DVD-Rezension: “La Soga – Unschuldig geboren”

Von , 30. September 2012 11:22

Der kleine Luisito, Sohn des örtlichen Metzgers, wird Zeuge, wie sein Vater bei einem Streit mit Gangstern umgebracht wird. Jahre später gehört Luisito inoffiziell zu einer Polizei-Einheit, die dem General Colon unterstellt ist. Diese geht mit aller Härte und weit jenseits der Grenzen der Legalität gegen Straßengangs und Drogendealer vor. Wer immer auf der „Todesliste“ des Generals steht, wird von „La Soga“, wie Luisito nun genannt wird, liquidiert. Doch eines Tages muss „La Soga“ erkennen, dass er das Böse nicht nur bekämpft, sondern ihm auch dient…

Filme aus der Dominikanischen Republik sieht man ja nicht so häufig in Deutschland. Höchstens einmal auf Festivals, aber dann auch keine Actionfilme, sondern eher Sozialdramen. Von daher ist es fast schon ein kleines Wunder, dass Sun Entertainment „La Soga – Unschuldig geboren“ hier auf DVD und BluRay veröffentlicht hat. Wobei man nur bedingt von einem rein dominikanischen Film sprechen kann. Hauptdarsteller und Drehbuchautor Manny Perez ist zwar in der Dominikanischen Republik geboren, arbeitet aber schon seit vielen Jahren in den USA. Dort hat er häufig mit dem Produzenten Josh Crook kooperiert, der bei „La Soga“ auf dem Regie-Sessel Platz nahm. Sicherlich hatte die Entscheidung, einen Film in der Dominikanischen Republik zu drehen, auch finanzielle Hintergründe, da für „La Soga“ sicherlich nicht das Budget zur Verfügung stand, nach dem der fertige Film aussieht.

Andererseits erzählt Autor Manny Perez so liebevoll detailliert über das Leben in seinem Geburtsland, dass der Gedanke nahe liegt, dass er sich hier einen Herzenswunsch erfüllt hat. Angeblich soll „La Soga“ auf einer wahren Geschichte beruhen, was durchaus glaubwürdig ist. Regisseur Josh Crook findet auch genau die richtigen Bilder, um seinem Film einen realistischen Anstrich zu geben. Es wurde augenscheinlich direkt vor Ort in den Elendsvierteln gedreht. Auch kleine Details, wie die ärmliche Hütte von Luisito aka „La Soga“ wirken echt und authentisch.

Josh Crook hat aber auch den Schnitt des Filmes übernommen, und das hätte er dann doch jemand Anderem überlassen sollen. Gerade im ersten Drittel sieht der Film aus, als hätte ihn ein Filmstudent im ersten Semester in den Fingern gehabt. Viel zu viel unnötige Schnitte, die auf völlig unnötige Weise zu massiven Anschlussfehlern führen. Wenn sich eine Figur von Punkt A nach Punkt B bewegt, wird sie erst in der Totalen von vorn, dann Halbtotalen rechts, Halbtotalen links, Halbtotale von vorne, Totale von hinten usw. gezeigt. Ist man erst einmal auf diese Manierismen aufmerksam geworden, fangen sie schnell an zu nerven. Auch stopft Josh Crook den Film anfangs mit vielen überflüssigen Füll-Einstellungen aus. In der Folge hat er sich dann aber immer besser im Griff. Oder der Zuschauer vergisst darauf zu achten, denn die Geschichte zieht einen mit zunehmender Spielzeit immer mehr in den Bann.

Das liegt vor allem an Hauptdarsteller Manny Perez, der La Soga mit Leben ausfüllt. Perez bringt genau die richtige Mischung aus kindlicher Güte und eiskalter Professionalität mit, die die Rolle verlangt. Vergleiche zu Jean Renos legendärer Darstellung des „Leon“ liegen durchaus nahe. La Soga ist ein komplexer Charakter, den Perez in seinem Drehbuch geradezu liebevoll gezeichnet hat. Als Sohn eines Schlachters tötet er emotionslos seine Ware, ist aber selber Vegetarier und hält sich einen Stall mit Ferkeln als Haustiere. Er tötet eiskalt alle, die auf seiner „Todesliste“ stehen, aber weigert sich, einen offensichtlich Kriminellen einfach so hinzurichten. Seine stärkste Szene hat Perez, wenn er dabei zusieht, wie eins seiner potentiellen Opfer mit seinem Sohn spielt. Wie es ihn hin und her reißt und man sieht, dass hinter seinen Augen die Erinnerungen an die eigene Kindheit und den geliebten Vater aufsteigen, dann tut das beim Zusehen beinah weh.

Man hegt recht schnell tiefe Sympathien für diesen merkwürdigen Mann, der als Kind unfreiwillig zur Killermaschine gemacht wurde. Der davon überzeugt sein will, das Richtige zu tun und seine Augen davor verschließt, in was für einer korrupten Welt er lebt, und dass die Leute, die für ihn Familienersatz sind, auch nicht besser sind als die, die er schonungslos bekämpft. Wenn er dies alles dann erkennt und den Spieß wieder umdrehen will, spürt man, dass er nun in sein Verderben läuft und diese Geschichte einfach nicht gut ausgehen kann. Dass dieser sympathische Bursche keine Chance hat – weder davonzukommen, noch das System zu ändern – schmerzt.

Leider hat so wohl auch Manny Perez gedacht, als er das Drehbuch schrieb. Das schrecklich inkonsequente, ja lächerliche, Ende ist dermaßen ärgerlich, dass man fast geneigt ist, alles, was einem zuvor an „La Soga“ gefallen hat, zu vergessen und den Film in die Mülltonne zu werfen. Auch die dick aufgetragene patriotische Botschaft am Ende ist schlichtweg ganz großer Mist und betrügt die Kernaussage der Geschichte, die sich gegen das durch und durch korrupte System in der Dominikanischen Republik richtet. Das ist sehr schade.

Natürlich ist „La Soga“ auch sonst bei weitem kein Meisterwerk. Neben den angesprochenen Fehlern gibt es viel zu viele Ungereimtheiten. Z.B. erschießt La Soga  vor laufender Kamera einen Wehrlosen, was aber keinerlei Konsequenzen hat. Aber trotzdem: Der Film ist durchweg sympathisch, liefert einen Einblick in die dominikanische Gesellschaft und prangert auf effektive Weise die Korruption dort an – auch wenn am Ende dann doch der Schwanz eingekniffen wird.

Trotz aller Fehler ist „La Soga“ aber ein sehenswerter Film mit einem starken Hauptdarsteller.

Die DVD von Sun Entertainment liefert ein gutes Bild (eventuelle Schwächen liegen bei dieser Low-Budget-Produktion am Ausgangsmaterial) und guten Ton. Als Extras gibt es leider nur den Trailer. Schade, denn hier wären nähere Hintergrundinformationen zum Dreh in der Dominikanischen Republik, sowie den Motivationen von Hauptdarsteller und Drehbuchautor Manny Perez, sicherlich sehr spannend gewesen.

Das Bloggen der Anderen (29-09-12)

Von , 29. September 2012 19:50

Dominik Graf bleibt ein großes Thema in den deutschen Filmblogs.

– Auf Eskalierende Träume führen Alexander P., Christoph und Sano ein langes, unterhaltsam-informatives Interview mit Graf. Absolut lesenswert! Gleichzeitg bespricht „Das Magazin des Glücks“ gleich drei seiner Filme: „“Die Katze“ von 1988, „Tiger, Löwe, Panther“ von 1989 und „Deine besten Jahre“ von 1999.

– Zwei Filme, die ich sehr gerne mag, werden auf „Die seltsamen Filme des Herrn Nolte“ besprochen: Jess Francos „Rote Lippen“ (aka Sadisterotica) und der wunderbare „Spuren auf dem Mond“ von Luigi Bazzoni.

– Lukas Foerster hat auf „Dirty Laundry“ auf eine Liste reagiert, die Anfang 2009 in der ersten Ausgabe des Magazins „Cargo“ von Sebastian Lütgert zusammengestellt wurde. Darauf aufgeführt waren Filme, die damals nirgendwo, also auch nicht im Internet, zugänglich waren. Lukas Foerster ist die Liste noch einmal durchgegangen und war erstaunt, dass 63 der 100 Filme inzwischen auf die eine oder andere Art verfügbar sind. Daraufhin hat er die geschrumpfte Liste um 64 neue vermisste Werke ergänzt.

– Auf „Hypnosemaschinen“ wird eine polnische „Camilla“-TV-Adaption von 1980 wiederentdeckt.

– Und zu guter Letzt nähert sich jogiwan auf „project: equinoX“ seinem Ziel, alle Pedro-Almodóvar-Filme zu besprechen. Mit der lesenswerten Kritik zu „La mala educación – Schlechte Erziehung“ hat er nun schon 16 von 18 Filmen geschafft.

DVD-Rezension: “Piranha 2”

Von , 29. September 2012 11:31

Ein Jahr nach den Vorkommnissen des ersten Teils eröffnet in der Kleinstadt Merkin in Arizona ein riesiger Wasserpark namens „Big Wet“. Der Betreiber Chet setzt dabei – sehr zum Verdruss seiner Stieftochter Maddy – vor allem auf barbusige Damen als Hauptattraktion. Nachdem Freunde von Maddy plötzlich verschwinden, kommt ihr der Verdacht, dass die prähistorischen Killerfische wieder zurück sind. Als sich dieser Verdacht bestätigt, versucht Maddy mit allen Mitteln, die große Eröffnung des „Big Wet“ – mit David Hasselhoff als Stargast– zu verhindern. Doch Chet hat etwas gegen diese Pläne…

Leider kenne ich den Vorgänger zu diesem Film (noch) nicht, dadurch kann ich zu diesem keine Vergleiche ziehen. Wohl aber kenne und schätze ich den Original-“Piranha“ von Joe Dante. Daher war ich recht neugierig auf „Piranha 2“ (aka „Piranha 3DD“). Was ich erwartete zu sehen, war knapp 1,5 Stunden hirnloser Spaß. Was ich allerdings bekam, waren 66 Minuten hirnloser Müll und 11 Minuten quälender Abspann. Aber dazu später mehr.

„Piranha 2“ beginnt eigentlich recht vielversprechend. An einem nebenverhangenen See hält Gary Busey seine charakteristische Fresse in die Kamera. Dass man von Busey aber sonst nicht viel zu sehen bekommt und seine Aufgabe in diesem Film vorrangig daran besteht, eine tote Kuh durch Entzünden ihrer Fäulnisgase in die Luft zu jagen, sollte einem schon zu denken geben. Und tatsächlich, nach diesem Auftakt geht es mit dem Film erst einmal steil bergab.

Auftritt: Sieben Berufsjugendliche, die alle Klischees von „Freitag, der 13.“-Kanonenfutter erfüllen. Leider muss man erst einmal warten, bis das erste Paar seiner (nicht sonderlich spektakulär inszenierten) Bestimmung zugeführt wird. Bis dahin wird man mit hohlem Geschwätz gequält und kann sich an den vom Computer auf bonbon-bunt getrimmten Bildern der Spaßbad-Kulisse ergötzen. Regisseur John Gulager hat ein deutliches Faible für computerverfremdete Farben und schöpft hier aus dem Vollen. Zu sehen gibt es zunächst einmal das, was die Werbung und der augenzwinkernde „Doppel-D“-Titel versprechen: Viele nackte Brüste und – oh Schreck – kurz blitzt sogar full frontal nudity auf. Dieser Einsatz geht auf das Konto der zahlreichen Statistinnen mit hohem Plastikanteil, die  keinerlei andere Aufgabe haben, als in der Gegend herumzustehen, bzw. ins Wasser zu springen. Das klingt für den kleinen Voyeur in uns allen erst einmal reizvoll, wirkt aber fürchterlich steril und – ja – sehr unsexy.

Für einen Film, der sich Tabubrüche und die Befriedigung primitivster Triebe auf die Fahnen geschrieben hat, bleibt „Piranha 2“ seltsam züchtig. Während die Plastikmäuse blank ziehen, verhalten sich die Hauptdarsteller regelrecht keusch. Obwohl ständig – und das recht zwanghaft  – Sex thematisiert wird, verläuft dieser ähnlich verklemmt wie in einer Vorabendserie. Wenn es einmal zur Sache geht, behält die Darstellerin natürlich ihr Oberteil an.

Und genauso geht Regisseur Gulager leider auch mit den Piranha-Angriffen um. Da wird mehr „Böses“ behauptet, als gezeigt. Großaufnahmen, hektische Kamera – da sieht man nichts und dann doch zu viel, um irgendwie seine Fantasie spielen zu lassen. Nein, unheimlich ist das alles nicht. Spannend auch nicht. Und wenn dann zum Finale hin die große Keule geschwungen wird, bekommt man im Grunde auch nicht mehr zu sehen, als hektische Statisten, die blutverschmiert durch die Gegend rennen oder CGI-Effekte, die eindeutig als solche zu erkennen sind.

Überhaupt CGI. Die computeranimierten Piranha sehen aus, als wären sie aus einem alten PC-Spiel in den Film kopiert worden. Man gibt sich noch nicht einmal den Anschein, hier könnte es sich um etwas anderes als Pixelansammlungen handeln. Vielleicht fällt dies in der 3D-Version nicht so stark auf, aber in 2D heben sich die Fischlein regelrecht vom Filmuntergrund ab. Und der finale „Gag“ ist so grottenschlecht umgesetzt, das  muss man wirklich gesehen haben, um es zu glauben. Aber gut, in den 70ern und 80ern waren es noch als solche klar erkennbare Gummifische, heute eben CGIs aus der Steinzeit. Aber hatten die Gummifischlein nicht einen gewissen, dreckigen Charme? Die Computer-Fische wirken nur leblos und künstlich.

Aber das ist gar nicht mal das Hauptproblem dieses missratenen Filmes. Dieses liegt eher im Drehbuch und der unentschiedenen Regie.  Während die erste Hälfte noch wie ein billiger, uninspirierter 08/15-Direct-to-Video- Horrorfilm rüber kommt (der allerdings auf keiner Ebene funktioniert und vor allem langweilt), soll die zweite Hälfte dann plötzlich überzogener Grand Guignol in der Tradition von Spaßfilmen wie „Braindead“ oder den berüchtigten Troma-Produktionen sein. Allerdings ist gerade der grandios schlechte Geschmack, welcher letztere auszeichnet, hier nur aufgesetzte Attitüde, nicht „das echte Ding“. Mit einer einzigen Ausnahme. Eine Szene schafft es tatsächlich, kurzfristig Interesse zu wecken. Der hier gezeigte „bissige Beischlaf“ und seine „einschneidenden“ Konsequenzen erinnern tatsächlich an die besten Werke der Filmschmiede aus Tromaville. Aber diese eine Sequenz alleine reißt den Film auch nicht raus.

Traurig wird es dann in dem scheinbar lustig gemeinten Finale, welches sich krampfhaft bemüht, dreckig und subversiv zu  erscheinen, aber überhaupt nicht verstanden hat, was diese Wörter bedeuten. Wieder einmal will hier etwas unbedingt „Kult“ sein und wird es gerade deshalb nicht werden.

Besonders übel wird in „Piranha 2“ David Hasselhoff mitgespielt, der sich selber spielt. Wahrscheinlich diente Jean-Claude Van Dammes Rolle in dem wirklich schönen „JCVD“ als Blaupause. The Hoffs Darstellung mag wohl selbstironisch gemeint sein, regt aber nur zum Mitleid an. Man hat das Gefühl, der Mann war die ganze Zeit betrunken und bekam gar nicht mit, wie sich alle um ihn herum über ihn lustig gemacht haben. Wahrscheinlich war er überzeugt davon, seine Rolle wäre cool und die Leute würden mit, statt über ihn lachen. Aber wenn man sieht, wie er seinen mittlerweile faltigen, leicht schmerbäuchigen Körper selbstverliebt in die Kamera hält und in einem bewusst grottenschlechten Musikvideo vor sich hin krächzt, dann ist das nicht lustig, sondern ein Grund zum Fremdschämen. Hier wird ganz offensichtlich ein nicht mehr ganz klarer Mann mit großen persönlichen Problemen ausgenutzt, vorsätzlich lächerlich gemacht und seines letzten Bisschens Würde beraubt.

Nach 66 Minuten ist plötzlich Schluss. Aber da dies nicht für einen abendfüllenden Film reicht, hat John Gulager noch einen 11- minütigen Abspann dran geklatscht, der ständig durch merkwürdig unkomische Outtakes oder peinliche Hasselhof-Auftritte unterbrochen wird. Symptomatisch für den ganzen Film: Lustig gemeint ist noch lange nicht lustig gemacht. Man könnte an dieser Stelle noch auf die gesichtslosen Schauspieler (dabei hatte mich doch Hauptdarstellerin Dana Panabaker gerade in „Girls Against Boys“ überzeugt), die permanenten und – zumindest in der 2D-Version – unglaublich nervenden 3D-Schock-Momente oder die Verschwendung von Leuten wie Christopher Lloyd oder Ving Rhames ärgern, aber das lasse ich lieber und schließe mit dem Fazit: „Piranha 2“ hat mir überhaupt nicht gefallen.

Der schlechte Eindruck erstreckt sich auch auf die Extras. Zwar sind diese reichhaltig und haben auch einen Audiokommentar mit an Bord, aber näher betrachtet sind die „Specials“ doch nur Werbematerial, das zu 80% aus Schnipseln aus dem Film besteht. Immerhin gibt es an der Bild- und Tonqualität der DVD nichts zu mäkeln. Im Gegenteil, angesichts der billig animierten Piranhas ist diese vielleicht sogar noch zu gut.

„Piranha 2“ erscheint am 04. Oktober auf DVD, BluRay und 3D BluRay.

Nachruf: Herbert Lom (1917-2012)

Von , 28. September 2012 18:36

Herbert Lom gehörte für mich immer zu den großen britischen Schauspielern. So wie Alec Guiness oder David Niven. Seine volle Stimme mit dem betont klaren Englisch, das immer britisch-aristokratische Auftreten, egal ob er nun – wie so oft in seiner Karriere – einen Araber oder einen französischen Chefinspektor am Rande des Nervenzusammenbruchs spielte. Umso erstaunter war ich, als mir jetzt anlässlich seine Todes bewusst wurde, dass Herbert Lom 1917 in Prag geboren wurde, welches damals noch zum österreichisch-ungarischen Kaiserreich gehörte, und eigentlich auf den prunkvollen Namen Herbert Karel Angelo Kuchačevič ze Schluderpacheru hörte.

In Tschechien spielte er auch seine ersten Filmrollen, bevor er 1939 vor den Nationalsozialisten nach England floh. Dort nahm er 1942 die Schauspielerei wieder auf und bekam in dem britischen Streifen „The Young Mr. Pitt“ eine kleine, aber bedeutende Nebenrolle: Er spielte Napoleon Bonaparte, den er 14 Jahre später in King Vidors berühmter und stargespickter Adaption von Leo Tolstois „Krieg und Frieden“ noch einmal spielen sollte.

Nach dem Krieg wollte Herbert eigentlich in die USA auswandern, bekam aber kein Visum, was vielleicht an seinen tschechischen Wurzeln und dem Beginn der Kalte-Krieg-Paranoia lag. So blieb er in England, wo er als Gangster in einigen britischen „Film Noir“-Streifen auftrat. Am Prägnantesten war er in Jules Dassins brillantem Film „Die Ratte von Soho“ mit Richard Widmark. Einem breiten Publikum wurde er dann in dem britischen Klassiker „Ladykillers“ bekannt, wo er neben Alec Guiness und Peter Sellers einen der Gauner spielte, die sich bei einer alten Dame einquartierte.

Nach weiteren Nebenrollen, u.a. in großen Monumentalfilmen, bekam Herbert Lom 1962 seine erste Hauptrolle angeboten. In der „Phantom der Oper„-Verfilmung der legendären Hammer-Studios durfte er unter Kult-Regisseur Terence Fisher das titelgebende Phantom geben. Leider zählt dieser Film nicht gerade zu den Lieblingen der Fans und Lom musste die meiste Zeit hinter einer Maske agieren. Dann kam 1963 die Rolle, die Lom weltweit bekannt machte und ihn 30 Jahre begleiten sollte. In der Fortsetzung zu Blake Edwards „Der rosarote Panther“ – „Ein Schuß im Dunkeln“ – trat er erstmals als Clouseaus Chef auf, Chiefinspektor Charles Dreyfus, der von dem trotteligen Inspektor systematisch in den Wahnsinn getrieben wird und in jeder weiteren Folge der langlebigen Serie immer verrückter wurde. So dass Dreyfus in „Inspektor Clouseau – Der beste Mann bei Interpol“ sogar nach der Weltherrschaft strebte, um Clouseau zu vernichten. 1993 sollte dann seine letzte Kinorolle wieder als Dreyfus spielen, in „Der Sohn des rosaroten Panthers“ an der Seite von Roberto Benigni. Leider war der Film für keinen der Beteiligten ein Ruhmesblatt, so dass dieser großartige Schauspieler leider keinen würdigen Abtritt bekam. Aber wer bekommt das schon? Danach spielte Herbert Lom nur noch einmal, 11 Jahre nach dem „Sohn“ in einem TV-Film aus der Reihe „Marple“ mit. Darin spielt er einen Professor Dufosse, was auch so ein bisschen nach „Dreyfus“ klingt.

Genrefans kennen und lieben Herbert Lom vor allem für seine Auftritte in europäischen Exploitationfilmen der 60er und 70er. Zweimal spielte er unter Jess Franco („Der heiße Tod“ und „Nachts, wenn Dracula erwacht„), ebenfalls zweimal Filmen des bliebten Amicus-Studios dabei „Asylum – Irrgarten des Schreckens“ und „Embryo des Bösen„. In „Der Schatz im Silbersee“ durfte er den Schurken geben und in „Die Nibelungen, Teil 2“ den Hunnenkönig Etzel. Am beleibtesten dürfte unter Fans allerdings sein Auftritt als Hexenjäger Lord Cumberland in „Hexen bis aufs Blut gequält“ sein.

Neben seiner Schauspielkarriere, schrieb Herbert Lom 1971 und 1992 noch zwei historische Romane, deren Filmrechte zwar verkauft wurden, aus denen aber bisher noch kein Filmprojekt entstand. Gestern starb dieser großartige und unvergessliche Schauspieler im stolzen Alter von 95 Jahren im Schlaf.

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Originalfassungen in Bremen: 27.09.12 – 03.10.12

Von , 26. September 2012 20:33

Lauter alte Bekannte. Bis auf das Tommy-Lee-Jones/Meryl-Streep-Vehikel „Wie beim ersten Mal“ gibt es in dieser Woche tatsächlich keinen Neuzugang bei den O-Fassungen. Schade, aber eine gute Gelegenheit sich die Filme anzusehen, die einem in den Vorwochen vielleicht entgangen sind.

Wie beim ersten Mal – Cinemaxx, Do./Sa./So. immer um 19:30 – Das Kino entdeckt (endlich) die ältere Generation. Tommy Lee Jones und Meryl Streep spielen ein altes Ehepaar, bei dem sie – mehr als  er – darunter leidet, dass sich die alte feurige Leidenschaft in den Jahrzehnten der Ehe ziemlich abgenutzt hat. Ein von einem Therapeuten (Star-Komiker Steve Carell) begleitetes Pärchenwochende soll Hilfe bringen.

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Das Bourne Vermächtnis– Cinemaxx, Do./Sa../Mo./Mi jeweils um 22:15 – Bourne ohne Bourne. Statt Matt Damon als Jason Bourne betritt nun der von mir sehr geschätzte Jeremy Renner als Aaron Cross die Bühne. Auch er ein Superagent mit schier unmenschlichen Fähigkeiten. Regie führt der „Bourne“-Drehbuchautor und „Michael Clayton“-Regisseur  Tony Gilroy.

The Dark Knight Rises – Cinemaxx, So. und Di. um 22:15 – Hat mir gefallen. Meine Review gibt es hier.

Liebe – Schauburg, So., 30.9. um 21:45 – Das zweite Mal in Folge hat ein Film von Michael Haneke in Cannes triumphiert und die goldene Palme abgeräumt. “Liebe” soll Hanekes persönlichster Film sein, die Leistungen der Hauptdarsteller Jean-Louis Trintignant und Emmanuelle Riva wird überall hoch gelobt. Der einzige Grund, hier nicht ins Kino zu gehen wäre, dass man nicht mit anderen zusammen weinen möchte.

Das Herz von Jenin – City 46, Fr./Sa. um 18:00 – Nachdem sein 12-jähriger Sohn im palästinensischen Flüchtlingslager Jenin von israelischen Soldaten tödlich verletzt wird, entscheidet sich sein Vater dafür, die Organe seines Sohnes zu spenden. Fünf israelische Kinder werden dadurch gerettet. Der Dokumentarfilm begleitet den Vater bei seinen Besuchen bei den betroffenen Familien.

Sneak Preview – Cinemaxx, Mo. 1.10. um 19:40

Sneak Preview – Schauburg, Mo. 1.10. um 21:45

“Weird Xperience” im City 46: “Schamlos”

Von , 25. September 2012 20:35

Einmal im Monat gönne ich mir den Luxus, Werbung in eigener Sache zu machen. Und zwar für die Reihe „Weird Xperience“ im Bremer Kommunalkino „City 46„, die ich zusammen mit meinem Mitstreiter Stefan präsentiere. Am kommenden Freitag, den 28.September, um 22:30 Uhr ist es wieder soweit.

Dieses Mal gibt es wieder einen Klassiker und zwar Exploitation made in Austria! SCHAMLOS!

Mit nur zwei Filmen schuf der Österreicher Eddy Saller, der „Virtuose des deutschsprachigen Schundfilms” (Der Standard), in den späten 60ern ein ganz eigenes Genre. Er gab dem jungen, unerfahrenen Udo Kier gleich eine Hauptrolle, ließ den legendären Club-Besitzer und Playboy Rolf Eden als skrupellosen Gangster auf die Menschheit los und ließ den berühmt-berüchtigte Wiener Aktionskünstlers Otto Mühl in seinem Film auftreten. „Eine skurrile Exkursion in die fremde, seltsame Welt des österreichischen Russ Meyer.“ (AZ, 1991)

Udo Kier spielt den 20-jährigen Alexander Pohlmann, der mit seinen Jungs das Nachtleben einer Großstadt kontrolliert. Schutzgelderpressung, Prostitution und Auftragsmorde gehören zu den Hauptgeschäftsfeldern der jungen Bande. Eines Tages fällt Pohlmann die junge Arabella (Marina Paal) auf, die als Stripperin arbeitet. Obwohl sie sich in Alexander verliebt, verkauft er sie an den Gangsterboss Kowalski (Rolf Eden). Wenig später wird Arabella tot aufgefunden und Alexander gerät immer tiefer in die Welt von Intrigen, Mord und Rache.

Vor dem Film erzählen Stefan und ich natürlich auch wieder ein wenig über diesen wahrhaft „schamlosen“ Film.

„Stummfilm+2“ startet mit einem expressionistischen Gruselklassiker in die nächste Runde

Von , 24. September 2012 21:04

Endlich ist die Sommerpause bei „Stummfilm +2“ vorbei. Am kommenden Samstag, den 29. September, geht es im City 46 zur gewohnten Zeit um 20.30 Uhr wieder los.

Gezeigt wird der Gruselklassiker „Das Wachsfigurenkabinett“ (1924) von Paul Leni und Leo Birinski.

Ezzat Nashashibis Duopartnerin ist diesmal Marthe Perl an der Viola da Gamba. Eine Viola da Gamba ist ein historisches Streichinstrument, das – ähnlich wie z.B. ein Cello – beim Spielen mit dem Hals nach oben zwischen den Beinen gehalten wird. Anders als ein Cello hat sie aber sechs bis sieben Saiten und verschiebbare Bünde.

Marthe Perl studierte Gambe an der Hochschule für Künste Bremen in der Abteilung für Alte Musik  und nahm an diversen Meisterkursen teil. Ein wichtiger Bestandteil ihrer Arbeit sind Kammermusik und historische Aufführungspraxis. Darüber hinaus hat sie sich auch mit Flamencomusik beschäftigt. Ferner spielte sie auf diversen CD-Aufnahmen und Konzerten, u.a. mit der „Deutsche Kammerphilharmonie Bremen“, mit.

Obwohl „Das Wachsfigurenkabinett“ ein absoluter Klassiker sowohl des fantastischen als auch des expressionistischen Films ist, und trotz seiner Bekanntheit unter Stummfilmfans, ist er in Deutschland bisher nicht auf DVD erhältlich. Wer dieses Kleinod des Deutschen Gruselfilms hier sehen möchte, muss sich also am Samstag ins Kino begeben.

Das Lexikon des Internationalen Films schreibt:

In der Rahmenhandlung erfindet ein junger Poet romantische Geschichten zu den Jahrmarktsfiguren von Harun al Raschid, Iwan dem Schrecklichen und Jack the Ripper. Die Wachsnachbildungen werden in fantastischen Episoden lebendig, deren Spektrum von der düster-expressionistischen Schauerballade bis zur burlesken Farce reicht. Ein deutscher Stummfilmklassiker unter der Regie des Malers und Filmarchitekten Paul Leni, dessen spielerische Verbindung von komischen und unheimlichen Effekten stilbildend für das amerikanische Horror-Comedy-Genre wirkt.

Auch die weiteren Termine für „Stummfilm + 2“ stehen bereits fest. Also schnell im Kalender notieren:

27.10. „Madame Dubarry“ mit Tanja Ofterdinger und Annette John (Blockflöten)

24.11. „Aelita“ mit Marc Pira  (Live Elektronik)

15.12. „Der Kameramann“ von Buster Keaton mit Martin Kruzig (Schlzg.)

26. 1. 13  „Hamlet“ mit Johanne Braun, Berlin (Oboe)

DVD-Rezension: “Juan of the Dead”

Von , 23. September 2012 14:43

Juan (Alexis Díaz de Villegas) ist ein Kleinkrimineller und Lebenskünstler, der sich mit seinem besten Freund Lazaro (Jorge Molina) mit kleinen Tricksereien und Diebstählen über Wasser hält. Eines Tages geschehen auf seinem geliebten Kuba merkwürdige Dinge. Die Toten stehen wieder auf und fallen über die Lebenden her. Laut Staatsfernsehen handelt es sich um von den USA unterstützte Dissidenten, aber die Regierung habe die Lage unter Kontrolle. Dass dem nicht so ist, müssen Juan und seine Freunde allerdings bald am eigenen Leib erfahren. Mit Paddeln und Macheten bewaffnet, machen sie sich daran, die Situation  zu Ihren Gunsten zu nutzen…

Ein Zombiefilm aus Kuba. Allein das ist schon ein Unikat. Was kann man da erwarten? Das Cover verspricht zunächst einmal nicht viel. Einen billigen Trashstreifen vielleicht. Und der Titel „Juan of Dead“? Der spielt doch sicherlich auf die britische Komödie „Shaun of the Dead“ an. Somit ist die Erwartungshaltung deutlich reduziert, und zwar auf ein billiges „Shaun“-Ripp-Off mit Exoten-Bonus. Wären da nicht die zum Teil euphorischen Kritiken gewesen und die generelle Neugier, wie wohl ein blutiger Genrefilm aus Kuba aussieht, wäre „Juan of the Dead“ wahrscheinlich nie in meinen Player gewandert.

Und das wäre durchaus ein Verlust gewesen, denn der von Alejandro Brugués inszenierte „Juan of the Dead“ entpuppte sich als humoriger, intelligent gemachter Zombiespaß, dessen politische und systemkritische Grundierung sich kein Stück hinter George R. Romeros legendärer „Dead“-Trilogie (mittlerweile ja zu einem Sextett angewachsen) verstecken braucht. Der Humor in „Juan“ ist ausgesprochen derb und oftmals sexuell aufgeladen. Ganz im Gegensatz zu dem eher feinen und schwarzen Humor aus „Shaun“. Mit diesem verbindet „Juan“ nun zwar die Personenkonstellationen (ein lethargischer Held, der über sich hinauswächst, plus sein etwas dümmlicher Freund, um die herum sich ein Gruppe kampfbereiter Überlebender scharrt), trotzdem sind beide Filme grundverschieden.

Juan ist ein Kleinkrimineller und Tagedieb von ungefähr 50 Jahren, der in jeder Situation seinen Vorteil erkennt und daher auch sonst keine großen Skrupel entwickelt, aus der Zombie-Apokalypse eine Geschäftsidee zu machen. Sein Darsteller Alexis Díaz de Villegas kommt vom Theater und seine leicht eigentümliche Gesichtsphysiognomie qualifiziert ihn nicht unbedingt zum Helden. Juan ist auch kein Held. Ein Frauenheld, ja. Und ein Patriot. Was aber nicht heißt, dass er das Castro-System unterstützen würde. Ganz im Gegenteil. Aber er liebt Kuba und findet immer gute Gründe dafür, hier nicht wegzugehen. Auch wenn das Leben dort Stück für Stück zur Hölle wird. Da braucht es keine großartige Interpretation, für wen die geistlosen Zombies wohl stehen mögen. Es kann einen nur wundern, wie der Film im kommunistischen Castro-Kuba überhaupt entstehen konnte. „Juan of the Dead“ bezieht deutlich Stellung gegen das System. So wird im Film z.B.  von der Regierung über die staatlich kontrollierten Medien – trotz besseren Wissens – permanent verbreitet, dass es sich bei den Zombies um von den USA unterstützte Dissidenten handeln würde und die Regierung die Lage selbstverständlich vollkommen unter Kontrolle hätte.

Es ist gewiss keine kleine Hinterhofproduktion. Im Vergleich zu Hollywood sieht man zwar das geringe Budget, aber für einen kubanischen Film steckt da doch eine ganze Menge Geld drin. Es gibt eine Vielzahl von Statisten und die – in der zweiten Hälfte des Filmes häufig eingesetzten – CGI-Effekte sind zwar deutlich als solche zu erkennen, aber sicherlich auch nicht ganz billig gewesen. Generell mag ich ja keine CGI, aber hier verzeihe ich dem Film deren massiven Einsatz. Ohne diesen wäre es für eine kubanische Produktion sicherlich nicht möglich gewesen, Havanna in eine postapokalyptische Landschaft zu verwandeln.

Der Humor ist, wie gesagt, derb und zielt oftmals unter die Gürtellinie. Aber das fügt sich gut in die Geschichte und das von Armut gezeichnete Milieu der Protagonisten ein. Einige Dinge sind vielleicht etwas überzeichnet, wie z.B. das merkwürdige Pärchen, das aus einem Transsexuellen und einem tumben Muskelprotz, der kein Blut sehen kann, besteht. Auch der plötzlich auftauchende Amerikaner (im Original unschwer als englischsprechender Einheimischer mit schwerem spanischen Akzent zu erkennen) ist völlig irrelevant und wird nur für zwei Gags gebraucht. Von diesen erinnert der erste allerdings– eine Massenenthauptung  – in seiner überdrehten Art fast schon an den legendären Splatter-Spaß „Braindead“.

Davon abgesehen nimmt „Juan of the Dead“ seine Geschichte und vor allem seine Figuren aber sehr ernst. Vor allem Juan wird als ein echtes menschliches Wesen gezeigt und ist, bei aller Absurdität, fest in der kubanischen Wirklichkeit verankert. Dem Horrorfilmfan werden sicherlich einige Zitate aus anderen Genreklassikern auffallen (z.B. der Unterwasser-Zombie aus „Zombi 2“ oder die an Michelle Rodriguez in „Resident Evil“ erinnernde Tochter Juans.). Doch „Juan of the Dead“ lebt nicht von diesen Referenzen allein, sondern funktioniert hervorragend als eigenständiger Film mit einer politischen Botschaft. Während alle anderen Kubaner per Boot in die USA fliehen (wie es in der Realität tatsächlich Tausende getan haben → siehe Brian DePalmas „Scarface“), bleibt Juan zurück, um das Übel in seinem geliebten  Land zu bekämpfen. Auch wenn er keine Chance hat, ein Anfang muss getan werden. Und wer das Übel ist, wird spätestens dann klar, wenn einer der Hauptcharaktere sinngemäß sagt: „Wenn ich irgendwann einmal in einem Land bin, in dem die Bewohner noch nie etwas von Castro gehört haben, habe ich meine neue Heimat gefunden.“

Die bei Pandastorm Pictures im Vertrieb von Ascot Elite erschienene DVD hat ein meiner Meinung nach etwas zu helles und nicht 100% scharfes Bild, was aber durchaus auch auf das Originalmaterial zurückzuführen ist. Da der Film auch in einigen deutschen Kinos gelaufen ist, wurde ihm eine kompetente Synchronisation verpasst, bei der Juan allerdings eine zu junge Stimme hat. Generell sollte man gerade hier die Originalfassung vorziehen, da diese zum Lokalkolorit des Filmes beiträgt. Als Extras gibt es zwei zu unterschiedlichen Zeitpunkten aufgenommene Interview-Sequenzen mit Alejandro Brugués und seinen Hauptdarstellern (6 und 13 Minuten lang), die recht interessant sind, obwohl man sich noch etwas mehr Tiefe und Information gewünscht hätte. Ferner  kann man noch einige Einblicke in „Behind the scenes“ nehmen, die insgesamt 11 Minuten dauern.

DVD-Rezension: “The Viral Factor”

Von , 23. September 2012 13:45

Bei einer geheimen Operation in Jordanien wird eine chinesische Elite-Gruppe durch einen Verräter (Andy On) in eigenen Reihen in einen Hinterhalt gelockt. Dabei wird ein tödliches Virus gestohlen und das halbe Team erschossen. Der Polizist Jon (Jay Chou) wird dabei von einer Kugel in den Kopf getroffen. Diese soll, laut Ärzten, in den nächsten paar Tagen zu einer kompletten Lähmung und dadurch schließlich zum Tod Jons führen. Jon zieht sich aus dem aktiven Dienst zurück und besucht seine Mutter in Beijing. Dort erfährt er ein lange gehütetes Geheimnis: Jon hat einen Bruder, der bei seinem Vater in Malaysia lebt. Daraufhin reist Jon nach Kuala Lumpur, um dort seine Familie aufzuspüren. Kaum ist er in Kuala Lumpur angekommen, wird die Medizinerin Rachel (Lin Peng) – mit der er sich auf dem Flug befreundet hatte – vor seinen Augen entführt. Und der Anführer der Kidnapper ist ausgerechnet sein älterer Bruder Yeung (Nicholas Tse). Jon findet schnell heraus, dass das alles mit dem in Jordanien gestohlenen Virus zusammenhängt und die Zeit tickt…

Dante Lam wurde in den letzten Jahren als Zukunft des Hongkong-Chinesischen Actionkinos gehypt. Seine Filme „The Stool Pigeon“ und „Beast Stalker“ stehen sehr hoch in der Fangunst. Nun hat er von seinem Produzenten ein, für Hongkong-Verhältnisse, sehr hohes Budget in die Hand gedrückt gekommen und damit den Auftrag, einen Mega-Action-Blockbuster zu drehen. War er damit erfolgreich? Schaut man auf die beeindruckenden Actionszenen und den hohen Aufwand, müsste man sagen: Ja.

The Viral Factor“ kann es locker mit Hollywood-Produktionen, vor allem denen aus der Michael-Bay-Schmiede aufnehmen. Die Kameraführung ist elegant, die Actionszenen rasant und atemberaubend umgesetzt. Ständig hämmert ein bombastischer Soundtrack, der sich stark nach Hans-Zimmer-Hollywood anhört. Hier wird geklotzt und nicht gekleckert und das sieht man dem Film auch an.

Besonders angenehm fällt dabei ins Auge, dass relativ wenig CGI, und wenn eher unauffällig, eingesetzt wurde. Wenn sich Autos überschlagen, dann tun sie das wirklich. Jagen sich Hubschrauber durch ein Labyrinth von Wolkenkratzern, dann hat man nicht das Gefühl, dass das alles aus dem Rechner stammen würde. „The Viral Factor“ ist bigger-than-life und ständig drängt der Film nach vorne, so dass er – trotz seiner Spielzeit von 117 (nicht wie auf dem Cover angegeben 123) Minuten – förmlich am Zuschauer vorbeifliegt.

Für die beiden Hauptrollen wurden wieder, in ihrem Heimatland populäre, Canton-Pop-Sänger gewonnen. Dante Lams Lieblingshauptdarsteller Nicholas Tse als böser Bruder macht seine Sache dabei wirklich gut und entwickelt ein ganz eigenes Charisma. Was man vom hamstergesichtigen Jay Chou leider nicht behaupten kann. Er bleibt blass und unglaubwürdig. Viel zu wenig bekommt man leider vom Schurken des Stückes zu sehen, der von Andy On mit einem guten Gespür für schmierige Gefährlichkeit gegeben wird.

Probleme stellen sich aber ein, wenn man ein Blick auf das Drehbuch wirft, welches sich vor allem aus den ältesten Klischees des Heroic-Bloodshed-Genres bedient. Der gute Gute und der gute Böse, – hier Brüder – die nicht ohne einander können. Das kennt man aus der Hochzeit eines John Woo (z.B. in „The Killer“) oder Ringo Lam („Full Contact“). Schwerer wiegt es allerdings, dass sich das Drehbuch einmal zu oft auf haarsträubende Zufälle verlässt. Da fährt z.B. der Hauptschurke zufällig in Kuala Lumpur an der Nase des Helden vorbei oder ist der erste Mensch, dem der Held begegnet, gleich sein Bruder, den er zuvor noch nie gesehen hat. Und wenn die beiden miteinander kämpfen, fällt zufällig die Brieftasche des einen so aus der Tasche, dass der andere, kurz vorm Durchziehen des Abzugs, ein kleines Familienfoto sieht. Das ist einfach ärgerlich, könnte man aber vielleicht noch verzeihen, wenn das Drehbuch sein Potential ausschöpfen würde. Aber wichtige Plotelemente werden während des Filmes einfach vergessen (die Wissenschaftlerin, die gleichzeitig love interest des Helden ist, verschwindet z.B. für einige Zeit einfach aus der Handlung) und dramatische Elemente einfach links liegen gelassen.

Zunächst wird ein großes Bohei darum gemacht, dass  Jon eine Kugel im Kopf hat, die kontinuierlich seine Motorik lähmen und dadurch schließlich innerhalb weniger Tage töten soll. Wie so etwas richtig gemacht wird, weiß man spätestens, seit Howard Hawks dem alten Cowboy John Wayne in dem Meisterwerk „El Dorado“ ein ähnliches Schicksal zumutete. Während der Cowboy dadurch in wichtigen Augenblicken gehandikapt ist und dies der Handlung eine zusätzliche Dramatik beschwert, kümmert sich Jon kein Stück um seinen nahen Tod. Im Gegenteil, er kämpft, sprintet und schießt, als ob er niemals von dieser Kugel getroffen worden wäre. Sogar im großen Finale spielt dieser Aspekt keine Rolle. Obwohl seit der tödlichen Diagnose bereits Tage vergangen sind – und er bereits unter zahlreichen Ausfallerscheinungen leiden sollte – benimmt sich Jon wie ein Fisch im Wasser und kann es problemlos mit Heerscharen von Gegnern aufnehmen. Was nicht unbedingt stören würde, wäre dieses Element nicht zu Anfang so groß aufgebaut worden.

Aber so geht es mit vielen Details. Dass der Schurke einst Jons Kollege war und dessen Freundin auf dem Gewissen hat, ist in der weiteren Geschichte genauso irrelevant, wie die Tatsache, dass sein Bruder zuvor wie ein Mähdrescher durch unschuldige Personen gepflügt ist, bis er sich plötzlich vom Saulus zum Paulus wandelte.

Im Drehbuch ist somit durchaus das  Potential für große, dramatische Effekte angelegt, es wird aber überhaupt nicht genutzt. So bleibt „Viral Factor“, unter seiner wirklich beeindruckenden Oberfläche, leider doch flach und trashig.

Die DVD von Splendid überzeugt mal wieder mit einem guten Bild und dynamischem Ton. Die Synchronisation ist zwar nur mittelmäßig, stört aber nicht allzu sehr. Zumal auch der O-Ton mit guten Untertiteln an Bord ist. Als Extras wird ein in sechs Segmente aufgeteiltes, 12-minütiges Making-Of angeboten, welches nicht viel Aussagekraft hat und neben den üblichen Interviews – die erzählen, wie toll der Film ist und wie herausfordernd die Rollen – einige Einblicke in die Dreharbeiten gibt.

Das Bloggen der Anderen (22-09-12)

Von , 22. September 2012 18:35

Durch meinen Urlaub und das Internationale Filmfest in Oldenburg hatte die Rubrik „Das Bloggen der Anderen“ in den letzten Wochen Pause. Jetzt ist sie aber wieder zurück mit einigen interessanten Fundstücken aus den letzten 8 Tagen.

– Auf Affenheimtheater findet man einen Link zu einem wirklich schönen Kurzfilm über ein Mädchen und einen Fuchs.

– Im Blog des sehr empfehlenswerten Magazins Cargo berichtet Bert Rebhandl über das Filmfestival in Toronto und bespricht einige dort gezeigte Filme.

– Anlässlich des 60. Geburtstages von Dominik Graf bespricht Lukas Foerster in seinem Blog Dirty Laundry die beiden ein wenig unbekannteren Graf-Filme Der Felsen und Hotte im Paradies. Letzterer wird auch von Thomas Groh in dessen Blog filmtagebuch besprochen.

– Noch mehr Domink Graf gibt es auf Eskalierende Träume, wo die „Fahnder“-Folge „Nachtwache“ analysiert wird. Ebendort findet man auch einen interessanten Artikel über Fluch und Segen der Digitaliserung beim Fantasy Filmfest.

– Auf Japankino gibt es ein Interview mit der deutschen Regisseurin Uta Arning , die ihr Spielfilmdebüt in Japan mit einer überwiegend japanischen Crew abgedreht hat.

– kino blog bringt einen ausführlichen Bericht über die Sven-Regener/Leander-Hausmann-Produktion „Hai-Alarm am Müggelsee“.

– Auf dem Blog der Filmzeitschrift Revolver wurde ein Artikel des vor kurzem verstorbenen Filmemachers Chris Marker (oder Chris. Marker, wie er selber gerne geschrieben werden wollte) aus dem Jahre 1954 wiederveröffentlicht: „Deutscher Film Adieu?“

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