Bericht vom 28. Internationalen Filmfest Oldenburg – Tag 1

Endlich wieder ein richtiges Filmfestival. Was habe ich das vermisst. Zwar war ich auch letztes Jahr auf dem Internationalen Filmfest Oldenburg zu Gast, doch diese Erfahrung war Pandemie-bedingt eher ernüchternd. Damals schrieb ich: „Ein seltsames Jahr, ein seltsamer Besuch“, denn die 27. Ausgabe zeichnete sich 2020 durch eine völlig Abwesenheit eines Festival-Feelings, sehr wenige Besucher und keinem einzigen Gast aus. Schon damals äußerste ich die Hoffnung, dass es 2021 bei der 28. Ausgabe meines Lieblings-Festivals wieder anders aussehen würde. Und diese Hoffnung sollte sich Gottseidank bestätigen. Zwar fand das Festival wieder unter Corona-Bedingungen statt, aber dies äußerte sich nur darin, dass man eben, wenn man sich im Foyer und Kino bewegt, eine Maske zu tragen hat und sich beim Einlass ins Kino per Luca-App registriert und einen „3G“-Nachweis vorzeigen muss. Also keine größeren Komplikationen und eigentlich in diesen Zeiten selbstverständlich. Dass die Plätze diesmal wieder nummeriert waren und immer ein Platz neben einen freigelassen wurde, fand ich jetzt als sogar als kleinen Vorteil. Das entspannte die Situation vor dem Einlass nämlich merklich und man saß nicht eng an eng.

Was mich aus ganzem Herzen freute war, dass man merkte, dass das Publikum ausgehungert war. Viele der Vorstellungen die ich besuchte, waren – mit den oben genannten Maßnahmen eingeschränkten Kapazitäten – sehr voll. Sogar am Sonntag beim eher obskuren „The Amusement Park“ war das Kino noch gut besucht. Endlich tummelten sich auch wieder mehr Menschen im Foyer, und man merkte wieder diese wunderbare Spannung und Aufregung in der Luft. Dinge, die 2020 noch völlig abwesend waren. Und es waren wieder Gäste da! Filmemacher, die nach dem Film mit breitem Lächeln dem wissbegierigen Publikum Rede und Antwort standen. Man merkte auch ihnen an, wie sehr sie das alles vermisst hatten. Alles war fast wie immer. Nein, eigentlich sogar schöner, denn es herrschte eine so unglaublich positive Stimmung. Es war fast so etwas wie ein Aufbruch in wieder bessere Zeiten. Da passt das unglaublich starke Programm in diesem Jahr auch gut ins Bild.

The Last Victim – Ich machte in diesem Festivaljahr quasi genau dort weiter, wo ich 2020 aufgehört hatte. Damals war mein letzter Film des Festivals John Hyams‘ „Alone“ gewesen, in dem sich eine junge, schlagkräftige Frau in der Wildnis gegen einen skrupellosen, scheinbar unaufhaltsamen Killer zur Wehr setzen muss. Ein ganz ähnliches Szenario erwartete mich jetzt in „The Last Victim“.

Dieser als Neo-Western angekündigte Action-Thriller beginnt mit einem unfassbar brutalen und blutigen Massaker in einem Diner. Dass die dafür verantwortlichen Kleinstadtgangster (angeführt von dem sehr intensiv spielenden Ralph Ineson, bekannt u.a. aus dem tollen „The Vvitch“) die Leichen in einem abgelegenen Naturschutzgebiet verschwinden lassen wollen, ist großes Pech für ein Paar, welches eben diesem einen Besuch abstattet. Während der Mann eine Kugel in den Kopf bekommt, muss die Frau um ihr Leben kämpfen. Zwischendurch kann man noch den immer wieder gern gesehenen Ron Perlman und seinem weiblichen Deputy (Newcomerin Camille Legg, die ihre Sache sehr gut macht) dabei beobachten, wie sie versuchen, die Sache mit den Morden aufzuklären. Natürlich laufen am Ende alle Fäden zusammen, und die Geschichte hält mehr als eine Überraschung bereit.

Das ist alles spannend und vor allem ohne Längen umgesetzt. Das Rad wird nicht unbedingt neu erfunden, aber Naveen A. Chathapuram weiß bei seinem Regie-Debüt was er da tut und was er will. Zudem hat er den Luxus, auf eine sehr gute Besetzung zurückgreifen zu können. Ali Larter gibt eine überzeugende Heldin ab und Leuten wie Kyle Schmid und vor allem Dakota Daulby sieht man gerne zu. Zwar gibt es einige Regieentscheidungen, bei denen man merkt, dass Chathapuram seinem Film eine besondere Note geben wollte, aber das ist verzeihlich. Hier sei zum Beispiel das Voice-Over durch Ralph Ineson (der zugegebener Weise eine wirklich großartige Stimme hat) genannt. Auch einige surrealistische Momente und das angehängte Ende wären nicht unbedingt nötig gewesen, stören aber auch nicht. „The Last Victim“ ist einfach gute und spannende Unterhaltung.

Regisseur Naveen A. Chathapuram war anwesend und nannte als Vorbilder „Hell Or High Water“ und „No Country For Old Man“. An die kommt er nicht unbedingt voran, aber in Schussweite ist er durchaus.

Naveen A. Chathapuram

Come To Harm – Dieses isländische Drama mit leichtem Gangster-Einschlag hat mir vor allem eins gezeigt: Man soll nicht nach Äußerlichkeiten gehen! Beschämt muss ich zugeben, dass ich extrem skeptisch war, ob ich mit meiner Filmwahl nicht ziemlich danebengelegen habe, als die Macher des Films vor dem Start der Vorführung mit einer ziemlichen Entourage in den Kinosaal kamen. Keiner der Anwesenden schien mir über 20 zu sein. Und die Aufmachung des Co-Regisseurs Anton Kristensen erinnerte mich so sehr an Vincent Vega aus „Pulp Fiction“, dass mir fürchterliches schwante. Eingedenk dessen, was die ganz junge Generation an Low-Budget-Filmeachern hier in Deutschland oftmals hinlegt – schrecklich „augenzwinkernde“ Tarantino-Verschnitte, die gerne cooler als das Original wären – erwartete ich eine „coole“ Gangster-Geschichte im bekannten Tarantino/Rodriguez/Ritchie-Style. Hierfür möchte ich ganz offiziell um Entschuldigung bitten. Denn der wirklich großartige und aufwühlende „Come to Harm“ könnte nicht weiter weg von diesem Kosmos sein. Um die Pointe vorwegzunehmen. „Come to Harm“ ist einer der besten Filme, die ich in meiner nun schon über 10-jährigen Zeit beim Filmfest Oldenburg dort gesehen habe.

Und er bewegt mich, jetzt wo ich diese Zeilen schreibe, noch immer. Und umso peinlicher sind mir meine Vorurteile, ob der augenscheinlichen Jugend der Macher. Co-Regisseur, Drehbuchautor und Hauptdarsteller Ásgeir Sigurðsson ist für mich nach diesem Film eines der größten Talente des europäischen Films. Und sein Partner und Kameramann Anton Kristensen findet für „Come to Harm“ die perfekten Bilder. Immer nah dran am Geschehen und den Figuren, aber ohne auf irgendwelche Wackelexzesse zu verfallen. Auch wenn die Figuren mal nicht komplett im Bildausschnitt zu sehen sind, ist das alles sehr durchdacht und unterstützt die Dramatik der Szene, statt zu irritieren.

Worum geht es in diesem kleinen Meisterwerk? Es geht Óliver, der sich so gut es geht durchs Leben schlägt und versucht auch bei Tiefschlägen nicht ganz den Mut zu verlieren. Zudem liebt er seinen 11-jährigen Bruder Hrafn, um den er sich rührend kümmert. Denn von seiner Mutter, die eine Drogenvergangenheit hat, hält er nicht viel. Der Vater ist schon vor längerer Zeit verstorben. Wir folgen Óliver durch seinen Alltag. Er jobbt in einer Autowerkstatt, wo er niedere Arbeiten verrichtet – und trotzdem wegen Sparmaßnahmen entlassen wird. Man begleitet ihn auf eine Party, wo er zaghaft mit einem Mädchen anbändelt. Dann kommt ein Anruf und Ólivers Leben fällt wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Seine Mutter ist wieder rückfällig geworden und hat, um ihre Schulden bei einem Dealer zu bezahlen, Hrafn einer Gangsterbande überlassen. Voller Wut und Verzweiflung macht sich Óliver daran, Hrafn zurückzubekommen.

Und wer nun erwartet, ein blutiges Rachedrama zu sehen, der hat sich getäuscht. Óliver ist kein cooler Killer oder einer, der da aufräumt. Óliver hat keine Ahnung was er tun soll. Seine Aktionen sind spontan und unüberlegt. Ganz aus dem Schmerz und der Verzweiflung geboren. Und jeder Schritt, den er fortan unternimmt, führt ihn näher an den eigenen Abgrund. Tiefer hinein in die Katastrophe. Und wie Ásgeir Sigurðsson diese tiefe Verzweiflung, leidvolle Angst und Hilflosigkeit spielt ist wirklich phänomenal. Nie hat man das Gefühl, da spielt einer, sondern dass man einer echten Person zusieht, der klar ist, dass das alles nicht mehr gut ausgehen kann, und dass gerade alles, was noch gut und lebenswert war, den Bach runtergeht. Und das drückt einen selber ganz tief hinein in den Sitz und lässt ohne große Action das Herz schneller schlagen.

Kurz bekommt man es mit der Angst zu tun, wenn der Film nach dem logischen Ende noch weitergeht. Angst davor, dass die beiden Regisseure jetzt diesen so starken Film noch mit einem angeklatschten Happy End kaputt machen könnten. Aber das tun sie nicht. Der Epilog ist folgerichtig und entlässt den Zuschauer nicht mit einem falschen Gefühl von „alles ist gut“, sondern mit der Figur des jungen Hrafn, und der bangen Frage, wie es mit ihm weitergeht, und der Hoffnung, dass die Antwort dann vielleicht doch „es wird schon werden“ lauten könnte.

Anton Kristensen & Ásgeir Sigurðsson

Moderator, Anton Kristensen, Ásgeir Sigurðsson, Rest der „Come to Harm“-Crew

Foxhole – Der Film „Foxhole“ hatte es nach dem grandiosen „Come to Harm“ natürlich schwer. Zudem war er nur eine Notlösung, da der von mir eigentlich präferierte „Mad God“ (auf den ich mich sehr gefreut hatte) bereits ausverkauft war.

„Foxhole“ ist ein Kriegsfilm, allerdings ohne große Schlachten und Actionszenen. Er erzählt in drei Episoden von einer Gruppe Soldaten, die scheinbar durch die Jahrzehnte immer wieder neu reinkarnieren. Denn sie werden nicht nur immer von denselben Schauspielern verkörpert, sondern besitzen auch die immer dieselben Namen und Charakterzüge.

Die erste Episode spielt in einem Schützengraben der Nordstaaten während des amerikanischen Bürgerkriegs. Hierhin flüchtet sich schwer verwundet der farbige Nordstaaten-Soldat Jackson. Die Soldaten, die hier in Erwartung eines Angriffs der Südstaaten die Stellung halten, beginnen nun darüber zu diskutieren, ob Jackson in ein Lazarett hinter der Front gebracht werden soll, oder ob sich dies nicht lohnen würde und es für alle besser sei, ihn an Ort und Stelle sterben zu lassen. Die zweite Episode ist in stilisierten schwarz-weiß gehalten und spielt während des 1. Weltkriegs. Wieder in einem Schützengraben. In diesen flüchtet sich diesmal ein deutscher Soldat. Was unter den amerikanischen Soldaten, die hier Stacheldraht verlegen sollen, die Frage aufwirft, was man mit dem Feind macht? Während eine Gruppe (geführt vom Kommandanten des Trupps) den Deutschen exekutieren will, argumentiert eine andere, von dem alten Soldaten Wilson angeführte, Gruppe dafür, ihn am Leben zu lassen und als Kriegsgefangenen mit zur Truppe zu nehmen. Die dritte Episode führt uns in den Irak, wo eine Gruppe amerikanischer Soldaten in einem Humvee unterwegs ist und auf eine Mine fährt. Während draußen Scharfschützen darauf warten, dass die Gruppe den Wagen verlässt, wartet man drinnen auf Rettung durch die US-Armee – aber diese Hoffnung schwindet bald.

Man sieht „Foxhole“ an, dass dem sympathischen Regisseur Jack Fessenden nicht viel Budget zur Verfügung stand. Im abschließenden Q&A erzählte er abenteuerliche Geschichten, wie er den Film trotz großer räumlichen und finanziellen Restriktionen zustande gebracht hat. Man muss Fessenden zugutehalten, dass er es geschafft hat, jeder Episode ihren ganz eigenen Look zu geben. Die Weltkrieg-I-Episode sieht wirklich gut aus, aber das Highlight des Filmes ist die Irak-Episode, wo er ein Maximum aus dem beengten Platz im Humvee rausholt und einige Bilder schafft, bei dem die Klaustrophobie spürbar wird.

Das Problem des Filmes ist allerdings, dass er sehr dialoglastig ist. Und diese Diskussionen zwischen den Figuren vielleicht interessant, aber nicht besonders spannend sind. Denn man findet keine richtige Bindung zu den Charakteren. Was vielleicht auch der Kürze der ersten beiden Episoden geschuldet ist, die keinen Hintergrund für das Personal erlaubt, sodass sie letztendlich nur Stereotype bleiben, und weniger vielschichtige Personen. Dies ändert sich etwas in der Irak-Episode, die deutlich länger ist und es dem Zuschauer erlaubt, seine Protagonisten etwas besser kennenzulernen. Die sparsame Action und die unmittelbare Gefahr durch den Feind draußen helfen dabei, mehr Interesse für die handelnden Personen aufzubringen, und mit ihnen mitzufiebern. Auch tut es dieser Episode gut, dass Thesenhaftige der beiden vorangegangen Abschnitte hier weitgehend fehlt und sich ganz auf die konkrete Situation konzentriert wird. Insgesamt ein Film, der durchaus seine Stärken hat, aber auch Potential verschenkt, weil er es nicht schafft, das Interesse des Zuschauers an seinen Figuren konstant hoch zu halten.

Jack Fessenden

Danach hätte mich noch der Animationsfilm „The Spine of Night“ interessiert, der um 0:01 Uhr in der bisher immer sehr gut kuratierten Midnite-Xpress-Reihe lief. Doch dem Alter geschuldet, hatte ich keine große Lust mehr, mich dann später um kurz vor 2 Uhr Nachts noch auf die Autobahn Richtung Bremen zu begeben. Zudem habe ich gemerkt, dass vier Filme am Stück nicht mehr so meins sind und nur im Notfall durchgezogen werden sollten. Also endete mein erster Tag auf dem 28. Internationalen Filmfest Oldenburg an dieser Stelle.

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