Blu-ray-Rezension: „Graf Zaroff – Genie des Bösen“

Von , 13. November 2019 09:19

Der junge amerikanische Großwildjäger Rainsford (Joel McCrae) findet sich nach einem Schiffsbruch auf einer geheimnisvollen Insel wieder. Zuflucht findet er in einer alten Festung, in welcher der russische Graf Zaroff (Leslie Banks) sein Refugium hat. Überrascht muss Rainsford feststellen, dass er nicht Zaroffs einziger Gast ist. Die schöne Eve (Fay Wray) und ihr alkoholkranker Bruder Martin (Robert Amstrong) sind ebenfalls nach einem Schiffbruch hier gestrandet. Zaroff selber entpuppt sich als fanatischer Jäger, der – wie er selbst sagt – sich auf das gefährlichste Tier der Welt spezialisiert hat. Bald schon dämmert Rainsford, was oder vielmehr wer damit gemeint ist…

Anmerkung: Alle Screenshots stammen von der ebenfalls enthaltenen DVD, nicht der Blu-ray.

Es ist schon eine etwas undankbare Aufgabe, wenn man über einen Film schreibt, den jeder Filmliebhaber kennt (oder zumindest kennen sollte). Was soll man schreiben, was nicht schon bekannt ist? Dass „Graf Zaroff – Genie des Bösen“ aka „The Most Dangerous Game“ quasi ein “Abfallprodukt” der weitaus größeren Produktion “King Kong” ist, mit der er sich nicht nur die Dschungel-Kulissen, sondern auch Darsteller, Produzenten und Hauptregisseur teilt. Dass die Dreharbeiten zeitgleich – sozusagen nach Feierabend – zu “King Kong” stattfanden? Oder dass der Film unzählige andere Filme inspirierte, die ihn mehr oder weniger offen kopierten, In beinahe jedem Jahrzehnt gab es „Menschenjagd-Filme“, in denen dekadente Jäger ihr menschliches Wild jagten. In den 90ern waren Van Damme in John Woos „Harte Ziele“ oder Ice-T in „Surviving the Game“ die bedauernswerten, aber ziemlich wehrhaften Opfer einer solchen Treibjagd. In den 80ern gab es den australischen „Turkey Shot“. In den 70ern „Open Season“ In den 2000ern wurden in Japan Schüler aufeinander losgelassen, die sich gegenseitig jagen mussten („Battle Royale“) und wahrscheinlich ließ sich auch Robert Sheckly von „The Most Dangerous Game“ zu seinen Kurzgeschichten „The Seventh Victim“ und „The Prize of Peril“ inspirieren, auf denen wiederum die Filme „Das 10te Opfer“, „Kopfjagd – Preis der Angst“ oder das legendäre „Das Millionenspiel“ entstanden. Selbst Jess Franco verfilmte 1974 mit „La Comtesse perverse“ seine Version der Geschichte und nannte die Antagonistin dann auch „Gräfin Zaroff“. Diese Liste könnte noch lange fortgeführt werden. „The Most Dangerous Game“ war die Blaupause und hält sich auch heute noch besser oder zumindest genauso gut, wie seine Nachfolger.

Dass „The Most Dangerous Game“ auch 2019 noch so frisch wirkt, liegt einerseits an seiner angenehmen Kürze, die sich gar nicht erst die Zeit nimmt, um sich mit irgendetwas anderem als der schlanken Handlung auseinanderzusetzen. Dementsprechend ist auch das Tempo, welches „The Most Dangerous Game“ an den Tag legt. Eine kurze Exposition, dann das Zusammentreffen aller wichtigen Figuren in Zaroffs unheimlichen Schloss – und schon geht die Treibjagd los, die dann auch flott und mit viel Gespür für Timing umgesetzt wird. Es folgt ein schnelle Finale und ehe der Zuschauer Zeit zum Luftholen hat, ist der Film schon vorbei. Mit einer Länge von gerade mal 63 Minuten ist „The Most Dangerous Game“ ein typischer B-Film. Ursprünglich lief er mal 10 Minuten länger, doch allzu grausame Szenen in Zaroffs Trophäenraum ließen der Legende nach die Testzuschauer reihenweise den Kinosaal verlassen, was zu Kürzungen führte. Trotzdem ist der Film für seine Entstehungszeit recht gewagt, da der berüchtigte Hays-Code damals noch nicht verpflichtend war. Mit dem „großen Bruder“ “King Kong“ hat er neben den oben aufgeführten Überschneidungen vor allem auch die einzigartige Atmosphäre gemeinsam, welche die Dschungelszenen in diesem wie jenem Film auszeichnet und unvergesslich macht. Eine permanent düster-bedrohliche Stimmung, die aus dem Dschungel ein gefährliches Albtraumland macht, in dem alles passieren kann. Und welche beide Filme ziemlich klar im Horrorgenre verankert.

Der noch sehr junge Joel McCrae ist die ideale Verkörperung des aufrechten Amerikaners. Auch wenn er durchaus ein Seelenverwandter Zaroffs ist und sich diesem sicherlich ohne mit der Wimper zu zucken angeschlossen hätte, ginge es darum das letzte lebende Exemplar einer aussterbenden Spezies jagen. Nur die Jagd nach Menschen geht ihm ein wenig zu weit und übersteigt seinen moralischen Horizont. Davon abgesehen brüstet er sich ebenso arrogant mit seinen „Abschüssen“ und Fähigkeiten zum kaltblütigen Töten, wie es auch Zaroff tut. Zaroff erkennt in ihm also zurecht eine verwandte Seele. Der britische Bühnenschauspieler Leslie Banks personifiziert diesen Zaroff perfekt als Mann zwischen Wahnsinn und maßloser Eitelkeit. Zwar ist seine deutsche Synchronstimme sehr gut, doch nur in der Originalfassung kann Banks vollkommen glänzen. Sein arroganter, selbstverliebter und dabei auch leicht tuckiger Ton, der im Original mit einem weit weniger dicken russischen Akzent gesprochen wird, gibt perfekt auch die homoerotische Spannung zwischen ihm und McCrae wieder. Da bedarf es gar nicht der berühmten Szene in der McCrae in eine Art Lederkorsett gesperrt, um zu verstehen, dass Zaroff in ihm mehr als nur einen Kollegen sieht. Banks überaus interessantes Gesicht, welches durch eine halbseitige Lähmung einen unverwechselbaren, bedrohlichen Eindruck bekommt, ist da nur noch die zusätzliche Sahne auf der Torte. Demgegenüber verkommt die schöne Fay Wray fast zur nett anzuschauen Beigabe. Aber nur fast. Gekrönt wird dieses kleine Meisterwerk durch die kongeniale Musik Max Steiners, die wie der Film selber, großen Einfluss auf das Genrekino hatte.

Ein unverzichtbares Meisterwerk, dessen Glanz bis in unsere heutige Zeit strahlt und unzählige Nachfolger inspiriert hat. Die Handlung beschränkt sich auf das Nötigste und rauscht in schlanken 62 Minuten durch, lässt aber trotzdem Freiräume für Interpretation und baut gerade in den beeindruckenden Dschungel-Sets eine unheimlich-morbide Atmosphäre auf.

Die Blu-ray von Wicked Vision präsentiert den Film in der bestmöglichen Qualität. Zwar kommt es hier und dort zu altersbedingten Schäden und kurzen Laufstreifen, aber besser wird man diesen fast 90jährigen Film vermutlich nicht zu sehen bekommen. Zudem machen diese „Mängel“ auch gar nichts aus, denn das Bild ist größtenteils recht scharf. Auch der Ton weiß zu überzeugen. Die deutsche Synchro aus den 70ern ist gut mit vertrauten Sprechern, wobei ich allein aufgrund von Leslie Banks einmaliger Diktion immer die Originaltonspur (welche selbstverständlich mit an Bord ist) vorziehen würde. Bei den Extras bin ich etwas zwiegespalten: Rolf Giesen spricht das Intro, ist bei beiden Audiokommentaren dabei (einmal solo und einmal mit Kai Naumann), darf ein fünfminütiges Videoessay über die Remakes (bei dem er vieles auslässt) und schlussendlich noch ein sechsminütiges über den Film selber einsprechen. Das ist ziemlich viel Rolf Giesen, und ich glaube unterschiedliche Blickwinkel wären hier nicht nur abwechslungsreicher, sondern auch spannender gewesen. Wobei ich nicht verhehlen möchte, dass ich bei vielen seiner Einschätzungen und Kommentaren auch nicht einer Meinung mit ihm bin. Vor allem liegt mir noch immer sein berüchtigter Cronenberg/Himmler-Vergleich im Magen, den er in einem schrecklichen Pamphlet gegen den modernen Horrorfilm 1990 in seinem ansonsten empfehlenswerten Buch „Sagenhafte Welten. Der phantastische Film“ vom Stapel ließ. Dies hat aber nichts mit „The Most Dangerous Game“ zu tun, den er gewohnt kenntnisreich kommentiert, auch wenn sich hier und dort kleine Fehler einschleichen (nein, Steiners Score war nicht der erste durchgängige). Dass es dabei immer wieder zu Wiederholungen kommt, liegt auch in der Natur der Sache. Dass Giesen seine altväterlichen Vorurteile leider bis heute nicht abgelegt hat, merkt man spätestens, wenn er augenzwinkernd (?) feststellt, dass die Jugend von Heute durch die ganzen Killerspiele am PC irgendwann selbst zu kleinen Zaroffs werden. Da schüttelt es einen dann doch wieder – gerade vor dem Hintergrund der aktuellen „Gamer-Debatte“ im Zuge des Verbrechens von Halle. Ein absoluter Lichtblick ist dahingegen das wundervolle Booklet von Clemens G. Williges (sein Text liegt dabei sowohl auf Deutsch als auch in einer englischsprachigen Übersetzung vor). Hier mag ich voreingenommen sein, da ich Clemens als Chefredakteur (und quasi meinem Chef) der 35 Millimeter – Das Retro-Filmmagazin kenne. Doch ich muss gestehen, dass mich das Booklet trotzdem sehr angenehm überrascht hat. Meiner Meinung nach, ist das Beste, was Clemens bisher geschrieben hat. Hut ab! Sehr informativ, gut verständlich und gegliedert, und vor allem sehr kurzweilig ohne dabei irgendwelche müde Witzchen zu bemühen, wie man es gerade bei Booklets oftmals vorfindet. Große Klasse. Wie überhaupt die ganze liebevolle Veröffentlichung.

Das Bloggen der Anderen (11-11-19)

Von , 11. November 2019 17:44

– Und voraussichtlich zum letzten Mal Berichte vom DOK Leipzig. Kurzkritiken von Studierenden der Uni Hildesheim zu Dokumentarfilmen aus dem Iran, Venezuala, Österreich und dem Havelland gibt es auf critic.de. Und Anne Küper teilt Beobachtungen zum Symposium „Wem gehört die Wahrheit?“ mit.

– Und auch auf kino-zeit.de ist die DOK weiterhin Thema. Kais Harrabi schreibt über die Retrospektive beim Dokumentarfilmfestival DOK Leipzig, in der es darum ging wie BRD und DDR sich auch im Dokumentarfilm immer wieder aneinander abgearbeitet haben. Ein wenig Klatsch zwischendurch: Katrin Doerksen über Michael Ende vs Bernd Eichinger bei „Die unendliche Geschichte“. Und noch einmal Katrin Doerksen, diesmal mit einer Klick-Strecke über die einflussreichsten Filmkritiker und -kritikerinnen aller Zeiten.

– Oliver Armknecht hat auf film-rezensionen.de Roland Emmerich zu seinem neusten Film und den Bayrischen Filmpreis für sein Lebenswerk befragt.

– Schöne Idee: Die Top 5 des Kinojahres 1979 mit Kommentar durch Filmlichtung.

– Die verborgene Komödie nach 2000: In der Reihe „Hidden Smiles“ spüren Jugend ohne Film dem utopischen Potenzial des Lachens in diesem Jahrtausend nach. Rainer Kienböck stellt die Filme der Reihe vor.

– Guido Rohm probiert auf Hard Sensations eine Annäherung an „Mandy“ (auch wenn ich mit seiner Beschreibung vom Schauspieler Cage nicht konform gehe).

– Sven Safarow schreibt auf Eskalierende Träume über die große Nutzlosigkeit und die Natur der Dinge in „The Mechanic“ von 1972.

– Mehr Mel Gibson in Action-Altersrollen fordert Oliver Nöding nach der Sichtung von „Get the Gringo“ und „Blood Father“ auf Remember It For Later. Außerdem habe ich mir jetzt „A Walk Among Tombstones“ ins Notizbüchlein geschrieben, den ich immer für einen formelhaften Actioner hielt. Scheinbar weit gefehlt.

„Tanz der Dämonen“ lachte mich immer in der Videothek an. Aber dabei ist es auch geblieben. Kein großer Verlust, wenn ich Heiko von Allesglotzer Glauben schenken kann.

Die seltsamen Filme des Herrn Nolte nimmt sich Bertrand Mandicos „The Wild Boys“ vor, über den ich hier demnächst auch einige Zeilen verlieren werde.

– Nach dem grandiosen Meisterwerk „Parasite“ kann man ruhig noch einmal an Bong Joon-hos große internationale Produktion „Snowpiercer“ erinneren. So, wie es totalschaden auf Splattertrash tut.

– Viele Filme mit Kurzkritik gibt es bei Kozure Okami.

Blu-ray-Rezension: „Dark Waters“

Von , 7. November 2019 09:29

Die junge Engländerin Elizabeth (Louise Salter) reist in die Ukraine, um ein auf einer entlegenen Insel befindliches Nonnenkloster zu besuchen. Nach dem Tod ihres Vaters hatte sie nämlich herausgefunden, dass er dieses Kloster jahrelang mit größeren Geldsummen bedacht hat. Elizabeth will nun herausfinden, was hinter dieser Sache steckt. Im Kloster angekommen, muss sie erfahren, dass ihre bereits vorgefahrene Freundin Theresa (Anna Rose Phipps) verschwunden ist. Von Visionen und Erinnerungen geplagt, freundet sich Elizabeth mit der jungen Nonne Sarah (Venera Simmons) an, die ebenfalls versucht der Rätseln des Klosters auf den Grund zu gehen, Dabei scheint es, dass die anderen Nonnen unter der Führung ihrer blinden Mutter Oberin (Mariya Kapnist) einem geheimnisvollen Kult angehören…

Anmerkung: Alle Screenshots stammen von der ebenfalls enthaltenen DVD, nicht der Blu-ray.

Als ich Mariano Bainos „Dark Waters“ irgendwann Mitte der 90er das erste Mal sah, ging ich fest davon aus, dass er Teil einer neuen Generation von Genre-Regisseuren werden würde, die das Genre in den nächsten Jahren prägen sollten. So, wie es 20 Jahre zuvor Carpenter, Romero, Craven, Hooper und Cronenberg taten. Den kurz zuvor hatte mich damals auch Anthony Wallers zwei Jahre später entstandener „Mute Witness“ begeistert, Soavi hatte zwei Jahre zuvor „The Sect“ gedreht und sollte ein Jahr später den wundervollen „Dellamorte Dellamore“ folgen lassen. Mit „Thesis“ startete 1996 eine Welle spanischer Genrefilmen in deren Fahrwasser man sich auch gut Produktionen der obenen genannten Regisseure hätte vorstellen können. Leider wurde daraus nichts. Wallner drehte noch eine mit Computereffekten überladene „American Werewolf“-Fortsetzung, danach folgten im Abstand von 9 Jahren noch zwei Filme und seit 2009 kam dann aber nichts mehr, Soavi wechselte zum italienischen Fernsehen, Baino drehte nach „Dark Waters“ keinen einzigen Film mehr. Lediglich die Spanier sorgen bis heute dafür, dass immer wieder außerordentlich von der iberischen Halbinsel zu uns schwappt, auch wenn dies eher ein permanenter, mal mehr mal weniger Starker Strom und keine Welle ist.

Schade, denn „Dark Waters“ offenbart auch heute noch alle Qualitäten, die ausreichen sollten, um Kultstatus zu erlangen. Auch erweist sich Baino als talentierter Handwerker, der seine großen Vorbilder (ganz klar Argento) gut studiert und verstanden hat. Doch vielleicht kam „Dark Waters“ damals einfach zur falschen Zeit. Das Horrorgenre war nach seinem letzten Höhepunkt Mitte der 80er tot. Gefragt waren Thriller im „Schweigen der Lämmer“-Fahrwasser. Die italienische Genre-Produktion lag in den letzten Zügen, die Großmeister konnten nicht mehr an ihre früheren taten anknüpfen, was Argento im selben Jahr als „Dark Waters“ entstand in die USA trieb, wo ihm allerdings auch kein Erfolg gegönnt war. Der große, klassische Horrorfilm – ihn gab es kaum noch irgendwo und war auch nicht mehr sonderlich gefragt. Und in diesen Zeitgeist hinein, produzierte Baino diese Mischung aus Okkult-Schocker, Nunploitation und Lovecraftschen Schreckens. Die dann ohne kommerziellen Erfolg blieb und in der Versenkung verschwand. Eine deutsche Veröffentlichung gab es bisher nicht, und ich selber sah den Film damals auf einer Import-VHS aus England. Bis auf ein paar Genre-Spezis erinnerte sich keiner mehr an diesen Film. Doch langsam und stetig gewann er über die Jahre an Reputation und Fans. Trotzdem blieb er ein Geheimtipp. Laut OFDb gab es bisher aber nur in den USA eine DVD-Veröffentlichung.

Baino gelingt es die Schwächen, die der Film offenkundig hat, in Stärken umzuwandeln. Da kein Geld zur Verfügung stand, wurde irgendwo in der Ukraine gedreht, wo man einige Einheimische als Nebendarsteller verpflichtete. Dies trägt aber zu der seltsamen, unwirklichen Stimmung bei, die in „Dark Waters“ vorherrscht. Alles wirkt fremd, aber echt. Wenn sich Elizabeth auf ihre Reise macht, hat man tatsächlich das Gefühl, sie würde nicht nur zu einem einsamen Ort am Ende der Welt, sondern auch in der Zeit reisen. Die zerknitterten Gesichter der Nebendarsteller erzählen Geschichten, über die eigentliche Geschichte hinaus. Auch dass das Drehbuch an einigen Stellen nicht viel Sinn macht, trägt zu einer traumgleichen Atmosphäre bei. Katapultiert den Film in eine unheimliche „Nicht-Welt“, jenseits unserer Rationalität.Die Britin Louise Salter spielt in ihrer Rolle als Elizabeth eine wenig gegen ihre Mitspieler an. Sie wirkt wie jemand, der frisch von der Schauspielschule kommt und sich jetzt beweisen will. Was durchaus auch möglich ist, war „Dark Water“ doch Salters erster Film, dem allerdings nicht mehr sehr viel folgen sollte. Immerhin scheint sie ab und zu in unregelmäßigen Abständen kleine Rollen in TV-Serien zu übernehmen. Dass sich Louise Salters Spiel nicht wirklich in das Ensemble – welches scheinbar aus Laien besteht, haben doch einige Akteure nur diesen einzigen IMDb-Eintrag, passt aber sehr gut zu ihrer Rolle als Eindringling von außen, der nicht in diese Welt gehört und eine Fremde bleibt.

Baino hat seine Vorbilder gut studiert. Im typischen 90er-Jahre-sepia-goldenen Ton zitiert er Filme wie „Hexensabbat“, diverse Nonnen-Gruseler ala „The Other Hell“, die geheimnisvollen, prophetischen Malereien, wie sie bei Argento und Fulci vorkommen, Surreale Kreuzungsszenen wie in den italienischen „Exorzist“-Rip-Offs. Vermischt wird dies mit vielen Lovecraft-Einflüssen. Am Ende gibt es dann auch ein kosmisches Grauen, welches vielleicht etwas enttäuschend ausfällt (möglicherweise hätte es Baino besser bei einer bloßen Andeutung gelassen). Wie oben bereits geschrieben ist „Dark Waters“ kein Film, der sich durch eine besonders clevere und logische Handlung auszeichnet, sondern einer, der sich ganz auf die von ihm kreierte Atmosphäre verlässt. Dem unheimliche, kraftvolle Bilder wichtiger sind, als der ausgefeilte Dialog. Und hier spielt Baino seine ganze Stärke aus. Unvergessen zum Beispiel die kreuzunheimliche (und für den Film eigentlich komplett irrelevante) Szene, in der Elizabeth aus dem Bus heraus einige Kapuzenmänner mit brennenden Fackeln neben dem Fahrzeug und in einem Feld laufen sieht. Man mag sich gar nicht ausmalen, was da von Baino vielleicht noch gekommen wäre, hätte er die Chance erhalten weitere Langfilme zu drehen. So bleibt einem nur, den entgangene Chancen nachzutrauern und sich an seinem einzigen Spielfilm „Dark Waters“ zu erfreuen.

Vielleicht nicht der ganz große vergessene Klassiker, aber ein starker Beitrag aus der Spätzeit des italienischen Genre-Kinos, der unter anderen Umständen vielleicht eine Renaissance hätte einläuten können. Eine lohnende Wiederentdeckung.

Wicked Vision Media hat „Dark Waters“ eine Rundum-glücklich-Edition spendiert, die sich sehen lassen kann. Die Blu-ray glänzt mit einem nahezu perfekten Bild, welches sehr scharf, detailreich und mit sattem Schwarz daherkommt – und gleichzeitig dem Werk seinen „Film-look“ lässt. Also überhaupt nicht aufpoliert und seelenlos wirkt. Besser geht es eigentlich nicht. Auch der Ton ist sowohl im englischen Original (welches ich aufgrund der verschiedenen, authentischen Akzente der Akteure bevorzuge) und der neu erstellten deutschen Synchronisation ebenfalls sehr voll und stimmig. Was die Extras angeht, so hat Wicked Vision hier den ganz großen Sack aufgemacht und den Käufer – offensichtlich in enger Zusammenarbeit mit Regisseur Mariano Baino mit einem wahren Füllhorn an Boni beschenkt. Die Blu-ray beginnt dann auch gleich mit einer kurzen Einführung des Regisseurs. Dann befindet sich auf der Scheibe noch fünf spannende Featurettes. In vier davon beleuchtet Baino sein Leben, seine Einflüsse und die schwierigen Dreharbeiten. Dies zusammen läuft ganze 45 Minuten. Zusätzlich gibt es noch ein recht interessantes Video-Essay mit Pelle Felsch, der den Film filmhistorisch einordnet und analysiert. In vier weiteren Promo-Features spricht dann wieder Baino über seinen Film. Trailer und Bildgalerien runden das Bild ab. Nicht zu vergessen, der Audiokommentar, den Baino mit dem italienischen Filmproduzenten Michele De Angelis eingesprochen hat und bei dem man deutsche Untertitel zuschalten kann. Derartig erschlagen hätte ich fast die zweite DVD in diesem Mediabook übersehen, da ich glaubte, man hätte den Inhalt der Blu-ray auf zwei DVDs aufgeteilt. Doch die Extras der Blu-ray befinden sich auch komplett auf der ersten DVD, während die zweite weiteres Bonusmaterial enthält. Hier findet man ein weiteres, langes Making-Of namens „Deep Into the Dark Waters“, welches stolze 48 Minuten dauert, sowie zwei weitere, kürzere Einblicke in die Entstehung des Filmes, Blooper und Deleted Scenes. Damit aber noch immer nicht genug! Weiterhin gibt es drei (!) Kurzfilme Bainos zu bewundern, die zwischen 13 und 20 Minuten laufen. Zum längsten, „Caruncula“, gibt es ein Intro des Regisseurs, zum Kürzesten „Never Ever After“ ein Making-Of (!!), welches einen Tick länger als der Film selber ist (!!!). Und wer dann immer noch nicht genug bekommen kann, der kann sich dann noch ein von Baino gedrehtes Musikvideo ansehen. Bildgalerien zu zwei der Kurzfilme gibt es auch, sowie ein zweiminütiges Vorwort von Baino. Ufff… soviel Dienst am Kunden ist selten und daher ein dickes Dankeschön an Wicked Vision und Mariano Baino, dass dieses fette Paket so liebevoll geschnürt wurde. Habe ich noch etwas vergessen? Ja, das 48-seitige deutsch-englische Booklet. Hier schreibt zunächst David Renske in dem für ihn typischen, blumig-hippen Stil, der nicht wirklich so meine Sache ist, über den Film. Dann folgt eine Kurzgeschichte, die quasi das Prequel zum Film darstellt. Der Autor wird nicht explizit genannt, ich vermute mal es war auch Renske. Kann man mal machen, ich persönlich fand es etwas überflüssig. Schön dann die Einordnung des Filmes in die Zeit der Entstehung, die Michele de Angelis (siehe Audiokommentar) vornimmt. Und zu guter letzte gibt es noch Nachdrucke der Storyboards und Konzeptzeichnungen. Wer da noch meckert, dem ist nicht mehr zu helfen, Eine perfekte Veröffentlichung, die von der hohen Qualität her sogar den Jungs von Bildstörung die Stirn bietet.

Das Bloggen der Anderen (04-11-19)

Von , 4. November 2019 20:18

– Auf Schattenlichter gibt es einen umfänglichen Rückblick auf „Terrore a Norimberga“, dem Festival des italienischen Horrorfilms im KommKino Nürnberg. Leider ist mir die Reise nach Nürnberg etwas zu weit, insbesondere in den eh schon Festivalintensiven Tagen, aber mein Weird-Xperience-Kollege Stefan war da und kann die positiven Eindrücke bestätigen.

– Zwei weitere Festivals werden auf critic.de behandelt. Lukas Foerster berichtet vom Antalya Film Festival 2019 und diverse critic.de-Autoren vom DOK Leipzig.

– Andreas Köhnemann erinnert sich auf kino-zeit.de an seine „beautiful traumas“.

– Rouven Linnarz führt auf film-rezensionen.de ein Interview mit dem britischen Dokumentarfilm-Regisseur Nick Broomfield. Und Oliver Armknecht fühlt André Øvredal auf den Zahn, dem Regisseur von Horrorfilm „Scary Stories to Tell in the Dark“ und „The Autopsy of Jane Doe“.

Was wäre wenn, fragt sich Lukas Foerster auf Dirty Laundry angesichts einer unbekannten Statistin in „Nachts, wenn der Schleier fällt“ von 1958.

– Leena M. Peters hat den deutschen Kinderfilm „Invisible Sue“ gesehen und beleuchtet diesen auf Filmlöwin vom feministischen Standpunkt aus.

Ein neuer Film von Quentin Dupieux ist für mich immer ein Grund aufzuhorchen und mich gespannt zu freuen. Bisher wurde ich nur einmal, von „The Wrong Cops“, leicht enttäuscht, fand ihn aber immer noch „geht so“. Den Rest liebe ich (wobei ich sein – nun scheinbar vorletzten – Film noch nicht gesehen habe). Die Besprechung von „Die Wache“ durch Peter Gutting auf Cinestastic lässt das Herz schon mal schneller klopfen.

– Manchmal wunderte ich mich, wie viel Hass und Beleidigungen im Netz zwischen Leuten ausgetauscht werden, die eigentlich auf der selben Seite stehen sollten – nur weil der eine einen Film runter macht, den der nächste gerne mochte. Warum ticken die Leute da so aus? Haben die sonst kein Leben? Natürlich tut es weh, wenn jemand dessen Meinung man respektiert, einen Film scharf kritisiert, der einem selber tief berührt hat… aber hey. Ein Beispiel: Oliver Nöding schreibt auf Remember It For Later über „Arrival“: „ARRIVAL ist halt irgendwie auch ziemlich öde und leblos, er erstickt fast vor Ergriffenheit vor der eigenen angenommenen Bedeutung (so wie seine Figuren vor den Aliens) und verlässt sich viel zu sehr darauf, dass das Herzschmerz-Ende für die vorangegangene Tristesse und Freudlosigkeit entschädigen werde. Zugegeben, der Zirkelschluss ist als Konstrukt wunderschön, aber so wie Villeneuve ihn in Szene setzt, als großen, in Gedanken an all die schluchzend in sich zusammensackenden Zuschauer geradezu triumphal intonierten Tusch, ruft er in mir leider nur Ablehnung hervor.“ Als jemand der zu diesen schluchzend in sich zusammensackenden Zuschauer gehörte und den der Film tatsächlich emotional sehr gepackt hat, schneiden diese Worte natürlich erst einmal ins Herz. Aber andere Menschen, andere Meinungen, und diese hier ist sehr gut begründet und eben KEIN dahingerotztes „Scheissfilm“, wie man es im Netz oftmals liest. Darauf sollte, nein, muss man sich auch einlassen können. Deshalb hier erst recht der Link zur Review. Zudem empfiehlt Oliver zwei Filme, die ich noch nicht gesehen habe. Was im Falle von „Hexen hexen“ natürlich eine Sünde ist, von „Joe“ hab eich schon öfter gehört, dass es sich hier um einen kleinen Geheimtipp handelt.

– Halloween ist zwar vorbei, ich möchte aber trotzdem auf drei Besprechungen auf Die Nacht der lebenden Texte hinweisen, da ich Romeros „Zombie 2“ sehr mag, Lucio Fulcis „Geisterstadt der Zombies“ liebe, und mich „Island of Lost Souls“ kürzlich aus den Socken gehauen hat.

– Bluntwolf schreibt auf Nischenkino über die, in meinen Augen, gelungenste Ed-Gain-Verfilmung ( „Psycho“ klammere ich hier mal ausdrücklich aus): „Deranged“.

– Und zum Abschluss noch etwas deutsches aus den 50er Jahren: „Heute heiratet man Mann“ von Kurt Hoffmann. Vorgestellt von Werner Sudendorf auf new filmkritik.

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