Bericht vom 28. Internationalen Filmfest Oldenburg – Tag 2

Der zweite Tag beim diesjährigen Internationalen Filmfest in Oldenburg brachte eine wunderbare Abwechslung zum Vorjahr. Denn in diesem Jahr musste ich nicht jeden Tag allein die Reise nach Oldenburg antreten. An diesem zweiten Tag war ich nämlich Mitglied einer kleinen, aber feinen Reisegruppe, die sich ebenfalls für einen Tag nach Oldenburg aufmachte. Was hieß, dass ich auch einmal nicht selber fahren musste.

Generell habe ich aber vor allem dieses Zusammensein mit Anderen und die gemeinsamen Gespräche sehr vermisst, und ich freute mich sehr darüber. Auch wenn sich die Wege bald kurz trennen sollten, denn während bei meinen Freunden die Filme „Pig“ (den ich für Sonntag eingeplant hatte) und „Titane“ (zu dem wir wieder zusammenkamen) anstanden, sah mein Programm etwas anderes aus und führte mich einmal mehr ins cineK.

Anchorage – „Anchorage“ war nach dem tollen „Come to Harm“ am Vortag gleich der nächste Höhepunkt. Ein Road-Movie um zwei Brüder, die eine Ladung Drogen (alle in Teddybären versteckt, die sich im Kofferraum ihres Autos stapeln) nach Anchorage in Alaska bringen wollen. Denn wie sie gehört haben, kann man dort dafür das Hundertfache ihres Preises bekommen. Also geht es im alten Wagen von Kalifornien Richtung Norden. Das ist im Prinzip schon die ganze Handlung, aber was Regisseur Scott Monahan und Autor Dakota Loesch – die beide auch die Hauptrollen spielen – daraus machen ist schlichtweg fantastisch.

Die Zuschauer begleiten die beiden Brüder Jacob (Monahan) und John (Loesch) auf ihrer Reise. Beide stammen aus der Unterschicht und leben augenscheinlich in einem leerstehenden Häuserkomplex irgendwo außerhalb der Stadt. Jacob fällt durch seine blau gefärbten Haare und vor allem durch die Goldzähne auf, die seinen Unterkiefer zieren. Sein Bruder John läuft bevorzug in seiner alten Long John Unterwäsche und Mütze auf dem Kopf herum. Aber man schließt man die Beiden trotz ihres zweifelhaften Vorhabens, ihrer prolligen Benehmens und ihrer ständigen Alkohol- und Drogenexzesse schnell ins Herz. Denn zwischen Monahan und Loesch herrscht eine unheimlich stark Chemie, wenn sie sich streiten, rumalbern oder sich kabbeln. Bald schon vergisst man vollkommen, dass hier zwei Schauspieler eine Rolle spielen. Vielmehr hat man das starke Gefühl, mit den beiden Verrückten gemeinsam auf Tour zu sein. So echt, so ungekünstelt wirkt das alles.

Und Monahan und Loesch spielen das einfach perfekt. Insbesondere Dakota Loesch möchte man stundenlang zusehen. Der Mann besitzt eine unglaubliche Ausstrahlung und ein eine so starke Präsenz, dass diese direkt von der Leinwand in den Kinosaal hineinreicht. Doch so unbeschwert die Beiden ihre Reise antreten, bald werden auch dunkle Seiten sichtbar. So genießt es Jacob ein Tick zu sehr, wenn er mit dem Baseballschläger auf zwei Typen losgeht, die scheinbar seinen Bruder bedrohen. Und hinter der fröhlich-sorglosen Fassade Johns lauert etwas brutales, das einem Angst machen kann.

Die Reise führt die beiden auch durch einen zerstörten amerikanischen Traum. Der Highway ist einsam, sie scheinen manchmal die einzigen Menschen auf Erden zu sein. Einmal kommen sie durch eine aufgegebene Armee-Basis. Fahren vorbei an den verlassenen, langsam verfallenden Häusern in dem die Truppenangehörigen mit ihren Familien gelebt haben. Was einen ebenso seltsam surrealen, wie pessimistischen Eindruck hinterlässt. Mit der Zeit wird dieses Gefühl immer stärker, ohne dass man genau fassen kann weshalb. Und dann hält die Geschichte um die beiden Brüder noch in kurzen Abständen zwei Tiefschläge bereit, die dann doch aus dem Nichts kommen und den Zuschauer halb k.o. aus dem Film entlassen. Die aber nicht aufgesetzt wirken, sondern sich durchaus logisch und erbarmungslos konsequent aus der Handlung entwickelt haben. Und die einen noch sehr lange über den Film und seine Figuren nachdenken lässt.

Ein großes Lob gilt auch dem Kameramann Erin Naifeh, der die sicherlich nicht immer einfache Aufgabe hatte, Monahan und Loesch während ihrer Fahrt im engen Auto zu filmen, und der es geschafft hat, immer ganz nach an den Beiden dran zu sein, ohne dabei in einen aufdringlich Pseudo-Doku-Stil zu verfallen. Großes Kino.

Großes Kino war auch der Auftritt von Scott Monahan und Dakota Loesch nach dem Film. Denn beide sprühten nur so vor Energie und Witz. Wie schon im Film hing man den beiden an den Lippen. Und Dakota Loesch zeigte, dass er „im wahren Leben“ zwar eine ganz andere Person als „John“ ist, aber dieselbe mitreißende Persönlichkeit, dasselbe Charisma und dieselbe Präsenz hat. Als Beide am Ende der Q&A noch die Zuschauer zu einem spontanen Reim-Tanz-Spielchen animierten, war eigentlich schon klar, dass die beiden sympathischen Filmemacher den Publikumspreis gewinnen würden. Was sie dann auch – völlig zu – Recht taten. Dass Dakota Loesch auch noch den Preis für den besten Hauptdarsteller mitnahm, hat mich dann auch sehr, sehr gefreut. Toller Film, tolle Typen. Ich bin sehr gespannt, was da noch kommt.

Scott Monahan & Dakota Loesch

Moderator, Scott Monahan & Dakota Loesch

 

Hydrometta – „Hydrometta“ ist ein Film, der so laut seinem Regisseur, Drehbuchautor und Hauptdarsteller Christopher Walters gar nicht geplant war. Während der Corona-Krise hatte er sich überlegt, wie er trotz der Einschränkungen etwas drehen könnte. Am Ende entstand dann mehr zum Spaß diese Geschichte um einen Journalisten, der während der Anfänge der Krise aus der Stadt in eine kleine, abgelegene Hütte in einem eigentlich gesperrten Waldgebiet flieht. Dort erlebt er zunächst seltsame Dinge und kommt dann einer Verschwörung auf die Spur, in der es um Wesen aus einer andern Dimension (oder dem Weltall?) geht. Bald schon liefert er sich ein Duell mit einer geheimnisvollen Frau und einem alten Jäger.

Gedreht wurde das alles ganz simpel und kostengünstig auf iPhones. Wie Christopher Walters in der Q&A erzählte, war er mit dem billigen iPhone-Look aber nicht zufrieden und schickte den Film zu einer Special-Effects-Firma nach Bukarest (oder Bulgarien, genau weiß ich es leider nicht mehr), mit der er bereits an anderen Filmen gearbeitet hatte – und der verpasste dem Film dann den Rotoscope-Verfahren-Look, den er nun besitzt. Dieser ist allerdings ein zweischneidiges Schwert. Einerseits kreiert er natürlich eine ganz besondere, seltsam irreale Stimmung, da man nicht mehr wirklich zwischen Realfilm und Animationsfilm unterscheiden kann. Das cartoon-hafte wirkt auch frisch und seltsam (obgleich man dies durch Filme wie „A Scanner Darkly“ natürlich schon lange kennt). Aber es sind auch Dinge möglich, die real sicherlich eher lächerlich oder billig gewirkt hätten, hier aber eine besondere Intensität und „Realismus“ bekommen.

Andererseits hatte ich hier auch das Gefühl, es ist etwas zu viel des Guten. Häufig verschwammen die Bilder, man konnte keine Details erkennen und im schlechtesten Falle wirkte das Bild einfach wie eine einzige Pampe aus Strichen und Bewegungen. Zudem kommt eine der Stärken des Films, nämlich die unfassbare Landschaft und Natur nicht wirklich zur Geltung, da hier alles nur ein einziger Hintergrundmatsch ist. Und da man auch durch diesen hindurch sieht, welches visuelle Potential die Location hat, ist das einfach schade. Zumal die teilweise etwas wirre Geschichte einen auch nicht immer vom Hocker reißt und der Film trotz seiner recht kurzen Laufzeit von 71 Minuten dadurch manchmal etwas zu lang geraten wirkt.

Aber vielleicht ist diese Kritik auch etwas zu harsch, denn eigentlich ist das ganze Projekt ja auch nur als Zeitvertreib und Fingerübung gedacht gewesen. Und nett ist „Hydrometta“ anzuschauen und man sieht ihm an, dass alle Beteiligten mit Elan und Freude bei der Sache waren. Nur hat es zwischen „Hydrometta“ und mir an diesem Tag einfach nicht gefunkt. Was ich im Nachhinein schade finde, denn das Herz hat der Film sicherlich am rechten Fleck.

Christopher Walters

Christopher Walters & Moderator

Nach zwei Filmen im cineK traf ich wieder mit meiner kleinen „Reisegruppe“ zusammen, die sich die Zeit zwischen ihren beiden Filmen in einem Restaurant vertrieben hatte. Gemeinsam ging es rüber zum Casablanca, um den Cannes-Gewinner zu sehen.

Titane – Was kann man zu „Titane“ schreiben? Muss man überhaupt etwas dazu schreiben? Kann man sich nicht einfach in seine seltsam brutal-zärtliche Welt begeben und sich dann darin treiben lassen? Den Film einfach nur erfühlen, statt ihn intellektuell zu verarbeiten? Tatsache ist, auch nach einer Woche tauchen immer noch Bilder und Situationen aus „Titane“ in meinem Unterbewusstsein auf. Der Film mag mich nicht loslassen. Warum das so ist, vermag ich mit Worten kaum zu erklären. Vielleicht war ich einfach zu tief drin in der Welt von „Titane“. Vielleicht hat mich diese Welt nachhaltig verstört. Mir Fragen gestellt, auf die ich keine leichten Antworten weiß. Am Ende war ich verstört, verwirrt, angeekelt, beglückt, verängstigt und gefühlsselig.

So widersprüchlich wie diese Gefühle ist auch der ganze Film. Ein Freund und Mitseher fasste „Titane“ wie folgt in zwei Sätze zusammen: „Eine erotische Tänzerin und Serienkillerin mit Titanplatte im Kopf hat Sex mit einem Auto und wird schwanger. Auf ihrer Flucht gibt sie sich als Sohn eines alternden Feuerwehrmannes aus.“ Das trifft es genau und erzählt doch nur ein Bruchteil dessen, was „Titane“ ist. Angefangen von der ersten Szene, in der eine störrisches, missgelauntes Kind ihren Vater im Auto nervt – um damit einen fatalen Unfall zu provozieren bis hin zur letzten Szenen, die eine unmögliche Geburt zeigt und in einem Bild endet, welches mich stark an „Rosemarys Baby“ erinnert hat, gleichzeitig beängstigend, zärtlich und auch wunderschön ist. Dazwischen: Extrem brutale Morde, Szenen in denen selbst ich mir kurz die Augen zuhalten musste (Stichwort: Nase), Musik, Tanz, sehr laute und sehr leise Momente. Märchenhafte Elemente, fast dokumentarische, sehr reale Elemente. Angst vor dem Alter. Angst vor Nähe. Dinge die man nicht versteht, Dinge die man nur allzu gut versteht.

Dabei unfassbar gute Schauspieler. Die bisher unbekannte Agathe Rousselle ist gnadenlos intensiv als Titane. Vincent Lindon schafft es, dass man seinen alten Feuerwehmann Vincent ebenso ins Herz zu schließen kann, wie ihm gegenüber auch permanent misstrauisch zu bleiben. Was ist das für eine seltsame, bedingungslose und besitzergreifende Liebe gegenüber seinem „Sohn“. Inzest und unterdrückte Homosexualität liegen da ebenso in der Luft, wie eine tiefe, ernstgemeinte Vaterliebe und die tiefe Verzweiflung und Traurigkeit um den verlorenen Sohn. Alles gleichzeitig.

Vom Stil hier scheint sich Julia Ducournau (ihr Debüt „Raw“ muss ich endlich sehen) teilweise bei Gaspar Noe, Nicolas Winding Refn und Lars von Trier inspiriert zu haben. Aber eigentlich sind diese Vergleiche unfair, denn sie zieht hier ihr ganz eigenes Ding durch. Wie oben angedeutet: Ein schwieriger und zugleich leichter, ein abstoßender und zugleich anziehender Film. Hässlich und wunderschön. Ein Kunstwerk. Ein Meisterwerk. Eine emotionale Achterbahn. Grandios in Bilder umgesetzt. Und sicher eine Film, wie ich ihn bisher in dieser Form noch nicht gesehen habe.

Nachdem das Licht im Saal wieder anging flossen wir vollgestopft mit Bildern und Gedenken aus dem Kino. Meine hinter mir sitzenden Freunde berichteten von Leuten im Publikum, bei denen „Titane“ starke emotionale Reaktionen ausgelöst hatten. Dann fuhren wir durch die Nacht nach Hause. Ein ausgesprochen schöner Filmfest-Tag ging leider zu schnell zu Ende.

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