DVD-Rezension „Die Höhle“

Höhle Cover
Ein Gruppe von fünf Freunden unternimmt eine gemeinsame Tracking-Tour auf Formentera. In einem abgelegenen, menschenleeren Gebiet der Nähe der Küste entdecken sie den Zugang zu einer labyrinthartigen Höhle. Neugierig dringen sie immer weiter in die Höhle vor. Als sie den Rückweg antreten wollen, müssen sie, zu ihrem sich langsam steigernden Entsetzten, feststellen, dass sie sich in den weitläufigen Stollen hoffnungslos verlaufen haben…

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In den ersten Szenen des Filmes „Die Höhle“, gleitet die Kamera über eine einsame Landschaft an der spanischen Küste, um dann stimmungsvoll in der titelgebenden Höhle zu verschwinden. Dann ein harter Schnitt, und der Zuschauer erlebt durch eine wackeligen Videokamera mit, wie sich fünf Freunde an einem Flughafen treffen. Es folgen allerlei Albernheiten und ausgelassene Spielchen, die einer der fünf fleißig aufnimmt. Als geneigter Filmfreund schlägt man sich spätestens hier erst einmal gegen die Stirn. Schon wieder „Found Footage“. Diese Genre, welches nun schon seit Jahren von vielen begabten, und leider noch mehr unbegabten, Filmemachern ausgeschlachtet wurde und mittlerweile so tot sein sollte, wie das Arschgeweih über dem verlängertem Rücken. Doch das preisgünstige Genre erweist sich als zäher Wiedergänger und überschwemmt weiterhin den Filmmarkt. „Die Höhe“ funktioniert zu Beginn dann wie fast alle diese Filme. Man darf mit viel Gewackel den Aktivitäten einer Gruppe jungen Erwachsener folgen, die durch die Bank weg viel zu aufgedreht oder betont lässig sind, um irgendwie realistisch oder zumindest sympathisch zu wirken. Gemeinsames Nacktbaden, ein nächtliches Besäufnis oder Experimente mit leichten Drogen nerven ebenso so schnell, wie die platten Streiche, die sie sich gegenseitig spielen. Bewegt sich der eigene Finger auf der Fernbedienung langsam, aber sicher in Richtung „Aus“-Knopf, geht es in die titelgebende Höhle. Hier schlägt der Film dann relativ schnell einen anderen Ton an.

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Nachdem sich die Gruppe aufgrund ihrer eigenen Dummheit viel zu weit ins Innere des labyrinthartigen Gewirr aus engen Stollen vorgewagt hat, findet sie den Weg zurück nicht mehr. Recht schnell fallen die Masken, die man sich zuvor noch mühsam auf das Gesicht gepappt hat. Insbesondere der Scherzbold der Gruppe erweist sich sehr bald schon als tyrannisches Arschloch, der Schönling als hilfloses Anhängsel und der Kameramann als willfähriger Mitläufer. Bei den beiden Damen sieht es anders aus. Dass die schöne Eva García, die erste sein wird, die zusammenbricht ist von Anfang an offensichtlich, ebenso wie die Rolle der Marta Castellote als zähe Macherin, die als Einzige so etwas wie Moral hochhält. Moralisch-ethische Fragen sind es dann auch, mit denen Regisseur Alfredo Montero spielt. Wie weit geht man, um das eigene Überleben zu sichern? Wie schnell verroht der Mensch unter Extrembedingungen. Während andere Höhlenfilme noch eine externe Gefahr mit in den Ring werfen, bleiben die fünf Protagonisten in „Die Höhle“ unter sich, und der Film konzentriert sich ganz auf ihre Verzweiflung, ihre Qualen und dem Zerbröckeln ihres zivilisatorischen Schutzes.

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Dass Alfredo Montero seinen Film in einer echten Höhle gedreht hat, in der obendrein – so wird es zumindest im „Making Of“ stetig behauptet – tatsächlich einst eine Gruppe junger Menschen spurlos verschwand, kommt dem Film zu gute. Die P.O.V.-Kamera fängt die Enge der Höhle gut ein, und man hat in der Tat das Gefühl, von links und rechts, oben und unten zerdrückt zu werden. Zwar ist der auf dem Cover aufgedruckte, William-Castle-artig, Werbeslogan „Warnung: Dieser Film kann Atemnot und Beklemmungen auslösen. Ansehen auf eigene Gefahr.“ eine maßlose Übertreibung, aber gerade durch die eingeschränkte Sicht der Kamera und dem Spielen mit klaustrophobischen Ängsten, befindet man sich, als für solche Phobien empfänglicher Zuschauer, in einer ausgesprochen unangenehmen Situation. Und in der Tat hätte eine Entscheidung, den Film auf konventionelle Weise zu drehen, vielleicht diesen beklemmenden Effekt stark abgemindert. Von daher kann man in diesem einen Falle die künstlerische Entscheidung, den Film als weiteren „Found Footage“-Klon zu drehen, nachvollziehen und für gut heißen.

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Tatsächlich ist man in der zweiten Hälfte sehr nah an den Figuren. Alfredo Montero macht sich sogar die Mühe, die ständig anwesende Kamera zu erklären. Der Kameramann besitzt einen Reiseblog, für den er die Exkursion der Fünf festhalten will, und immer wieder erwähnt er voller Vorfreude die ungeheuren Click-Raten, die ihm sein Video nach der Rettung beschweren wird. Später dient die Kamera als einzige Lichtquelle oder Nachtsichtgerät. Gerade in letzteren Szenen, zieht die Spannung und Dramatik dann sprunghaft an. Davor beschäftigt Montero sich eher mit dem Erschaffen einer verzweifelt-klaustrophobischen Stimmung und der Frage nach dem Verfall der Moral, der Zivilisation und der persönlichen Grenzen im Angesicht einer scheinbar aussichtslosen Situation. Seinen zentralen Tabu-Bruch inszeniert er dann aber nicht voyeuristisch-exploitiv, sondern angenehm dezent und ohne die vermutete Zeigelust. Mehr konzentriert er sich darauf, was dieser in den Figuren auslöst – oder eben auch nicht auslöst.

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Obwohl wieder einmal das stark ausgelutschte Genre des „Found Footage“ bemüht wird, gelingt es Regisseur Alfredo Montero dieses effektiv für das Erzählen seiner Geschichte zu nutzen, und eine bedrückend-klaustrophobische Stimmung zu erschaffen. Dabei werden auch ethisch-moralische Fragen angerissen.

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Das Bild dieser Ascot Elite Veröffentlichung ist für einen Film des Found Footage-Genres erstaunlich gut. Vielleicht sogar etwas zu gut, um authentisch zu wirken. Auch beim Ton gibt es keine Abstriche, höchstens bei der Synchronisation, die leider recht schwach ausgefallen ist. Besser im Original mit deutschen Untertiteln schauen.  Als Bonus gibt es ein 11-minütiges „Making Of“ und fünf Featurettes, in denen sich bemüht wird, immer wieder auf die „wahre Geschichte“ hinter „Die Höhle“ hinzuweisen. Ob nun wirklich einst fünf Freunde in der Höhle verschwanden, oder dies ein „Blair Witch Project“-ähnlicher Marketing-Trick ist, ist mir leider nicht bekannt, tut aber auch nicht so viel zur Sache. Insgesamt ist das Bonusmaterial recht unterhaltsam ausgefallen.
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