat. So gut Jones hier spielt, überstrahlt wird er von William Devane, der noch im Vorjahr in Hitchcocks letztem Film „Familiengrab“ als smarter Entführer glänzte. Hier verschmilzt er ganz mit seiner Figur. Jede kleine Geste, jede Bewegung, alles an ihm ist Major Charles Rane. William Devane macht Rane zu der Rolle seines Lebens.

„Der Mann mit der Stahlkralle“ ist trotz seines reißerischen deutschen Titels ein melancholisches Vietnam-Heimkehrer-Drama, welches trotz einiger Gewaltausbrüche und einem infernalischen Ende für heutige Sehgewohnheiten vielleicht etwas zu träge daherkommt. Doch unter der Oberfläche brodelt es, und ein brillanter William Devane sorgt zusammen mit Autor Paul Schrader dafür, dass hier kein tumbes Rache-Vehikel entstanden ist, sondern das intensiv-traurige Portrait einer verlorenen Generation, die zwar aus Vietnam körperlich zurückkehrte, aber ihre Seele auf den Schlachtfeldern gelassen hat.

Mir liegt zu Besprechung die BluRay vor, wodurch ich auf Screenshots diesmal verzichten muss. Das Bild ist dem Alter entsprechend und mit der Koch Media-Veröffentlichung von „The Seven-Ups“ vergleichbar. Das Bild ist generell sehr gut und scharf, aber nicht zu Tode gefiltert. Hier und da sieht man einige kleine Verschmutzungen auf dem Filmmaterial, was mir aber gut gefällt, da das  Bild dadurch einfach authentischer wirkt. Bei dunklen Einstellungen ist das Bild sehr körnig. Der Ton ist okay, wenn auch im O-Ton etwas dumpf. Als Extras gibt es einen Audiokommentar von Heywood Gould, der zusammen mit Paul Schrader für das Drehbuch verantwortlich war, und ein Interview mit Hauptdarstellerin Linda Haynes, die etwas über ihre Schauspielkarriere und speziell den Dreh zu „Rolling Thunder“ erzählt.

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Das Phantastival kommt! Vom 22.-25. November im City 46

Phantastische Neuigkeiten! Bremen hat dieses Jahr sein eigenes phantastisches Filmfestival!

Und da ich die große Freude habe, an der Konzeption und Durchführung aktiv mitzuarbeiten, ist es mir natürlich ein ganz besonderes Vergnügen, hier brandheiße Infos darüber zu posten.

Am Donnerstag, den 22. November, um 18:00 Uhr, geht es los mit „Masks“ (Deutschland, 2011, R: Andreas Marschall). Ein Giallo aus deutschen Landen? Aus dem letzten Jahr? Geht das? Und ob das geht! Andreas Marschall macht in seinem zweiten Langfilm die Balletschule aus „Suspiria“ kurzerhand zur Schauspielschule und der Spaß kann beginnen. Unterstützt von einer gelungenen Kameraarbeit, einem flotten Soundtrack und seiner attraktiven Hauptdarstellerin Susen Ermich wird dem Genre des italienischen Thrillers eine würdige Hommage erwiesen.

A Night of Nightmares“ (USA 2012, R: Buddy Giovinazzo, OF) erleben am Donnerstag, um 20:30 Uhr, ein Magazinherausgeber und seine Entdeckung Ginger, als sie ein Videointerview in einem Haus in den Bergen machen. Regisseur Giovinazzo („Combat Shock„) spielt dabei kräftig mit den Erwartungen der Zuschauer.

In der H.P. Lovecraft-Verfilmung »The Whisperer in Darkness« (USA 2011, R: Sean Branney, OF) werden am Freitag, um 18:00 Uhr die legendären Universal-Horrorfilme der 30er Jahre wieder zum Leben erweckt. Im Grenzbereich von Horror und Science Fiction, untersucht Professor Albert Wilmarth Legenden von seltsamen Kreaturen in den abgelegenen Bergen von Vermont.

Die Crew von „Zombies from Outer Space“ (D 2011, R: Martin Faltermeier, 95 Min.) wird am Freitag, den 23.11. um 20:30 zu Gast sein. In ihrem bajuwarischen Horror-Heimatfilm verbreiten grausige Funde toter Frauen Angst und Schrecken bei den bayrischen Dörflern. Nachdem ein Außerirdischer in einem Kornkreis gefunden wurde, beginnt der Aufstieg der Untoten, um die Menschheit zu vernichten.

„Weird Xperience“ ist am Freitag zur gewohnten Zeit um 22:30 Uhr mit dem bizarr-absurden Japan-Schocker »Vampire Girl vs Frankenstein Girl« vertreten und am Samstag erzählen, ebenfalls um 22:30 Uhr, 10 Kurzfilme »Dark Tales«.

Ein weiteres Highlight ist am Samstag, um 16:00 Uhr, der Vortrag des Medienwissenschaftler Florian Krautkrämer von der HBK Braunschweig, über die Theorie und Geschichte des Zombiefilms.

Goodbye Lenin!“-Star Daniel Brühl spielt am Samstag, um 18:00 Uhr, in dem spanischen retrofuturistischen Indie-Sci-Fi-Film »Eva« (Sp 2011, R: Kike Maíllo, OmengU) den Kybernetiker Alex, der im Jahr 2041 ein künstliches Geschöpf erschaffen will. Ein Experiment, das langsam, aber sicher, völlig außer Kontrolle gerät.

Stummfilm mit Live-Musik wird am Samstag, um 20:30 Uhr, präsentiert, wenn Ezzat Nashashibi und sein Gast Marc Pira den sowjetischen SF-Klassiker „Aelita – Der Flug zum Mars“ von 1924 (Regie: Jakow Protasanow) neu vertonen. Nach dem Roman von Alexej Tolstoj fliegen drei sowjetische Bürger zum Mars, stürzen dort das totalitäre Regime und gründen auf dem fernen Planeten eine neue Sowjetrepublik. Dabei verliebt sich der Ingenieur Losj in die Königstochter Aelita.

Drei japanische Filmen werden zum Abschluss des Phantastivals am Sonntag gezeigt: Um 18:30 Uhr „Symbol“ (Jap 2009, R: Hitoshi Matsumoto, OmU) ist eine bizarre Komödie, in der ein Mann in einem schneeweißen Raum aufwacht und in dem kleine Engelpenise eine große Rolle spielen.

Für die Animee-Fans gibt es um 20:30 Uhr das Double-Feature „Planzet“ (Jap 2010, R: Jun Awazu, OmengU), über die erste Marsstation im Jahr 2030, sowie der klassische Animationsfilm „The Asylum Session“ (Jap 2009, R: Takuto Aoki, OmengU).

Zum krönenden Abschluss können wir am Sonntag, um 18:15 Uhr, in einer Sondervorstellung als Deutschland-Premiere den brandneuen, direkt von der Viennale importierten, britische Neo-Giallo „Berberian Sound Studio“ von Peter Strickland zeigen. Darüber freuen wir uns natürlich ganz besonders. Im Jahre 1976 ist Gilderoy ein begnadeter und gefragter Tontechniker für Filmproduktionen. Er wird engagiert, wenn Regisseure für ihre Filme den perfekten Sound und die passenden Geräusche haben wollen. Deshalb bekommt er auch den Auftrag, für den italienischen Horror-Film-Meister Santini seinen neusten Film zu vertonen. Eine Aufgabe, die ihn an den Rand seines Verstandes bringt.

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