DVD-Rezension: “Der Killer von Wien”

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Die unglücklich verheiratete Julie Wardh macht eine schwere Zeit durch: Sie wird nach einer Affäre erpresst und ihr sadistischer Ex-Liebhaber stellt ihr noch immer nach. Gleichzeitig geht in Wien geht ein unheimlicher Mörder um, der junge Frauen mit dem Rasiermesser tötet. Dieser scheint es auch auf Julie abgesehen zu haben.

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Es ist schwierig objektiv einen Film zu besprechen, der einem recht viel bedeutet. Das erste Mal sah ich „Der Killer von Wien“ auf einem schraddeligen VHS-Tape, als x-te Kopie des schwedischen Tapes unter dem Titel „Next!“. Im falschen Format, voller Video-Laufstreifen, ab und an wurde das Bild schwarz-weiß und manchmal musste man raten, was man da gerade sieht, so unscharf war das Ganze mittlerweile. Trotzdem zog mich der Film in seinen Bann und so verbrachte ich die folgenden Jahre damit, an eine perfekte Fassung zu kommen. 2006 brachte Koch Media den „Killer von Wien“ auf DVD heraus und letztes Jahr im Februar erfüllte ich mir selber den ultimativen Wunsch: Diesen Film einmal auf der großen Leinwand zu sehen. Im Rahmen unserer „Weird Xperience“-Reihe zeigten wir im Bremer Kommunalkino eine tolle 35mm-Kopie aus dem Münchener Werkstattkino. Leider wurde – wie so oft – dies von meinen lieben Mitbürgern nicht besonders honoriert und so fanden sich nur wenige Interessierte zu diesem Ereignis ein. Für mich allerdings, war es trotzdem eines der schönsten Kinoerlebnisse überhaupt. Edwige Fenech in ihrer ganzen Pracht und Herrlichkeit schaute mich von der Leinwand herab an und mein Herz schmolz.

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Nun ist die umwerfend schöne französisch-algerische Schauspielerin nicht der einzige Grund, weshalb „Der Killer von Wien“ in meinem persönlichen Kino-Pantheon einen relativ hohen Platz einnimmt, aber ein wichtiger. Für Edwige Fenech, Tochter eines maltesischen Vaters und einer sizilianischen Mutter, war der Film die erste echte dramatische Rolle, nachdem sie zuvor in vielen – vor allem deutsch co-produzierten – Sexkomödien mitgespielt hatte. Zum „Killer von Wien“ war sie gekommen, da sie zu diesem Zeitpunkt mit Luciano Martino zusammen war, der den Film seines Bruders Sergio produzierte. Die damals gerade 22-jährige Schauspielerin sollte auch in Martinos weiteren Gialli und generell in diesem Genre eine wichtige Rolle spielen, bevor sie Ende der 70er wieder vermehrt in Sexkomödien, wie den „Heißen Teens“-Filmen, zu finden war. „Der Killer von Wien“ zeigt dann auch gleich ihre ganz besondere Qualität, denn neben ihrer Schönheit besitzt sie auch eine enorme Präsenz und Autorität. Sobald sie die Szene betritt, zieht sie gleich die ungeteilte Aufmerksamkeit des Publikums auf sich, und so damit sollte sie es auch später immer wieder schaffen, schwächere Filme allein durch ihre Anwesenheit zu adeln.

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Sergio Martinos Inszenierung ist bei „Der Killer von Wien“ zwar nicht so verspielt wie „Der Schwanz des Skorpions“, doch bereits hier setzt er innovativ die Kamera ein. Die elegante, scheinbar endlose Kreisfahrt um die Fenech, wenn sie einen Anruf des geheimnisvollen Erpressers erhält, nimmt schon das vorweg, wofür Brian de Palma oder Michael Ballhaus Jahre später berühmt wurden. Jeder Kamerawinkel stimmt, die Fenech wird nicht gefilmt, sondern förmlich zelebriert und die Morde haben eine derart wilden Intensität, die für die damalige Zeit (wir schreiben das Jahr 1970) noch unbekannt war. Zusätzlich wird viel Wert auf Design und Kostüme gelegt. „Der Killer von Wien“ ist mit seinen bunten, streng geometrischen Tapeten, Edwige Fenechs farbintensiven Kostümen und George Hiltons cooler Sonnenbrille ist einer der stylishsten, bestaussehensten Filme seiner Ära. Dies gilt vor allem auch für die stilvollen Rückblenden, in denen sich die Fenech und Ivan Rassimov in slow motion im Regen wälzen, oder eine Weinflasche zertrümmert wird und sich die Splitter in Zeitlupe wie ein Feuerwerk explodiert, um sich dann wie Sperma auf der nackten Signoria Wardh zu ergießen. Szenen, die man nicht wieder vergisst.

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Ein wichtiger Faktor, um den Film zu einem Highlight des italienischen Thrillers werden zu lassen, ist die grandiose Musik von Nora Norlandi, die später auch in Quentin Tarantinos „Kill Bill Vol.2“ zu finden war. In einer der spannendsten Szenen des Filmes – wenn nicht auch des ganzen Genres – ist sie allerdings abwesend. Wenn Mrs. Wardh am Ende des Filmes in größter Lebensgefahr schwebt, verzichtet Martino darauf, die suspense per dramatischer Musik zu erzeugen, sondern verlässt sich ganz auf einen effektiven Schnitt und intensives Sounddesign.  Ein dröhnender Ton und der Herzschlag der Signora Wardh reichen aus, um die Spannung ins Unerträgliche zu steigern. Neben der Fenech als Mittelpunkt des Filmes, hat Martino auch ein vorzüglichen weiteren Cast vor der Kamera versammelt. Da ist einmal natürlich Ivan Rassimov, der hier wieder einmal mit seiner dämonisch wirkenden, leicht exotische Erscheinung, die Idealbesetzung für den unheimlichen, sadistisch veranlagten Ex-Liebhaber der Wardh ist. Aber auch Sunnyboy George Hilton, weiß in seiner etwas zwielichtigen Rolle zu gefallen. Nicht vergessen sollte man ferner Alberto de Mendoza als Mr. Wardh, der das Beste aus seiner scheinbar undankbaren Rolle herausholt.

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Sergio Martino etablierte sich mit „Der Killer von Wien“ als einer der Großmeister des italienischen Thrillers. Insbesondere mit dem mörderisch spannenden Finale dieses Filmes gelang es ihm, sich in den Köpfen und Herzen der Fans zu verankern.

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Nach der schon lange vergriffenen DVD von Koch Media, ist diese Doppel-DVD von filmArt, die als No. 4 ihrer Giallo-Reihe erschien, die zweite Veröffentlichung des „Killers von Wien“ in Deutschland. Für denjenigen, die den Film noch nicht im Regal stehen hat, ist die Anschaffung durchweg zu empfehlen. Die Frage ist, lohnt sich für Besitzer der Koch-Media-Scheibe der Neukauf? Nicht unbedingt. Beginnen wir mit den Extras. Die sehr interessante Doku „Dark Fears Behind The Door“ (31 Minuten) stammt von der  amerikanischen „No Shame“-DVD und war bereits auf der Koch-DVD enthalten. Die beiden Features „La bellissima musica della Signora Orlandi“ und das sehr entbehrliche „Austrofred – Tu felix Austria nude“ haben es nicht auf die filmArt-Scheibe geschafft. Dafür findet sich dort eine spannendes, halbstündiges Interview mit Sergio Martino, welches 2013 aufgenommen wurde und sich mit seiner Filmkarriere beschäftigt. Der Wermuts-Tropfen: Das selbe Interview war bereits auf der No.2 der filmArt Giallo Edition, „Der Schwanz des Skorpions“, enthalten. Dafür gibt es ein weltexklusives Feature, welches natürlich mein Herz höher schlagen lässt: Eine Abtastung der alten, deutschen 35mm-Kopie. Wahrscheinlich der selben, die wir auch in Bremen gezeigt haben. Natürlich sieht man dieser Kopie das Alter und sein „Leben“ deutlich an, aber das macht für mich gerade den nostalgischen Reiz aus. Aber das mag auch Geschmackssache sein. Wie sieht es mit Bild und Ton aus? Der Ton wurde gegenüber der Koch Media-DVD neu abgetastet und liegt gefiltert und ungefiltert vor. Zudem wurde auch noch die alte Abtastung mit auf die Scheibe gepackt. Letztere klingt etwas dünn, während sich mir die neue ein wenig zu dumpf anhört. Zwischen gefiltert und ungefiltert habe ich keinen großen Unterschied gehört, aber das mögen andere Ohren auch anders empfinden. Das Bild ist mit dem der Koch-Media-DVD identisch und hat für meinen Geschmack etwas wenig Kontrast und einen Hauch zu dunkel. Zum Vergleich mit der alten Koch-Media hier zwei Screenshots.

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Neue DVD von filmArt

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Alte DVD von Koch Media

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1 Antwort zu DVD-Rezension: “Der Killer von Wien”

  1. Morübe sagt:

    @filmart ! MOIN Bringt doch bitte lieber Filme raus die noch keine VÖ haben (bzw. wenigstens keine mit D Untertiteln), Oder war die KOCH VÖ limitiert. Sieht nicht nach Mehrwert aus in meinen Augen grad.
    PS: Molto Bene! Meisterwerk 🙂

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