Blu-ray-Rezension: „The Opium Connection“

Giuseppe ‚Joe‘ Coppola (Ben Gazarra) ist ein New Yorker Nachtclub-Besitzer, der das große Geschäft machen will. Er fliegt in die Türkei, um dort an 500 Kilogramm Rohopium zu kommen, und diese mit der Hilfe der türkischen und sizilianischen Mafia in die USA zu schmuggeln. Der Plan gelingt, doch als Coppola versucht den New Yorker Gangsterboss Sally (Steffen Zacharias) übers Ohr zu hauen, eskaliert die Situation…

Anmerkung: Alle Screenshots stammen von der ebenfalls enthaltenen DVD, nicht der Blu-ray.

Der Auftakt zu „The Opium Connection“ lässt einen zunächst den Kiefer runter klappen und erinnert an Andrea Bianchis zwei Jahre später entstandene Sleaze-Granate „Die Rache des Paten“. Nur ist das hier von Ferdinando Baldi einfach besser inszeniert worden, schmerzvoller und vor allem geprägt von Gesichtern wie aus einem Passolini-Film. Danach erlebt man Hauptdarsteller Ben Gazarra begleitet von der mitreißenden Musik des Brüder-Duos Guido und Maurizio De Angelis durch die Gassen Istanbuls treibt. Immer dicht dran: Eine wilde und nah am Mann folgende Kamera. Ein atemlos machender Auftakt, der die Erwartungen an den Film in nur 10 Minuten ins Unermessliche steigert. Das kann „The Opium Connection“ dann nicht einhalten. Trotzdem hat Baldi einen guten Film gemacht. Nur einen anderen, als man zunächst denkt. Denn obwohl Baldi immer wieder kurze, drastische Szenen der Gewalt einstreut, so ist die Inszenierung eher ruhig, und gerade in der ersten Hälfte fast schon dokumentarisch. Da wird der Weg des Opiums von der Ernte bis zum außer Landes bringen sehr akribisch und scheinbar an Originalschauplätzen mit echten Mohnbauern beschrieben. Da wirken plötzliche Action-Einsprengsel wie der Angriff feindlicher Banditen dann schon sehr an den Haaren herbeigezogen und fehl am Platz.

Mit dem Wechsel nach Sizilien wechselt nicht nur der Ton, sondern es bleiben auch einige interessante Nebendarsteller in der Türkei zurück, ohne dass deren Geschichte zu Ende erzählt ist. Was gerade im Falle der wunderschönen Silvia Monti sehr schade ist, da sie ihrer interessanten, nicht ganz durchschaubaren Figur Claudia (in der deutschen Fassung seltsamerweise Claudine, eine von mehreren Freiheiten, die sich die Synchronisation nimmt. Dazu mehr später) eine Tiefe verleiht, die einen neugierig auf ihre weitere Entwicklung macht. Doch nach einem Drittel der Spielzeit wird sie einfach sprichwörtlich in der Sonne stehen gelassen. Schade um das nicht genutzte Potential. Dafür folgen wir Coppola und seinem treuen Partner Tony (der wie immer souveräne und sehr präsente Luciano Catenacci) zu den Mafia-Hintermännern nach Sizilien. Hier trifft man dann Don Vincenzo (im Original Don Russo) wieder, der bereits in oben erwähnter Eröffnung einen bleibenden Eindruck hinterlassen hat. Fausto Tozzi leiht dieser Figur sein unverwechselbares Gesicht. Dann gibt es noch Don Vincenzos Boss, Don Calogero, ein fetter, gehbehinderter Machtmensch, der seine Gefährlichkeit hinter einem jovialen Lächeln und seiner scheinbar hilflosen Figur verbirgt. Doch seine eiskalte Skrupellosigkeit kommt spätestens bei einem brutalen Mordanschlag zum Vorschein. Ansonsten wird die Sizilien-Episode genutzt, um viel über die Machenschaften der Mafia, ihre Rolle im Drogenschmuggel und ihre Strukturen zu erklären.

Aber hier gibt es einen Handlungsstrang, der nicht wirklich zum Film und seiner Stimmung passen will. Don Calogero besitzt eine Schwester und eine Schwägerin, die tagsüber um ihre Männer trauern (der eine schon lange tot, der andere nach Amerika abgeschoben), in einer seltsamen Szene beim Kuchenessen sexuelle Erregung spüren und dann nichts anderes im Kopf haben, als mit Coppola ins Bett zu gehen. Was weder der Handlung hilft, noch in den Ablauf des Filmes passt. Der einzige Zweck scheint darin zu bestehen, etwas Sex unterzubringen und Ben Gazarra als unwiderstehlichen Draufgänger zu etablieren. Was nur bedingt funktioniert. Aber immerhin bleiben einem diese beiden Frauenfiguren völlig egal, weshalb es – im Gegensatz zu Silvia Monti – keinen Verlust darstellt, dass sie einfach so wieder aus der Handlung verschwinden. Wie überhaupt Sizilien nur eine weitere Episode ist, um den Weg des Opiums weiter zu verfolgen, und Coppola zu den wahren Hintermännern in den USA zu bringen.

Und dieser letzte Teil bricht dann auch wieder ein wenig mit der zuvor etablierten Erzählung. Das Dokumentarische wird ganz aufgegeben. Auch verhält sich Coppola auf einmal überraschend unprofessionell. Was überrascht, da er zuvor als alles im Griff habender, allen anderen überlegender, cooler Mastermind etabliert wurde. Die Entscheidungen, die Coppola plötzlich trifft, sind einfach naiv und dämlich. Sobald er das amerikanische Festland betritt wird aus dem cleveren Macher ein unerfahrener Emporkömmling, der von seinen Gegnern (zu Recht) nicht wirklich ernst genommen wird. Der hiesige Gangsterchef Sally wird vom gebürtigen Hamburger und Italo-Western-Veteranen Steffen Zacharias locker fast schon am Rande der Karikatur gespielt. Zudem werden Szenen eingestreut, die zeigen, wie das New Yorker Establishment kräftig im Drogengeschäft mitmischt. Was für einen Hauch Sozialkritik sorgt. Ebenfalls erfreulich sind die Auftritte vieler alter Bekannter wie Luciano Rossi als deutscher Chemiker (der sofort die Hacken zusammenknallt, wenn er angesprochen wird), der wieselige Bruno Corazzari oder ungenannt der immer gerne gesehene Romano Puppo als handfest zulangender Helfer Sallys.

Coppola Auseinandersetzung mit der New Yorker Mafia nutzt Baldi, um auf den letzten Metern doch noch einiges an Action aufzufahren. Seien es Schlägereien in finsteren Garagen oder eine große Verfolgungsjagd inklusive Hubschrauber (die einige Jahre später von Alfonso Brescia in seinem „Der große Kampf des Syndikats“ wiederverwendet wurde). Und am Ende gibt es noch einige Twists, die an dieser Stelle aber nicht verraten werden sollen. Was insgesamt auffällt ist Baldis Vorliebe für markante Gesichter und vor allem das versteckte Filmen auf offener Straße. Mehr als einmal lässt er seinen Hauptdarsteller durch die bevölkerten Straßen laufen und an der überraschten Reaktion und den direkten Blick in die Kamera erkennt man deutlich, dass dies keine eingeweihten Statisten waren. Gerade im letzten Bild wird dies ganz offensichtlich.

Obwohl der Film bereits 1972 gedreht wurde, kam er erst 1985 als Videopremiere in die deutschen Videotheken. Dafür ist die deutsche Synchro ganz gelungen. Auch wenn sie sich, wie bereits geschrieben, einige Freiheiten nimmt. Am Deutlichsten da, wo vertuscht werden soll, dass hier ein 13 Jahre alter Film als Neuheit verkauft werden soll. In der Synchronisation wird häufig von Ereignissen gesprochen, die sich vor ein paar Jahren, nämlich 1981 (!), abgespielt haben sollen. Was ja dann aber eigentlich aus Sicht des Filmes 9 Jahre in der Zukunft liegen würde – aus Sicht der späten Veröffentlichung aber tatsächlich vier Jahre in der Vergangenheit. Kann man natürlich machen, aber es wundert einen schon sehr, wenn man 1981 hört und die Kleidung und Frisuren laut nach Anfang 70er schreien.

„The Opium Connection“ ist ein ruhiger, anfangs fast dokumentarisch anmutender Gangsterfilm über die Herstellung und den Schmuggel von Opium aus der Türkei in die Vereinigten Staaten. Dabei zerfällt er in drei recht unterschiedliche Episoden, wobei die letzte den Film noch einmal auf den Kopf stellt. Gute Darsteller, ein toller Soundtrack der De-Angelis-Brüder und eine routinierte Regie des Western-Spezialisten Ferdinando Baldi sorgen für solide Unterhaltung.

„The Opium Connection“ ist die mittlerweile 17. Veröffentlichung der filmArt Polizieschi Edition. Und hier ein Tipp vorweg: Auf gar keinen Fall (wenn es geht) die Handlungszusammenfassung hinten auf dem Cover lesen. Die spoilert nämlich massiv einen Plot-Twist, der erst in den letzten 3 Minuten verraten wird! Die Amaray enthält eine DVD und eine Blu-ray. Wobei man etwas aufpassen muss, welche Scheibe im Player landet. Denn während die DVD prominent in der Amaray platziert ist, steckt die Blu-ray in einer festen Papphülle, die ich auf den ersten Blick für das (nicht vorhandene) Booklet hielt. Das Bild ist okay und hat einen angenehmen Kino-Look. Mehr war wohl aus dem Material nicht mehr rauszuholen. Als Extras sind die gekürzte italienische Fassung in restaurierter und unrestaurierter Form, sowie der englische Vorspann dabei. Die ungekürzte deutsche Fassung hat lediglich deutschen Ton, die gekürzte italienische kann man auch auf italienisch schauen, muss dort allerdings auf Untertitel verzichten.

Dieser Beitrag wurde unter DVD, Film, Filmtagebuch abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

 

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.