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Blu-ray Rezension: „Der schwarze Leib der Tarantel“

Von , 21. Dezember 2016 16:15

der-schwarze-leib-der-tarantelNach einem Streit mit ihrem Ehemann (Silvano Tranquilli) wird die schöne Maria Zani (Barbara Bouchet) von einem geheimnisvollen Unbekannten ermordet. Der Killer benutzt dabei ein lähmendes Gift, bevor er seine Opfer mit dem Messer abschlachtet. Der mit den Ermittlungen beauftragte Inspector Tellini (Giancarlo Giannini) verdächtigt zunächst Ehemann Zani, der jedoch auf eigene Faust nach dem Mörder sucht. Als Zani bei einer Verfolgungsjagd ums Leben kommt und weitere attraktive Damen dem Killer zum Opfer fallen, führt Tellini eine Spur ihn in einen Schönheitssalon, dessen Besitzerin (Claudine Auger) mit den Opfern in Verbindung stand…

Anmerkung: Alle Screenshots stammen von der DVD, nicht der Blu-ray.

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Der schwarze Leib der Tarantel“ war für mich lange Jahre so etwas wie der heiliger Gral des Giallo-Kinos. Als ich Mitte der 90er Jahre mit zahlreichen Tauschpartner im In- und Ausland in Kontakt stand, und wir uns munter VHS-Kassetten mit griechischen Vollbildfassungen, die mittlerweile fast ihre gesamte Farbigkeit eingebüßt hatten, hin und her schickten, war „Der schwarze Leib der Tarantel“ der einzige „Must-Have“-Giallo, der nirgendwo aufzutreiben war. Weder eine englische, noch eine finnische oder schwedische Kopie. Von einer deutschen Fassung ganz zu schweigen, denn hier lief der Film zwar im Kino, doch seltsamerweise kam es nie zu einer Videoveröffentlichung. Dank des sympathischen Berliner Labels CMV Laservision wurde nun, nach 20 Jahren, dieser Gral nun doch auf meinen heimischen Bildschirm gezaubert. Hat sich das lange Warten gelohnt? Ist „Der schwarze Leib der Tarantel“ eben jenes verschollene Meisterwerk, zu welchem er in meiner Vorstellung mangels Verfügbarkeit reifte? Ein klein wenig Furcht hatte ich schon vor den Antworten auf diese Fragen, als ich die Blu-ray in den Player schob.

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Die Furcht erwies sich allerdings als unbegründet. Es hätte auch schon viel passieren müssen, um einen Giallo, der neben solchen Schönheiten wie Barbara Bouchet (in einer wichtigen, wenn auch leider viel zu kurzen Rolle), Claudine Auger und Barbara Bach, der Musik von Ennio Morricone (und der Hilfe von Bruno Nicolai) und gern gesehen Veteranen wie Silvano Tranquilli und Giancarlo Prete vollends in die Grütze zu fahren. Und Regisseur Paolo Cavara ist auch kein Stümper, sondern hat mit „Das wilde Auge“ einen höchst spannenden und mit viel Experimentierfreude gedrehten Magenschwinger gedreht, der als Schlüsselfilm auf das Genre gelten kann, in dem Cavara große geworden ist: Dem Mondo-Film. Hier hatte Cavara 1962 zusammen mit dem legendären Duo Gualtiero Jacopetti und Franco Prosperi die Filme „Mondo Cane“ und „Alle Frauen dieser Welt“ gedreht, bis er sich im Streit von ihnen trennte, da er mit den Methoden Jacopettis nicht mehr einverstanden war. „Das wilde Auge“ war dann seine Abrechnung mit Jacopetti dem Philippe Leroy als skrupelloser Regisseur das eiskalte Antlitz leiht. Nachdem Kriegsfilm „Ein Atemzug Liebe“ drehte Cavara 1971 diesen Giallo hier, der sich einerseits am Einmaleins des Giallo (so wie er außerhalb Italiens verstanden wird, in Italien selber bedeutet „Giallo“ einfach nur „Krimi“) abarbeite, andererseits viele Elemente einbringt, welche ungewöhnlich sind und dem Film seine ganz eigene Note geben.

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Zu den typischen Giallo-Elementen gehört natürlich der Mörder im schwarzen Regenmantel und Lederhandschuhen, der sich eine möglichst makabere und sadistische Mordmethode ausgedacht hat, um seine Opfer ins Jenseits zu befördern. Welche dann auch sehr explizit gezeigt wird. Ferner ein Score mit einer einprägsamen Melodie, ein recht abstruses Motiv des Killers, viele Verdächtige und wunderschöne Frauen, die gerne auch mal blank ziehen. Andererseits konzentriert sich Paolo Cavara aber auch untypischerweise auf die Polizeiarbeit und stellt mit Giancarlo Giannini einen Schauspieler in den Vordergrund, der sich mit seinem samtenen, immer etwas traurig-scheu guckenden Augen und der schmächtigen Gestalt so gar nicht in die Reihe harter und selbstbewusster italienischer Kommissare stellen lässt, die sonst die Leinwand bevölkern. Auch von den typischen Giallo-Helden der frühen 70er wie George Hilton oder Anthony Steffens ist Giannini weit entfernt. Bei seinem Anblick denkt man viel mehr an die blumigen Titel der Lina-Wertmüller-Filme, die ihn bekannt machten. Wie „Mimi – in seiner Ehre gekränkt“.

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Zudem rückt Paolo Cavara die ebenso modern, wie fremdartig wirkende Architektur der Randgebiete Roms in den Vordergrund. Eine Verfolgungsjagd endet auf dem Dach eines futuristisch anmutenden Büro-Industrie-Komplexes, der allein aufgrund seines kühl-futuristischen Designs der Szene einen beinahe schon irrealen Anstrich gibt. Auch, dass das Privatleben des ermittelnden Kommissars, sein Hadern mit dem Beruf und der Welt so weit in den Vordergrund gerückt wird, sieht man nicht alle Tage in einem klassischen Giallo. Es macht den Inspector Tellini sehr menschlich und sympathisch. Und das Zusammenspiel mit der sehr lebendigen Stefania Sandrelli als Frau Tellini injiziert dem ansonsten eher düsteren und harten Film eine leichte, amüsante Note, welche die beiden Figuren gleichzeitig auch eine liebenswerte Natürlichkeit verleiht. Umso härter trifft den Zuschauer die finale Konfrontation mit dem Killer, in der Frau Tellini in Todesgefahr gerät. Wie man überhaupt sagen muss, dass Cavara hier wert auf eine genaue Figurenzeichnungen legt. Auch Silvano Tranquilli als betrogener und mordverdächtiger Ehemann oder die großartige Rossella Falk als Erpressungsopfer wird weitaus mehr Tiefe und Vielschichtigkeit als üblich zugestanden.

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„Der schwarze Leib der Tarantel“ ist ein spannender und sehr gut gemachter Giallo, der sich zwar vornehmlich an den Konventionen des Genres abarbeitet, gleichzeitig aber auch überraschende und untypische Elemente einbringt.

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Das Bild der Blu-ray mag nicht den allerhöchsten Ansprüchen einiger Technik-Fetischisten genügen, ist aber für meine Augen vollkommen akzeptabel. Für diese Veröffentlichung hat CMV die alte Kinotonspur aufgetrieben, die sehr sauber und klar klingt. Wer mag kann auch auf die englische Synchronisierung wechseln, die der deutschen Sprachfassunallerdings qualitativ unterlegen ist. Für die Extras wurde das 15-minütig Interview mit Lorenzo Danon, dem Sohn des Produzenten Marcello Danon, aus der amerikanischen und italienischen Veröffentlichung übernommen. Ganz neu ist ein 5-minütiges Interview mit Pietro Cavara, dem Sohn des Regisseurs. Über den Audiokommetnar von Thorsten Hanisch und Andrea Sczuka wurde in diversen Foren schon viel Böses geschreiben. Inhaltlich verweise hier einmal dezent auf eben diese Diskussionen (kann man googeln) und erwähne hier nur, dass die technische Umsetzung recht mies geworden ist. Scheinbar wurde eine schlechte Skype-Verbindung genutzt.

Reise-Tipp: “Deliria Italiano” – 7. öffentliches Forentreffen in Düsseldorf

Von , 8. Oktober 2016 12:21

dift_2016Jedes Jahr ist es für mich immer wieder ein großer Höhepunkte, meine Freunde und Bekannte von Deliria-Italiano.de wiederzutreffen. Und wie jedes Jahr möchte ich hier einzige Zeilen darüber verlieren. Dazu nutze ich mal einen Text, den ich bereits an anderer Stelle geschrieben habe.

Bereits im siebten Jahr in Folge treffen sich die Mitglieder des Internetforums Deliria-Italiano.de, um gemeinsam ihrer große Leidenschaft zu frönen: Dem italienischen Genrekino. Nachdem die von den Foren-Administratoren stets mit viel Liebe und großem Engagement organisierten Treffen bereits in Hamburg, Bremen, Frankfurt, Magdeburg, Nürnberg und sogar Wien stattfanden, zieht es Deliria-Italiano.de nun erstmals in den Westen der Republik. Das diesjährige Forentreffen findet am nächsten Wochenende, dem 14. und 15. Oktober in der BLACK BOX (dem Kino des Düsseldorfer Filmmuseums) statt. In Kooperation mit „Mondo Bizarre“, einer in Düsseldorf beheimaten Filmreihe, die dort einmal im Monat bizarre Filmkost aus aller Herren Länder serviert.

di7_ddorfWie immer ist das Treffen keine geschlossene Veranstaltung, sondern jeder ist herzlich eingeladen, dabei zu sein. Wer in den vergangenen Jahren die Forentreffen besucht hat weiß, dass „Neulinge“ stets mit offenen Armen willkommen geheißen werden. Daher ist es auch kein Wunder, wenn von Treffen zu Treffen die Schar derer wächst, die auch beim nächsten Mal dabei sind. Im letzten Jahr verzeichnete das Forentreffen dann auch einen neuen Besucherrekord – und dies, obwohl der überwiegende Teil der Besucher dafür bis nach Wien reisen musste. Auch in Düsseldorf, wird wieder mit einem vollen Haus zu rechnen sein.

Neben dem geselligem Beisammensein und der fröhlichen Fachsimpelei, stehen natürlich Filme im Mittelpunkt der Veranstaltung. Diese werden von den Organisatoren mit großer Sorgfalt ausgesucht und – das ist ein ehernes Gesetz – von alten 35-Millimeter-Rollen gezeigt. In diesem Jahr wurden einige ganz besondere Leckerbissen für italophile Filmfreunde ausgegraben.

di7_ddorf2Den Auftakt macht der großartige Film „Flavia – Leidensweg einer Nonne“, der unter dem weitaus spekulativeren Alternativ-Titel „Nonnen bis auf’s Blut gequält“ größere Berühmtheit erlangte. Regie führt Gianfranco Mingozzi, die Hauptrolle spielt die wundervolle Florinda Bolkan. Weiter geht es mit einem Werk des mittlerweile zum Forentreffen-Maskottchen beförderten Bruno Mattei, der Miles O’Keeffe als „Der Kampfgigant“ ins Rennen schickt. Am nächsten Tag heißt es: „Mein Name ist Nobody“. Terence Hill trifft auf Henry Fonda, und beide lassen in einem großen Klassiker des Italo-Western die Luft vibrieren. Zu diesem Film werde ich auch wieder zusammen mit meinem Weird-Xperience-Kollegen Stefan eine Einführung machen.

gorilla2Den Abschluss macht eine echte Sensation. Die Jungs von Deliria-Italiano.de haben tatsächlich eine deutsche 35-Millimeter-Kopie von Tonino Valeriis Actionfilm „Der Gorilla“ mit Fabio Testi entdeckt. Von diesem Film ist bisher nicht bekannt gewesen, dass er einmal für eine deutsche Kinoauswertung vorgesehen war. Es gibt weder deutsche Plakate, noch Aushangfotos. Umso größer war die Überraschung und Freude, als die 35-Millimeter-Kopie einem Testlauf unterzogen wurde. Eine Kopie zum Träumen. Wahrscheinlich noch nie abgespielt und tatsächlich in deutscher Sprache. Recherchen haben ergeben, dass es wohl noch eine weitere Kopie zu diesem Film gab, diese aber aller Wahrscheinlichkeit nach im Müll gelandet ist. Warum es der Film nie in die deutschen Kinos geschafft hat, kann nicht rekonstruiert werden. Aber nach exakt 40 Jahren ist es jetzt soweit und „Der Gorilla“ erblickt in Düsseldorf erstmals das Licht einer deutschen Kinoleinwand!

Zu jedem Film gibt es noch weitere fachkundige Einführungen, u.a. von Oliver Nöding und Michael Cholewa. Und spannende Verlosungen dürfen natürlich auch nicht fehlen. Also, wer nächstes Wochenende noch nichts vor hat: Auf nach Düsseldorf!

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DVD-Rezension: „Porn to Be Free“

Von , 29. September 2016 22:37

porntobefree„Porn to Be Free“ zeichnet die unglaubliche Entwicklung des Pornos – von den ersten Fotoshootings und Veröffentlichungen in Underground-Magazinen bis zum Einzug in die Kinos. Europas Freie Liebe und grafischer Sex sind Werkzeuge des Protestes im Kampf gegen Zensur und die bigotte Moral der 70er und 80er Jahre. Neben Interviews mit Zeitzeugen wie dem Porno-Star „Cicciolina“, die später Mitglied im Italienischen Parlament wurde, zeigen Film-Ausschnitte und Aufnahmen von den Dreharbeiten den Moment als Porno revolutionär wurde. (Inhaltsangabe des Verleihs)

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Die Geschichte des pornographischen Films der 70er Jahre verspricht das Cover dieser DVD. Das Bild dazu ist nicht unbedingt passend und erinnert eher als eine moderne Softsex-Weichzeichner-Produktion. Schon hier merkt man deutlich, dass das Label Donau Film, das den Dokumentarfilm „Porn to Be Free“ in Deutschland vertreibt, nicht so recht weiß, was es damit anfangen und welche Zielgruppe nun eigentlich angesprochen werden soll. Ein Dilemma, welches man mit etwas gutem Willen nachvollziehen kann. Tatsächlich ist die Pornoindustrie nur ein Aspekt, der hier behandelt und mit saftigen, höchst expliziten Bildern illustriert wird. Der Originaltitel „Porno & Libertà“ trifft es da besser. Denn es geht vor allem um Politik, Demonstrationen, Happenings… und darum, dass Sex auch immer politisch ist. Der Tenor: Die Pornos haben geholfen, die Menschen aus ihren moralischen Käfigen zu befreien und die Welt positiv zu verändern. Eine Geschichte des pornographischen Filmes ist der Film dann natürlich nicht geworden und sollte es auch gar nicht sein. Im Zentrum des Filmes steht die sexuelle Befreiung in Italien. Und dies ist dann zwar hauptsächlich, aber eben nicht nur, auf den pornographischen Film bezogen. Die Welt außerhalb Italiens wird dann auch weitestgehend ausgespart. Zwar werden kurz auch die US-Produktionen im „Deep Throat“-Gefolge erwähnt und natürlich die Pornofilmwelle aus Dänemark, wo Pornographie als erstes legalisiert wurde. Doch wichtige Länder wie Frankreich oder auch Deutschland fehlen.

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Das Thema an sich ist sehr spannend und zeichnet ein interessantes, größtenteils unbekanntes Bild der sozio-politischen Lage und der alternativen Gegenbewegungen im Italien Ende der 60er und in den 70er Jahre. Die Hauptprobleme liegen aber darin, dass Regisseur Carmine Amoroso schon sehr schnell der rote Faden verloren geht und dann wüst zwischen den unterschiedlichsten Themen hin und her gesprungen wird. Zumindest erscheint es so, wenn man kein genaues Hintergrundwissen um die gesellschaftlichen Probleme und die unterschiedlichen alternativen Gruppen im Italien der damaligen Zeit hat. Hier kommt dann erschwerend hinzu, dass es keine Erklärungen zu den interviewten Personen gibt. Daher weiß man als ahnungsloser Zuschauer auch nicht, wer das ist und was seine/ihre Rolle und Wichtigkeit war. Zudem neigen einige von ihnen zum ausgedehnten Aggit-Geschwafel, dem man schon nach zwei Sätzen nicht mehr folgen kann und will. Aber auch bei den Filmschaffenden fehlt einfach eine sinnvolle Einordnung und eine strengere Gesprächsführung. So sind selbst die Ausführungen eines Lasse Brauns zu seinen Anfängen im Sex-Geschäft teilweise sehr verwirrend, wenn das Basiswissen um die Szene, in der er sich damals bewegte, fehlt. Man fühlt sich oftmals so, als ob einem ein Bekannter sehr blumig Geschichten über seinen Schwippschwager und dessen Freunden erzählt, von denen man vorher noch nie etwas gehört hat.

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Dies ist vor allem deshalb ärgerlich, weil man deutlich spürt, dass bei dem Thema sehr viel mehr drin gewesen wäre, als Carmine Amoroso herausholt. Wenig hilfreich ist dabei auch die sehr einseitige Darstellung. Immer wieder wird auf ein großes Happening in Mailand 1976 Bezug genommen, welches als so etwas wie die große Wende in der Art und Weise, wie in Italien mit Sex, freier Liebe und auch Neo-Feminismus und LGBT-Rechten umgegangen wurde. Wobei sich meiner Kenntnis entzieht, ob dieses Treffen von Hippies, Underground-Künstlern und Aktivisten wirklich solch ein alles umwälzendes Ereignis war, wie es dargestellt wird. Und ob es wirklich so stark im kollektiven Gedächtnis Italiens verankert ist, wie in den Erinnerungen der damals Beteiligten, die von Amoroso ausgiebig ins Bild gesetzt werden. Zudem ist die Hauptthese des Films, nämlich dass die Pornographie vor allem ein Mittel war, um gegen Zensur und religiöse Moralvorstellungen zu rebellieren, ziemlich naiv. Zwar befeuern Pioniere wie Lasse Braun dieses Darstellung mit ihren romantisierten Erinnerungen. Dass dahinter aber auch ein knallhartes Geschäft stand (und steht), wird mit keiner Silbe erwähnt. Konsequenterweise endet die Rückschau dann auch Ende der 70er Jahre. Die Industrialisierung der Pornographie wird komplett ausgespart. Auch das Überlappen von Exploitationfilm und Hardcore-Pornographie in den Filmen eines Joe D’Amatos findet ebenfalls keine Erwähnung. Von D’Amato wird einmal im Hintergrund ein Ausschnitt aus „Orgasmo Nero“ eingeblendet. Ein Andrea Bianchi wird in einem Satz als Autor eines pornographischen Magazins erwähnt. So bleibt am Ende dann nur so etwas wie falsche Revolutions-Romantik.

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Die Geschichte des Pornofilms erzählt Carmine Amorosos Dokumentarfilm mitnichten. Vielmehr versucht er Sittengemälde des Italiens der späten 60er und der 70er Jahre zu zeichnen. Dabei wird das Aufkommens des Pornofilms als eine Art Initialzündung für eine sexuelle Befreiung dargestellt, bei der der Porno dann zu einem Instrument des politischen Kampfes wurde. Andere Aspekte der Pornofilmindustrie werden konsequent ausgespart. Dabei verliert Regisseur Amoroso allerdings öfter mal den roten Faden. Auch wäre eine deutlichere Einordnung in den historischen Kontext wünschenswert gewesen.

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Die DVD aus dem Hause Donau Films ist sehr ordnetlich geworden. Bei den historsichen Szenen ist das Bild dann auch (gewollt) sehr historisch, die Interview-Szenen und Zwischensequenzen sind aber state of the art. Der Ton kommt bei diesem Dokumentarfilm natürlich zumeist von vorne, wo die Interviewten ihre Geschichten erzählen. Man kann den Film auf italienisch mit deutschen Untertiteln oder mit einem guten deutschen voice-over anschauen. Extras gibt es bis auf den italienscihen Trailer keine.

DVD-Rezension: „Strasse der Angst“

Von , 17. September 2016 11:24

strassederangstDer aufstrebende Jungpolitiker ist Dr. Michele Alemani (Fabio Testi) ist mit Rita (Simonetta Stefanelli) verheiratet, der Tochter des einflussreichen Bauunternehmer und Parteivorsitzenden Vetroni (Ugo Bologna). Für seinen Schwiegervater übernimmt er auch schon mal die Drecksarbeit, wie die Einschüchterung unliebsamer Konkurrenten. Eines Tages wird Alemani Opfer eines Attentats. Gerettet wird er dabei von einer unbekannten jungen Frau (Lara Wendel), die seine Wunden verbindet. Alemani kann die junge Frau nicht vergessen. Als er sie wenig später zufällig in einem Restaurant wieder trifft, verlieben sich beide ineinander. Alemani ist bereit für Viva, so heißt die Schöne, alles aufzugeben. Auch als er entdeckt, dass sie schwer heroinabhängig ist, ändert dies nichts an seinen Plänen…

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Um es gleich vorweg zu schicken: Warum dieser Film in der Reihe „Polizieschi“ erscheint, wird wohl auf immer das Geheimnis des Labels filmArt bleiben. Nein, wer aufgrund des reißerischen Covers eine actionreichen Polizei- oder Mafiafilm erwartet, der wird bitter enttäuscht werden. Und nein, weder trägt Herr Testi in diesem Film einen Trenchcoat, noch nimmt er eine Waffe in die Hand. Immerhin ist das Cover so aber vielfältig einsetzbar und diente auch der VHS-Veröffentlichung des Films „Sieben Stunden der Gewalt“ mit George Hilton als Cover-Motiv, indem der Figur, die offensichtlich Testi darstellen soll, ein Schnauzbart aufgemalt wurde. Dabei beginnt „Strasse der Angst“ für den durch das Label „Polizieschi“ angelockten Zuschauer durchaus vielversprechend. Zu einer schönen Melodie des immer zuverlässigen Stevio Cipriani, dessen Werke zahlreiche Klassiker des Genres zieren, sehen wir Fabio Testi beim nächtlichen Rugby-Spiel, beobachtet von einigen finsteren Gestalten, die sich dann auch gleich an seine Fersen heften. Schnell wird klar, dass der aufstrebende Jungpolitiker für seinen reichen und industriellen Schwiegervater die Drecksarbeit erledigt und mit sanftem Druck unliebsame Konkurrenten aus den Weg räumt. Doch sehr bald bekommt er die Quittung für sein zwielichtiges Treiben präsentiert und wird von einem maskieren Überfallkommando zusammengeschossen. Hier endet dann erst einmal die erwartete Handlung und der Film wendet sich mit Schmackes einem anderen Genre zu.

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Als Alemani nach dem Überfall angeschossen an einem Laternenpfahl hängt, eilt ihm eine unbekannte Schöne zu Hilfe, bindet ihm mit ihrem Schal seine Wunden ab und verhindert somit, dass er verblutet. Ob diese junge Frau nur zufällig in der Nähe war, oder ob sie zusammen mit ihrem kriminellen Freund in die Sache verwickelt ist, wird im weiteren Verlauf nicht geklärt. Beides ist denkbar. Alemani kann die Schöne nicht vergessen, was man durchaus nachvollziehen kann, wird sie doch von der schönen Lara Wendel gespielt. Lara Wendel war zum Zeitpunkt der Dreharbeiten unglaubliche 15 Jahre jung. Etwas, was man ihr aber zu keiner Zeit ansieht, insbesondere in den zahlreichen, textilfreien Liebesszenen mit Fabio Testi, in denen sie sehr ungezwungen ihren makellosen Körper präsentiert. Die 1965 als Daniela Rachele Barnes in München als Tochter eines amerikanischen Schauspieler-Ehepaars geborene Wendel hat zu diesem Zeitpunkt schon einige Erfahrung im Filmgeschäft und mit Nacktszenen. Spielte sie doch 1977 die Hauptrolle in dem Skandalfilm „Maladolescenza – Spielen wir Liebe“. In „Strasse der Angst“ zeigt sie neben ihren körperlichen Reizen auch ihre schauspielerischen Fähigkeiten. Schließlich spielt sie ihre Figur – welche einige Jahre älter als sie selbst zu sein scheint – sehr souverän und glaubwürdig. Auch in den dramatischen Szenen verfällt sie nicht in eine übertriebene Darstellung, sondern verkörpert Schmerz und Zerrissenheit auf realistische Art und Weise. Demgegenüber wirkt Fabio Testi häufig etwas steif und verkrampft.

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Sobald sich Alemani in die geheimnisvolle Viva verliebt, und beide sehr schnell ein ungleiches Paar werden, verlässt der Film konsequent den Gangsterfilm-Pfad und begibt sich gänzlich ins Reich des Liebes-Drama. Dann erzählt „Strasse der Angst“ nur noch von dem Karrieremenschen, der für seine große Liebe alles aufgibt und sich im stetigen Kampf mit deren Vergangenheit befindet. Der mit ihrer Drogenabhängigkeit konfrontiert wird und trotzdem um sein großes Glück kämpft. Der seine Geliebte aber auch akzeptiert und gegen alle gesellschaftlichen Widerstände alles tut, um mit ihr an seiner Seite ein neues Leben zu beginnen. Das nimmt dann durchaus Züge einer Groschenroman-Romanze an. Mit der Optik von kitschigen 80er-Jahren-Pärchen-Postern, wie sie damals in zahlreichen Backfisch-Stuben hingen. Alemani und Viva lieben sich inbrünstig (was Frau Wendel zu einigen unverhüllte Szene verhilft, was ja durchaus seinen Reiz hat) und sind bereit, sich gegenseitig füreinander zu opfern. Aber erst am Ende schlägt das Schicksal, bzw. die Umstände wieder mit unerbittlicher Härte zu und verschafft Danilo Mattei zu einem wunderbar schmierigen Auftritt als ehemaliger Freund/Dealer/Zuhälter (?) der armen Viva. Fabrizio Lori gelingt es bei seinem Regie-Debüt dann zu guter Letzt doch noch, zusammen mit seiner Hauptdarstellerin ein optisch reizvolles und schön melancholisches Finale zu inszenieren, welches dem Publikum länger im Gedächtnis haften bleiben dürfte, als der kitschige Mittelteil des Filmes.

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Für Freunde des „Polizieschi“ dürfte „Strasse der Angst“ eine ziemliche Mogelpackung sein. Freunde des italienischen Films dürfen sich aber an der schönen Lara Wendel und Fabio Testi erfreuen. Nach einem vielversprechenden Beginn, gleitet der Film leider schnell in kitschige Bastei-Roman-Gefilde ab, fängt sich am Ende aber wieder und liefert zumindest ein gelungenes, dramatisches Finale.

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Das Bild dieser filmArt-DVD kann man ruhigen Gewissens als solide bezeichnen. Mehr war bei diesem eher unbekannten Film wohl auch nicht drin. Der deutsche und italienische Ton ist okay, die Synchronisation sehr gut. Neben dem deutschen Trailer, wurde noch die deutsche Kinofassung mit auf die Scheibe gepackt. Diese ist von daher sehr interessant, weil sie mit einem alternativen Ende aufwartet. Auffällig ist bei dieser Veröffentlichung, dass es erstmals kein Booklet gibt.

Blu-ray Rezension: „Hatchet for the Honeymoon“

Von , 31. Mai 2016 17:41

Hatchet-for-the-HoneymoonJohn Harrington (Stephen Forsyth) ist der Besitzer eines Brautmodegeschäfts. Er ist mit Mildred (Laura Betti) verheiratet, deren Eifersucht und Besitzanspruch ihm das Leben zur Hölle macht. John führt ein Doppelleben, denn wenn immer sich die Gelegenheit ergibt, tötet er mit einem Beil junge Frauen, die Brautkleider tragen. Mit jedem Mord hofft er, ein Puzzlestück zu einer in seinem Kopf eingesperten Erinnerung zu erhalten: Wer tötete einst seine Mutter? Als Mildred ihn wieder einmal verhöhnt bringt er auch sie um. Allerdings kehrt sein Opfer umgehend als Geist zurück…

Endlich erblickt das Werk Mario Bavas auch in Deutschland das HD-Licht der Welt. „Hatchet for the Honeymoon“ war zwar schon in einer schon lange nicht mehr erhältlichen DVD-Edition aus dem Hause Koch Media erhältlich, doch die HD-Bearbeitung durch das junge Label Wicked Vision Media lässt einen mit der Zunge schnalzen und fügt dem Film aufgrund der kräftigen Farben und dem klaren Bild noch zusätzliche Reize hinzu. „Hatchet for the Honeymoon“ wurde viele Jahre von den Bava-Fans eher stiefmütterlich behandelt. Zu mächtig waren die großen Meisterwerke wie „Blutige Seide“, „Die Stunde, wenn Dracula kommt“ oder „Drei Gesichter der Furcht“. „Hatchet for the Honeymoon“ erschien mehr als Nebenwerk. Sieht man den Film heute nochmals in all seiner visuellen Pracht, bleibt die Einschätzung rätselhaft. Vielleicht liegt es auch daran, dass die bisherigen Heimkino-Umsetzungen eher suboptimal waren. So zeichnete sich die die US-DVD von Image Entertainment – lange Zeit die einfachste Möglichkeit an den Film zu kommen – durch ein eher blasses Bild und einen fürchterlichen, englischen Ton aus. Vielleicht war es aber auch Bavas ungewöhnlicher Ansatz, einen wahnsinnigen Serienmörder zum Helden und Identifikationsfigur seines Filmes zu machen.

In Zeiten, in denen ein Hannibal Lector eine eigene TV-Serie hat und ein Patrick Bateman zu einer Ikone der 80er wurde, fällt dieser Kniff allerdings weniger schwer zu verdauen aus, wie noch 1970. Zumal der Killer John Harrington sehr charmant vom gutaussehenden Stephen Forsyth gespielt wird. Dieser durchbricht gleich in der ersten Szene die vierte Wand und stellt sich dem Publikum als wahnsinniger Mörder vor, der seinen Wahnsinn auch noch in vollen Zügen genießt. Immer wieder taucht Bava in den Kopf seines Protagonisten ein und zeigt die Welt durch seine Augen. Dies nutzt Bava, der als gelernter Kameramann hier auch wieder selber für die Fotografie zuständig war, um gehörig mit seiner Kamera zu experimentieren. Er lässt dramatische Details des Bildes bis fast zu Unkenntlichkeit verschwimmen, so dass man nie sicher sein kann, ob das, was man da glaubt zu sehen, real ist oder Johns fiebrigen Wahrnehmung entspringt. Bava sucht die besondere Einstellung, die ungewöhnliche Bildkomposition, das Spiel mit Vorder- und Hintergrund. Die extreme Farbkomposition, die seine vorangegangenen Werke auszeichnete, fährt Bava hier stark zurück. Er achtet jedoch darauf, dass ein kräftiges Rot zum rechten Augenblick einen packenden Effekt hervorzaubert.

Gewisse Abstriche müssen beim Drehbuch gemacht werden, welches sich zwar bemüht, den kranken John Harrington und seine gestörte Welt möglichst exakt zu porträtieren, dabei aber die Spannung vollkommen vernachlässigt. Das finstere Geheimnis, welches John durch seine Braut-Morde aus seinem Gedächtnis zu lösen versucht, dürfte jedem Zuschauer, der mehr als drei solcher Filme gesehen hat, schon nach der ersten Szene bekannt sein. Sträflich ist der Umgang Bavas mit einzelnen Szenen, die das Potential für nervenzerfetzende Spannung hätten, hier aber verpuffen. Ein Beispiel hierfür wäre jener Augenblick, in dem John versucht, die Polizei aus seinem Haus zu bekommen, während über ihm und seinen Häschern eine Leiche von der Treppe herunter blutet. Es ist nicht schwer, sich vorzustellen, was Hitchcock aus dieser Ausgangssituation gemacht hätte. Bava – der auch für das Drehbuch mit verantwortlich war – scheint dies aber gar nicht zu interessieren. Ihm war scheinbar das psychologische Drama weitaus wichtiger als die Thriller-Elemente.

Auch die Morde des John Harrington sind weitaus unspektakulärer als in vergleichbaren Bava-Filmen ausgefallen. Ja, sie sind fast schon ein Anti-Klimax. Mehr Sorgfalt verwendet Bava darauf, eine generell merkwürdig-krankhafte Eigenwelt zu kreieren, in dem sein Hauptdarsteller frei agieren kann. Die Szenen in denen sich John Harrington in einen Raum mit unzähligen in Brautkleidern gewandten Kleiderpuppen zurückzieht, nimmt bereits William Lustigs berüchtigten „Maniac“ (und mehr noch dessen gelungenes Remake) vorweg, in dem es eine ganz ähnliche Sequenz gibt. Überhaupt erinnert vieles in „Hatchet for the Honeymoon“ an diesen 80er Jahre Klassiker des verstörenden Films. Die Konzentration auf die kranke Hauptfigur, seine Paranoia (hier repräsentiert die ständig auftauchende und anklagende tote Ehefrau), das Kindheitstrauma und die zärtliche Liebesbande zu einer jungen Frau. All dies findet sich 10 Jahre später auch in „Maniac“ wieder.

Sehr viel Wert legt Bava auch auf die Ausstattung. Das Haus Harringtons, in dem weite Strecken des Filme spielen, ist eine gewaltige Villa, voller merkwürdiger Bilder, erdrückender Architektur und geheimnisvollen Wegen. Wer hier lebt, muss zwangsläufig verrückt werden. Dazu passt es dann auch, dass die Villa einst dem spanischen Gerneralissimo Franco gehört haben soll. Ein ganz besonderer Hingucker sind auch die Kostüme. Nicht nur die Kleider der Damen, sondern vor allem auch das unglaubliche Outfit Stephen Forsyths lässt Fans des wilden Übergangs zwischen 1969 und 1970 die Herzen höher schlagen. Erwähnt werden muss aber auch die interessante Filmmusik, welche von Sante Maria Romitelli komponiert wurde und sich erst zuckersüß in den Gehörgang schmeichelt, um den unvorbereiteten Zuschauer dann mit experimentellen Tönen zu verstören.

Für Hauptdarsteller Stephen Forsyth war „Hatchet for the Honeymoon“ leider sein letzter Filmauftritt. Der Kanadier zog nach Beendigung der Dreharbeiten nach New York, wo er eine erfolgreiche Karriere als Komponist, Sänger, Fotograf und Videokünstler begann. In „Hatchet for the Honeymoon“ erinnert Forsyth stark an eine attraktivere Version des Italo-Westernhelden Anthony Steffen, der ja eine ganz ähnliche Rolle in „Grotte der vergessenen Leiche“ spielte. Beide vereint auch eine knarzige Hölzernheit. Überhaupt nicht hölzern, sonder sehr flexibel ist die wunderbare Dagmar Lassander, die hier allerdings keine große Aufgabe zu erfüllen hat. Diese kommt der großartigen Laura Betti, einer Stammschauspielerin Passolinis, zu, welche die bösartige Ehefrau und späteren Rachegeist spielt. Die Betti lässt den Zuschauer bei ihrer Interpretation der Mildred Harrington zwischen Abscheu, aber auch ein wenig Mitleid schwanken und ist als Geist tatsächlich gruselig.

Diese Geistergeschichte ist es dann auch, welche den Film aus dem Gleichgewicht bringt. Es ist durchaus vorstellbar, dass die Geschichte um den Geist von Johns ermordeter Ehefrau ursprünglich ambivalenter geplant war und es dem Zuschauer überlassen bleiben sollte, ob der Spuk nun real oder nur eine Ausgeburt von Johns Wahnsinn ist. Im finalen Film jedenfalls fehlt diese Zweideutigkeit, und der Geist erscheint als eben solcher und nicht als paranoide Fantasie. Dadurch wird dem Psychogramm eines Serienkillers etwas die Spitze genommen, da der Film hier ins Fantastische abgleitet. Hätte Bava auf diese Geistergeschichte verzichtet, wäre es dem Film vielleicht zugute gekommen. Andererseits wäre die Filmwelt um die beängstigende Darstellung der famosen Laura Betti ärmer.

Die Blu-ray von Wicked Vision Meda lässt, wie eingangs bereits erwähnt, keine Wünsche offen. Der Film wurde vom 35mm-Kamera-Negativ neu abgetastet und restauriert. Sowohl die Farben, als auch das Schwarz kommen dadurch sehr kraftvoll zur Geltung. Im Gegensatz zu älteren Ausgaben (insbesondere der US-Version) ist der als dts-HD-Mono vorliegende Ton hier endlich makellos. Auch an interessanten Extras wurde nicht gespart. Es gibt einen Audiokommentar von Pelle Felsch Für ein Vorwort wurde Dagmar Lassander gewonnen, die den Zuschauer einmal auf deutsch und einmal auf englisch einlädt, sich den Film anzusehen. Mit „A Hatchet for Dagmar“ ist auch ein neues, von Uwe Huber geführtes Interview mit ihr dabei, indem sie in 25 Minuten auf ihre lange Karriere Bezug nimmt und sich dabei auch kritisch äußert. In „My Dying Bride“ sieht man Marcus Stiglegger, der in knapp zehn Minuten viele interessante Hintergründe des Filmes zusammenfasst. Ferner sind noch die deutschen und italienischen Titel- und Endsequenzen dabei, allerdings in schlechter Qualität. Nette Beigabe: Der spanischen Werberatschlag, der italienische Foto-Aushang, und eine Artwork-Galerie. Weiter so, Wicked Vision Media!

DVD-Rezension: „Der Polyp – Die Bestie mit den Todesarmen“

Von , 4. Mai 2016 20:23

polypIm kalifornischen Solana Beach verschwindet erst ein Baby nahe des Wassers, dann ein alter Segler, dessen entstellte Leiche von einem jungen Pärchen gefunden wird. Der Journalist Ned Turner (John Huston) geht der Sache nach und findet heraus, dass der Bau eines Unterwassertunnels durch die Firma Trojan, die dem einflussreichen Mr. Whitehead (Henry Fonda) gehört, ein gigantischer Oktopus aufgestört hat, der nun Jagd auf Schwimmer und Boote macht. Turner überredet daraufhin den Meeresforscher Will Gleason (Bo Hopkins) sich auf die Suche nach dem Riesenoktopus zu machen…

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Das waren noch Zeiten, als sich die Italiener mit Leidenschaft und einer Portion Dreistigkeit daran machten, erfolgreiche Hollywood-Produktionen zu kopieren, und dabei zu etwas ganz eigenem umzubiegen. Natürlich lag 1977 nichts näher auf der Hand, als auf den großen Killerfisch-Hype aufzuspringen, der durch Steven Spielbergs enorm erfolg- wie ein einflussreichen „Der weiße Hai“ losgetreten wurde. Statt eines großen weißen Hais, entschied sich Produzent und Regisseur Ovidio G. Assonitis (der zuvor auch schon mit eine erfolgreich „Exorzist“-Variante geschaffen hatte) für einen gewaltigen Oktopus, der seinen Opfern das Rückenmark aussaugt. Hier findet sich leider auch gleich das Hauptproblem von „Der Polyp – Die Bestie mit den Todesarmen„: Man sieht diesen Oktopus nicht wirklich. Und wenn, ist er bei unter Wasseraufnahmen deutlich als Aquariumaufnahme eines echten, normal großen Tieres zu erkennen. Über Wasser wiederum sieht man irgendwann mal kurz zwei Augen auf einem Plastikkopf. Aber das war es dann auch. Nie kommt es zu einer grafischen Attacke. Die Leute verschwinden einfach oder werden maximal noch unter Wasser gezogen. Zu keiner Zeit sieht man, was passiert und auch das furchtbare Knochenmark-Aussaugen wird einmal behauptet und dann nie wieder aufgegriffen.

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Freunde von deftigem Tier-Horror kommen also nicht wirklich auf ihre Kosten, auch wenn Regisseur zwei durchaus spannende und gruselige Angriffssequenzen inszeniert hat. Diese zeigen dann auch, dass die Idee vom Riesenoktopus durchaus gruseliges Potential hat, auch wenn man kein Geld zur Verfügung hat, um die Bestie und ihre Untaten in Szene zu setzen. Eine nächtliche Attacke auf ein Boot, sowie der verzweifelte Fluchtversuch der einzigen Überlebenden ist einigermaßen aufregend und unheimlich in Szene gesetzt. Auch die Kinder-Regatta, in deren Mitte plötzlich der Oktopus auf Jagd geht (eine Szene, die so auch fast 1:1 in dem erst ein Jahr später in die Kinos gekommenen „Der weiße Hai“-Sequel vorkommt) sorgt zunächst für Suspense. Doch dann kommt der coitus interuptus. Gerade wenn die gewaltige Silhouette des Oktopus unter dem Boot der Kinder auftaucht, wird abgeblendet und auf die im Hafen auf die Geretteten Wartenden geschnitten. Da fühlt man sich dann irgendwie betrogen, wenn zusätzlich noch die unzähligen durch die angebliche, nie gezeigte Oktopus-Attacke gekenterten Boote gezeigt werden, streut das noch Salz in die Wunde.

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Ein anderer Kritikpunkt ist die etwas alberne Idee, dem Hauptdarsteller und Helden zwei freundliche Killerwale zur Seite zu stellen, die ihm im letzten Augenblick im Kampf gegen das Tentakelmonster beistehen. Das hat dann mehr wie „Flipper“ als von „Der weiße Hai“. Es zeigt aber auch, dass die Italiener keine Hemmungen hatten, verrückte und vollkommen abwegige Ideen in ihre Filme einzubringen. Und gerade dies macht ihre Filme so unverwechselbar und trotz aller Fehler dem „Gewollt-trashigen“-Blödsinn ala „Sharknado“ überlegen. Diese abstruse Idee wird einfach völlig ironiefrei und ohne Rücksicht auf Verluste knallhart durchgezogen. Leider ist der finale Kampf Oktopus gegen Killerwale (bei dem zwei Killerwalschatten – mehr erkennt man nicht – auf einen toten Oktopus losgelassen wurden) reichlich unübersichtlich geraten. Nur manchmal entschädigt der Film solch ein schwerwiegendes Manko mit dann doch auch gelungen und beunruhigenden Szenen, beispielsweise wenn zwei Taucher mit ihrem Mini-U-Boot durch einen Wald toter Fische fahren.

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Der Clou des Filmes ist überaus prominente Besetzung, bei der man sicherlich nicht erwartet hätte, sie in einem italienischen „Der weiße Hai“-Rip-Off anzutreffen. Henry Fonda hatte ja durchaus schon Erfahrungen in italienischen Filmen und ist hier trotz prominenter Platzierung nur in einer kleinen Nebenrolle zu sehen, die in knapp zwei Drehtagen abgehandelt wurde und für den Film eigentlich keine echte Bedeutung hat. Die unvergleichliche Shelley Winters spielt die etwas skurrile Alte mit dem Herzen auf dem rechten Fleck. So wie sie es nach dem „Poseidon Inferno“ häufig tat. In „Der Polyp“ darf sie dafür zur Belohnung den größten Sombrero der Welt tragen. Sehr überraschend ist es auch, Regie-Legende John Huston in diesem Film zu sehen. Huston, der Klassiker wie „Asphalt Dschungel“ oder „Die Spur des Falken“ drehte, trat ab den 60er Jahren häufiger vor die Kamera (am prominentesten in „Chinatown“), doch in „Der Polyp“ hätte man ihn jetzt nicht unbedingt erwartet. Als Journalist Ned Turner hat er auch nicht besonders viel zu tun, und obwohl er der Protagonist der ersten Hälfte des Filmes ist, verschwindet er dann später, zusammen mit seiner Film-Schwester Shelley Winters, kommentarlos aus der Handlung. Der Stab wird dann an Bo Hopkins weitergegeben, der in den ersten 60 Minuten gerade mal eine erweiterte Nebenrolle inne hatte, nun aber zum Helden des Filmes gemacht wird. Hopkins, damals ein vielbeschäftigter Charakterdarsteller, schlafwandelt allerdings durch seine Rolle, und bemüht sich dabei nicht gerade zu verbergen, dass er das, wo er da hineingeraten ist, für ziemlichen Schrott und unter seiner Würde hält.

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Eine große Stärke des Filmes ist seine tolle Musik, für die sich Stelvio Cipriani verantwortlich zeichnet, der durch seine großartigen Scores für italienische Polizeifilme, die sogenannten Poliziotteschi, einen großen Fankreis besitzt. In „Der Polyp“ recycelt er sein grandiosen Titelthema aus „Der Tod trägt schwarzes Leder“, was zunächst einmal seltsam anmutet, sich aber spätestens bei der großen Regatta-Szene gut in den Film einfügt und auch einmal für zusätzliche Pulsschläge sorgt. Kameramann Roberto D’Ettorre Piazzoli ist ebenfalls kein Unbekannter im italienischen Genrefilm, sondern arbeitete regelmäßig mit Produzent und Regisseur Ovidio G. Assonitis zusammen. Unter anderem bei dessen bereits oben erwähnten, unfassbaren „Exorzist“-Variante „Vom Satan gezeugt“ oder James Camerons, von Assonitis produzierten, Regie-Debüt „Piranhas 2: Fliegende Killer“. Und trotz der amerikanischen Drehorte und Darsteller, bleibt „Der Polyp“ ein typisches – wenn auch etwas langweiliges – Produkt der italienischen Film-Küche. Denn nur dort kann es dann auch Szenen geben, in denen Babies und Kinder dem Monster zum Opfer fallen, und nette Killerwale den Flipper machen.

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Leider ist „Der Polyp – Die Bestie mit den Todesarmen“ ein reichlich lahmer und unspektakulärer Vertreter des Tierhorror-Films geworden, der zu allem Überfluss auch fast gänzlich den Blick auf seinen Titelhelden verwehrt und auch dessen Attacken der Fantasie des Zuschauers überlässt. Immerhin kann Stelvio Ciprianis tolle Musik und die solide Kameraarbeit überzeugen. Nur ganz selten deutet „Der Polyp“ an, welches Potential hier eingeschlummert ist.

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Der in der „Creature Feature“-Reihe des Hauses Koch Media als Nummer 4 erschienene Films wird im Widescreen-Format von 2,35:1 präsentiert. Über kleinere Macken und Verschmutzungen kann man getrost hinwegsehen, da das Bild an sich sehr scharf ist. Der Ton liegt zwar in der deutschen und auch englischen Fassung vor, nicht jedoch in der italienischen. Beide Fassungen gehen von der Qualität her in Ordnung. und ist dem Alter entsprechend ebenfalls in Ordnung. Als Extras gibt es zwei deutsche und einen englischen Trailer zum Film, einen englischen Radio-Werbespot und eine umfangreiche Bildergalerie.

DVD-Rezension: „Die weisse Mafia“

Von , 19. April 2016 17:30

weissemafiaProfessor Daniele Vallotti (Gabriele Ferzetti) gehört zu den angesehensten und reichsten Medizinern des Landes. In seiner Klinik sind nicht nur die Reichen und Schönen Kunden, sondern auch arme Arbeiter, die sich eine Behandlung nicht leisten können. Dass Vallotti sie trotzdem für wenig Geld behandelt, nährt seinen Ruf, der beinahe schon dem eines Heiligen gleicht. Tatsächlich aber bedient sich Vallotti skrupelloser Methoden, um Reputation und Vermögen zu mehren. Da werden todkranke Patienten kurzfristig „gesundgespritzt“ und entlassen, damit sie nicht in der Klinik sterben. Bereitwillig lässt er sich von zwielichtigen Pharmafirmen gefährliche Medikamente unterschieben, Kunstfehler seiner minderbegabten „Professoren“ führen immer wieder zu vermeidbaren Todesfällen. Lediglich sein alkoholkranker Mitarbeiter Dr. Giordani (Enrico Maria Salerno) und die Krankenschwester Maria (Senta Berger) versuchen die Patienten vor den Machenschaften Vallottis zu schützen. Doch auch sie scheinen auf verlorenem Posten zu stehen…

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Nein, Menschen mit einer ausgeprägten Krankenhaus- oder Ärztephobie sollte man „Die weisse Mafia“ sicherlich nicht empfehlen. Die Situation ist ja auch schon albtraumhaft genug. Sich und sein Leben einem wildfremden Menschen auszuliefern und darauf vertrauen, dass er sein Handwerk schon beherrschen wird. Und dabei möglichst erfolgreich verdrängen, dass einem bei einfachen, tausendfache durchgeführten Tätigkeiten auf der Arbeit auch schon mal der eine oder andere Schnitzer unterlaufen kann, wenn man die Nacht zuvor zu lange unterwegs war, Ärger mit der besseren Hälfte hat oder einfach der Kaffee ungenießbar war. In „Die weisse Mafia“ kommt es immer wieder zu solchen Situationen,in denen sich Menschen voller Vertrauen in die Hände der Halbgötter in weiß begeben und nie wieder aus der Narkose aufwachen. Weil es eben wichtiger war, das Telefonat des Anwalts entgegenzunehmen, statt des berühmten Professors eben doch nur ungeschickte Arzt aus der zweiten Reihe operiert oder das lebenswichtige Gerät für einen schmutzigen Deal verhökert wurde. Nein, Menschen mit einer ausgeprägten Krankenhaus- oder Ärztephobie sollten von „Die weisse Mafia“ wahrlich Abstand nehmen.

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Allen Anderen sei Luigi Zampa 1973 entstandenes Werk aber sehr ans Herz gelegt. Gelingt Zampa doch seine wütende Anklage gegen das Krankenhaussystem in Italien mit einer überaus spannenden Handlung zu verbinden, die sich ganz um die dreckigen Geschäfte der „weissen Barone“ dreht. Jene etablierten, satten Ärzte, denen das Wohl der Patienten ganz egal ist, solange die Kasse stimmt. Die, welche versuchen, mittels Intrigen ihre Macht und ihr Reichtum zu vergrößern und dabei im wahrsten Sinne des Wortes über Leichen gehen. Um den Film vollends genießen zu können, lohnt es sich vorab das informative Booklet von Udo Rotenberg (dessen wundervollen Blog L’amore in città ich hier schon häufiger empfohlen habe) zu lesen, da er hier einige Information zum italienischen Gesundheitssystem der frühen 70er Jahre gibt. So gab es damals kein staatliches Gesundheitssystem, und die Ärzte wurden von den Patienten direkt bezahlt. Wodurch ein harter Verdrängungswettbewerb, um besonders gut versicherte Patienten begann. Ferner blockierten sie die jungen Absolventen der Universitäten, damit diese keine Chancen erhielten, um den reichen „Baronen“ die Pfründe streitig zu machen. Vor diesem Hintergrund spielt der Film „Die weisse Mafia“, dessen Titel nicht besser gewählt sein könnte.

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Getragen wird der Film von zwei fantastischen Schauspielern. Enrico Maria Salerno ist einer der heute völlig zu unrecht eher unbekannten Protagonisten des italienischen Films und Anfang der 70er das Gesicht des italienischen Polizeifilms, des Poliziotteschi. Hier gab er den alten, zynischen und doch in einer kaputten Welt noch immer aufrechten Polizisten, der sich gegen allen Widerstände und im Wissen, dass sein Einsatz am Ende wahrscheinlich nichts nutzen wird, gegen den Sumpf auflehnt. Sein Dr. Giordani ist eine ähnliche Gestalt. Die Korruption und Menschenverachtung um ihn herum, hat ihn zum zynischen Alkoholiker werden lassen. Von seinen Kollegen wird gemieden, bestenfalls belächelt. Zum Professor hat er es aufgrund seiner permanenten Auflehnung nicht geschafft. Auch weil er ständig die Krankenhäuser wechselte, in der immer wieder betrogenen Hoffnung, dass es am nächsten Arbeitsplatz besser sein würde. So muss er zusehen, wie weitaus weniger talentierte Ärzte zu Professoren gemacht werden. Stümper, die ihre Seele verkauft haben. Da bleibt dann nur die Flasche und die kleine Freude, wenn er den Mächtigen mal ans Bein pinkeln kann. All dies spiegelt sich in Salernos grauem, resignierten, angeekeltem Gesicht.

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Hauptdarsteller Gabriele Ferzetti gelingt das fast das fast Unmögliche. Einem Schauspieler wie Salerno, noch die Show zu stehlen. Sein Professor Vallotti ist eine der eindrucksvollsten Figuren, die ich in letzter Zeit gesehen habe. Ein Täuscher und Blender. Stets gut gelaunt, einschmeichelnd und sympathisch. Der gute Onkel, dem man sein Kind anvertrauen würde. Was einige seiner Patienten dann auch wirklich tun, nicht immer mit glücklichem Ausgang. Vallotti ist so einnehmend, dass man ihn gar nicht zutrauen möchte, tief im Inneren eine solch selbstverliebter Egozentriker zu sein. Man atmet förmlich auf, wenn er seinen reichen, unsympathischen Patienten noch mal eine Million Lira mehr auf die Rechnung haut, um diese dann bei einer armen Familie wieder abzieht. Oder wenn er sich für eine Reform des Gesundheitssystems stark macht oder mit seinem Sohn herum tobt. Doch all dies trügt. Wie jeder Egozentriker, ist er auch getrieben von der Sucht geliebt zu werden. Jeder Gott braucht eben Gläubige, die ihn anbeten. In dieser Mischung aus mitreißender Persönlichkeit und gleichzeitig krankhafter Ich-Fixierung gleicht er sicherlich dem einen oder anderen Vorgesetzten aus der freien Wirtschaft. Ich kenne solche Menschen (leider) zu genüge.

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In einer Nebenrolle als Nonne, die in Vallottis Hopital als Krankenschwester arbeitet, ist die wunderschöne Senta Berger zu sehen. Bis zur Hälfte des Filmes gibt sie einen kongenialen Partner zu Salernos skeptischen Dr. Giordani. Es gibt wunderbare Szenen, in denen sie sich Blicke zuwerfen, die in vollkommener Übereinstimmung sagen: „Ja, ich sehe diesen Mist hier aus. Das darf so nicht weitergehen“. Gerade, dass sie gleichberechtigte Partner sind, die beide ihren Ekel und ihre Frustration nur mühsam verstecken können, macht diese Paarung so stark. Leider entschloss sich Zampa dann eine überflüssige Szene einzubauen, in der sich beide ihre Liebe gestehen und über die Unmöglichkeit dieser Liebe trauern. Dies nutzt Zampa zwar um den Charakter des Dr. Giordani tiefer zu beleuchten und zu erklären, doch hat auch zur Folge, dass die starke, professionelle Bindung der beiden in die Brüche geht und Senta Berger danach nur noch sporadisch auftritt und ihre Schwester Maria für die weitere Handlung keine Rolle mehr spielt. Eine bedauerliche Entscheidung. Hier hätte man auch andere Wege beschreiten können.

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Der ehemalige Neorealist Lugio Zampo prangert in „Die weisse Mafia“ kraftvoll und wütend die Missstände im italienischen Gesundheitssystem der frühen 70er Jahre an. Seine leidenschaftliche Anklage bindet er in eine spannende und großartige gespielte Geschichte ein, in der neben dem wie immer wundervollen Enrico Maria Salerno vor allem der großartige Gabriele Ferzetti als charismatischer Antagonist glänzen kann.

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Die Bildqualität dieser DVD aus dem Hause filmArt zeigt zwar recht deutlich, dass das vorhandene Material nicht das Frischeste war, doch es wurde ein Optimum herausgeholt und der manchmal etwas körnige Look passt hervorragend zu der grimmig-realistischen Geschichte. Der deutsche Ton klingt klingt im Vergleich zur italienische Originalfassung (die selbstverständlich mit guten deutschen Untertiteln genossen werden kann) manchmal etwas dünn, ist der ebenfalls enthaltenen englischen Synchronisation aber überlegen. Extras gibt es bis auf einen Trailer leider keine, dafür liegt das bereits im Text oben erwähnte Booklet von Udo Rotenberg bei, welches nicht nur gut geschrieben, sondern auch im höchsten Masse informativ ist.

Blu-ray-Rezension: „Die Mörderklinik“

Von , 18. Dezember 2015 11:39

moerderklinikDie junge Krankenschwester Mary (Barbara Wilson) hat eine Stelle in der Nervenheilanstalt des Dr. Robert Vance (William Berger) angenommen. Bald schon stellt sie fest, dass einige Patientinnen auf geheimnisvolle Weise verschwinden. Sie ahnt allerdings nicht, das sich ein vermummter Killer im alten Gemäuer herumtreibt, der seine Opfer mit einem Rasiermesser tötet. Wer könnte der Mörder sein und was hat die unheimlich Gestalt damit zu tun, die auf dem Dachboden der Klinik haust?

Anmerkung: Alle Screenshots stammen von der DVD, nicht der Blu-ray.

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1966 steckte das Genre des Giallo noch in seinen Kinderschuhen. Wobei dies allerdings nur für die Definition von Giallo stimmt, die später jene Filme charakterisierten, welche im Gefolge des großen Erfolges von Dario Argentos Regiedebüt „Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe“ auf den Markt kamen. Eigentlich bezeichnet der Begriff „Giallo“ ganz normal einen Krimi. Einer, dessen Werke in Italien früh in den charakteristischen Büchern mit den gelben („giallo“) Umschlägen erschien, war beispielsweise Edgar Wallace. Und die deutschen Verfilmungen seiner Bücher werden ja auch oftmals als eine Wurzel des Giallo-Genres genannt. Elio Scardamaglias „Die Mörderklinik“ fühlt sich wie eine wilde Mixtur aus eben jenen „Gruselkrimis“ ala Wallace (das Setting in einer Irrenanstalt, der vermummte Mörder, die unschuldige Heldin, das Zehn-kleine-Negerlei-Prinzip) und einer britischen Hammer-Produktion (das Kostümdrama aus dem 19. Jahrhundert, der Wald, die Kutsche, das Monster auf dem Dachboden und ebenfalls der Irrenhaus-Schauplatz) an. Entfernt man aber die „Gothic horror“-Elemente, bleibt tatsächlich ein ziemlich lupenreiner Giallo nach moderner Definition übrig.

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Regisseur Elio Scardamaglia firmiert hier unter dem englischen Namen Michael Hamilton. Zwei der Darstellerinnen haben ebenfalls englische Namen, sollen aber laut IMDb lediglich in diesem einen Film mitgespielt haben. Dies deutet stark darauf hin, dass es sich bei „Mary Young“ und „Barbara Wilson“ um englische Pseudonyme zweier italienischer oder französischer Schauspielerinnen handelt. Leider konnte ich nicht herausfinden, wer sich dahinter verbirgt, da sowohl im Internet als auch in einschlägiger Literatur nur die beiden englischen Namen auftauchen. Für Scardamaglia war dies aber tatsächlich der einzige Film, bei dem er Regie führte. Und es war überraschenderweise auch der einzige Giallo, bei dem er involviert war. Von Hause aus war Elio Scardamaglia als Produzent von Sandalenfilmen und Italowestern, in späteren Jahren auch einiger Bud-Spencer-Solo-Filme aktiv. Für seinen einzigen Versuch auf dem Regiestuhl schlägt sich Scardamaglia aber sehr wacker. In einigen Szenen – wie beispielsweise jene, in der Gisèle de Brantome Dr. Vance in einer Höhle bei der Beseitigung eines Leichnams beobachtet, gelingt es ihm sogar, an die Filme des großen Mario Bava zu erinnern. Ansonsten ist bei seiner Inszenierung eine merkwürdige Tendenz zu beobachten, dass sich Figuren nur sehr selten direkt ansprechen, sondern sich beim Dialog voneinander ab- und der Kamera zu wenden, als ob sie auf einer Theaterbühne ins Publikum sprechen würden. Vielleicht wollte Scardamaglia damit einen dramatischen Effekt erzeugen, sorgt mit dieser Marotte aber eher für Irritationen.

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Im Gegensatz zu Elio Scardamaglia sollten die beiden Drehbuchautoren noch eine zentrale Rolle für die Entwicklung des Giallo – so wie wir ihn heute kennen – spielen. Angeblich adaptierten sie für ihr Drehbuch den Roman „The Knife in the Body“ eines gewissen Robert Williams. Da sich allerdings nirgendwo Spuren dieses Schriftstellers, geschweige denn des Buches, finden lassen, kann man dies sicherlich in das Reich der Fabeln verweisen. Wahrscheinlich ist die Geschichte für „Die Mörderklinik“ also ganz alleine Ernesto Gastaldi und Luciano Martino eingefallen. Gastaldi ist dann auch derjenige, der das Giallo-Genre in den 70er fast im Alleingang zur Blüte brachte. Nachdem er bei vielen wichtigen Italo-Western das Drehbuch beisteuerte, schrieb er für den dann als Produzenten tätigen Luciano Martino und dessen Bruder Sergio einige der schönsten Gialli überhaupt, wie beispielsweise „Der Killer von Wien“ oder „Die Farben der Nacht“. Danach wandte er sich dem Polizieschi zu, wo er ebenfalls zahlreiche Meisterwerke, hauptsächlich für Umberto Lenzi, schrieb. In den 80ern war er dann an einigen italienischen Endzeitfilm beteiligt, bevor er sich 1998 aus dem Filmgeschäft zurückzog. Sieht man sich Gastaldis spätere Giallo-Arbeiten an, so kann man in „Die Mörderklinik“ schon einige wiederkehrende Muster erkennen. So steht bei ihm in den meisten Fällen eine „unschuldige“ Frau im Mittelpunkt, die zum Spielball finsterer Intrigen wird und sich in den undurchschaubaren und höchst verdächtigen Hauptdarsteller verliebt. Eine „klassische“ Detektivgeschichte, in der jemand versuchen muss den Fall zu lösen, wie sie bei Argento im Zentrum steht, gibt es bei ihm nur selten.

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Der undurchschaubare und höchst verdächtige Hauptdarsteller ist in diesem Falle William Berger. Der Österreicher Berger war über den Umweg US-Fernsehen im Jahre 1965 nach Italien gekommen und „Die Mörderklinik“ gehörte zu seinen ersten großen Rollen dort. Danach sollte er zunächst einmal hauptsächlich im Italo-Western tätig sein. Berger ist die perfekte Wahl für den verzweifelten, viktorianischen Arzt mit dunklem Geheimnis. Er spielt die Rolle zwar etwas steif und gleichzeitig distinguiert kühl, doch man spürt seine unterdrückte Leidenschaft. Auch die Französin Françoise Prévost macht als böse und berechnende Gisèle de Brantome eine guten Eindruck. Daneben fallen die restlichen Darsteller ab. Gerade „Barbara Wilson“ Heldin Mary bleibt höchst blass und auch „Mary Young“ als immer in Schwarz gekleidete Ehefrau des Arztes kann kein wirkliches Charisma entwickeln. Erschwerend kommt hinzu, dass der Film recht vorhersehbar ist und man den Täter von Anfang an erahnen kann. Nichtsdestotrotz verströmt der Film eine gemütliche Gediegenheit und altmodischen Flair, der ihn zu einem sympathischen Vertreter der typischen 60er Jahre Horrorfilme bzw. Gruselkrimis macht.

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Mit seinem einzigen Film als Regisseur hat der erfolgreiche Produzent Elio Scardamaglia vieles richtig gemacht und mit seinen beiden Drehbuchautoren einen gediegenen Gruselkrimi erschaffen, der schon einige Muster der höchst erfolgreichen Gialli beinhaltet, die Ernesto Gastaldi und Luciano Martino später zusammen mit Sergio Martino schaffen sollten.

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Mit „Die Mörderklinik“ liegt nun schon die Nummer 7 der filmArt-Giallo-Reihe vor. Grundlage scheint eine 35mm-Kopie aus dem Fundus des Nürnberger KommKinos zu sein. Diese war in einem eher schlechten Zustand, wie man an der unrestaurierten Fassung sehen kann, die dem Film als Bonus beigefügt wurde. Sieht man das Resultat nach der Restaurierung kann man nur staunen, was alles aus dem Bild rausgeholt wurde. Da ist es nur ärgerlich, dass ein paar schwarze Lauffäden nicht entfernt wurden, die eigentlich nicht auffallen würden, würden sie sich nicht so häufig bei Großaufnahmen über die hellen Gesichter der Figuren legen. Einige Filmrisse gibt es leider auch. Dafür wurden diese Szenen, ebenso wie Szenen in dem der Nachtfilter nicht genutzt wurde, in nicht „sprunghafter“ Form aus einer anderen (schlechteren) Quelle im Bonusbereich beigefügt. So liegt der Film nun erstmals in Deutschland ungeschnitten und im korrekten 2,35:1 Breitwandformat vor. Dem Ton merkt man sein Alter an, doch dies ist nicht störend. Desweiteren gibt es noch den Trailer zum Film, sowie ein schönes Booklet mit dem kompletten Kinoaushang und anderen schönen Werbematerial vor.

DVD-Rezension: „Im Dutzend zur Hölle“

Von , 25. November 2015 21:02

dutzendzurhoelleAls der „consigliori“ des einflussreichen Mafiaboss Don Antonio Macaluso (Martin Balsam), Anwalt Thomas Accardo (Tomas Milian), aus dem kriminellen Milieu aussteigen will, löst er damit einen Mafiakrieg aus. Da Don Antonio seinen Ziehsohn Thomas unbehelligt ein neues Leben mit der schönen Laura (Dagmar Lassander) beginn lässt, hat Don Antonios rechte Hand Vincent Garofalo (Francisco Rabal) einen Grund gefunden, um sich gegen seinen Don zu wenden und dessen Organisation mit Duldung der anderen Familien zu vernichten. Als Don Antonio beinahe Opfer eines Attentats wird und auch Thomas nur knapp einem Anschlag entgeht, kehrt Thomas an die Seite Don Antoinis zurück, um mit Garofalo abzurechnen…

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Alberto de Martino ist vielleicht der „amerikanischste“ Regisseur des italienischen Genre-Kinos. Seine Filme greifen immer nach Höherem. Er besetzt gerne US-Stars und verlegt die Handlung seiner Streifen immer wieder in die USA. Das tun andere italienische Filme zwar auch, doch die wahren Drehorte strafen sie immer wieder Lüge oder es werden nur wenige Minuten an markanten Stellen wie der Brooklyn Bridge aufgenommen, damit die Illusion der authentischen Drehorte entsteht. De Martino hat den größten Teil seines Mafia-Filmes „Im Dutzend zur Hölle“ aber tatsächlich vor Ort in Kalifornien gedreht. Die Besetzung des Filmes ist zwar überwiegend aus italienischen Produktionen bekannt, aber mit Martin Balsam hat De Martino einen bekannten Charakterdarsteller aus den USA mit der zweiten Hauptrolle betraut, den man u.a. aus Alfred Hitchcocks „Psycho“ kennt und der für seine Rolle in „Tausend Clowns“ einen Oscar gewann. Balsam hatte zwei Jahre zuvor seinen ersten Film in Italien gedreht, Damiano Damianis großartigen „Der Clan, der seine Feinde lebendig einmauert“, und Gefallen am italienischen Leben gefunden. Es sollten noch zahlreiche Italo-Produktionen folgen und Balsam verlagerte seinen Lebensmittelpunkt immer mehr in sein geliebtes Italien, wo er dann auch 1996 verstarb.

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„Im Dutzend zur Hölle“ ist stark von Francis Ford Coppolas „Der Pate“ inspiriert, was man schon am Originaltitel „Il consigliori“ merkt. Im „Paten“ spielte Robert Duvall den „consigliori“ Tom Hagen, eine Rolle die ganz ähnlich angelegt ist, wie von Tomas Milian in „Im Dutzend zur Hölle“. Jemand, der nicht zur Familie gehört, aber trotzdem für den Mafia-Paten so etwas wie ein eigener Sohn ist. Ein Anwalt und brillanter Stratege, seinem Ziehvater treu ergeben. Zudem mixt das Drehbuch auch noch einiges von der Persönlichkeit des Michael Corleone in die Figur des Thomas Accardo. Beide wollen ein normales Leben führen und der Mafia-Familie den Rücken kehren. Kam Michael Corleone im „Paten“ aus dem Krieg zurück, so ist es bei Thomas Accardo das Gefängnis, wo er über sein Leben nachgedacht hat und beschloss, es in eine neue Richtung zu lenken. Die wunderbare Dagmar Lassander übernimmt dabei die Rolle, die Diane Keaton in „Der Pate“ inne hatte. Nur leider wird die gute Dagmar von de Martino ziemlich verschwendet. Nicht nur, das sie hier etwas mopsig aussieht und kaum etwas von ihrem natürlichen Charisma verbreiten kann, auch ihre Figur der Laura stark unterentwickelt. Dies fällt insbesondere bei der Abschiedsszene mit Milian ins Gewicht, welche überhastet und ohne echte Chemie zwischen den Beiden inszeniert ist.

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Milian selber schlägt sich sehr gut als „consigliori“. Seine zynische, manchmal etwas zu selbstsicher wirkende Art, verleiht ihm Autorität. Auch seine Rückkehr in die Arme der Mafia ist recht überzeugend ausgefallen. Man ihm vorher sowieso nicht so recht abnehmen können, dass er tief im Herzen nicht das Leben an der Seite von Don Antonio weitaus mehr genossen hat, als jenes, welches er nun mit Laura führt. Im Grunde hegt er für seinen Ersatz-Vater Don Antonio doch weitaus tiefere Gefühle als für die, in diesem Film, doch recht fade Dagmar Lassander. So gewinnt der zuvor eher hölzern agierende Milian plötzlich an Charisma und Elan, wenn er seinem bedrohten Paten zur Seite steht, Strategien entwirft und mit der Knarre in der Hand kurzen Prozess macht. Die blutigen Actionszenen sind Alberto de Martino gut gelungen. Hier kommt der gewalttätige Wahnsinn durch, der das Genre des Polizieschi auszeichnet. Es werden keine Gefangenen gemacht und tatsächlich im Dutzend Gangster zur Hölle geschickt. Sie werden niedergemäht, in die Luft gesprengt, verbrannt und erstochen. Zwischendurch werden Autoverfolgungsjagden eingestreut und Leichen auf besonders kreative Weise entsorgt. Eine unglückliche Gestalt wird erst in ein Fass eingeschweißt und dann im Sockel einer Brücke versenkt.

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Wie in „Der Pate“ wird die Mafia als große Familie mit einem strengen Ehrencodex beschrieben. Auch Don Antonios Organisation erinnert mehr an ein komplexes Familienunternehmen mit sonderbaren Geschäftsmethoden als an eine Gangsterbande. Die Gefahr für die Familie entsteht dann auch nicht durch die Polizei – welche hier kaum eine Rolle spielt – sondern durch Figuren, die die alten Methoden nicht respektieren und den Ehrencodex brechen. Waren es im Paten die Drogendealer, so ist es hier der Emporkömmling Garofalo, der sich gegen Don Antonio und den alten Stil stellt. Gerade diese Besinnen auf „alte Werte“ wird in „Im Dutzend zur Hölle“ aber große geschrieben und gerade darum hat Garofalo kein Chance, wenn sich das Kampfgebiet in die Heimat der Mafia, Sizilien, verlagert. Dort, wo der eine Don den anderen noch herzlich empfängt und Abmachungen eingehalten werden. In diesen Sizilien-Szenen gibt es dann auch ein willkommenes Wiedersehen mit so beliebten Gesichtern, wie denen von Edoardo Fajardo und Nello Pazzafini, was den Liebhaber italienischer Genrekost ebenso erfreut, wie der wunderbare Score von Riz Ortolani. Das die Geschichte sehr episodenhaft erzählt wird, kennt man ja aus diversen anderen Polizieschi und gehört fast schon zum guten Ton dieses Genres.

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„Im Dutzend zur Hölle“ orientiert sich am Welterfolg „Der Pate“, ist aber trotz vieler Gemeinsamkeiten ein eigenständiges und actionbetontes Werk. Prominent besetzt weiß der Film trotz eines recht episodenhaften Drehbuchs kurzweilig zu unterhalten.

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Zur DVD aus dem Hause filmArt, der No. 7 der Polizieschi-Edition, muss man leider zunächst sagen, dass Bildqualität nicht wirklich gut ausgefallen ist. Wie man im Internet lesen kann, stand hier lediglich eine Digibeta im originalen 2.35:1 Scope zur Verfügung. Das Negativ scheint verschwunden zu sein. Da es keine besseren Quellen gibt, kann man die Bildqualität akzeptieren, doch es erschreckt zunächst, auch wenn man sich mit zunehmender Spieldauer daran gewöhnt. Neben deutschen Ton ist nur die englische Tonspur mit an Bord. Eine italienische fehlt. Ferner gibt es noch eine Bildergalerie und eine Trailershow, sowie ein zwölfseitiges Booklet mit kompetent geschriebenen Texten von Ulrich Köhler und Gerald Kuklinski zum Film und de Martino.

DVD-Rezension: „Die Stimme des Mondes“

Von , 18. November 2015 20:36

stimmedesmondesIvo Salvini (Roberto Benigni) ist gerade aus der Nervenheilanstalt entlassen worden, weil er nachts Brunnen aufsucht, aus denen Stimmen zu ihm sprechen. Außerdem kann er die Stimme des Mondes hören. Gonella (Paolo Villagio), ein ehemaliger Präfekt, der unter Verfolgungswahn leidet und glaut einer Verschwörung auf der Spur zu sein. Eines Tages kreuzen sich die Wege der Beiden…

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1990 drehte Frederico Fellini nach fast 50 Jahren im Filmgeschäft seinen letzten Spielfilm. 1993 verstarb der große Meister des italienischen Films, dem wir u.a. den Ausdruck „Paparazzi“ und „fellini-esque“ verdanken. „Die Stimme des Mondes“ ist sein Abschiedsgeschenk, in dem er noch einmal viele Themen aufgriff, die ihn vor allem ab den 60er Jahren beschäftigten. Die Macht der Träume und der Fantasie, die Erinnerung an die Kindheit und auch die Kritik an der Institution Kirche. Dabei spaltet sich Fellinis Persönlichkeit in zwei Figuren auf. Mit dem berühmten roten Schal stattet er den Komiker Roberto Benigni aus, der hier den nachdenklichen, leicht melancholischen Träumer gibt. Seinen zum Markenzeichen gewordenen Hut setzt er einem anderen italienischen Komiker auf den Kopf. Paolo Villaggio spielt einen ehemaligen Richter, der sich über die herrschenden Zustände echauffiert und unter latenter Paranoia leidet. Natürlich finden die beiden Facetten des fellinischen Charakters irgendwann zusammen. Obwohl beide nicht wirklich in unsere Welt gehören – der von Benigni gespielte Ivo Salvini wurde gerade aus der Nervenheilanstalt entlassen, der Verfolgungswahn von Villaggios Gonnella ist schon sehr verhaltensauffällig – erscheinen sie in einer verrückt und laut gewordenen Welt fast schon wie die einzigen Normalen.

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Fellini bricht seinen Film stilistisch in zwei Teile. Die Nacht, die ganz dem Mond gehört, inszeniert er in extrem artifiziellen Kulissen, die nicht verleugnenden können, statt in freier Landschaft, im Studio zu stehen. So ließ Fellini beispielsweise ein gesamtes Kornfeld Halm für Halm in einer großen Halle nachbauen. Laut einem Interview, dass „The Guardian“ mit der Autorin, Feministin und Fellini-vertrauten Germain Greer führte (1) tat er dies aus zwei Gründen. Zunächst, weil er der Überzeugung war, dass das künstliche Kornfeld vor der Kamera „echter“ aussehen würde als ein tatsächliches. Aber vor allem konnte der dadurch helfen, die zahlreichen Handwerker in Cinecittà in Brot und Lohn zu halten.

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In der Nacht passieren auch die merkwürdigsten und im wahrsten Sinne „traumhaften“ Dinge. Sei es, dass ein Mann in einer Urnenwand lebt und von einer verwunschenen Trompete spricht, Salvini die Erinnerungen an seine Tante und tausenden von roten Äpfeln überrollen oder drallen Afrikanerinnen in einem italienischen Wäldchen Tänze aufführen. Die Tagszenen sind dem gegenüber deutlich realistischer ausgestattet und offenbar an Originalschauplätzen gedreht. Zumindest machen sie diesen Eindruck, denn im englischsprachigen Wikipedia nachzulesen ist, liess Fellini das Städtchen mit seinem Marktplatz zusammen mit seinem genialen Set-Designer Dante Ferretti in der Nähe von Cinecittà errichten. Hier fehlt die Magie der Nacht, aber es kommt nichts desto trotz zu surreal-grotesken Szenen, die allerdings weniger traumartig, als vielmehr chaotisch-grotesk wirken. Beispielsweise, wenn eine japanische Reisegruppen durch das Städtchen getrieben wird, überall hektischer Trubel herrscht und gleichzeitig mit riesigen Maschinen der ganze Marktplatz umgegraben wird.

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Beim Stolpern, Schlendern, Rennen und Schleichen durch Felllinis Welt folgen die Figuren keiner eigentlichen Handlung. Immer wieder werden kleine Geschichten eingeflochten, wie die vom schüchternen Mann, der sich in eine Frisörin verliebt und nach der Heirat feststellen muss, dass sie ein sexueller Orkan ist, dem er kaum standzuhalten vermag. Oder von den Männern, die den Mond einfangen und in ihrer Scheune einsperren. Salvini verliebt sich in eine Frau, die rein gar nichts von ihm wissen will. Dies ist einer der wenigen, wenn auch nicht konsequent verfolgten, Fäden der Geschichte. Es gibt Echos früherer Filme, wie „Amacord“ oder „Stadt der Frauen“ und immer wieder findet die Figur des Salvini zu einer Altersweisheit, die gar nicht zu dem jungen Benigni passen möchte. Aber gerade an diesen Stellen wird klar, wie ernst es Fellini mit der „Fellini-Verkleidung“ seiner beiden Hauptfiguren meint. Er spricht durch sie, als ahne er den nahenden Tod und möchte noch einmal die Welt an seinen Ansichten, Erfahrungen und Erinnerungen teilhaben lassen. An einer Stelle ruft Salvini dann auch, er hätte nur noch wenig Zeit. Fellini hat diesen Film offenbar als sein Vermächtnis begriffen.

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Und gerade darum packt er alles, was er noch zeigen und sagen will in „Die Stimme des Mondes“. Dadurch wirkt der Film oftmals überladen und chaotisch. Insbesondere während der großen Schlussszene, die an das Finale von Filmen wie „8 1/2“ und auch wieder einmal an „Amacord“ erinnert. Die geistige, politische und intellektuelle „Elite“ schwadroniert dort in hohlen Phrasen. Plötzlich zieht jemand einen Revolver, und die wichtigen Leute haben nichts Eiligeres zu tun, als panisch vom Ort des Geschehens zu flüchten. Doch „Die Stimme des Mondes“ ist weniger erzählender Film als vielmehr ein von Fellini gebautes Haus, in dem man mal in die eine, mal in die andere Ecke schauen kann und in dem es in jedem Zimmer etwas Neues zu entdecken gibt oder einen ein alter Bekannter begrüßt. Das muss einem nicht alles gleich gut gefallen, manches mag einen langweilen, anderes wiederum albern erscheinen – aber trotzdem ist es spannend, sich in Fellinis Haus aufzuhalten und sich davon überraschen zu lassen, was sich hinter der windschiefen Haustür so alles verbirgt. Dafür sollte man sich allerdings Zeit lassen, denn wir Salvini am Ende sagt, dass alle ein wenig ruhiger sein sollten, um dann vielleicht etwas zu verstehen.

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Federico Fellinis letzter Film erzählt keine Handlung, sondern webt assoziativ einzelne Episoden aneinander und gibt Fellini die Gelegenheit, durch seine beiden Hauptfiguren ein letztes Mal seine Sicht auf die Welt darzulegen.

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Die DVD ist innerhalb von Koch Medias „Masterpieces of Cinema“-Reihe erstmals digital erschienen. Das Bild ist gut, der Ton liegt auf Italienisch und Deutsch vor. Leider mangelt es mal wieder an den Extras. Außer einer Bildgalerie ist hier nichts zu finden. Laut anderer Quellen, soll die DVD auch ein Booklet enthalten, indem ein älteres Essay von Georg Seeßlen zu lesen ist. Mir liegt das Booklet nicht vor, aber bei dem Text dürfte es sich um diesen hier handeln.

(1) http://www.theguardian.com/culture/2010/apr/11/germaine-greer-federico-fellini

 

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