Nachruf: Ray Harryhausen (1920-2013)

harryGestern starb im stolzen Alter von 92 Jahren einer der größten Magier des Kinos: Ray Harryhausen. Mit seinem Tod ist nun eine Ära zu Ende gegangen, an die sich viele von uns sicherlich mit viel Sonne im Herzen erinnern. Jüngere werden vielleicht Harryhausens Kunst mit einem Lächeln abtun und sich mit einem Schulterzucken wieder ihren Monstern aus Bits und Bytes zuwenden. Doch wer zur Generation 40+ gehört, erinnert sich bestimmt noch gerne an Sonntagnachmittage, an denen Sindbad gegen Zyklopen kämpfte, fliegende Untertassen auf Washington stürzten oder ein Saurier durch New York stapfte.

Ray Harryhausen war ein Meister, wenn es um die Kunst des Stop-Motion ging. Er tüftelte lange an seinen Modellen von Medusen, Skeletten oder Außerirdischen, die er dann selber Stück für Stück zum Leben erweckte. Und wie lebendig sie wurden! Jede seiner Gestalten hatte Persönlichkeit. Und obwohl sie im Original nur einige Zentimeter hoch waren, wirkten sie doch auf der Leinwand stets riesig. Und sie hatten Gewicht. Man merkt einfach, dass da etwas war, was man anfassen konnte. Was mich heute bei vielen CGI-Geschichten – die die klassische Stop-Motion schon seit langer Zeit abgelöst hat – so stört, ist die Tatsache, dass sie keine „Schwere“ haben. Man spürt nicht, dass es sich hier um etwas Reales handelt. Die physische Präsenz ist einfach nicht da. Bei Harryhausens Modellen ist das anders. Hier springt die Liebe, die ihr Schöpfer in sie gesteckt hat, auf den Zuschauer über. Natürlich wirkt das alles nicht naturalistisch, aber Harryhausens große Kunst bestand auch darin, dass er seine Zuschauer dazu brachte, dies einfach nicht zu sehen. Nicht sehen zu wollen. Das ist seine Magie. Der Ymir ist im Film „Die Bestie aus dem Weltraum“ genauso echt wie Hauptdarsteller William Hopper. Mit dem riesenhaften Gorilla Joe Young in „Panik um King Kong“ fühlt man genauso mit, wie mit Heldin Terry Moore. „Suspension of disbelief“ nennt man das wohl.

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Ray Harryhausen wurde am 29. Juni 1920 in Los Angeles geboren. Sein Leben änderte sich radikal als er mit 13 Jahren „King Kong“ sah. Fortan experimentierte er mit der Stop-Motion-Technik und drehte einige experimentelle Kurzfilme, in denen er seine Technik verfeinerte. 1947 erfüllte sich sein großer Traum und er wurde Assistent des großen Willis O’Brien, dem Schöpfer des King Kong. Gemeinsam arbeiten sie an „Panik um King Kong“, bei dem ihm O’Brien den Großteil der Animation überließ. Für diesen Film erhielt O’Brien den Oscar für die besten Spezialeffekte.

1952 begann die Welle der „Monsterfilme“ in Hollywood und Harryhausen wurde engagiert, um den Oktopus und die Spezialeffekte in „Das Grauen aus der Tiefe“ anzufertigen. Es folgte „Dinosaurier in New York“ nach einer Kurzgeschichte seines Freundes Ray Bradbury (beide hatten mit 19 zusammen mit Foorey Ackermann einen SF-Club gegründet und blieben ein Leben lang enge Freunde). Dieser Film wurde weltweit ein riesiger Erfolg und Harryhausen perfektionierte darin die Technik des Stop-Motions, indem er neue Aufnahmetechniken und Möglichkeiten entwickelte, die Modelle mit Schauspielern interagieren zu lassen.

Seinen größten Erfolg bei Publikum und den Filmkritikern feierte er 1963 mit „Jason und die Argonauten“, dessen legendärer Kampf der Helden mit einer Armee Skeletten unzählige Filmemacher (unter ihnen Steven Spielberg, George Lucas und Tim Burton) inspirierte und von Sam Raimi in „Armee der Finsternis“ und Stephen Sommer in seinem Blockbuster „Die Mumie“ direkt zitiert wurde.

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1981 war Harryhausen das letzte Mal in Filmarbeiten involviert. Schon damals war „Kampf der Titanen“ altmodisch und völlig unzeitgemäß. Die Computer hatten Einzug ins Spezialeffekte-Geschäft gehalten und Industrial Light and Magic setzte mit den Star Wars Filmen neue Maßstäbe. In vielerlei Hinsicht war „Kampf der Titanen“ das Ende einer Ära und der Abgesang auf die handgemachte Magie des Kinos. Will man einen Eindruck vom Charme der von Harryhausen erschaffenen Effekte bekommen, muss man nur das Original mit dem 2010 erstanden Remake vergleichen, das fast vollständig im Computer entstanden ist.

Nachdem sich Harryhausen Anfang der 80er aus dem Filmgeschäft zurückgezogen hatte, blieb er als lebende Legende bis zum Schluss ein von den Fans hochverehrtes und geliebtes Relikt aus der Zeit, in der noch mit viel Liebe von Hand gearbeitet wurde. Und viele namhafte Fans haben ihm seitdem Tribut gezollt. Neben Sam Raimi in „Armee der Finsternis“, seien hier noch Tim Burton (das Klavier in „Corpse Bride“ trägt den Namen „Harryhausen“) und die Leute von Pixar (in „Monster AG“ geht man natürlich im „Harryhausen’s“ essen) erwähnt. Goodbye Ray und danke für alles.

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Weitere Nachrufe:

Tim Lucas (VideoWatchdog)

Spiegel Online

Digitale Leinwand

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