DVD-Rezension: „Opium“

Schon lange habe ich mich nicht mehr mit dem Deutschen Stummfilm beschäftigt. Was  für ein Versäumnis dies ist, habe ich jetzt erst wieder bemerkt, als ich die 116. Veröffentlichung der empfehlenswerten Reihe Edition filmmuseum des Filmmuseums München sah. Robert Reinerts „Opium“ nennt sich selbst einen Monumentalfilm. Für einen deutschen Film des Jahres 1919 stimmt dies sicherlich. Reinert nimmt seine Zuschauer mit nach China und Indien, um vor den Gefahren des Opiums zu warnen. Gerade in den Indien-Szenen wartet er mit unzähligen Statisten auf, wobei man nicht eine Sekunde der Illusion erliegt, dies alles könnte tatsächlich in Indien gedreht worden sein. Dafür sind die Komparsen und Darsteller allzu deutlich als Deutsche in exotischen Gewändern zu erkennen. Aber das macht gar nichts, denn die Kostüme sind liebevoll und detailreich geschneidert und für die passende Exotik wurden Elefanten und sogar Löwen aufgefahren. Letztere befinden sich in einer Szene auch gefährlich nahe an den Hauptdarstellern. Dass die Löwen dabei recht müde und desinteressiert schauen (und im indischen Dschungel eher gar nicht zu finden sind), mag dem damaligen Publikum wahrscheinlich gar nicht aufgefallen sein. Damals dürften diese Aufnahmen sensationell gewirkt haben.

Wie überhaupt alles an „Opium“ sensationell ist. Dies beginnt schon mit der Geschichte, die sich erst langsam, dann immer mehr und immer schneller in einen Wirbelwind an tragischen Verwicklungen, Missverständnissen, Schuldgefühlen, Rache und Tod verwandelt. Die finsteren Pläne des von Rachedurst getriebenen Chinesen Nung-Tschang, von Werner Krauß in typischer, extrem expressiven Manier gespielt, lassen die Pläne und das Weltbild des guten Professors Gesellius wie eine Dominostrecke einstürzen. Immer wieder taucht Nung-Tschang auf, um den Flüsterer im Dunkeln zu spielen, den Figuren heimlich die falschen Gedanken einhauchend. Dabei scheint Nung-Tschang beinahe schon übernatürliche Kräfte zu entwickeln. Nicht nur befindet er sich manchmal nur Millimeter von einem der Protagonisten entfernt, ohne dass ihn irgendjemand bemerkt, nicht nur scheint er über ein unendlichen Vermögen zu verfügen, welches ihn ständig wie aus dem Nichts auf verschiedenen Kontinenten auftauchen lässt, nein, in einer Szenen verbiegt er auch mühelos die Gitter einen Gefängniszelle. Nung-Tschang ist also nicht unbedingt als Mensch aus Fleisch und Blut gezeichnet. Vielmehr stellt er die Gefahr dar, die angeblich von exotischen Völkern droht. Die Exotik, welche den braven Europäer mit ihren verführerischen Giften lockt und am Ende zerstört.

Und Nung-Tschang ist natürlich der Katalysator, der die tragische Geschichte um Prof. Gesellius und seine Vertrauten in Bewegung bringt. Diese beginnt zunächst ganz harmlos, wenn Prof. Geselliusdabei gezeigt wird, wie er in China das Opium studiert. Als er dazu der Opiumhölle des Nung-Tschang einen Besuch abstattet, ahnt er noch nicht, dass es mit seinem Leben von dort an wie auf einer Rutschbahn bergab geht. Zwar gelingt es ihm, die arme Tochter des.. zu retten, die von ihrem Vater in der Lasterhöhle eingesperrt wird, doch damit zieht er sich den Hass des ohnehin auf Europäer denkbar schlecht zu sprechenden Nung-Tschang zu. Dieser Hass hat einen Grund, denn einst verführte ein Europäer seine Frau und machte ihr ein Kind. Die Frau hat Nung-Tschang getötet, den Europäer von einer besonders zerstörerischen Opiumvariante abhängig gemacht. Und damit geht der bunte Reigen los, der einem Trivialroman oder einer mexikanischen Telenovela entsprungen sein konnte. Der besagte Europäer ist ein alter Freund von Gesellius, Professor Armstrong Sr., dessen Sohn Armstrong Jr. (gespielt vom großen Conrad Veidt, hier noch am Beginn einer Karriere und mit einer beinahe schon unheimlichen Ähnlichkeit mit dem jungen Udo Kier) der Lieblingsschüler und Ersatzsohn für Gesellius. Leider hat der Sohn ein Verhältnis mit der Ehefrau des Professors. Als dieser dahinter kommt, stürzt er sich verzweifelt in einem Opiumrausch. Währenddessen nimmt sich Armstrong Jr. vor lauter Schande und Selbstvorwürfen das Leben. Woraufhin der Professor glaubt, ihn im Opiumrausch ermordet zu haben und vor Gram die Flucht nach Indien und in die Droge Opium antritt. Verfolgt von Nung-Tschang.

Wie man aus dieser kurzen Zusammenfassung der ersten Akte dieses Filmes erkennen kann: Es ist eine Menge los und zum Ende hin steigern sich die Wendungen und Abenteuer immer mehr. Da spielt die Droge Opium eher die Rolle eines Mittels zum Zweck. Um die Augen vor der Wirklichkeit und der eingebildeten Schuld zu verschließen, wendet sich Prof. Gesellius – zunächst noch ein engagierter Kämpfer die Sucht – immer exzessiver dem Opium zu, was zu einigen höchst interessanten Szenen führt, die die Opiumträume illustrieren sollen und die in für 1919 gehöriges Maß an Nacktheit mitbringen. Da hüpfen Pangötter wild durch die Gegend und halbnackte, auch brustfreie Damen rekeln sich am Ufer eines wilden Sees. Andere Szenen sind durch Manipulation des Filmmaterials zu Bildern direkt aus dem Drogenrausch geworden. Nicht nur hier erweist sich Regisseur, Drehbuchautor und Produzent Robert Reinert als ausgesprochen einfallsreich. Unterstützt wird er von seinem Stamm-Kameramann Helmar Lerski dessen Kameraführung teilweise sehr modern erscheint, wenn er seine Kamera mitten ins Geschehen platziert und auch mal gerne nah an die handelnden Personen heranfährt.

Die Schauspielerei kann leider nicht modern nennen. In dieser frühen Phase des Films ist es noch extrem theaterhaft. Wobei gerade Eduard von Winterstein als Gesellius und auch Sybill Morel als Sis/Magdalena verhältnismäßig zurückhaltend und damit für heute Sehgewohnheiten realistischer agieren. Wobei sie ebenfalls von der expressiven Stummfilm-Darstellung natürlich nicht ausgenommen sind. Ein ganz anderes Kaliber sind demgegenüber die Herren Krauß und Veidt, hier noch ein Jahr vor ihrem gemeinsamen Jahrhundertfilm „Das Cabinet des Dr. Caligari“. Was die beiden hier abbrennen ist schon großes Kino. Völlig jenseitig agiert allerdings Friedrich Kühne als Professor Armstrong Sr., dessen unfassbaren Grimassen und theatralischen Groß-Gesten eigentlich schon damals am Rande der Persiflage balanciert sein dürfte. Ach was, schon lange in den Brunnen gefallen sind. Doch dies soll den Film in keinster Weise schmälern. Opium“ ist wirklich großes, unterhaltsames Kino, welches – wie auch zeitgenössische Kritiker es dem Spektakel beschienen haben – mühelos mit den großen, internationalen Filmen dieser Zeit mithalten kann.

Da ist es gleich doppelt schade, dass die unzensierte Premierenfassung nicht überlebt hat. Die heute vorliegende Version, die aus mehreren teilweise recht unterschiedlichen Kopien rekonstruiert und restauriert wurde, hat gegenüber dem Original fast eine halbe Stunde verloren. Angesichts dessen, dass auch die nun vorliegende 90-minütige „Rumpffassung“ nicht wenige Szenen enthält, die man auch heute noch als „gewagt“ bezeichnen könnte, würde ich zu gerne einmal die vollständige, unzensierte Fassung sehen oder eine Idee davon haben, was verloren gegangen sein könnte. Doch wie eine Texttafel am Anfang dieser schönen Veröffentlichung bemerkt: Alle Zensurkarten sind – ebenso wie die nun fehlenden Szenen – auf immer und ewig verloren. Ein Jammer.

Auch die 116. Veröffentlichung der edition filmmuseum wurde wieder liebevoll und sachkundig kuratiert. Dies beginnt schon bei dem sehr spannende, hervorragend recherchierten Booklettext von Stefan Drößler, der über die faszinierende Person Robert Reinert informiert und gleichzeitig einige Fehlinformationen gerade rückt und mit Gerüchte aufräumt. Ergänzt wird dies durch zeitgenössische Kritiken, sowie einem Beitrag von Harald Mühlbeyer anlässlich der Aufführung der rekonstruierten Fassung auf der Berlinale 2018, sowie einem Text Reinerts selber, der vor seiner Filmkarriere auch schriftstellerisch tätig war. Dieser eindrückliche Text schildert eine Hirnoperation und ihre Folgen aus der Sicht des Patienten, und passt so auch thematisch sehr gut zum Film. Ferner gibt es eine 4-minütige Strecke mit Dokumenten und vor allem Szenenvergleichen der für die Rekonstruktion vorliegenden Fassungen aus dem Filmmuseum Düsseldorf, dem Filmmuseum München und dem Filmarchiv Austria, die zeigen, dass dieselben Szenen in allen Fassungen teilweise drastisch anders aufgelöst und geschnitten sind. Ein weiteres Highlight ist eine leider nur 9-minütige Sammlung von Fragmenten aus Reinerts Film „Sterbende Völker“ von 1922. Der verschollene 2-teilige Film scheint von einem Wikingervolk zu handeln und die überlebenden Filmausschnitte sind wahrlich beeindruckend. Dass man dieses Werk wohl nie zu sehen bekommt, schmerzt ähnlich, wie der Verlust der vollständigen Premierefassung von „Opium“. Die Bildqualität der „Opium“-DVD ist – bedenkt man das Alter des Filmes, den Zustand der Originalelemente und die Tatsache, dass der Film aufgrund des Mediums nur in SD vorliegt– hervorragend. Ebenfalls gefällt die Musikbegleitung von Richard Siedhoff und Mykyta Sierov, die live bei einer Aufführung des Filmes bei den Bonner Stummfilmtagen am 17.8.2018 aufgenommen wurde.

Anmerkung: Robert Reinerts nächster Film, „Nerven“ ist übrigens bereits als Nummer 41 der Edition filmmuseum erschienen.

Dieser Beitrag wurde unter DVD, Film, Filmtagebuch abgelegt und mit , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

1 Antwort zu DVD-Rezension: „Opium“

  1. Sehr interessante Besprechung mit schönen Bildern. Hm, ob man den Löwen wohl auch etwas Opium verabreicht hat? Oder zumindest Valium … 🙂

    Robert Reinerts „Opium“ nennt sich selbst einen Monumentalfilm. Für einen deutschen Film des Jahres 1919 stimmt dies sicherlich. […] Gerade in den Indien-Szenen wartet er mit unzähligen Statisten auf

    Tja, damals profitierten die deutschen (und österreichischen) Studios von der starken Inflation, die es ermöglichte, riesige Komparsenheere praktisch auf Pump zu beschäftigen, ohne das Geld wirklich zurückzahlen zu müssen. So gab es relativ viele Großfilme, die es mit Hollywood aufnehmen konnten, wie Lubitschs MADAME DUBARRY und ANNA BOLEYN und Manfred Noas NATHAN DER WEISE, und in Österreich Michael Curtiz‘ SODOM UND GOMORRHA. Ende 1923 kam die Währungsreform, und dann war es mit der Herrlichkeit vorbei.

    und die in für 1919 gehöriges Maß an Nacktheit mitbringen

    Sowas ging 1919 leichter als danach. Denn nach dem Ersten Weltkrieg wurde in Deutschland erst mal die allgemeine Zensur abgeschafft (nur auf lokaler Ebene konnten Behörden weiterhin Filme verbieten). Und 1920 mit dem Reichslichtspielgesetz wieder eingeführt – da schlug dann die „entsittlichende Wirkung“ regelmäßig als Verbotsgrund zu. Deshalb war 1919 bis Anfang 1920 auch die große, aber kurze Zeit des „Aufklärungsfilms“ in Deutschland. Danach musste man bis in die 60er Jahre warten …

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

 

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.