DVD-Rezension: “You’re Next”

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Aubrey und Paul Davison (Barbara Crampton und Rob Moran) wollen ihre zerstrittenen Kinder wieder zusammenbringen und laden dies zusammen mit ihren Lebensgefährten in ein großes, etwas abgelegenes Landhaus ein. Alle vier Kinder folgen der Einladung, doch schon bald stellen sich wieder die alten Spannungen ein. Beim abendlichen Dinner eskaliert der Streit. Genau in diesem Augenblick wird das Haus von Unbekannten in Tiermasken angegriffen, welche die Familie Stück für Stück dezimiert. Nur die Erin (Sharno Vinson), Verlobte des mittleren Sohnes, behält einen klaren Kopf und weiß sich zu wehren…

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In den USA hat sich scheinbar ein Kollektiv aus Schauspielern, Autoren und Regisseuren zusammengefunden, die sich nicht nur alle im unabhängigen Genrefilm tummeln, sondern sich auch gegenseitig als Schauspieler unterstützen. Das erste Mal trat die Gruppe bei dem Found-Footage-Episodenfilm „V/H/S“ (Kritik hier) gemeinsam in Aktion. „You’re Next“-Regisseur Adam Wingard drehte hier die Rahmenhandlung „Tape 56“, Drehbuchautor Simon Barrett schrieb nicht nur dieses Segment des erfolgreichen Episodenfilms, sondern alle weiteren Wingard-Filme. Zudem spielte er in ihnen auch immer wieder kleinere Rollen. In „You’re Next“ z.B. den Anführer der Terrorgang, die die Familie bedroht. Joe Swanberg, der hier den ältesten Bruder der Davison-Familie spielt, war ebenfalls als Regisseur und Schauspieler bei „VHS“ involviert und inszenierte das beste Segment „The Sick Thing That Happened to Emily When She Was Younger“, zudem führte er gemeinsam mit Adam Wingard Regie beim Episoden-Film „Autoerotic“ und spielt im neuen Film von Ti West, „The Sacrament“ mit. Ti West selber, der ja oftmals als eine der Hoffnungen des modernen Horrorfilms gefeiert wird, ebenfalls bei „V/H/S“ dabei war und mit „The Innkeepers“ einen der meiner Meinung nach schönsten Gruselfilme der letzten Jahre (Kritik hier) abgeliefert hat, kann in „You’re Next“ ebenfalls aus Schauspieler bewundert werden. Er spielt den Freund der Tochter des Hauses, einen Dokumentarfilm-Macher.

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Im ersten Drittel des Filmes gelingt es Regisseur Adam Wingard eine zum schneiden dichte Atmosphäre der allgegenwärtigen Bedrohung aufzubauen. Dabei wird er von einem intensiven und hoch-effektiven Sound-Design unterstützt. Dies liegt nicht allein an den gruselig-morbiden Tiermasken der Angreifer, sondern auch an deren absoluter Rücksichtslosigkeit und Brutalität, mit der sie zu Werke gehen. Da man zunächst kein Motiv für ihre blutigen Schandtaten erkennen kann, verkörpern sie – wie die Teenager in Hanekes intellektuellen Home-Invasion-Variante „Funny Games“ – das plötzlich und ohne erkennbaren Grund über das schutzlose Ich hereinbrechende Böse. Kurz nach dem Überfall lässt Wingard diese Bedrohungskulisse in sich zusammenfallen und der Film nimmt eine gänzlich andere Wendung, als zuvor gedacht.

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Nachdem die Motive der Täter auf dem Tisch sind und unter den Tiermasken plötzlich Menschen zum Vorschein kommen, verwandelt sich auch die ungreifbare, scheinbar willkürliche Kraft der Zerstörung in ganz normale Verbrecher, die auch nicht immer geschickt zu Werke gehen. Damit unterwandert Wingard zwar seinen eigenen Film, der bis dahin ein Musterbeispiel für Terror war, bietet dem Zuschauer dafür aber eine tiefst schwarzhumorige Variante des Slasher-Films an, der mit der Konvention des „Final Girl“ recht innovativ und vor allem unterhaltsam bricht. Erin, wäre in einem anderen, den Regeln strenger gehorchenden Film vielleicht tatsächlich die letzte Überlebende gewesen, da sie – im Gegensatz zu den Mitgliedern der Familie – tatsächlich reinen Herzens ist. Hier allerdings mutiert sie in einem zwar recht unwahrscheinlichen, dafür aber recht effektiven Twist zu einer Killermaschine, die den Angreifern in nichts nachsteht, ja, im Gegenteil ihnen durch ihre Gnadenlosigkeit sogar überlegen scheint.

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Während sich links und rechts die Leichentürme stapeln, scheint Erin in der Tat die einzige Person zu sein, die sich absolut rational verhält. Alle anderen folgen mehr oder weniger den in unzähligen Slasher-Filmen aufgestellten Regeln und kommen dadurch um. Dies erinnert natürlich an den großen postmodernen Slasherfilm, „Scream“ und seine Fortsetzungen. Nur spielt „You’re Next“ nicht so offensiv mit dem Genre und ist auch nicht so selbstreflexiv, wie Wes Cravens Film. Hier dient der überraschende Bruch der Slasher-Standards vor allem dazu, eine neue Variante einzuführen, um böse und ausgesprochen brutale Tötungen zu zeigen. Diese werden allerdings immer wieder durch ein Augenzwinkern abgemildert und nehmen gerade im großen Finale derart groteske Züge an, dass man sich sicher sein kann, dass Wingard seinen Film nicht besonders ernst gemeint hat.

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„You’re Next“ musste zwei Jahre in den Regalen seiner Verleihfirma liegen, bevor er im August letzten Jahres eine vernünftige Veröffentlichung bekam. Dabei lief er bereits 2011 auf dem Toronto Filmfestival und wurde dort vom Publikum positiv aufgenommen. Hauptdarstellerin Sharni Vinson war davor einem internationalen Publikum hauptsächlich aus dem Tanzfilm „Step Up 3D“ bekannt. Wobei sie in ihrer Heimat Australien auch lange in einer TV-Serie namens „Home and Away“ mitspielte. Mittlerweile war sie auch in „Bait“ und dem Remake des australischen Gruselfilmklassikers „Patrick“ dabei. Sie macht in „You’re Next“ ihre Sache ausgesprochen gut und überzeugt sowohl als nettes Mädchen von Nebenan, als auch als gnadenlose Kampfmaschine. Der restliche Cast bietet eine solide Leistung und es gibt ein sehr erfreuliches Wiedersehen mit Barbara Crampton, die mit ihrer Rollen in „Re-Animator“ und „From Beyond“ in den 80er Jahren zur Horrorikone wurde. Hier spielt sie die Mutter der Davison-Familie und sieht so prächtig aus wie eh und je.

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Nach einem bedrohlichen und atemlos machenden Beginn, kippt „You’re Next“ dann von einem atmosphärisch dichten Terrorfilm, in einen überaus rasanten Slasher, der mit makaberen und tiefschwarz-humorigen Elementen arbeitet. Dabei werden die äußerst brutalen Morde schließlich ins Groteske gesteigert, so dass der Film zwar seinen beklemmenden Anfang verrät, dem Zuschauer dafür aber ein ausgesprochen kurzweiliges und augenzwinkerndes Spektakel anbietet.

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Das Bild der Splendid-DVD ist wie gewohnt gut und der Ton gibt das effektive Sound-Design gut wieder. Einziger Wermutstropfen sind die Extras. Zwar gibt es sehr viele Trailer aus dem Splendid-Programm, aber sonst keinerlei Bonus.

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