Rezension: „I Declare War“

I-Declare-War-dvd_coverIn einem Wald treffen sich regelmäßig einige Kinder, um „Krieg“ zu spielen. Dabei müssen zwei Gruppen versuchen, die jeweils gegnerische Basis aufzuspüren und die Fahne des Gegner zu erobern. Das Spiel verläuft immer nach festen Regeln. Doch diesmal ist es anders. Der aufbrausende Skinner (Michael Friend) fängt an, die Regeln zu brechen und nimmt Paul (Siam Yu), den besten Freund des genialen Strategen P.K. (Gage Munroe), als Geisel. Auch als Skinner beginnt Paul zu foltern, geht das Spiel immer weiter…

Im gleichen Jahr, in dem er sein Spielfilm-Debüt „Cold Blooded“ (ebenfalls bei OFDB filmworks erschienen) realisierte, stellte Regisseur Jason Lapeyre zusammen mit seinem Kollegen Robert Wilson, der zuvor vor allem als Produzent aufgetreten war, diesen Jugendfilm auf die Beine. Und obwohl sich „I Declare War“ thematisch deutlich von „Cold Blooded“ unterscheidet, haben beide doch die klassisch-ruhige Inszenierung ganz ohne vordergründige Effektheischerei gemeinsam. Zudem handeln beide Filme von zwei gegnerischen Gruppen, die in einem klar umrissenen Raum gegeneinander antreten.

Liest man die Inhaltsangabe von „I Declare War“, denke man zunächst einmal an eine Mischung aus „Bugsy Malone“ und „Battle Royale“ oder „Die Tribute von Panem„. Doch diese Vergleiche gehen größtenteils in eine völlig falsche Richtung. Tatsächlich sieht man 90 Minuten einer Gruppe Kindern beim Spielen zu. Nicht mehr und nicht weniger. Der Clou ist aber, dass die Kinder ihr Spiel sehr ernst nehmen und das Geschehen hauptsächlich durch ihre Augen gezeigt wird. Und in ihren Augen verwandelt sich ein dicker Ast dann eben in eine Bazooka und eine Zwille in eine tödliche Armbrust. Wie man es vielleicht noch aus eigenen Kinderspielen kennt, in denen die Kraft der Imagination aus einem schnöden Stock ein fein geschmiedeten Degen machte. Lapeyre/Wilson gehen recht geschickt vor, um die Spielrealität der Kinder zu zeigen. Auch für den Zuschauer sind die „Waffen“ zunächst echt. Erst im Laufe des Films überlagert hin und wieder die Realität die Fantasie. Beinahe beiläufig sieht der Zuschauer, dass das Präzionsgewehr eigentlich nur ein Rohr, welches notdürftig in ein provisorisches Spielzeuggewehr umgebaut wurde, und das Zielfernrohr eine Stoffschlaufe ist.

Wie stark diese Macht der Imagination ist, habe ich vor vielen Jahren einmal während des Grundwehrdienstes erleben dürfen/müssen. Damals sollte eine 24-Stunden-Übung vorbereitet werden, und wir kleinen Wehrpflichtigen mussten üben, wie man sich bei einem Angriff verhält. So wurden wir in zwei Gruppen aufgeteilt: Angreifer und Verteidiger. Da wir allerdings noch keinen Zugang zu Waffen haben durften (das war erst für den Folgetag geplant), wurde uns befohlen im Wald Stöcke zu suchen. Diese sollten dann unsere Gewehre sein. Man stelle sich die absurde Situation vor, wenn erwachsene, uniformierte Menschen im Wald mit Holzstöcken aufeinander zielen und dabei laut „Peng! Peng!“ rufen. Was noch dadurch übertroffen wurde, dass einige Kameraden wirklich in Streit darüber gerieten, ob sie nun getroffen wurden oder nicht. Ähnlich verhält es sich bei den Kindern in „I Declare War“. Für sie ist die ganze Situation während des Spiels absolut real und bitterernst.

I_Declare_War_Bild_04So wirft dann zum Beispiel Odie Henderson auf rogerebert.com auch dem Film vor, nicht zwischen Realität und Fantasie zu unterscheiden und schreibt, es würde ihn krank machen zu sehen, wie Kinder auf Kinder schießen. Dass diese nicht wirklich aufeinander schießen und die „Getöteten“ lediglich aus dem Spiel ausscheiden und nach Hause gehen, macht da für ihn keinen Unterschied. Wer allerdings als Kind selber „Cowboy und Indianer“ oder eben „Krieg“ gespielt hat – was, wie ich denke, nichts unnormales ist -, der sieht das vielleicht etwas entspannter. Es geht hier auch nicht so sehr um das „Kriegsspielen“, als vielmehr um gruppendynamische Prozesse, die aufgrund von Eitelkeiten, verletzten Gefühlen oder falsch verstandener Loyalität ein im Grunde harmloses Spiel zum Eskalieren bringen können. Ob das Spielen mit Waffen (wenn auch unechten) unbedingt etwas für Kinder sein sollte, will ich an dieser Stelle nicht diskutieren. Für die Aussage des Filmes hätte man natürlich auch zeigen können, wie die Kinder z.B. mit Matchbox-Autos Rennen veranstalten und sich darüber in die Haare geraten.

I_Declare_War_Bild_02Andererseits gibt es durch das Spiel noch andere filmische Ebene. So setzen Lapeyre/Wilson permanent, wenn auch leise und subtil, eine Geräuschkulisse ein, wie man sie aus Kriegsfilmen kennt. Ständig hört man leise Funksprüche, Hubschrauber und Explosionen. Durch diese Dauerberieselung vergisst man schnell, dass man „nur“ einem Spiel zusieht und auch für den Zuschauer werden die kriegerischen Handlungen der Akteure real, die Bedrohung spürbar. Gleichzeitig parodieren die Filmemacher auch das Kriegsfilmgenre, da die Kinder genau die Stereotypen annehmen, die man aus diesen Filmen kennt. Der Stratege, der Psychopath, der coole Veteran, der schüchterne Rookie, der Possenreisser und so weiter. Immer wieder gibt es kurze Momente, wo die jungen „Soldaten“ aus ihrer Rolle fallen. Z.B. wenn sich der vermeintliche Sadist als hilfloses, einsames Kind herausstellt, oder der beliebte Anführer bereit ist, Freunde zu opfern, um am Ende den Sieg davonzutragen. Am Deutlichsten aber, wenn die Amazone als verliebte Kitschromantikerin entlarvt wird.

I_Declare_War_Bild_03Die kindlichen Darsteller sind sehr gut ausgesucht. Die meisten haben auch schon langjährige Erfahrungen in TV-Serien gesammelt. Die Laien fügen sich ebenfalls gut ins Bild ein, wenn ihre schauspielerischen Leistungen auch gegenüber den „Profis“ etwas abfallen. Einzig Mackenzie Munro wirkt fehlbesetzt, da sie im Vergleich zu den anderen Kindern zu alt wirkt und weitaus abgeklärter als ihre jungen Kollegen spielt. Überhaupt ist die Figur der Jessica Dobrzanski eine der wenigen echten Schwachstellen im Film. Sie ist so klischeehaft auf „Mädchen“ angelegt, dass leider selbst ihre Klugheit, strategischen Fähigkeiten und der kaltblütige Umgang mit der Armbrust nicht die naive Schwärmerei für den hübschen Quinn aufwiegen können. Dass sie I_Declare_War_Bild_01alles nur tut, um ihrer großen Liebe zu gefallen und ihre schrecklich kitschige „Paris-Romantik“ stören doch sehr. Hier verrät das Drehbuch diesen eigentlich starken Charakter und breitet die übelsten Mädchen-Klischees aus. Ebenfalls unpassend sind die Szenen, in denen sich „Joker“ als Superwesen, das tödliche Strahlen aus den Augen schießt, imaginiert. Hierdurch wird immer wieder mit dem Holzhammer darauf hingewiesen, dass die Kinder eben nur ihre subjektive Welt, und nicht die reale, sehen. Etwas mehr Subtilität hätte an dieser Stelle gut getan. Eine starke Leistung bringt Michael Friend als psychopathischer Skinner. Wie er Skinner gleichzeitig schwach und ungelenk, aber gleichzeitig doch auch gefährlich, und fest zu absolut allem fest entschlossen, darstellt, ist schon sehenswert.

Mit „I Declare War“ hat OFDb filmworks eine kleine Perle an Land ziehen können, die auf mehren Ebenen gut funktioniert. Da kann man über die oben angesprochenen Schwächen durchaus hinwegsehen. Leider lag mir auch hier zur Rezension nur ein Screening-Stream vor, so dass ich zu den technischen Aspekten der OFDb filmworks-DVD wiederum nichts sagen kann.

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1 Antwort zu Rezension: „I Declare War“

  1. Ich muß zugeben, daß I Declare War zwar mehr Nährboden für Interpretationen gibt, aber mir Cold Blooded in seiner erfrischend wie konventionellen Thrillerorientierung deutlich einfacher zugänglich war. Ich war ja immer Fan von Kids in Stand by Me, Es oder was es da in der Richtung gibt. Auch da gab es schon Ausnahmen und bei I Declare War war es mir dann sogar ziemlich egal, was die da wirklich machen. Die tüdelten da halt rum und der Kopf ging schon durch, wie man das Geschehen denn auslegen könnte. Diese Distanz tat dem Erlebnis nicht gut. Muß wohl nochmal durch.

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