BluRay-Rezension: “Der Mann mit der Stahlkralle”

Nach sieben Jahren Kriegsgefangenschaft kehrt Major Rane (William Devane) in seine Heimatstadt zurück. Dort wird er zwar als Held gefeiert, doch in der Familie ist nichts mehr wie es vorher war. Seine Frau hat einen Liebhaber, den sie heiraten will, und sein zehnjähriger Sohn hat sich vollkommen von ihm entfremdet. Da er von der Stadt eine stattliche Summe als Wiedergutmachung für seine in Gefangenschaft erlittenen Qualen erhalten hat, dringen Gangster in sein Haus ein, foltern und verstümmeln ihn, dann töten sie seine Familie. Obwohl er weiß, wer die Täter sind, verschweigt er der Polizei diese Information und begibt sich zusammen mit der ahnungslosen Schönheitskönigin und Kellnerin Linda Forchet (Linda Haynes) auf einen Rachefeldzug.

Nur ein Jahr nach „Taxi Driver“ entstand 1977 dieser „Vietnam-Veteran“-Film, ebenfalls nach einem Drehbuch von Paul Schrader. Ursprünglich ein Low-Budget-Film eines Major Studios (20th Century Fox), wurde der fertige Film von den Produzenten aufgrund seiner Gewalttätigkeiten abgelehnt und an Samuel Z. Arkoffs „American International Pictures“ verkauft, wo er gut aufgehoben war. Der B-Movie-Produzent hatte keine Skrupel, den Film mit all seinen Brutalitäten ins Kino zu bringen.

Dabei ist „Der Mann mit der Stahlkralle“ (dessen weniger marktschreierischer Originaltitel „Rolling Thunder“ lautet) kein blutrünstiger Actionfilm, sondern ein konsequentes, überraschend ruhiges Drama, welches nur in den letzten fünf Minuten in einem Blutbad explodiert. Dies hat der Film mit dem bereits angesprochenen „Taxi Driver“ gemein. Doch dies ist nicht die einzige Parallele. Hier wie dort geht es um einen Vietnam-Veteranen, der in der zivilen Welt nicht mehr zurecht kommt und weiterhin den Krieg in sich trägt, der sich am Ende gewalttätig seine Bahn bricht. Sowohl Travis Bickle als auch Major Charles Rane haben es verlernt, sich als soziale Wesen zu verhalten. Während Travis aber allein bleibt, hat Charles Rane noch eine Familie, zu der er glaubt, zurückkehren zu können. Aber glaubt er das wirklich? Von Anfang an geht er auf Distanz und verschanzt sich mit Vorliebe hinter seiner großen Sonnenbrille vor der Umwelt. Für seinen Sohn ist er ein Fremder, der es auch nicht schafft, eine Nähe zu ihm aufzubauen. Eine symbolische Szene zeigt Rane dabei, wie er seinen Sohn beim Baseball-Training beobachtet – beide werden von einem unüberwindlichen Maschendrahtzaun getrennt. Als seine Frau ihm offenbart, dass sie ihn während seiner Kriegsgefangenschaft in Vietnam betrogen hat und nun gedenkt, ihren Liebhaber zu heiraten, bleibt er ganz ruhig. Ja, fast scheint er erleichtert.

Charles Rane gehört dem Krieg. Die Folter hat ihn physisch und psychisch abstumpfen lassen. Als die Einbrecher ihn quälen, genießt er es augenscheinlich und imaginiert sich zurück in seine Zelle im Kriegsgefangenenlager. Die Gewalt, die ihm in seiner eigenen Wohnung angetan wird, bringt ihn dorthin zurück, wo nun seine eigentliche Heimat ist. Wo der alte Charles Rane gestorben ist und sein Geist freigesetzt wurde, um als Gespenst nach Amerika zurückzukehren. Daher bezeichnen er und sein Kamerad und Leidensgenosse Johnny Vohden sich auch als „Tote“. Als er seine Familie und seine Hand verliert, nimmt er dies mit stoischer Gelassenheit hin. Er weiß, dass die Rache an den Mördern ihm endlich einen Grund gibt, seinen Krieg in die Heimat zu bringen. Sich hier nun die Welt zu schaffen, in die er mittlerweile gehört: Die Hölle des Krieges.

Dass er seine Familie noch geliebt hat, darf bezweifelt werden. Dieser Mann ist zu keinen Gefühlen mehr fähig. Weder Liebe, noch Hass. All dies hat er sich während der Folter abtrainiert. Er lebt nur noch für den Krieg, der noch immer in ihm tobt.

So entwickelt sich zwischen ihm und der weiblichen Hauptrolle, Linda Haynes, keine Liebesbeziehung. Obwohl sie Gefühle für ihn hegt, nutzt er sie nur als Lockvogel. Am Ende wird er sie, ohne mit der Wimper zu zucken, allein zurücklassen. Ob er dies tut, um sie zu schützen oder weil sie ihre Aufgabe für ihn erfüllt hat, bleibt dem Zuschauer überlassen. Die einzige Person, die Rane nahe steht, ist allein sein Kamerad Johnny Vohden, der eindrucksvoll von einem sehr jungen Tommy Lee Jones gespielt wird. Auch Vohden kann sich in der Heimat nicht mehr zurecht finden und wirkt im Kreise seiner Familie wie ein Fremdkörper. Er hat seinen Zweck in der Gesellschaft verloren. Als Rane ihm anbietet, ihn auf seinem Rachefeldzug zu begleiten, muss er daher keine Sekunde nachdenken. Der Mann, der zuvor wie ein unliebsames Möbelstück im Haus seiner Familie gewirkt hat, wird plötzlich agil und glüht förmlich von innen. Tommy Lee Jones gibt hier eine eindrucksvolle Kostprobe seines großen Talents, welches ihn dann erst spät im reifen Alter von 47 Jahren (in „Auf der Flucht“) zu einem großen Star gemacht hat. So gut Jones hier spielt, überstrahlt wird er von William Devane, der noch im Vorjahr in Hitchcocks letztem Film „Familiengrab“ als smarter Entführer glänzte. Hier verschmilzt er ganz mit seiner Figur. Jede kleine Geste, jede Bewegung, alles an ihm ist Major Charles Rane. William Devane macht Rane zu der Rolle seines Lebens.

„Der Mann mit der Stahlkralle“ ist trotz seines reißerischen deutschen Titels ein melancholisches Vietnam-Heimkehrer-Drama, welches trotz einiger Gewaltausbrüche und einem infernalischen Ende für heutige Sehgewohnheiten vielleicht etwas zu träge daherkommt. Doch unter der Oberfläche brodelt es, und ein brillanter William Devane sorgt zusammen mit Autor Paul Schrader dafür, dass hier kein tumbes Rache-Vehikel entstanden ist, sondern das intensiv-traurige Portrait einer verlorenen Generation, die zwar aus Vietnam körperlich zurückkehrte, aber ihre Seele auf den Schlachtfeldern gelassen hat.

Mir liegt zu Besprechung die BluRay vor, wodurch ich auf Screenshots diesmal verzichten muss. Das Bild ist dem Alter entsprechend und mit der Koch Media-Veröffentlichung von „The Seven-Ups“ vergleichbar. Das Bild ist generell sehr gut und scharf, aber nicht zu Tode gefiltert. Hier und da sieht man einige kleine Verschmutzungen auf dem Filmmaterial, was mir aber gut gefällt, da das  Bild dadurch einfach authentischer wirkt. Bei dunklen Einstellungen ist das Bild sehr körnig. Der Ton ist okay, wenn auch im O-Ton etwas dumpf. Als Extras gibt es einen Audiokommentar von Heywood Gould, der zusammen mit Paul Schrader für das Drehbuch verantwortlich war, und ein Interview mit Hauptdarstellerin Linda Haynes, die etwas über ihre Schauspielkarriere und speziell den Dreh zu „Rolling Thunder“ erzählt.

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