DVD-Rezension: “V/H/S”

Eine Gruppe von Anarcho-Filmern, die im Internet Videos ihrer Aktionen (leerstehendes Haus verwüsten, fremden Frauen das Oberteil vom Leib reißen) hochladen, wird beauftragt, in einem alten Haus eine bestimmte VHS-Kassette zu finden. Natürlich filmen sie auch diese Aktion. Im Haus stoßen sie nicht nur auf die Leiche des Besitzers, sondern auch auf unzählige VHS-Tapes. Um nun das richtige zu finden, müssen sie sich durch diese Sammlung gucken. Und was sie dort sehen, ist sehr unheimlich…

Mumblecore nennt sich eine neue Filmbewegung aus den USA, die mittlerweile auch durch Axel Ranisches „Dicke Mädchen“ in Deutschland für Furore unter den Cineasten sorgt. Dabei handelt es sich um No-Budget-Filme, die mit Amateuren besetzt sind und vor allem Wert auf den Dialog legen. Aus dem Umfeld dieser Indie-Film-Bewegung stammen auch die meisten der an „V/H/S“ beteiligten Regisseure. Allen voran Joe Swanberg und Adam Wingard. Über ihre Beweggründe, gemeinsam das Projekt „V/H/S“ zu initiieren, kann ich nur mutmaßen. Vielleicht sollten die, nur eingeschworenen Indie-Fankreisen bekannten Filmemacher durch eine Genre-Produktion einem größeren Publikum bekannt gemacht werden. Ähnliches hat man ja 1995 mit dem Film-Quartett „Four Rooms“ versucht, für das die damals heißesten Indie-Regisseure jeweils eine Episode beisteuern durften. Leider war dieser Versuch damals reichlich missglückt. Ob „V/H/S“ nun diesen Zweck erfüllt hat, darf angesichts der großen Hass-Welle im Internet allerdings stark bezweifelt werden.

Wer sich auf „V/H/S“ einlässt, braucht eine gewisse Abgestumpftheit gegenüber extremer Wackelkamera-Optik. Alle Geschichten sowie die Rahmenhandlung, gehören nämlich zum eigentlich schon völlig ausgelutschten Genre des „Found-Footage“-Films. Dieser täuscht Authentizität durch eine bewusst amateurhafte Kameraführung vor. Wobei ich kaum glaube, dass irgendein Amateurfilmer so inkompetent mit der Kamera umgeht, wie es einem diese Art von Filmen weismachen möchte. Wie dem auch sei, bei „V/H/S“ wird ordentlich gewackelt. Da hier gleichzeitig auch noch das suboptimale Bild alter VHS-Tapes imitiert wird, hat man häufig große Mühe, etwas zu erkennen und dem Geschehen zu folgen. Dies ist der Hauptkritikpunkt der vielen Internet-Reviews und auch nachzuvollziehen. Kann oder will man sich nicht auf das massive Geschüttel einlassen, nervt „V/H/S“ schon nach wenigen Minuten ganz gewaltig.

Ein anderes, immer wieder vorgebrachtes Argument behauptet, dass die Geschichten dünn und langweilig seien. Das kann ich so nicht stehen lassen. Zwar muss man zugeben, dass nicht alle Episoden gleich gut gelungen sind und ausgerechnet diejenige von Ti West, der sich mit seinen Old-School-Horrorfilmen „House of the Devil“ und „The Innkeepers“ bereits eine ordentliche Fanbasis erworben hat, ist ein echter Schnarcher. Der Rest allerdings bewegt sich zwischen okay und sehr gut. Die Rahmenhandlung ist zunächst ein wenig verwirrend und durch seine extrem unsympathischen Protagonisten stark gewöhnungsbedürftig. Doch im Grunde soll hier ja nur der Rahmen für die zu zeigenden Kurzfilme geschaffen und das gemeinsame Thema (Found Footage und der VHS-Look) erklärt werden. Gerade in der Rahmenhandlung bricht der Film aber auch mal mit seinem Konzept, und so gibt es mindestens eine Szene, in der nicht nur mit einer einzigen Kamera gearbeitet und dadurch das „Found Footage“-Konzept ad absurdum geführt wird. Dem Regisseur der Rahmenhandlung, Adam Wingard, gelingt es aber hervorragend, das Haus, in dem seine Geschichte spielt, in eine gruselige Gruft zu verwandeln, die tiefe Ängste schürt. Vielleicht wäre die Rahmenhandlung noch etwas effektiver, wenn ihre Hauptpersonen nicht solche Arschlöcher wären.

Sympathisch sind die drei Protagonisten der ersten Episode, „Amateur Night“ inszeniert von David Bruckner, aber auch nicht gerade. Im Gegenteil, auch ihnen wünscht man schnell ein böses Ende. Die einzige Ausnahme bildet der Nerd, der mit seiner „Spionage-Brille“ das Ganze aufzeichnet. Regisseur Bruckner macht aber sonst alles richtig, insbesondere bei seiner Wahl seiner Hauptdarstellerin. Hannah Fierman ist schlichtweg fantastisch. Ihr merkwürdiges Aussehen, die großen, scheu und gehetzt durch die Gegend blickenden Augen und ihre seltsame Art, sich zu bewegen, das alles wirkt zutiefst beunruhigend. Wenn sie sich in Großaufnahme der Kamera nähert und emotionslos immer wieder „I like you“ aufsagt, läuft es einem eiskalt den Rücken runter. Wollen sich dann die Jungs unter großem Gelächter in einem billigen Hotelzimmer an ihren beiden „Opfern“ vergehen, fühlt man sich aufgrund der unmittelbaren Nähe, die der Found-Footage-Look suggeriert, sehr unangenehm. Dieses ungute Gefühl verstärkt den Horror, wenn der Film plötzlich in eine Splatter-Geschichte umschlägt. Man hat es geahnt, aber es trifft einen doch ins Mark. Dazu tragen die sehr real wirkenden Special-Effekts (natürlich gut kaschiert durch das unzureichende Filmmaterial) effektiv bei.

Die zweite Episode „Second Honeymoon“ von Ti West, ist die schwächste Episode des Filmes. Hier geht es um zwei Hochzeitsreisende, die durch die USA fahren und sich dabei filmen. Es gibt eines Abends eine mysteriöse Begegnung mit einem merkwürdigen Mädchen (offscreen), und einmal werden die beiden nachts von einer unbekannten Person gefilmt. Diese Vorstellung ist zwar unangenehm, aber im Kontext nicht besonders gruselig. Leider sind einem die beiden Turteltauben (der Mann wird übrigens vom Regisseur der stärksten „V/H/S“-Episode, Joe Swanberg, gespielt) auch ziemlich egal und die finale Pointe ziemlich blöd.

Episode No. 3 mit dem bezugsreichen Titel „Tuesday, the 17th“ (Regie: Glenn McQuaid) kommt als „Friday, the 13th„-Hommage daher. Wir haben den Wald, die Gruppe Teenies, die verbotene Sachen machen und den gnadenlosen Killer, der aus dem Nichts zuschlägt. Einige seiner blutigen Morde zitieren sogar wörtlich das Vorbild. Der interessante Aspekt dieser Episode ist es, dass der Killer in den Störungen des Videotapes existiert. Dies ist gut umgesetzt, allerdings leidet auch diese Geschichte etwas darunter, dass die Teenies unsympathische Großmäuler sind, denen man ihr Schicksal von Herzen gönnt. Ein Thema, welches sich irgendwie durch „V/H/S“ zieht, denn die Typen aus der Rahmenhandlung, der ersten und auch der letzten Episode sind auch nicht viel besser.

Es folgt die beste und innovativste Episode: „The Sick Thing That Happened to Emily When She Was Young” von Joe Swanberg. Die Idee, einen Film vollständig über Skype aufzunehmen, ist nun wirklich neu und verblüffend effektiv umgesetzt. Hier entsteht der Horror weniger durch das, was man sieht, sondern eher durch das, was man nicht sieht oder zu sehen meint. Zudem steht mit Emily endlich mal eine sympathische und liebenswerte Person im Zentrum einer Episode. Gespielt wird sie von der Newcomerin Helen Rogers, die einerseits sehr niedlich, anderseits aber auch leicht merkwürdig aussieht. Sie kommt so warmherzig rüber, dass man wirklich Angst um sie hat, was dem Horror noch eine zusätzliche Dimension verleiht und ihn kaum erträglich macht. Über das seltsame Ende der Geschichte kann man streiten. Es lässt zumindest Raum für Spekulationen. Über 90 Minuten würde das filmische Konzept sicherlich nicht tragen, aber „Emily“ hat genau die richtige Länge für solch ein Experiment. Ich würde jetzt gerne mehr von Helen Rogers sehen.

Die abschließende Episode “10/31/98″ des Internet-Kollektivs Radio Silence bringt noch einmal eine weitere Gruppe unangenehmer, ungehemmter Kerle auf die Mattscheibe. Hier sind es drei Kumpels, die auf eine Halloween-Party eingeladen sind. Einer von ihnen trägt ein Bärenkostüm mit eingebauter Kamera. Dementsprechend verwackelt sind die von ihm aufgenommenen Bilder. Die Drei fahren zu einem scheinbar verlassenen Haus, wo angeblich eine Party stattfinden soll. Doch statt der versprochenen Party finden sie auf dem Dachboden eine Gruppe merkwürdiger Leute, die offensichtlich ein junges Mädchen quälen. Hier wird alles aufgefahren, was die Spukhausthematik so hergibt. Fliegende Gegenstände, aus der Wand greifende Arme, merkwürdige Kinder und ein Haus, welches ein Eigenleben zu führen scheint. Klassischer Horror mit klassischer Pointe. Die „Wackelästhetik“ wird hier bis zum Exzess ausgereizt, und hätte man diese Episode hinter die erste gepackt, wäre es wahrlich des Guten zu viel gewesen. So hatte man zumindest Zeit, seine Augen mit den eher ruhiger gefilmten Geschichten zu beruhigen. „10/31/98“ macht Spaß und kommt vom Look her der Idee eines alten Amateuervideofilms am nächsten.

„V/H/S“ spaltet die Gemüter. Die Frage, wie man zu diesem Film steht, hat auch damit zu tun, wie resistent man gegen das permanente Gewackel der Kamera ist. Bis auf wenige Ausnahmen bietet diese Anthologie aber ausgesprochen gruselige Geschichten, von denen „The Sick Thing That Happened to Emily When She Was Young” durch seine frische Experimentierfreude, eine interessante Story und liebenswerte Hauptdarstellerin heraussticht. Lediglich Ti Wests „Second Honeymoon“ enttäuscht.

Über die Bildqualität, deren Minderwertigkeit ja zum Konzept gehört, kann man logischerweise nichts sagen. Gleiches gilt für den Ton, der auch laienhafte Videoaufnahmen imitiert. Die DVD von Splendid hat einige Extras an Bord, die allerdings recht willkürlich zusammengewürfelt erscheinen. Da gibt es ein Selbstinterview des Regisseurs der „Emily“ Episode und dann interviewt er höchstselbst noch seine Hauptdarstellerin Helen Rogers, die in natura ebenso niedlich und sympathisch rüberkommt, wie im Film. Was man von Drew Moerlein und seinen Kollegen aus der Episode „Tuesday, the 17th“ nicht sagen kann, die sich im Privatleben ebenso „cool“ und unangenehm aufführen wie im Film. Es gibt noch ein alternatives Ende der „10/31/98“, welches allerdings absolut unbefriedigend ausfällt und zurecht auf den Müll flog. Das war’s dann leider schon. Ein erhellendes Interview mit allen Filmemachern über die Hintergründe, wie und warum das Projekt „V/H/S“ zustande kam, wäre da interessanter gewesen.

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