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Blu-ray-Rezension: “Die 13 Söhne des gelben Drachen“

Von , 22. März 2017 06:33

Der Stammesfürst Li Ke Yung (Feng Ku) und seine 13 Generäle, allesamt Söhne und Adoptivsöhne des Patriarchen, gehen gegen Rebellen vor, welche die Hauptstadt Changan besetzt halten. Im Alleingang kann sein jüngster Sohn Li Tsun Hsiao (David Chiang) den gegnerischen General Meng (Bolo Yeung) besiegen, was ihm die Gunst des Vaters und gleichzeitig die Eifersucht seiner Brüder Li Tsun Hsin (James Nam) und Li Kang Chun (Chung Wang) einbringt. Diese machen gemeinsame Sache mit dem Stadthalter des Kaisers Chu Wen (Sing Cheng), der Li Ke Yung zu einem opulenten Siegesmahl einlädt, in der Absicht ihn umzubringen. Nur mit Hilfe seiner treusten Söhne und unter schmerzlichen Opfern kann Le Ke Yung entkommen. Doch die Intrige der beiden abtrünnigen Brüder soll noch mehr Tote fordern…

Anmerkung: Alle Screenshots stammen von der ebenfalls enthaltenen DVD, nicht der Blu-ray.

Die 13 Söhne des gelben Drachen“ ist einer jener opulenten Ausstattungsfilme, für die es bei den legendären Shaw Brother Studios vor allem einen Spezialisten gab: Chang Cheh. Und gerade bei solch einer aufwändigen Produktion wie „Die 13 Söhne des gelben Drachen“ erkennt man warum. Scheinbar mühelos manövriert er Hunderte von Statisten und eine fast schon unüberschaubare Anzahl von Pro- und Antagonisten durch eine im Grunde simple, dann durch ihre Episodenhaftigkeit und der Unmenge von Namen, die einem um die Ohren gefeuert werden, doch wieder komplizierte Geschichte. Am Ende aber bekommt der Zuschauer einen Film, der trotz seiner vielen bunten Einzelteile doch wie aus einem Guss wirkt und dem ihm – auch wenn man nicht sofort alle Hintergründe und Verwicklungen erfassen kann – bestens unterhält. Da helfen dann natürlich die gut choreographierten Kämpfe und Massenaufmärsche, die Chang Cheh mit einem fast unfehlbaren Auge für beeindruckende Bilder festhält.

Im Gegensatz zu seinen Filmen „Der Pirat von Shantung “ oder „Duell ohne Gnade“ wirkt „Die 13 Söhne des gelben Drachen“ sogar recht zahm und zurückhaltend. So fließt das Blut nicht gleich von Beginn an in rauschenden Bächen und das Maß an Sadismus, welches für seine Filme häufig typisch ist, bleibt zunächst im normalen Rahmen. Dies gilt vor allem für den ersten Kampf zwischen David Chiang und einem sehr jungen Bolo Yeung oder die „Kommando-Aktion“ von sieben Brüdern, die in die Festung des Gegners eindringen. Das wirkt – gerade im Vergleich zu den beiden voran genannten Titeln – dann fast schon kindertauglich. Aber nur fast. Wenn Chang Cheh erst einmal loslegt, gibt es kein Halten mehr. Gerade zwei Szenen sind es, die hier lange im Gedächtnis haften bleiben. Einmal ein blutiger Kampf auf einer engen Brücke, bei dem Ti Lung versucht, seinen Vater aus den Klauen der Gegner zu retten und wortwörtlich als „Last Man Standing“ immer neue Wellen von Angreifern zurückschlägt. Und dann natürlich die berüchtigte Szene, in der eine der Hauptfiguren von vier Pferden auseinandergerissen wird und seine Einzelteile blutige Spuren im Sand hinterlassen. Gerade weil der Film in Vergleich zu Chang Chehs sonstigen Exzessen recht zurückhaltend bleibt, schockiert gerade diese Szene zutiefst.

Die Geschichte von den „13 Söhnen des gelben Drachen“ spielt lange vor der Zeit, die normalerweise in den Shaw Brothers-Filmen abgehandelt wird, nämlich in der Tang Dynastie (618-907). Dies ist zunächst etwas gewöhnungsbedürftig, denn die Kostümierung der „Heldenhaften“ mit den Fellmützen und -mänteln ist doch etwas ungewohnt. Auch ist man überrascht, dass der Patriarch Li Ke Yung und seine 13 (Adoptiv-)Söhne gegen Rebellen antreten.Denn normalerweise sind es ja die Rebellen, die in den klassischen Hongkong-Filmen die Helden stellten. Zu der Verwirrung trägt auch die Besetzung des Li Ke Yung mit dem charismatischen Ku Feng bei. Dieser ist eigentlich auf durchtriebene, skrupellose Bösewichte abonniert und auch seine farbenfrohe Darstellung hier gestaltet sich durchaus ambivalent. Zwar ist er zum einen natürlich derjenige, auf dessen Seite einen der Film stellt, zum anderen besitzt er auch keine Skrupel seine Söhne, wenn sie die ihnen gestellte Aufgabe nicht nach seinem Willen erledigt haben, kurzerhand zum Tode zu verurteilen. Nein, ein sympathischer Charakter ist dieser Li Ke Yung wahrlich nicht.

Auch seine Söhne begeistern nicht gerade durch übertriebene Freundlichkeit. Allein der von David Chiang gespielte Heißsporn Li Tsun Hsiao ist – trotz aller Arroganz die er ausstrahlt – eine Identifikationsfigur. Ti Lung bringt als Shih Ching Szu zwar auch alle Qualitäten eines stoischen Helden mit, bekommt aber relativ wenig zu tun und spielt hier nur die zweite Geige. Han Chin fällt noch als besonnener Bruder auf, während James Nam möglicherweise ein tragischer Charakter sein soll, allerdings ebenso schleimig unsympathisch bleibt wie der bekannte Schurkendarsteller Wong Chung als durchtriebenster und fieseste Bruder von allen. Die restlichen Brüder dienen eher als Staffage. Was leider im Finale zu einem Problem wird, wenn diese eher gesichts- und farblosen Charaktere plötzlich mit den Bösewichten abrechnen. Da sie zuvor nicht richtig eingeführt und zu lebendigen Figuren aufgebauten wurden, verpufft die Dramatik hier leider ziemlich.

Die Geschichte der 13 Söhne und dem „gelben Drachen“ soll auf wahren Begebenheiten der chinesischen Geschichte beruhen. Allerdings wurden sich – bis auf den historischen Kontext – große fiktionale Freiheiten erlaubt. Diese historischen Geschehnisse scheinen in China durchaus bekannt zu sein, denn 1982 entstand noch eine Fernsehserie um die 13 Generäle des Li Ke Yung, die vom damals noch unbekannten Johnnie To in Szene gesetzt wurde. Im Cast dieser Serie finden sich auch einige weibliche Schauspielerinnen. Solche tauchen in „Die 13 Söhne des gelben Drachen“ so gut wie gar nicht auf. Zwar darf David Chiang kurz einem jungen Mädchen schöne Augen machen, welches die alte Ordnung gegen die Rebellen unterstützt, doch dieses verschwindet fast ebenso schnell aus dem Film, wie es gekommen war. Was schade ist, wird das Mädchen doch von Lily Li gespielt, ein gern gesehenen Gesicht in zahlreichen Shaw Brothers Produktionen. Doch Chang Ches Film sind nun einmal reiner Männerfilm. Und während er in andere Filme meist noch eine dünne Alibi-Liebesgeschichte einbaut (wobei es aufrichtige Liebe und Respekt dann doch nur wieder unter Männer gibt), verzichtet er hier ganz darauf. Zugunsten von viel Pathos, Spektakel, blutigen Verrat und hinterhältigen Intrigen.

Chang Cheh verzichtet bei seinem bunten Kostüm-Epos größtenteils auf allzu blutige und sadistische Details, um dem Zuschauer am Ende doch noch ein extrem schmerzhaftes Finale zu bieten. „Die 13 Söhne des gelben Drachen“ bietet darüber hinaus aber auch schön choreographierte Massen- und Schlachtszenen, böse Intrigen und eine Menge Stars.

Auch mit der Nummer 8 ihrer Shaw-Brothers-Collector’s-Edition bleibt sich filmArt treu. Wieder ist es eine BluRay/DVD-Combo. Und wie bei den vorangegangenen Veröffentlichungen innerhalb dieser Reihe weiß das Bild durch eine unglaubliche Klarheit und Brillanz zu bestechen. Der Ton besteht aus der deutschen Neu- und Kinosynchronisation, sowie Mandarin mit zuschaltbaren detuschen untertiteln. Die Neusynchro stammt von 2004 und war notwendig, da in der alten Veröffentlichung satte 30 Minuten Handlung fehlten. Man kan sich aussuchen, ob man den Film nun komplett in der neuen Synchronisation schauen möchte, oder in der Kinofassung, wobei die zahlreichen „Leerstellen“ mit der Neusynchro aufgefüllt werden. Hierzu kann dasselbe wie zu „Die 36 Kammern der Shaolin“ geschrieben werden. Die neue Synchronisation ist gut, aber im Vergleich zu der sehr lebendigen Kinofassung mit seinen markanten Sprechern etwas steril. Allerdings ist der Unterschied nicht ganz so drastisch, wie bei den „36 Kammern“. D.h., wann immer von der Kino- zur Neusynchro gesprungen wird, ist der Bruch zwar merkbar, aber nicht ganz so hart. Als Extras liegt ein Booklet mit dem kompletten deutschen Aushangfotosatz des Films bei. Zusätzlich kann der Zuschauer auch die Fassung der Erstaufführung (von 35mm, 95 Minuten) oder der Wiederaufführung (von 16mm, 80 Minuten) auswählen. Außerdem gibt es noch einen Trailer und eine selbstlaufende Bildergalerie.

Blu-ray-Rezension: “Die 36 Kammern der Shaolin”

Von , 9. März 2017 06:33

Während der Qing-Dynastie (1644–1911) wird das chinesische Volk von den Mandschu in der Gestalt des Generals Tien (Lo Lieh) unterdrückt und geknechtet. Der junge Student Liu Yu Te (Gordon Liu) schließt sich den Rebellen an, die jedoch schnell auffliegen und von den Mandschu getötet werden. Auch Liu Yu Tes Familie gehört zu den Opfern. Liu Yu Te kann jedoch entkommen und flieht schwerverletzt ins Shaolin-Kloster. Hier will er das berühmte Shaolin-Kung-Fu erlernen, um sich an den Mandschu zu rächen. Doch bevor es soweit ist, muss er zunächst 35 Kammern durchlaufen. In jeder Kammer wartet eine neue Prüfung auf ihn. Erst wenn er diese besteht, darf in die nächste Kammer aufsteigen…

Anmerkung: Alle Screenshots stammen von der ebenfalls enthaltenen DVD, nicht der Blu-ray.

Es gibt Filme, die definieren für einen ein ganzes Genre – lange bevor man das erste Mal direkt mit ihm in Kontakt gekommen ist. „Die 36 Kammern der Shaolin“ fällt bei mir genau in diese Kategorie. Jahre bevor ich meinen ersten Shaw-Brothers-Film sah, war mit der Titel „Die 36 Kammern der Shaolin“ bereits geläufig. Wahrscheinlich hatte ich irgendwo Aushangfotos gesehen und in irgendeinem Heft darüber gelesen. Ich weiß noch dunkel, dass ein älterer Nachbarsjunge Hefte besaß, die „Kung Fu“ oder ähnlich hießen. Ich kann mich nicht mehr richtig daran erinnern, was da drin stand, ich meine aber, dass es da Artikel über Kung-Fu-Filme gab. Wo ich das schreibe, meine ich mich daran zu erinnern, dass es da auch etwas über Bruce Lees Tod und der verschwörerisch formulierten Frage, wie ein Bruce Lee sterben konnte, gab. Ich denke, da irgendwo habe ich auch das erste Mal was über „Die 36 Kammern der Shaolin“ gelesen. Als ich den Film dann endlich irgendwann mal in der TV-Ausstrahlung sah, kam er mir einerseits bereits bekannt vor, andererseits hatte ich von den legendären „36 Kammern“ auch ganz andere Vorstellungen. Ich war bis dahin der Meinung gewesen, dass sich hier jemand Videospiel-mäßig durch 36 Kammern voller gefährlicher Shaolin-Mönche kämpfen müsste. Ein Konzept, wie es Bruce Lee für sein leider nie beendeten „Game of Death“ entworfen hatte. Und obwohl ich im Kopf bereits eine ganz andere, wesentlich finstere und brutalere Geschichte durchgespielt hatte, wurde ich von „Die 36 Kammern der Sholin“ aber nicht enttäuscht. Bis heute ist es mir einer meiner liebsten Shaw-Brothers-Filme geblieben und einer der Hauptgründe, warum ich begann, mich eingehend mit dem klassischen Martial-Arts-Kino Hongkongs zu beschäftigen.

Als ich den Film jetzt wiedersah, war ich überrascht, wie viel Raum die „Rahmenhandlung“ einnimmt, die Erlebnisse San Tes im Shaolin Tempel einklammert. Der Film ist wie ein Triptychon aufgebaut, bei dem jeder Teil ungefähr ein Drittel einnimmt. Auf dem ersten Bild sehen wir Liu Yu-te, einen jungen, heißblütigen Mann, dessen Freunde von den bösen Mandschu eliminiert und und dessen Familie zerstört wurde. Das zweite Bild zeigt seine Transformation im Shaolin Kloster, nicht nur durch das eisenharte Training, in dem er die 35 Kammern durchläuft (wobei aber nur 10 Kammern gezeigt werden, ansonsten würde der Film ja über drei Stunden dauern) und sondern auch seine menschliche Entwicklung zu einem weiseren, besonnenen Wesen mit Namen San Te. Auf dem letzten Bild sehen wir den nun vervollkommneten Menschen San Te, der in die Welt hinaus und die selbst erfahren Weisheit und Wissen weitergibt. Man kann sich diesen Triptychon auch gut als in einer Kirche vorstellen, und anstelle Liu Yu-te, der zu San Te wird, vielleicht die Figur des Saulus, der zum Paulus wird. Im Grunde beschreibt „Die 36 Kammern der Shaolin“ nämlich sehr genau den Archetyp der „Heldenreise“.

Und so ist es dann auch unvermeidlich, dass San Te am Ende in seine Heimatstadt zurückkehrt, im sich seinen Erzfeinden, den Mandschu, zu stellt. Wodurch es dann zum finalen Duell mit Lo Lieh als böser Mandschu-General kommt, der anfangs als schier unbesiegbarer Meister der Kampfkunst eingeführt wurde. Lieh hat hier leider nur eine kleine, wenn auch prägnante Rolle. Dass beide für diesen Schlusskampf aus der Stadt reiten, um sich dann auf einem menschenleeren Feld gegenüberzustehen, bricht zwar etwas mit der inneren Logik (warum folgt ihnen niemand und hat San Te nicht geschworen – und praktiziert – dass er nie jemanden angreift?), beschert dem Zuschauer aber ein feinen und gut choreographierten Kampf.

Natürlich hat es auch vor „Die 36 Kammern der Shaolin“ Filme gegeben, die sich mit dem Training der Helden und ihrem Weg zum Superkämpfer beschäftigten. Doch selten so konsequent wie hier. Der große Erfolg des Filmes führte nicht nur zu zwei Fortsetzungen (beide mit Gordon Liu, wobei er im zweiten Teil eine andere Figur spielt), sondern könnte auch eine Blaupause für die immens erfolgreichen Jackie-Chan-Filme „Die Schlange im Schatten des Adlers“ und vor allem „Sie nannten ihn Knochenbrecher“ sein, die im selben Jahr wie „Die 36 Kammern der Shaolin“ in die Kinos kamen. Diese erzählten mit sehr viel weniger Budget, Darstellern und Epos eine sehr ähnliche, wenn auch komödiantisch gefärbte Geschichte. Selbst der große amerikanische Erfolg „Karate Kid“ aus den 80ern führt diese Tradition fort. Und für Gordon Liu wurde San Te die Rolle seines Lebens. Der Schädel, den er sich extra für diese Rolle rasiert hatte, blieb auch in den folgenden Jahren blank und mit seinem älteren Bruder (Gordon Liu war laut einiger Quellen von Lau Kar-Leungs Vater adoptiert worden, Wikipedia schreibt aber, dass er lediglich ein sehr enges, väterliches Verhältnis mit Lau Cham pflegte) dem Shaolin-Film treu. 2005 holte ihn dann Quentin Tarantino – ein großer Fan der „36 Kammern“ – für seine beiden „Kill Bill“-Filme vor die Kamera. Hier spielte Gordon Liu dann gleich zwei Rollen: Die des Johnnie Mo, dem Anführer der „Crazy 88“, und jene des Pai Mei (die widerum auch auf „Die 36 Kammern der Sholin“ anspielt).

Nicht nur Gordon Lius Karriere wurde durch diesen Meilenstein des Kung-Fu-Kinos kräftig angekurbelt. Auch Regisseur Lau Kar-Leung, der zuvor eng mit der Shaw-Brothers-Legende Chang Cheh zusammengearbeitet hatte bis sich beide bei den Drehereien zu „Marco Polo im Reiche des Kublai Khan“ überwarfen, gelang hiermit der Durchbruch. In der Folge wurde er zum Spezialisten für Filme rund um das Shaolin Kloster und in den 80er Jahren drehte er so erfolgreiche Action-Filme wie „Tiger on the Beat“ und seine Fortsetzung. Dass Lau Kar-Leung eine Ausbildung zum Martial-Arts-Kämpfer hat, merkt man seinen Filmen deutlich an. Gerade in „Die 36 Kammern der Shaolin“ sind die Kämpfe sehr traditionell und akkurat. Lau Kar-Leung filmt sie auch meistens aus einer gewissen Distanz, so dass man den eleganten Bewegungen der Kämpfenden gut mit dem Auge folgen kann. Aber auch für Stimmungen hat Lau Kar-Leung ein gutes Händchen und so werden die Übungseinheiten im Kloster auch immer von einer gewissen Düsternis begleitet, die sich nicht eindeutig fassen lässt, aber die besondere Stimmung und vielleicht auch Wirkung dieses Filmes ausmacht.

„Die 36 Kammern der Shaolin“ ist vollkommen zurecht ein Klassiker seines Genres, der bis heute unzählige Male kopiert oder zitiert wurde. Lau Kar-Leungs kraftvolle Regie und Gordon Lius charismatisches Spiel ebneten ihnen den Weg zu einer lang anhaltenden Karriere.

„Die 36 Kammern der Shaolin“ ist in der schönen „Shaw Brothers Collector’s Edition“-Reihe als Blu-ray/DVD-Kombo erschienen. Das Bild der Blu-ray ist wie immer über alle Zweifel erhaben. Da der Film in der alten deutsche Kinofassung um fast eine halbe Stunde Handlung gekürzt worden war, wurde er für die erste DVD-Veröffentlichung (durch MiB) 2004 komplett neu synchronisiert. Auf der filmArt-Scheibe sind nun beide Synchronisationen zu hören, die alte kürzere Kinofassung und die Neubearbeitung. Daher hat man die Wahl, entweder den Film komplett in der 2004er Synchro anzuschauen, die gekürzte Fassung in der Kino-Synchro oder – für diese Lösung habe ich mich entschieden – mit der deutschen Kinosynchro, wobei die Fehlstellen mit der 2004er Synchro aufgefüllt wird. Das ist aber, meiner Meinung nach, die schlechtere Wahl. Die Synchronisationen sind derartig unterschiedlich, dass man bei jedem Wechsel regelrecht aus der Handlung gerissen wird. Gordon Liu wird beispielsweise in der Kinofassung von Elmar Wepper, in der neuen Fassung von dem komplett anders klingenden Simon Jäger (deutsche Stimme von Matt Damon) gesprochen. Auch die Namen sind dann teilweise andere und aus den Mandschu werden Tataren. Das verwirrt maximal. Man sollte sich also besser sich gleich für die 2004er Synchro entscheiden. Die klingt zwar um einiges steriler und hat nicht die markanter Sprecher der Kinofassung, ist aber nun auch nicht so schlecht. Oder man guckt den Film in Kantonesisch oder Mandarin mit deutschen Untertiteln. Diese Option gibt es natürlich auch noch. Bis auf Trailer und ein Booklet mit Aushangfotos gibt es keine weiteren Extras.

Blu-ray-Rezension: “Der Pirat von Shantung”

Von , 2. November 2016 20:46

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Ma Yung Cheng (Cheng Kuan-Tai) ist ein armer Bauernsohn aus der Provinz Shantung, der mit seinem Freund Hsiao Chiang-pei (Cheng Kang-Yeh) nach Shanghai kommt, um hier sein Glück zu machen. Hier geraten sie schnell zwischen die Fronten, denn die Stadt ist zwischen den beiden Gangsterbossen Yang (Nan Chiang) und Tan Sze (David Chiang) aufgeteilt. Der böse Yang nutzt die „vier Meister“, um seinen Teil der Stadt unter der Knute zu halten. Als Ma Yung Cheng einen der Meister besiegt, ist der Konflikt vorprogrammiert. Tan Si hingegen ist ein ehrenvoller Gangster und wird schnell zum Vorbild für Ma. Nachdem Ma ihn mit seinen Kampfkünsten und seiner unerschütterlichen Ehre beeindruckt hat, überlässt ihm Tan Si ein kleinen Teil seines Gebiets. Ma klettert die Gangsterkarriere-Leiter schnell herauf und ist sehr beliebt. Doch Yang schmiedet bereits einen teuflischen Plan, um Ma Yung Cheng und Tan Si für immer loszuwerden.

Anmerkung: Alle Screenshots stammen von der ebenfalls enthaltenen DVD, nicht der Blu-ray.

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Mit „Der Pirat von Shantung“ startete Cheng Kuan-Tai seine langlebige Karriere bei den Shaw Brothers. Zuvor auf kleine Neben- und Statistenrollen beschränkt, konnte der hochtalentierte Kämpfer nun in seiner ersten Hauptrolle zeigen, dass er locker einen ganzen Film allein tragen kann. Wobei er hier noch prominente Hilfe in Gestalt von David Chiang bekommt. Dieser spielt die kleine, aber sehr prägnante Nebenrolle eines Gangsterbosses, der dem von Cheng Kuan-Tai gespielten Ma Yung Cheng als Idol und Vorbild dient. Gegenüber dem sehr physischen, bodenständigen Cheng Kuan-Tai, der einen stoischen, rauen Schauspielstil mitbringt, hebt sich David Chiang nicht nur durch seine extrem geschmackvolle Kleidung und ein gewinnbringendes Lächeln hervor. Wenn es daran geht, Füße und Fäuste zu schwingen, so ist es eine Freude beiden zuschauen. Wobei Cheng Kuan-Tais Stil kraftvoller und athletischer wirkt, während Chiang mehr geschmeidig und tänzerisch daherkommt. Für die Rolle des Ma Yung Cheng kann man sich kaum einen besseren als Cheng Kuan-Tai vorstellen, der mit stoischer Wucht und einer gewissen bäuerlichen Naivität durch Shanghai pflügt. Die damals ausgesprochen populären Darsteller David Chiang und Ti Lung wären hier vollkommen fehl am Platze gewesen, Allenfalls Alexander Fu-Sheng könnte man sich noch als „Pirat von Shantung“ vorstellen, aber dessen Zeit war noch nicht gekommen.

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„Der Pirat von Shantung“ war eine der erfolgreichsten Produktionen der Shaw Brothers und legte den Grundstein zu einer ganzen Flut von Filmen, die sich mit Aufstieg und Fall eines Gangsterbosses beschäftigten. Cheng Kuan-Tai selber sollte noch im selben Jahr wieder auf die Straßen von Shanghai zurückkehren, um im Sequel „Der Mann mit der Tigerpranke“ nochmals einen aufstrebenden Gangsterboss zu spielen. Trotz der epischen Dauer von 130 Minuten schafft es der Film, durch ein durchgehend hohes Tempo keine große Längen aufkommen zu lassen. Positiv fällt dabei auf, dass die Story nicht primär dazu dient, einzelne Kampfszenen miteinander zu verbinden, sondern sich diese organisch aus der Handlung ergeben. Was aber nicht heißen soll, dass die Kämpfe nicht spektakulär wären. Besonders in Erinnerung bleibt der exotische Kampf zwischen Cheng Kuan-Tai und dem riesigen Italiener Mario Milano, der schon ein wenig den legendären Fight zwischen Bruce Lee und Kareem Abdula Jaba in „Bruce Lee – Mein letzter Kampf“ vorweg nimmt. Herzstück ist aber das 15-minütge Finale, welches zu den blutigsten, brutalsten und spektakulärsten Schlachtszenen gehört, die je in den Shaw Brothers Studios entstanden sind. Hier spritzt der rote Lebenssaft als ob damit das ganze Studio undekoriert werden sollte. Und Cheng Kuan-Tais Ma Yung Cheng beweist Nehmerqualitäten und Steh-Auf-Mentalität, die ihres Gleichen sucht.

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Regisseur Chang Cheh teilte sich bei diesem Film den Regiestuhl mit Choreograph Hsueh Li Pao (wobei auch der spätere Regiesuperstar John Woo hier als Regieassistent beteiligt war, ebenso wie der später berüchtigte Viel- und Billigfilmer Godfrey Ho). Angeblich schoss Chang Cheh aufgrund seines engen Terminkalenders nur die Nachtszenen, während er die Tagszenen seinem, in den Titeln unerwähnten, Co-Regisseur überließ. Auch wenn dem so sein sollte, „Der Pirat von Shantung“ ist ein echter Chang Cheh geworden. Nicht nur, was das blutige Todesballett und die routiniert-stilsichere Inszenierung angeht. Auch liegt Chang Chehs Fokus wieder mehr auf den Männerfreundschaften, als auf der hastig eingeflochtenden Liebesgeschichte, die sich nie wirklich entwickelt. Was sehr schade ist, denn mit Li Ching hatte man eine gute und charismatische Darstellerin zur Hand. Hier wird sie aber auf den Status eines dekorativen Ausstattungsstückes reduziert. Lediglich in einer Szene, wenn unser Held in einem Bordell zu sehr dem Alkohol frönt und seine Geliebte in eine der dortigen Damen hinein imaginiert, wird überhaupt darauf Bezug genommen, dass sich dort zarte Bande bilden. Sehr viel sorgfältiger wird da die gegenseitige Faszination zwischen Ma Yung Cheng und dem „guten“ Gangster Tan Sze thematisiert, ja romantisiert. Ebenso wie die brüderliche Liebe zwischen Ma Yung Cheng und seinem besten Freund Hsiao Chiang-pei, der von dem auf diese Art von Rollen spezialisierten Kang-Yeh Cheng gespielt wird.

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„Der Pirat von Santung“ gehört nicht nur zu den erfolgreichsten Filmen des fleißigen Shaw Brothers Studios, sondern katapultierte den bis dahin unbekannten Cheng Kuan-Tai in die erste Liga der Kung-Fu-Stars. Zurecht, denn der Film liefert nicht nur die Blaupause für unzählige Nachahmer, sondern steuert zielsicher und trotz seiner Länge ausgesprochen kurzweilig einem extrem blutigen Finale zu, welches zu den spektakulärsten seiner Gattung gehört.

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Wie immer ist „Der Pirat von Shantung“ in der empfehlenswerten „Shaw Brothers Collector’s Edition“-Reihe als Blu-ray/DVD-Kombo erschienen. Das Bild der Blu-ray lässt keine Wünsche offen. Neben der alten deutschen Kinosynchronisation, ist noch eine 2. deutsche Synchronisation von 2005 mit dabei. Die alte deutsche Kinofassung war damals um satte 40 Minuten Handlung erleichtert worden. Wie das dann aussah, kann man man sich hier ebenfalls anschauen, denn die Kinofassung wurde auf Basis des neuen HD-Masters rekonstruiert und ist auf der Scheibe ebenfalls enthalten. Die Stellen, die damals für die deutsche Kinofassung nicht synchronisiert wurden, werden auf der „Kinofassung-Tonspur“ mit der Zweisynchronisation von 2005 aufgefüllt, was recht irritierend wirkt, da die Unterschiede echt deutlich zu hören sind. Bis auf ein Booklet mit Aushangfotos und Trailern gibt es keine weiteren Extras.

Blu-ray-Rezension: „Der Pate von Greenwich Village“

Von , 1. Oktober 2016 18:44

pate__greenwichCharlie (Mickey Rourke) und sein Cousin Paulie (Eric Roberts) leben im New Yorker Stadtteil Greenwich Village, wo sie sich recht und schlecht durchschlagen. Der coole und vernünftige Charlie träumt davon, zusammen mit seiner Freundin Diana (Daryl Hannah) im ländlichen Maine ein Restaurant zu eröffnen. Der hitzköpfige und vollkommen nichtsnutzige Paulie träumt von einem erfolgreichen Leben im Luxus und Exzess. Als Charlie wegen Paulie seinen Job als Restaurant-Manager verliert, macht Paulie ihm einen Vorschlag. Er will in ein Rennpferd investieren, welches das „Sieger-Gen“ besitzt. Dafür fehlen ihm allerdings 150.000 Dollar, die er sich mit einem Einbruch in Lagerhaus verdienen will. Dort steht nämlich ein Tresor voller Geld. Charlie und der alte Uhrmacher und Ex-Safeknacker Barney (Kenneth McMillan) lassen sich überreden mitzumachen. Doch der Coup geht schief. Nicht nur kommt dabei ein Polizist ums Leben, sondern der Tresor gehört auch noch dem lokalen Mafiaboss „Bed Bug“ Eddie (Burt Young)…

Es tut fast schon weh, den jungen Mickey Rouke auf der Höhe seines Ruhms zu sehen. Damals schon war er zum „James Dean der 80er“ hoch geschrieben worden. Ein Vergleich, der durchaus Sinn ergibt. Mickey Rouke war ein fantastischer Schauspieler, der leicht und lässig durch seine Rollen spazierte. Der dabei mit einer kleinen Geste der Hand mehr ausdrücken konnte, als viele seiner Kollegen mit aller Kraft ihres mehrjährigen Schauspielstudiums. Und dabei ist er immer so atemberaubend cool und so unverschämt gutaussehend. Den jungen Mickey Rouke zu sehen, lässt das Herz schneller schlagen. Wenn man weiß, was aus seiner so vielversprechenden Karriere wurde, möchte man fast um all die schönen Filme weinen, die er in den 90ern noch hätte drehen können. Und um dieses schöne Gesicht, welches durch seinen Ausflug ins Profi-Boxen und schiefgegangene Schönheitsoperationen zerstört wurde. Klar ist Mickey Rourke mittlerweile wieder da. Und ja, er ist immer noch ein toller Schauspieler. Seine Darstellung des Randy in „The Wrestler“ bricht einem das Herz. Doch vergleicht man Mickey Rourke heute und damals, dann sind das zwei ganz unterschiedliche Figuren. Und man mag nicht glauben, dass dahinter ein und der selbe Mensch stecken.

Der Pate von Greenwich Village“ beginnt mit dem jungen Mickey Rourke, der sich für seinen Job als Restaurant-Manager in seine elegante, geschmackvolle Schale wirft. Dazu singt Sinatra „Summer Wind“. Eine Szene zum Verlieben. Mit kleinen Gesten, mit seinem Gang zwischen Gene Kelly und einer Katze, zeigt er gleich, wer hier der coolste Typ in der Nachbarschaft ist. Selbstsicher, charismatisch. Dass Mickey Rourke in den Credits nur an zweiter hinter Eric Roberts aufgeführt wird, mag daran liegen, dass Roberts damals etwas bekannter war. Oder dass sein Nachname im Alphabet vor Rourke kommt. Der Star des Filmes ist aber eindeutig Rourke. Er füllt jede Szene aus in der er zu sehen ist und würde die Leinwand mit seiner ungeheuren Präsenz zum Bersten bringen, wenn er dafür nicht zu lässig wäre. Im Restaurant trifft der von Rourke gespielte Charlie auf sein Cousin Paulie. Eric Roberts spielt ihn als Antithese zu Rourke. Tritt dieser in feinem, geschmackssicheren Zwirn auf, so sorgt bei Paulie bereits der unglaubliche Lockenkopf für große Augen. Dazu kleidet er sich, wie die Jungs aus dem Ghetto. Mit einer Vorliebe für protzige Ketten und zu engen Jeans. Ständig in Bewegung, hibbelig und mit einer Klappe, die nie still zu stehen scheint, ist Paulie eine weiße Parodie auf die schwarzen Ghetto-Jungs, die man aus Filmen wie „Menace II Society“ kennt. Nur gibt es in dem provinziellen Greewich Village keine Schwarzen. Ja, die Einwohnerschaft scheint nur aus Italienern und Iren zu bestehen. Einmal sieht man zwei Asiaten in einer Bar, die von den anderen Besuchern wie Exoten beäugt werden.

Regisseur Stuart Rosenberg inszeniert „Der Pater von Greenwich Village“ mit leichter und sicherer Hand. Der feine Humor ist nie zum Schenkelklopfen, die dramatischen Szenen nie pathetisch. Das Äquivalent zu Rosenbergs Inszenierung wäre der leichter Sommerwind aus dem Sinatra-Song. Zudem offenbart er einen scharfen Blick für den Lokalkolorit des kleinen Greenwich Village mit seinen Bars, den alteingesessenen Typen und das Kleinstädtische. Der von Burt Young eindrucksvoll, wenn auch manchmal an der Grenze zur Parodie, gespielte Gangsterboss „Bedbug Eddie“ ist hier zwar König, in der Mafiahierarchie aber eben nur ein kleiner Landesfürst. Trotzdem sollte man sich besser nicht mit ihm anlegen, wie Paulie in einer der schmerzhaftesten Szenen des Filmes erfahren muss. Wobei „Der Pate von Greenwich Village“ allzu große Gewalttätigkeiten vermeidet. Seine Stärken liegen im Dialog, den glaubhaften Figuren und der genauen Zeichnung des Milieus. Der einzige Haken an der Sache ist die Beziehung zwischen Charlie und Paulie. Man mag es kaum glauben, dass ein so scharfsinniger Bursche wie Charlie immer wieder seinem Cousin aus der Patsche hilft und ihn auch noch vor allen Anderen verteidigt. Ja, da ist eine große, brüderliche Liebe zwischen den beiden so unterschiedlichen Typen. Doch wenn der schwächliche Paulie das x-te Mal Charlie tief in die Scheiße reitet, möchte man ihn am Liebsten persönlich mit seiner großen Klappe in die Wüste jagen. Aber solch eine „Paulie“-Figur gehört ja zur Standardausstattung eines Gangsterfilms. Siehe auch „Sugar Hill“, der eine ganz ähnliche Struktur aufweist. Nur Michael Corleones Geduld mit seinem ähnlich anlegten Bruder Fredo in „Der Pate – Teil 2“ hatte irgendwann seine Grenzen.

Doch Charlie ist eben auch kein Profi. Kein knallharter Typ wie ein Michael Corleone. Er schlägt sich durchs Leben, versucht auf irgendeine Art und Weise etwas zu werden. Sein Traum ist nicht die Macht über sein Viertel, sondern genug Geld für ein eigenes Restaurant zu haben. Dass er immer wieder auf der falschen Seite landet, ist größtenteils auch seinem unzuverlässigen Cousin Paulie zu verdanken. In der Rolle seiner attraktiven Freundin sieht man eine blutjunge und wunderhübsche Daryl Hannah, die leider nur schmückendes Beiwerk bleibt. Frauen haben in dieser Welt nämlich keinen Platz und spielen nur eine untergeordnete Rolle. Die einzige Ausnahme bildet die von Geraldine Page gespielte Mutter eines auf tragische Weise ums Leben gekommenen Polizisten. Sie hat nur zwei kurze, aber großartige Auftritte in diesem Film, aber diese reichten aus, um ihr eine Oscar-Nominierung als beste Nebendarstellerin einzubringen. Ansonsten ist es a man’s world.

Die sehr genaue Figuren- und Milleuzeichnung, die überzeugenden Darsteller – allen vorweg ein unglaublich guter und charismatischer Mickey Rourke – und die locker-leichte Inszenierung Stuart Rosenbergs machen „Der Pate von Greenwich Village“ zu einem kleinen Klassiker, dem man auch kleinere Schwächen mit einem Lächeln verzeiht.

FilmArt hat dieses kleine Juwel außerhalb seiner bekannten Reihen veröffentlicht, ob es gut in die CineSelection gepasst hätte. Die Blu-ray ist auf 1000 Stück limitiert und weißt ein gutes, sehr „kinohaftes“ Bild auf, welches Ecken und Kanten haben darf und nicht vollkommen steril gefiltert wurde. Der Ton liegt auf Deutsch und Englisch als DTS-HD Master Audio Mono) vor. Im Bonusbereich sieht es bis auf den Originaltrailer ziemlich mau aus. Dafür wurde ein 8-seitiges Booklet mit spanischen (?) Aushangfotos beigelegt.

DVD-Rezension: „Strasse der Angst“

Von , 17. September 2016 11:24

strassederangstDer aufstrebende Jungpolitiker ist Dr. Michele Alemani (Fabio Testi) ist mit Rita (Simonetta Stefanelli) verheiratet, der Tochter des einflussreichen Bauunternehmer und Parteivorsitzenden Vetroni (Ugo Bologna). Für seinen Schwiegervater übernimmt er auch schon mal die Drecksarbeit, wie die Einschüchterung unliebsamer Konkurrenten. Eines Tages wird Alemani Opfer eines Attentats. Gerettet wird er dabei von einer unbekannten jungen Frau (Lara Wendel), die seine Wunden verbindet. Alemani kann die junge Frau nicht vergessen. Als er sie wenig später zufällig in einem Restaurant wieder trifft, verlieben sich beide ineinander. Alemani ist bereit für Viva, so heißt die Schöne, alles aufzugeben. Auch als er entdeckt, dass sie schwer heroinabhängig ist, ändert dies nichts an seinen Plänen…

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Um es gleich vorweg zu schicken: Warum dieser Film in der Reihe „Polizieschi“ erscheint, wird wohl auf immer das Geheimnis des Labels filmArt bleiben. Nein, wer aufgrund des reißerischen Covers eine actionreichen Polizei- oder Mafiafilm erwartet, der wird bitter enttäuscht werden. Und nein, weder trägt Herr Testi in diesem Film einen Trenchcoat, noch nimmt er eine Waffe in die Hand. Immerhin ist das Cover so aber vielfältig einsetzbar und diente auch der VHS-Veröffentlichung des Films „Sieben Stunden der Gewalt“ mit George Hilton als Cover-Motiv, indem der Figur, die offensichtlich Testi darstellen soll, ein Schnauzbart aufgemalt wurde. Dabei beginnt „Strasse der Angst“ für den durch das Label „Polizieschi“ angelockten Zuschauer durchaus vielversprechend. Zu einer schönen Melodie des immer zuverlässigen Stevio Cipriani, dessen Werke zahlreiche Klassiker des Genres zieren, sehen wir Fabio Testi beim nächtlichen Rugby-Spiel, beobachtet von einigen finsteren Gestalten, die sich dann auch gleich an seine Fersen heften. Schnell wird klar, dass der aufstrebende Jungpolitiker für seinen reichen und industriellen Schwiegervater die Drecksarbeit erledigt und mit sanftem Druck unliebsame Konkurrenten aus den Weg räumt. Doch sehr bald bekommt er die Quittung für sein zwielichtiges Treiben präsentiert und wird von einem maskieren Überfallkommando zusammengeschossen. Hier endet dann erst einmal die erwartete Handlung und der Film wendet sich mit Schmackes einem anderen Genre zu.

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Als Alemani nach dem Überfall angeschossen an einem Laternenpfahl hängt, eilt ihm eine unbekannte Schöne zu Hilfe, bindet ihm mit ihrem Schal seine Wunden ab und verhindert somit, dass er verblutet. Ob diese junge Frau nur zufällig in der Nähe war, oder ob sie zusammen mit ihrem kriminellen Freund in die Sache verwickelt ist, wird im weiteren Verlauf nicht geklärt. Beides ist denkbar. Alemani kann die Schöne nicht vergessen, was man durchaus nachvollziehen kann, wird sie doch von der schönen Lara Wendel gespielt. Lara Wendel war zum Zeitpunkt der Dreharbeiten unglaubliche 15 Jahre jung. Etwas, was man ihr aber zu keiner Zeit ansieht, insbesondere in den zahlreichen, textilfreien Liebesszenen mit Fabio Testi, in denen sie sehr ungezwungen ihren makellosen Körper präsentiert. Die 1965 als Daniela Rachele Barnes in München als Tochter eines amerikanischen Schauspieler-Ehepaars geborene Wendel hat zu diesem Zeitpunkt schon einige Erfahrung im Filmgeschäft und mit Nacktszenen. Spielte sie doch 1977 die Hauptrolle in dem Skandalfilm „Maladolescenza – Spielen wir Liebe“. In „Strasse der Angst“ zeigt sie neben ihren körperlichen Reizen auch ihre schauspielerischen Fähigkeiten. Schließlich spielt sie ihre Figur – welche einige Jahre älter als sie selbst zu sein scheint – sehr souverän und glaubwürdig. Auch in den dramatischen Szenen verfällt sie nicht in eine übertriebene Darstellung, sondern verkörpert Schmerz und Zerrissenheit auf realistische Art und Weise. Demgegenüber wirkt Fabio Testi häufig etwas steif und verkrampft.

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Sobald sich Alemani in die geheimnisvolle Viva verliebt, und beide sehr schnell ein ungleiches Paar werden, verlässt der Film konsequent den Gangsterfilm-Pfad und begibt sich gänzlich ins Reich des Liebes-Drama. Dann erzählt „Strasse der Angst“ nur noch von dem Karrieremenschen, der für seine große Liebe alles aufgibt und sich im stetigen Kampf mit deren Vergangenheit befindet. Der mit ihrer Drogenabhängigkeit konfrontiert wird und trotzdem um sein großes Glück kämpft. Der seine Geliebte aber auch akzeptiert und gegen alle gesellschaftlichen Widerstände alles tut, um mit ihr an seiner Seite ein neues Leben zu beginnen. Das nimmt dann durchaus Züge einer Groschenroman-Romanze an. Mit der Optik von kitschigen 80er-Jahren-Pärchen-Postern, wie sie damals in zahlreichen Backfisch-Stuben hingen. Alemani und Viva lieben sich inbrünstig (was Frau Wendel zu einigen unverhüllte Szene verhilft, was ja durchaus seinen Reiz hat) und sind bereit, sich gegenseitig füreinander zu opfern. Aber erst am Ende schlägt das Schicksal, bzw. die Umstände wieder mit unerbittlicher Härte zu und verschafft Danilo Mattei zu einem wunderbar schmierigen Auftritt als ehemaliger Freund/Dealer/Zuhälter (?) der armen Viva. Fabrizio Lori gelingt es bei seinem Regie-Debüt dann zu guter Letzt doch noch, zusammen mit seiner Hauptdarstellerin ein optisch reizvolles und schön melancholisches Finale zu inszenieren, welches dem Publikum länger im Gedächtnis haften bleiben dürfte, als der kitschige Mittelteil des Filmes.

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Für Freunde des „Polizieschi“ dürfte „Strasse der Angst“ eine ziemliche Mogelpackung sein. Freunde des italienischen Films dürfen sich aber an der schönen Lara Wendel und Fabio Testi erfreuen. Nach einem vielversprechenden Beginn, gleitet der Film leider schnell in kitschige Bastei-Roman-Gefilde ab, fängt sich am Ende aber wieder und liefert zumindest ein gelungenes, dramatisches Finale.

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Das Bild dieser filmArt-DVD kann man ruhigen Gewissens als solide bezeichnen. Mehr war bei diesem eher unbekannten Film wohl auch nicht drin. Der deutsche und italienische Ton ist okay, die Synchronisation sehr gut. Neben dem deutschen Trailer, wurde noch die deutsche Kinofassung mit auf die Scheibe gepackt. Diese ist von daher sehr interessant, weil sie mit einem alternativen Ende aufwartet. Auffällig ist bei dieser Veröffentlichung, dass es erstmals kein Booklet gibt.

DVD-Rezension: „The Blackout“

Von , 24. Mai 2016 21:19

theblackoutDer drogen- und alkoholabhängige Hollywood-Star Matty (Matthew Modine) reist nach Miami, um dort seine Geliebten Annie (Beatrice Dalle) zu treffen. Als diese ihm gesteht, ihr gemeinsames Kind abgetrieben zu haben, rastet Matty aus, obwohl er derjenige war, der Annie dazu getrieben hat. Als Annie ihn daraufhin verlässt, schmeißt er immer mehr Drogen ein, bis er schließlich im Beisein seines Freundes Mickey Wayne (Dennis Hopper) einen Blackout erlebt. 18 Monate später hat Matty einen Entzug hinter sich und lebt mit seiner neuen Freundin Susan (Claudia Schiffer) zusammen. Doch ihn quält der Verdacht, dass er während seines Blackouts eine fürchterliche Tat begangen hat. Als Susan für einige Tage beruflich verreist, macht sich Matty auf den Weg nach Miami, um Antworten und seine geliebte Annie zu finden…

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Nach zwei gefloppten Filmen für ein großes Hollywood-Studio kehrte Abel Ferrara 1995 zu seinen Wurzeln zurück und produzierte einige kleine Low-Budget-Produktionen. Mit „The Addiction“ und „The Funeral“ drehte er hintereinander weg zwei Kultfilme. Damit kehrte er in den Schoß jener unabhängigen Kult-Filmemacher zurück, bei denen die bekannten Hollywood-Namen beim Casting Schlange stehen, um für schmales Geld etwas für ihr Prestige zu tun. Bei „The Blackout“ sind es neben Dennis Hopper (der allerdings nie besonders anspruchsvoll in seiner Filmauswahl war, Hauptsache der Scheck stimmte) und Matthew Modine, der hier gegen sein Saubermann-Image anspielt, die Französin Beatrice Dalle und das deutsche Supermodel Claudia Schiffer. Die Dalle spielt die verführerisch kaputte Annie mit solch einer natürlich-lasziven Leck-mich-Attitüde, dass man meint, sie förmlich Alkohol und Koks ausschwitzen zu sehen. Sie spielt nicht, sie ist. Modine ist zwar ebenfalls sehr überzeugend als unsympathische Riesenarschloch, welches sehenden Auges sein eigenes Leben rücksichtslos auf die Reise ins Klo schickt. Doch Modine „spielt“. Das macht er gut, aber er spielt. Modine kokst, säuft, schreit, greint, starrt mit einer gewissen Penetranz. Hautnah wird jede Sucht am Beispiel Mattys durch dekliniert: Drogen, Alkohol, Sex, Narzissmus. Einem wird schon beim Zuschauen schwindelig und man möchte dem wehleidig-egomanischen Popanz ebenso ins Gesicht schlagen, wie es die Dalle tut, als Matty ihr die vehement die Abtreibung ihres Kindes vorwirft, zu der er sie selber gezwungen hat.

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Neben der drogenverkleisterten Promiwelt Miamis, porträtiert Ferrera auch seine eigene Branche, die einem hier wie ein Höllenschlund voller egozentrischer Psychopathen vorkommt. Alle sind im Drogenrausch, hemmungslos Ich-fixiert und im besten Falle nur vollkommen verrückt. Möglicherweise hat Ferrara die von Dennis Hopper gespielte Figur des Mickey Wayne als eine Art Selbstportrait angelegt. Erlebt man Ferrara in Interviews und weiß um seine eigene „wilde“ Zeit, ist dies zwar nicht unbedingt schmeichelhaft, aber sehr wahrscheinlich. Mickey Wayne ist ein Puppenspieler in allen Bedeutungen des Wortes. Der Nachtclub-Besitzer wäre gerne Filmemacher, inszeniert eine wilde Videoproduktion, mit der er Émile Zola Romans „Nana“ in seinem Nachtclub mit viel nackter Haut und dampfenden Sex verfilmt. Irgendwann sitzt er dann mit dem vollkommen abgewrackten Matty in einem Hotelzimmer und nimmt mit seiner allgegenwärtigen Videokamera zwei silikonverstärkte „Eskortdamen“ bei lesbischen Liebesspielen auf. Ganz im Sucher seiner kleinen Videokamera gefangen, beobachtend, inszenierend, ohne selber wirklich aktiv zu werden. Ein voyeuristischer Kontrollfreak. Leider spielt Hopper ihn in jenem stereotypen „Frank-Booth“-Stil, den er in den 90ern kultiviert hatte, und der mittlerweile wie ein Parodie auf seine Paraderolle wirkt.

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Die Einbindung der Dreharbeiten zu Mickey Waynes merkwürdigen „Nana“-Verfilmung nutzt Ferrea zu allerlei technischen Spielereien. Er mischt Film und Digitalook, kreiert damit visuell zwei Ebenen, um dann Film und Film-im-Film zu verwischen. Er spielt mit Überblendungen, kräftigen Farben und körnigem, ausgebleicht wirkendem Material, um die verschiedenen Stimmungen, dramatischen Ereignisse und vor allem das Innere seines zwischen Rausch und Kater, aufgekratzter Euphorie und depressiver Verzweiflung, plakativ dargestellter Selbstsicherheit und vor Selbstmitleid triefender Weinerlichkeit schwankenden Protagonisten zu illustrieren. Zusammen mit dem kongenialen Soundtrack beweist Ferrara hier seine technische und kreative Meisterschaft. Die Figuren bleiben einem dabei aber weiter fremd und zutiefst zuwider. Nur die klinisch reine Claudia Schiffer in ihrem Spielfilmdebüt, und natürlich die wunderbare Sarah Lassez können etwas Wärme und Menschlichkeit einbringen. Der Rest lässt sich ständig um sich selbst kreisend durch den Rausch der Partynächte in Miami treiben.

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Abel Ferrara verarbeitet in „The Blackout“ Themen, die ihn seine ganze Karriere begleiten. Die Korruption der Seele, die Leere eines oberflächlichen Lebens und der verzweifelte Versuch, diese mit Drogen, Sex und Selbstquälerei zu füllen. Matty ist darin dem „Bad Lieutenant“ nicht unähnlich, ohne allerdings dessen seelische Zerrissenheit zu transportieren. Bei Matty hat man eher das Gefühl, dass ihn allein seine grenzenlose Egozentrik in seine Lage gebracht hat. Technisch und stilistisch wie immer brillant von Ferrara inszeniert, krankt der Film als ernst gemeintes Psycho-Drama dann auch an seiner hohlen Hauptfigur. Wenn man ihn allerdings als bitterböse, sarkastische Abrechnung mit den aufgeblasenen Egos einiger Hollywood-Stars versteht, funktioniert er wiederum recht gut.

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Der Film ist als Nummer 4 in der CineSelection des Labels filmArt erschienen. Das Bild – soweit man dies anhand der vielen unterschiedlichen Materialien und Techniken beurteilen kann, ist sehr gut geworden. Auch der Stereo-Ton ist sowohl in der Original-, wie auch in der Synchron-Fassung sehr sauber und gut zu verstehen. Das Bonusmaterial besteht aus einer 4:3 Open Matte-Fassung und einem 12seitigen Booklet von Marcus Stiglegger, der weniger auf „The Blackout“ als solches eingeht, sondern vielmehr interessante Aspekte über die zentralen Motive im Werk Abel Ferraras hervorhebt. Sehr interessant.

DVD-Rezension: „Die weisse Mafia“

Von , 19. April 2016 17:30

weissemafiaProfessor Daniele Vallotti (Gabriele Ferzetti) gehört zu den angesehensten und reichsten Medizinern des Landes. In seiner Klinik sind nicht nur die Reichen und Schönen Kunden, sondern auch arme Arbeiter, die sich eine Behandlung nicht leisten können. Dass Vallotti sie trotzdem für wenig Geld behandelt, nährt seinen Ruf, der beinahe schon dem eines Heiligen gleicht. Tatsächlich aber bedient sich Vallotti skrupelloser Methoden, um Reputation und Vermögen zu mehren. Da werden todkranke Patienten kurzfristig „gesundgespritzt“ und entlassen, damit sie nicht in der Klinik sterben. Bereitwillig lässt er sich von zwielichtigen Pharmafirmen gefährliche Medikamente unterschieben, Kunstfehler seiner minderbegabten „Professoren“ führen immer wieder zu vermeidbaren Todesfällen. Lediglich sein alkoholkranker Mitarbeiter Dr. Giordani (Enrico Maria Salerno) und die Krankenschwester Maria (Senta Berger) versuchen die Patienten vor den Machenschaften Vallottis zu schützen. Doch auch sie scheinen auf verlorenem Posten zu stehen…

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Nein, Menschen mit einer ausgeprägten Krankenhaus- oder Ärztephobie sollte man „Die weisse Mafia“ sicherlich nicht empfehlen. Die Situation ist ja auch schon albtraumhaft genug. Sich und sein Leben einem wildfremden Menschen auszuliefern und darauf vertrauen, dass er sein Handwerk schon beherrschen wird. Und dabei möglichst erfolgreich verdrängen, dass einem bei einfachen, tausendfache durchgeführten Tätigkeiten auf der Arbeit auch schon mal der eine oder andere Schnitzer unterlaufen kann, wenn man die Nacht zuvor zu lange unterwegs war, Ärger mit der besseren Hälfte hat oder einfach der Kaffee ungenießbar war. In „Die weisse Mafia“ kommt es immer wieder zu solchen Situationen,in denen sich Menschen voller Vertrauen in die Hände der Halbgötter in weiß begeben und nie wieder aus der Narkose aufwachen. Weil es eben wichtiger war, das Telefonat des Anwalts entgegenzunehmen, statt des berühmten Professors eben doch nur ungeschickte Arzt aus der zweiten Reihe operiert oder das lebenswichtige Gerät für einen schmutzigen Deal verhökert wurde. Nein, Menschen mit einer ausgeprägten Krankenhaus- oder Ärztephobie sollten von „Die weisse Mafia“ wahrlich Abstand nehmen.

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Allen Anderen sei Luigi Zampa 1973 entstandenes Werk aber sehr ans Herz gelegt. Gelingt Zampa doch seine wütende Anklage gegen das Krankenhaussystem in Italien mit einer überaus spannenden Handlung zu verbinden, die sich ganz um die dreckigen Geschäfte der „weissen Barone“ dreht. Jene etablierten, satten Ärzte, denen das Wohl der Patienten ganz egal ist, solange die Kasse stimmt. Die, welche versuchen, mittels Intrigen ihre Macht und ihr Reichtum zu vergrößern und dabei im wahrsten Sinne des Wortes über Leichen gehen. Um den Film vollends genießen zu können, lohnt es sich vorab das informative Booklet von Udo Rotenberg (dessen wundervollen Blog L’amore in città ich hier schon häufiger empfohlen habe) zu lesen, da er hier einige Information zum italienischen Gesundheitssystem der frühen 70er Jahre gibt. So gab es damals kein staatliches Gesundheitssystem, und die Ärzte wurden von den Patienten direkt bezahlt. Wodurch ein harter Verdrängungswettbewerb, um besonders gut versicherte Patienten begann. Ferner blockierten sie die jungen Absolventen der Universitäten, damit diese keine Chancen erhielten, um den reichen „Baronen“ die Pfründe streitig zu machen. Vor diesem Hintergrund spielt der Film „Die weisse Mafia“, dessen Titel nicht besser gewählt sein könnte.

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Getragen wird der Film von zwei fantastischen Schauspielern. Enrico Maria Salerno ist einer der heute völlig zu unrecht eher unbekannten Protagonisten des italienischen Films und Anfang der 70er das Gesicht des italienischen Polizeifilms, des Poliziotteschi. Hier gab er den alten, zynischen und doch in einer kaputten Welt noch immer aufrechten Polizisten, der sich gegen allen Widerstände und im Wissen, dass sein Einsatz am Ende wahrscheinlich nichts nutzen wird, gegen den Sumpf auflehnt. Sein Dr. Giordani ist eine ähnliche Gestalt. Die Korruption und Menschenverachtung um ihn herum, hat ihn zum zynischen Alkoholiker werden lassen. Von seinen Kollegen wird gemieden, bestenfalls belächelt. Zum Professor hat er es aufgrund seiner permanenten Auflehnung nicht geschafft. Auch weil er ständig die Krankenhäuser wechselte, in der immer wieder betrogenen Hoffnung, dass es am nächsten Arbeitsplatz besser sein würde. So muss er zusehen, wie weitaus weniger talentierte Ärzte zu Professoren gemacht werden. Stümper, die ihre Seele verkauft haben. Da bleibt dann nur die Flasche und die kleine Freude, wenn er den Mächtigen mal ans Bein pinkeln kann. All dies spiegelt sich in Salernos grauem, resignierten, angeekeltem Gesicht.

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Hauptdarsteller Gabriele Ferzetti gelingt das fast das fast Unmögliche. Einem Schauspieler wie Salerno, noch die Show zu stehlen. Sein Professor Vallotti ist eine der eindrucksvollsten Figuren, die ich in letzter Zeit gesehen habe. Ein Täuscher und Blender. Stets gut gelaunt, einschmeichelnd und sympathisch. Der gute Onkel, dem man sein Kind anvertrauen würde. Was einige seiner Patienten dann auch wirklich tun, nicht immer mit glücklichem Ausgang. Vallotti ist so einnehmend, dass man ihn gar nicht zutrauen möchte, tief im Inneren eine solch selbstverliebter Egozentriker zu sein. Man atmet förmlich auf, wenn er seinen reichen, unsympathischen Patienten noch mal eine Million Lira mehr auf die Rechnung haut, um diese dann bei einer armen Familie wieder abzieht. Oder wenn er sich für eine Reform des Gesundheitssystems stark macht oder mit seinem Sohn herum tobt. Doch all dies trügt. Wie jeder Egozentriker, ist er auch getrieben von der Sucht geliebt zu werden. Jeder Gott braucht eben Gläubige, die ihn anbeten. In dieser Mischung aus mitreißender Persönlichkeit und gleichzeitig krankhafter Ich-Fixierung gleicht er sicherlich dem einen oder anderen Vorgesetzten aus der freien Wirtschaft. Ich kenne solche Menschen (leider) zu genüge.

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In einer Nebenrolle als Nonne, die in Vallottis Hopital als Krankenschwester arbeitet, ist die wunderschöne Senta Berger zu sehen. Bis zur Hälfte des Filmes gibt sie einen kongenialen Partner zu Salernos skeptischen Dr. Giordani. Es gibt wunderbare Szenen, in denen sie sich Blicke zuwerfen, die in vollkommener Übereinstimmung sagen: „Ja, ich sehe diesen Mist hier aus. Das darf so nicht weitergehen“. Gerade, dass sie gleichberechtigte Partner sind, die beide ihren Ekel und ihre Frustration nur mühsam verstecken können, macht diese Paarung so stark. Leider entschloss sich Zampa dann eine überflüssige Szene einzubauen, in der sich beide ihre Liebe gestehen und über die Unmöglichkeit dieser Liebe trauern. Dies nutzt Zampa zwar um den Charakter des Dr. Giordani tiefer zu beleuchten und zu erklären, doch hat auch zur Folge, dass die starke, professionelle Bindung der beiden in die Brüche geht und Senta Berger danach nur noch sporadisch auftritt und ihre Schwester Maria für die weitere Handlung keine Rolle mehr spielt. Eine bedauerliche Entscheidung. Hier hätte man auch andere Wege beschreiten können.

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Der ehemalige Neorealist Lugio Zampo prangert in „Die weisse Mafia“ kraftvoll und wütend die Missstände im italienischen Gesundheitssystem der frühen 70er Jahre an. Seine leidenschaftliche Anklage bindet er in eine spannende und großartige gespielte Geschichte ein, in der neben dem wie immer wundervollen Enrico Maria Salerno vor allem der großartige Gabriele Ferzetti als charismatischer Antagonist glänzen kann.

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Die Bildqualität dieser DVD aus dem Hause filmArt zeigt zwar recht deutlich, dass das vorhandene Material nicht das Frischeste war, doch es wurde ein Optimum herausgeholt und der manchmal etwas körnige Look passt hervorragend zu der grimmig-realistischen Geschichte. Der deutsche Ton klingt klingt im Vergleich zur italienische Originalfassung (die selbstverständlich mit guten deutschen Untertiteln genossen werden kann) manchmal etwas dünn, ist der ebenfalls enthaltenen englischen Synchronisation aber überlegen. Extras gibt es bis auf einen Trailer leider keine, dafür liegt das bereits im Text oben erwähnte Booklet von Udo Rotenberg bei, welches nicht nur gut geschrieben, sondern auch im höchsten Masse informativ ist.

Blu-ray-Rezension: “Der gnadenlose Vollstrecker”

Von , 22. Januar 2016 19:23

gnvollstreckerAus der Schatzkammer der Mandschu-Kaiserin wird eine stattliche Summe Gold gestohlen. Die Kaiserin gibt dem Befehlshaber der Garden 10 Tage Zeit, das Gold wiederzubeschaffen. Dieser gibt den Auftrag an seinen besten Mann weiter. Leng Tian-Ying (Chen Kuan Tai), wird auch „der Blutige“ genannt, da er keine Gefangenen macht und auch nicht davor zurückschreckt, Unbewaffnete förmlich zu exekutieren. Leng sammelt fünf seiner treusten Gefolgsleute um sich und macht sich auf den Weg, die Diebe zu bestrafen und das Gold zurückzuholen. Doch die Männer geraten immer wieder in Hinterhalte und so schrumpft Lengs kleine Truppe recht schnell. Schließlich wird Leng vom Anführer der Diebe, Fang Feng-Jia (Ku Feng), eine tödliche Falle gestellt…

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Über den Film „Der gnadenlose Vollstrecker“ lass ich erstmals im Jahre 2000 in der zweiten und leider auch letzten Ausgabe des großartige Fanzine „Absurd 3000“, welches meinen Filmgeschmack und -verständnis vielleicht sogar noch mehr prägte, als die legendäre „Splatting Image“. In einem langen Artikel stellte Hagen Weiss damals den Regisseur Chih-Hung Kuei (alias Gui Zhihong) vor. Chih-Hung Kuei ist einer der aufregendsten (wenn auch leider bis heute unbekannteren) Regisseure der Shaw Brothers Studios. „Der gnadenlose Vollstrecker“ ist sein einziger Film, der dem Genre des Schwertkampf-Films zugeordnet werden kann. Seine anderen Filme, wie der großartige „The Tea House“ und sein Nachfolger „Big Brother Cheng“ (beide ebenfalls mit Chen Kuan Tai) und seine wilden Horrorfilme, wie„Killer Snakes“ oder „The Boxer’s Omen“, harren hierzulande noch einer Veröffentlichung. Auch im Women-in-Prison-Genre hinterließ Chih-Hung Kuei mit seinem berüchtigten „Das Bambuscamp der Frauen“ viel Eindruck und zusammen mit Ernst Hofbauer war er für den Schulmädchen-meets-Kung-Fu-Mash-Up „Karate, Küsse, blonde Katzen“ zuständig. „Der gnadenlose Vollstrecker“ ist ein Remake des 11 Jahre vorher entstanden „Invincible Fist“, den Chang Che mit Lo Lieh und David Chiang in den Hauptrollen inszenierte. Es soll sogar ein Jahr vor dem „Gnadenlosen Vollstrecker“ eine billige Taiwan-Version des Stoffes gegeben haben, welche sich „Demon Strike“ nannte und in der – wie im „Gnadenlosen Vollstrecker“ – Jason Pai Piao mitspielt.

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Chih-Hung Kueis „Der gnadenlose Vollstrecker“ unterscheidet sich deutlich von den Schlacht-Epen, die ein Chang Cheh inszenierte. Aber auch den wunderbaren, surreal-künstlichen Traumwelten eines Yuen Chor oder den eher realistischen angehauchten Shaolin-Filmen eines Chia-Liang Liu steht „Der gnadenlose Vollstrecker“ nicht besonders nah. Er entstand in einer späten Phase in der Geschichte der Shaw Brothers Studios. Erst 1980 kam er in die Kinos, oder sollte man sagen „bereits“? Denn tatsächlich wirkt er seiner Zeit gute 10 Jahre voraus und erinnert stärker an das Hongkong-Kino der frühen 90er, als an die Hochphase der Shaw Brothers Produktionen in den 70ern. Und er ist einer der besten Werke aus Hongkongs Fließbandschmiede. Im Vergleich zu den unterhaltsamen, aber häufig eher eindimensionalen Geschichten dieser Filme, wartet „Der gnadenlose Vollstrecker“ mit einer düsteren Komplexität auf, die man nicht unbedingt erwartet.

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Hier verschwimmen drastisch wie selten die Grenzen zwischen Gut und Böse. Während beispielsweise die Mandschu in den Filmen aus Hongkong fast immer die Rolle der Bösewichte einnahmen, repräsentieren sie hier die nominalen Helden, während die chinesische Bevölkerung auf der anderen Seite des Gesetztes steht. Doch dies ist nur die gelernte Perspektive des Zuschauers, weil der Film aus Sicht unsere Protagonisten erzählt wird und diese eben auf der Seite der Mandschu stehen. Man könnte die Geschichte des Films auch problemlos umdrehen und dann würden aus den „bösen“ chinesischen Räubern plötzlich heldenhafte Freiheitskämpfer. In einer Szene reiten die Mandschu-Beamten durch ein Dorf und müssen dort all das Elend der chinesischen Bevölkerung sehen: Die hungernden Kinder und ausgemergelten Alten in ihren Lumpen. Das Grauen des Mandschu-Regimes, die Saat, die die „Verbrecher“ zu ihrem Raub getrieben hat. Dies verleitet einen der Beamten dazu, Mitleid für die Opfer der Mandschu-Herrschaft zu empfinden. Doch Chi Hung Kweis Welt ist ebenso gnadenlos wie der „Vollstrecker“. Mitleid ist hier keine Stärke, sondern eine Schwäche, die direkt zu einem qualvollen Tode führt. Denn an beiden Fronten stehen Männer, die sich selbst im Recht sehen und kein Mitgefühl gegenüber dem Gegner walten lassen.

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„Der gnadenlose Vollstrecker“ ist dann auch einer der finstersten, pessimistischsten und brutalsten Filme, die je unter dem Banner, der generell nicht geraden zimperlichen Shaw Brothers, entstanden sind. Insbesondere die Brutalität wirkt noch heute sehr viel direkter und schmerzhafter als das durchchoreographierte Blut-Ballett, das man aus Hongkong in den 70er Jahren gewohnt war. Sie ist näher am japanischen Samurai-Film als dem chinesischen Martial-Arts-Kino. Was vermutlich auch an dem japanischen Action Koordinator Yasuhiro Shikamura liegt, der häufig mit Chi Hung Kwei zusammenarbeitete. Die Kämpfe sind kurz, heftig und von einer enormen Intensität. Doch nicht nur die zahlreich durch die Luft wirbelnde, abgetrennte Gliedmaßen und meterhohen Blutfontänen lassen aufmerken. Auch Szenen in denen sich die Kontrahenten durch lodernde Feuer wälzen und langsam bei lebendigem Leibe verbrennen, lassen einen sich die Augen reiben. Selbst wenn man bei genauerem Hinsehen die feuerfesten Schutzanzüge erahnen kann, wirken diese Szenen sehr schmerzvoll. Aber nicht nur physische Gewalt macht den Film so brutal. Die Bilder der hungernden und dahinvegetierenden Bevölkerung oder der rücksichtslose Umgang der „Helden“ mit den Verdächtigen und die qualvollen Tode der vergifteten Opfer sind Stoff, aus dem Albträume sind.

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Unterstützt wird die finstere Geschichte um Pflichtbewusstsein, Ehre, Habgier und Verzweiflung durch eine außergewöhnliche Fotografie, deren Wurzeln in den italienischen „gothic horror“-Filmen zu liegen scheint. Oftmals ist das Bild durchdrungen von kräftigen roten und grünen Farben, ausdrucksstarkem Licht und Schatten. Zum Ende hin, wird die Handlung in ein nebeldurchzogene, regnerisches Sumpflandschaft verlegt, aus der die Toten emporzusteigen scheinen. Besonders im Gedächtnis bleibt die Szene, in welcher „der Blutige“ Leng Tian-Ying und sein Kontrahent Fang Feng-Jia in dessen Hütte aufeinandertreffen. Im Beisein von Fangs blinden Tochter, die beiden Tee serviert, tun sie so, als wären sie gute Freude, obwohl sie sich mit gezogenen Waffen gegenüberstehen, und die Situation jederzeit zu eskalieren droht. Obwohl dies so auch in dem Original „Invincible Fist“ vorkam, kann man von der ganzen Stimmung und dem set up vermuten, dass John Woo gerade diese Szene als Vorbild für die beinahe identische Einstellung in „The Killer“ nutzte.

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Einer der besten und noch immer modern wirkenden Filme aus dem goldenen Shaw Brothers Zeitalter. Chih-Hung Kuei ist ein außerordentlicher Regisseur, den es hierzulande noch zu entdecken gilt. Visuell aufregend, brutal und zutiefst nihilistisch, sticht „Der gnadenlose Vollstrecker“ weit aus der Masse der unzähligen Shaw Brothers Produktionen hervor.

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Auch in der Shaw Brothers Collector’s Edition des Hauses fimArt ist „Der gnadenlose Vollstrecker“ ein Highlight. Wie die anderen Filme der Reihe auch, ist „Der gnadenlose Vollstrecker“ als Blu-ray/DVD-Combo erschienen. Das Bild ist wie gehabt sehr gut, auch wenn ihm – bedingt durch das Anfang der 80er verwendete Filmmaterial – die beinahe plastische Schärfe der 70er Jahre Produktionen teilweise fehlt. Doch Farben und Schwarztöne können absolut überzeugen. Der deutsche Ton hat ein ganz dezentes Rauschen, der Mandarin-Ton ist klarer, dafür aber auch steriler. Der Film war in seiner alten deutschen Kino- und Videofassung um 9 Minuten gekürzt, die fehlenden Stellen sind hier wieder da und im Original mit ausblendbaren deutschen Untertiteln belassen. Zusätzlich ist noch eine isolierte Musik und Toneffekt-Spur auf Basis der Mandarin-Fassung beziehtdabei. Als Extras gibt es neben den deutschen und chinesischen Trailer noch eine Bildergalerie, sowie ein 12-seitiges Booklet mit den deutschen Aushangfotos und Werberatschlägen.

DVD-Rezension: „Die Todeshand des schwarzen Panthers“

Von , 22. Dezember 2015 20:37

todeshandpantherYuen Hsiao Liang (Kuan Tai Chen) reist nach Shanghai, um dort seinen Patenonkel, den Gangsterkönig Fan Chi Yu, zu besuchen. Gleich nach seiner Ankunft wird Yuen Hsiao Liang Zeuge eines brutalen Mordes. Ein Mann wird vor seinen Augen mit einer Axt umgebracht. Wie es sich herausstellt, war das Opfer Fan Chi Yu und Yuen Hsiao Liang gilt plötzlich als Hauptverdächtiger. Nur knapp kann sich Yuen Hsiao Liang von den Vorwürfen befreien und kündigt an, sich auf die Suche nach dem Mörder seines Onkels zu machen. Doch immer, wenn Yuen Hsiao Liang bei seinen Ermittlungen einen Schritt weiter kommt, fällt ein weiterer Verdächtiger dem geheimnisvollen Axtmörder zum Opfer…

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Taiwan war lange Zeit für die großen und kleinen Hongkong-Studios der Ort, wo sie preisgünstige Produktionen auf die Beine stellen konnten. Zudem hatte man in Taiwan den Vorteil, im Gegensatz zum doch räumlich arg begrenzten und zugebauten Hongkong, die weiten Landschaften für eindrucksvolle Außenaufnahmen verwenden zu können. Wang Yu drehte hier, Jackie Chan wurde hier von Lo Wei immer wieder in Filmen eingesetzt, die ihn als Bruce-Lee-Nachfolger aufbauen sollten und viele der heute fast vergessenen Billig-Klopper für die unersättliche Bahnhofskino- und spätere Videothekenwaren wurde hier hergestellt. Vor allem unbekanntere Regisseure konnten sich hier ihre ersten Sporen verdienen. Unbekannt war Hsueh Li Pao nicht gerade, da er zuvor dem großen Chang Che bei Filmen wie „Die sieben Schläge des gelben Drachen“, „Der Pirat von Shantung“ oder dessen ebenfalls kürzlich erschienenen Quasi-Fortsetzung „Die Mann mit der Tigerpranke“ als Co-Regisseur zur Verfügung stand. Daher kannte er auch Shaw-Brothers-Superstar Kuan Tai Chen, mit dem er auch für die Shaw Brothers einige Filme in Eigenregie gedreht hatte, bevor sie 1977 nach Taiwan gingen, um für eine kleine Produktionsgesellschaft „Die Todeshand des schwarzen Panthers“ zu drehen.

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„Die Todeshand des schwarzen Panthers“ wurde von Shu Mei Chin geschrieben, einer der wenigen Drehbuchautorinnen, die sich Genrekino aus Hongkong der 70ern durchsetzen konnte. Shu Mei Chin war auch für einige Shaw-Brothers-Produktionen verantwortlich und arbeitete häufig mit Hsueh Li Pao zusammen, mit dem sie einigen Quellen nach auch verheiratet war. In „Die Todeshand des schwarzen Panthers“ strickt er aus vielen verschiedene Fäden einen bunten Pulli, doch von Zeit zu Zeit scheint er die eine oder andere Masche zu verlieren. Die im Grunde recht simple Detektiv-Geschichte wird durch eine Vielzahl von Charakteren und Drehbuchwendungen unnötig verkompliziert. Da die Namen der unzähligen Haupt- und Nebenfiguren für die ungeübten westlichen Ohren alle sehr ähnlich klingen, fällt es sehr schwer, bei den vielen Dialogen den Überblick zu behalten. Dabei ist die Prämisse eines geheimnisvollen Fremden, der Stück für Stück einen Mordfall lösen will und dabei in ein Wespennest aus Intrigen stößt, sehr reizvoll. Zunächst erinnert der von Kuan Tai Chen gespielte Held Yuen Hsiao Ling mit seinem schwarzen Mantel und breitkrempigen Hut an die klassische Figur des Privatdetektivs, doch dieser nette Ansatz wird recht schnell aufgegeben.

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Da das Drehbuch mit seinen vielen Handlungsfäden und den unter einer hohen Mortalitätsrate leidenden Figuren es dem Zuschauer nicht einfach macht, der sich immer wieder windenden Handlung zu folgen, kann sich dieser auch zurücklehnen, die Geschichte Geschichte sein lassen und sich ganz auf die actionreiche Inszenierung und bunten Kulissen konzentrieren. Die von Mu Chuan Chen choreographierten Kämpfen sind sehr brutal und blutig in Szene gesetzt. Wobei gerade die favorisierte Waffe des geheimnisvollen Mörders, eine Axt, dafür sorgt, dass das Blut reichlich fließt. Überraschend ist gerade am Ende die gnadenlose Härte, mit der gegen unschuldige Frauen vorgegangen wird. Vielleicht landete der Film aus diesem Grunde 1984 auf dem Index. Generell verstört die mitleidlose Art und Weise, wie der Film mit seinen Figuren umspringt. Da wird selbst eine als lustige Sympathieträger aufgebaute Figuren skrupellos über die Klinge springen gelassen oder eine positiv gezeichnete Figur stellt seine Prinzipien störrisch über das leibliche Wohl seiner Tochter und sieht scheinbar ungerührt ihrer Verstümmlung zu. Harter Tobak, den man so anfangs nicht erwartet hätte.

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Am Besten fährt man mit „Die Todeshand des schwarzen Panthers“, indem man gar nicht erst versucht, der sich in unzähligen Wendungen verirrenden und mit seiner Überzahl an Figuren schwer durchschaubaren Geschichte zu folgen, sondern sich ganz auf die Schauwerte konzentriert. Diese sind sehr solide, überraschend brutal und mitleidslos in Szene gesetzt.

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FilmArt veröffentlicht den bereits bei einigen Billiglabels herausgekommenen Film ungeschnitten und im originalen Breitwand-Format veröffentlicht. Leider stand dafür keine wirklich gut erhaltenen Kopie zu Verfügung. Das verwendete Bildmaterial erweckt wirklich starke Assoziationen mit dem Bahnhofskinoprogramm für das er einst gedacht war. Die Kopie wimmelt nur so vor Laufstreifen und Verschmutzungen. Besonders den rechten Bildabschnitt scheint es ziemlich schlimm erwischt zu haben. Aus dem vorhandenen Ausgangsmaterial wurde dann das Beste gemacht, für Freunde glasklarer Restaurierungen ist die vorliegende DVD aber sicherlich nicht akzeptabel, für Grindhouse-Nostalgiker aber wohl ein Traum. Wer sich zwischen diesen beiden Polen befindet, muss sich selber eine Meinung bilden. Auch die deutsche Tonspur passt sich dem Bild an, ist aber trotzdem gut verständlich. Im Gegensatz zur ebenfalls beigefügten englischen Variante. Als Extras gibt es den deutschen Trailer, den US-Trailer und dem zuvor nicht erhältlichen deutsche Kinotrailer „Jen Ko – In seinen Fäusten brennt die Rache“. Im 12-seitiges Booklet fehlt der Name des Verfassers, die dort verbreiteten Informationen sind durchaus interessant, auch wenn der zwischen gewollt seriös und kumpelhaft pendelnde Stil nicht so meins ist.

Blu-ray-Rezension: „Die Mörderklinik“

Von , 18. Dezember 2015 11:39

moerderklinikDie junge Krankenschwester Mary (Barbara Wilson) hat eine Stelle in der Nervenheilanstalt des Dr. Robert Vance (William Berger) angenommen. Bald schon stellt sie fest, dass einige Patientinnen auf geheimnisvolle Weise verschwinden. Sie ahnt allerdings nicht, das sich ein vermummter Killer im alten Gemäuer herumtreibt, der seine Opfer mit einem Rasiermesser tötet. Wer könnte der Mörder sein und was hat die unheimlich Gestalt damit zu tun, die auf dem Dachboden der Klinik haust?

Anmerkung: Alle Screenshots stammen von der DVD, nicht der Blu-ray.

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1966 steckte das Genre des Giallo noch in seinen Kinderschuhen. Wobei dies allerdings nur für die Definition von Giallo stimmt, die später jene Filme charakterisierten, welche im Gefolge des großen Erfolges von Dario Argentos Regiedebüt „Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe“ auf den Markt kamen. Eigentlich bezeichnet der Begriff „Giallo“ ganz normal einen Krimi. Einer, dessen Werke in Italien früh in den charakteristischen Büchern mit den gelben („giallo“) Umschlägen erschien, war beispielsweise Edgar Wallace. Und die deutschen Verfilmungen seiner Bücher werden ja auch oftmals als eine Wurzel des Giallo-Genres genannt. Elio Scardamaglias „Die Mörderklinik“ fühlt sich wie eine wilde Mixtur aus eben jenen „Gruselkrimis“ ala Wallace (das Setting in einer Irrenanstalt, der vermummte Mörder, die unschuldige Heldin, das Zehn-kleine-Negerlei-Prinzip) und einer britischen Hammer-Produktion (das Kostümdrama aus dem 19. Jahrhundert, der Wald, die Kutsche, das Monster auf dem Dachboden und ebenfalls der Irrenhaus-Schauplatz) an. Entfernt man aber die „Gothic horror“-Elemente, bleibt tatsächlich ein ziemlich lupenreiner Giallo nach moderner Definition übrig.

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Regisseur Elio Scardamaglia firmiert hier unter dem englischen Namen Michael Hamilton. Zwei der Darstellerinnen haben ebenfalls englische Namen, sollen aber laut IMDb lediglich in diesem einen Film mitgespielt haben. Dies deutet stark darauf hin, dass es sich bei „Mary Young“ und „Barbara Wilson“ um englische Pseudonyme zweier italienischer oder französischer Schauspielerinnen handelt. Leider konnte ich nicht herausfinden, wer sich dahinter verbirgt, da sowohl im Internet als auch in einschlägiger Literatur nur die beiden englischen Namen auftauchen. Für Scardamaglia war dies aber tatsächlich der einzige Film, bei dem er Regie führte. Und es war überraschenderweise auch der einzige Giallo, bei dem er involviert war. Von Hause aus war Elio Scardamaglia als Produzent von Sandalenfilmen und Italowestern, in späteren Jahren auch einiger Bud-Spencer-Solo-Filme aktiv. Für seinen einzigen Versuch auf dem Regiestuhl schlägt sich Scardamaglia aber sehr wacker. In einigen Szenen – wie beispielsweise jene, in der Gisèle de Brantome Dr. Vance in einer Höhle bei der Beseitigung eines Leichnams beobachtet, gelingt es ihm sogar, an die Filme des großen Mario Bava zu erinnern. Ansonsten ist bei seiner Inszenierung eine merkwürdige Tendenz zu beobachten, dass sich Figuren nur sehr selten direkt ansprechen, sondern sich beim Dialog voneinander ab- und der Kamera zu wenden, als ob sie auf einer Theaterbühne ins Publikum sprechen würden. Vielleicht wollte Scardamaglia damit einen dramatischen Effekt erzeugen, sorgt mit dieser Marotte aber eher für Irritationen.

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Im Gegensatz zu Elio Scardamaglia sollten die beiden Drehbuchautoren noch eine zentrale Rolle für die Entwicklung des Giallo – so wie wir ihn heute kennen – spielen. Angeblich adaptierten sie für ihr Drehbuch den Roman „The Knife in the Body“ eines gewissen Robert Williams. Da sich allerdings nirgendwo Spuren dieses Schriftstellers, geschweige denn des Buches, finden lassen, kann man dies sicherlich in das Reich der Fabeln verweisen. Wahrscheinlich ist die Geschichte für „Die Mörderklinik“ also ganz alleine Ernesto Gastaldi und Luciano Martino eingefallen. Gastaldi ist dann auch derjenige, der das Giallo-Genre in den 70er fast im Alleingang zur Blüte brachte. Nachdem er bei vielen wichtigen Italo-Western das Drehbuch beisteuerte, schrieb er für den dann als Produzenten tätigen Luciano Martino und dessen Bruder Sergio einige der schönsten Gialli überhaupt, wie beispielsweise „Der Killer von Wien“ oder „Die Farben der Nacht“. Danach wandte er sich dem Polizieschi zu, wo er ebenfalls zahlreiche Meisterwerke, hauptsächlich für Umberto Lenzi, schrieb. In den 80ern war er dann an einigen italienischen Endzeitfilm beteiligt, bevor er sich 1998 aus dem Filmgeschäft zurückzog. Sieht man sich Gastaldis spätere Giallo-Arbeiten an, so kann man in „Die Mörderklinik“ schon einige wiederkehrende Muster erkennen. So steht bei ihm in den meisten Fällen eine „unschuldige“ Frau im Mittelpunkt, die zum Spielball finsterer Intrigen wird und sich in den undurchschaubaren und höchst verdächtigen Hauptdarsteller verliebt. Eine „klassische“ Detektivgeschichte, in der jemand versuchen muss den Fall zu lösen, wie sie bei Argento im Zentrum steht, gibt es bei ihm nur selten.

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Der undurchschaubare und höchst verdächtige Hauptdarsteller ist in diesem Falle William Berger. Der Österreicher Berger war über den Umweg US-Fernsehen im Jahre 1965 nach Italien gekommen und „Die Mörderklinik“ gehörte zu seinen ersten großen Rollen dort. Danach sollte er zunächst einmal hauptsächlich im Italo-Western tätig sein. Berger ist die perfekte Wahl für den verzweifelten, viktorianischen Arzt mit dunklem Geheimnis. Er spielt die Rolle zwar etwas steif und gleichzeitig distinguiert kühl, doch man spürt seine unterdrückte Leidenschaft. Auch die Französin Françoise Prévost macht als böse und berechnende Gisèle de Brantome eine guten Eindruck. Daneben fallen die restlichen Darsteller ab. Gerade „Barbara Wilson“ Heldin Mary bleibt höchst blass und auch „Mary Young“ als immer in Schwarz gekleidete Ehefrau des Arztes kann kein wirkliches Charisma entwickeln. Erschwerend kommt hinzu, dass der Film recht vorhersehbar ist und man den Täter von Anfang an erahnen kann. Nichtsdestotrotz verströmt der Film eine gemütliche Gediegenheit und altmodischen Flair, der ihn zu einem sympathischen Vertreter der typischen 60er Jahre Horrorfilme bzw. Gruselkrimis macht.

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Mit seinem einzigen Film als Regisseur hat der erfolgreiche Produzent Elio Scardamaglia vieles richtig gemacht und mit seinen beiden Drehbuchautoren einen gediegenen Gruselkrimi erschaffen, der schon einige Muster der höchst erfolgreichen Gialli beinhaltet, die Ernesto Gastaldi und Luciano Martino später zusammen mit Sergio Martino schaffen sollten.

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Mit „Die Mörderklinik“ liegt nun schon die Nummer 7 der filmArt-Giallo-Reihe vor. Grundlage scheint eine 35mm-Kopie aus dem Fundus des Nürnberger KommKinos zu sein. Diese war in einem eher schlechten Zustand, wie man an der unrestaurierten Fassung sehen kann, die dem Film als Bonus beigefügt wurde. Sieht man das Resultat nach der Restaurierung kann man nur staunen, was alles aus dem Bild rausgeholt wurde. Da ist es nur ärgerlich, dass ein paar schwarze Lauffäden nicht entfernt wurden, die eigentlich nicht auffallen würden, würden sie sich nicht so häufig bei Großaufnahmen über die hellen Gesichter der Figuren legen. Einige Filmrisse gibt es leider auch. Dafür wurden diese Szenen, ebenso wie Szenen in dem der Nachtfilter nicht genutzt wurde, in nicht „sprunghafter“ Form aus einer anderen (schlechteren) Quelle im Bonusbereich beigefügt. So liegt der Film nun erstmals in Deutschland ungeschnitten und im korrekten 2,35:1 Breitwandformat vor. Dem Ton merkt man sein Alter an, doch dies ist nicht störend. Desweiteren gibt es noch den Trailer zum Film, sowie ein schönes Booklet mit dem kompletten Kinoaushang und anderen schönen Werbematerial vor.

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