Blu-ray-Rezension: „The Eyes of My Mother“

Von , 12. Oktober 2017 17:48

Die kleine Francesca (Olivia Bond, später Kika Magalhães) lebt mit ihrer Mutter (Diana Agostini) und ihrem Vater (Paul Nazak) auf einer Farm irgendwo im Nirgendwo, als eines nachmittags – der Vater ist gerade unterwegs – plötzlich ein Fremder (Will Brill) vor dem Haus steht. Was an diesem Nachmittag passiert ist unfassbar grausam. Aber mit diesem Nachmittag fängt alles erst an…

Mit „The Eyes of My Mother“ hat Regie-Debütant Nicolas Pesce auf dem Sundance Festival einen recht anständigen Erfolg gehabt. Kein Wunder, ist doch „The Eyes of My Mother“ einer amerikanischer Indie-Film par excellence. Sehr künstlerisch gemacht, mit dem Blick für schöne Bilder und dem Willen zur Provokation, wobei diese aber nur zartere Gemüter wirklich auf der Bahn werfen dürfte. Nicolas Pesce hält immer die Balance aus einer gewissen Wildheit und einem Hang, es dem Zuschauer dann doch irgendwie erträglich zu machen. Das ist alles nicht schlecht, aber man hat das Gefühl, dass hier mit Blick auf ein typisches Arthouse-Klientel, welches zwar gerne mal schockiert, aber nicht in seinen Grundfesten verstört werden möchte. Da kann man sich dann des Eindrucks der angezogenen Handbremse nicht gänzlich erwehren. Vielleicht hätte etwas weniger Stilwillen und etwas mehr Mut zu einer völligen Befreiung seiner schönen Bilder gut getan. So bleibt der Film zwar trotz seinen teilweise recht unangenehmen Bilder merkwürdig keusch.

Nicolas Pesce arbeitet bei „The Eyes of My Mother“ viel mehr Leerstellen, die immer wieder Unaussprechliches andeuten, es aber vor dem Blick des Zuschauers verstecken. Manche Schnitte überspringen dann auch größere Zeitraume, was zu einem Gefühl der Desorientierung führt. Trotzdem hat man immer das Gefühl, Pesce hätte – vielleicht unbewusst – beim Dreh die Schere im Kopf gehabt, um ein Sektglas-schwenkendes Arthouse-Publikum nicht zu verprellen. Ähnlich wie Danny Boyle bei seinem „wasch mich, aber mach mich nicht nass“-Melodram „Slumdog Millionaire“. Vielleicht hätte sich Pesce da etwas mehr von dem jungen mexikanischen Bilderstürmer Emiliano Rocha Minter abgucken sollen, der gerade mit „We Are the Flesh“ für Furore sorgt und gerade nicht irgendwelche Kompromisse eingeht. Ein echter Tabu-Brecher ist „The Eyes of My Mother“ jedenfalls nicht geworden. Auch wenn der größte Horror immer im Kopf entsteht, hat man dann doch das Gefühl, dass Pesce seine Auslassungen, Andeutungen immer auch als Schlupfwinkel nutzt, um es „nicht so schrecklich schlimm“ werden zu lassen. Stichworte: Kannibalismus, Nekrophilie und sexuelle Ausbeutung. All dies kann man sich denken – oder eben in einer Art Abwehrmechanismus auch nicht. Ideales Futter für Leute, die sich mal hübsch schockieren lassen möchten – aber bloß nicht zu viel.

Man muss Pesce aber zugestehen, dass er am Ende seines Filmes einige bemerkenswerte Bilder findet, die nicht nur an guten J-Horror (den modernen japanischen Horrorfilm seit „Ring“) erinnert, und seine Geschichte zu einem konsequenten Ende zu führen. Gerade in den Momenten, in denen Pesce nicht halbherzige Geschmacklosigkeiten ausprobiert, sondern sich ganz auf seine umwerfende Hauptdarstellerin Kika Magalhães konzentriert und in ihre Gefühlswelt eintaucht, wird „The Eyes of My Mother“ sehr stark. Und selbstverständlich muss man Pesce und seinem Kameramann Zach Kuperstein attestieren, dass sie einen sehr guten Blick für Bilder und vor allem Ausstattung haben. Das zeitlose Haus in dem Francesca lebt, ist ein förmlich der zweite Hauptdarsteller in diesem Film. Optisch sieht „The Eyes of My Mother“ einfach wunderschön aus, auch wenn vielleicht eine grobschlächtigere, realistischere Bildgestaltung eine noch stärkere Wirkung erzählt hätte. Hier stehen die attraktiven Bilder zwar in einem angenehmen Kontrast zum Inhalt, schwächen diesen aber auch etwas ab, da der Zuschauer auf eine artifizielle Ebene gelockt wird.

Am Ende dieser Besprechung möchte ich noch etwas ergänzen. Diese Review der Blu-ray hatte ich schon vor einigen Wochen geschrieben und lasse sie auch so stehen, da sie meinen ersten Eindruck des Filmes widerspiegelt. Vor einigen Tagen hatte ich allerdings das Vergnügen „The Eyes of My Mother“ ein zweites Mal, diesmal im Kino, zu sehen und muss diesen ersten Eindruck leicht revidieren. Im dunklen Saal und auf der großen Leinwand entwickelt der Film noch einmal eine ganz andere Kraft, die einen – im Zusammenspiel mit einem fantastischen Sounddesign – doch weitaus mehr in den Sitz drückt, als es bei der „Sofa-Session“ der Fall war. Auch kam mir der Film hier sehr viel unangenehmer vor, als bei der ersten Begutachtung vor dem Fernseher. Ob es nun daran liegt, dass man als Zuschauer dem Film im dunklen Kinosaal sehr viel mehr „ausgeliefert“ ist, dass man auf der Leinwand mehr garstige Details entdeckt oder generell die Erwartung aufgrund des Vorwissens eine andere war, kann ich nicht sagen. Tatsache ist aber, dass „The Eyes for My Mother“ ein Film ist, den man unbedingt im Kino gesehen haben sollte. Schade, dass bei uns in Bremen gerade mal eine Handvoll Zuschauer diese Chance wahrnahmen.

„The Eyes of My Mother“ ist ein in prächtig-elegante Bilder gehüllter Film, bei dem man allerdings das Gefühl hat, dass einiges an Potential auf der Strecke bliebt, da er sich eher nach dem typischen Indie-Sundance-Publikum ausrichtet, anstatt ungebremst durchzuziehen. Nichtsdestotrotz hat der Film einige erinnerungswürdige Momenten, die vor allen vor der wundervollen Hauptdarstellerin Kika Magalhães und den eleganten, wenn auch künstlichen Bilderwelten des Kameramanns Zach Kuperstein getragen werden.

Die Bluray aus dem Hause Bildstörung lässt das Bild in all seiner Pracht erstrahlen. Die Qualität der schwarz-weiß Bilder ist makellos. Auch der Ton ist klar und sehr gut verständlich, die Untertitel hervorragend lesbar und gut übersetzt. Auch im Bonusbereich wird der von Bildstörung gesetzte hohe Standard gehalten. Neben einem Audiokommentar mit Regisseur Nicolas Pesce gibt es noch ein einstündiges, hochspannendes Interview mit dem Regisseur. Weitere Extras sind die dreiminütige „Behind the Scenes Galerie“ und das Musikvideo „Out of Touch“ von Iyves, bei dem Pesce bereits 2014 mit Kika Magalhães und Zach Kuperstein zusammenarbeitete. Nicht zu vergessen: Es gibt auch ein 16-seitiges Booklet mit einem Text von Thorsten Hanisch.

Das Bloggen der Anderen (09-10-17)

Von , 9. Oktober 2017 17:25

– Für jemanden wie mich, der eine immer wieder unter Zuschauermangel leidende Filmreihe mitbetreut ist der Artikel über Chancen und Risiken eines „Abo-Systems“ der Kinos, den Lucas Barwenczik auf B-Roll veröffentlicht hat, ausgesprochen interessant. Für andere aber sicherlich auch. Olga Galicka hingegen nimmt sich des neuen russischen Kinos an.

– Patrick Holzapfel setzt sich sehr persönlich und ausführlich auf Jugend ohne Film mit Hong Sang-soos Film „On the Beach at Night Alone“ auseinander, während sich Rainer Kienböck weiterhin mit dem Werk Ruth Beckermanns auseinandersetzt.

– Der Kinogucker erinnert kurz an die 1980 erstmals erschienene „Filme – Neues und Altes vom Kino“, die es nur 13 Ausgaben lang gab.

– Gute und empfehlenswerte Kinderfilme zu finden ist gar nicht einfach. Darum freue ich mich immer, wenn Rochus Wolff auf seinem Blog Kinderfilmblog einen neuen Film vorstellt. Diesmal zeigt er sich begeistert von: „Captain Underpants – Der supertolle erste Film“.

Filmlichtung hat sich sehr viel Mühe gegeben und eine Geschichte des Vampirs im Film zusammengetragen.

– Apropos Horror: Volker Schönenberger bespricht auf Die Nacht der lebenden Texte einen meiner liebsten und merkwürdigsten Horrorfilme der frühen 70er: „Die lebenden Leichen des Dr. Mabuse“ – garantiert ohne Mabuse, dafür mit Vincent Price, Peter Cushing und Christopher Lee.

– Endlich mal etwas Neues von Sascha. Seine Seltsamen Filme des Herrn Nolte widmen sich diesmal einem recht unbekannten und raren Horrorfilm des französischen Pornofilm-Regisseurs Francis Leroi: „Der Dämon der Insel“, immerhin mit Jean-Claude Brialy. Interessanterweise wurde mir der Film kürzlich auch an anderer Stelle sehr ans Herz gelegt.

– Lukas Forester beschäftigt sich auf Dirty Laundry mit dem Hongkong—Kino jenseits der bekannten Martial-Arts-Filme. „The Lady Hermit“ vom großartigen Ho Meng Hua hat es postendend auf meine „Suchliste“ geschafft. Und „The Boxer’s Omen“ von Kuei Chi Hung, hat ja vor kurzem auch Oliver Nöding empfohlen.

– Oliver selber setzt sich auf Remember It For Later weiterhin mit Hisayasu Satō auseinander und bespricht dessen berüchtigten „Lolita vib-zeme“ aka „Lolita Vibrator Torture“.

– Sebastian schreibt auf Nischenkino über „The Prisoner“, der hier als Jackie-Chan-Film beworben wird, obwohl der Superstar nur eine kleine Rolle hat. Trotzdem gehört „The Prisoner“ seit eher zu meinen liebsten guilty pleasures.

Das Bloggen der Anderen (02-10-17)

Von , 2. Oktober 2017 13:03

– Vor zwei Wochen war ich auf dem Internationalen Filmfest Oldenburg (Bericht folgt noch). Auf film-rezensionen.de habe ich ja jetzt einige Filme gefunden, die in Oldenburg liefen. Der tolle „Spit ’n‘ Split“ lief auch auf dem /slash-Filmdestival, „Winter Brothers“ auf dem Film Festival Colonge und „The Nile Hilton Affäre“ erhält demnächst einen deutschen Kinostart. Ferner empfiehlt Oliver Armknecht den österreichisch-deutschen Horrorfilm „Hagazussa“, der im 15. Jahrhundert spielt. Der ist schon mal vorgemerkt.

– Derzeit findet auch das Filmfestival San Sebastián statt, wo Andreas Köhnemann für B-Roll einige interessante Filme sehen konnte. U.a. den lang erwarteten „The Disaster Artist“ von und mit James Franco über die Dreharbeiten zum legendären „The Room“. Von dem sehr vielversprechend klingenden „Marrowbone“ von Sergio G. Sánchez, Barbara Albrechts „Licht“ und Robert Schwentkes Deutschland-Comeback „Der Hauptmann“ („ein kinematografisches Biest in Schwarz-Weiß“), ist Andreas Köhnemann ebenfalls sehr begeisterte. Lucas Barwenczik schreibt über Hollwoods ewige Krise, seine teuren Flops und wie sich die junge Talente für teure Blockbuster zu verpflichten, sich wieder umgekehrt hat.

– Sascha Schmidt stellt Okaeri das Ghibli Museum Tokio vor.

Filmlichtung hat einen Artikel über die Geschichte des „Filmen übers Filme“ geschrieben.

– Simon Wiener fragt auf Jugend ohne Film: „Mögen wir Filme nur dann, wenn wir uns selbst darin wiedererkennen? Gibt es überhaupt Filme, in denen wir uns nicht wiedererkennen?“

– Morgen Luft legt auf Cinematographic Tides dar, weshalb Ingmar Bergmans „Persona“ für sie ein ganz besonderer Film ist.

– Mauritia Mayers erste Sichtung von „The Vvitch“ stand unter keinem guten Stern. Beim zweiten Mal war es schon erfolgreicher und da erinnert sie der Film an Brunello Rondis „Il demonio“, wie sie auf Schattenlichter berichtet.

– DeDavid von den Drei Cineasten bespricht den Film „A Ghost Story“, dessen Trailer bereits meine Neugier geweckt hatte.

– Auf critic.de hat sich Michael Kienzl dem Film „Raw“ angenommen, über den ich auch schon anderswo gelesen hatte und der mir ein bisschen Angst macht.

– Achtung! Schmuddelalarm! Totalschaden schreibt auf Splattertrash über den zweiten Teil der „Lass jucken, Kumpel“-Saga und ist begeistert, wie „Das Bullenkloster“ mit „Bravour, Lokalkolorit und Schmuddelei zu einem schwungvollen Ganzen verbindet“.

– Bluntwolf bezeichnet auf Nischenkino den mir bisher unbekannten „König der Shaolin“ als „einen der besten Shaw Brothers-Filme“. „Spaßig, effizient in Punkto Tempo und letztlich höchst beeindruckend“. Meine Neugier ist geweckt.

– Oliver Nöding von Remember It For Later hat einen schönen Text über den ersten „Godzilla“-Film geschrieben. Dann ist er gleich in Japan geblieben und stellt das Kino Hisayasu Satōs vor.

– Eine kurze Geschichte noch. Ich habe ja nichts dagegen, wenn Blogs Werbung auf ihrer Seite platzieren, aber was ich diese Woche gesehen habe, das geht gar nicht. Ohne jetzt einen Namen zu nennen, muss ich mal eben Luft ablassen. Ein Filmblog, den ich regelmäßig beobachte und wohl bestimmt irgendwann mal verlinkt habe, machte mich mit einem Artikel über Videopiraterie und deren Einfluss auf die Filmwirtschaft neugierig. Nach einigem oberflächlichen Blah-blah-blah wurden ohne Übergang im zweiten Absatz plötzlich Online Casinos gelobt – inklusive Link natürlich – bevor es dann weiter mit irgendwelchem völlig belanglosen Krams bezüglich der Umsätze der Filmindustrie weiterging. Ziemlich offensichtlich hatte der Blogger hier von jenen Angeboten Gebrauch gemacht, die auch mir regelmäßig das Postfach verstopfen und dann umgehend gelöscht werden. Solche nämlich, die gegen Geld irgendwelche von einer Agentur geschriebenen Artikel inklusive Links zum Kunden bei einem platzieren wollen. Kann jeder halten wie er will, aber solche von irgendwelchen Agenturen schnell zusammen geschusterten Werbedinger dann als „echten“ Blogger-Artikel zu verkaufen, finde ich schlimm. Ich habe dann auf dem besagten Blog noch weiter geguckt und weitere Artikel gefunden, die nur scheinbar filmrelevant sind, dann aber doch (mehr oder weniger) versteckt für Online-Spielautomaten oder Pizza-Bringdienste warben. Ich habe den Blog jetzt von meiner Liste gestrichen und werde das in ähnlichen Fällen auch in Zukunft so halten. Wie gesagt: Nix gegen Werbung – aber das so etwas für mich in erster Linie grobes Verarschen der Leser.

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